Verirrungen zwischen Geld und Forderungen

Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen taucht in der wirtschaftstheoretischen Diskussion immer wieder die Behauptung auf, daß Geld, weil es ja irgendwie eine Schuld der Zentralbank sei, daher eine Forderung darstellen müsse und diese Forderung sei ein Anteil am Sozialprodukt. Gelegentlich werden derartige Dinge als selbstverständlich gültige Binsenweisheit dargestellt, deren Wahrheitsgehalt qua „Selbstverständlichkeit“ außer Frage steht. Man sieht ja, daß man Geld für Güter eintauschen kann – man kann es ausgeben und erntet keinen Widerspruch.

Und genau diese vermeintliche „Binse“ ist nicht korrekt! Am leichtesten erkennt man das durch einen Blick ins BGB. Eine einfache Rückbesinnung auf die Erinnerungsspuren an die zweistufige Konstruktion des Kaufvertrages läßt erkennen, daß ohne das Verpflichtungsgeschäft aus $ 433 BGB usw. KEIN Erfüllungsgeschäft nach $ 929 BGB usw. entstehen kann. Selbst eine Übertragung von Geld ohne Gegenleistung setzt das Zustandekommen eines Schenkungsvertrages voraus, d.h. die Annahme des Angebots einer Schenkung. (Ja, auch eine Schenkung ist ein Vertrag, der durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen geschlossen wird!) Verpflichtungsgeschäfte stehen ja auch mit gutem Grund im Abschnitt Schuldrecht, während Erfüllungsgeschäfte demgegenüber im Abschnitt Sachenrecht des BGB zu finden sind.

Soll heißen: ohne einen Geschäftspartner, der als Gegenleistung eine Zahlung in Geld akzeptiert, gibt es für Geld keine Verwendung. Das bedeutet aber auch, daß Geld selbst noch keine irgendwie geartete Forderung begründet. Würde Geld eine Forderung darstellen, wäre schon allein mit dem Besitz von Geld eine schuldrechtiche Leistung verbunden, so ist es aber nicht! D.h. die Vermutung, daß Geld = Forderung gilt, vermischt eine phänomenologisch motivierte Erfahrung mit einem juristisch wie wirtschaftstheoretisch völlig konträr fundierten Sachverhalt.

Noch nicht mal die oft kolportierte Scheingewißheit, daß der Bargeldumlauf, weil er ja eine Passivposition der Zentralbank darstellt, eine Schuld der Zentralbank und folglich eine Forderung des Geldinhabers darstellt, kann als Argument für die These „Geld = Schuld“ herhalten.

In ‚a nutshell‘ was Geld ist: ein (Geld-)Schuldentilgungsmittel! Nicht mehr und nicht weniger. Auch beim Kaufmann von Venedig wurde letztlich die eigentliche Schuld (ein Pfund Fleisch des Schuldners) in eine Geldschuld „umgerubelt“, jedoch zeigt das ganz deutlich, daß die Frage der Gegenleistung nicht automatisch auf Geld lauten muß, selbst wenn es meistens so ist.

Warum erscheint die Vermutung, daß Geld selbst bereits eine Forderung darstelle, so plausibel? Nun, weil die Einräumung eines Kredites, der dem Schuldner das Recht einräumt über einen bestimmten Zeitraum über eine bestimmte Summe von Geld zu verfügen, den Schuldner verpflichtet, selbiges wieder zu erwirtschaften. Er ist somit dazu gezwungen ein Leistungsangebot (Warenangebot) zu machen, um die fälligen Geldsummen zu erwirtschaften. Wegen dieses Zwanges, wegen der Existenz des Schuldendrucks wird das produzierte Warenangebot mit Geldpreisen ausgezeichnet und nicht deswegen, weil irgendein „Vertrauen“ in den „Geldwert“ existiert. Insofern „vertraut“ ein Einkommensempfänger letztlich nur in den Schuldendruck der Unternehmen, auch wenn es ihm nicht bewußt ist. (Daß dieser Schuldendruck mit einem Gewinninteresse seitens der Unternehmer einhergeht, stört dabei nicht!)

