Unser ökonomischer Mainstream: Aufzucht und Hege

Was die Grundfragen der Volkswirtschaftslehre angeht, kann man sich zunächst klarmachen, daß historisch gesehen ein ethisches Problem der Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Fragen der sozialen Organisation bildete. Dabei handelt es sich im wesentlichen um die Frage, ob gemessen an den Organisationsmechanismen geschlossener Wirtschaftsformen, etwa der Stammes-, Dorf- oder feudalistischen Gesellschaften, eine Theorie der Ökonomie formuliert werden kann, die den seinerzeit aufgekommenen liberalistischen Gesellschaftstheorien und -philosophien ein angemessenes Fundament liefern könnte. Pointiert ausgedrückt lautete das zu lösende Problem, ob eine liberale Gesellschaft, in der jedes Individuum nach seinem Gutdünken handeln würde, das Postulat der christlichen Sozialethik Verantwortung auch für den Nächsten zu tragen, erfüllen könnte.

Eine erste Antwort auf dieses Problem wurde von Adam Smith, der daher als der Vater der Nationalökonomie angesehen wird, gegeben, indem er versuchte nachzuweisen, daß durch eine marktvermittelte Interaktion selbständiger Individuen eine Verbesserung der Lage der Gesellschaft insgesamt eintreten würde. Sein Argument beruhte im wesentlichen darauf, daß durch die Institution des Tauschs eine Wohlfahrtsverbesserung deswegen zustandekomme, weil Tauschpartner nur dann in einen Handel einwilligen, wenn sie beide einen Vorteil daraus ziehen würden. So gesehen verfolgt zwar jedes Individuum seinen eigenen Vorteil, ohne jedoch dabei den Vorteil des Handelspartners selbstherrlich ignorieren zu können; insofern würde die Verfolgung des Eigeninteresses sogar zu einer Wohlfahrtsteigerung der Gesellschaft führen.

Die (heute nicht mehr so) moderne Volkswirtschaftstheorie (neoklassischer Provenienz) setzt sich selbst zum Ziel, die genannten Aspekte in einem einzigen Modellentwurf zu integrieren, so daß sich für sie die Aufgabenstellung wie folgt darstellt:

  • – Sie muß eine Handlungs- bzw. Entscheidungstheorie liefern, in der separierte Akteure ihr individuelles Optimierungskalkül verfolgen.
  • – Sie muß eine Koordinationstheorie liefern, die das Ergebnis induziert, daß die Pläne und Aktionen der einzelnen Entscheidungseinheiten miteinander kompatibel sind.
  • – Sie muß den Nachweis liefern, daß die so entstandene ökonomische Situation gewissen Optimalitätsanforderungen genügt.

Die allgemeine Gleichgewichtstheorie bzw. die neoklassische mikroökonomische Totalanalyse, die sich der Behandlung dieser Problemkreise widmet, läßt sich gemäß ihrer Erklärungsziele in drei Bereiche aufgliedern:

  • -Haushaltstheorie
  • -Unternehmenstheorie
  • -Markttheorie

Eine zentrale Voraussetzung dieser Theorie ist die Annahme der vollkommenen Konkurrenz, was in diesem Zusammenhang bedeutet, daß alle existierenden Entscheidungseinheiten die Preise aller Güter als ein vorgegebenes Datum hinzunehmen gezwungen sind.

Daraus folgt: Da die Haushalte in ihrer Gesamtheit über alle Ressourcen der Gesellschaft verfügen, läßt sich bei gegebenen Preisen und gegebenen Präferenzstrukturen ein eindeutiges Faktorangebot sowie eine korrespondierende Güternachfrage ableiten. Diese Ableitung der Güternachfrage und des Faktorangebots der Haushalte ist die Aufgabe der HAUSHALTSTHEORIE. Das methodische Kriterium für das Kalkül der Haushalte ist das Prinzip der Nutzenmaximierung.

Daraus folgt: Bei gegebenen Preisen und gegebener Technologiemenge können in jedem Unternehmen optimale Produktionspläne erstellt werden, woraus sich ein bestimmtes Güterangebot und eine korrespondierende Faktornachfrage ergibt. Die Ableitung der Faktornachfrage und des Güterangebots ist die Aufgabe der UNTERNEHMUNGSTHEORIE. Das methodische Kriterium für das Kalkül der Unternehmen ist das Prinzip der Gewinnmaximierung.

