Verirrungen zwischen Geld und Forderungen

Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen taucht in der wirtschaftstheoretischen Diskussion immer wieder die Behauptung auf, daß Geld, weil es ja irgendwie eine Schuld der Zentralbank sei, daher eine Forderung darstellen müsse und diese Forderung sei ein Anteil am Sozialprodukt. Gelegentlich werden derartige Dinge als selbstverständlich gültige Binsenweisheit dargestellt, deren Wahrheitsgehalt qua „Selbstverständlichkeit“ außer Frage steht. Man sieht ja, daß man Geld für Güter eintauschen kann – man kann es ausgeben und erntet keinen Widerspruch.

Und genau diese vermeintliche „Binse“ ist nicht korrekt! Am leichtesten erkennt man das durch einen Blick ins BGB. Eine einfache Rückbesinnung auf die Erinnerungsspuren an die zweistufige Konstruktion des Kaufvertrages läßt erkennen, daß ohne das Verpflichtungsgeschäft aus $ 433 BGB usw. KEIN Erfüllungsgeschäft nach $ 929 BGB usw. entstehen kann. Selbst eine Übertragung von Geld ohne Gegenleistung setzt das Zustandekommen eines Schenkungsvertrages voraus, d.h. die Annahme des Angebots einer Schenkung. (Ja, auch eine Schenkung ist ein Vertrag, der durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen geschlossen wird!) Verpflichtungsgeschäfte stehen ja auch mit gutem Grund im Abschnitt Schuldrecht, während Erfüllungsgeschäfte demgegenüber im Abschnitt Sachenrecht des BGB zu finden sind.

Soll heißen: ohne einen Geschäftspartner, der als Gegenleistung eine Zahlung in Geld akzeptiert, gibt es für Geld keine Verwendung. Das bedeutet aber auch, daß Geld selbst noch keine irgendwie geartete Forderung begründet. Würde Geld eine Forderung darstellen, wäre schon allein mit dem Besitz von Geld eine schuldrechtiche Leistung verbunden, so ist es aber nicht! D.h. die Vermutung, daß Geld = Forderung gilt, vermischt eine phänomenologisch motivierte Erfahrung mit einem juristisch wie wirtschaftstheoretisch völlig konträr fundierten Sachverhalt.

Noch nicht mal die oft kolportierte Scheingewißheit, daß der Bargeldumlauf, weil er ja eine Passivposition der Zentralbank darstellt, eine Schuld der Zentralbank und folglich eine Forderung des Geldinhabers darstellt, kann als Argument für die These „Geld = Schuld“ herhalten.

In ‚a nutshell‘ was Geld ist: ein (Geld-)Schuldentilgungsmittel! Nicht mehr und nicht weniger. Auch beim Kaufmann von Venedig wurde letztlich die eigentliche Schuld (ein Pfund Fleisch des Schuldners) in eine Geldschuld „umgerubelt“, jedoch zeigt das ganz deutlich, daß die Frage der Gegenleistung nicht automatisch auf Geld lauten muß, selbst wenn es meistens so ist.

Warum erscheint die Vermutung, daß Geld selbst bereits eine Forderung darstelle, so plausibel? Nun, weil die Einräumung eines Kredites, der dem Schuldner das Recht einräumt über einen bestimmten Zeitraum über eine bestimmte Summe von Geld zu verfügen, den Schuldner verpflichtet, selbiges wieder zu erwirtschaften. Er ist somit dazu gezwungen ein Leistungsangebot (Warenangebot) zu machen, um die fälligen Geldsummen zu erwirtschaften. Wegen dieses Zwanges, wegen der Existenz des Schuldendrucks wird das produzierte Warenangebot mit Geldpreisen ausgezeichnet und nicht deswegen, weil irgendein „Vertrauen“ in den „Geldwert“ existiert. Insofern „vertraut“ ein Einkommensempfänger letztlich nur in den Schuldendruck der Unternehmen, auch wenn es ihm nicht bewußt ist. (Daß dieser Schuldendruck mit einem Gewinninteresse seitens der Unternehmer einhergeht, stört dabei nicht!)

Von einem derartigen Standpunkt aus gesehen ist dann auch klar zu definieren, was es mit dem Begriff der „Ware“ auf sich hat. Nach dem vorstehend gesagten ergibt sich: Ware ist nichts anderes als kalkulierter Geldwert. Heißt: für einen Unternehmer hat die Ware nur insofern Bedeutung, als sie dazu eingesetzt werden kann, um durch den Erlös für die Ware den Schuldendienst zu leisten und möglichst ein Nettoeinkommen aus der unternehmerischen Tätigkeit zu erzielen. Ware ist für den Unternehmer nur Mittel zum Zweck der Wiedererlangung der verauslagten Kosten mit dem Ziel, einen Überschuß der Erträge über die Kosten zu erzielen. Und solange die Unternehmer diese Motivation haben, kann man auch daran glauben, daß ja Geld eine Forderung sei. Daß das nicht stimmt, stört ja nicht!

3 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

3 Antworten zu “Verirrungen zwischen Geld und Forderungen

  1. die Frage ist doch, wie hängt Geld und reale Wirtschaft überhaupt zusammen. Was ist wichtig wofür?

    Die richtige Knappheit für die Kreditvergabe sind die Neuschuldner und nicht das Zentralbankgeld.

    siehe:
    http://www.global-change-2009.com/blog/die-kredittilgungen-und-das-wirtschaftliche-gleichgewicht-2/2012/01/
    .

  2. „einen Überschuß der Erträge über die Kosten zu erzielen.“

    Müsste es nicht „einen Überschuss der Erlöse über die Kosten“ bzw. „einen Überschuss der Erträge über die Aufwendungen“ heißen?

    • Hinsichtlich der BWL-Systematik haben Sie natürlich Recht. Ich bin anhand Ihres Kommentars darauf gestoßen, daß es durchaus Untersuchungen gibt, die auf das Ertrags-Kosten-Verhältnis abstellen, um damit eine Kennziffer für die Effizienz des Ressourceneinsatzes im Vergleich zu einem Unternehmensbenchmark zu erhalten. Das Ganze nennt sich dann ’sustainable value‘. Interessant wird diese Kennziffer dadurch, daß damit auch so etwas wie ein Bonitätsstandard definiert wird, der sich auch in den Finanzierungskosten, sprich Fremdkapitalzinsen wiederspiegeln müßte. Schöne Spielerei, aber man weiß ja nie, ob man so etwas nicht doch noch mal braucht.🙂

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