TARGET und Griechenland: Anmerkungen zu einem fiktiven Problem

Nachdem es inzwischen in den Bereich des Möglichen gelangt, daß es tatsächlich zu einem Austritt Griechenlands aus dem EURO kommen könnte, wird die Hysterie über die Frage, was mit den TARGET2-Salden der Bundesbank gegenüber der griechischen Zentralbank passieren wird, immer schriller. (Ja ich weiß, daß sie formell gegen die EZB gehen!) Man könnte fast meinen, daß der Maya-Kalender dieses deutsche Weltuntergangsereignis punktgenau prognostiziert hätte. Denn was gibt es schließlich Schlimmeres, als eine ohnehin uneinbringliche Forderung endgültig abzuschreiben?

Doch gemach. Die Lösung für aussichtslose Probleme liegt üblicherweise darin, die unausweichlichen Realitäten zu akzeptieren und nicht darin, vermeintlich ewige Prinzipien so lange zu Tode zu reiten, bis man sich selbst der Lächerlichkeit preisgibt. Letztere bestünde darin, die vermeintlichen TARGET-Forderungen dahingehend eintreiben zu wollen, daß ein Ausgleich dieser „Forderungen“ nur durch eine Übertragung von Gold oder wahlweise einem Eigentumsrecht an griechischen Inseln erfolgen könne.

Wenn man der literarischen Vorlage Glauben schenkt, beginnt die Lösung des o.a. Pseudo-Problems so: „Dann stelle mer uns janz dumm un sage mer so: das Schüld is echt!“

Eigentlich müßte man dazu nichts mehr sagen, da aber vermutlich der Clou an der Sache einer gewissen Erläuterung bedarf, gibt es noch die Auflösung hinterher. Also: wie man weiß, ist auch die griechische Zentralbank eine Zentralbank wie z.B. die Bundesbank – ja, richtig gehört, man glaubt es kaum! Nun weiß man aber, daß eine Forderung gegen eine Zentralbank auf eben das Zentralbankgeld, welches eben diese ZB emittieren kann, eben das IST: Zentralbankgeld. Nicht umsonst werden die Forderungen von Banken gegen die Zentralbank zum Zentralbankgeld gerechnet. Wenn aber die Forderung dasselbe ist wie ZBG, DANN kann man frei nach Schnauz´ Diktum auch so tun, als wäre der Transfer dessen, was gefordert ist, bereits erfolgt. Heißt: „Die Überweisung ist echt!“ In diesem Fall sieht die ganze Transaktion in etwa so aus:

Nachgebastelt m.Korr. im Anschluß an das working-paper von Burgold/Voll

Da weder die griechische Zentralbank noch die Bundesbank an einem Mangel an ZBG leidet (Das ist bei Zentralbanken nun mal so!), weist die griechische Zentralbank einen um 100 GE höheren ZBG-Umlauf aus – nämlich um den Betrag, der an die Bundesbank transferiert wurde, während die Bundesbank den Erhalt dieses ZBGes damit quittiert, daß sie einen Kassenbestand in Höhe von 100 GE auf der Aktivseite ausweist. Da weder für die griechische ZB noch für die Bundesbank ein ZBG-Bestand irgendeinen Wert darstellt (Wie schon gesagt, das hat nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun!) ist im Grunde mit ein paar Buchungseinträgen der Fall erledigt. Man könnte für alle diejenigen, die solche Dinge erst dann glauben, wenn sie es auch gesehen haben eine Bargeldsendung von Athen nach Frankfurt vor laufenden Kameras organisieren, um den unerschütterlichen Fehlglauben daran, daß diese TARGET-Salden halt eben doch eine Forderung sind, zu befriedigen. Denn worauf lauten diese „Forderungen“? Eben, auf EURO. Und sobald die Bundesbank den Kassenbestand ausweist, ist die Forderung keine Forderung mehr, sondern, na halt ein Kassenbestand. Daß die Bundesbank nicht wirklich weiß, was sie damit anstellen soll, steht auf einem anderen Blatt. (Geld nach Deutschland zu bringen ist wie Eulen nach Athen tragen!) Das wäre noch das geringste Problem.

Nur: in diesem Fall findet sich garantiert der eine oder andere übereifrige Politiker, der diesen Kassenbestand für die Gesundung der öffentlichen Haushalte instrumentalisieren möchte. Das gibt dann eine ebenso schräge Diskussion, weil man dann wiederum niemandem erklären kann, wieso ein Kassenbestand kein Ertrag ist, der deswegen nicht an die z.B. Bundesregierung ausgeschüttet werden kann. Mit Griechenland hat das alles dann aber herzlich wenig zu tun!

