Lieber Bank-Run statt Einlagensicherung?

Irgendwie spukt in den Köpfen immer noch die Vorstellung herum, daß ein bank-run für ein Staatswesen zu einer existenziellen Bedrohung werden könnte. Das Kriterium für einen nationalen bank-run besteht dabei daraus, daß davon alle Banken eines Landes betroffen sind. Das ist davon zu unterscheiden, daß das Abheben von Geld zu einem Transfer außer Landes führt, was folgerichtig mit dem Begriff “Kapitalflucht” zu bezeichnen ist. Nun hat sich aber seinerzeit die “Garantie” der schwarz-roten Regierung darauf bezogen, daß nicht mit einem spezifischen bank-run wie etwa bei Nothern Rock, sondern mit einem allgemeinen bank-run auf deutsche Banken zu rechnen sei, der aufgrund der dann regulierungsbedingt eintretenden Zahlungsunfähigkeit der deutschen Banken zu einem Zusammenbruch des nationalen Zahlungsverkehrs hätte führen können.

Komischerweise haben viele Leute noch die Vorstellung, daß ein bank-run das Ende der Wirtschaftstätigkeit einläuten könnte. Dabei werden die möglichen Szenarien i.d.R. garnicht erst diskutiert, weil die Behauptung, daß damit das game over eintreten würde, bereits als a priori gesetzt ist. Die große Frage ist jedoch, ob ein derartiges Ereignis zu einer nennenswerten Problemlage führten würde, die nicht unter Außerkraftsetzung einiger unangemessener Regulierungsvorgaben spielend bewältigt werden könnte. Die ökonomisch unsubstantiierte Horrorbehauptung ist doch immer wieder, daß im ‚fractional reserve‘ oder ‚fiat banking‘ derartige Ereignisse unweigerlich zu einem Kollaps des Bankensektors führten. Man kann diese Folgen natürlich konstruieren und nach Maßgabe der derzeitigen Liquiditätsregeln wäre das ja auch passiert. Nur ist es derzeit ja fast schon üblich, Regeln kurzfristig zu ändern.

Was wäre denn passiert, wenn sagen wir mal 500 Mrd. EUR von den deutschen Banken als BARGELD abgezogen worden wäre? Die Bargeldbesitzer hätten dann vor den Alternativen gestanden, das Bargeld entweder zu verstecken (Horten i.e.S.), bei einer anderen Bank einzuzahlen oder auszugeben. Quartum non datur!

Fall 1, das Kopfkissen:
In einer Zeit, wo Regeln nicht so wichtig sind, hätte man innerhalb eines Wochenendes darüber übereinkommen können, daß das EZB-System die Gläubigerposition anstelle der Privaten übernimmt, da es halt Emittent des EURO ist. Die EZB hätte also die Banknotenlaster zu den Banken geschickt und in gleicher Höhe Kredit eingeräumt. Auf eine Stellung von Sicherheiten hätte man in einer derartigen Notlage auch ohne weiteres verzichten können. In den Bankbilanzen hätte sich nicht mehr geändert, als der Gläubigereintrag, der mit, sagen wir 0,1% Verzinsung sogar günstiger wäre, als die derzeitigen (mickerigen) üblichen Giro- und Sparzinsen. Ergebnis: die Liquiditätslage der Banken wäre sogar um die 1% Mindestreserve besser, da es nicht sinnvoll erscheint, die „Einlagen“ der EZB mit einer Mindestreserve zu belasten und andererseits wäre auch die Ertragslage der Banken besser, da der Zinsaufwand für ihre Verbindlichkeiten geringer geworden ist. Bankenkrise? Fehlanzeige! Als Nebeneffekt noch ein bißchen Zusatzgeschäft bei den Unternehmen, welche die Banknoten produzieren, das war´s dann aber auch schon. Zur Absicherung der Staatsfinanzierung wäre dann noch ein Überziehungs-Swing erforderlich gewesen, um zu verhindern, daß die Staatsliquidität fragwürdig wird. Letzteren hätte man durchaus auf ca. 1 Jahr begrenzen können, denn die Dauerhaftigkeit derartiger Konstellationen ist sehr übersichtlich. (Ackermann muß Merkel und Steinbrück ein Horrorgemälde darüber ausgemalt haben, was passiert, wenn die deutschen Banken auf einmal keine Staatspapiere mehr zeichnen können, in dieser Situation hätten beide auch für die Jungfräulichkeit Marias garantiert.) Preisniveaueffekt = NULL!

