Pitticoin die Lieben – und Platsch

rouletteNun muß man sich ja nicht als kompletter Laie outen, indem man in Bezug auf das Phänomen Bitcoin von einer Währung spricht. Es ist eher angemessen von einem künstlichen Tauschmittel oder künstlichem „Wertgegenstand“ oder meinetwegen von einer „virtuellen Sache“ zu reden, welche es zu einer gewissen Prominenz gebracht hat. Genau dasselbe ist auch schon bei Kunstwerken, Tulpenzwiebeln und einer Unzahl anderer Modeobjekte passiert, ohne daß die Kommentatorenwelt sich entblödet hätte, dabei von einer Währung zu faseln.

Das liegt daran, daß sich kaum jemand darum Gedanken macht, was eine Währung tatsächlich auszeichnet. Eine Währung des modernen Typs ist dadurch gekennzeichnet, daß sie nicht das Tauschverhältnis von Hirsch und Biber, sondern das Stecknadelbeispiel von Adam Smith adressiert. (Dazu gibt es demnächst einen weiteren Post!) Es ist nicht der Tausch, der die Grundlage für das Denken über Ökonomie legen sollte, sondern die Arbeitsteilung, welche auch das Rezept für das Reüssieren moderner Gesellschaften liefert. Der Grund dafür ist darin zu sehen, daß die operative ökonomische Elite instinktiv den Fokus der Bedeutung nicht auf die sogenannten flows, sondern auf die Qualität der stocks legt! Das heißt zwar auch, daß es gelegentlich auch zu Pannen kommt wo Bestände entwertet werden müssen, was dann unproblematisch ist, wenn diese auch einer entsprechenden Abschreibung unterzogen werden (können). Das jüngste Beispiel ist nicht von ungefähr die ‚dotcom‘-Blase, die deswegen so glimpflich verlaufen ist, weil die durchgeknallten „Investitionen“ vorwiegend mit Eigenkapital (IPOs) finanziert wurden und sich niemand darum schert, ob eine Abschreibung von Aktieninvestments erforderlich ist oder nicht.

Letzteres hat natürlich mit Bitcoins nichts zu tun. Denn Bitcoins sind ja nichts anderes als eine Phantasie, deren Bedeutung sich aus einer Vorstellung speist, die sich daraus ergibt, daß ein Glaube existiert, daß sie deswegen, weil sie aus einem „realen“ Prozeß entstanden sind auch einen „Wert“ haben müßten. Das kann man ja glauben, nur: das hat nichts mit irgendeiner Realität zu tun! (Ich habe ja eher den Verdacht, daß dieser Hype eine Marketingmaßnahme von Hardwareherstellern war.)

Das Lustige dabei ist, daß sich die Vertreter des Bitcoin dazu versteigen dessen Existenz als Alternative zu einer Währung zu stilisieren, obwohl dahinter nichts weiter ist, als daß ein Schaumprodukt zu einem Popanz hochdefiniert wird, was letztlich nichts anderes bedeutet, als daß eine lustige Truppe von Nerds sich einen Spaß daraus macht die versammelte Elite der Geldtheorie vorzuführen! Denn wenn irgendwer „Tauschmittel“ ruft, stürzen sich orthodox indoktrinierte Ökonomen sofort auf diese vermeintliche Bestätigung ihrer Vorstellungswelt. Wer dabei an Schande denkt, liegt richtig!

Der entscheidende Unterschied besteht daraus, daß ein Tauschmittel kein Zahlungsmittel ist!  Das eine ist ein fiktiver Wert, während das andere ein Medium ist, welches „nur“ dazu da ist, Schulden zu tilgen. An dieser Stelle wird nämlich klar, daß das hochgelobte „Vertrauen“ in eine Währung nämlich nur dann vonnöten ist, wenn es niemanden gibt, der darauf angewiesen ist, diese Währungseinheiten deswegen zu erwirtschaften, weil er in dieser Währung Schulden zu tilgen hat. Das viel gescholtene Schuldgeldsystem bezieht nämlich seine Funktionsfähigkeit daraus, daß Unternehmer einem Schuldendruck unterliegen und das der einzige Grund für ihre Bereitschaft ist, gegen (substanziell wertloses) Geld reale Leistungen (i.e. für den Konsumenten werthaltige Waren) zu verkaufen.

Im Gegensatz dazu ist ein Bitcoin als „schuldfrei“ (immer wieder lustig) geschöpfte „Währung“ auf Vertrauen angewiesen, weil es für niemanden eine wesentliche Motivation gibt, diese virtuellen Zahlenkolonnen durch ein Leistungsangebot erwirtschaften zu müssen. Die Pannen, die demgegenüber mit Währungen passieren können sind immer dann möglich, wenn es nicht gelingt für die fraglichen Währungseinheiten ein ausreichendes Interesse zu generieren. Im Kreditgeldsystem wird dieses „Interesse“ dadurch erzeugt, daß die Durchsetzung des Schuldendienstes(!) das „Verdienen“ dieser Scheinchen zur „conditio sine qua non“ des Wirtschaftslebens macht. Das ominöse „Vertrauensproblem“ existiert für ein Kreditgeld, wo Kredite effizient eingetrieben werden, schlichtweg nicht! (Das ist übigends der eigentliche Grund dafür, daß Deutschland vergleichsweise geringe Probleme mit der Finanzkrise hat, auch wenn die Bewältigung der ’subprime‘-„Investitionen“ eine deutliche Scharte in die Qualität deutscher Banken geschlagen hat. Von den USA lernen heißt heutzutage eben abschreiben zu können und nicht siegen zu lernen! So ändern sich die Zeiten! Das werden die Chinesen auch noch lernen – sorry folks!)

Der wesentliche Unterschied zwischen Bitcoins und einer Währung ist jedoch der, daß in der modernen Welt hauptsächlich die Referenz(!) auf das Zahlungsmittel zur Abwicklung von Zahlungen Verwendung findet und nicht das Zahlungsmittel selbst. Der ganze Überweisungsverkehr ist davon geprägt durch Anweisungen auf Zahlungsmitteltransfers die Verwendung des Zahlungsmittels in der Interaktion von Zahlendem und Zahlungsempfänger entbehrlich zu machen. Der Transfer des Zahlungsmittels nämlich wird durch die beteiligten Banken abgewickelt, woraus sich auch deren Bezeichnung als Zahlungsverkehrdienstleister herleitet. Im Gegensatz dazu werden Bitcoins selbst hoch wohl persönlich übertragen, so wie es sich für ein Tauschmittel gehört. Was die Eigenschaften eines Tauschmittels angeht: man kann sich sogar bei den Austrians davon überzeugen, daß die Bitcoins als „Konkurrenzwährung“ zu interpretieren sind – ein wirtschaftstheoretischer Kopfschuß sondergleichen!

