Das Geld ist weg?

Patrick Bernau hat in der FAZ eine interessante These aufgestellt, die als Aufruf verstanden werden kann, die Kreditübernahme im Zuge der Umschuldung Griechenlands von privaten auf öffentliche Gläubiger als verloren zu betrachten. Das Argument dabei ist, daß Griechenland seine Schulden nicht wird bedienen können – von einer Rückzahlung ganz zu schweigen. Dabei zitiert er Reinhart/ Rogoff mit der „Erkenntnis“, daß Schuldenstände über 90% – selbst für Industrieländer – nicht tragbar seien. Und weiter führt er aus, daß bereits 60% schon „eine gefährliche Zone“ seien und damit eine Nachhaltigkeit des Staatsschuldenstandes nicht mehr gegeben sei.

Und schließlich sei die Vorstellung, eine Entlastung des Schuldendienstes durch eine Senkung der Zinsen vorzunehmen, eine „seltsame Idee“.

Zunächst mal: der Unterschied von Privat- und Staatsschulden ist: private Kredite werden i.d.R. durch Zins- und Tilgungszahlungen zurückgeführt, während Staatsschulden in 99,9% aller Fälle verzinst und rolliert werden. D.h. bei Staatsschulden hängt die Bedienbarkeit an der Höhe der Zinsen und der Bereitschaft der Gläubiger, auslaufende Papiere zu ähnlichen Konditionen zu prolongieren. (Das ist das viel zitierte „Vertrauen“!)

Aber nun: gibt es aus irgendeinem Grund eine Kreditverweigerung der Kreditgeber, ist JEDER Staat von heute auf morgen „pleite“ in dem Sinne, daß eine Refinanzierung nicht mehr zu akzeptablen Konditionen möglich ist. Und soweit eine Finanzierung über die Zentralbank nicht möglich ist, ist das Spiel aus!

Das Beispiel Japan und demnächst USA zeigen jedoch, daß Schuldenstände auch jenseits der 90% sehr wohl hauptsächlich durch private „Investoren“ „tragbar“ sind, auch wenn es entgegen! mutmaßlicher Prognosen einer Markttheorie dabei zu sinkenden! Zinsen kommt. Denn die Intervention der Zentralbank kann auch derartige Schuldenstände bedienbar halten, indem der Schuldendienst durch niedrige Zinsen und einer impliziten Garantie der Zentralbank reibungslos vonstatten geht. Das mag man als ökonomisches Foulspiel interpretieren, aber das ist die gegenwärtige und zukünftige Realität! (Daß Versicherer und Fonds diese Situation nicht so toll finden, steht auf einem anderen Blatt! Das ist übrigends ein Argument dafür, daß eine Niedrigzinspolitik einer Zentralbank keineswegs die Blasen-aufpumpenden Effekte hat.)

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der die Eingangsfrage in ein völlig anderes Licht stellt. Wie man so schön sagt, sind Staatsschulden nicht erhobene Steuern! Was heißt das? Üblicherweise steht dem Einkommen des produktiven privaten Sektors eine reale Leistung gegenüber, die der Staat durch Steuern für sich beanspruchen kann. Aus der Perspektive der Theorie der öffentlichen Aufgaben ist das auch notwendig und berechtigt. Sobald aber der Staat bei seinen Bürgern Kredit aufnimmt wird der eigentlich private „Konsumanspruch“ in der betreffenden Periode durch den Staat ausgeübt, so daß die reale Leistung damit – wie beim privaten Konsum auch – untergeht. Provozierenderweise könnte man auch sagen: der Staat hat einen Teil des BIP „verfrühstückt“! (Daß die öffentlichen Ausgaben des Staates auch positive externe Effekte aufweisen, steht dem nicht entgegen – diese positiven externen Effekte sind auch für jede Gesellschaft notwendig!)

