Die Buddelkästen wirtschaftspolitischer Kommentatoren

Irgendwie scheint sich der größte Teil der bundesrepublikanischen Presse darin zu gefallen, die Existenz der aktuellen €-Währung durch fortwährendes Geschwatze in Zweifel ziehen zu wollen. Es ist nicht wirklich erklärlich, aus welchen Gründen das geschieht, denn die ökonomischen Bedingungen, unter denen die EURO-Konstruktion gestaltet wurde, haben genau die Ergebnisse hervorgebracht, die davon erwartet werden konnten. Denn die steigenden Zinsen für Staatsschulden sowie die Kapitalflucht aus den „Südstaaten“ sind ein normales Ergebnis der Tatsache, daß Banken, die bonitätsmäßig schlecht dastehen immer damit rechnen müssen, daß sie Liquidität (= Zentralbankgeld) verlieren. Das ist im Grunde genommen das gleiche Prinzip, welches auch schon zu DM-Zeiten gültig war und was auch unter dem Regime einer Goldwährung der Fall war: dort wo die Zahlungsströme, welche die Werthaltigkeit einer Investition ausmachen aus irgendeinem Grunde ausbleiben, werden die Bestandsgrößen, die Kredite dieser Banken faul. Hat eine Bank zu viele davon, muß sie damit rechnen für ihre Refinanzierung – soweit sie überhaupt noch möglich ist – höhere Zinsen und bessere ‚collaterals‘ bieten zu müssen. Diese Grundregeln machen ein funktionierendes Bankensystem aus. Jegliches Wunschdenken, welches aus irgendwelchen Gründen das anders möchte, muß an den Realitäten zerschellen.

Irgendwie scheint das aber die Presse nicht zu stören, denn es ertönt immer wieder die Mär von dem Untergang des EURO oder dem „Kollaps der Finanzmärkte“ ohne daß in irgendeiner Weise eine Begründung dazugeliefert würde. Das Ärgerliche ist: sobald ein Pseudoproblem definiert wurde, sind die Folgen durchaus real – auch wenn die Ursache dieser Folgen in einer Fehlinterpretation der aktuellen Verhältnisse liegen. Diese Fehlinterpretation hat was mit kognitiver Dissonanz zu tun: das was sein sollte, nämlich allgemeine Prosperität zu niedrigen und einheitlichen Zinsen stößt auf die schnöde Realität kritischer Konjunkturaussichten und Zinsdifferenzen, über die sich in vor EURO-Zeiten niemand den Kopf zerbrochen hätte. Was ist also passiert? Das was unnormal war, nämlich eine Boomkonjunktur in notorisch bonitätsschwachen Ländern sowie ein unnormales Zinsniveau (wobei Zinsniveau stellvertretend für die Effizienz der Durchsetzung von Geldschulden steht) wurde als die neue europäische Wirtschaftsnorm definiert – analog zu dem Grundgesetzartikel, der etwas von der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse postuliert. Dieser Anspruch wird unhinterfragt einfachheitshalber auf ganz Europa ausgedehnt, ohne daß es zu einer Thematisierung des Umstands kommt, warum das in Deutschland überhaupt so einigermaßen funktioniert hat. Das schlappe Argument der Befürworter der Einheitlichkeitsphantasien ist: es hat ja mal ein paar Jahre funktioniert – und ist als Idee moralisch gut.

Aus dieser vermeintlichen moralischen Lufthoheit wird die Legende gestrickt, daß das, was nicht normal war, dennoch aus irgendwelchen Vorstellungen – z.B. der „europäischen Idee“ – auf Biegen und Brechen möglich gemacht werden muß. Damit wird aber eine „Rettungspolitik“ zur fixen Idee, welche von ihrer Grundanlage bereits ein nicht existentes Fundament besitzt.

Das Kuriose an der EURO-„Rettungspolitik“ ist, daß sie grundsätzlich das ökonomische Einmaleins nicht beachtet, sondern versucht mit politischen Wunschkriterien eine Krise zu meistern, die sich – wenn überhaupt – nur mit ökonomischen Kriterien bewältigen läßt. Doch irgendwie hat sich in den Redaktionsstuben und in manchen politischen Minderheitsbereichen eine fixe Idee festgesetzt, daß nur dann alles schön wird, wenn sämtliche sukzessiv anzuwendenden Handlungsparameter – normalerweise nennt man das Subsidiaritätsprinzip – durch irgendwelche pseudodemokratischen oder wie auch immer legitimierten Monsterbürokratien vereinheitlicht sind. Irgendwie schimmert immer noch die Vision durch, daß Verwaltungsanordnungen mit preußischer Tugend von den Untertanen bereitwillig unterstützt werden. Das kann man aber getrost als ein eng regionales und zeitlich begrenztes Phänomen auffassen, denn schon zu diesen Zeiten selig hieß es wenige tausend Kilometer weiter östlich: „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit!“ Es scheint aber inzwischen so zu sein, daß man nicht mehr so weit reisen muß, um dieser Überzeugung zu begegnen!