Von einem derartigen Standpunkt aus gesehen ist dann auch klar zu definieren, was es mit dem Begriff der „Ware“ auf sich hat. Nach dem vorstehend gesagten ergibt sich: Ware ist nichts anderes als kalkulierter Geldwert. Heißt: für einen Unternehmer hat die Ware nur insofern Bedeutung, als sie dazu eingesetzt werden kann, um durch den Erlös für die Ware den Schuldendienst zu leisten und möglichst ein Nettoeinkommen aus der unternehmerischen Tätigkeit zu erzielen. Ware ist für den Unternehmer nur Mittel zum Zweck der Wiedererlangung der verauslagten Kosten mit dem Ziel, einen Überschuß der Erträge über die Kosten zu erzielen. Und solange die Unternehmer diese Motivation haben, kann man auch daran glauben, daß ja Geld eine Forderung sei. Daß das nicht stimmt, stört ja nicht!

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17 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

17 Antworten zu “Verirrungen zwischen Geld und Forderungen

  1. die Frage ist doch, wie hängt Geld und reale Wirtschaft überhaupt zusammen. Was ist wichtig wofür?

    Die richtige Knappheit für die Kreditvergabe sind die Neuschuldner und nicht das Zentralbankgeld.

    siehe:
    http://www.global-change-2009.com/blog/die-kredittilgungen-und-das-wirtschaftliche-gleichgewicht-2/2012/01/
    .

  2. „einen Überschuß der Erträge über die Kosten zu erzielen.“

    Müsste es nicht „einen Überschuss der Erlöse über die Kosten“ bzw. „einen Überschuss der Erträge über die Aufwendungen“ heißen?

    • Hinsichtlich der BWL-Systematik haben Sie natürlich Recht. Ich bin anhand Ihres Kommentars darauf gestoßen, daß es durchaus Untersuchungen gibt, die auf das Ertrags-Kosten-Verhältnis abstellen, um damit eine Kennziffer für die Effizienz des Ressourceneinsatzes im Vergleich zu einem Unternehmensbenchmark zu erhalten. Das Ganze nennt sich dann ’sustainable value‘. Interessant wird diese Kennziffer dadurch, daß damit auch so etwas wie ein Bonitätsstandard definiert wird, der sich auch in den Finanzierungskosten, sprich Fremdkapitalzinsen wiederspiegeln müßte. Schöne Spielerei, aber man weiß ja nie, ob man so etwas nicht doch noch mal braucht. 🙂

  3. Stimmt. Wenn sich ein Unternehmer mit Waren und ein Bürger mit Geld gegenüberstehen, dann hat keiner eine Forderung gegen den anderen. Erst wenn sie anfangen zu verhandeln bzw. zu kommunizieren, dann geht’s überhaupt erst los.

    „Geld ist eine Forderung“ ist wohl so gemeint, dass man im Kapitalismus das Gefühl hat, hey ich habe Geld in der Tasche und die Unternehmer müssen da ran und produzieren die Waren und „heraus-fordern“ mich, ihre Ware gegen Geld zu nehmen (bzw. zu tauschen, aber tauschen trifft nur das Erfüllungsgeschäft, denn Verpflichtungen werden ja nicht „getauscht“).

    „Gold ist Geld, alles andere ist Kredit“, heißt es (historisch). Dann ist heute Zentralbankgeld wie Gold auf Knopfdruck, mit echter Verschwindefunktion bei Rückkehr, was ja beim Gold nicht möglich ist, außer einem pseudo-verschwinden im Bunker.