Fall 2, der private Bargeldtransporter:
Das Bargeld wird bei einer anderen Bank eingezahlt. Irgendwie ist das nicht mehr, als eine umständliche Art der Überweisung und damit hat doch ein Bankensystem keine Probleme. Es ist natürlich nicht klar, welche Bankengruppe davon profitiert und welche hätte Nachteile hinnehmen müssen. Möglicherweise hätte es einige kleinere Verschiebungen gegeben, deren Konsequenzen m.E. jedoch marginal gewesen wären. Na gut, die Banken hätten ein bißchen weniger Provisionen verdient, aber bei angestrebten 25% Eigenkapitalrendite läßt sich das verschmerzen. Die Variante, daß auf einmal die Deutschen ihr Sparkonto im Ausland einrichten, ist zwar denkbar und letztlich in einschlägigen Kreisen sowieso schon üblich, führt aber per Saldo nur zu noch höheren Nettoauslandsforderungen. Deren Problematik ist hinlänglich bekannt, so daß eine Diskussion darüber an dieser Stelle sich erübrigt. Für diejenigen, die denken, daß ein Kapitalexport auch den entsprechenden Leistungsbilanzsaldo pusht: ‚tant mieux‘! Preisniveaueffekt = marginal im Exportsektor steigend!

Fall 3, privates surplus spending:
Wird das Bargeld schließlich ausgegeben, gibt es den gesündesten Konjunkturaufschwung, den man sich denken kann, weil im Zuge der eintretenden (begrenzten, weil aus Beständen finanzierten) Konsumkonjunktur genau das eingetreten wäre, was immer wieder versucht wird herbeizuzitieren: eine kräftige Binnennachfrage, die letztlich auch den Leistungsbilanzsaldo Richtung Nulllinie treibt. So was ähnliches ist ja auch nach der DM-Einführung in der damals noch real existiert habenden DDR passiert. Haben damals Banken oder Unternehmen oder das Ausland protestiert? Keineswegs. Hat die DM damals wegen Inflationserwartungen größeren Schaden genommen? Keineswegs, obwohl – die professionellen Befürchter gab es natürlich schon. Die Konsequenzen für die Bankenbilanzen sind ebenfalls die besten, die man sich vorstellen kann: wegen der verbesserten Ertragslage der Unternehmen steigt die Bonität der Bankenkredite, höheres Tilgungspotential aufgrund steigender Einzahlungen der Unternehmen verbessert die Liquidität der Banken und letztlich sinken in dieser Situation die Zinsen unmittelbar. Ergebnis: eine gesunde Nachfragekonjunktur, möglicherweise inländische höhere Nettoinvestitionen und schließlich eine anständige Wachstumsrate, die man nicht mit statistischen Methoden künstlich nach oben pushen muß! Preisniveaueffekt: steigend; ob und inwieweit sich das in einem inflationären Prozeß fortsetzt hängt davon ab, ob das Lohnniveau bzw. die Lohnstückkosten im Zuge dieser Konjunktur nachzieht. Falls ja, hätte das immerhin einen Gegeneffekt zu der vielbeklagten “Lohndumpingpolitik” Deutschlands abgegeben und ggf. das Konsumniveau in Deutschland auf Kosten von Zinseinkommen (die i.d.R. nicht konsumwirksam werden) gesteigert.

Fazit: letzten Endes war dieses Bürgschaftsversprechen DIE verpasste Chance, um aus der Bankenkrise eben KEINE Wirtschaftskrise werden zu lassen.

Was lernt man daraus? Die vermeintliche Abhängigkeit des Staates von seinen Banken ist keine vernünftige Leitlinie für ökonomische Entscheidungen! Manchmal ist eben das Aussprechen von Tatsachen, daß nämlich die Banken (stellvertretend für das Finanzsystem) in eine Schieflage gekommen sind besser, als der letztlich untaugliche Versuch, eine Situation schönzureden, die schon längst aus dem Ruder gelaufen ist!