Das heißt dann aber auch auf gut Deutsch, daß mit der kreditfinanzierten Staatsausgabe reales BIP genutzt wird, welches in Folgeperioden durch keinerlei staatliche Leistung kompensiert werden kann, weil das Grundmuster realer Leistungserstellung durch zu tilgende private Kredite geprägt ist. Das bedeutet, daß eine staatliche Leistungsinanspruchnahme eine einmalige private Leistung zu einem dauerhaften staatlichen Zahlungsanspruch transformiert, welcher seitens des Staates nicht mehr (real) einlösbar ist – denn der Staat erbringt per definitionem keine privatwirtschaftliche Aktivität, die auf einen Konsumvorgang zielt! Aus diesem kühlen Grunde ist eine Staatsschuld letztlich aufgrund der Organisationsstruktur im Kreditgeldkapitalismus eine gesamtwirtschaftlich gesehen uneinbringliche Forderung, die von der Gesamtheit der Gläubiger NIE wieder in reale Leistungen zurücktransformiert werden kann. Für die Gesamtheit der Gläubiger gilt demnach stets: „Das Geld ist weg!“ Natürlich gilt diese Aussage nicht für den einzelnen Gläubiger, denn insoweit ein anderer Gläubiger in seinen Zahlungsanspruch eintritt, gibt es tatsächlich eine Möglichkeit zum Ausstieg! (Wer an den Unterschied von Global- und Partialsatz denkt, denkt richtig!)

Das heißt aber, daß es von der Grundkonstruktion! her gesehen zwischen den Staatsschulden Deutschlands und Griechenlands keinen Unterschied gibt!

Was ist also der Unterschied? Eben: die Zinshöhe und die Möglichkeit, die Schulden zu rollieren – sonst nichts! Und weil das so ist, geht die Idee der Zinsreduktion für Griechenland auch in die richtige Richtung, denn ein halbes Prozent über dem Niveau der deutschen gegenwärtigen Zinsen ist für eine Sanierungspolitik durchaus tragbar – solange der korrespondierende Schuldenstand erhalten bleibt. Und die Rollierung des Schuldenstandes sollte für die EURO-Staaten im Grunde genommen auch kein Problem sein, soweit die Bedienbarkeit des Schuldenstandes gewährleistet wird. Was wäre die Voraussetzung für ein derartiges Szenario? Ganz einfach: Griechenland müßte sich damit abfinden, daß es ein Staatsdefizit von 0,0% fahren müßte, was nur bedeutet, daß die Staatsausgaben durch Steuern, d.h. durch Beiträge der eigenen Bevölkerung, finanziert werden müßte – realiter geht es sowieso nicht anders, wenn man denn Ehrlichkeit walten lassen würde. Anders gesagt: Griechenland müßte halt mit seinen Steuereinnahmen auskommen – eine immerhin vergleichsweise komfortable Situation, die keine Konsequenz aus der einstmals luxusorientierten Staatsschuldenpolitik zieht – weil es in diesem Fall um eine Sanierung geht!

Und: sollten die Griechen das 0,0% Kriterium schaffen, wäre auch eine Staatsschuldenquote von 200% kein Problem. Der Pferdefuß dürfte jedoch sein, daß Griechenland bei Goldman Sachs noch mit einigen „baloon-payments“ in der Kreide stehen dürfte. Über US-Forderungen sollte man sich jedoch keine Illusionen machen – die sind noch bekloppter als … je nach Gusto einsetzen!

Nun gibt es derzeit vielfach und vielerorts die Neigung, komplexe Realitäten extrem zu vereinfachen. Zahlreiche Sachverhaltserklärungen, insbesondere solche im politischen Raum, treten mit dem Anspruch auf, die Wirklichkeit auf eine Wahrheit zurückzuführen und sie zugleich dichotomisch aufzuspalten in gut und böse, richtig oder falsch, Freund oder Feind. Das hat zu tun mit dem Bedürfnis nach Rechtfertigung, nach einem ‚ideologischen Unterbau‘, mit der modernen Legitimitätsfrage. Daraus entstehen ‚Feind-Stereotypen‘ und ‚Sündenbockstrategien‘, die im Extremfall in Verratslegenden ihre endgültige Aburteilung finden.
Einer derartigen Verfahrensweise möchte ich mich nicht schuldig machen.
A. Herrhausen RIF

 

21 Kommentare

Eingeordnet unter Ordnungspolitik, Wirtschaftspolitik

21 Antworten zu “Das Geld ist weg?

  1. „Zunächst mal: der Unterschied von Privat- und Staatsschulden ist: private Kredite werden i.d.R. durch Zins- und Tilgungszahlungen zurückgeführt,….“
    Wuerde das zutreffen, dann gaebe es wirklich kein Problem. Tatsache ist aber, dass sich alle Sektoren, also private Haushalte, Unternehmen, Finanzen ebenfalls staendig weiter verschulden (muessen?).
    So leid es mir tut, der Fokus auf die Staatsschulden ist Augenwischerei.
    http://www.economist.com/blogs/graphicdetail/2011/07/world-debt-guide

    • Hallo Herr Trappe,

      ich denke, Sie übersehen den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen „Alle“ und „Die Gesamtheit Aller“. Und das ist keineswegs nur rhetorisch gemeint, sondern beruht genau auf den Unterscheidungen, welche spätestens seit W. Stützel in der VWL hätten Einzug halten müssen. Das ist nämlich die Trennung ökonomischer Aussagen in Partialsätze, Sätze zur Größenmechanik und Globalsätze.

