Von Pulverfässern und ungeplanten ökonomischen Einsichten

springDirk Elsner hat in seinem Post über die Konsequenzen aus der Zypern-Krise eine interessante Schlußfolgerung gezogen, die es wert ist noch ein wenig untersucht zu werden:

„Aber man kann Herrn Dijsselbloem und die ganze EU dafür kritisieren, dass sie auf dem Pulverfass sitzend mit dem Feuer spielt, den Sprengstoff herangeschafft hat Dijsselbloem jedenfalls nicht.“

A) Das ist richtig!
Es gilt aber auch:
B) Auch die EU hat den ganzen Sprengstoff nicht herangeschafft!

Und wo kommt der nun her?

Man muß sich dabei überhaupt erst mal klarmachen, woraus der Sprengstoff besteht. Üblicherweise wird eine „übermäßige“, „exzessive“ oder „überbordende“ Verschuldung dafür verantwortlich gemacht und dann so getan, als wäre der Grund für diese sicherlich nicht nachhaltige Verhaltensweise in einem moralischen Defekt der „Couponschneider“, in einer „Gier“ der „Anleger“ oder in einem genetischen Defekt des Finanzkapitalismus zu verorten. Mit einer derart moralisch aufgeplusterten Keule wird dann zum Feldzug gegen „die Bankster“, „die Spekulanten“ oder – damit es moralisch noch mehr trieft – „die Ausbeuter“ und „Bezieher leistungsloser Einkommen“ aufgerufen, womit der Empörung der Gerechten dann Genüge getan worden ist.

Nun, mit Verschuldung hat das Ganze schon was zu tun, es nützt aber nichts, wenn man über eine „zu hohe“ Exposition klagt, denn „zu hoch“ setzt ja bereits voraus, daß irgendetwas „zu viel“ ist, ohne daß ein Kriterium dafür existieren würde, an dem man das „zu viel“ messen könnte. Leider ist man in Bezug auf die Finanzmärkte immer erst hinterher schlauer, so daß es ohne weiteres passieren kann, daß ein „normales“ oder „solides“ Kreditengagement auf einmal zu einem „unkalkulierbaren Risiko“ wird. Die Gründe der Schieflage der zypriotischen Banken sprechen Bände.

Wenn man sich nun die nicht mehr so ganz taufrische Option ansieht, wie in Zukunft in Europa die Sanierung einer Bankbilanz ablaufen soll gewinnt man auch schon das erste Gefühl dafür was passieren müßte, wenn man den Fall der Fälle schon mal von vornherein verhindern wollte. Denn dieser ‚bail-in’ der unbesicherten Bankgläubiger, welcher im wesentlichen auf einer Umwandlung von nominal fixierten Forderungen in nominal variabel taxierte Eigentumsrechte beruht, hat ja offenbar seinen Grund darin, daß die Entscheidung zwischen nominal fixierten und nominal nicht fixierten Wertpapieren „normalerweise“ eindeutig zugunsten der nominal fixierten Kredite ausgeht.

Das hat natürlich seinen Grund der darin besteht, daß die nicht mehr so ganz moderne Hebelung von Finanzkapital es unattraktiv macht mit Eigenkapital zu wirtschaften und sich somit ganz zwanglos eine Schlagseite zugunsten wertfixierter Forderungen ergibt. Dazu kommt noch der Umstand, daß Fremdkapitalzinsen steuerlich als Kosten absetzbar sind und von daher der Einsatz von eigenem Geldvermögen sich noch weniger lohnt.

Nun mag man den Hang zur Bildung von Spareinlagen mit Hilfe von Erwägungen hinsichtlich deren vermeintlicher Sicherheit für „natürlich“ halten. Für diese Gegebenheiten stehen die inzwischen angekratzten Vorstellungen von der Sicherheit der Spareinlagen Pate, welche von der Finanzwirtschaft immer wieder in den höchsten Tönen beschworen wird. Das ist aber noch nicht alles: auch die Vorstellungen, die hinsichtlich der „normalen“ Finanzierung von Unternehmen existieren sind davon geprägt, daß Sparer über die Transformation der Banken die Investitionen der Unternehmen finanzieren und damit die moralische Rechtfertigung für die Bildung nomineller Forderungen alias Sparguthaben auch einen ökonomischen theoretischen Heiligenschein aufgesetzt bekommt. Dieser Heiligenschein resultiert letztlich aus der Quantitätstheorie, deren Sinn es ist die Bildung absoluter Geldpreise abzuleiten, ohne mit dem System relativer Preise, die sich aus einem allgemeinen Gleichgewicht ergeben, ins Gehege zu kommen. Getreu dem Erstausstattungskonzept ist in dieser theoretischen Sichtweise auch Geld eine Erstaustattung, die über Losgrößen- und Fristentransformation den Unternehmen zur Ökonomisierung zur Verfügung gestellt werden soll.