    „Geld ist Schuldentilgungsmittel“. Richtig. Das ist vermutlich die kürzestmögliche und trotzdem noch richtige Definition. Wobei man genauer darauf hinweisen müsste, dass erst mit dem Beginn von Kommunikation, also dem sich einigen auf einen bestimmten Gegenstand, dieser Gegenstand erst ab diesem Moment zu Geld wird (er also mit einer glitzernden, juristischen, aber unsichtbaren Kommunikationsschicht überzogen wird) und bei Rückgabe des Gegenstandes diese unsichtbare juristische Schicht wieder entfernt wird (und der Gegenstand seine Geldeigenschaft verliert). Der Gegenstand weiß nichts von dieser Schicht, er bleibt die ganze Zeit der „reine“ Gegenstand. Diese unsichtbare Schicht ist nur für die Kommunikanden sichtbar.

    Wo ich aber nicht ganz dahinter steige: Wie können intelligente Leute, nach jahrelanger Recherche, immer noch auf „Zins ist wie Krebs und frisst die Wirtschaft auf“ oder „Der Jesuspfennig beweist, dass das Geldsystem zusammenbrechen muss“ oder „Geld ist Vertrauen“ beharren? Was soll denn „Geld ist Vertrauen“ erklären? Dann doch lieber gar nichts sagen. Warum sind bei Thema Geld, die meisten Leute auf einer Stufe steckengeblieben und verharren dort (meist bis ans Lebensende)? Warum sind die Leute Gegenargumenten nicht zugänglich? Ziemlich viel von dem ganzen Mist habe ich auch mal (zumindest kurzfristig) geglaubt, aber dann verworfen. Eine Erklärung könnte sein, wenn man per Text oder per YouTube mit „Zins ist böse“ erfolgreich geworden ist, kann man nur schwer wieder davon weg. Von daher sollte man sich am Anfang lieber anonym herumbewegen, sonst steht der „alte Mist“ immer mit dem eigenen Namen im Netz. Oder welche „Lern-Strategie“ sollte man verfolgen? Ich frage das vor allem, weil ich ne Menge Leute sehe, die irgendwie „hängengeblieben“ sind. Die Leute haben keine Verirrungen, denn dass wäre ja gut, dieses dynamische umherirren, dieses heuristische Suchen. Diese Leute sind statisch Verirrte, das ist das Problem.

    • enrico

      Geld ist wie ein Hausschlüssel:

      Ein Hausschlüssel ohne dazugehörendem Haus ist nutzlos.
      Geld ohne dazugehörendem Schuld/Forderung-Verhältnis ist ebenso nutzlos.
      Die Sache funktioniert also immer nur als doppeltes Saldensystem.

      Da haben wir also 1. ein Saldensystem, das nur als Schlüssel dient:
      Geld als Passiva bei der ZB ———Geld als Aktiva beim Geldhalter

      Und 2. das dazugehörende Schuld-Forderung-Saldensystem:
      Schulden der GB ———————–Forderung der ZB

      Ohne System-2 wäre System-1 bedeutungslos!
      (Ohne dazugehörendem Haus ist der Schlüssel ein Nichtsnutz.)

      Geld wird zum Schuldentilgungsmittel …
      NUR WEIL sich das Saldensystem-2 auf Geld bezieht.
      Saldensystem-1 ist der Schlüssel.
      Saldensystem-2 ist das Haus dazu.

      Das gilt natürlich auch bei Geld als Tributmittel:

      Saldensystem-1:
      Münz-Emittent ———Münzhalter

      Saldensystem-2
      Tributpflicht ——–Tributforderung

      LG, enrico

      • Ich bin an Worten bzw. schlüssigen Erklärungen interessiert, nicht an Rechnungen. Das Rechnungen das Gehirn vernebeln, sieht man doch an dem so „eindeutigen mathematischen Beweis“ dass der Jesuspfennig mit 3 % Zins unser Geldsystemuntergang ist. Ich kann mit ihrem Kommentar nicht wirklich etwas anfangen. Warum muss man denn das kriegs-emotional-aufgeladene Wort „Tribut“ benutzen? Und soll ich mich jetzt durch ihre Salden durchrechnen? Hab ich ehrlich gesagt keine Lust und ich verstehe auch nicht was sie mir sagen wollen.