      So kann man z.B. behaupten, daß für einen (statistischen) Wachstumseffekt die Gesamtheit aller Unternehmer (Globalsatz) einen Nettoverschuldungszuwachs realisieren muß. Das heißt aber nicht, daß ALLE Unternehmen (Partialsatz) in gleicher Weise diesen Nettoverschuldungszuwachs aufweisen. Denn für den einzelnen Unternehmer gilt selbstverständlich, daß jeder einzelne Kreditvertrag einer Tilgung unterliegt, weil jedes Investitionsprojekt einem Verschleiß oder einer Alterung und DESWEGEN einer Abschreibung unterliegt, die Tilgungsraten nach sich zieht. Daß jedes einzelne Kreditprojekt einer Tilgung unterliegt sagt ja nichts über das Gesamtkreditvolumen aus, sondern nur, in Zusammenhang mit dem Wachstumsprozeß, daß, soweit eine Gruppe von Unternehmern ihr Kreditvolumen um X € reduziert, ein Wachstumseffekt nur dann entsteht, wenn die Komplementärgruppe ihr Kreditvolumen um mehr als X € erhöht (Satz zur Größenmechanik).

      Im Gegensatz dazu sind Staatsschulden quasi ein permanent wachsender Schuldenstand, der in jedem einzelnen Fall nur formell getilgt wird. Mal abgesehen davon, daß Staatsschulden im Grunde genommen hauptsächlich dazu geeignet sind, das Nettoverschuldungsvolumen des Privatsektors zu reduzieren – aber das steht auf einem anderen Blatt.

      • Es gibt ein interessantes Bild, das aus den Statistiken der deutschen Bundesbank abzulesen ist, wenn man die Zeitreihen entsprechend aufbereitet.
        http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/09/ein-interessantes-bild.html
        Dazu gehoeren noch die Daten ueber die Anteile der Passiva von PIGS Banken die deutschen Banken gehoeren und deren zeitlicher Verlauf.
        Da spielen dann Partial- / Globalsatz keine Rolle mehr. Denn da ist dann sonnenklar, das den letzten / den schwaechsten die Hunde beissen.

      • Warum hat Stützel nicht einfach von Menge, Teilmenge und Komplementärmenge gesprochen?

        [Spezialfall: Man könnte begrifflich „Teilmenge“ auf „echte Teilmenge“ reduzieren, dann hätte man immer eine Komplementärmenge, beißt sich dann aber möglicherweise mit der Realität, falls tatsächlich mal Teilmenge = Menge.]

      • Vandermonde

        Auf welchen Wachstumseffekt spielen Sie dabei an? Bei einem strömungsbezogenen wie dem BIP muss die gesamte Nettoverschuldung ja nicht zwangsläufig zunehmen oder übersehe ich etwas?

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 22. November 2012 | Die Börsenblogger

  3. „Forderung gegen Steuerzahler an Sichtguthaben“

    Mit diesem Buchungssatz könnte eine nationale Notenbank (Monetative) u.a. den griechischen Staat zinslos finanzieren. Über eine Kreditsteuer auf alle Privatkredite, könnte bei inflationärer Übernachfrage die Staatsverschuldung wieder gesenkt werden.

    Zinsen auf Staatsverschuldung erhöhen ja die private Geldvermögensbildung, welche die Ursache der Staatsverschuldung ist. Die heutige Handhabe mit dem Anleihezirkus kann man doch im Ernst nicht länger belassen wollen.

    Staatsschulden sind noch nicht erhobene Steuern bei Inländern, diesen Sachverhalt sollte man nicht per Anleihe in der Welt herum reichen, sondern in die Steuergewalt der unabhängigen nationalen Notenbank legen.

