Plädoyer für eine Frau

Nun hat es halt mal JP Morgan erwischt. Und wie eine Remisiszenz auf die Buchstabensuppe, die nach der Lehmann-Exekution in die Kritik gekommen ist, sind es diesmal „Synthetic Credit Securities“, die das Debakel von JP Morgan möglich gemacht hatten. Es ist dabei vergleichsweise unerheblich, was denn diese SCS genau sind, denn das Grundmuster dessen, was sich auf den Finanzmärkten abspielt ist von der Wahl des jeweiligen Acronyms unabhängig. Natürlich heißt das nicht, daß nun nicht alle möglichen angesagten Finanzinformationsdienste ihre Version dessen, „was da jetzt genau passiert sei“, in die Welt posaunen. Das gehört sicherlich zum Spiel und verdrängt damit die Reflektion einer kleinen Tatsache, nämlich daß es sich bei den Finanzmärkten um einen Markt handelt, auf dem das dort eingesetzte Geld nicht einfach verschwindet – es hat nur jemand anders.

Letzteres ist ja noch nicht mal eine Erkenntnis, denn der Hauptsatz der Buchgeldökonomie lautet ja nun mal, daß einem Soll ein Haben gegenübersteht – und zwar ohne wenn und aber. Insofern könnte man statt der Klage über den Verlust von 2 Mrd. US-$ alternativ eine strahlende Erfolgsmeldung ausrufen, die einen Gewinn von 2 Mrd. US-$ zum Thema hätte. So gesehen ist eigentlich alles in Ordnung.

Wie es aber anscheinend der menschlichen Natur so entspricht, wird bei derartigen Ereignissen derjenige gesucht, dessen Handeln den völlig unvermuteten Verlust zu verantworten habe. Nun ist ja Verantwortung ein Begriff, der sich zunächst auf die Frage der Rechtfertigung einer Handlung bezieht und erst danach die Frage entschieden wird, inwieweit es daraufhin zu Konsequenzen kommt. So gesehen hätte nach den üblichen Gepflogenheiten zunächst eine Untersuchung darüber stattfinden können, inwieweit es sich bei dem Verhalten von Frau Drew überhaupt um eine Pflichtverletzung handelt oder nicht. Nun, nach allem, was man so von Ökonomen kennt, ist die Spannbreite der Beurteilung, ob Frau Drew eine Pflichtverletzung begangen hat oder nicht, umfassend, d.h. sowohl das Ergebnis „völlig pflichtgemäßes Handeln“ als auch „Nichteinhaltung sämtlicher Sorgfaltspflichten“ sind möglich und begründbar. Offenbar war eine Kontroverse um derartige Auslegungsfragen nicht erwünscht, so daß man durchaus davon ausgehen kann, daß Frau Drew – auch unter dem Aspekt der unmittelbar bevorstehenden Aktionärsversammlung – das Bauernopfer geben mußte, um Schlimmeres zu verhindern.

Was hätte dieses Schlimmere sein können? Das größte Desaster für den Nimbus eines Finanzunternehmens wäre, daß die Öffentlichkeit erkennt, daß der Erfolg des einen Finanzinstituts mit dem Verlust des anderen Finanzinstituts erkauft werden muß. Diese Regel gilt unbedingt und hat nur zwei Hintertürchen: die Börse und die Muppets. Die Muppets sind – wie man inzwischen weiß – diejenigen „Finanzmarktteilnehmer“, welche dafür sorgen dürfen, daß Nettoeinzahlungen in den Finanzmarkt fließen, welche dann von Gebühren, Provisionen, Boni und Wertberichtigungen aufgefressen werden. Sollten sich die beteiligten „Dienstleister“ zu sehr zurückhalten und es sollte noch etwas übrig sein, kommt dieser Betrag ggf. dem einen oder anderen Anleger zugute, der Rest bekommt nichts, oder muß weiter warten. Die andere wesentlich spaßigere Sache ist, wenn die Börsenkurse steigen, da dann die Wertansätze der Wertpapiere in die Höhe gehen und sich sogar die „Anleger“ etwas reicher fühlen dürfen – obwohl die höheren Wertansätze nur auf dem Papier stehen und auch da stehen bleiben müssen. Sobald jemand meint, so etwas unmoralisches wie „Gewinn realisieren“ machen zu müssen, kommen postwendend wieder die bedauernden Bitten über Nachschüsse zu neudeutsch: margin-calls zum Vorschein. Das alles gilt natürlich für die Anleger als Ganzes, jeder einzelne kann sich natürlich in seiner persönlichen Glücksträhne wähnen!

