Die Wunder geldpolitischer Hierarchien

Irgendwie sieht es so aus, als wenn das Thema Zentralbank doch zum Nachdenken anregt. Dann kann ich ja mal darüber plaudern, was es mit dem Begriff des zweistufigen Banksystems auf sich hat! Achtung, es gibt keine Einleitung!

Zweistufiges Bankensystem bedeutet, daß die Primärbank, sprich die Zentralbank, Zentralbankgeld emittiert (und zwar per Kredit) DAMIT die Sekundärbanken, sprich die Geschäftsbanken ein Liquiditätsproblem haben. Das ist deswegen erforderlich, weil das Delegationsproblem zwischen Zentralbank und Geschäftsbank, was darin besteht, daß eine Zentralbank die Geschäftsbeziehungen einer Geschäftsbank nur rudimentär kontrollieren kann, dahingehend gelöst werden muß, daß die Primärbank ein Kontrollregime erzeugt, was dazu führt, daß die allgemeinen Normen der Kreditvergabe dem vorgegebenen Standard entsprechen. Das ihr zur Verfügung stehende Mittel besteht daraus, daß das von ihr zur Verfügung gestellte Zahlungsmittel der Standard ist, den die ihr angeschlossenen Geschäftsbank eben NICHT emittieren können und deswegen die banktechnischen Bewirtschaftungsüblichkeiten des Zentralbankgeldes dazu führen, daß die – hoffentlich – vorgegebenen Ziele der Zentralbank erreicht werden.

Heißt: Geschäftsbanken ökonomisieren Zentralbankgeld, können es aber nicht selbst schaffen. (Ja, das steht scheinbar im Gegensatz zu der weitläufig kolportierten Vorstellung, daß Geschäftsbanken „Geld“ schaffen können – nur eben kein Zentralbankgeld.) Das hat zur Folge, daß Geschäftsbanken einem Liquiditätsproblem unterliegen, welches permanent gelöst werden muß, damit keine Exklusion vom Interbankenmarkt, also eine Pleite aufgrund von Illiquidität erfolgt. Das Delegationsproblem zwischen ZB und GB kann also nur so gelöst werden, daß der Interbankengeldmarkt zur Kontrollinstanz wird, die darüber entscheidet, ob das Geschäftsgebaren einer Bank den allgemeinen Bonitätserfordernissen entspricht oder nicht. Verschlechtert sich die Bonität einer Geschäftsbank, steigt deren Refinanzierungszins, ansonsten bleibt er gleich, was den Effekt hat, daß bei einem gleichmäßigen Liquiditätsausgleich zwischen bonitätsmäßig gleichen Banken der Refinanzierungszins zu einem durchlaufenden Posten der bankinternen Kalkulation wird. Heißt: das Kontrollproblem der Zentralbank hinsichtlich der Bonität der Kreditforderungen der Geschäftsbanken wird auf die Ebene des Interbankengeldmarktes verlagert!

Das gleiche Prinzip müßte – denn irgendwie scheinen sich die Politikparameter der 17 EURO-Zentralbanken denn doch erheblich zu unterscheiden – auf der Ebene zwischen EZB und den NZBen existieren, wenn man von der EZB dasselbe erwarten würde, was z.B. die Bundesbank hinsichtlich der Bonitätskriterien für die ihr angeschlossenen Geschäftsbanken erzeugt hat. (Ein solches Geldregime wäre dann dreistufig.) Das würde bedeuten, daß die EZB darauf hinwirken könnte, daß sich im InterNZBengeldmarkt (ja ich weiß, ein scheußliches Wort) der Liquiditätsausgleich auch nach Maßgabe der Einschätzungen der Bonitäten der jeweiligen NZBen zwischen den betroffenen NZBen regelt, d.h. daß die Frage der Kreditvergabe einer NZB gegenüber einer anderen NZB sich danach bemißt, ob die Bonität des Bankensystem welches der NZB angeschlossen ist, als dem allgemeinen Standard entsprechend eingeschätzt wird oder nicht. Was haben wir stattdessen? Eine Hilflosigkeitserklärung der EZB, die es jeder NZB erlaubt, die Bonitätskriterien für die Einreichung von ‚collaterals‘ selbst zu bestimmen. So etwas hätte es mit der Bundesbank nie gegeben!