        Aber um mal einen Satz von Ihnen herauszugreifen: „Geld ohne dazugehörendem Schuld/Forderung-Verhältnis ist ebenso nutzlos.“ Es ist doch so, und so schreibe ich auch oben, dass Geld überhaupt erst durch einen Kredit entsteht und durch einen Kredit verschwindet, alles zeitgleich. Geld ist ohne Schuld/Forderungsverhältnis nicht nutzlos, es ist gar nicht existent. Das materielle Objekt ist natürlich immer jederzeit vorhanden, aber die Geldeigenschaft ist an Kredit gebunden, zeitgleich. Eine Existenz von Geld ohne Kredit oder umgekehrt, ist nicht möglich.

        Wenn Gold nicht in einem Kreditvertrag als Forderung drinsteht, dann ist Gold kein Geld. Es wäre ja total unsinnig, Gold als „Tauschmittel“ in einem Ware-Gold-Tausch anzunehmen, wenn das Gold nicht irgendwo als Forderung in einem Vertrag drinsteht. Denn dann gibt es ja für niemanden eine „Not“, das Gold wieder zu ergattern. Der Warenübergebene wäre der Gelackmeierte, er hat jetzt Gold, aber keiner hat es in einem Schuldvertrag drinstehen. Da könnte man gleich Sand übergeben. Warum ist denn der Dollar „hartes Geld“. Weil starke amerikanische Unternehmen in ihren Kreditverträgen „Dollar“ drinstehen haben. Hätten sie „Gulden“ drinstehen, na dann wären die Unternehmen auf der Suche nach „Gulden“ Besitzern.

        „Geld ist Vertrauen“, nur kurz noch etwas dazu. Alles ist bei uns bis ins kleinste juristisch durchzogen, egal ob Straßenverkehr, Bauwesen, Schule, Arbeitsschutz usw. Praktisch alles ist prinzipiell juristisch überprüfbar und geregelt. Und ausgerechnet das Geld, dass uns alle betrifft, jeden Tag geht’s nur „ums Geld“, soll also auf reinem „Vertrauen“ basieren? Wie dünn ist bitteschön diese Gedankensuppe?

  4. Nach ein bisschen Nachdenken und herumstöbern hier im Blog fällt mir auf, dass ich mich ein wenig Einschränken muss. Zu dem Zeitpunkt des Vereinbaren eines Kredites, verpflichten sich zwar beide genau zeitgleich zu etwas, aber die reale Erfüllung ist auf einen zukünftigen Zeitpunkt (irgendwann in der gesamten Kreditlaufzeit) beschränkt. Denn erst zum Zeitpunkt der Erfüllung muss der bezeichnete Geldgegenstand besorgt werden. Strenggenommen muss er auch zu dem Zeitpunkt bzw. ganz kurz vorher, erst „geschaffen“ werden. Nehmen wir mal an, in einem Kreditvertrag steht eine Schatzkarte drin. Dann wird diese zu Geld. Aber leider liegt sie in vier Teile zerrissen auf allen vier Kontinenten. So wie im Vertrag beschrieben ist sie nicht existent, jedenfalls nicht in der erwarteten Form. Aber das spielt keine Rolle. Hauptsache ich übergebe sie am Erfüllungstermin komplett (d. h. herumreisen zu allen Kontinenten). Was vor dem Erfüllungstermin ist, interessiert ja keinen, denn es ist nicht verpflichtend vereinbart worden.