Wenn Bitcoins zur Währung werden wollen müßten Kredite in Bitcoins ermöglicht werden, womit auch bei Bitcoins die üblichen Probleme entstehen wie sie bei konventionellen Banken existieren. Dann ist es auch mit der Dezentralisierung vorbei, denn dann besteht auch postwendend der Bedarf nach einer Bitcoin-Zentralbank. Dann ist es insbesondere mit der hochwohlgelobten währungspolitischen Anarchie endgültig vorbei, die sowieso nie existiert hat! Als süchtigmachendes „Investment“ und zur Entsorgung jeglicher ökonomischer Vernunft sind sie jedoch ein hervorragendes Spielzeug. Kommt gleich nach Gold!

29 Kommentare

Eingeordnet unter Finanzmarkt, Geldtheorie

29 Antworten zu “Pitticoin die Lieben – und Platsch

  1. Sie schreiben: „Das viel gescholtene Schuldgeldsystem bezieht nämlich seine Funktionsfähigkeit daraus, daß Unternehmer einem Schuldendruck unterliegen und das der einzige Grund für ihre Bereitschaft ist, gegen (substanziell wertloses) Geld reale Leistungen (i.e. für den Konsumenten werthaltige Waren) zu verkaufen.“ Betreue als Kurator eine „schuldfreie“ Währung Rheingold und sehe in diesem Zusammenhang BitCoin als sinnvolle Ergänzung. Mit der Funktionsfähigkeit des alten Geldes ist es nicht weit her, wenn man mal nach Griechenland schaut, aber egal, wenn altes Geld nur für die unter Schuldendruck stehenden Menschen ist, dann müssen ja nach Möglichkeit alle Menschen unter Schuldendruck leiden, damit es für alle funktioniert. Da Schulden=Vermögen sind, was machen wir denn jetzt mit den Vermögenden?

  2. Admiral Benbow

    „An dieser Stelle wird nämlich klar, daß das hochgelobte “Vertrauen” in eine Währung nämlich nur dann vonnöten ist, wenn es niemanden gibt, der darauf angewiesen ist, diese Währungseinheiten deswegen zu erwirtschaften, weil er in dieser Währung Schulden zu tilgen hat.“

    Das alleine kann es nicht sein! Man erwirtschaftet WE , weil man unter Schulddruck steht, ja, aber auch , weil man sich durch Liquiditätsreserven für künftigen, zu erwartenden Schulddruck wappnen möchte. Und da ist es sehr wohl von Belang, ob und wieviel Vertrauen in die Währung besteht, in der man die Liquidität hält.

    • schon alles richtig, komme aber nicht umhin, daß hier ein gesellschaftliches Szenario des Mangels, der Angst und der Schulden beschrieben wird, der der einzige Grund fürs Arbeiten und Geld verdienen sein soll. Ich kenne es aus Erfahrung anders: Es soll auch Leute geben, die gerne etwas schaffen, Bäcker, die Brötchen backen, weil es eine totale Befriedigung ist, zu erleben, wie sich Mitmenschen an den eigenen Schaffensprodukten erfreuen. Manche gehen sogar mit Geld einfach einkaufen, um sich und ihren Liebsten eine Freude zu machen oder Bedürfnisse zu erfüllen. Daß das alles ohne ein Zahlungsmittel nur schwerlich geht, ist auch allen bekannt. Aber diese ganzen schönen Erlebnisse gehen auch mit BitCoin, Rheingold und was weiß ich, da muß man nicht Euro für nehmen.

      • Sie versuchen gerade offene Türen einzurennen. Niemand bestreitet doch, daß man mit Rheingold auch seinen Spaß am Leben haben kann.

        Ich hatte es im Post nur angedeutet: der Umstand, daß Menschen kooperieren begründet für sich schon, daß es zu Verpflichtungsrelationen kommen muß, sobald man die warme Geborgenheit der Sippe oder Horde verläßt. Und weil man sich nicht darauf verlassen kann, daß jemand Unbekanntes sich automatisch solidarisch zeigt, erzeugt dies den Bedarf nach einem Schuldentilgungsmittel, welches zur Begleichung von Schulden quasi universell einsetzen läßt. Wo kann man es einsetzen? Dort wo die Unternehmer gezwungen sind, genau dieses Schuldentilgungsmittel zur Tilgung ihrer z.B. Investitionskredite einzusetzen. Eigentlich ganz einfach.

      • schon klar, natürlich gehen wir ständig Schuldverplichtungen ein, üblicherweise wechselseitig. Wenn ich eine Tüte Pommes im Imbiß bestelle und der Wirt ja sagt, schuldet der mir die Tüte und ich ihm den im Preisaushang definierten Geldbetrag in Rheingold, BitCoin oder Euro. Aber weshalb nun muß ausgerechnet die Geldschöpfung selber immer nur als Schuld denkbar sein? Zumal sowohl der Pommes-Wirt als auch ich als Gast, wir beide bestrebt sind, die gegenseitig eingegangene Schuld zu begleichen, täten wir das beim Schuldgeld, hätten wir aber logischerweise alle kein Geld mehr (Tilgung vernichtet Geld).

      • Well, denkbar ist alles mögliche. Nur: der Vorteil bei Kreditgeld ist doch, daß der Unternehmer, der seine Produktion durch Kredit vorfinanziert hinterher gezwungen ist diesen Kredit durch die Zurverfügungstellung realer Waren oder Dienstleistungen wieder zu tilgen. Umgekehrt: die Inanspruchnahme von Produktionsmöglichkeiten durch den Unternehmer zwingt ihn zur Erhöhung des Warenangebotes. Hätte er keine Schulden könnte er in die Versuchung kommen nur zu kaufen – und das wars! War da nicht jüngst auf FB eine ähnliche Diskussion?

      • ja auf FB war eine ähnliche Diskussion. Tenor: Alle würden nur ihre Mitmenschen ausnutzen, einkaufen bis zum Abwinken und niemals gegenleisten (Villa auf den Seychellen). Ich halte dagegen, daß ein Bäcker als Jugendlicher nicht deswegen jahrelang Bäcker bis zur Meisterschaft lernt, nur um auf ewig Brötchen backen zu müssen, um von seinen Schulden runterzukommen, sondern, daß er Bäcker lernt, um für Mitmenschen hervorragende Brötchen zu backen und davon in Freude zu leben. Die Tätigkeit selber ist die Erfüllung und die geistige wie materielle Anerkennung wichtiges Zubrot. Die Kunden veralbern kann ein Bäcker im übrigen auch ohne Zahlungsmittel, indem er statt Weizen Sägespäne verwendet.

      • Wie gehen Sie denn beim Rheingold mit dem Problem des ‚moral hazard‘ um? Denn das gibt es, da hilft kein Augen zudrücken! Irgendwie muß es da doch irgendeine Regelung geben?