  4. Bernd Klehn

    Wie immer ein sehr aufklärerischer Artikel. Allerdings verstehe ich bei Ihnen und vielen Volkswirtschaftlern nicht die Fokusierung auf die Staatsschulden. Für mich stehen bei dem Versuch Erkenntnisse über deren Zustand und in der näheren Zukunft zu gewinnen, die Gesamtsalden einer Volkswirtschaft und deren wahrscheinliche Entwicklung im Vordergrund, also Leistungsbilanz, Nettoauslandsschulden, Kapitalverquickung. Ich halte die Trennung in privat und Staat zwar für gegeben aber für sehr flexibel.

    • Nun, Staatsschulden haben in der VWL traditionell einen prominenten Stellenwert, insofern finde ich die Betrachtung der Auswirkungen der Staatsverschuldung auf die privaten sektoralen Salden nicht ganz unerheblich. Das insbesondere unter dem Aspekt, daß die Saldenzwänge auch binnenwirtschaftlich von Bedeutung sind.

      Es mag ja sein, daß Ihr Erkenntnisinteresse mehr auf außenwirtschaftlicher Ebene angesiedelt ist, aber auch dort ist ja die Frage der Staatsverschuldung kein unerheblicher Faktor – auch wenn es einer unter mehreren ist.

      Vielleicht könnten Sie ja noch mal präzisieren, worin Ihrer Meinung nach die überzogene Bedeutung der Staatsverschuldung besteht?

  5. Vandermonde

    Mir ist die Unterscheidung zwischen privaten und staatlichen Krediten in diesem Zusammenhang nicht klar. Warum ist der Staat mit dem gewährten Kredit nicht ebenfalls real produktiv? Warum kann der Staat keine Leistungen anbieten, die genauso wie privatwirtschaftliche konsumiert werden können, auch wenn sie per Definitionem nicht privatwirtschaftlich sind?

    (Ich meine das jetzt auf theoretischer Basis und nicht weil der Staat eben rolliert und es sich daher vielleicht de facto so ergibt.)

    Ich finde das Staatsschuldenthema übrigens ziemlich essentiell, weil sich hier ein Kernpunkt zwischen einzelwirtschaftlichem und gesamtwirtschaftlichem Denken manifestiert und sich daran außerdem auch die Handlungsfähigkeit von Staaten je nach Interpretation entscheidet. Hat man hier plausible Modelle und Erklärungen zur Verfügung, die über Austerität und „Gruben ausheben“ hinausgehen und vielleicht auch die Art und Weise der Refinanzierung behandeln, wäre wahrscheinlich schon viel gewonnen

    • Vandermonde

      Hat jemand möglicherweise eine Erklärung für mich?

      • Ah, irgendwie ist mir Ihre Frage durchgerutscht.

        Es ist ja durchaus richtig, daß sowohl von den privaten Unternehmen als auch vom Staat Güter und Dienstleistungen erstellt werden können, die irgendwie nützlich oder auch produktiv sein können. Das ist nicht der Unterschied.

        Der hat auch nichts mit irgendeiner „Produktivität“ zu tun, weil Geld nicht im Produktionsprozeß entsteht, sondern im Emissionsprozeß von Zentralbank und Geschäftsbank generiert und im Kreditprozeß von Kreditkunden und Geschäftsbanken ökonomisiert wird. Keynes hat das mit seiner Formulierung gut auf den Punkt gebracht als er davon sprach, daß Geld eine Produktionselastizität von Null aufweist.

        Das wesentliche Kriterium besteht aus der funktionalen Unterschiedlichkeit von Staatsschulden und privaten Schulden. Denn wie oben schon angedeutet wird man wohl oder übel feststellen müssen, daß Staatsschulden deswegen als Konsum angesehen werden müssen, weil
        a) eine Tilgung dieser Schulden so gut wie nie stattfinden wird weil
        b) eine staatliche „Investition“-Ausgabe nicht auf eine Einnahmeerzielung abzielt, so „produktiv“ diese Ausgabe auch sein mag.

