Logische Typenlehre III – Überschuß und Gewinn

Puppi02Die  Sozialisation von Ökonomen fängt wie bei den meisten Menschen mit einem Sparschwein an. Mit der Unterstützung diverser Spartage sowie einer Orientierung an eine zu planende Zukunft gerät der werdende Mensch in eine Interpretationsfalle, die ihn üblicherweise sein Leben lang verfolgt. Mit der Akzeptanz einer moralisch sanktionierten Erwartung, daß sich Geld auf der Bank durch Zinsen wie von selbst vermehrt wird die felsenfeste Vorstellung erzeugt, daß das erlernte Wissen – das vermeintlich Bestehende – auch das Natürliche sei, was sich dann auch postwendend im Bewußtsein als gesichertes Wissen festsetzt.

Die Frage ist jedoch: auf welchen Steintafeln steht eingemeißelt, daß nicht ausgegebenes Geld sich auch zu vermehren hätte? Nun immerhin wird diese Vorstellung auch durch eine Wirtschaftstheorie rationalisiert, die das Sparen zu einer ‚conditio sine qua non’ der Investition definiert so daß damit eventuelle kognitive Dissonanzen hinsichtlich des „Wertes“ des Sparens von vornherein neutralisiert werden.

Dazu kommt noch, daß die Ableitung des Zinses aus einer Produktivität, wie es bei Ricardo angelegt ist wieder mal die Ebenen vermischt, die zwischen der monetären und der realen Ebene zu verorten sind. Die Identifikation von realen Überschüssen und monetären Gewinnen macht eines der größten Probleme der Wirtschaftstheorie aus. Denn das was zu zeigen wäre ist, daß das Prinzip der Erzielung eines Überschusses das gültige Prinzip der monetären Ebene abbildet. Das genau ist jedoch bisher nicht passiert. Auch deswegen nicht, weil die Existenz eines monetären Profites an einer spezifischen Institutionalisierung hängt, die sich mit der volkswirtschaftlichen Finanzierungsrechnung hinreichend bezeichnen läßt. Letztere besitzt als Grundprinzip die gesamtwirtschaftliche Identität von Forderungen und Verbindlichkeiten, welche nicht mit der Bildung realer Überschüsse kommensurabel ist. Zumindest ist dieser Nachweis bisher nicht erfolgt.

Aus einer systemtheoretischen Perspektive liegt ein derartiger Schluß auch nicht nahe, weil die Geldsphäre das kommunikationstheoretische Pendant (das Dual) der Erwirtschaftung realer Überschüsse darstellt, welches aber nur eine indirekte Abbildung darstellen kann, weil das zugrundeliegende Prinzip völlig andere Grundlagen besitzt. [Warum das Geldsystem mit der Postulierung eines Gewinnes quasi einer Phantasie hinterherjagt, ist ein weitaus schwierigeres Problem als die Einsicht in die theoretische Unvereinbarkeit von Überschuß und Gewinn.] Die Frage wie gesamtwirtschaftlich ein Gewinn – und damit ein Zins – entstehen kann, läßt sich nicht mit einem Verweis auf einen realen Kornüberschuß erklären. Da hilft auch kein Hinweis auf die Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege, wie es von einschlägigen Schulen postuliert wird. Das monetäre Simulationsmodell, welches diesen Nachweis führen kann ist davon geprägt, Gewinn als temporäre Differenz monetärer Geldvermögensumschichtungen zu definieren. Dieses kann man jedem Buchhalter erklären – ob das auch bei Ökonomen funktioniert ist zumindest zweifelhaft.

Das liegt daran, daß die gesamtwirtschaftliche Identität von Forderungen und Verbindlichkeiten sich als beschränkende Klammer temporärer Geldvermögensüberschüsse erweist. Daß ein bilanzieller Gewinnausweis darüberhinaus durch die Bewertung von Realvermögen scheinbar eine Abweichung von diesem Prinzip ermöglicht ist jedoch ein Irrtum, weil – ausschüttungsfähige – Gewinne an Liquidität und nicht an Bewertungsdifferenzen gekoppelt sind. Die müssen gezahlt (!) werden und nicht nur in einer bilanziellen Position sich „ausweisen“!