      • Was ist „moral hazard“? Ich kann da jetzt nur spekulieren. McDonald druckt ja schon seit Jahrzehnten Gutscheine, meist „Wert 1 Cheeseburger“. Bislang hat deren Eigeninteresse, kaufmännischer Sachverstand und Wissen um die negativen Folgen dazu geführt, daß jeder vorgelegte Cheeseburger Gutschein dazu führte, daß ein Cheeseburger ausgehändigt wurde. Würde McDonald entscheiden, seine eigenen Gutscheine nicht zu honorieren, sondern zu nutzen, um an der Verkaufstheke ihre Bestands- wie Neukunden öffentlich vorzuführen und zu demütigen, wären die wahrscheinlich recht schnell weg vom Fenster und Kunden bei Burger King. McDonald tat und tut es nicht. Weshalb sollte ein Gutschein-Emittent von beispielsweise Notar-Leistungen anders entscheiden?

  3. fragenreise

    „Hätte er keine Schulden könnte er in die Versuchung kommen nur zu kaufen – und das wars!“
    Ja könnte und wäre möglich. Ist es damit aber der Regelfall?
    Es ist doch nicht die Gefahr oder das streben eines Unternehmers nur zu kaufen. Oder nur zu produzieren und seine 1 Million Gummi-Enten selbst zu essen!?

    Die ganze Rechung der Zwangskette wird ohnhin ohne den Betrüger gemacht. Wenn dieser und die klare Tatsache das alle das gleiche Zahlungsmittel verwenden, eingerechtnet spätestens dann ist Schluss mit dieser Linear ablaufenden Schuldübertragung.

    Befriedung, Profit und Gier, aber auch Anerkennung sind schon eher die wahren Auslöser zum wirtschaften. Wobei es sicher viele Auslöser gibt. Kaufen ohne weitere Produktbereitstellung ist jedenfalls jederzeit möglich, wenn es eine bestehende Zahlungsmittelmenge gibt.
    Ein Teil besteht dann sicher unter Zwang aber hier ist kein Mehrwertzwang und Vorteil für andere gesichert. Wenn Banken sich Kredite vergeben für eine Aktienspekulation oder die Spekulation gegen die Währung ansich damit betreiben, dann ist das für den Rest der die selben Finanzmittel benutzt sicher nicht von Vorteil…

    Ich denke eine objektive Sicht ist uns allen stark erschwert weil der logische Schluss durch höchst intellektuell daherkommende Zauberformeln verblendet wird, die zwar erstmal toll klingen aber letztlich jedoch viel zu kompliziert an den wahren Wirkungen vorbeidenken lassen.

  4. Stephan Goldammer

    Guten Tag Herr Menéndez,

    ich habe einige zum Thema passenden Fragen an Sie, auf die ich bisher keine schlüssige Antwort habe. Es geht um das Thema Geld und Forderungen.

    Wenn mein Konto bei der Sparkasse Köln ein Guthaben von “100 Euro” aufweist, ist dies meines Erachtens eine falsche Bezeichnung. Eigentlich müsste hier stehen: “100 Forderungen auf Euro”. Jede Bank gibt, juristisch und bonitätsmäßig gesehen, ihr eigenes Privat-Giralgeld heraus. “100 Euro” auf meinem Konto müssten also “100 Giralgeldeuro der Sparkasse Köln” heißen. Diese stellen einen Anspruch auf “100 Eurozentralbankgeld” dar. Für mich klare Begriffsverwirrung auf einem heutigen Kontoauszug. Wir besitzen faktisch eine große Anzahl von “Privatbankenwährungen”, dies wird durch die Auszeichnung von “100 Euro” auf dem Kontoauszug aber nicht erkennbar. Sichtbar wird es aber bei der Insolvenz. Dort merkt man deutlich den Unterschied zwischen “100 Euro” und “100 Forderungen auf Euro”. Wäre es daher nicht auch formal-juristisch korrekt, die Beträge auf unseren Konten umzubenennen von „Euro“ in „Giralgeldeuro der Commerzbank“ usw.?

    Ich hab mir mal eine Definition von Geld zurechtgezimmert:

    Geld ist eine rekursive, juristische Forderungskette mit dem Rekursionsanfang Zentralbankgeld (historisch: Gold).

    Beispiel: Scheck -> Giralgeld -> Zentralbankgeld -> Gold

    Man kann den Rekursionsanfang auch eine Stufe vorverlegen. Hat man historisch mit Gold ja auch gemacht. Die juristische Verbindung der Einlösbarkeit von Zentralbankgeld in Gold wurde gekappt, auch wenn rein “optisch” das Gold noch im EZB Speicher liegt.

    Was meinen Sie dazu? Ich finde hier kommt deutlicher heraus, dass Geld eine Referenz auf anderes Geld ist und irgendwann gibt es ein Referenzende (Zentralbankgeld). Dieses Zentralbankgeld stellt das Ende der Forderungskette/Referenzkette dar. Ist also keine Forderung auf irgendetwas (außer auf Zentralbankgeld, aber das reduziert sich auf den Umtausch an der EZB Theke von Euroschein-zerknittert in Euroschein-frisch).

    Interessante Frage wäre, woher erhält das Zentralbankgeld seinen „Wert“? Durch die Wirtschaftsleistung? Durch Knappheit? Hm…

    Würde mich über eine Antwort freuen.

    mit freundlichem Gruß

    Stephan Goldammer

    • „… ihr eigenes Privat-Giralgeld heraus.“

      Na nicht wirklich, es stimmt zwar, daß es unterschiedliche Adressaten sind, aber ob das nun die Sparkasse Köln oder die Volksbank Michelstadt ist, richtet sich die „Forderung auf 100 EURO“ stets auf dasselbe Objekt: 100 EURO in Noten oder Münzen. Deswegen halte ich diese Formulierung für nicht so glücklich, denn auch eine Überweisung von Köln nach Michelstadt ändert die Art und den Umfang der Forderung nicht! Die Vermixung mit dem sinnlosen und verwirrenden Begriff Giralgeld würde ich einfachheitshalber weglassen, weil alleine das Wort „Giralgeld“ sowohl ihre eigene Forderung bezeichnet, als auch die Verbindlichkeit, welche die Sparkasse Köln Ihnen gegenüber hat. Das ist auch der Grund für die Verwirrungen, die sich immer wieder einstellen wenn von Giralgeld die Rede ist, denn dieses besitzt immer(!) zwei Seiten und meistens weiß keiner so genau, welche Bedeutung denn nun gerade adressiert wird. Natürlich liegt es daran, daß es ist eine Einheit ist, denn jeder Forderung eines Wirtschaftssubjektes muß eine Verbindlichkeit eines anderen Wirtschaftssubjektes entsprechen – eine Forderung, die sich gegen niemanden richtet ist keine Forderung.