Woran liegt das?

Der theoretische Hintergrund ist dergestalt, daß im Grundmodell der Ökonomie – der allgemeinen Gleichgewichtstheorie – die Allokation der Ressourcen durch die Fiktion des Erstausstattungsprinzips ausgestaltet wird. Aus dieser Anlage der ökonomischen Orthodoxie hat eine ganze Forschungsrichtung den Schluß gezogen, daß auch in Bezug auf Geld dieses Prinzip als theoretische Grundforderung bei der Formulierung einer Geldtheorie Pate zu stehen habe. Das Ergebnis dieser methodologischen (!) Zwangslage ist die Quantitätstheorie, die seit 200 Jahren ihr Unwesen in der Ökonomie treibt. Denn dadurch wird Geld als ein Bestand definiert, der durch die Anwendung der üblichen Allokationsmechanismen seine Funktion zur Finanzierung von Investitionen erhält. (Sinnbildlich steht dafür Friedmans Bild von dem Abwurf von Geld aus einem Hubschrauber heraus!) Nun ist es natürlich nicht so, daß damit überhaupt kein ökonomischer Tatbestand eingefangen werden würde, denn die Relativität dessen, was den „Geldwert“ ausmacht ist durch dieses Konzept durchaus eingefangen. Was allerdings großflächig die Sinne vernebelt ist das damit verbundene ominöse Konzept der Umlaufgeschwindigkeit, welches lustige Vorstellungen von einer umherhetzenden „Geldmenge“ erzeugt, die nichts anderes zu tun hätte, als wie wild von einem Kauf zum anderen zu eilen. Wenn dann aus derart infantilen Vorstellungen heraus auch noch daraus geschlossen wird, daß man „nur“ die Umlaufgeschwindigkeit „erhöhen“ müsse, um Inflation oder die Konjunktur zu stimulieren, ist der intellektuelle Kopfschuß perfekt.

Das hat etwas damit zu tun wie man die Frage beantwortet was Geld ist. Ich drücke das immer so aus, daß Geld ein relatives Maß der Produktion ist, welches seine Funktion darin findet, daß es ein Verbindungsglied zwischen Kosten und Preisen darstellt. Anders gesagt: die kapitalismustypische Form der Arbeitsteilung erfordert eine Modalität der Abrechnung, die nicht das jeweilige Arbeitsergebnis zum Gegenstand hat, sondern eine abstrakte Form der Abrechung alias Entlohnung, die es ermöglicht, eine Vielzahl von produktiven Prozessen miteinander zu koordinieren. Wie man auf die blöde Idee kommen konnte das mit einer inkonsistenten Trivialgleichung einzufangen wird zukünftigen Generationen von Ökonomen ewig unerfindlich bleiben.

Schon von Marx stammt die Einsicht, daß Geld ein soziales Verhältnis ist. Und auch wenn Marx diskreditiert erscheint ist dennoch sein Hinweis auf den sozialen Charakter des Geldes immer noch als aktuelle theoretische Einsicht zu bewerten. Denn letztlich orientiert sich die gesamte Buchhaltung an diesem Konzept. An anderer stelle habe ich mal geschrieben: Kapitalismus ist eine Form geldwirtschaftlich organisierter Form der Arbeitsteilung. Diese Einsicht ist in der Ökonomie bisher noch nicht angekommen! Die Konsequenz daraus wäre Geld als Medium der Organisation produktiver Veranstaltungen zu interpretieren und nicht als „Schatz“, dessen Akkumulation für die Bewältigung menschlicher Versorgungsphasen immer weiter vorangetrieben werden muß. Diese Motivation mag ehrenwert sein, allein ist nominelles Geldvermögen dennoch stets von der Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Produktionspotenz abhängig und wird es auch immer bleiben – irgendwelchen albernen politischen Garantien zum Trotz!

Man kann der Sichtweise von Geld als absolutem „Schatz“ einen gewissen Spaßfaktor sowie eine gewisse historische Bedeutung nicht absprechen, jedoch hat sie mit den Funktionsbedingungen einer modernen Geldwirtschaft nichts zu tun. (Warum das so ist, ist eine etwas längliche Geschichte.) Die Folgen einer derartigen Konzeptionalisierung von Geld durch die herrschende „Erstausstattungstheorie des Geldes“ sind jedoch anhand des EURO-Schlamassels ausgiebigst zu besichtigen.