        Im Unterschied dazu zielen private Investitionen (mit Hilfe des Angebots von Gütern und Dienstleistungen) auf eine Wiedererlangung der verauslagten Kosten zur Erzielung eines Gewinns. Dazu kaufen die Unternehmen Produktionsfaktoren, was dann als Reflex die Einkommensbildung bestimmt. Insoweit also der Staat diese Einkommen besteuert, verteilt sich damit lediglich das gesamtwirtschaftliche „Konsumpotential“ um. Salopp gesagt gibt der Staat jetzt nur das als Konsum wieder aus, was sonst die Einkommensempfänger ausgegeben hätten. Man sieht daran, daß der Staat zwar ein „großer Haushalt“, aber dennoch eben ein Haushalt ist. (Bei anderen Steuern kann man ähnliche Überlegungen anstellen.) Es ging ja darum, wie man Staatsschulden betrachten soll, ob als „sinnvolle Investition“ oder als „an den Staat umverteilter Konsum“. Für eine geldtheoretische Betrachtung bleibt nur die letztere Möglichkeit sinnvoll nutzbar.

        Für meine Begriffe hat sich hier eher eine Geschichte in die Köpfe gefressen, die immer etwas von der „Produktivität der Staatsschuld“ (oder allgemeiner der Staatsausgaben) fabuliert, wobei man inzwischen vergessen hat, daß Produktivität ein technologischer Begriff ist, der im Endeffekt lediglich den Zweck hat, staatliche Ausgabentätigkeit als positiv darzustellen (was sie in weiten Teilen auch ist). Das ist so ähnlich wie die Unsitte irgendwelche Steuerforderungen/ -erhöhungen zu erheben, um irgendwelche Ausgaben GENAU DAMIT bezahlen zu können – als würde es die ersten Paragraphen der Abgabenordnung nicht geben. Die Rechtfertigungsnöte von Politikern sind jedoch kein Maßstab für seriöse Theoriebildung, selbst wenn diese Stammtisch“argumente“ von allen Medien mit befeuert werden.

      • Vandermonde

        @soffisticated

        Also erstmal danke für die Antwort.

        Also sind Staatsausgaben für Sie deswegen eine Form von Konsum, weil der Staat der facto die dabei eingegangen Verpflichtungen nicht bedient. Wobei Sie den „Konsum“ in diesem Sinne eher geldtheoretisch begründen und zwar als nicht bedienter Kredit? Wobei ich mich dabei grundsätzlich frage, was „Konsum“ eigentlich genau sein soll – den dieser macht eigentlich nur im Rahmen einer Güterbetrachtung als „Verbrauch“ tieferen Sinn.

        Allerdings könnte man argumentieren, dass die Ausgaben des Staates auf eine indirekte private Einnahmeerzielung abzielen und dies in den privaten Krediten nicht adäquat berücksichtigt wird, diese also eigentlich „zu billig“ sind, weil sämtliche Investitionen i.a. auf vorhergehenden Ausgaben des Staates beruhen und sich die privaten Investitionen einen (beträchtlichen) Teil des Investitionsaufwandes wiederum ersparen (sie müssen keine Strasse für die Lieferung ihrer Güter asphaltieren), D.h. Staatsschulden wären dann nicht „umverteilter Konsum“, sondern eigentlich „umverteilte potentielle Kredite“ bzw. sozusagen „Geschenke“ an die Unternehmen?

        Bei Ihrer Besteuerung zielen Sie auf Einkommensbesteuerung ab, jedoch hätten unternehmensbezogene Steuern unter der vorhergehenden Prämisse eine andere Bedeutung (jetzt einmal abgesehen von der „Mechanik“ dahinter – also dauerhafte Besteuerung vs. zeitlich beschränkter Kredite).

        Man muss vielleicht noch anmerken, dass der Staat im Rahmen seiner Sozialpolitik die Steuern zum Teil ja wieder an andere Einkommensempfänger für deren Konsum transferiert.

      • Dieses Kriterium ist ja nicht auf den Staat beschränkt, sondern läßt sich auch ohne weiteres bei Unternehmen wiederfinden. Denn wenn eine Unternehmung Konkurs anmelden muß und daraufhin (nach Verwertung der Sicherheiten) ein Verlust aus Abschreibungen von Kreditforderungen bei einer Bank anfällt, handelt es sich ja auch um einen Konsum, nur diesmal nicht um einen Konsum von Gütern, sondern einen Konsum von Produktionsfaktoren. (Das sind z.B. die ganzen Wintergärten der Vorstadtvillen, die wie von Geisterhand auf einmal da sind.) Im Unterschied zum Staat ist die Bank (als Garantiegeber für die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens) gehalten diesen monetären Verlust durch einen Ertrag, der zu einem Zentralbankgeldzufluß führt, wieder zu kompensieren. Das verweist auf die Eigenschaft von Zinsen eine allgemeine Risikoprämie für die Kompensation von Kreditausfällen darzustellen.

