4 Tage im Dezember

Mühle01Nun ist ja die Weltgeschichte nicht arm an bedeutungsvollen Daten, ob nun die Iden des März oder ‚the 5th of November‘, aber ob nun die ‚…four-day period in mid-December…‘  (von 2012) dieses Potential hat in die (ökonomische) Geschichtsschreibung einzugehen, muß zwar abgewartet, darf aber in der Zwischenzeit bezweifelt werden. Obwohl: es geht immerhin um nichts Geringeres als einen umgekehrten „Volker-Moment“, der in der Rückschau durchaus als Sieg der US-Notenbank gegen die Inflation gesehen werden muß.

Zur Erinnerung: 1979 wurde P. Volcker zum ‚chairman‘ der FED ernannt und wurde in der Folgezeit durch eine geldpolitische Strategie bekannt, die durch eine strikte Geldmengenverknappung geprägt war. Dies erfolgte vor dem Hintergrund steigender Inflationsraten in den 70er Jahren, deren Höchststände durch das deutliche Überschreiten der 10% Marke geprägt waren. Der Verlauf der ‚disinflation‘ war durch so schöne Dinge wie Rezession, steigende Arbeitslosigkeit und Unternehmenszusammenbrüche, ganz zu schweigen von den Insolvenzen etlicher 3.Welt-Staaten geprägt. Der „Lohn“ dieser Politik wird in den 20 Jahren ‚great moderation‘ gesehen, eine Phase, die mit Globalisierung, niedriger Inflation und steigender „Weltprosperität“ in Verbindung gebracht wird. So weit der Kinderkram!

Nun ist die Diskussion um den „Volcker-Moment“ schon etwas älter und betrifft eher die Diskussion um das sogenannte ‚NGDP-targeting‘, wo als inzwischen nicht mehr neuester Schrei der ökonomischen Hexenküche allen Ernstes vorgeschlagen wird, die Zentralbank möge doch eine Steuerung des nominalen Was-auch-immer-Sozialprodukts vornehmen. Dies deswegen, weil ja das ‚real GDP‘ sich durch monetäre Maßnahmen angeblich nicht verändern ließe, da ja nach Dafürhalten der Theorie der rationalen Erwartungen die Individuen durch Geldmengenveränderungen nicht getäuscht werden können, sie mithin frei von Geldillusion seien. Heiliger Bimbam – dagegen ist ja Bimbes was Reales!

Doch jenseits aller möglichen ökonomischen Phantasiewelten scheint sich inzwischen anzudeuten, daß Zentralbankpolitik zur letzten verbliebenen Politikoption geworden ist, was sich an dem Widerspruch zeigt, einerseits die Unabhängigkeit der Zentralbank aufs Innigste zu beteuern, während auf der anderen Seite die Zentralbanken zunehmend das Geschäft der Konjunkturpolitik zwar nicht de jure, aber immerhin de facto übernehmen, zu der die Politik aufgrund vielfältigster Selbstbindungen immer weniger in der Lage ist. Im Gegensatz zu der damaligen Volcker-Politik der Inflationsdämpfung hat die Geldpolitik heutzutage jedoch die ungleich undankbarere Aufgabe eine ökonomische Verhaltensänderung, und zwar hinsichtlich einer Steigerung der Investitionsneigung hervorzurufen, deren Ergebnis ein möglichst fühlbarer Wirtschaftsaufschwung sein möge.

Dabei werden zwei Dinge entweder übersehen oder als selbstverständlich gegeben betrachtet:

a) Zum einen kann eine Zentralbank, wenn sie expansiv wirken möchte, lediglich ein Angebot machen, um eine Steigerung des „Geldumlaufs“ zu bewirken, im Gegensatz zu einer Restriktionspolitik ist sie dabei jedoch stets auf die Mitwirkung ihrer ‚counterparts‘ angewiesen. Immerhin besitzt eine Strategie der Liquiditätsausweitung aufgrund der unbeschränkten Liquidität der Zentralbank eine vergleichsweise hohe Erfolgswahrscheinlichkeit.

und

b) Zum anderen ist die Vorstellung, daß die Senkung eines möglichst langfristigen Zinses eine wesentliche Voraussetzung für Investitionen sei, aus einer Theorie geboren, welche einmal voraussetzt, daß sich aufgrund von Preissenkungen für ein Wirtschaftsgut eine korrespondierende Steigerung der Nachfrage nach eben diesem Gut (quasi-per-definitionem) einstellt, sowie daß eine Zinssenkung – wenn schon keine hinreichende – so doch wenigstens eine notwendige Bedingung für die (mehr oder weniger marginale) Steigerung der Rentabilität von Investitionen sei. Daß es sich dabei um eine mikroökonomische Betrachtung handelt, die durch die allgemeinen Umsatzerwartungen der Unternehmer in keiner Weise gedeckt sein muß, läßt diesen Aspekt des hochwohlgelobten Transmissionsmechanismus als schwächstes Glied erscheinen.

Das Frappierende an der ganzen Angelegenheit ist jedoch, daß in diesen 4 Tagen, in denen die FED, die BOJ und die BoE zu einem Doppelmandat hinsichtlich des Ziels „Arbeitslosenrate“ eingestimmt wurden, die EZB in keiner Weise – zumindest offiziell – gewillt ist, eine multipolare Zielstellung – Geldwertstabilität plus Arbeitslosenrate, das Revival der „Phillips-Kurve“ – überhaupt auch nur anzudeuten.

Der Knaller ist also: die EZB ist die einzige (wenn man China mal ausnimmt) bedeutende Zentralbank, die immer noch ein monodimensionales Ziel verfolgt, da offenbar der Einfluß der Bundesbank immer noch groß genug ist, um in Europa das Primat der Politik der Strukturveränderungen durchsetzen zu können. Das erinnert an die Situation nach der Wende, als auch nicht klar war, wie sich die BRD hinsichtlich der „Kosten der Vereinigung“ positioniert. Das Ergebnis ist bekannt. Statt zwei Prozent Mehrwertsteuer (Wahlkampf CDU) wurden drei Prozent (Koalitionsbeschluß CDU-SPD) zusätzlich erhoben und damit die Staatsverschuldung auf ein erträgliches Maß begrenzt. Das gleiche Muster kündigt sich auch hier an. Die Schäuble-Nummer beruht auf dem gleichen Spiel – nur eine Nummer größer!

Man mag zwar sagen, daß die Politik der EZB auch nicht den Statuten, wie sie in Maastricht vereinbart wurden, entspricht, aber unter den Blinden ist die EZB genau dann einäugige Königin, wenn sie sich der Versuchung versagt, die Frage der Förderung einer nachhaltigen, industrielastigen Ökonomie mit einer Ausweitung des Liquiditätspotentials beantworten zu wollen. Die viel kolportierte Binsenweisheit, daß mit Zentralbank-Geld(-Politik) keine nachhaltige Konjunkturentwicklung  erzeugt werden kann ist ja insofern richtig, als es immer der Kooperation der Unternehmen (und nicht der Liquidität saugenden „Finanzmärkte“) bedarf, um „anständige“ Resultate hervorzubringen.

Das macht aber die 4-Tage-Geschichte auch so kurzläufig: der Irrglaube der FED etc. besteht darin, mit Hilfe der Zinsbeeinflussung aus der vermeintlichen(!) einzelwirtschaftlichen Steigerung der Rentabilität schlußfolgern zu wollen, daß damit auch eine gesamtwirtschaftliche Rentabilität erzeugt wird – und damit das seit Jahren virulente Krisenphänomen des Kapitalismus adressiert werden kann. Das ist aber nicht der Fall, denn die Erhöhung des Volumens der Zahlungsmittel – was anderes kann eine Zentralbank nicht – macht noch keine Konjunktur aus. (Wer an die Schwalbe und den Sommer denkt, denkt richtig!) Konjunktur ist dann, wenn die Leute kaufen wie blöde – sonst nicht, das hat aber mit Zentralbankpolitik nichts zu tun – Ricardo-Barro-Neutralitätstheorem hin oder her!

Wäre es so, dann würden die Unternehmen auch so reagieren, wie es die anglo-Ökonomie es vorsieht – allein so ist es nicht und wird es auch nicht mehr werden – allen treuherzigen Beteuerungen seitens der Wirtschaftsforschungsinstitute und der versammelten Presse und leider auch der GfK zum Trotz.