Was lernt man noch daraus? Daß jenseits der Frage, welche neuen Regulierungen mal wieder implementiert werden sollen, die wesentlich wichtigere Frage im Raum steht, welche existierenden Regulierungen dafür verantwortlich sind, daß sich staatliches Handeln – insbesondere in Zeiten, wo es um unmittelbare und grundsätzliche Entscheidungen geht – ungebührlich einschränken muß. Manchmal muß man sich eben auch von juristischem Schrott trennen. Wußte Goethe auch schon…

3 Kommentare

Eingeordnet unter Wirtschaftspolitik

3 Antworten zu “Lieber Bank-Run statt Einlagensicherung?

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 7. Juni 2012 | Die Börsenblogger

  2. Die herrschenden Meinungen gegen den Strich gebürstet: Originelle Überlegungen! Und aus meiner Sicht auch durchaus überzeugend.

    „Fall 1: … hätte man innerhalb eines Wochenendes darüber übereinkommen können, daß das EZB-System die Gläubigerposition anstelle der Privaten übernimmt, da es halt Emittent des EURO ist. Die EZB hätte also die Banknotenlaster zu den Banken geschickt und in gleicher Höhe Kredit eingeräumt. Auf eine Stellung von Sicherheiten hätte man in einer derartigen Notlage auch ohne weiteres verzichten können. In den Bankbilanzen hätte sich nicht mehr geändert, als der Gläubigereintrag …“.

    Ist das nicht teilweise analog zu jener Situation, wie wir sie aktuell in den Kapitalexportländern erleben? Außer dass die EZB nicht völlig auf die Stellung von Sicherheiten verzichtet. Und dass die Kredite in diesen Ländern großenteils wohl notleidend werden: weil eben der Blutkreislauf des Geldes durch den Kapitalexport austrocknet.
    Denn auch die neu an die Banken z. B. in Griechenland ausgereichten Mittel werden wohl, teilweise und mit einem gewissen zeitlichen Nachlauf, wieder ihren Weg ins Ausland finden.
    So dass die aktuelle Liquiditätsflutung durch die EZB in den Krisenländern vermutlich nicht zu einer nachhaltigen Stabilisierung führen wird.

  3. Der Austrian Pirat hinterfragt das ganze nochmal?
    Warum sollte es zu einem Bankrun kommen oder wann kommt es zu einem Bankrun?
    Wenn das Vertrauen der Bürger ins Bankensystem erschüttert ist, das heißt mittels Bail-In eine Bank abgewickelt wurde und einige einen Teil ihrer Forderungen abscheiben mussten oder viele Bürger mit baldiger Insolvenz einer bestimmten Bank rechnen.

    Nicht der Bankrun ist das Problem, sondern andere Horrorszenarien, die mir der Austrian-Klabautermann zu flüsterte:

    „Du bist der Herr Otto und hast Geld auf Bank XYZ.
    Herr Karl hat Geld auf Bank ABC.
    Wir wickeln beinhart Bail-in Bank XYZ nach zypriotischer Art ab.
    Du als Herr Otto verlierst alles bis auf 100.000€ und Herr Karl aber gar nichts.
    Oder du bist KMU mit Firmenkonto mit 500.000€.
    Es gibt ja sogar AGs, die so deppert sind, auf einem Konto mehrere Millionen € lange liegen zu haben ohne Bankgarantie (aber da SSKM)

    Was passiert dann?
    Besteht noch weiter Vertrauen in das Bankensystem?

    Du bist jetzt Frau Hilde und siehst was da so 20 Leuten passiert ist. Wirst du jetzt das Geld auf der Bank lassen oder dir von einem Bauernfänger den 3Gold oder VIX-Volatile Fund andrehen lassen.

    Du kannst als Einzelperson nicht das Geld sicher bei der EZB parken, aber andere Banken die das sehen womöglich. Daraus kann dann eventuell eine Kreditklemme entstehen.“

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