Graeber: 5000 Jahre Vorspiel

Es ist ja nicht so schwer zu verstehen: natürlich ist die Menschheitsgeschichte von Schulden geprägt. Man muß sich nur fragen, worum es eigentlich geht: der Sinn von Schulden ist der Ausgleich von Ansprüchen. Das hat nach 5000 Jahren dazu geführt, daß die Produktion für einen anonymen Markt einen historischen Drall erzeugt hat, der dazu führte, daß Schulden zu einer ökonomischen Klammer geworden sind, welche Unternehmer dazu zwingt, zur Bedienung von Schulden Wohlstand zu erzeugen.

Das heißt, daß Schulden konstitutiv für soziales anonymes Handeln sind. Und genau deswegen ist die Qualität der Bedienung von Schulden der Test für erfolgreiche Gesellschaften. (Wer an Deutschland denkt, denkt richtig.)

Deswegen ist auch eine Anullierung von Schulden (Jubilee hört sich so an, wie ein bekifftes Happening) gleichbedeutend mit der Aufhebung gesellschaftlicher Kooperationsbeziehungen, welche ein Konstitutionsmerkmal kreditgeldkapitalistischer Gesellschaften darstellen. Das kann man zwar als anarchisches Konzept wollen, aber man vergibt dabei die Vorteile sozialer Arbeitsteilung. Anarchie und soziale Kooperation sind nun mal nicht kommensurable Konzepte!

Die gegenwärtige Moderne ist letztlich ohne Schulden, also Geld nicht konstruierbar. Denn die Berechtigung von Schulden resultiert aus der Produktion von Waren und nicht Gütern. Letztere gehören in die Welt der Tausch-/ Subsistenzwirtschaft. Von der Theorie der Tauschwirtschaft hat sich die ökonomische Gesellschaftstheorie seit 200 Jahren nicht erholt. (Das ist das paradigmatische Problem!)

Richtig ist: Geld ist etwas wert, weil es Schulden gibt. Und: sie sind unverzichtbar für die Existenz der modenen Wirtschaft. Schulden zu negieren, negiert gleichzeitig die Funktionsprinzipien dessen, was den Erfolg der modernen Gesellschaft ausmacht.

Insofern ist auch der Vergleich mit Schuldenregimen der letzten 5000 Jahre für die Katz, weil der Charakter von Zinsen sich im Verlauf der Industrialisierung und darüberhinaus aufgrund des Umstands, daß Geld als stoffwertlose Entität keinen Knappheitspreis mehr aufweist, fundamental gewandelt hat. Witzigerweise ist der fehlende Knappheitspreis genau das moderne Feature des Kreditgeldkapitalismus, weil durch Schulden der Druck auf die Unternehmer ausgeübt wird, was dann auch zur Produktion von Wohlstand beiträgt. Anders ausgedrückt: Schulden erzwingen ein Leistungsangebot! Der Unterschied ist: bei Werten kann man es sich aussuchen, bei Schulden nicht. Wer Unternehmer ist, weiß das. Träumer wissen das nicht!

Woran liegt das?

„Normalerweise“ ist Geld kein gesellschaftliches Nettogeldvermögen. Barro hat ja schon mal die entscheidende Frage gestellt (ja, auch nur richtige Fragen zu stellen ist manchmal was wert): ‚Are government bonds net wealth?‘! Die kreditgeldtheoretische Antwort lautet: ja, für den Privatsektor (Haushalte + Unternehmen + Banken) IST Geld ein Nettogeldvermögen, insofern als Staatsschulden so gut wie nie getilgt werden. Dieser Sachverhalt füttert jedoch einen kuriosen Fehlschluß: denn durch die „normale“ frühkindliche Sozialisation, daß „Geld arbeiten müsse“ wird postwendend ein auf ein unmögliches Ergebnis gerichtetes Verhalten erzeugt, welches sich in der Skurrilität der Finanz-/ Vermögensmärkte widerspiegelt! Das hat was mit der „unbefleckten Empfängnis“ zu tun, was übertragenerweise letztlich ja auch nur heißt, daß aus Geld das „Mehr-Geld“ werden kann, welches von der Ricardo´schen „Korntheorie des Zinses“ immer wieder versprochen wird. Nicht lachen, die theoretischen Grundlagen des Zinses sind so! Leider! (Für Kenner: Bliss.)