Verfluchte Makroökonomie!

29 Kommentare

Eingeordnet unter Ordnungspolitik, Wirtschaftspolitik

29 Antworten zu “4 Tage im Dezember

  1. „die Leute kaufen wie blöde“ = steigende Beschäftigung =
    Pläne zur Geldvermögensbildung kleiner Pläne zum Geldvermögensabbau.

    Geldvermögen = Saldo der Käufe und Verkäufe, hat mit Geld im Sinne von Zahlungsmittel direkt nichts zu tun.

    Da der staatliche Geldvermögensabbau (Überschuss der Käufe) an Grenzen stößt, muss der private Geldvermögensaufbau (Überschuss der Verkäufe) unter Sanktion, und genau dies kann eine Notenbankpolitik der Zinsdrückung unter Inflationsrate schon unterstützen. Silvio Gesell lässt grüßen, aber eben nicht mit nominalen Zahlungsmittelgebühren, sondern via Inflation mit realen Geldvermögenshaltegebühren auf Verkaufsüberschüsse.

    Die Notenbankpolitik wirkt also auch gar nicht auf die realen Ausleihungen, solvente Schuldner sind aus und können so nicht geschaffen werden. Vielmehr werden die bisherigen Geldvermögenshalter in die reale Selbst-Investition gedrängt, da die Geschäftsbanken ihnen keine Sparzinsen zahlen. Die Abschaffung der Knappheit und des Zinses von Zentralbankgeld schafft dafür die hinreichende Bedingung, insbesondere wenn dies mit sehr langfristigen Konzepten = langfristige Nullsparzinserwartungen unterlegt wird.

    Es hat doch für Deutschland einzelwirtschaftlich auch wunderbar funktioniert, sich via Exportüberschüsse die Pläne für Geldvermögensabbau aus dem Ausland zu importieren. Wenn nur die blöde Retterei jetzt nicht wäre, was die Vorteile zeigt, lieber die Pläne zum Geldvermögensaufbau zu sanktionieren. Alles wird gut, wenn die Buba-Fritzen in der EZB weiter entmachtet werden und die Deutschen sich und Europa nicht länger zur Geißel ihrer Horter und Inflationsneurotiker machen lassen.

    Schon mit dem erreichten Spar-Zinsniveau bei Käufermärkten und schwacher Konjunktur in Europa, USA und Japan kann es übrigens keinen Zweifel mehr geben, dass die „crowding out Storry“ mausetot ist. Also der Versuch, dem Staat in der Identität von privaten Nettogeldvermögen und Staatsschulden die aktive Täterrolle bezüglich wachsender Staatsschulden zuzuweisen. Die Geldsparer treiben die Staatsverschuldung hoch und wenn diese Staatsverschuldung angeblich oder tatsächlich ein Problem ist, sind es die Geldsparer als Täter auch. Nach dem Verursacherprinzip ist da finanzielle Repression die logische und n.m.E. auch höchst moralische Konsequenz. Schwierig ist daran lediglich, dass man dem Geldsparer seine Täterrolle noch nie nahe gebracht hat. Nach meinen Erfahrungen will er es aber eh nicht hören und reagiert höchst unsachlich – aber wer hört schon auch gern Schuldzuweisungen?🙂

    • Geldsparer und Banken ziehen an einem Strang, weil durch sehr naheliegende/aehnliche Motive getrieben.
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/11/der-haken-der-geschichte.html
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/11/wie-die-nummer-laeuft.html

      Was die Faehigkeit der Zentralbank bezueglich der Nivellierung der Bonitaetsnormen angeht, hege ich in soweit Zweifel, dass mir nicht einleuchten will, wie eine Verknappung der Zentralbankgeldmenge verhindern soll, dass auf der passiv Seite der Bankenbilanzen ein Konzentrationsprozess ablaeuft, der simultan und zunehmend die Zahlungsfaehigkeit/Bonitaet der Schuldner untergraebt. Wenn dann noch einige wenige der hochkonzentrierten Passiva die Bank wechseln, dann wechseln gleichzeitig Aktiva bester Bonitaet, naemlich Forderungen gegen die Zentralbank die Bank und die davon betroffene Bank laeuft trocken. Weil sie welchen Fehler gemacht hat?
      Sie hat Inhaber grosser Guthaben gegenueber Inhabern kleiner Guthaben bei der Zahlung von Guthabezinsen bevorzugt und so den Konzentrationsprozess befoerdert. Haette sie das nicht getan, waeren die hochkonzentrierten Guthaben schon frueher gewechselt. Und wenn die Banken die „ultimative Loesung“ versuchen, indem sie wacklige Activa verbriefen und so durch den Wolf drehen, dass aus faulem Haehnchenfleisch triple A Rindersteaks werden und diese den „Muppets“, also den duemmeren Inhabern grosser Guthaben verkaufen, dann geschieht das, was wir seit 2007 erleben. Und die US Zentralbank hat diese Lawine eben durch Vernappung der Zentralbankgeldmenge ausgeloest. Das kann man als Versuch der Disziplinierung verstehen, aber ich glaube wir sind uns einig, wenn ich sage, das der ganz offensichtlich gewaltig in die Hose gegangen ist. Oder?

    • Vielleicht mal eine Bemerkung vorab: Sie haben es sich ja auf die Fahnen geschrieben, die Menschen über Sachverhalte zu informieren, die Sie für eine Fehlentwicklung der Ökonomie halten. Insofern betreiben Sie ja Ihre Website mit dem Anspruch der Aufklärung über eben diese Probleme. Eine Ihrer wesentlichsten Argumentationslinien ist das Hantieren mit Lehrsätzen aus der Saldenmechanik von Stützel.

      Wenn Sie dann vor diesem Hintergrund schreiben:

      „Geldvermögen = Saldo der Käufe und Verkäufe…“

      dann dürften Sie Schwierigkeiten haben eine derartige Aussage dort zu finden. Denn der Begriff „Geldvermögen“ bezeichnet eine Bestandsgröße (’stock‘) und somit eine zeitpunktbezogene Entität, während der „Saldo der Käufe und Verkäufe“ (Käufe/ Verkäufe: das sind die ‚flows‘) üblicherweise die Differenz einer Wirtschaftsperiode darstellt und somit eine Bestandsänderungsgröße ist, die im Zeitpunktvergleich das Geldvermögen entweder erhöht oder vermindert. So wie Ihre Aussage aber dasteht macht sie nur dann Sinn, wenn man unterstellt, daß auf der rechten Seite der Gleichung ALLE Käufe und Verkäufe von Anbeginn an gemeint sind, d.h. alle Transaktionen z.B. von Gründung eines Unternehmens an (sozusagen das Integral über alle Zeit). In diesem Sinne wird aber „Saldo der Käufe und Verkäufe“ üblicherweise nicht verwendet, sondern als i.d.R. jahresbezogene erfolgswirksame Kennziffer, die in der GuV zur Ermittlung des Jahreserfolges einfließt.

      Soll heißen, Sie tun sich und anderen nichts Gutes, wenn Sie derartige Behauptungen ohne Qualifizierung zur Grundlage von Argumentationen machen, weil dann nämlich nicht mehr klar ist, worauf sich das Argument bezieht. Und wenn Sie im Anschluß dann noch schreiben, daß Geldvermögen „mit Geld im Sinne von Zahlungsmitteln“ direkt nichts zu tun habe, dann darf ich doch mal daran erinnern, daß ausgerechnet für Stützel die Definition von Geldvermögen die „Kasse“ – d.h. die Zahlungsmittel – immer mit einbezieht! Wie Sie also auf eine solche Formulierung kommen ist mir völlig schleierhaft!

      Zum anderen: das Argument von P. Martin, daß der virulente Engpaß der Kreditvergabe die „fehlenden Schuldner“ sind ist zwar nicht ganz von der Hand zu weisen, macht aber vor dem Hintergrund, daß ja vor kurzem massenweise NINJA-Kredite vergeben wurden, auch nur relativen Sinn. Das ist ja gerade das Fatale an jedem (Immobilien)-Boom, daß die Besicherungsgrundlagen viel zu hoch angesetzt werden und der Katzenjammer dann einsetzt, wenn sich zeigt, daß das ‚collateral‘ die Erwartungen nicht mehr erfüllt. Das war aber auch vor P. Martin schon nicht mehr neu.