      Daß bei einer Insolvenz sehr wohl klar wird, daß 100 EURO Forderungen nicht dasselbe sind wie 100 EURO Zentralbankgeld (für Private sind das die Banknoten) ist unstrittig und nur für diejenigen erstaunlich, die beide Dinge miteinander identifizieren. Das wird halt immer erst bei Vorfällen der Art Kaupthing-Bank oder wie letztens in Zypern bewußt.

      Was das Geld angeht: Geld stammt wohl etymologisch gesehen von „gelten“ und bedeutet, daß dasjenige „gilt“ was in einem Kreditvertrag als gültiger Gegenstand definiert wird, dessen Übergabe(!) dieses Schuldverhältnis erst begründet und dann aufhebt. Grundsätzlich kann das alles mögliche sein, jeder identifizierbare Gegenstand kann Inhalt eines Kreditvertrages sein, wobei man nur dann von einem Kreditvertrag spricht, wenn er sich auf sog. „vertretbare“ Sachen richtet, die „in gleicher Art und Güte“ zurückerstattet werden müssen. Ansonsten spricht man von einer Leihe, denn man kann keinen Kreditvertrag mit dem Gegenstand „Mona Lisa“-Original machen! Wie es auch sei: der Gegenstand, welcher i.d.R. Gegenstand (juristisch: Sache) eines Kreditvertrages ist, ist Zentralbankgeld, welches als einziger Gegenstand bei seiner Übergabe eine Schuld endgültig tilgt. Das gilt unabhängig davon, ob das Geld direkt übergeben wird, oder Zahlungsverkehrdienstleister (Banken) den Transfer des Zentralbankgeldes stellvertretend übernehmen.

      Was Sie ein bißchen vermischen ist das Schuldverhältnis einerseits und Zentralbankgeld andererseits. Schuldverhältnisse sind Beziehungen zwischen zwei Parteien, Zentralbankgeld ist diejenige Sache, welche diese Schuldverhältnisse begründet oder auflöst. Das wird deswegen durcheinandergebracht, weil Zentralbankgeld aus einer Kreditvergabe der Zentralbank entsteht, die aber dann, wenn sie Banknoten liefert ihren Teil der Schuldbeziehung erfüllt hat. D.h. man kann den Passivposten „Zentralbankgeldumlauf“ bei der Zentralbank als Merkposten über erfüllte Verbindlichkeiten der Zentralbank ansehen. (Zur Erinnerung, was auch Professoren manchmal nicht klar ist: bei der Krediterteilung ist zunächst mal die kreditgebende Bank dazu verpflichtet, dem Kreditnehmer Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen oder plastischer gesagt: erst mal ist die kreditgebende Bank Schuldner! Hat sie dies erledigt, fängt der zweite Teil des Schuldverhältnisses an, wo der Kreditnehmer seine Tilgung vorzunehmen hat. Versteht man sofort, wenn man sich mal von einem Freund einen Zehner pumpt: erst zahlt der eine an den anderen, dann der andere an den einen.)

      Referenz: Man kann (Geld)-Forderungen als Referenz auf Zentralbankgeld ansehen was auch wesentlich besser ist, als diese Forderungen als „Giralgeld“ zu bezeichnen. Diese Referenz auf Zentralbankgeld bezieht sich – wie Sie richtig schreiben – auf eine Sache, die als Sache auch keine Forderung sein kann. (Wird eine Verbindlichkeit mit einer anderen Verbindlichkeit beglichen bzw. ändert sich der Forderungshalter, nennt man das üblicherweise nicht Zahlung sondern Umschuldung!)

      Wichtigste Frage: „Woher erhält das Zentralbankgeld seinen ‚Wert‘?“ Einfache Antwort: durch den Schuldendruck dem der Kreditnehmer üblicherweise ausgesetzt ist, was ihn dazu veranlaßt zur Erfüllung seines Schuldendienstes reale Waren und Leistungen anzubieten, um das Schuldendeckungsmittel Zentralbankgeld wieder „hereinzubekommen“ und möglicherweise noch einen Gewinn zu erzielen. Daran sieht man auch sehr schön den Unterschied von Gütern und Waren: Waren sind für den Unternehmer Mittel zu dem Zweck Geld für den Schuldendienst (und seinen Gewinn) aufzutreiben, während Güter für den Konsumenten eine nutzenstiftende Funktion ausüben. Heißt: der „Wert“ des Geldes ist lediglich eine mystische Zuschreibung zu einer Sache, die nur eine Funktion erfüllt: Schulden zu tilgen…

      • Ich muss nochmal nachhaken, irgendwie bin ich immer noch der Meinung, die Auszeichnung auf dem Kontoauszug ist falsch. Ich verwende EURO im Sinne von Zentralbankgeld:

        Falsch ist => Kontoauszug Sparkasse: 100 EURO

        Richtig wäre => Kontoauszug Sparkasse: 100 Forderungen auf EURO

        Müssten nicht unsere Kontoauszüge (wahrheitsgemäß) angepasst werden? Aus „EURO“ müsste „Forderung auf EURO“ werden.

      • Ich nehme mal an Sie meinen die Auszeichnung eines Kontostandes, welcher für Sie eine Forderung gegen die Sparkasse ist als „Haben“. Wenn Sie auf Ihrem Konto „im Plus“ sind heißt das gleichzeitig, daß die Sparkasse Ihnen gegenüber eine Verbindlichkeit hat. Da die Sparkasse aber Ihnen auf dem Kontoauszug die Sichtweise ihrer Buchhaltung mitteilt, steht auf dem Kontoauszug „Haben“, weil „Haben“ buchhaltungstechnisch verstanden auf eine Verbindlichkeit hinweist. Umgekehrt ist bei Ihrer persönlichen Buchhaltung der gleiche Sachverhalt als Sollbuchung zu finden, denn eine Sollbuchung markiert einen Aktivtatbestand.

        Wenn Sie so wollen steht auf dem Kontoauszug der Sparkasse nicht wie Sie schreiben „100 Forderungen auf EURO“ sondern korrekterweise „100 Verbindlichkeiten auf EURO“! Das Mißverständliche hierbei ist, daß die Bezeichnung „Haben“ des Kontoauszuges nicht haben im Sinne von besitzen bedeutet – sondern das Gegenteil aus einer anderen Perspektive, nämlich die der Sparkasse. Denn: die Sparkasse wird sich nicht in Ihre Buchhaltung einmischen!

