Jesse James oder die Abstraktheit sozialer Verpflichtungsrelationen

tank surrealDie Story, welche die Funktionsbedingungen des Geldes im Kreditgeldkapitalismus beschreiben kann, läßt sich anhand einer merkwürdigen Geschichte aufzeichnen, die die Differenz von Geld und Gold in besonderer Weise akzentuiert.

Was ist das Problem, wenn Jesse James einen Bankraub plant und nicht konkret bestimmen kann, wieviel Beute zu erwarten ist. Jeder Kenner der Western Materie wird wissen, daß das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen nur auf eine Weise zwischen den Beteiligten verteilt werden kann: es wird eine Quote festgelegt, die jedem einen bestimmten Anteil an der Beute in Aussicht stellt. Denn je nachdem wie hoch die Ausbeute an – üblicherweise – Gold ausfällt ist der Anteil des Einzelnen höher oder niedriger ~ sofern der einzelne Teilnehmer dieser Aktion diese auch überlebt.

Was passiert nun, wenn der Bankraub  halbwegs seinen erwarteten Erfolg hatte und es nun um die Verteilung des gemeinsamen Ertrages geht? Die Anzahl der erbeuteten Goldstücke stellt den verteilungsfähigen Bestand dar, der nunmehr gemäß des vorab ausgehandelten Verteilungsschlüssels den anspruchsberechtigten Überlebenden zugerechnet wird. Nehmen wir mal an, daß es keinen Streit gibt (ja ist unrealistisch, aber trotzdem): die Verteilung der Goldstücke sieht aus wie eine Zahlung für die Leistung „Teilnahme an Bankraub“, ist aber in diesem Sinne keine. Denn in dieser Transaktion ist die Übergabe des Beuteanteils gleichbedeutend mit der Übergabe einer Ware, während die Erlöschung des ausgehandelten Anspruchs des Einzelnen dasjenige darstellt, was die Zahlung zum Erwerb einer Ware darstellt. Denn eine Zahlung im geldtheoretischen Sinne ist dadurch charakterisiert, daß damit eine Schuld gelöscht wird, die in diesem Fall aus der Verpflichtung von Jesse James besteht die gegen ihn gerichteten Forderungen durch die Übergabe des vereinbarten relativen Warenanteils zu erfüllen.

Das Wesentliche was zu der Verbindung zu Geld führt ist, daß der Anspruch z.B. 10% der Beute, erst durch das konkrete Ergebnis des Raubzuges materialisiert wird. Denn erst durch diese Materialisierung (die im Vorfeld lediglich erwartet! werden kann) wird der entsprechende Anspruch zu einem realen Wert. Das kann man auch ganz profan dadurch ausdrücken, indem man Geld (interpretiert als Anspruch auf ein gemeinsames Projektergebnis) als relatives Maß des Bankraubes erkennt, welches den Output der gemeinsamen Aktivität in Beziehung zu dem individuellen Input (Pferd, Sattel, Colt oder wahlweise Winchester, Kugeln und persönliche Existenz) setzt. Genau das ist es nämlich, was eine Preiskalkulation macht, indem die Kosten auf das Produktionsergebnis aufgeteilt werden – nachdem das Produktionsergebnis feststeht. Was man nur sehen muß ist, daß die 100% der Kosten (=Ansprüche) auf das Ergebnis der „Produktion“ aufgeteilt werden und somit die ‚a priori‘ nicht definierbaren bzw. mengenmäßig konkretisierbaren realen Ansprüche in abzählbare Ansprüche auf Waren (nein, nicht Güter) übersetzt werden.