      Was mich eher immer wieder erstaunt ist, daß von Ihnen auf die – vertretbare – Diagnose zu hoher Geldvermögensbildung als Korrekturmaßnahme stets nur von Sanktionen die Rede ist, als müsse man dem Sparer nur den „Anreiz“ zum Sparen wegnehmen und dann wäre alles gut. Zum einen sieht das für mich so aus wie eine großväterliche „Anordnungsökonomie“, wo das zu erfolgen hat, was von einer Autorität gesagt wird und basta. So funktioniert aber Wirtschaft nicht. Zum anderen ist der Staat ja nicht Getriebener irgendwelcher „Geldsparpläne“ von Privaten (bei Plan fällt mir sowieso immer nur Egon Olsen ein), sondern eher getrieben von der Motivation, durch steigende Kreditaufnahme auf besondere (Krisen)-Situationen zu reagieren. Ob nun Ölpreiskrise in den 70er Jahren, die „Wendekosten“ der 90er oder die Nachwirkungen der Bankenrettungen sind ja nicht auf irgendwelche „Geldsparpläne zurückzuführen, eine derartige Position greift dann doch ein bißchen zu kurz.

      Und wie man eine Politik der finanziellen Repression mit einer noch einigermaßen liberal strukturierten Wirtschaft vereinbaren kann will sich mir auch nicht erschließen.

      • Was die Aufklaerung ueber Bestandsgroessen und Fluesse angeht haben Sie meine volle Unterstuetzung. Absolut richtig! Was Egon Olsen angeht auch!;). Denn planen heisst Zufall durch Irrtum ersetzen.
        Motive spielen aber schon eine Rolle und fuehren ja nicht selten zu zielgerichtetem Verhalten. Nun ist es aber so, dass wenn alle motiviert sind das Ziel „Mehr“ anzustreben sich ein Prozess in Gang setzt, der zur Konzentration der Objekte der Begierde in den Haenden weniger fuehrt.
        D.h. das Ganze strukturiert sich, bildet eine Hierachie aus, was ja auch gewuenscht ist, wenn vorher alles in Truemmern liegt. Das Dumme ist, dass nach einer gewissen Zeit die Sache „kopflastig“ wird und das, was in einer Aufbauphase ein erfolgreiches Rezept war, anfaengt fatale Folgen zu entfalten. Die hoch konzentrierten Geldvermoegen fangen an auf der Suche nach maximaler Rendite Amok zu laufen. Sie schwingen wie eine Abrissbirne von einer Opportunity zur naechsten. Erst sind es Tiger Staaten in Asien, dann New Economies ala dotcom und dann Immobilien.
        Zum Teil noch gehebelt durch die Kapazitaet lokaler Banken zur Geldschoepfung. Wenn diese Abrissbirne dann wieder ausschwingt und kein Target2 Mechanismus o. aehnliches (AIG Bailout) die lokalen Banken rettet brechen aufstrebende Volkswirtschaften, neue Industrien mit hohem Potential oder eben Immobilien Blasen krachend in sich zusammen. D.h. wenn man dieses System stabilisieren will, dann muss man entweder die Konzentration reduzieren oder zumindest die Beweglichkeit des hochkonzentrierten Geldes einschraenken. Die Moeglichkeit dies durch langfristige Bindungen via hoher Langzeit Zinsen wird aber von den Notenbanken aktiv bekaempft weil allen Sektoren (Staat, Private Haushalte, Unternehmen) das Wasser schon bis zum Hals steht. Und so kommt es, dass diese Gelder weiter herum vagabundieren aber nicht den Weg zurueck zum Ort ihrer Entstehung finden und so einen Schuldenabbau ermoeglichen wuerden. Die Vorstellung die Notenbanken koennten in dem aktuellen Setup daran etwas aendern halte ich fuer falsch. Das Ding ist nur zu retten, wenn Politik und Vermoegenseigentuemer einsehen, dass diese Vermoegensstrukturen mit fortschreitender Konzentration zunehmend ihre Tragfaehigkeit verlieren und das Tabu gegenueber Eigentum und seinen sozialen / gesellschaftlichen Verpflichtungen aufgegeben wird.
        Liberal im Sinne der Erfinder bedeutet Freiheit von Tyrannei und nicht Freiheit zur Tyrannei.

  2. Pingback: 4 Tage im Dezember | Guthabenkrise

  3. Danke, dass Sie nachfragen, eh ich antworte eine Frage:
    Liegt Ihnen ein Exemplar der „Volkswirtschaftlichen Saldenmechanik“ vor, reicht es also wenn ich kurz zitiere und auf Seiten verweise oder sollte ich umfangreicher zitieren?

    • Ich habe mir dieses Buch 1993 für DM 88,- gekauft, insofern würden mir Verweise ausreichen.

      Aber bitte: die „Saldenmechanik“ ist keine Bibel, exegetische Bemühungen wären nicht das, was man sich unter einer Diskussion vorstellt. Daß sich Stützel bei der Frage „Zahlungsmittel“ auch um eine definitive Antwort herumdrückt, habe ich in einer Antwort auf H. Zeller in „Vollgeldspielereien“ schon mal zum Ausdruck gebracht.

  4. Gut, aber Ihr Vorwurf war ja gerade, dass ich Thesen verbreite, die von der Saldenmechanik nicht gedeckt werden. Darauf werde ich später mit Seitenangaben eingehen.

    Dass man über Schlüsse aus Zusammenhängen immer streiten kann ist ja wohl klar, die trivialarithmetischen Zusammenhänge aus der Identität von Kauf und Verkauf selbst, sind kaum sinnvoll bestreitbar, werden aber häufig ignoriert. Saldenmechanik ist sicher keine Bibel, legt aber für regelmäßig zusätzlich nötige Verhaltensannahmen ökonomischer Postulate eine logische Basis gesamtwirtschaftlichen Denkens.

    Ihre Schlüsse, dass Stützel sich um Frage was Zahlungsmittel sind herumdrückt, kann ich nicht teilen. Er erklärt nur berechtigt, dass die quantitative Abgrenzung der Zahlungsmittel aus der Forderungsmenge schwierig und nur mit Bezug auf einen Nutzerkreis definierbar ist. Daraus den Schluss zu ziehen, dass er sich um die Antwort um die Natur der Zahlungsmittel als im Nutzerkreis akzeptierte übertragbare Forderung nicht völlig sicher ist, halte ich wiederum für sehr gewagt.

    • Der Punkt hier war, daß Sie die Gleichheit einer Bestandsgröße mit einer Bestandsänderungsgröße präsentieren und sich dessen nicht bewußt sind. Wenn man über Ökonomie reden oder schreiben will, dann muß man aber die elementaren Kategorien auseinanderhalten, das nicht zu tun ist so etwa wie in der Mathematik durch Null zu teilen. Da ist auch eine Stützel-Exegese unsinnig, denn dazu reichen einfache Kenntnisse der Bestandsrechnung.

      „… Abgrenzung der Zahlungsmittel aus der Forderungsmenge…“

      Das heißt ja dann wohl, daß Zahlungsmittel eine Teilmenge der Geldforderungen sein müssen. Ich möchte ja niemanden daran hindern Zahlungsmittel (= ZBG) mit Forderungen auf Zahlungsmittel gleichzusetzen, woher dann aber ein ‚bank-run‘ kommen soll, wird wohl auf ewig unerklärlich bleiben. Ich lese bei Stützel jedenfalls, daß er einen Unterschied dazwischen macht, weswegen er auch bei der Definition des Geldvermögens (Bestandsgröße) explizit die Bestandsgrößen Kasse, monetäre Forderungen und monetäre Verbindlichkeiten verwendet. Daran ist ja auch eigentlich nichts problematisch – oder ist für Sie die Kasse eine Forderung?

  5. Vorab mal ganz ehrlich, ich habe gerade in den letzten 5Tagen intensiv mit der Saldenmechanik „geschlafen“, weil ich am kurzfristig erscheinenden Wiki Eintrag dazu mitarbeiten durfte und versucht habe, irgendwie eine Zusammenfassung des anspruchsvollen Stoffs zu finden. Ich stehe also überproportional gut im Thema, also nehmen Sie meine unvermeidliche Klugsch..ßereie🙂 am besten mit Humor.