10 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

10 Antworten zu “TARGET und Griechenland: Anmerkungen zu einem fiktiven Problem

  1. Hier zwei Zitate: 1. Mayer (Deutsche Bank) Anhörung Bundestag 7.5.: „…hat die EZB durch das Eurosystem Zahlungsbilanzungleichgewichte innerhalb des Euroraums
    von (anhand der Target2-Salden gemessen) kumuliert über EUR900Mrd. finanziert“
    2. Nagel (Bundesbank) 28.4.: S.14/15:“Eine eigenständige Bedeutung erhalten Target2-Salden nur in dem hypothetischen Fall, dass ein Land mit negativem Saldo aus der Währungsunion ausscheidet und die NZB des betreffenden Landes nicht in der Lage ist, ihre Verbindlichkeiten gegenüber der EZB voll auszugleichen. In diesem Fall müsste für die verbliebene Differenz eine Regelung gefunden werden, beispielsweise ein Rückzahlungsplan. Erst wenn die Restforderung uneinbringlich wäre, entstünde bei der EZB ein bilanzwirksamer Verlust. EZB-Verluste werden zunächst durch laufende Einkünfte und Wagnisrückstellungen abgedeckt. Über einen darüber hinaus notwendigen Ausgleich entscheiden die nationalen Zentralbanken als Kapitaleigner im EZB-Rat mit Kapitalmehrheit. Für das resultierende bilanzielle Risiko der NZBen ist aber nur ihr jeweiliger Kapitalanteil und nicht ihr Target2-Saldo relevant.“
    Dies als Hinweis für diejenigen, die Target2-Risiken ignorieren. Nach diesen Äußerungen könnte man in verschiedenen Szenarien die anfallenden Risiken in Milliarden berechnen.
    Die Links der gesamten Target2-Dabatte: http://www.robertmwuner.de/materialien_euro_literatur_target2.html

    • @ Robert

      Ich gebe ja zu, daß sich der gesunde Menschenverstand dagegen sträubt zu akzeptieren, daß Verrechnungssalden zwischen EURO-NZBen kein Clearing benötigen, d.h. kein ZBG-Transfer erforderlich ist. So ist es aber nun mal, wenn man 17 + 1 verschiedene Emissionsstellen für den EURO hat.

      Zu Zitat 1:
      Na selbstverständlich entstanden die ZB-Ungleichgewichte in EURO, weil der EURO nun mal die gemeinsame Währung der EURO-Zone ist. Das bestreitet doch niemand. Oder wäre es besser gewesen, grenzüberschreitende Zahlungen in Dollar abzuwickeln? Sicherlich nicht! Und Mayer sagt ausdrücklich NICHT, daß das TARGET-Überweisungssystem dafür verantwortlich sind! So schlau ist er!

      Zu Zitat 2:
      Der Punkt ist ja: warum soll die Griechen-ZB nicht in der Lage sein (jede beliebige Menge) Zentralbankgeld von Athen nach Frankfurt zu schaffen? Es ist so: eine Zentralbank hat keine Restriktion in Bezug auf Zentralbankgeld. Auch wenn´s schwerfällt: ich kann dafür nichts!

      Daß es vielen offensichtlich doch sehr schwer fällt sieht man an der bankbetrieblichen Behandlungsweise bezüglich der EZB. Da gibt es schon ein paar – erhebliche – Unterschiede zu Geschäftsbanken!

      Man kann natürlich alle möglichen Szenarien versuchen zu berechnen. Man kann sich aber nicht um die Frage herumdrücken, ob da tatsächlich ein Risiko ist.

    • Gerhard

      Herr Nagel hat doch alles gesagt. Mit den Austritt wird der Euro in Griechenland zur Fremdwährung und die genannten Maßnahmen sind notwendig. Am Ende zahlt jedes verbleibende Land seinen Anteil. Und die Griechen haben schwache Drachme auf dem Konto und festen Euro unterm Kopfkissen.

  2. Thomas

    Wie sieht das mit folgendem Beispiel aus: Ich überweise 10 GE von Deutschland aus auf ein Konto bei einer griechischen Bank, hebe das Geld in Griechenland ab, fahre zurück nach Deutschland und zahle das Geld hier wieder ein.

    Dann ist doch der grieche TARGET-Saldo höher als vorher, oder?

    • @ Thomas

      Nein. Dadurch, daß durch diese Überweisung bei der Bundesbank das Guthaben Deiner Bank verringert wird und gleichzeitig die Bundesbank die griechische Zentralbank gewissermaßen anweist, jetzt anstelle der Bundesbank „für diese Forderung in Griechenland geradezustehen“ sinkt der T2-Aktivsaldo in Deutschland und gleichzeitig sinkt der T2-Passivsaldo in Griechenland. Zu beachten ist dabei, daß von Deutschland kein Bargeld nach Griechenland übergeben wird, das ist alles eine reine Buchungsangelegenheit.

      Wenn das Geld dann wieder in BAR nach Deutschland zurückwandert, wird kein T2-Saldo geändert, da von T2 nur die Zentralbanktransaktionen erfaßt werden.