        An einer Diskussion, was der „tiefere Sinn“ von Konsum im Rahmen einer Güterbetrachtung sein soll, möchte ich mich nicht beteiligen. Sicherlich kann man davon ausgehen, daß ein öffentliches Straßennetz bei den Unternehmen zu einer Vereinfachung ihrer Logistikaufgaben führt. Das führt aber zu der uralten Frage, was man als Produktionsfaktor ansehen will, was postwendend die Frage aufwirft, wie dieser Produktionsfaktor zu bewerten ist, bzw. welchen Preis er hat. Bei einem Preis von Null und allgemeiner Zugänglichkeit entsteht wiederum das Problem der Allmende usw. usf.
        Soweit man also gewillt ist anzuerkennen, daß Geld das Wirtschaftsgeschehen dekomplexiert, gilt hier: Konsum ist der Kauf einer Ware oder Dienstleistung von einem Unternehmen, wobei dieses den Kaufpreis (Erlös) zur Bezahlung von Schuldendienst, Löhnen, Kosten und Gewinn benötigt. In diesem Sinne ist ein Verkauf von einem Haushalt an einen Haushalt kein Konsum, weil dadurch lediglich Güter und Geld getauscht werden – mal abgesehen davon, daß eine derartige Transaktion nie und nimmer ins BIP mit eingerechnet wird.

        Was die Unternehmenssteuern angeht: auch das darf man nicht statisch analysieren. Bestes Beispiel ist die Föhl-Kontroverse um das Steuerparadoxon, wo man Bedingungen angeben kann, daß eine Gewinnsteuererhöhung lediglich zu einer Steigerung des Gewinns um eben diese Steuer führt. Witigerweise wurde das von den Ökonomen mit Argumenten als nicht bedeutsame Erkenntnis abgetan, die sie normalerweise weit von sich weisen würden, nämlich daß die Konsumneigung (also die Ausgaben für – endgültigen – Verbrauch) nie so hoch sein kann, daß dieses Gleichgewicht erreicht wird. (Bei Steuern heißt die Aufhebung der c.p.-Klausel übrigens: Steuerinzidenzlehre!)

      • Vandermonde

        Vielleicht noch als Ergänzung: Eine interessante Frage dabei wäre, ob auf der Basis der völligen Berücksichtigung aller Kosten für Unternehmen überhaupt Gewinne „erwirtschaftet“ werden könnten?

      • Natürlich, man darf bloß nicht den Sachverhalt des Gewinns als Stromgröße mit dem Sachverhalt einer Bestandsänderung monetärer Aggregate verwechseln. Leider ist das der Lieblingsirrtum, der in Geldsystemdiskussionen jeglicher Couleur innigst gepflegt wird.

        Eine Behandlung dieser Frage findet sich bei den „Dynamischen Einsichten zu Geld und Zins“!

      • Vandermonde

        Der Staat ist ja in diesem Sinne nicht eine disjunkte Entität, die ausschließlich neben den Unternehmen und Haushalten existiert. Wenn also „der Staat konsumiert“ (in Ihrer Definition als zumindest de facto nicht getilgte, sondern ständig rollierte Kredite) stellt sich ja die Frage, wer das dann ganz konkret konsumiert?

        Die Antwort hier ist, dass diese staatlichen Kredite zu einem beträchtlichen Teil in Form von Infrastruktur, Bildung etc. von den Unternehmen als Produktionsfaktoren (ver)konsumiert werden.

        Insofern ist Ihre “an den Staat umverteilter Konsum” Bemerkung zwar formal im Sinne des Kreditflusses korrekt, aber genau genommen, irreführend, denn ob es sich bei der Konsumation um eine „sinnvolle Investition“ handelt entscheidet sich ja allein(!) aus der Art und Weise, wo und wie die mittels der Kredite produzierten/finanzierten Güter genützt werden. Und das hat ja wiederum weitreichende geldtheoretische Implikationen.

        Man könnte auch sagen, dass hier irgendwie die Verbindung zwischen den Kreditprozessen und der „realen Welt“ fehlt, da diese ja die Bedienbarkeit der Kredite wesentlich bestimmt (Felsberger läßt grüßen ;-)).