    Die Thematik ist schwierig komplett erfassbar und ich konnte mich beispielsweise längst für die Saldenmechanik der Staatsschulden begeistern, als ich die Wichtigkeit der „Zweiteilung des Objekts der Geldtheorie“ für die ökonomische Theoriebildung längst noch nicht begriffen hatte. Ich hatte übrigens Teile der Saldenmechanik nach engagierten Diskussionen „im Gelben“ neu erfunden und habe erst Anfang 2010 überhaupt von dem Werk erfahren. Allerdings ticke ich in fast allen Fragen ex_ante!!! sehr ähnlich der Stützelschen Sicht, was mich als Nobody in die komfortable Situation bringt, mich auf sein Werk berufen zu können. Dass Sie dies nun in Abrede stellen, kann ich also nicht stehen lassen.🙂 Jenseits solcher Rechtfertigungen ist es mir aber viel wichtiger, dass engagierte Ökonomen wie Sie das volle Potential saldenmechanischer Überlegungen für die „verfluchte Makrökonomie“ erkennen. Bitte verstehen Sie also meine Ausführungen BITTE lieber als Anregungen in diesem Sinne.

    Als eine Zusammenfassung der Saldenmechanik wird bei wiki stehen:

    Neben der Mechanik der tatsächlichen Identitäten, insbesondere von Kaufüberschuss und Verkaufsüberschuss, ist gerade die Erkenntnis saldenmechanischen Denkens, dass viele Sachverhalte gar nicht mechanisch verbunden sind, die in vielen Modellen bisher oft leichtfertig als verbunden betrachtet werden. Stützel verwendet den Begriff der „Problemverschlingungen“ wenn beispielsweise das Gleichgewicht der Pläne für Geldvermögensänderungen mit dem Gleichschritt solcher Änderungen und dem Gleichbleiben der Gesamtausgaben oder des Kapitalstocks unzulässig miteinander identifiziert werden. Ähnliches gilt für die in der Saldenmechanik streng getrennt betrachteten Geldvermögens- und Zahlungsmitteloperationen, welche erst durch klare Unterscheidung eine widerspruchsfreie Klärung der Zusammenhänge von Geldsystem und realer Wirtschaft ermöglichen[2]
    Saldenmechanik nutzt also die Zusammenhänge tatsächlicher Identitäten und deckt gravierende Irrtümer der Modellbildung aus fälschlicherweise vermuteten Identitäten und Gleichgewichtszuständen auf.

    Zur Wichtigkeit der Unterscheidung der Geldvermögens- und Zahlungsmitteloperationen Stützel selbst:

    VSM S12
    „Die weitverbreitete Nachlässigkeit in der Abgrenzung, was man jeweils unter Geldstrom verstehen sollte, dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Bedeutung der von uns ausführlich untersuchten Größenbeziehungen immer noch so wenig ins Bewusstsein gedrungen ist….“

    Auf Seite 63 oben hält Stützel als Konklusion entsprechender Erläuterung fest, dass er die Begriffe „Kauf“ für alle geldvermögensmindernden Operation und „Verkauf“ für alle geldvermögensteigernden Operationen verwendet. Logischerweise ist dann das Saldo der Verkäufe und Käufe das Geldvermögen. Und dies können wir gern auch mal einzelwirtschaftlich durchdeklinieren. Diese Aussagen stehen natürlich unter dem Vorbehalt, dass wir die monetisierten Metallbestände der Notenbanken dem Sachvermögen zurechen.

    Davon werden dann die reinen Zahlungsmitteloperationen unterschieden. Dass Zahlungsmittel wie von Ihnen korrekt eingewendet, Teil der Geldvermögen sind , ändert nicht daran, dass Zahlungsmitteloperationen der BEZAHLUNG eben entgegen den KAUFoperationen geldvermögensneutral sind.

    Auf Seite 64 hält Stützel fest, dass eben auch eine Zahlungsmittelschöpfung durch Banken geldvermögensneutral ist.
    Wer aber Zahlungsmittel und Geldvermögen trotz teilweiser Identität nicht ausreichend auseinander hält, wird dies nie korrekt verstehen und bewerten können.

    Mein Hinweis, die konjunkturrelevanten Pläne für Geldvermögensänderungen durch Kaufsalden nicht durch leichtfertige Vermengung mit Zahlungsmitteloperationen zu vermengen, liegt also im Kontext der Saldenmechanik und der stützelschen Analyse ihrer fehlenden „Eindringung ins Bewusstsein“. Er tangiert auch unmittelbar die Frage, wie Zahlungsmitteloperationen einer Notenbank, auf die Geldvermögensoperationen Einfluss nehmen können.

    Exakt nur über die Einflüsse, die indirekt auf die Pläne für Kaufüberschüsse und Kaufüberschüsse genommen werden können – so trivial wie Inhalt „unendlicher“ Diskussionen.

  6. meinte natürlich auch Pläne für Verkaufsüberschüsse und ja,

    Kasse = auf Papier dokumentierte Forderungen gegen die ZB

    Im übrigen hatte ich ja auf die Pläne zur Geldvermögensänderung als Flussgröße abgestellt und das Wort Geldvermögen nur zur Abgrenzung des Begriffs zu Zahlungsmittel erläutert. Dass man an der Stelle auch besser auch von Geldvermögensänderungen gesprochen hätte….meinetwegen, wer „Begriffschlamperei“ der Profi-Ökonomen als wesentliches Problem der Theoriebildung erkannt hat, arbeitet da ständig an persönlicher Weiterentwicklung. ja, danke, sehr aufmerksam🙂

  7. und wenn wir dann mal beim Detail sind….

    >>>sondern als i.d.R. jahresbezogene erfolgswirksame Kennziffer, die in der GuV zur Ermittlung des Jahreserfolges einfließt.

    Der Jahreserfolg ist bitte mit der Veränderung des Geldvermögens einer Einzelwirtschaft auch nicht zu identifizieren, Es gibt ja auch nicht die Sachvermögen, das Geldvermögen einer Einzelwirtschaft kann also bei steigendem Gewinn durchaus sinken.

    Teil meiner „Sog“-Predigten:
    Da Sachvermögen ja abdiskontiert wird, ergibt sich daraus ein großes Potential via Abschaffung des Zinssatzes für Nullrisiko und der Aufschläge für Risiken stark schankender Konjunktur um den risikobedingten Gewinnbedarf des kapitalistischen Wirtschaftens ohne oder mit geringem Schuldenwachstum abzubilden, eben indem die Gewinnrealisation in Sachwerten angeregt wird.

  8. zu den anderen Fragen würde ich noch mal was bringen, wenn der wiki Artikel online ist – nur dazu heute noch:

    >>>>Und wie man eine Politik der finanziellen Repression mit einer noch einigermaßen liberal strukturierten Wirtschaft vereinbaren kann will sich mir auch nicht erschließen.

    Diese Repressionen haben wir heute gegen Einkommen durch Besteuerung. Was der qualitative Unterschied sein soll, private Geldvermögen als gesellschaftlich nachteilige Art der Wertaufbewahrung direkt oder indirekt zu (be)steuern erschließt sich mir nicht. Insbesondere wenn man gerade als Liberaler den Staat nicht als alternativen und unfähigen Investor sehen möchte.

    auch diesbezügliche Grüße nach BERlin

  9. >>>>Zum anderen ist der Staat ja nicht Getriebener irgendwelcher “Geldsparpläne” von Privaten (bei Plan fällt mir sowieso immer nur Egon Olsen ein), sondern eher getrieben von der Motivation, durch steigende Kreditaufnahme auf besondere (Krisen)-Situationen zu reagieren. Ob nun Ölpreiskrise in den 70er Jahren, die “Wendekosten” der 90er oder die Nachwirkungen der Bankenrettungen sind ja nicht auf irgendwelche “Geldsparpläne zurückzuführen, eine derartige Position greift dann doch ein bißchen zu kurz.

    Wenn Sie zusätzliche Staatsausgaben, wie z.B. bei der Wiedervereinigung als Ursache der Erhöhung von Staatsverschuldung ausmachen, kommen sie (wie 99,9% der Menschen und einem Großteil der Ökonomen) vom einzelwirtschaftlichen Denken her.

    Im Partialsatz führen zusätzliche Ausgaben eines Einzelhaushaltes natürlich auch zu einem Ausgabeüberschuss. Bei gesamtwirtschaftlichem Denken kommt man dann aber zu einer Größenmechanik (siehe seite 74 oben) welche der Komplementärgruppe eine entscheidende Rolle zuweist. Die Staaten können also ausgeben oder Ausgabe kürzen wie Sie lustig sind, ihr Verschuldungssaldo wird davon abhängen, ob die Privaten ihre Pläne für Geldvermögensentwicklung (Kaufsalden) umsetzen können.