    Während des Verpflichtungsgeschäfts entsteht also eine gedankliche Form des Gegenstandes und beim Erfüllungstermin hat gefälligst der reale Gegenstand in die der vereinbarten Form zu passen. Passt er nicht, weil ich nur 3 Teile der Schatzkarte besorgen konnte, entspricht er nicht der vollständigen Schatzkarte, ist also als Erfüllungsgegenstand abzulehnen. Es scheint mir doch etwas verzwickter zu sein mit meiner Aussage Geld und Kredit sind zeitgleich da. Sagen wir einfach, es braucht ZWINGEND einen Kredit, ohne den geht gar nichts, denn ohne Verpflichtung ergibt es keinen Sinn, aber der Erfüllungsgegenstand, also das Geld, muss nicht schon existent sein, zwar als „kommunikative Formbeschreibung“, aber noch nicht wirklich real, zumindest habe ich immer noch Zeit mir den Erfüllungsgegenstand gemäß Verpflichtung zusammenzupuzzlen, bis er in die Form passt.

    • Hallo Herr Goldammer,

      wenn Sie noch ein bißchen weiter stöbern werden Sie auf einen Punkt aufmerksam, welcher Ihrer Überzeugung, Geld sei unmittelbar mit einem Kredit verknüpft, widerspricht. Das am wenigsten kontroverse Gegenbeispiel ist ein Verkauf von Gold an die Zentralbank, die der verkaufenden Geschäftsbank den Kaufpreis auf dem Konto der Geschäftsbank gutschreibt, womit der Akt der Geldschöpfung bereits vollzogen ist. Von daher ist eine Kreditaufnahme einer Geschäftsbank bei der Zentralbank zwar eine hinreichende Bedingung für eine Geldschöpfung der Zentralbank, jedoch nicht notwendig, da wie gesehen Geldschöpfung auch ohne Kreditaufnahme erfolgen kann.

      Die Sache ist deswegen so mißverständlich, weil die nach einem Goldverkauf bestehende Forderung der Geschäftsbank gegen die Zentralbank ein Schuldverhältnis ist, ohne daß diesem eine Kreditaufnahme – im Sinne eines abgeschlossenen Darlehensvertrages – zugrunde liegen muß. Das bedeutet, daß Geldschöpfung genau dann erfolgt, wenn eine Zentralbank eine Geldschuld eingeht – aus welchem Grund sie diese Geldschuld eingeht ist für die Frage der Geldschöpfung an sich völlig unerheblich. (Dem steht nicht entgegen, daß es sich als vergleichsweise erfolgreich im Sinne einer stabilen Geldordnung erwiesen hat Geldschöpfung an diesen „Schöpfungskanal“ zu binden.)

      Das ganze Durcheinander wird auch dadurch befördert, daß vielfach mit einem Begriff „Zentralbankgeld“ bzw. „Geldbasis“ oder „M0“ operiert wird, obwohl diesem keine wohldefinierte Menge zugewiesen werden kann. Das liegt daran, daß die gedankliche Menge Zentralbankgeld aus zwei „Elementen“ besteht, nämlich Bargeld einerseits und Schuldverhältnisse, d.h. Schulden der Zentralbank andererseits. Es scheint ja so zu sein, daß es durchaus Leute gibt, die diese Differenz sehen und damit zu überwinden versuchen, daß sie Bargeld kurzerhand ebenso eine Forderungseigenschaft andichten analog zu den Forderungen gegen die Zentralbank. Die naive Begründung für diesen Fehlschluß ist üblicherweise der Hinweis darauf, der Gegenposten für Bargeld befinde sich ja schließlich auf der Passivseite der Zentralbankbilanz. Dieses „Argument“ übersieht, daß Bargeld ja erst dann entsteht, wenn sich die Zentralbank von einer Geldschuld befreit und damit das ultimative Schuldentilgungsmittel überhaupt erst das Licht der Welt erblickt. Dann wird aus der Verpflichtung zur Lieferung von Bargeld auf einmal eine Bargeldmenge, die weder Forderung noch Verbindlichkeit ist – und bei der Zentralbank bleibt nur noch die Erinnerung daran zurück, daß damit ein bestimmtes Volumen an Banknoten emittiert wurde…