      • Vandermonde

        @soffisticated

        Ich frage mich, ob sich nicht eher die „Dreifaltigkeits“-Klassifzierung in Unternehmen, Haushalte und Staat in die Köpfe „gefressen“ hat (es wäre z.B. inzwischen sicher legitim die Zentralbank als eigene Kategorie hinzuzufügen und nicht als reinen Staatsableger zu betrachten). Denn wenn man Ihre Analysen so liest kommt man i.W. zum Schluss, dass der Kern aus Kreditoperationen, damit verbundenen Zahlungsströmen und Bonitätsfragen besteht. Wer hier als Kreditgeber oder -empfänger auftritt ist in diesem Modell letztendlich sekundär.

        Zwar wird auf der Basis der Bonitätsfragen die Bedienbarkeit als qualitative Größe eine Rolle spielen, aber hier ist mir nicht klar, warum der Aspekt der Rollierung irgendeine Bedeutung haben sollte, solange eben rolliert und bedient werden kann.

        Die BIP Berechnung misst zwar Zahlungsströme, aber trotzdem ist sie in dem was sie inkludiert und exkludiert in einer Güterbetrachtung und dem Versuch einer Vermeidung von „Mehrfachzählungen“ verhaftet. Aber ein Forderungsübertrag ist schlicht und einfach ein Forderungsübertrag, ob BIP „relevant“ oder nicht.

        Es sind auch nicht die Unternehmen, die die Einkommensbildung ursächlich bestimmen, sondern die Kreditoperationen und der Grad und die Höhe ihrer weiteren Verteilung. In dem Moment, wo die „Wintergärten“ gebaut sind, hat diese Verteilung ja schon stattgefunden. Die „Fehlkalkulation“ liegt ja nur darin, dass die Zahlungsströme mehrheitlich woanders gelandet sind.

      • Diese „Dreifaltigkeit“ hat ja ihren Sinn darin, Ökonomie als etwas darzustellen, wo es nur um „reale“ Dinge geht, weil ja Konsum von Gütern der letzte Bestimmungszweck von Wirtschaften sein soll. Dafür gibt es ja ein (Markt)-Modell, wo die Einbeziehung von Geld mehr stört als zu Erkenntnis führt. Die Basishandlung ist der Tausch, denn dort wird Nutzen mit Nutzen getauscht.

        Kredit und Schuld werden erst dann wichtig, wenn Wirtschaften auch aus Arbeitsteilung besteht, denn dann steht das Problem der Verteilung des gemeinsamen Arbeitsergebnisses im Raum (ist heute meist schon vergessen). Sobald aber Schulden auf der Welt sind wird die Erfüllung des Schuldendienstes auf einmal zu einer Existenzialfrage. Dabei ist es nicht sekundär, wer als Kreditgeber der 1. Instanz auftritt, denn daran entscheidet sich schon, welche Sichtweise man vertritt. Ist es der „Sparer“ verfängt man sich sofort wieder in einer Liquiditätspräferenztheorie, die heutzutage eher neoklassisch interpretiert wird, wobei die Frage, woher denn das gesparte Geld kommen soll, üblicherweise mit Ignoranz beantwortet wird.

        Ist nun die Zentralbank der Emittent von Liquidität und die Banken die Nutzer dieser Liquidität um für investitionswillige Unternehmer als Bürge dafür zu fungieren, daß diese zahlungsfähig sind, wird Wirtschaft nicht mehr von den intrinsischen Gefühlen von Sparern gesteuert, sondern von Risiko verteilenden Einheiten, die quasi ihren Kunden eine Schadensversicherung zwangsweise mitverkaufen – also Banken, die zur Risikokompensation eine Zinsprämie erhalten.

        Im Gegensatz zu Ihrer Vermutung würde ich schon sehen, daß Unternehmer im wesentlichen diejenigen sind, die Einkommen schaffen, denn diese erhalten Produktions(mittel)leistungen, deren Bezahlung dann die Einkommen schaffen, die wiederum dann, wenn der Nettogeldzugang erfolgt sind, einen Zuwachs des Nettogeldvermögens erzeugen, welches dann entweder für Konsumausgaben gezahlt oder gespart wird. Es muß also jemanden geben, der für reale Leistungen Geld zu zahlen bereit ist – das ist jedoch nicht die originäre Funktion von Banken (auch wenn sie das am Rande auch tun).