    Hier ist also die Betrachtung der Machtverhältnisse und Pläne der Gruppen die entscheidende Frage, wenn man denn Schuldige suchen möchte. Was ich übrigens nur mache, wenn die angebliche fehlende Moral von Sanktionen gegen private Geldvermögensbildung auf den Tisch kommt.

    Ich habe versucht anhand der Merkmale von „crowding out“ nachzuweisen, dass diese Schuldfrage der Staatsverschuldung wohl AKTUELL an die Geldsparer geht. Ob dies zu früheren Zeiten anders war, mag ich nicht völlig in Abrede stellen.

    Wenn man sich wie ich aber eher für Lösungen für die heutige Situation interessiert, hat man es wesentlich einfacher. Dann kann man sich bezüglich der globalen Staatsverschuldung auf folgende allgemeingültige Aussage Größenmechanik auf Seite 74 zurückziehen:

    Andererseits kommt es bei der Gruppe der Staaten auch ohne Ausgaberückgang stets zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Gruppe der Privaten einen solchen Ausgabeüberschuss vornimmt.

    Es also eine allgemeingültige und logisch unbestreitbare Aussage ist, dass die Anregung von Ausgabeüberschüssen der Privaten das (angebliche*) Problem der globalen Staatsverschuldung sicher lösen kann.

    *Die Staatsverschuldung wird ja erst zu einem tatsächlichen Problem für Demokratie und Frieden, wenn man entgegen der Pläne der Komplementärgruppe versucht, dieses mit Ausgabekürzungen zulösen.

    Denn dann gilt:
    Vielmehr führt ein Ausgaberückgang der Staaten nur dann zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Privaten diesen Ausgabeüberschuss hinnehmen.

    Und hier können wir jenseits exakter saldenmechanischer Aussagen mittels naheliegenden Handlungsannahmen davon ausgehen, dass diese Situation erst bei einer erheblichen Schrumpfung des BIP und der zwischenzeitlich ohne Staatseingriff zu akzeptierenden Insolvenz des Finanzsektors eintritt. Es also diese Handlungsoption, im Sinne von mit Erfolgschancen unterlegt gar nicht gibt, sondern dies nur jenen suizidalen Politikansatz abbildet, mit dem wir gerade Europa ruinieren und in neuen Unfrieden treiben.

    Und nur dass dieses (angebliche) Problem der Staatsverschuldung friedlich lösbar ist, meine ich wenn ich von „alles wird gut“ bei Ansätzen zur Sanktionierung der privaten Geldvermögensbildung fabuliere. Für mich ist nämlich erstmal „alles gut“ wenn wir (Bürger) Krieg und neue (rot)faschistische Barbarei vermeiden können.

    Dass Ökonomie generell und Konjunktur im Besonderen (schon über den emotionalen Multiplikator des Impulses der Plandifferenz der Geldvermögensbildung) von vielfältigen anderen „menschlichen“ Faktoren geprägt ist. ist völliger Konsens.

  10. Man müsste übrigens auch nicht das missverständliche Wort „Pläne“ verwenden, sondern könnte mit ex_ante arbeiten.

    Nur ist die Aussage S ex ante > I ex ante noch viel missverständlicher.
    Eben weil gerade die unzulässige identifizierung von S mit Geldvermögensaufbau und I mit Vgeldvermögensabbau(Verschuldung) zu den Dauerbrennern von durch unklare Begriff gestörten Diskussionen gehört (siehe auch Seite 78 VSM).

    Nochmal an Sie als Profi die Frage – gibt es separate Symbole für Geldvermögensaufbau und Geldvermögensabbau? Wenn wir mal hilfsweise von A für Ersteres und B für Letzteres ausgehen, wäre die Krisenkonstellation:

    A ex ante > solvent B ex ante

  11. nun ist der Wiki-Beitrag zur Saldenmechanik online – der Abschnitt „Übersicht“ und „Saldenmechanik und Konjunkturtheorie“ stammt aus meiner Feder. Dort habe ich u.a. erklärt, warum es keine „Konjunkturmechanik“ gibt, die Pläne für Geldvermögensänderungen aber trotzdem fundamental wichtig sind und wo eigentlich der Mehrwert der Saldenmechanik zu Keynes liegt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Saldenmechanik_(Volkswirtschaft)

    • Vielen Dank fuer diesen ausgezeichneten Wiki Artikel!
      Anmerkungen von mir dazu:
      „Bezahlung: Bei einer Bezahlung werden Zahlungsmittel übertragen und es ändert sich der Bestand an Zahlungsmitteln. Die partiellen Geldvermögen ändern sich durch eine Bezahlung nicht.“
      Hm????? Damit habe ich ein Problem, denn wenn mich einer bezahlt, dann erhoeht sich mein Geldvermoegen zumindest fuer den Zeitraum, wie dieser Verkaufsueberschuss besteht und nicht durch einen Kauf (inkl. Bezahlung durch mich) wieder reduziert wird.
      „….. während die Geldschöpfung des Bankensystems Zahlungsmittel gegen Verschuldung erzeugt (wobei eine genaue Abgrenzung der Zahlungsmittel als Teil der Geldvermögen nicht möglich ist).“
      Was ist das Problem? Der fehlende Konsens darueber, was Geld ist und was nicht?

      Bis auf diese zwei mir inkonsistent erscheinenden Punkte
      beide Daumen hoch!

      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/12/another-strange-look-at-money-and.html

  12. danke Herr Trappe – zu Ihrer ersten Frage:

    Bei der Bezahlung verlieren Sie als Rechnungsgläubiger(aus Verkauf) eine Forderung gegen eine Nichtbank und erhalten eine Forderung gegen eine Bank(Zahlungsmittel). Deswegen ändert sich zwar Ihr Bestand an Zahlungsmitteln, aber eben nicht ihr generelles Forderungssaldo.(Geldvermögen)

    zur Zweiten:
    Das „Problem“ ist, dass man das Wort „Geld“ in ernsthaften Diskussionen bitte gar nicht verwenden sollte, da damit die zwangsläufig die Konfusion aus der Doppeldeutigkeit bezüglich Geldvermögen und Zahlungsmittel verbunden ist. Dass die Zahlungsmittel eine Teilmenge der Geldvermögen sind, nämlich der durch Zusatzbesicherung allgemein akzeptiert = umlaufähig gemachte Teil, ändert nichts an der grundverschiedenen Natur der Geldvermögens und Zahlungsmittelprozesse.

    So ist dann auch die Konfusion um die angeblich ach so skandalöse Geldschöpfung der Banken dadurch auflösbar, dass man Sie einfach Zahlungsmittelschöpfung nennt und dies von der realen Geldvermögenschöpfung abtrennt, die nur durch reale Leistung = Verkaufsüberschüsse solcher realer Leistung erreichbar ist.

    Die „Zweiteilung des Objektes der Geldtheorie“ ist also eine der ganz großen Entwirrungen saldenmechanischen Denkens. Stützel hat aber noch weitere Glanzleistungen bezüglich der Kredittheorie vollbracht. Er hat die orthodoxe Kredittheorie(Kredit entsteht aus Einlagen) mit der modernen Kredittheorie(Einlagen entstehen aus Kredit) widerspruchsfrei dadurch in Einklang gebracht, dass er die Gültigkeit der ersteren dem Partialsatz, der letzterem dem Globalsatz zugewiesen hat.

    http://guthabenkrise.wordpress.com/2012/01/08/stutzel-raumt-bei-unendlichen-diskussionen-auf-heute-kredittheorie/

    • Vielen Dank fuer die prompten Antworten. Das erste glaube ich verstanden zu haben. Ich versuche es mit meinen Worten zu quittieren. In dem Moment, in dem ich einen Verkauf taetige und die Ware/Leistung uebergebe entsteht bei mir eine Forderung gegen den Kaeufer. Ich gewaehre ihm also einen Realkredit solange er mir die Zahlung schuldig bleibt. In dem Moment wo die Zahlung erfolgt wandelt sich die Forderung gegen den Kaeufer in eine Forderung gegen die Bank. Richtig?