      • Der Siemens Lufthaken scheint mir zu sein: 99 % der Zentralbankgeldmenge ist an einen Kredit gebunden. 1 % der Zentralbankgeldmenge ist ohne Kredit (Goldhereinnahme) entstanden und genießt damit den „Schuldendruck“ der 99 %, ohne je selbst an Schulden gebunden zu sein. Wenn ich einen Topf mit Gold finde und dafür kreditlos Zentralbankgeld empfange, komme ich an Waren heran, ohne dass ich mich zu irgendetwas verpflichtet habe. Dies ist zumindest „unfair“.

        Nehmen wir mal an, dass eine riesige Goldlagerstätte gefunden wird, dieses Gold bei der Zentralbank eingereicht wird, und auf einmal sich das Verhältnis umdreht, es existiert 99 % Zentralbankgeld ohne Kredit und 1 % mit Kredit. Dies erscheint zumindest prinzipiell möglich und juristisch ist dem offenbar auch kein Riegel vorgeschoben.

        Dieses Hereinnehmen von Gold gegen Zentralbankgeld erscheint mir irgendwie „sinnlos“, denn wozu? Dann könnte man ja auch Silber oder Perlen hereinnehmen? Ich in bisher immer davon ausgegangen, dass der Warenproduzierende Kreditschuldendruck der ganze Witz am Geld ist, und Geld ohne Kredit ergibt da für mich keinen Sinn.

      • Hallo Herr Goldammer,

        ich sagte ja bereits, daß die Integration von Geld über den Kreditkanal durchaus sinnvolle Aspekte aufweist. Das heißt dennoch nicht, daß man unbesehen das eine mit dem anderen identifizieren darf, denn eine Gutschrift durch die Zentralbank ist ein rechtlich selbständiger hoheitlicher Akt, welcher allein für sich genommen den Tatbestand „Geldschöpfung“ erfüllt. Das wird ja auch durch die Konstruktion im BGB nahegelegt, weil ja aus EINEM Verpflichtungsgeschäft (zwei sich deckende Willenserklärungen) auf der Verfügungsebene ZWEI rechtlich selbständige Verfügungsgeschäfte erfolgen müssen, um das Rechtsgeschäft final abzuschließen. (Das habe ich mir nicht ausgedacht, das waren die Juristen…) Die Gutschrift durch die Zentralbank erfüllt den Verpflichtungsteil, welcher zu einer Geldschöpfung führt, während die Gegenleistung der Geschäftsbank entweder in einer Verschuldung ihrerseits besteht (der Kreditfall) oder im Verkauf von Wertpapieren, die dann in das Eigentum der Zentralbank übergehen (was von den meisten auch als Kredit angesehen wird, obwohl hierbei die eigentumsrechtliche Übergabe einer Sache erfolgt) oder in dem Verkauf von sonstigen Sachen, wobei Gold letztlich nur den prominentesten Fall darstellt.

        Und seit einigen Jahren gibt es ja auch noch die Geldschöpfung aufgrund der TARGET-Salden, wo die Bundesbank aufgrund einer Benachrichtigung! einer EURO-Zentralbank sich entsprechend gegenüber der Empfängerbank verschuldet (=Geldschöpfung) und die Gegenposition aus einer Forderung gegen die EZB besteht (was ja als Forderung gegen eine Zentralbank gleichbedeutend mit Zentralbankgeld ist). Das Spezifikum dabei ist, daß diesem Vorgang kein Kreditgeschäft zugrunde liegt, denn für die Bundesbank ist es ein Vorgang der Marke Zentralbankgeld rein/ Zentralbankgeld raus. Sicherlich liegt diesem Zugang an Zentralbankgeld irgendwo z.B. Italien ein Geldschöpfungsvorgang zugrunde, so daß die Überweisung von Rom nach Frankfurt eine Bestandsveränderung der Zentralbankgeldmenge bewirkt – eine Verringerung in Italien und eine Erhöhung in Deutschland. Dieser Effekt, daß die Zentralbankgeldmenge in Deutschland steigt, ohne daß die Bundesbank dabei in irgendeiner Weise in Mitspracherecht hätte wurde ja auch schon von H.-W. Sinn thematisiert mit der richtigen Schlußfolgerung, daß die Bundesbank damit stückweise die Kontrolle über die Zentralbankgeldmenge verliert. (Ob das so ein großes Problem ist sei mal dahingestellt.) Natürlich: wenn man das ESZB als Ganzes sieht landet man wieder bei den drei oben skizzierten Fällen.