  5. „Das ominöse “Vertrauensproblem” existiert für ein Kreditgeld, wo Kredite effizient eingetrieben werden, schlichtweg nicht!“
    Nun ja, zum einen ist Vertrauen doch nur die Extrapolation von bereits gemachten Erfahrungen in eine unsichere Zukunft, nach dem Motto, was gestern funktioniert hat, wird wohl auch morgen funktionieren. Zum anderen gibt es wohl kein Kreditgeldsystem, in dem dauerhaft Kredite effizient einzutreiben sind. Wenn Kredite in der Vergangeheit effizient eingetrieben werden konnten, bedeutet das aber noch lange nicht, dass sie auch in Zukunft effizient eingetrieben werden koennen. Denn die Faehigkeit der Schuldner ihren Kreditverpflichtungen nachzukommen haengt in einem hohen Masse auch davon ab, ob diejenigen, die ueber das dazu notwendige Geld verfuegen, bereit sind dieses Geld gegen die angebotenen Waren und Leistungen zurueck fliessen zu lassen. Wenn dies nicht in dem Mass gegeben ist, wie es die Bedienung der in der Vergangenheit geschlossenen Kreditvertraege erfordert, dann leidet die zukuenftige Effizienz der Eintreibung und damit das Vertrauen. Das kann man eine gewisse Zeit ueberdecken, indem man die Kreditvergabe staendig ausweitet. Das fuehrt aber zwangslaeufig zu der angesprochenen Situation, wie sie am angesprochenen Beispiel USA/China so wunderbar deutlich wird.
    Das US Bankensystem kann (und will) offensichtlich die US Buerger und Unternehmen nicht zwingen, den Chinesen Leistungen und Waren anzubieten, die die US$ aus China zurueckfliessen lassen wuerden, die noetig waeren, um die gewaehrten Kredite zu bedienen. Seit 2007/2008 funktioniert die „Loesung“ den Chinesen die entgegengerichteten Forderungen als triple A rated Wertpapiere made in USA zu verkaufen auch nicht mehr.
    Was bleibt ist die staendige Ausweitung der Kredit-/Geldmenge und jede Menge Schabernak um das „Vertrauen“ wieder herzustellen.

    • Die Sache mit dem Vertrauensproblem zielte eher darauf ab, daß modernes Kreditgeld nicht mehr „gedeckt“ sein muß und sich eine Bindung an z.B. Gold geradezu verbietet. Diese Konsequenz aus einer haltlosen Situation hat Nixon in einem seiner hellsichtigen Momente gezogen.

      Die Effizienz der Eintreibung von Forderungen ist sicherlich nicht überall gleich. Was jedoch bei einem freien Kapitalverkehr passiert ist, daß irgendwann dann, wenn es bekannt wird, daß eine Bank(engruppe) ihre Refinanzierung nicht mehr über die üblichen Kanäle sicherstellen kann, eine Kapitalflucht zu bonitätsmäßig besser dastehenden Banken einsetzt, was das Liquiditätsproblem erst recht verschärft. Man kann diese Probleme eine Weile hinausschieben, muß schlußendlich jedoch stets entweder durch Staatsverschuldung, Hilfspaket oder Haircut genau diejenigen Korrekturen nachholen, die vorher versäumt worden sind. Das ist dann auch „Eintreiben“ – nur anders und wesentlich unangenehmer, weil dann meistens noch jemand ein Wörtchen mitreden will. Die damit verbundenen Restriktionen als Schabernack zu empfinden ist glaube ich für die davon Betroffenen nicht wirklich nachvollziehbar. Auf jeden Fall kann man darauf vertrauen, daß irgendwann eingetrieben wird: vorausschauend wie man es noch von Bankiers gewohnt war, oder nachholend, was eher typisch für die neutrotteligen Banker ist!

      • Das Kreditgeld steht und faellt mit der Faehigkeit der Kreditnehmer die im Kreditvetrag vereinbarten Zahlungen zu leisten. Wenn diese Faehigkeit im grossen Stil verloren geht, geraet Kreditgeld in Schwierigkeiten. Denn dann gelingt das Eintreiben nicht mehr bei denen die den Kredit aufgenommen haben, sondern richtet sich zwangslaeufig und zunehmend auf diejenigen, die das Geld halten (siehe Zypern).

        Ich wollte darauf hinweisen, dass die Faehigkeit zur Vertragserfuellung nicht alleine in den Haenden des Kreditnehmers liegt. Wenn China die $ Noten lieber irgendwo stapelt anstatt sie gegen amerikanische Leistungen zurueck fliessen zu lassen, dann koennen die amerikanischen Kreditnehmer machen was sie wollen, aber sie werden ihre Kreditvertraege nicht erfuellen koennen. Und auch der andere Fall, in dem China nicht US$ stapelt, sondern diese gerne gegen US Leistungen seiner Wahl zurueckfliessen lassen moechte aber kein entsprechendes Leistungsangebot von amerikanischer Seite vorfindet, ist denkbar und fuehrt in das gleiche Problem. Die Realitaet ist vermutlich eine Mischung aus beiden Gruenden. Feststellen muss man aber, dass der zweite zum Zeitpunkt der Kreditvergabe in der Zukunft liegende Kontrakt nicht in dem Mass zustande kommt, wie es die im Kreditvertrage zuvor vereinbarten Zahlungen erfordern. Die Frage ist, warum ist das in einem derart eklatanten und eskalierendem Umfang so?
        Das Verhalten der Banker spielt bei der Beantwortung der Frage sicherlich eine bedeutende Rolle. Aber ich vermute, das alleine ist es nicht.

      • So leicht ist es mit dem Kreditgeld auch nicht, denn wie in der vorangegangenen Antwort angedeutet gibt es einige Sicherungsmechanismen, von denen der wichtigste die Insolvenz ist, welche unbedienbare Verbindlichkeiten aus dem volkswirtschaftlichen Kooperationszusammenhang wieder entfernt. Und wenn das wie Sie schreiben, im großen Stil passiert gibt es ja inzwischen auch die Blaupausen für die dann notwendige Konsolidierung, die darin besteht, die nicht zum Konsum verwendeten Geldvermögen schlichtweg für „wertlos“ zu erklären – so wie es in Zypern gerade ausprobiert wurde. Daß das auch irgendwann mal auf die „Großen“ zutrifft kann dann doch erwartet werden, denn die inzwischen einsetzenden Repressalien gegen „Steueroasen“ werden auch diese Schlupflöcher nicht auf ewig bestehen lassen.

        Was China angeht: die Chinesen sind durch zwei Ereignisse geprägt, wobei zum einen die Asienkrise beigetragen hatte, die zu der vorläufigen Erkenntnis geführt hat, daß eine Teilnahme am Weltmarkt nur mit dem Aufbau großer Dollarreserven einhergehen kann, um sich nicht erpressbar zu machen. Zum zweiten mußten sie dann feststellen, daß man für Dollars doch nicht alles kaufen kann, denn bereits der Versuch der Aquirierung irgendeiner zweitklassigen US-Ölgesellschaft scheiterte an irgendwelchen albernen „nationalen Interessen“. Das Ergebnis ist, daß inzwischen die FED mit QE das US-Defizit finanzieren muß, da ja wie Sie sagen, die chinesische Bereitschaft, ‚treasuries‘ zu kaufen merklich abgenommen hat. Dafür kauft China überall auf der Welt, wo es für Dollars noch etwas werthaltiges zu kaufen gibt, wobei Land, Technologie und Immobilien ganz vorn auf der Liste stehen. Das führt zwar alles nicht zum Zusammenbruch des US-Finanzsystems, sondern bedeutet „nur“, daß der US-Dollar inzwischen – EURO-Krise hin oder her – seine Stellung als Weltreservewährung verliert. Ist nicht schädlich!