Vgl.: http://dr-menendez.de

Die logische Differenz zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem gilt auch hier. Denn eine Erklärung für Kornüberschüsse ist das eine – die Erklärung eines monetären Gewinnes bzw. Zinses ist das andere. Im Gegensatz zu dem Konzept eines Überschusses auf der realen Ebene ist der Gewinn auf der monetären Ebene angesiedelt, deren Grundformel aus der permanent gültigen Identität von Forderungen und Verbindlichkeiten besteht, was die Konzeption eines Überschusses der Einnahmen über die Ausgaben eigentlich nicht nahelegt. Anders gesagt ist ein Gewinn im Sinne eines positiven Nettogeldvermögens nur dann möglich, wenn an einer anderen Stelle des Kreditgeldsytems ein negativer Nettogeldvermögenssaldo existiert. Insofern wie Schuldsalden im Zeitablauf einer Tilgung unterliegen sind Gewinne prinzipiell gesehen von diesen negativen Vermögensbeständen abhängig. Dieser Dualismus wird stets dann ignoriert wenn Schulden als das zentrale Problem einer Krise interpretiert werden. Denn die Umwandlung einer Nettoakkumulation von Schulden in Einkommen ist genau das was von der empirischen Wirtschaftsforschung als Wachstum gemessen wird. Aus diesem Grund ist es auch fehlerhaft zu argumentieren, daß die Steigerung von Produktivität zu einer Gewinnsteigerung im volkswirtschaftlichen Sinne führen muß. Dieses ist deswegen nicht der Fall, weil die Entstehung von Gewinn an monetären Geldvermögensbeständen hängt und nicht an reale Mengen gekoppelt ist. Das Ignorieren dieser Differenz führt dann auch postwendend zu den falschen Therapien einer Krise, die immer wieder die Steigerung von Produktivität als Lösung der Krise anzubieten versuchen.

Man kann sich natürlich Gedanken darüber machen an welcher Stelle diejenigen Schulden gemacht werden, die ein nachhaltiges Wachstum begründen. Im Allgemeinen läßt sich Schuldenwachstum dann als volkswirtschaftlich gesund bezeichnen, wenn dadurch vermehrt Güter und Dienstleistungen auf dem Markt angeboten werden, weil damit eine gesellschaftliche Wohlfahrtsteigerung einhergeht. Dies steht bei Staatsschulden sowie Krediten für die Spekulation auf den Finanzmärkten zumindest in Frage.

Im Hinblick auf die Eingangsfrage läßt sich jedoch zweifelsfrei feststellen, daß die unbesehene Übernahme der Vorstellung der natürlichen Vermehrung biologischer Sachverhalte auf die Ebene monetärer Gewinne zu eben den Fehlschlüssen führt, wie sie in wirtschaftstheoretischen Abhandlungen immer wieder vorkommen. Die Akzeptanz der Tatsache, daß Gewinne eine monetäre Grundlage besitzen führt dazu für die Zukunft der Wirtschaftstheorie zu postulieren, zu einer konsistenten „monetären Theorie des Gewinnes“ resp. des Zinses zu kommen. Leider ist das in einem ökonomischen Umfeld alles andere als selbstverständlich.

Der Fehlschluß der Ökonomie, biologische Reproduktionsbedingungen unbesehen auf die ökonomische Ebene zu transponieren läßt sich auch hinsichtlich des physikalischen Energieerhaltungssatzes als nicht sachgerecht qualifizieren. Denn letztlich ist auch ein Kornüberschuß in einem weiteren Kontext nur unter Ignoranz gegenüber ökologischen Grundkonstanten als „Überschuß“ darstellbar. (Die positive Sonnenenergiebilanz ist ja wenigstens ein Hinweis darauf, daß es auch in biologischen Reproduktionszusammenhängen eines „Netto-Inputs“ bedarf, damit die Vorstellung eines Netto-Überschusses wenigstens phänomenologisch darstellbar wird.) Unter diesem Aspekt gesehen sollte es nicht verwundern, daß die Übertragung einer isolierten phänomenologischen Betrachtung auf die Ökonomie zu den gleichen intellektuellen Kurzschlüssen führen muß, die bereits in der Ausgangskonstellation enthalten sind. Die einschlägige logische Grundformel dafür lautet: ‚ex falso quodlibet’!

5 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

5 Antworten zu “Logische Typenlehre III – Überschuß und Gewinn

  1. zum Gewinn der Unternehmer gibt es eine klare Formel von Keynes – die ist die wichtigste Formel des Kapitalismus überhaupt – hier nun mit logischer Einordnung:
    http://guthabenkrise.wordpress.com/2013/02/15/kapitalismus-sinn-funktion-krisen-crash-und-kriegsgefahr/

  2. Stephan G.

    Eine Anmerkung zum Zins. Eine Erwartungshaltung an die Zukunft (Zins) löst in der Gegenwart eine Kreditaufnahme aus. Kausal löst also die Zukunft ein Ereignis in der Gegenwart aus. Klingt erstmal unmöglich, ist aber meines Erachtens logisch richtig. Wie sehen Sie das?

    • „Eine Erwartungshaltung an die Zukunft (Zins) löst in der Gegenwart eine Kreditaufnahme aus.“

      Eine Erwartungshaltung ist ja sehr schön. Nur: eine Kreditaufnahme ist eine zweiseitige Angelegenheit, die nicht aus einer eindimensionalen Perspektive heraus analysierbar ist.