Was läßt sich als Lehre aus der neuesten Entwicklung ziehen, wo doch gerade die Sicherheit von Spareinlagen zur Disposition gestellt wurde? Es geht darum, daß die Einsicht sich durchsetzt, daß Geldforderungen nicht aus einer Einzahlung von Bargeld am Bankschalter entstehen, sondern sich aus einer Akkumulation von Nettogeldvermögen heraus bilden, die ihre Begründung in einer Einkommensbildung findet, die sich aus Rentabilitätserwägungen von Unternehmen speist. Daß diese Rentabilitätserwägungen sich nicht dadurch ergeben, daß Einkommen großflächig gespart wird, kann zumindest einen Unternehmer nicht überraschen, denn die Wirtschaft lebt davon, daß Einkommen auch ausgegeben werden. Was sagte Norma Jean doch gleich: ‚money makes the world go round‘! Oder weiter östlich: der Rubel muß rollen!

Die Schlußfolgerung hinsichtlich der Akkumulation von Spareinlagen bzw. der Drohung, daß sie für die Sanierung von Bankbilanzen herangezogen werden, ist eigentlich ganz einfach: würden die Sparer schon von vornherein ihr Geld in Sachwerten – wozu in allererster Linie Aktien zählen – investieren, und nicht durch entgegengesetzte steuerliche Anreize und dem Moralappell des ökonomischen ‚mainstream‘ auf eine falsche Fährte geführt werden, würden sich derartig eklige Konsolidierungsprozesse, wie sie gerade in Zypern ablaufen, schon im Vorfeld vermeiden lassen. (Witzigerweise findet sich sogar im aktuellen Koalitionsvertrag eine Passage, welche das steuerliche Problem zwischen Eigen- und Fremdkapital adressiert!) An sich ist es ganz leicht es gleich richtig zu machen!

Was folgt aus alledem? Man muß Herrn Dijsselbloem attestieren irgendwie eine höhere Einsicht in geldtheoretische Funktionsbedingungen aus den aktuellen Sachzwängen gezogen zu haben, auch wenn es vermessen wäre ihm zu unterstellen, daß er diese aus einer theoretischen Einsicht heraus gezogen hätte. Darauf kommt es aber auch nicht an! Man kann auch ‚right for the wrong reasons‘ sein!

4 Kommentare

Eingeordnet unter Finanzmarkt, Geldtheorie, Wirtschaftspolitik

4 Antworten zu “Von Pulverfässern und ungeplanten ökonomischen Einsichten

  1. „Das hat etwas damit zu tun wie man die Frage beantwortet was Geld ist.“

    Wolfgang Münchau schreibt im Spiegel über die teilweise Abschaffung von Banknoten und Münzen, und erklärt nebenbei was Geld ist, und erwähnt die Geldfunktionen: „Zahlungsmittel“, „Zahlungseinheit“, „Wert wahren“.

    Aber die Funktion Tauschmittel lässt er weg. Zu schwierig zu erklären?

    Artikel Spiegel Online:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-verkorkstes-verhaeltnis-zum-geld-a-901219.html

    Otmar Issing – Einführung in die Geldtheorie:

    „Geld als Tausch- und Zahlungsmittel“ … „Eine naturale Tauschwirtschaft ist somit nur auf einer relative primitiven Stufe der Wirtschaft denkbar“ … „Es ist keine Frage, dass erst dieser Dienst des Geldes als allgemeines Tauschmittel die moderne arbeitsteilige Wirtschaft ermöglicht.“

    Mein Vorschlag: Bei der Geldfunktion „Tauschmittel“ sollte hinzugefügt werden, dass hier nur innerhalb der Geldsphäre getauscht wird, Geld gegen Geld, aber ein gedanklicher Übertritt in die Welt der Güter-Tausch-Dinge nicht vorgenommen werden sollte/darf.

    Den Begriff „Wert wahren“ verstehe ich überhaupt nicht. Wie kann etwas „Wert wahren“ bei z.B. 5% Inflation und worauf bezieht sich „Wert“, auf die Geldsphäre (intern) oder auch (extern) auf die Güter, und wie bekommt man da mit dem Begriff „Wert“ die gedankliche Kurve?

    Oder sind die Begriffe richtig, nur i c h verstehe Sie dauernd falsch (sprich: ich bin zu doof Sie zu verstehen…)?