  6. So ist es!
    Man darf auch vermuten, dass der Ausbruch der Krise 2007/2008 in einer durch Bernanke ausgeloesten Koinzidenz von Ereignissen, man koennte auch von einer Kettenreaktion sprechen, begruendet liegt. Denn, wie wir schon an anderer Stelle abgeklaert hatten, wird internationaler Zahlungsverkehr immer in Zentralbankgeld abgewickelt. Mit dem durch Bernanke betriebenen Zinserhoehungszyklus, der der krisenhaften Entwicklung vorausging, wurde das US Zentralbankgeld rapide verknappt.
    Gleichzeitig wurden durch die erhoehten Zinsen fuer viele US Immobilienbesitzer ihre Hypotheken untragbar. Die Wertpapiere, in die diese Kredite verbrieft worden waren wurden wertlos. Die weltweite Wahrnehmung dieser Tatsache lies den Rueckstrom der US$ aus China und den anderen Laendern mit denen die USA ein Leistungsbilanzdefizit pflegen (in der Summe ca. 60 Mrd. US$ pro Monat), schlagartig zusammenbrechen, denn die US$ mit denen diese Defizite bezahlt wurden, waren zuvor im grossen Umfang in eben diese triple A rated Wertpapiere halbstaatlicher Fannie’s und Freddy’s getauscht worden. Da die Importe der USA aber ungebremst weiter liefen, mussten irgendwann zwangslaeufig amerikanische Banken trocken laufen (ihre Zentralbankliquiditaet verlieren) denn es kam zu einem netto Zentralbankgeldabfluss. Seitdem ersetzt die FED den ausgefallenen Rueckstrom und der Rest der Welt, soweit er bei Verstand ist, versucht vom US$ als Handelswaehrung weg zu kommen. In Deutschland aber feiert man es als Erfolg weiterhin Exportueberschuesse zu realisieren, die nur noch, da man die europaeischen Handelspartner zum Sparen verdonnert hat, in eben diesem Rest der Welt in US$ zu erzielen sind.

    Ich finde dagegen ist die Bitcoin- und Goldgeschichte eine eher harmlose Randerscheinung, die im Reigen all der anderen Nebelkerzen kaum noch auffaellt.

    Viele Gruesse nach Berlin
    GT

  7. Wenn meine Ueberlegungen also richtig sind, dann kann man konstatieren, dass es u.a. eine Qualitaet des zweistufigen Kreditgeldsystems ist, dass eine Volkswirtschaft wie die USA, immerhin die groesste der Welt, die Kontrolle ueber ihre Waehrung verlieren kann. Denn die Vorstellung, die Fed koennte nach Belieben die von ihr zur Verfuegung gestellte Zentralbankgeldmenge wieder reduzieren ist falsch, wenn Halter von US Zentralbankgeld ausserhalb der USA bereit sind, aus welchen Gruenden auch immer, dieses im grossen Umfang zu halten/zu akkumulieren und den dadurch entstehenden Zinsverlust hinzunehmen. Denn wuerde die Fed das Wachstum der Zentralbankgeldmenge unter die Rate des Zentralbankgeldabflusses abbremsen, wuerden die US Geschaeftsbanken (die Korrespondenzbanken ueber die es zur Zahlung des Leistungsbilanzdefizits kommt) ihre Zentralbankgeldliquiditaet verlieren und zusammenbrechen. Mit den entsprechenden Folgen fuer die amerikanische Realwirtschaft bzw. das, was davon noch uebrig ist.

    Dieses Problem hatten und haben auch kleinere Volkswirtschaften. Allerdings ist es dort in der Regel nicht der ungebremste Zustrom von Waren und Leistungen, der den Zentralbankgeldabfluss bewirkt, sondern oft der spekulative oder den „sicheren Hafen“ suchende Zustrom einer Waehrung einer „grossen“ Volkswirtschaft. Wir sehen dies aktuell im Fall der Schweiz, die sich genoetigt sieht, durch ihre Zentralbank im grossen Umfang fragwuerdige „Euro Assets“ fuer die ihr zustroemenden Euros der Kapital- und Steuerfluechtlinge zu kaufen, um so einer massiven Aufwertung des SFr und der damit verbundenen Erdrosselung ihrer Exportwirtschaft und des Tourismus entgegen zu wirken. Welche Schaeden das ruecksichtslose Ein- und Ausschwingen einer solchen Abrissbirne bestehend aus „Hotmoney“ bewirken kann war u.a. in der von Ihnen schon erwaehnten Asienkrise zu beobachten.

    Diese Barbarei funktioniert aber auch innerhalb einer Waehrung. Und da sogar nahezu ohne Zentralbankgeld. Da reichen dann schon Sichtforderungen auf Zentralbankgeld, die moeglichst noch durch von Geschaeftsbanken frisch geschoepfte Kredite gehebelt in Industrien (dotcom, Immobilien) oder Regionen (PIIGS) gepumpt werden, um dann mit verheerenden Folgen wieder zurueckgezogen zu werden.

    Ein Artikel mit der Ueberschrift „Kreditgeld die Lieben – und Kaboom“ waere also durchaus angebracht.

    Viele Gruesse

    Georg Trappe

    • Aber Herr Trappe,

      was Sie im ersten Absatz beschreiben passiert doch inzwischen seit 60 Jahren! Aus genau diesem Grunde ist ja der US-Dollar eine Weltreservewährung! Die FED wird niemals zulassen, daß aufgrund einer Liquiditätsknappheit, die von einer steigenden Dollar-Nachfrage kommt, die US-Banken zu wenig Liquidität haben könnten. Das wird – allen staatlichen US-Schulden-‚ceilings‘ zum Trotz – nie passieren!

      Einen Vergleich mit „kleinen“ Volkswirtschaften braucht man nicht zu ziehen, weil diese unter völlig anderen Konditionen funktionieren müssen. Dabei ist das Beispiel der Schweiz denkbar ungeeignet, weil die Schweiz als Fluchtmöglichkeit zur Vermögenssicherung angesehen wird, während die anderen „kleinen“ Volkswirtschaften zur Generierung höherer Gewinne mißbraucht wurden. Die Schweiz hat mit dem Liquiditätszustrom ein Luxusproblem, weil sie diese Liquidität nicht für irgendwelche „Investitionen“ braucht. Das war in Südostasien ganz anders. Weil dort die zuströmende Liquidität für Investitionen gebraucht wurde, was der plötzliche Abzug der Liquidität – bevor die entsprechenden Erträge erzielt werden konnten – so desaströs!