Was hätte also gedroht, wenn eine solche Untersuchung stattgefunden hätte? Meine Vermutung ist: es wäre der schlimmste Fall eingetreten, der darin bestünde, daß Frau Drew nicht das kleinste Fehlverhalten hätte nachgesagt werden können. Wenn sie nun aber kein Fehlverhalten gezeigt hätte, wäre ebenso auch das gesamte Firmenkonzept fehlerfrei – schließlich hat das ja mit Frau Drew auch 30 Jahre funktioniert! Dann wäre aber zu fragen, warum ein fehlerfreies Firmenkonzept, welches auch sachgemäß umgesetzt worden ist, derartige Verluste erzeugt?

Und jetzt kommt die Frage, ob man Fisch oder Fahrrad sein will: man kann sich natürlich als aufgeklärter Mensch, als Krone der Schöpfung immer noch dem Glauben hingeben, daß aus Geld durch „anlegen“ mehr Geld wird, daß dann, wenn das Geld statt im Sparschwein auf dem Konto „liegt“ (ist auch schon falsch) auf einmal eine wundersame Geldvermehrung einsetzt. Oder man kann akzeptieren, daß Ökonomie nicht nur die Abwägung von Alternativen bedeutet (Opportunitätskosten), sondern auch die Beachtung der Gegenbuchung! In diesem Fall setzt sich dann die Erkenntnis durch, daß Wohlstand sich erst dann einstellt, wenn Geld zu dem gemacht wird, was es eigentlich ist: ein abstraktes aber effektives Mittel um Wohlstand zu erzeugen, wenn es dazu verwendet wird, um arbeitsteilig organisierte Schöpfungsprozesse in Gang zu setzen, die das Wohlergehen von Menschen zu steigern in der Lage sind.

In letzterem Fall kommt man dann irgendwann auf die Idee, daß es für die Menschheit weder ein richtiges noch ein falsches Anlagekonzept gibt, sondern nur ein zufällig erfolgreiches oder ein zufällig verlustbringendes Konzept. Und soweit es nicht möglich ist, durch vorbildlichstes Handeln einen gesellschaftlichen Nutzen zu erzeugen, sondern es lediglich wie in einem Strategiespiel darum geht, auf Kosten des Anderen einen Vorteil zu erzielen, dann ist es vor der Alternative „Bleiben mit Konflikt“ oder „Gehen im Konsens“ stets richtig, denjenigen Weg zu wählen, welcher den Fundamentalismus des „Mehr-Geld“ nicht in Frage stellt. Denn was würde man gewinnen, die Welt darüber aufzuklären, daß die Finanzmärkte eine größere Traumfabrik sind, als Holly- und Bollywood zusammen?

Eben. Mit festem und unerschütterlichen Glauben kann man Berge versetzen, aber wer will das? Im Traum kann man sogar fliegen – solange man nicht aufwacht. Der individuelle Traum kann ja sogar zur Realität werden, solange die Gesamtheit den Traum weiterträumt. Und solange er weitergeträumt wird, muß sich auch niemand persönlich dafür opfern, daß Wahrheit in die Welt der Finanzmärkte eindringt.

Danke Frau Drew, daß Sie uns weiter träumen lassen!

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Eingeordnet unter Finanzmarkt, Geldtheorie

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