Die zentrale Koordinationsinstanz im Kontext der MARKTTHEORIE ist der Preismechanismus, der die Aufgabe hat Güter- bzw. Faktorangebot bzw. -nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Paßt sich der Preis auf dem Markt gemäß der Überschußnachfrageregel an, so läßt sich unter geeigneten Bedingungen zeigen, daß ein Preissystem existiert, welches gewährleistet, daß die Überschußnachfragen für alle Gütermärkte gleich Null sind. Dieses Gleichgewicht ist gleichzeitig Paretooptimal, d. h. es sind unter den spezifizierten Bedingungen keine weiteren Tauschgewinne mehr möglich. Mit diesem Nachweis, daß eine individualistische Gesellschaft über marktorganisierte Koordinationsmechanismen zu einem effizienten Zustand gelangen kann, in dem die Ressourcen der Gesellschaft optimal genutzt werden, konnte der liberalen Gesellschaftsphilosophie die moralische Legitimationsgrundlage geliefert werden.

Pikanterweise ist die schwächste Stelle der hier skizzierten Orthodoxie das Preissetzungsproblem: wenn alle Akteure die Preise als Datum hinnehmen müssen, bleibt niemand mehr übrig, der die Preise setzen kann. Aus diesem Dilemma ist es zu erklären, daß in der Preisbildungstheorie die Fiktion des Auktionators ins Leben gerufen werden muß, der in seiner Funktion als allwissender Koordinator als Rationalisierung der „Marktkräfte“ agiert, um den Ausgleich von Angebot und Nachfrage zustande zu bringen. Außerhalb der statischen, d. h. im Kontext der dynamischen Preistheorie lassen sich dagegen bestimmte Bedingungskonstellationen in Bezug auf die Preisanpassung finden, die die Stabilität des gesamten Systems auch in einem dynamischen Kontext sicherstellen – sicher bzw. stabil ist ein Gleichgewicht jedoch nicht unbedingt.

Diese Existenz- und Optimalitätstheoreme der allgemeinen Gleichgewichtstheorie begründen für die Mehrheit der Ökonomen das unerschütterliche Vertrauen in den Marktmechanismus, und bilden so die intellektuelle Basis für das Postulat, den Marktkräften soweit wie irgend möglich Raum zu verschaffen, eine in wirtschaftspolitischen Diskussionen immer wiederkehrende Forderung. Insbesondere in Bezug auf eine Preisflexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt birgt diese Position erheblichen sozialen Zündstoff. Die Frage der systematischen Wirkungen von Lohnreduktionen auf die konjunkturelle Lage und den Wirkungen auf das Beschäftigungsniveau ist auch heute noch umstritten.

Der Umstand, daß es in diesem Modell keine Geldpreise gibt, sondern nur relative Preise (1 Biber = 2 Hirsche), die im Grunde nur die reale Tauschrelation zueinander bestimmen bringt natürlich die Geldtheorie sofort auf die schiefe Bahn, da eine Tauschwirtschaft kein Kreditgeld, sondern ein Tauschmittel braucht. Daraus erklärt sich auch, daß die Geldtheorie aka Quantitätstheorie im Grunde nur die – nicht modellimmanente – Tauschmittelfunktion versucht zu rationalisieren. Von dieser Krankheit, eine Begründung für Geld innerhalb eines Modells zu finden, welches überhaupt kein Geld benötigt, hat sich die ökonomische Theorie bis heute nicht erholt!

Selbstverständlich bleiben in einem derart offen formulierten Modell noch viele diskussionswürdige Fragen unerörtert. Gleichwohl bietet es für die angerissenen Probleme eine im Mainstream als befriedigend empfundene Lösung, die sich als ausreichend überzeugend erwiesen hat, um das Denken der meisten Ökonomen entscheidend zu prägen. Das hat als Konsequenz, daß selbst wenn sich das Modell der allgemeinen Gleichgewichtstheorie als defizitär in vieler Hinsicht herausstellen sollte, es dennoch wichtig ist sich diesem Modell zu widmen, da es in jedem Fall den Schlüssel zu der Erkenntnis enthält, warum Ökonomen so denken wie sie denken. So interpretiert ist nicht der Realitätsgehalt dieses Modells das Entscheidende, sondern die sozialen, ökonomischen und wissenschaftlichen Konsequenzen die auf ihm beruhen. D.h. nicht „Realitätsnähe“, sondern die Wirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse sind das Kriterium dafür, die Bedeutung dieses Ansatzes zu bewerten.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Wirtschaftstheorie

5 Antworten zu “Unser ökonomischer Mainstream: Aufzucht und Hege

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 1. August 2012 | Die Börsenblogger

  2. Bär

    Sehr schöne Zusammenfassung von Walras! Vielleicht ein bisschen mehr über den Auktionator?