      • In ihrem Blog unter 1/2/3 Geldsysteme unter Punkt Zwei: „Zweistufiges Bankensystem bedeutet, daß ausschließlich die Primärbank, sprich die Zentralbank, Zentralbankgeld emittieren darf (und zwar per Kredit) und somit die Sekundärbanken, sprich die Geschäftsbanken ein Liquiditätsproblem haben.“

        So gesehen gibt es in diesem „Ideal“-Zentralbank-Modell keine andere Möglichkeit, als Schaffung von Zentralbankgeld durch Kredit, was mir bisher auch am „logischsten“ erschien. Die kreditlose Hereinnahme von „Materiellen Objekten“, egal welcher Art, erschien und erscheint mir irgendwie suspekt. In der Realität scheint dies so zu sein, in ihrem Modell taucht dies nicht auf.

      • Ich muß gestehen, daß ich die Geschichte rund um die Geldschöpfung seinerzeit noch nicht bis ins letzte Detail ausklamüsert hatte und daher mich mit diesen Feinheiten nicht auseinandergesetzt habe. Allerdings geht es ja in diesem Post auch mehr um die Frage, ob das mit der einheitlichen Geldpolitik so eine tolle Idee gewesen ist. Denn eine Bank, die von Kreditausfällen bedroht ist muß irgendwie dafür sorgen, daß die prospektiven Abschreibungen auch durch Gewinne kompensiert werden können. Zur Erreichung dieses Ziels sind höhere Zinsen recht nützlich (alternativ auch niedrigere Refinanzierungskosten durch das ESZB) sowie höhere Bonitätsanforderungen. Geht man davon aus, daß ein Land mit konjunkturellen Problemen unter Liquiditätsabfluß leidet muß dieser durch Zinserhöhungen (=Bonitätsverbesserungen) wieder kompensiert werden. Wenn man so will ist das ein Entwurf für einen Goldstandard ohne Gold…

        Auf der anderen Seite geht es um den ökonomischen Paradigmenstreit, ob die Wirtschaft von relativen Preisen (Neoklassik etc.) oder absoluten Preisen gesteuert wird. Im ersten Fall ist Geld nur das Schmiermittel für die „effizienten Märkte“, im anderen Fall (Kreditfall) ist Geld die volkswirtschaftliche Klammer, die es ermöglicht mit einem vertretbaren Aufwand kalkulieren zu können. In dem Post MMT 2 steht noch mehr zu dem Thema…

      • enrico

        Ein bisschen dubios ist der Kauf von Gold o.ä. mittels ZB-Geldschöpfung ja schon! Man könnte es vielleicht als einen Kredit ansehen, den die ZB bei sich selbst aufnimmt…na ja…
        Denke das grenzt schon sehr an Mogelei. Geltendes (Vertrags-)Recht hin oder her.

        Und, ist das bei Geschäftsbanken nicht auch so, wenn diese z.B. die Gehälter ihrer Angestellten auf dem gleichen Weg mittels neu geschöpftem GB-Geld auf die Girokonten der Beschäftigten überweisen?