      Den zweiten Punkt muss ich mir erstmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Da hakt es noch bei mir, aber ich denke, dass bekomme ich auch noch glatt gezogen. Also erstmal vielen Dank fuer die hilfreichen Erklaerungen.

    • Also ich habe mir das mit dem zweiten Punkt ueberlegt. Ich denke das ist so nicht richtig und damit meine ich den verlinkten Text. Es ist das alte Missverstaendnis, dass Banken beim Kreditgeschaeft wie ein Geldverleiher agieren. Das tun sie definitiv nicht. Man muss da sehr spezifisch die einzelnen Faelle unterscheiden um das klar zu bekommen.
      Fall 1. Die Bank erhaelt eine „Einlage“ in Form von Bargeld, also gesetzlichem Zahlungsmittel = Forderung gegen die ZB. Dann traegt sie in ihrer Bilanz auf der Seite der Aktiva diese Forderung gegen die ZB ein und auf Seiten der Passiva die Verbindlichkeit gegenueber dem einzahlenden Kunden. Die Bilanz verlaengert sich. Allerdings hat sich ja zuvor die Bilanz einer anderen Bank, bei der das Bargeld abgehoben wurde entsprechend verkuerzt, d.h. die Geldmenge erhoeht sich nicht.
      Fall 2. Die Bank erhaelt eine „Einlage“ in Form einer Ueberweisung, also aus Sicht des Kunden „bargeldlos“. Dann wird bei einer anderen Bank ebenfalls die Bilanz verkuerzt um diesen Betrag und fuer den Kunden unsichtbar erhaelt die empfangende Bank ZB Geld von der sendenden Bank. D.h. die Bilanz der empfangenden Bank verlaengert sich genauso wie im ersten Fall.
      Die im verlinkten Text genannten Wertpapiere wie Pfandbriefe spielen im Zahlungsverkehr keine Rolle, daher sollten sie da auch nicht genannt werden. Wenn ein Kunde bei einer Bank Pfandbriefe in seinem Depot hat, dann tauchen diese auf garkeinen Fall in der Bilanz der Bank auf.
      Bei Akzepten, also Schecks und Wechseln sieht die Sache allerdings anders aus. Da kann man sagen, dass der Bestand an Zahlungsmitteln fuer die Zeit zwischen Ausstellung und Einloesung durch das bezogene Institut um den Betrag des Schecks erhoeht ist. Da diese Formen des Zahlungsverkehrs inzwischen aber von untergeordneter Bedeutung sind, lohnt es nicht in die Feinheiten zu gehen, das verwirrt nur. Wichtig ist das Missverstaendnis aus der Welt zu schaffen, dass Banken beim klassischen Kreditgeschaeft wie Geldverleiher agieren, die „Einlagen“ entgegen nehmen oder Eigenkapital in die Hand nehmen, um dieses dann an Schuldner zu verleihen. Denn das stimmt definitiv nicht, denn die Entgegennahme einer „Einlage“ und die Gutschrift einer entsprechenden Sichtforderung auf dem Guthabenkonto des Einzahlers impliziert immer auch den Transfer einer Forderung gegen die ZB wie oben erklaert, entweder durch den physischen Uebergang des Bargelds oder aber verdeckt im Zuge einer ueberweisung, die zwar bargeldlos genannt wird aber nicht zentralbankgeldlos abgewickelt wird.

      Der Realkredit, der entsteht wenn zwischen Verkauf und Zahlung Zeit verstreicht ist tatsaechlich eine Art Geldschoepfung durch Nichtbanken, was auch sichtbar wird, wenn diese Nichtbanken Bilanzen fuehren und diese sich um die Positionen offene Forderungen/Rechnungen bzw. auf der Kaeuferseite um Verbindlichkeiten gegenueber Lieferanten verlaengern.

  13. >>>Es ist das alte Missverstaendnis, dass Banken beim Kreditgeschaeft wie ein Geldverleiher agieren.

    Dies will Stützel aber n.m.E. damit aber gar nicht ausdrücken, er sagt nur, dass die einzelwirtschaftliche Initiative zur Kreditvergabe durchaus von einer Einlage ausgehen kann, welche die durchaus möglich einzelwirtschaftliche Knappheit der Bank von Zentralbankgeld überwindet und die Bank aktiv zur Kreditvergabe schreiten lässt.

    Dass bei der Kreditvergabe dann zwangsläufig eine NEUE Forderung in der Form monetisiert wird, also eine Forderung gegen eine Nichtbank zu einer Forderung gegen eine Bank mit dem Buchungssatz

    „Forderung(gegen eine Nichtbank) an Sichtguthaben („Forderungen gegen eine Bank)“

    veredelt wird, ist ja gerade die Konsequenz des wie immer 180° vom Partialsatz abweichenden Globalsatzes.

    Genau dort liegt ja auch die Baustelle der Huber-Monetative, eine Kreditvergabe durch eine Privatbank ist unabhängig von der Menge und Natur des Einzahlungen, also auch bei „Vollgeldeinzahlungen“, zwangsläufig eine private Zahlungsmittelschöpfung.

    Wer also die Geldschöpfung völlig in öffentliche Hand legen will, landet bei dem VEB Bankkombinat. Dass man diese private Zahlungsmittelschöpfung aber dringend staatlich regulieren muss, sei damit keineswegs in Abrede gestellt.

    • Ok verstanden. Ich quittiere es mal wieder mit meinen Worten. Bei einer Einzahlung kommt es immer zu einer Erhoehung des Zentralbankgeldbestandes bei der empfangenden Bank und zu einer entsprechenden Senkung bei der abgebenden Bank, womit wir dann bei der von Herrn Menendez zu recht erwaehnten Moeglichkeit eines Bank Runs waeren. Denn wenn der Nettofluss zwischen zwei Banken ueber laengere Zeit ungleich Null ist, dann laeuft die Bank, die den Abfluss zu verzeichnenen hat trocken. D.h. wenn die empfangende Bank den erhoehten Zentralbankgeldbestand dazu nutzt neue!!!! Kredite zu vergeben und nicht auf dem Interbankenmarkt die Aktiva aufkauft die gerade ihre Hinterlegung mit Zentralbankgeld verloren haben, dann knallt es irgendwann. Man kann sogar vermuten, das daher auch bei einer Schaukelbewegung des Zentralbankgeldes zwischen Banken (kurzeitiger Nettofluss ungleich Null, langfristiger Nettofluss gleich Null) aus Wettbewerbsgruenden eine Tendenz entsteht, das Verhaeltnis Buchgeld/Zentralbankgeld global betrachtet staendig zu erhoehen, weil Banken auch keine Propheten sind, sondern ersteinmal nicht unterscheiden koennen ob der Nettozufluss kurzfristig oder langfristig ist.
      Gleichzeitig kommt es zu einer Entwertung bestehender Aktiva, wenn die empfangende Bank darauf spekuliert, das der Nettozufluss von Zentralbankgeld langfristig erfolgt und diesen Spielraum zur Schaffung neuer Aktiva nutzt. Ausgezeichnet! Damit haetten wir einen weiteren Grund ausgemacht, warum dieser Konstrukt instabil ist und im jetzigen Setup nicht durch Massnahmen der Zentralbank stabilisiert werden kann.

      Um das mit dem mir moeglicherweise unterstellten ideologischen Bias in dieser hochkaraetigen Runde klarzustellen. Ich habe 26 Jahre dem bestehenden System in amerikanischen Firmen gedient. Die laengste Zeit mit grosser Begeisterung und auch sehr erfolgreich. Aber seit Mitte der 90er Jahre bin ich mit Dingen in Beruehrung gekommen, die schwerwiegende Fragen aufwerfen. Ich verfolge seit dem im wesentlichen zwei Ziele:
      1.) Ich will die tieferen Ursachen verstehen, weil ich fest davon ueberzeugt bin, dass nur dann eine befriedigende Loesung zu finden ist.
      2.) Ich will ideologisch erstarrte und dogmatisch gewordene Denkweisen aufbrechen, weil ich fest davon ueberzeugt bin, dass nur so die tieferen Ursachen gefunden werden koennen (s.o.).
      3.) Mir ist es vollkommen egal ob eine hoffentlich zu findende Loesung Kapitalismus, Kommunismus oder sonstwie heisst. Hauptsache es wird eine befriedigende und an den Ursachen angreifende Loesung gefunden, die die Katastrophe, die sich anbahnt, verhindert.