  3. „D.h. nicht “Realitätsnähe”, sondern die Wirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse sind das Kriterium dafür, die Bedeutung dieses Ansatzes zu bewerten.“
    Wie ließen sich diese Wirkungen operationalisieren angesichts einer nahezu unüberschaubaren Komplexität? Und noch viel einfacher gefragt: woran erkennt man eigentlich noch, dass man es mit einem Wirkungszusammenhang zu tun hat? Liefert ein Rationalitätsschema in dieser Hinsicht eine ausreichende Verlässlichkeit der Relationierung. Oder müsste man nich eigentlich von der Relationierung von Relationierungen ausgehen?

    http://denkstil.blogspot.de/2013/01/nikals-luhmann-und-das-dilemma.html

    Jedenfalls kann ich mir nur schwer vorstellen, wie diese Unüberschaubarkeit mit bislang bekannten empirischen Methoden bewältigt werden könnte.
    Ein kleiner Kommentar könnte vielleicht mir vielleicht weiter helfen.

    • Nun, die Wirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse werden transportiert durch das Denken der Ökonomen über Wirtschaft und den daraus folgenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Nun mag man den Einfluß von Ökonomen für sehr begrenzt halten, nur: ob es direkt aus Analysen von Wirtschaftsinstituten oder aufgrund der wirtschaftspolitischen Vorstellungen von Politikern zu wirtschaftspolitischer Konsensfindung kommt, ist (fast) nebensächlich. Das hat der gute Keynes ja auch schon mal in einem klassischen ‚bonmot‘ herausgestellt.

      Ich glaube auch nicht, daß sich Denker und Entscheider vor irgendeiner „Komplexität“ fürchten, denn ich halte das ständige Beschwören von der ach so furchtbar hohen „Komplexität“ für eine Scheinveranstaltung, um der eigenen (oft) flachen Analyse noch einen Hauch von Ehrwürdigkeit zu verleihen. Ersetzt man „Komplexität“ mal durch das Wort „Unerfahrbare“, dann sieht man sofort, daß es keine Aussicht versprechen kann, über das „Unerfahrbare“ zu raisonnieren. (Die einschlägigen Spaßveranstaltungen lasse ich hier mal außen vor!) Es geht einfach nicht! (‚We simply do not know.‘ – in Bezug auf die Differenz von Risiko und Unsicherheit!) Wenn man aber über sie reden kann, ist es entweder mit der „Unerfahrbarkeit“ vorbei, oder es ist der Vortrag über das „Unerfahrbare“ schlichtweg herbeiphantasiert. Letzteres hat einen gewissen ‚appeal‘ deswegen, weil die Geschichte mit dem Höhlengleichnis ja eigentlich immer zutrifft. Das Ärgerliche ist ja, daß, wenn man etwas gestalten will, sich ja irgendwann entscheiden (können) muß. Wenn man also nicht in Kontemplation über das ach so „Unerfahrbare“ versinken will, nimmt man wie Alexander der Große das Schwert der Entscheidung in die Hand – wenn man gut ist immerhin in dem Bewußtsein, daß der (unendliche) Entscheidungsprozeß abgekürzt worden ist und werden mußte.

      Letzteres akzentuiert ja auch den Wert der (meistens) falschen Prognosen hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung. Denn dabei gilt der Grundsatz: „Lieber eine falsche Prognose, als garkeine Prognose!“ Man erinnere sich an den Ökonomentumult, als das DIW kurz nach dem Ausbruch der (z.Zt. noch) jüngsten Finanzkrise dazu auffordern wollte, für einige Zeit (ca. 6-12 Monate) KEINE Progonosen zu erstellen. Das war ein ’no-go‘! Anscheinend liegen Menschen lieber falsch, als überhaupt nicht zu entscheiden. Frei nach dem Motto: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

      Komplexität mag ja sogar existieren, aber sie stört nicht!🙂

    • Vandermonde

      Es gibt natürlich mathematische Kriterien und Erkenntnisse zur Komplexität. Speziell aus der Informatik heraus, als man noch glaubte aus dem Stapeln von virtuellen Boxen auf Spracherkennung schließen zu können. Im Zuge dessen hat man jedoch statistisch basierte Näherungsmethoden entwickelt, die durchaus in der Lage sind eine gewisse Komplexität modellhaft abzubilden. Das ist offensichtlich, wenn man die Fortschritte bei der Wettervorhersage, bei der Navigation, bei der Mustererkennung, bei der Handschriftenerkennung und auch insbesondere bei der Spracherkennung betrachtet.

      Dieser Weg steht der Ökonomie ebenso offen nur scheint die Motivation nicht da zu sein, weil man sich die Modelle einfach so gestrickt hat, dass sie zu den numerischen Erkenntnissen von vor 70 Jahren passen.

      Irgendwie glaube ich, dass der Ökonomie ihre eigene Artificial Intelligence Krise fehlt (oder sie sich drumherum geschummelt hat).

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