Womit muß man rechnen, wenn das ökonomische Einmaleins nicht beachtet wird? Richtig, mit Ausweich- oder Sabotagereaktionen, die sich aus völlig rationalen Beweggründen gegen die politisch propagierte Idee stellen. Die derzeit propagierte Idee ist, daß erst dann, wenn die politische Union vollendet ist und gleichzeitig die Fiskal-, Sozial-, Steuer- und Bankenunion im Vorbeigehen auch noch auf dem (geduldigen) Papier steht, eine Haftungsunion für die utopische Fiktion „europäische Bonds“ möglich sei. Man ahnt es schon, wenn dieses utopische Ideal de facto (und nicht nur de jure) erreicht ist, ist eine Haftungsunion schlicht und ergreifend redundant – in diesem Utopia braucht man sie eigentlich nicht mehr.

Nun gut, man kann ja eine politische Utopie haben, was man jedoch nicht machen kann ist zu erwarten, daß sich sowohl die politischen als auch die ökonomischen Entwicklungen sich bedingungslos nach dieser Vorgabe richten werden. Und ökonomische Sachverhalte entwickeln sich üblicherweise nach ökonomischen Kriterien und nicht nach politischen Wunschvorstellungen. Aber was passiert? Die selbsternannte „progressive“ oder „aufgeklärte“ Presse sitzt getreu Keynes´ Diktum irgendwelchen Theorien verblichener Ökonomen auf und feiert sich gegenseitig ob der daraus entstehenden Pseudo-Erkenntnisse, was es inzwischen schwieriger macht, einen finsteren noch nie dagewesenen Aspekt des EURO-Armaggedons zu erfinden.

So kann man den publizistisch gepushten politischen Versuch, über supranationale Verwaltungseinheiten eine Vereinheitlichung ökonomischer Entwicklungen mit der Brechstange erzwingen zu wollen letztlich nur als aufgeblasene Don-Quichoterie interpretieren. Denn die ökonomischen Windmühlen werden sich der politischen Lanze nicht beugen! Schon das steuerrechtliche Hase und Igel Spiel und nicht zuletzt die Chimäre der Globalisierungsfreiheit (Globalisierung gibt es schon, nur hat die nichts mit Freiheit zu tun!) sollte einen darüber aufklären, daß zentralistische Vorgaben an der Peripherie stets dazu führen zu erkunden, wie man so erscheinen kann, als hätte man die Vorgaben eingehalten. Wie man weiß, ist der Erfindungsreichtum für solche potemkinsche Dörfer immens hoch – und so gut wie immer erfolgreich!

Und wo hört der Spaß auf? Richtig: dort wenn der Kapitaldienst auch durchgesetzt wird. Dann gelten auf einmal nicht mehr die salbungsvollen Reden von irgendeiner falschverstandenen Solidarität, sondern die schnöde Frage, ob die Bedienung einmal einvernehmlich eingegangener Schuldbeziehungen gewährleistet wird oder nicht. Wie man aus dem „Kaufmann von Venedig“ weiß, ist die Frage, auf welche Einheit die Schuld lautet nicht so wichtig, sondern die Frage, ob die Vollstreckung der vereinbarten Leistung realistisch erwartet werden kann oder nicht. Insofern ist es auch völlig unerheblich, wie der Standard genannt wird, auf den Schuldverhältnisse lauten, da sich ja beide Kontrahenten einvernehmlich geeinigt haben. Wenn man sich aber mal geeinigt hat, ist die Vereinbarung auch für beide Seiten bindend.

Und an genau dieser Stelle beißen die publizistischen Vereinheitlichungsutopisten auf Granit. Um das zu verstehen, braucht man zwei Finger: dort, wo die Durchsetzung von Geldschulden am sichersten zu erwarten ist und dort, wo man den Begriff „Bonität“ nicht für die Werbung zum Kauf einer Nahrungsfälschung hält, ist das Sammelbecken sämtlicher Fluchtgelder der Erde. Dort ist die Liquidität am höchsten, dort sind die Zinsen am niedrigsten und dort ist – in der Regel – für das Geld auch was Attraktives zu kaufen. Kann man diese normalen Reaktionen irgendwie unterbinden bzw. unterdrücken? Ja man kann: nachzulesen bei George Orwell 1984!