      Viele Gruesse
      GT

  14. rubycon

    @ Georg Trappe

    „Der Realkredit, der entsteht wenn zwischen Verkauf und Zahlung Zeit verstreicht ist tatsaechlich eine Art Geldschoepfung durch Nichtbanken, was auch sichtbar wird, wenn diese Nichtbanken Bilanzen fuehren und diese sich um die Positionen offene Forderungen/Rechnungen bzw. auf der Kaeuferseite um Verbindlichkeiten gegenueber Lieferanten verlaengern.“

    Das sind bei der Bilanzierung von Sozialleistungen wie Unterhaltsvorschuss, oder anderen Rückforderungen riesige Summen der Öffentlichen Haushalte, die je nach Entscheidung zum Ansatz in der Bilanz oder als ausserbilanzielle Nebenbuchführung die Relationen der Bilanzpolitik beeinflussen . Bei Bilanzierung = Eigenkapitalbildung mit Leveragemöglichkeiten zur Kreditaufnahme; bei Nebenrechnung Bilanzverkürzung mit höherer Fremdkapitalquote aber besserer Eigenkapitalrentabilität !
    What do you want ?

    • Sie verengen den Loesungsraum auf zwei Alternativen ohne die eigentliche Problemursache erkannt / verstanden zu haben. Daher diskutieren die „Experten“ seit Jahren im Kreis. Ich schliese mich diesem Zirkus nicht an sondern weise darauf hin, dass das, was die „Experten“ übersehen, die Auswirkungen eines Konzentrationsprozesses sind, der sich durch drei ganz fundamentale oekonomische Verhaltensweisen in Gang setzt.
      Diese Verhaltensweisen sind:
      1.) Menschen sind in der Lage Ueberschuesse zu produzieren.
      2.) Menschen verfolgen die Idee diese Ueberschuesse ganz oder in Teilen zu reinvestieren, um ihre Produktivitaet weiter zu erhoehen und um sich und ihren Kindern so einen Weg in eine bessere Zukunft zu bauen.
      3.) Der Erfolg dabei streut ueber die Population und ueber Zeit.
      Wenn diese drei Verhaltensweisen auftreten, also verkuerzt jeder nach „Mehr“ strebt, dann kommt es zwangslaeufig zum „Fettaugensyndrom“. Das ist inzwischen mathematisch sauber durch das Integral von Fargione et al. belegt:
      http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0020728#aff1
      und relativ einfach fuer jeden mit einem Computer und Tabellenkalkulationsprogramm nachvollziehbar.
      In einer Aufbauphase ist das wirtschaftsliberale Rezept unschlagbar. Das deutsche Wirtschaftwunder nach dem 2.WK ist ein schlagender Beweis dafuer. Allerdings wird dieses Erfolgsrezept ueber Zeit, wenn es der Entwicklung nicht Rechnung traegt und immer in der selben Weise angewandt wird zur Falle, da dann dramatische Veraenderungen auf der Mikroebene, die in der vorherrschenden Lehre auf Makroebene nicht erfasst sondern ignoriert werden, fatale Makrowirkungen entfalten.
      Ich habe das mal versucht beispielhaft hier darzustellen:
      http://georgtsapereaude.blogspot.com/2011/11/wie-sich-das-system-selbst-zerstoert.html
      Sie als Experte werden mir dieses Beispiel aus verschiedenen Gruenden um die Ohren schlagen koennen. das ist mir klar und deswegen bin ich inzischen auch unzufrieden mit diesem Ding. Doch bevor Sie das tun bitte ich Sie mal in Ruhe darueber nachzudenken, denn da steckt was drin, was soweit ich es sehen kann bisher keiner auf der Rechnung hat. Vielleicht koennen wir dann gmeinsam ein Beispiel / Modell aufsetzen, dass dann auch den Anspruechen von Experten genuegt. Mich wuerde das sehr freuen, wenn uns soetwas gelingen wuerde.

      Viele Gruesse
      Georg Trappe

      • rubycon

        @ Georg Trappe
        Bin am einlesen und versuche durch nachdenken das darinsteckende in die Rechnung zu bringen 😉
        Wie sich das in der kommunalen Bilanzierungspraxis niederschlagen könnte ist very „sophisticated“ ! Aber machbar – das könnte diskutiert und gesetzlich umgesetzt werden . Wird in den Mühlen der Verwaltung dauern …

      • Ich hatte mir Ihr ’spreadsheet‘ ja vor einem halben Jahr schon mal angesehen. Das Problem dabei ist, daß zwar die phänomenologischen Aspekte der Vermögensverteilung gut abgebildet werden, jedoch mir die Übersetzung – die Sie ja auch für problematisch halten – in ökonomische ‚terms‘ nicht so klar ist. Dabei hilft es leider nicht viel, die abstrakte Modellkonstruktion mit Plausibilisierungen anzureichern, weil das stochastische Element all das ausblendet, was Ökonomie ausmacht, nämlich die Auswahl von Entscheidungsalternativen unter Beachtung der gegebenen Restriktionen. Es klingt zwar lächerlich, aber genau das ist die Rechtfertigung, die stets für die DSGE-Modelle angeführt werden, daß diese von „mikroökonomisch fundierten“ Entscheidungsproblemen ausgehen, wobei die Optimierung dieser Entscheidungen die Modelllösung ergeben. Daß man mit einem „repräsentativen Individuum“ keine gesellschaftlichen Fragestellungen sinnvoll lösen kann, stört die Verfechter der DSGE-Modelle nicht.

        Ähnlich gelagert ist das Problem bei der Saldenmechanik, weil man allein durch das Rezitieren buchhalterischer Identitäten keine Erklärung für ökonomische Entwicklungen darstellen kann. Oder nehmen Sie die „Feldtheorie“ von H. Genreith, die sich hervorragend darauf versteht, die Trajektorien realer Ökonomien nachzubilden, wo aber dennoch nicht klar wird, welche Einflußparameter denn nun für die Lösung des dargestellten Problems Anwendung finden müßten.

        Was in allen Ansätzen irgendwie anklingt ist die Frage, wie der Hypertrophierung der innergesellschaftlichen Verschuldung begegnet werden kann. Da sehe ich bei Ihnen zwar eine Problembeschreibung, aber keine Lösung, die a) plausibel wäre und b) Chancen auf politische Umsetzung hätte. Denn das Ansetzen an den Resultaten läßt für meine Begriffe außer Acht, daß das virale Funktionselement, welches zu diesen Ergebnissen führt, noch nicht eindeutig identifiziert ist. Eine Symptomkur führt ja dann auch folgerichtig entweder zu einer Negierung dessen, was liberale Ökonomie bisher ausgemacht hat (Schuldenschnitt und finanzielle Repression) oder gleich zu solchen haarsträubenden Konzepten wie die MMT oder Monetative oder wie sie alle heißen, die überhaupt keine Hemmungen mehr haben Ökonomie an das Gängelband staatlicher Aufsicht zu stellen, resp. die Inhalte gesellschaftlicher Schuldverhältnisse durch platte Finanzierung des Staates durch die Notenbank zu hintertreiben. Die vor 20 Jahren beendeten Großversuche in dieser Hinsicht sind keine Empfehlung, in eine derartige Kommandoökonomie zurückzukehren. Auch ein Prof. Werner ist mit seiner Empfehlung der Kreditlenkung hart an der Grenze zur Wirtschaftsdiktatur, mal abgesehen davon, daß eine Lenkung der bereits existierenden Finanzvolumina schlichtweg aussichtslos ist.

        Was man aber machen kann und was zumindest eine gewisse Erfolgsaussicht hat ist das was ich in meinem Eintrag „Schulden“ angeführt habe. Ich halte diese „Kleinigkeit“ für bedeutend genug, um der Hyperthorphierung der Finanzvolumina zumindest etwas entgegenzuhalten, ohne dabei die liberale Gesellschaftsordnung aufs Spiel zu setzen. Wenn man den Finanzkomplex als fraktale Struktur versteht, können kleinste Änderungen der Anfangsbedingungen völlig andere Ergebnisse erbringen. Ein schönes Forschungsfeld für 2013!