Kleiner Exkurs:
Die TARGET-Regeln, die jede NZB quasi dazu ZWINGT, auf jede „Überweisung“ einer NZB eine entsprechende Zentralbankgeldausgabe (ohne Liquiditätsempfang – das ist so!) zu gewähren, erzeugen in dem betreffenden Emissionsland einen unnützen Liquiditätspool, der sich lediglich in überflüssigen Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken niederschlägt. Heißt auf gut Deutsch, daß die „empfangende“ NZB (es wird ja dabei kein Zentralbankgeld übertragen) – möglicherweise entgegen ihrer eigenen Bonitätspolitik – eine Zentralbankgeldausweitung zulassen muß, die von ihr nicht kontrolliert werden kann. Das führt zu einer gröblichen Aushebelung des Prinzips, daß eine Geschäftsbank, die nur die VERWALTUNG von Liquidität zu besorgen hat und sich nie darauf verlassen können darf, daß jegliches Liquiditätsbegehren sofort alimentiert wird, auf ein Liquiditätspolster stützen kann, welches nach Maßgabe der nationalen Bonitätspolitik möglicherweise als nicht angemessen angesehen wird. Das heißt konkret: die Bundesbank ist kaum noch in der Lage, die von ihr erwarteten Bonitätsnormen der Kreditvergabe der Geschäftsbanken zu kontrollieren. (Der Grund, warum das anscheinend in Deutschland doch funktioniert, muß in spezifischen Verfahrensüblichkeiten der deutschen Bankenlandschaft gesucht werden. Mal sehen.)
Exkurs Ende

Die Gewährung der Möglichkeit an die NZBen durch die EZB, die ‚collaterals‘ selbst zu bestimmen bedeutet letzten Endes jedoch, daß es so etwas wie eine Zentralbank im Sinne der Deutschen Bundesbank in Europa mit der Scheinkoryphäe einer EZB überhaupt nicht gibt. Denn bis heute werden über 90% aller Geldemissionsgeschäfte in EURO-Land immer noch von den NZBen getätigt! Das Schlimmste dabei ist, daß jede NZB ihre eigenen Bonitätskriterien anlegen darf und damit das Grundprinzip, daß Geschäftsbeziehungen zwischen Partnern auf verläßlichen Kriterien beruhen müssen, mit aller Seelenruhe ausgehebelt wird, bzw. in jedem EURO-Land unterschiedliche Standards für ‚collaterals‘ existieren.

Das einzige Zucken, wo die EZB überhaupt ökonomisch fühlbar ist, sind die Anleihenkäufe von Pleitekandidaten, was auch postwendend dazu geführt hat, daß sie dafür kritisiert wurde – zu Recht. Letzteres allerdings nicht deswegen, weil sie damit irgendwelche europäischen Verträge gebrochen hätte, das scheint ja mittlerweile Usus zu sein, sondern weil sie sich als Joker positioniert, um der virulenten Frage: ist denn die eine NZB gegenüber der anderen überhaupt noch zahlungsfähig, einen Nebelschleier überzustülpen. Denn die EZB hat eins kapiert: in der Rolle einer clearing-Stelle kann man durchaus MACHT ausüben – etwas was die EZB bisher an die BIS, auch im EURO-Kontext, abtreten mußte. Insofern muß man nicht so erstaunt sein, wenn die EZB die Schieflagen von TARGET und ELA Salden als Anlaß dazu nimmt, um sich selbst als wesentlichen Faktor neben der BIS ÜBERHAUPT mal ins Gespräch zu bringen. Denn für die EZB hat sich doch bis auf die 99%-Kommentatoren niemand jemals interessiert! Nicht mal die Frisur von Trichet war Gesprächsthema, wo jedes Outfit von DSDS-Groupies wichtiger war!

Das Problem ist: der Aufkauf von „Schrottanleihen“ gibt der EZB ERSTMALS überhaupt eine Aufgabe! Vorher hatte sie keine – es sei denn man sieht eine Aufgabe darin, irgendwelche kryptischen Sprüche abzusondern, welche die vereinigten Glaskugelputzer dann für ihre Prekärleserschaft häppchengerecht aufbereiten. Das bedeutet leider nach allem was man über Institutionen weiß, daß sie sich mit aller Macht daran klammern wird, um ihre eigene Existenz begründen zu können, obwohl sie eigentlich redundant ist. Für alle, die es immer noch nicht begreifen wollen: man hätte das EURO-System auch ohne den Popanz EZB installieren können! Ob die EZB irgendwann mal zu einer ernstzunehmenden Institution wird, wird wohl die Bundesbank entscheiden, ob es einem gefällt oder nicht!

2 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie, wonkish

2 Antworten zu “Die Wunder geldpolitischer Hierarchien

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 7. Mai 2012 | Die Börsenblogger

  2. Eclair

    „Vorher hatte sie keine – es sei denn man sieht eine Aufgabe darin, irgendwelche kryptischen Sprüche abzusondern, welche die vereinigten Glaskugelputzer dann für ihre Prekärleserschaft häppchengerecht aufbereiten. “
    😀 Herrlicher Satz!

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