        Hier zeigt sich, dass im derzeitigem Bankensystem doch so mach Unglaubliches vorkommt…

      • Diese Unglaublichkeiten, die Sie anführen existieren nur dann, wenn man der Theorie anhängt, daß das, womit Banken zahlen können, sich auf der Passivseite der Bankbilanz befindet. Dort befinden sich jedoch hauptsächlich ihre Verbindlichkeiten. Denn wenn eine Bank einem Angestellten eine Gutschrift erteilt, so bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als daß sie in dieser Höhe ihrem Angestellten (zusätzlich) verschuldet ist. Nun ist aber eine Gutschrift ein Zahlungsversprechen und noch keine Zahlung. Diese erfolgt erst, wenn der Angestellte über seine Sichtforderungen verfügt und die Bank die Verfügungsrechte des Angestellten an einen Empfänger übertragen muß. Im einfachsten Fall möchte der Angestellte sein Gehalt in bar haben. Das führt zu einem Liquiditätsabgang bei der Bank der wo ist? Richtig: auf der Aktivseite. Heißt: muß eine Bank zahlen verliert sie Aktiva – und die Passiva gleich mit…

        Ein Tipp: streichen Sie am besten die Buchstabenkombination „GB-Geld“ aus Ihrem Bewußtsein und verwenden Sie statt dessen die halbwegs korrekte Bezeichnung Sichtverbindlichkeiten. Der dadurch erzielbare Erkenntnisgewinn ist immens…

      • enrico

        @soffisticated
        ””Nun ist aber eine Gutschrift ein Zahlungsversprechen und noch keine Zahlung.”””

        Richtig. Deshalb habe ich ja auch nicht von Bezahlen gesprochen, sondern lediglich von “Gehalt überweisen”.

        Da aber diese Erteilung von Gutschriften gleichzeitig bei allen Geschäftsbanken stattfindet und diese Gutschriften (ob nun von Bank A oder B) de facto alltägliches Zahlungsmittel geworden sind, MUSS man die Sache mit anderen Augen betrachten. Und wenn bald das Bargeld abgeschafft ist, sieht es noch eindeutiger aus.

        GB-Geld ist einerseits eine Sichtverbindlichkeit der GB und andernseits eine Sichtforderung des Bankenkunden (im genannten Fall, des Angestellten der jeweiligen GB). Diese beiden Seiten sehend, kann man das durchaus als GB-Geld im Bewusstsein behalten.

        Das Passiva “Sichtverbindlichkeiten”, ist natürlich nicht das, mit welchem die GB bezahlen können, sondern nur ein “Fussabdruck” dessen, was von der GB als “Gutschriften” überwiesen WURDE und bei der GB eben als Sichtverbindlichkeit stehen bleibt.

        LG enrico

  5. Frankie (f.k.a.B.)

    @Goldammer

    „„Geld ist Vertrauen“… Alles ist bei uns bis ins kleinste juristisch durchzogen, egal ob Straßenverkehr, Bauwesen, Schule, Arbeitsschutz usw. Praktisch alles ist prinzipiell juristisch überprüfbar und geregelt. Und ausgerechnet das Geld, dass uns alle betrifft, jeden Tag geht’s nur „ums Geld“, soll also auf reinem „Vertrauen“ basieren? “

    Auch der Rechtsstaat basiert letztlich auf Vertrauen. Wie Geld sind auch Gesetze nur Papier, entscheidend ist, dass das Recht von Institutionen durchgesetzt wird, und zwar nach Recht und Gesetz. Einer kurzer Blick in die aktuellen Vorgänge in der Türkei genügt, wie unselbstverständlich das ist. Unsere ganze Gesellschaft ist seit jeher danach bestrebt, Vertrauen herzustellen, dafür wurden und werden Rechtsinstitute, Institutionen, Verfassungen, Rituale, Codexe etc. geschaffen, verworfen, modifiziert, angepasst. Die Feststellung „Geld ist Vertrauen“ hat schon seine Berechtigung.

  6. Das Spiel geht weiter solange die Mindestreserven gehalten und irgendwelche Eigenkapitalquoten rechnerisch als Bonität akzeptiert werden.

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