      • @ rubycon
        Dafuer habe ich natuerlich vollstes Verstaendnis. Ich kenne ja den Laden;-).
        Ist auch eine harte Nuss, wenn man gewoehnt ist, ausschliesslich Aggregate und Durchschnitte als Zustandsgroessen zu betrachten, die ja den Makrozustand des Systems beschreiben sollen und dann einer kommt und sagt in all Euren Modellen fehlt der Theil Index oder etwas aehnliches als Variable ueber Zeit, die Risiko Klumpungen und / oder soziale Spannungen quantifiziert und bisher vollkommen unberuecksichtigt blieb.
        Es ist aber fuer den Makrozustand ganz offensichtlich nicht egal, ob sich alles in einer Bilanz versammelt oder sich auf x Bilanzen irgendwie verteilt. Insbesondere dann nicht, wenn sich diese Verteilung ueber Zeit dramatisch aendert. Wer Eigentuemer des VEB Deutsche Bank ist, ist vermutlich von untergeordneter Bedeutung. Viel wichtiger erscheint mir, dass Institute wie die DB eine Groesse angenommen haben, die die Summe der Bilanzsummen der fuenf naechst groessten uebersteigt.
        Wie soll denn da Wettbewerb oder ein Markt annaehrungsweise so funktionieren, wie man sich das wuenscht?
        Wenn dann noch innerhalb solch gigantischer Bilanzen Passiva klumpen
        und auf der anderen Seite Aktiva deswegen reihenweise abfaulen, muss es Probleme geben. Stellen Sie sich einfach mal vor Simon Henry, CFO Shell, nimmt seine 15 Mrd Euro liquider Mittel aus europaeischen Grossbanken und transferiert die zu einer Privatbank ohne Offenlegungspflichten, mit der er vereinbart hat, dass diese nur Aktiva bester Bonitaet also Zentralbankgeld haelt. Da zahlt er dann 1% Zinsen plus eine uebersichliche Gebuehr anstatt welche zu bekommen, ist aber die Sorge los, dass seine Bank wegen abfaulender Aktiva pleite geht. Ich wuerde es in einer unuebersichtlichen Situation auch so oder so aehnlich machen. Das dann die betroffene Grossbank erheblich unter Druck kommt oder sogar ein Run einsetzt, wenn das Wort die Runde macht, interessiert ihn nicht.

  15. Ihr Artikel „Schulden“ bringt es wirklich sehr gut auf den Punkt. Das Aushoehlen von Unternehmen mit dem Ziel ROI, ROE, ROA zu maximieren ist der helle Wahnsinn. Das funktioniert so lange der Laden laeuft. Aber wehe wenn ein Rueckschlag kommt. Dann zeigt sich wie fragil diese Rennpferde sind. Denn dann ist die Immobilie in der die Firma taetig ist verkauft und zurueck gemietet und kann nicht beliehen werden. Dann ist die Differenz zwischen Ertragswert und Buchwert so gross, dass bei einem kurzzeitig ausbleibenden Ertrag die ganze Welt zusammenbricht. Sie haben vollkommen recht mit dem was Sie da ueber den „State of the Art“ geschrieben haben. Und wenn man mal in einem solchen Gaul, der auf Rennpferd getuned wurde gearbeitet hat, dann weiss man was und wer hinter dieser Geschichte steckt. Die Herren Hewlett und Packard haben immer die Finanzierung aus den laufenden Umsaetzen gepredigt. Die Banken hatten keine Chance Fremdkapital bei HP abzuladen. Auch dann nicht wenn es bedeutete den Ramp up eines erfolgreichen Produkts aus dieser finanziellen „Enge“ nicht so schnell hoch fahren zu koennen, wie die Auftraege ins Haus kamen. Das hat erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Vertrieb und Marketing auf der einen Seite und den so eingeschworenen P&L Verantwortlichen auf der anderen Seite ausgeloest, war aber genau richtig, wenn man eine stabile Entwicklung anstrebt. Nachdem Bill und Dave sich aus der Firma mehr und mehr zurueck gezogen hatten, hatten die Pferdepfluesterer der Wall Street aber zunehmend leichtes Spiel die vormals auf eine erzkonservative Geschaeftsfuehrung eingeschworenen Manager von den „Vorzuegen“ der Rennpferdzucht zu ueberzeugen. Wer diesen Wandel bewusst miterlebt hat, weiss, dass, was Sie im oben genannten Artikel schreiben, ist keine graue Theorie sondern die traurige Wahrheit. Und der Aufstieg dieser kranken, alles destabilisierenden Denke beginnt zeitlich gesehen ziemlich genau mit der Wahl eines Schauspielers zum Praesidenten der USA. Als latent vorhanden ist sie aber viel weiter zurueck zu verfolgen.
    Dazu noch ein Artikel eines Liberalen, den ich sehr schaetze:
    http://www.cicero.de/97.php?item=660&ress_id=6

    Einen guten Start ins neue Jahr wuensche ich Ihnen und der Runde hier.

  16. Liberalismus funktioniert nur dann, wenn jeder den Antagonismus, der aus dem Fettaugensyndrom entsteht, verstanden hat und sich dementsprechend verantwortlich verhaelt, also Vernunft entwickelt. Wenn aber ein Neoliberalismus predigt , dass Gier gut ist und dass das eigene Wohl und das Allgemeinwohl am besten gedeiht, wenn jeder seinen eigenen Konto- und Vermoegensstand maximiert, dann wird dieser Antagonismus ignoriert und die aus ihm entstehende Verantwortlichkeit negiert, was die endokrine Hypertrophie in Gang setzt, die seit dreissig Jahren zu beobachten ist. Der Begriff Hypertrophie ist ueberigens ausgezeichnet gewaehlt, insbesondere dann wenn man die Diagnose endokrine Hypertrophie stellt. Die endogene Hormonueberproduktion, die das krankhafte Organwachstum ausloest, entspricht dann der Geldueberproduktion. Ich bin nun kein Mediziner, aber es waere wirklich interessant zu erfahren, zu welcher Kur Mediziner in einem solchen Fall raten. Ich fuerchte aber, wenn das Hormon produzierende Organ selber von der Hypertrophie betroffen ist und so eine sich selbstverstaerkende Mitkopplung entsteht, dann hilft nur der Griff zum Skalpell. Das tragische ist, es ist eine Kopfgeschicht. Die angeblich besten Koepfe unserer Gesellschaft glauben wirklich, sie koennten ihre Reichtuemer endlos mehren. Das wird, wenn dieser Irrglaube nicht ueberwunden wird, dazu fuehren, dass das Skalpell, wie 1789 auch, genau dort angesetzt wird.

    Was die DSGE Modelle angeht, halte ich sie fuer ideologiekonform aber nicht fuer realitaetskonform, weil sie von einem Wunschdenken ausgehen und nicht von in der Realitaet beobachtbaren .Verhaltensweisen und Ergebnissen. Das DMWM von Genreith beschreibt den Zusammenhang und den daraus resultienden Verlauf der Entwicklung anhand der zwei Zustandsgroessen BIP und Bilanzsumme. Es legt einen Zusammenhang offen und gibt tatsaechlich keine Erklaerung dafuer, warum die Bilanzsumme endlos waechst. Das Fargione Integral und meine generalisierte Interpretation gehen da einen Schritt weiter, indem aufgezeigt wird, dass ganz elementare oekonomische Sachverhalte und Verhaltensweisen dazu fuehren, dass ein Gradient ensteht, der u.a. Geld den Berg hinauf fliessen laesst und damit eben Schuldenabbau verunmoeglicht. Fargione et al. erwaehnen in ihrem Aufsatz uebrigens einen durchaus realistischen Loesungsvorschlag. Nur ruehrt dieser an ein Tabu.
    Und da kommt dann die Vernunft ins Spiel.
    Man kann anerkennen, dass ein endloses Fortschreiten dieser Entwicklung zwangslaeufig in eine Katastrophe muendet, wenn man nichts unternimmt und muss dann das Tabu brechen, oder aber man ignoriert diese sich inzwischen aufdraengende Erkenntnis weiterhin und denkt sich die Welt tabu- und ideologiekonform und wartet die Katastrophe ab.

    Das Ganze ist auch nicht wirklich neu. Schon vor 2556 Jahren kam jemand darauf, dass kurz zusammengefasst, Extremismus letztendlich extremes Leid verursacht und nur eine vernueftige, sittliche Einstellung die zu einem Verhalten, dass im wesentlichen durch Maessigung gepraegt ist, fuehrt, dies lindern kann.

    Viele Gruesse

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