        Die Frage BIP-Relevanz ist ein weites Feld, mal abgesehen davon, daß auch noch steuerliche Aspekte dabei eine wesentliche Rolle spielen. Man kann aber auch Wirtschaft so interpretieren, daß es wie Sie andeuten im wesentlichen darum geht, wie Zahlungsströme laufen, bzw. ob die involvierten Kreditverhältnisse damit bedienbar bleiben oder nicht. Zugespitzt läuft das auf die Frage hinaus, wie sich die Sparquote und die Investitionsquote unter Einbeziehung der Schuldentilgungsquote zueinander verhalten – nicht ganz so einfach…

  6. Sehr geehrter Herr Vandermonde,

    Wann immer der Staat mehr ausgibt als er einnimt, er also einen Ausgabenüberschuß tätigt, bedeutet das für den „Rest der Welt“ einen Einnahmenüberschuß: Aus minus x Euro aus der Sicht des Staates werden plus x Euro für den „Rest der Welt“. Verbindlichkeiten des Staates und Forderungen des „Rests der Welt“ gegen den Staat schrauben sich simultan in die Höhe oder nach unten, je nachdem wie sich der Staat verhält. „Rest der Welt“ kann nun Vieles bedeuten: Haushalte, Unternehmen, aber auch andere Staaten. Von daher ist völlig offen, wo die x Euro Ausgabenüberschuß des Staates landen. Schüttet er ihn an einen Pensionisten aus, steht diesem frei diesen Einnahmenüberschuß festzuhalten („zu sparen“) oder ihn durch Konsumtion an ein Unternehmen weiterzuleiten. Ebenso kann das so in den Genuss des Einenhmenüberschuß kommende Unternehmen das Geld wieder festhalten („sparen“) oder weiterleiten, indem es z.B. Steuern an einen dritten Staat zahlt. Dann landet der Ausgabenüberschuß des einen Staates als Einnahmenüberschuß beim anderen Staat. In allen Fällen bildet sich eine Kette der Form: „Ausgabenüberschuß (A) => Einnahmenüberschuß (Z)“ oder allgemein: „Ausgabenüberschuß (A) => E (B) => E (C) => E (D)….. => Einnahmenüberschuß (Z)“, wobei E für Einnahmenüberschuß steht. Derjenige, der die Weiterreichung des Ausgabenüberschusses unterbricht („spart“), indem er auf den Kauf einer Ware verzichtet, realisiert oder verbucht den Einahmenüberschuss.

    Alfred Felsberger

    • Vandermonde

      Hallo Herr Felsberger,

      Sie nehmen Bezug auf die Geldtransaktionen – mir ging es darum, dass über die Verbindlichkeiten und Forderungen hinaus zumindest zum Teil ein physischer Output erfolgt. Dieser physische Output wiederum beeinflußt die Fähigkeit zur Bedienung von Krediten bzw. macht diese z.B. tragfähig, so dass die Kreditvergabe überhaupt erfolgen kann und ist damit eine wesentliche Quelle der Kreditausweitung und der Ausweitung der Zahlungsströme und damit des Gewinns. Als Basis für diesen Output dient als wesentlicher Bestandteil de facto die exzessive Ressourcenausbeutung (auch wenn man die Kreditsphäre als einfaches Perpetuum mobile modellieren kann um die prinzipielle Tragfähigkeit von Zinszahlungen zu demonstrieren).

      Wenn also Menendez sagt: „Das führt aber zu der uralten Frage, was man als Produktionsfaktor ansehen will, was postwendend die Frage aufwirft, wie dieser Produktionsfaktor zu bewerten ist“ und sich dann auf „Konsum ist der Kauf einer Ware oder Dienstleistung von einem Unternehmen, wobei dieses den Kaufpreis (Erlös) zur Bezahlung von Schuldendienst, Löhnen, Kosten und Gewinn benötigt“ zurückzieht, weicht er diesen „realen“ Fragestellungen eigentlich aus.

      Jedoch ist genau die Frage nach der Verbindung der Kreditsphäre mit der „realen“ Gütersphäre eigentlich die einzig mögliche Rechtfertigung für die Existenz der Ökonomie als Disziplin (der sie momentan in keiner Weise gerecht wird).

      (im Prinzip zeigen sich genau diese Schwierigkeiten sehr deutlich, wenn es um die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation afrikanischer Staaten geht).

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