Witzigerweise zeichnen sich die Finanzmärkte durch Tauschoperationen aus, die aus ihrer Anlage heraus kein „Mehr-Geld“ schaffen können – im Sinne von „Mehr-Nettogeldvermögen“. In diesem Sinne können „Erträge“ auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden. Was für eine lustige Abhängigkeit!

Diesen Teil des Kreditgeldsystems kann man durchaus kritisieren, insofern als dadurch keine gesellschaftlichen Werte im Sinne von Wohlstand erzeugt werden, da sie ausschließlich auf einer Geldvermögensumschichtung beruhen. Von ihnen geht auch keine allokative Wirkung im Sinne von Effizienzsteigerung mehr aus. In dieser Hinsicht hat ja auch die leider sehr polemische Kritik von Sarah Wagenknecht ihre Berechtigung, weil die „Produktion von Kreditketten“ keinen gesellschaftlichen Nutzen entfaltet. Nur: die Banken sind bei diesem Spiel nicht die Hauptverantwortlichen, sondern das Insistieren privater Geldvermögensbesitzer auf einer Rendite für Nettogeldvermögen, welches sich – netto – letztlich nur aus der Staatsverschuldung speisen kann. Denn private Schulden werden bedient oder abgeschrieben, Staatsschulden werden „rolliert“ bzw. mit neuen Schulden „finanziert“ – was dann die privaten „Gewinne“ ausmacht.

Das damit verbundene Problem der ’savings glut‘ tauchte ja auch erstmals bei dem „Recycling der Petro-Dollars“ auf und wurde nach dem „Ende der Geschichte“ zu einer Problemlawine, deren Ziel auf ein unmögliches Ereignis gerichtet ist – die Erzeugung von „Mehr-Geld“! Die Kapazitäten kognitiver Dissonanz reichen allerdings weit genug, um selbstverständliche Sachverhalte der Wirtschaftslebens (daß das gesellschaftliche Nettogeldvermögen stets und immer gleich NULL ist) durch den Glauben an eine vermeintliche „Mehr-Geld-Wahrheit“ zu transzendieren.

Die Entwicklung zu diesem Kreditgeldkapitalismus erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert – seit Bretton Woods, wo sich die Welt von dem Joch des „Warengeldkapitalismus“ befreien konnte und die Zentralbanken dieser – kreditgeldkapitalistischen – Welt von einem ‚lender of last resort‘ zu einem ‚lender of first liquidity‘ transformiert wurden! Daher sind 5000 Jahre „Geldgeschichte“ für die Gegenwart nur das: eine kurzweilige Geschichte, sonst nichts!

Nachbemerkung:

Möglicherweise muß die Welt anerkennen, daß der Verhandlungsführer der Amis in Bretton Woods W. White gegen Keynes doch die weitsichtigere Position vertreten hat, weil mit Keynes wohl – kurioserweise – der „Goldstandard“ noch länger überlebt hätte. Und vielleicht hatte A. Smith doch Recht damit, daß Eigennutz (in diesem Fall: der Amis) zu sozialen (weltwirtschaftlichen) Wohlfahrtseffekten führen kann – was sie natürlich nie beabsichtigt haben – warum auch, Staaten haben Interessen, sonst nichts!

Wie auch immer: das ‚occupy‘-Projekt ist genauso vergeblich, wie es der Glaube der „Finanzmärkte“ ist, aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen!

Don Quichote läßt grüßen!

6 Kommentare

Eingeordnet unter Finanzmarkt, Wirtschaftstheorie, wonkish

6 Antworten zu “Graeber: 5000 Jahre Vorspiel

  1. “ In diesem Sinne können “Erträge” auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden. Was für eine lustige Abhängigkeit!“

    Man könnte auch Private zusätzlich verschulden, nur sind solvente Privatschuldner eben aktuell die wirkliche Knappheit. Ansonsten sehr guter Artikel….