      Daß ein ungefilterter Strom von Liquidität eine Volkswirtschaft schwer durcheinanderwürfeln kann ist ja bekannt, nicht zuletzt haben ja Länder wie Brasilien damit angefangen Schranken zu errichten. Vielleicht wird ja auch irgendwann die Erkenntnis reif, daß nationale Entwicklung nur mit dem nationalen Finanzsystem möglich ist. Kennt man von dem deutschen Ökonomen F. List – dieses Konzept haben die Chinesen erst mal abgeschrieben und umgesetzt, um festzustellen, daß ihnen nichts Besseres passieren konnte. Na gut, sie haben es ein bißchen übertrieben, aber trotzdem sitzen sie jetzt auf der „Schloßstraße“, ohne daß es eine Aussicht gibt, sie davon zu verdrängen!

      • „Die FED wird niemals zulassen, daß aufgrund einer Liquiditätsknappheit, die von einer steigenden Dollar-Nachfrage kommt, die US-Banken zu wenig Liquidität haben könnten.“

        Aber Herr Menendez,

        genau das ist der Fed 2007/2008 aber passiert. Siehe auch meinen Kommentar vom 22.4.2013, 00.40h.
        Bernanke hat schlicht uebersehen/unterschaetzt, dass sein Zinserhoehungszyklus, der der Krise voraus ging, nicht nur ueber den klassischen Weg zu einer Verknappung des Zentralbankgeldes fuehrte, sondern auch ueber die Indirektion Haeuslebauer > Hypotheken > tripple A rated MBS = Schrott (wenn Haeuslebauer aufgrund steigender Zinsen im grossen Umfang die Hypotheken nicht mehr bedienen koennen) den fuer das US Geschaeftsmodell lebenswichtigen Rueckstrom an US$ Zentralbankgeld schlagartig ins Stocken bringen wuerde. Die Fed war und ist nicht mehr Herr der Lage. Das galt bisher nur fuer kleinere Notenbanken, wenn diese ideologisch bedingt nicht zu Kapitalverkehrskontrollen greifen wollten.
        (Es gilt uebrigens in aehnlicher Weise auch fuer Geschaeftsbanken, bei denen sich grosse Teile der Passiva hochkonzentriert in den Haenden weniger befinden.)

        Ich denke die Menschen, die in der Realwirtschaft der Schweiz arbeiten sehen das etwas anders. Fuer die ist es absolut kein Luxusproblem, wenn ihre Angebote an Waren und Leistungen an Wettbewerbsfaehigkeit verlieren, nur weil Steuer- und Kapitalfluechtlinge aus ganz Europa dem Wahn verfallen sind ihre Geldvermoegen von Euro in SFr zu tauschen.
        Fuer die ist es auch kein Luxusproblem, wenn beim Ausschwung dieser Abrissbirne die Schweizer Nationalbank auf fragwuerdigen Euro Assets sitzen bleiben sollte.

        Keine Volkswirtschaft ist wirklich auf „Investitionen“ in fremder Waehrung angewiesen. Dass selbst unter den widrigsten Umstaenden eine Finanzierung groesster Projekte immer auch von innen heraus moeglich ist, hat Hjalmar Schacht laengst bewiesen. Und es ist richtig, dass die sog. Schwellenlaender aktuell mal wieder unter dem Zustrom von US$, Euro und Yen leiden! und das brasilianische Beispiel zeigt auf, wie schwierig es ist, das vorherrschende Dogma und seine Folgen einzudaemmen.
        http://rwer.wordpress.com/2012/07/12/brazil-developing-countries-can-regulate-global-finance/

        Das bestehende Kreditgeldsystem funktioniert ganz gut, wenn es unter einer nationalen Kaeseglocke (F.List) zur Anwendung gebracht wird und dann auch nur in Aufbau- bzw. Entwicklungsphasen. Sobald diese abgeschlossen sind, geraet das Kreditgeldsystem bei staendig wiederholter Anwendung der wirtschaftsliberalen Rezeptur unweigerlich in Schwierigkeiten. Das ist nicht nur historisch belegt, sondern auch theoretisch nachvollziehbar, wenn man die Wirkung von Konzentrationsprozessen und die dadurch bewirkte Verfestigung massiver Ungleichgewichte auf allen Ebenen einer Wirtschaft ins Kalkuel einbezieht.
        Welches Ausmass diese Ungleichgewichte erreichen koennen verdeutlicht diese Liste :
        https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2187rank.html#top
        Und dabei handelt es sich wohlgemerkt „nur“ um eine Stromgroesse, die ueber Zeit, bei konstantem Vorzeichen, gigantische akkumulierte Bestaende nach sich zieht.
        Wie man diesen Knoten mit der aktuell gewaehlten Politikoption zu loesen gedenkt, erschliesst sich mir nicht.

        Viele Gruesse

        Georg Trappe

  8. Danke Renée Mendez für diesen Artikel und danke generell für dieses sehr lebendige Blog und das gewissenhafte Beantworten von Fragen.

    Bitcoins waren ursprünglich (jetzt nur rein aus meiner pesönlichen individuellen Sicht) eine Hackerwährung mit der man anonymous, kreativen Künstlern, NGO-Plattformen, innovativen Web-Shops schnell und halb kompliziert (einfach war es nie) indirekt Geld überweisen konnte.
    Es bestand Bedarf an einem anonymen virtuellen fälschungssicheren Tauschmittel, das wiederum von ein par Freakbörsen gegen Geld umgetauscht werden konnte. Die bitcoins sind meiner Ansicht nach eine Weiterentwicklung des online Rollenspiel Golds. Für irgendwelche magischen Schwerter in Rollenspielen wurden seiner Zeit auch horrende Summen geboten in Anbetracht dessen, dass sie rein virtuell waren.
    Im Gegensatz zu Casino-Chips, Otto-Versand oder McDonalds Gutscheinen hatten bitcoins die Vorteile von Virtualität, fast absoluter Fälschungssicherheit und größer werdender Akzeptanz.
    Cette chose s’est bien alleé bis irgendwelche Investoren mit Bauernschläue merkten: „Des geht guat, damit mocht ma viel Geld“.
    Der Rest ist der Lemmingseffekt, den es ohne Zweifel an den Finanzmärkten gibt. Zuerst die Avantgardisten, dann par BIG-Player, dann größere private Investoren, zuletzt die Dienstmädchen-Hausse und dann platzt meistens die Blase.
    Ich habe noch par bitcoins auf alten Harddisks wo rumliegen, vielleicht sollte ich diese par mal jetzt wieder ausgraben. Ansonsten habe ich das BTC Business bereits verlassen, die Preisstabilität erscheint mir nicht mehr in dem geeigneten Maße wie früher zum Zwecke des reinen Tausches, gegeben zu sein.
    Litecoins wären vielleicht eine Option, aber im Moment reichen mir meine FX-Devisen Swaps um meinen Aktivismus, meine geringen Lebenskosten und die finanzielle Sicherung meiner Familie zu gewährleisten.