    • „…und erklärt nebenbei was Geld ist…“

      Mit Verlaub, der Kinderkram, den Münchau per ‚copy and paste‘ verbreitet ist doch nichts was man mit dem Begriff „Erklärung“ bezeichnen kann, denn diese Lehrbuchschlampereien sind von der Qualität „Die Armut kommt von der Povertät!“ frei nach Onkel Bräsig. Da nützt es auch nichts darüber zu sinnieren, ob da nun „Zahlungsmittel“ oder „Tauschmittel“ steht, solange nicht ein Kriterium zur Unterscheidung mitgeliefert wird. Da aber in Lehrbüchern zu diesem Thema auch nichts weiter steht, kommt an dieser Stelle natürlich auch nichts. Anscheinend ist M. sich nicht mal bewußt, daß man sich mit dieser „Definition“ eigentlich der Lächerlichkeit preisgibt und sich nur darauf zurückziehen kann, „daß ja alle Gelehrten das auch sagen“. Die Macht des Wortes kann aber auch sehr leicht verspielt werden.

      Ähnliches trifft ja auch auf Altprofessor Issing zu, dessen Märchen von dem „Tauschmittel“ die wesentliche Funktionsbestimmung des Geldes lediglich darin verortet, daß es eine Entkoppelung von der ‚double coincidence of wants‘ möglich macht. Das ist ja auch insoweit richtig, aber nicht mal die Hälfte der Geschichte. Dazu paßt ja auch Ihre Anmerkung, daß Geld nur bei Vorliegen einer Geldschuld eine Funktion aufweist, wohingegen das Mißverständnis von I. und 200 Jahren ökonomischer Theorie darin besteht zu versuchen, inkommensurable Dinge wie Geld (als autopoietisches System) und Waren (als für den Käufer nutzenstiftendes Gut) durch die „Integration von Wert- und Geldtheorie“ miteinander in Beziehung zu setzen. Dennoch hat sich das Mantra der überholten Geldtheorie so in die Köpfe der Leute gefressen, so daß man durchaus davon ausgehen kann, daß noch etliche Generationen von Ökonomen dieser überholten Vorstellung anhängen werden.

      „Wert wahren“: das ist hinsichtilch der Ökonomie etwa vergleichbar mit der Division durch Null in der Mathematik – je nachdem entweder ein nicht definierter oder ein durch Annäherung abschätzbarer Wert. Richtig ist: eine Geldeinheit hat immer die Eigenschaft eine Verbindlichkeit von einer Geldeinheit zu tilgen (da erübrigt sich die Definition eines realen Wertbegriffs), während der „Realwert“ einer Geldeinheit lediglich ein statistisches Konzept (Annäherung) ist – kein theoretisches, auch wenn die alte Wirtschaftstheorie das nicht wahrhaben will… (Man sollte sich aber hüten zu glauben, daß die Inflationstheorie der Ökonomie in irgendeiner Weise mit der Infinitesimaltheorie der Mathematik vergleichbar wäre!)

  2. Carlbrandner

    Wiederhole bloß die Essenz: Richtig ist: eine Geldeinheit hat immer die Eigenschaft eine Verbindlichkeit von einer Geldeinheit zu tilgen (da erübrigt sich die Definition eines realen Wertbegriffs)

  3. Wir gingen Tag-Täglich in den Fabrik, sprang nach den Maschinen nach für unseren Geldverdient vergleich damals im Wald nach dem Fleisch suchen um den Nachwuchs zu Ernähren. Aber unterscheiden nur in den Fabrik ist sichere Beutel da, es stellte auf sichere Sytrem und nicht nach dem Glücks-Treffen. Wir gingen in Konsum um Gemüse einkaufen mit dem Geldbeutel, vergleich damals dass, wir in unseren Garten für einigen bedarf vorsorg, Aber unterscheiden ist nur das nicht jeder eigene Garten haben, es wird diese aufgebe durchaus Verteil. Wir gingen ins Kaufhaus unseren Kleidung Kaufen, vergleich wie unseren Eltern dies damals für uns das Kleid mit ihrer Handarbeit befertigen, unterscheiden ist nur heu zur tage gab unseren Eltern lieber das Geld statt sich noch soviel bemüht selbst Anfertigung leisten. Wir können Dies nicht ändern dass, Geld spiel ein Gros und Wichtige rolle in unsere Lebens. Raubüberfälle, Mord, Krieg, hätte schon früher gegeben bevor dieses material (Geld) existierte.

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