      Sie schreiben sinngemäß, daß Gewinnerwartungen zu einer produktionsorientierten Kreditaufnahme führen. Sicherlich. Daran ist allerdings nichts logisch. Es kann aber passieren. Und zwar dann, wenn sich jemand einbildet, daß seine Investition zu einem Gewinn führt. Das ist manchmal erfolgreich und manchmal nicht.

      Die Frage nach dem Zins betrifft die von Ihnen angesprochene Fragestellung nicht, denn der Zins – als „Kostenfaktor“ des Bankkredits – ist eine Versicherungsleistung derjenigen, die einen Kredit aufnehmen. Diese muß aus dem Gewinn bezahlt werden – das hat Schumpeter nachdrücklich ausgeführt.

      Wenn Sie so wollen löst die Erwartung von Gewinn eine (versuchsweise) Kreditaufnahme aus – das ist jedoch eine mikroökonomische Angelegenheit und betrifft nicht die Frage, warum es einen Zins gibt. Diese Nummer ist wesentlich komplizierter!

  3. Stephan G.

    Ich versuche eine gesamtwirtschaftliche Erklärung zum Zins:

    Geld ist für mich ein Guthaben-Schulden-Paar, d.h. die bereits erbrachte Leistung von Heute (Guthabenbesitzer) wird mit der noch in Zukunft zu erbringenden Gegenleistung (Schuldner) juristisch miteinander verbunden (in Kreditverträgen und Bilanzen). Dieses feste juristische Band zwischen Guthaben und Schulden (also das Geld) bringt damit den Faktor Zeit in die Wirtschaft.

    Daraus leite ich ab, dass für Gelderzeugung immer ein Gegenüber benötigt wird. Da aber gesamtwirtschaftlich (Welt) kein Gegenüber mehr gefunden werden kann, kann auch kein Guthaben-Schulden-Paar erzeugt werden und damit auch kein Zins (Zins ist ja auch Geld).

    Mathematisch würde ich das so beschreiben: Die Gesamtwirtschaft (Welt) ist eine Menge und nur ihre (echten) Teilmengen können sich untereinander gegenseitig Geld und Zins erzeugen, aber nicht die Menge selbst, ihr fehlt das Gegenüber.

    • „Geld ist für mich ein Guthaben-Schulden-Paar…“

      Was Sie meinen ist eine Forderungs-/ Verbindlichkeitsrelation zwischen zwei Wirtschaftssubjekten. Die Vokabel „Guthaben“ suggeriert bereits, daß damit etwas in einem Bestand vorhanden ist, das ist jedoch genau nicht der Fall. Eine Forderung ist eben etwas, was man gerade nicht hat – deswegen ist es ja eine Forderung! Die von Ihnen angemerkte juristische Verbindung ist sicherlich mit Zeit verknüpft, daß die Erzeugung von Schuldverhältnissen ein zweiseitiges Verhältnis ist, ist nun nicht wirklich so sensationell und läßt sich im 2. Buch des BGB ausdrücklich wiederfinden.

      Daß ein Schuldverhältnis bereits Geld darstellt ist demgegenüber so nicht korrekt, weil ein Schuldverhältnis stets ein Erfüllungsmedium braucht auf das es sich bezieht. Das Geschuldete bei einem Kreditvertrag ist nichts anderes als Zentralbankgeld, welches der Gläubiger erst einmal übertragen muß, um überhaupt zum Gläubiger zu werden. Was vielfach übersehen wird ist, daß erst die Übertragung von Zentralbankgeld zugunsten des Schuldners den Gläubiger zum Gläubiger macht – davor ist er nämlich Schuldner des vereinbarten Kreditbetrages! Warum aber gesamtwirtschaftlich gesehen keine Schuldverhältnisse erzeugt werden könnten ist für mich nicht nachvollziehbar. Was den Zins angeht: der ist lediglich eine Erhöhung des Schuldbetrages nach Maßgabe der festgelegten Konditionen und mithin kein (Zentralbank-)Geld.

      Sie dürfen sich nicht durch die schlampigen Formulierungsweisen, die in der geldtheoretischen Diskussion immer wieder auftauchen verwirren lassen, denn der Begriff Giralgeld oder Buchgeld ist nicht das, was er vorgibt zu sein. Das sieht man auch dann, wenn man sich klarmacht, daß eine bargeldlose Zahlung keineswegs eine zentralbankgeldlose Zahlung ist, weil gerade die Banken als Dienstleister des Zahlungsverkehrs den Übertrag von Zentralbankgeld an den Zahlungsempfänger durchführen. Näheres dazu steht in meinem Blogpost „Was ist ‚clearing‘?“

      Ihr letzter Absatz sagt im wesentlichen aus, daß die Summe des globalen Nettogeldvermögens gleich Null ist – durchaus eine richtige Aussage. Die muß man aber erst noch mit Inhalt füllen!

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