  2. Es ist übrigens n.m.E. nicht korrekt, Erträge bzw. Gewinne mit Einnahmeüberschüssen, also Geldvermögensbildung mit ihrem Schuldenwachstumszwang gleichzusetzen.

    Deswegen ergibt sich aus dem einzelwirtschaftlichem „Gewinnaussichtszwang“ aus dem Risiko der Vorfinanzierung des Wirtschaftens auch kein kausaler Guthabenwachstums = Schuldenwachstumszwang.

    Gewinne und gesparte (Zins)Einkommen (auch aus Vorperioden) kann man in der laufenden Periode konsumieren oder in reale Sachwerte investieren.

    Wenn man also die allgemeine Präferenz zur Geldhaltung reduziert, kann man also auch Gewinnwachstum bei sinkenden Schuldensalden haben.

    Bin ja aus dem gelben Forum gegrault worden, weil ich die Kausalität von Paul.C.Martins Spielende damit wiederlegt habe.

    • Nee, der Wachstumszwang wegen des „Schuldgeldsystems“ ist nicht von mir, das wird wohl ein Lesefehler Ihrerseits gewesen sein!

      Inwieweit Ihre Argumentation stichhaltig ist, kann ich anhand der angeführten Bruchstücke nicht beurteilen. Für das Ergebnis allerdings kann ich mich verbürgen!

      Was man aber dabei nicht vergessen sollte ist, daß es zwar prinzipiell keinen Wachstumszwang geben muß – es aber zu Konstellationen kommen kann – Stichwort: Sparneigung aufgrund hysterischer Zukunftsangst – die ein solches Ergebnis erzeugen können, wenn der Schuldner der letzten Instanz, nämlich der Staat, die Vermögensbildungsprozesse des Privatsektors durch Schuldübernahme alimentiert. Was man zugeben muß ist: die aktuelle Situation ist davon geprägt! Bin aber mal gespannt was passiert, wenn die Sparneurotiker feststellen, daß die Schuldenbremse genau die „Vorsorge-Vermögensbildung“ aushebelt. Das wird lustig!

      • Ich wollte Ihnen nicht Postulate zum Wachstumszwang anhängen, nur auf den Unterschied zwischen Erträgen im Sinne von einzelwirtschaftlichem Bilanzgewinn und Einnahmeüberschüssen hinwiesen. Weil eben nur letztere zu (Staats)verschuldung führen, der Bezug war also nur:

        >>>In diesem Sinne können “Erträge” auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden.

  3. Habe ich übrigens auch schon mal versucht, dem H.C. Binswanger zu erklären, er begeht ja diese unzulässige Problemverschlingung auch in sein Buch „Die Wachstumsspirale“.

    zum Thema Problemverschlingung:
    http://www.global-change-2009.com/blog/wp-content/uploads/2010/10/saldenmechanik-uberarbeitet.pdf#page=8

  4. Vandermonde

    Was Graeber ganz gut beschreibt, ist die Kritik am Mythos des Tauschhandels. Er beschreibt darüber hinaus Geld als abstrakte Maßeinheit für Schulden (eigentlich genau so wie Sie in ihrem Blog, soweit ich es richtig interpretiere).

    Grundsätzlich würde ich historische Vergleiche nicht von vornherein auf die leichte Schulter nehmen. Einfach schon deswegen, weil die Ökonomie in Ihrer heutigen Form eigentlich ahistorisch ist. Insofern ist jeder Versuch mehr Empirie und historisches Bewußtsein zu schaffen zu begrüßen, auch wenn es ein Anthropologe tut.

    Die Abhängigkeit wird ja übrigens noch lustiger, wenn man bedenkt, dass die Unternehmen in Deutschland ja inzwischen Nettogläubiger sind und sich vermehrt am Kapitalmarkt refinanzieren.

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