      Man muß sich immer wieder klarmachen, daß zwischen den Zentralbanken des EURO-Systems kein Clearing erforderlich ist! Dann ist alles eigentlich ganz einfach!

      Clearing := Forderungsausgleich von Geschäftssalden in Zentralbankgeld, von Geschäftsbanken, die das geforderte Zahlungsmittel nicht selber schaffen können
      (Deswegen gibt es zwar eine bargeldlose, aber keine zentralbankgeldlose Überweisung!)

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. Mai 2012 | Die Börsenblogger

  4. Bernd Klehn

    Quarkbüttel. Geld (Zentralbankgeld) ist zwar Nichts, aber ohne werthaltiges Zentralbankgeld, jeder Zeit in werthaltige Gegenstände umtauschbar, ist fast alles Nichts. „Money makes the word go round“ Auch die Zentralbank muss, nach der Emission des Geldes (des gesetzlichen Zahlungsmittels) das dahinter liegende Versprechen auf den Tausch in werthaltige Gegenstände erfüllen. Der griechischen Zentralbank und oder EZB nützt weiteres Geld drucken gar nichts, sie müssen schon dafür sogen, dass der Besitzer des Geldes (die deutsche öffentliche Hand via Deutsche Bundesbank) es jeder Zeit in werthaltige Gegenstände umtauschen kann, sonst ist das Geldsystem kaputt, der Emittent insolvent mit der Konsequenz, dass ein neues aufgesetzt werden muss. Es geht auf die Dauer nicht, die einem Geld drucken und die anderen Arbeiten. Irgendwann will derjenige der arbeitet mal einen Gegenwert für seine Arbeit sehen und den kann auch eine Zentralbank nicht durch weiters Geld drucken herstellen oder mit der ja richtigen Behautung, dass Geld ja eigentlich Nichts ist.

    • Ach Herr Klehn,

      vielleicht möchte ich ja auch daran glauben, daß Zentralbankgeld eine Forderung gegen die Zentralbank ist. Formal sieht es ja so aus, jedoch ist eine Forderung ein Anspruch auf etwas, so wie z.B. Sichtforderungen eine Forderung auf Zentralbankgeld darstellen. Zentralbankgeld selbst wird zwar durch einen Kredit der Zentralbank emittiert, ist selbst jedoch nur das Geschuldete, was zur Bedienung des Kredits zurückzuerstatten ist. Zentralbankgeld ist daher nichts anderes als ein dinglich übertragbares Schuldentilgungsmittel, mithin weder Verbindlichkeit noch Forderung. Daß man für Geld i.d.R. etwas bekommt liegt nur daran, daß Unternehmer dieses Schuldentilgungsmittel auf dem Markt nachfragen, um ihren eigenen Schuldendienst leisten zu können. Ohne den Schuldendruck gäbe es für Geld schnell nichts mehr zu kaufen.

      Die Zentralbank kann dafür sorgen, daß der Schuldendruck aufrechterhalten wird, es ist aber nicht ihr Geschäft dafür zu sorgen, daß es für Geld ein werthaltiges Warenangebot gibt. Das ist Aufgabe von Unternehmern.

      Sie meinen wahrscheinlich, daß die „Südflanke“ sich nicht einfach durch „Geld drucken“ ein ‚dolce vita‘ finanzieren können darf! Ist schon richtig, wird aber als Problem von den Verantwortlichen so nicht gesehen. Und solange das Überleben von Unternehmen von monetären Bilanzkennzahlen abhängt, wird sich an dieser Praxis nichts ändern. Daß die Wirtschaftstheorie das anders sieht, steht auf einem anderen Blatt!

      Hier noch eine Leseempfehlung zu monetären Definitionen:

      http://georgtsapereaude.blogspot.de/2012/05/antworten-zu-fragen-der-geldtheorie-2.html

  5. Bernd Klehn

    „Daß man für Geld i.d.R. etwas bekommt liegt nur daran“

    dass es halt das gesetzliche Zahlungsmittel ist und nur mit diesem eine Geldschuld getilgt werden kann und Geldschulden (Forderundungen auf Zentralbankgeld) im Wirtschaftskreislauf permaent massenhaft generiert werden. Money makes the world go round. That is all. Die Jagt nach dem Geld, welches eine Zentralbank nach belieben erzeugen und verwschinden lassen kann, ist halt das Lockmittel und Schmiermittel was uns in das Hamsterrad zwingt welches wir Wirtschaftkreislauf nennen. Es darf im Ergebnis nicht sein, dass die einen Arbeiten und die anderen Geld drucken, dieses ist aber durch ELA, Target2-Salden der Nationalen Notenbanken, nedrigst Zentralbankgeldzinsen und abgesenkten Sicherheiten in der Eurozone der Fall.

  6. Pingback: Guest Post and Discussion: Target2: Q&A - SNBCHF.COM » SNB & CHF: A beleaguered central bank in the dangerous world of global macro and euro crisis

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