Ist es gerecht, wenn Liquidität sich einseitig verteilt und die Zinsen gerade dort in die Höhe gehen, wo das Geld fehlt? Ja es ist legitim, da sich ökonomisch handelnde Akteure immer noch im Durchschnitt rational verhalten! Ist das wünschenswert? Es ist ein Ausdruck der Ausübung individueller Freiheiten! War das das Ziel der politischen Einigung zur Einführung des EURO? Natürlich nicht. Kann die politische Vorstellung, daß die natürlichen ökonomischen Reaktionen sich NICHT durchzusetzen haben, durchgesetzt werden? Natürlich nicht! Können diese kognitiv dissonanten Wunschträume politischer Redakteure Wirklichkeit werden? Schon möglich. Richtet sich die Ökonomie dann auch danach oder nach irgendwelchen „strengen Auflagen“? Keineswegs!

Fazit: Ökonomie schlägt Politik! Immer! Und Moral sowieso! Und publizistische Wunschträume sind – na das Opium halt…

5 Kommentare

Eingeordnet unter Finanzmarkt, Wirtschaftspolitik

5 Antworten zu “Die Buddelkästen wirtschaftspolitischer Kommentatoren

  1. Pingback: Lektüre für einen Herbstsonntag im Sommer: Von Zschäpitz bis Brooks

  2. Pingback: Debatte über die Lösungsvorschläge zur Schuldenkrise (2): Transfers und ökonomisches Chaos

  3. Zur Widerlegung unserer regierungs- (und oppositions-)amtlichen Kontrollillusionen empfehle ich auch den WELT-Artikel „EU-Staaten müssen zurück auf Los gehen“.
    Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch
    „Schulden ohne Sühne? Was Europas Krise uns Bürger kostet“ (aktuell neu als dtv-Taschenbuch).
    Autor ist der Wirtschaftsprofessor Kai Konrad, Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen in München. Co-Autor ist Holger Zschäpitz, leitender Redakteur im Ressort Wirtschaft und Finanzen der „Welt am Sonntag“.

    Der Text macht ‚Vorschläge‘ wie die Staaten Sparauflagen durch kreative Buchführung (die ja auch uns nicht fremd ist!) umgehen können – und werden.
    Er illustriert also einiges von dem, was das obige Blogposting etwas abstrakter formuliert.

  4. Vandermonde

    Das funktioniert aber nur, wenn man ökonomisches Handeln mit Rationalität gleichsetzt. Und Rationalität ist ein weiter Begriff. Mich hat immer schon gestört, dass die Ökonomie so etwas wie Altruismus eigentlich nicht kennt (außer vielleicht über die Nutzentheorie, die ja alles erklärt).

    Ansonsten befinden wir uns mit dem Begriff Freiheit schon mitten in einem politischen Diskurs, den die Ökonomie durchaus verfolgen kann. Sie „vergisst“ nur die Deklaration des Politischen und verkauft es als empirische Erkenntnisse. Das diese dann die realen Verhältnisse im Sinne einer self fullfilling phrophecy mitgestalten wird von ihr nicht weiter reflektiert.

    • Sicherlich: es gibt das ökonomische Prinzip, aus gegebenen Ressourcen ein Maximum oder aus einem gegebenen Ziel die minimale Ressourcenmenge zu erzielen. Aber noch wichtiger als die Frage von Maximierung oder Minimierung ist das Kriterium Widerspruchsfreiheit. Denn dieses Kriterium entscheidet darüber, ob man überhaupt ökonomische Theorie betreiben kann oder diese aufgrund von Nichtkonsistenz unmöglich wird. In der Ökonomie spricht man daher lieber von Präferenzen, weil der Begriff Präferenzen solche psychologistischen Begriffe wie „Altruismus“ von vornherein neutralisiert, denn wer weiß schon, was jemand für Präferenzen aufweist? Die Widerspruchsfreiheit ist zwar ein Postulat an dem sich garantiert auch irgendwelche Psychologen reiben, das kann aber getrost ignoriert werden, weil selbst die Psychos kapitulieren müßten, würden sie eine intrinsische Widersprüchlichkeit des Menschen postulieren. Im Chaos kann man keine Theorie machen und selbst die Chaostheorie setzt ja nicht wirklich Chaos voraus.

      Im Grunde sind die ganzen Einwände gegen das Präferenzmodell für die Katz und lediglich geeignet ein bißchen Aufmerksamkeit zu erregen. Analytisch fruchtbar ist was anderes.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s