    • P,P,S.: Rein von meiner Überzeugung wollte ich wieder in der IT in der Realwirtschaft arbeiten, aber da meine Kosten hoch sind und es im Moment in Österreich in wirklich produktiven Unternehmen nur feste Anstellungen nach einer Phase der prekären Tätigkeit auf Werkvertrag gibt und ich selbst auf alle staatlichen Zuschüsse freiwillig verzichten will, treibt mich die unsichtbare Hand leider ins Spekulationsgeschäft, da der Ertrag dort wesentlich höher ist. (Im staatlichen Sektor gäbe es einige nicht so schlechte bezahlte Jobs in der IT, aber dafür fehlt es mir im Moment an Selbstüberwindung und Beliebtheit)

  9. Eine endliche Währung ist nun mal wesentlich anfälliger für Blasen.
    So sind die Bitcoins als Experiment in einem begrenzten Kreis sicher eine gute Idee. Doch als Währungserstaz eben nicht zu Ende gedacht.
    Zum anderen empfehle ich Ihnen Währung mal nicht als Tauschmittel zu betrachten! Auch wenn dies in der Österreichischen Schule mal so angedacht wurde.
    Ersten Sie Geld durch Zeit!
    Dann wir ddie Entwicklung der letzten Jahre durchaus plausibel und erklärt auch warum es sich die „Eliten“ der Hochfinanz gefallen lassen wie die Wirtschaft derzeit funktioniert und „weiter“ entwickelt wird.

    • Es verwundert mich schon ein bißchen, daß mir empfohlen wird Geld NICHT als Tauschmittel zu sehen. Aber vielleicht hatten Sie noch nicht die Zeit sich davon zu überzeugen, daß ausgerechnet in diesem Blog die Differenz von Tausch- und Zahlungsmittel bis auf die fundamentalen theoretischen Grundstrukturen zurückgeführt werden. Und was in der Austrian-Schule so alles gedacht wird ist ohnehin eine Diskussion ohne theoretische Leitplanken, aber dafür versetzt mit umso mehr puritanischer Moraltheologie.

      „Ersten Sie Geld durch Zeit!“

      Ich nehme mal an, daß das „Ersetzen“ bedeuten sollte. Sicherlich hat Zeit etwas mit Geld zu tun, weil sowohl Geld als auch die Gewährung von Verfügungsrechten über Geld üblicherweise an ein zeitliches Limit gekoppelt sind. Dabei funktionieren diese Dinge nur miteinander, so daß es etwas schwer vorstellbar ist, Geld durch Zeit zu ersetzen. Aber vielleicht meinten Sie ja auch etwas anderes…

  10. derwildweststeirer

    Verzeihen Sie mir bitte meine Rechtschreibung!
    Selbstverständlich meinte ich „ersetzen“.
    Geld stellt immer nur einen Bezug zu einem Zeitguthaben dar.
    Das Tauschmittel repräsentiert eine gewissen Aufwand an Zeit.
    Eventuell kann der Beitrag http://www.der-wildweststeirer.at/?p=1811 Sie da mal auf die Spur meiner Gedankengänge bringen?

    Wenn wir dieser Spur dann weiter folgen ergibt sich erst die Logik, warum es eine „Elite“ von Vermögenden es sich überhaupt gefallen lässt, dass ihnen mittels Inflation derzeit ihre Vermögen vom realen Wert her genommen werden. Völlig egal, so lange dem Trent, dsas reale Arbeit immer billiger werden soll, gefolgt wird.

    • Ihr theoretisches Argument, daß Produktion im Grunde genommen nur durch bezahlte Arbeitszeit entsteht habe ich in dem Post über die „Realillusion von Investition“ diskutiert. Der Unterschied ist, daß ich darauf verzichtet habe die Lohnzahlung an das Kriterium „Zeit“ zu binden, weil es für meine Begriffe für die Erkenntnis dessen, was Kapitalismus ausmacht lediglich eine Nebenrolle darstellt. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Produktion aus Arbeitsleistung entsteht, wobei Sachgüter (Gebäude, Maschinen etc.) als vorgetane Arbeitsleistung angesehen werden können.

      Wichtiger im Kreditgeldkapitalismus als die Arbeitszeit ist die Laufzeit von Krediten, bei der man auch nicht herumrätseln muß, ob die nun irgendeinem „gesellschaftlichen Durchschnitt“ entspricht oder den Kriterien der „notwendigen Arbeitszeit“ entspricht. Das kann man einfach denjenigen überlassen, die sich dafür zuständig fühlen. Natürlich kann man dann noch sagen, daß Geld Zeit ist, die eigentliche Funktion von Zeit, nämlich die Bemessung von Zinsforderungen, wird dadurch nicht so richtig deutlich. Ich würde eher dafür plädieren, das Bonmot „Zeit ist Geld“ als das zu nehmen was es eigentlich ist: ein Aphorismus ohne Anspruch auf inhaltliche Richtigkeit!

      • derwildweststeirer

        Der von Ihnen verfasste Beitrag beschreibt die selbe Idee. So weit so gut. Doch wenn man nun die Lohnzahlung selbst außer acht lässt, stellt sich die Frage ob wir hier nicht einzig entschiedenen Faktor der Wirtschaft, die Beziehung zwischen Teilnehmer und ihre Teilhabe, außer acht lassen?
        Die Zinsforderungen sind für mein Dafürhalten überhaupt ein Problem.
        Da Geld eben einer Ansammlung von Zeitguthaben entspricht kann es laufend geschöpft werden. Vermögen sind demnach Zeitguthaben bei denen es mir gelungen ist an der Arbeit eines anderen teilzuhaben.
        Irgendwann stellt sich jedoch der Punkt ein, wo alle Zeitguthaben zusammen größer sind als der bedarf an Zeitguthaben die wer benötigt.
        in einem Markt sinkt nun der Wert der Zeitguthaben, was sich in extrem niedrigen zinsen auswirken wird.
        Ich hoffe es dämmert nun schön langsam?

        Ich habe mal das Gedankenexperiment gemacht und Geld durch einen Sachwert ersetzt. Sie werde durchaus Paralellen erkennen wo die Krise sitzt. Eine Horde von „Experten“ erklärt uns allen, dass die Lager der Guthaben zu schützen sind.Statt das man es den Haltern der Guthaben aufbürdet wird nun dem Staat und damit den Bürger die Kosten für die Lagerhaltung zu tragen. Der natürliche Grenze des Zinssystems mittels eines aufgeblähten Markt an Scheingeschäften versucht möglichst weit hinauszuzögern. Das dies schief gehen muss leuchtet jeden Menschen mit etwas Verstand ein. Verluste dieser Scheingeschäfte sind natürlich von der Allgemeinheit zu tragen.

        http://www.der-wildweststeirer.at/?p=1259

        Eigentlich ganz einfach, wenn man sich mal selbst damit beschäftigt.

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