TARGET richtig verstanden

Vielleicht muß man das mal richtig plakativ ausdrücken:

TARGET-Salden haben mit dem was normalerweise unter Forderungen und Verbindlichkeiten verstanden wird NICHTS ZU TUN! TARGET-Salden sind Verrechnungsgrößen zwischen Zentralbanken! Wie jeder wissen könnte sind Forderungen gegen eine Zentralbank, die sich auf das Zentralbankgeld beziehen, welches diese selbst emittieren kann genau das: nämlich Zentralbankgeld. Woran liegt das? Das liegt daran, daß für eine Zentralbank das Zentralbankgeld

KEINEN WERT

darstellt! Was bedeutet das? Das bedeutet, daß eine TARGET-Forderung der Bundesbank gegen irgendeine andere Nationale Zentralbank des EURO-Raumes letztlich nur einen Merkposten darüber darstellt, WO das von der Bundesbank (evtl. nur temporär) emittierte Zentralbankgeld ursprünglich herstammt. Diesen Merkposten TARGET-Saldo als ausstehende Forderung zu interpretieren ist genauso falsch, wie der oft kolportierte Anfängerirrtum, Banknoten deswegen als Forderungen aufzufassen, weil der Gegenposten Zentralbankgeld auf der Passivseite jeder Zentralbank aufgeführt wird. Aus diesem Grund ist es auch sachlich unangemessen aus der Zu- oder Abnahme der TARGET-Salden zu schlußfolgern, daß damit eine Ab- oder Zunahme des Export-/Importsaldos einhergehen müsse.

Diese Geschichte weist zwei Aspekte auf: zum einen hat natürlich jede Güter- und Dienstleistungslieferung ihre Entsprechung in der Kapitalbilanz (eigentlich: Kapitalverkehrsbilanz). Umgekehrt gilt das nur insoweit, als aufgrund historischer Buchhaltungsüblichkeiten die Übertragungsbilanz zur Leistungsbilanz gerechnet wird. (Deswegen wird ja meistens in der Diskussion nicht die Leistungsbilanz, sondern der Außenbeitrag gemeint, wenn es um Ex- oder Importe geht.) Zum anderen gibt es Vorgänge, die nur die Kapitalbilanz betreffen, nämlich soweit es reine Geldvermögensumschichtungen betrifft. So würde z.B. bei der Bundesbank die Begleichung einer Dollarforderung eigentlich einen Kasseneingang in Dollars erfordern, mithin handelt es sich dabei um einen Aktivtausch Dollarforderung gegen Dollar. Wird sich die Bundesbank nun damit belasten im eigenen Tresor die Dollarscheinchen zu bunkern? Keineswegs, denn eine Dollarforderung gegen eine US-Zentralbank ist

DASSELBE

wie Dollarnoten und haben ggf. darüberhinaus noch den Vorteil Zinsen abzuwerfen. Genausowenig, wie die Bundesbank darauf besteht Dollars einzubunkern, ist die Notwendigkeit gegeben, gegenüber einer EURO-Zentralbank auf die Zahlung von EURO zu bestehen, weil die Forderung gegen eine Zentralbank (ja noch mal) bereits Zentralbankgeld darstellt!

Wenn man so will, ersetzen TARGET-Salden im EURO-Raum die Zahlung von „Devisen“ deshalb, weil es sich bei den „Zahlungspflichtigen“ um Zentralbanken handelt! Daraus zu konstruieren, daß es sich dabei um offene Forderungen im Sinne geschäftlicher Verhältnisse handelt, ignoriert die Sonderstellung von Zentralbanken im Rahmen eines Kreditgeldsystems!

Was zeigen TARGET-Salden denn nun an? Zunächst mal nur dies: WO ist das Zentralbankgeld entstanden bzw. durch welche EURO-Zentralbank wurde es emittiert!

Und da ja counterfactuals anscheinend heutzutage modern sind: würde sich die Bundesbank die EURO-Scheinchen von den betreffenden EURO-Zentralbanken

LIEFERN

lassen, würde sie (nach Aktivtausch „Forderung“ gegen EURO-Noten) den „Kasseneingang“ (Bestandsveränderung!) umgehend gegen den Posten Zentralbankgeld (Passivseite!) gegenrechnen und die entsprechenden Geldscheine verbrennen. (Das darf man wörtlich nehmen!)

Es dürfte inzwischen soweit sein, daß wahrscheinlich in diesem Fall von der Bundesbank ein negativer Zentralbankgeldumlauf ausgewiesen werden müßte, der nichts anderes anzeigt als die Tatsache, daß bei den der Bundesbank angeschlossenen Geschäftsbanken MEHR Zentralbankgeld im Umlauf ist, als seitens der Bundesbank JEMALS emittiert worden ist. (DAS ist die Situation vor der Prof. Sinn Bedenken angemeldet hatte, denn in diesem Fall – der wohl schon eingetreten ist – hat die Bundesbank keine Steuerungsmöglichkeiten den Geschäftsbanken gegenüber. Aber wozu auch, denn die Geschäftsbanken sind ja überliquide, so daß sich ein ‚lender of last resort‘ erübrigt.)

Was folgt daraus? Beim EURO-System handelt es sich um SIEBZEHN selbständige Zentralbanken, die alle denselben Zahlungsmittelstandard EURO emittieren können, die ALLE in EURO UNBEGRENZT liquide sind. (Daß daneben überhaupt noch eine EZB existiert, stellt sich damit letztlich als Anachronismus heraus, bestenfalls kann man die EZB als Regionalstelle der BIZ interpretieren.)

Entscheidend ist die Antwort auf die Frage, warum es diese Zahlungsmittelumschichtungen nach u.a. Deutschland gibt: das liegt daran, daß die Bonität der z.B. griechischen Banken inzwischen so niedrig ist, daß eine Sichtforderung dort nicht mehr als sicher angesehen wird. Dies liegt an einem (vermuteten und sehr realistischen) Abschreibungsstau der griechischen Geschäftsbanken, welcher auch ohne Zahlungseinstellung des GR-Staates zu der Feststellung der Überschuldung des GR-Bankensystems führen würde. Das heißt auf gut Deutsch, daß in GR die

BONITÄTSNORMEN,

die für eine Kreditvergabe angelegt werden zu niedrig sind, um ein nachhaltiges Wirtschaften für die Bank zu ermöglichen. Das kann nur dadurch simuliert werden, daß notwendige Abschreibungen unterlassen werden, soweit die Refinanzierung seitens der GR-NZB sichergestellt ist.

Draghis „Meisterleistung“ besteht auch genau darin die Liquiditätsklemme der GR-Banken aufgrund nicht mehr einbringlicher Forderungen durch Neukreditierung von Liquidität zu kompensieren, wobei die materiell vorliegende Überschuldung der GR-Banken schlichtweg ignoriert wird. Da fragt man sich doch: warum versagt die europäische Bankenaufsicht in derart eklatanter Weise? Weil sie ihren Sitz in London hat?

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Eingeordnet unter Wirtschaftstheorie, wonkish

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