Was an dieser Konstellation so interessant ist, ist der Umstand, daß sich hier vermeintlich zwei Geldkonzepte kreuzen, die nicht miteinander vereinbar scheinen, denn die Vorstellung von Gold als Geld beißt sich mit der institutionalisierten Konzeption, Geld als Anspruchsgefüge innerhalb sozialer Beziehungen zu interpretieren. Das ist dann kein Widerspruch, wenn Gold als die zu liefernde Ware angesehen wird – die es auch ist -, während Geld die Anspruchsbeziehung darstellt, welche die Verpflichtungen zwischen Personen begründet oder eben auflöst. Im Gegensatz zu Marx, der darüber nachgedacht hatte, daß das gesellschaftliche Verteilungsproblem durch Stundenzettel nicht zu lösen sei, da es sich hierbei um ein absolutes Maß der Produktion handelt, weil von der Grundidee her sich auf dem Markt Äquivalente austauschen (weil die Waren in Stundenzetteleinheiten bewertet werden sollten), kann man demgegenüber dennoch zu einer Lösung kommen, indem man dazu übergeht die Ansprüche relativ! zu formulieren.  So könnte Jesse James die Anspruchsberechtigungen derart ausgestalten, daß er den einzelnen Beteiligten den Anspruch auf z.B. 10% der Beute schriftlich ausstellt, der bei Einlösung (wie bei einem Lagerschein) wieder ausgehändigt werden muß, um die Anspruchsberechtigung zu beweisen. (Daß ein solcher Beweis erst dann notwendig wird, wenn die soziale Gruppengröße anfängt unübersichtlich zu werden muß an dieser Stelle nicht stören.)

Was man an dieser Stelle verstehen kann ist der Umstand, daß dieser 10%-Schein die Vorstufe zu sozialen Beziehungen darstellt, die über abstrakte und relative Ansprüche geregelt werden, denen aus der Konstruktion der Beziehung heraus ein absoluter Wert oder eine konkrete Menge an Sachgütern nicht zugerechnet werden kann. Letzteres liegt daran, daß die Zukunftsunsicherheit (Keynes) darüber, was das Ergebnis der sozialen Anstrengung konkret sein wird, eine direkte Assoziierung von gegenwärtigem Anspruch und zukünftigem Gegenwert schlichtweg verbietet!

Daß diese Verabstraktierung (Hypostasierung) von Verpflichtungen dann auch in einer zweiten höheren Abstufung zu dem gegenwärtigen zweistufigen Geldsystem führt, sei an dieser Stelle nur am Rande angemerkt. Aus dieser Sichtweise folgt allerdings bereits unmittelbar, daß jegliche Vorstellung einer „Gesellschaft ohne Geld“ oder ein „Geld ohne Schuld“ davon ausgeht, daß eine Gesellschaft ohne Verpflichtungsbeziehungen existieren könnte – na dann viel Spaß! Mal abgesehen davon, daß Adam Smith sein  Konzept der Arbeitsteilung einstampfen könnte, welches in der Form von Unternehmen, in denen einander unbekannte Personen miteinander arbeiten im Laufe der Geschichte zu dem Wohlstand geführt hat, der zumindest in den Industrienationen (partiell) neidlos konstatiert werden kann.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist, daß Geld alias soziale Verpflichtungsrelation nicht durch eine reale Entität substituiert werden kann und deswegen alle Versuche, dem Geld eine reale „Deckung“ anzuhängen scheitern müssen – alle, bis hin zur Quantitätstheorie, deren reziprokes Preisniveau sich auch nur als Wareneinheit entpuppt, was sich nach kurzem Nachdenken wie von selbst ergibt!

Fazit: die Substanz von Geld sind soziale Verpflichtungsrelationen und keine konkreten Gegenstände! Deswegen heben sich auch Forderungen und Verbindlichkeiten gesellschaftlich gesehen auch auf, und zwar nicht nur manchmal, sondern immer! Auch auf den lustigen „Finanzmärkten“.

23 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie, wonkish

23 Antworten zu “Jesse James oder die Abstraktheit sozialer Verpflichtungsrelationen

  1. Sehr schoene Illustration. Insbesondere die Doppelbesetzung des Bankers und des Unternehmers mit Jesse James hat etwas symphatisches. Und auch die Vorstellung von Geld als Anteilschein finde ich sehr anregend. Denn sie wirft natuerlich gleich die Fragen auf, die sich jeder Aktionaer spaetestens im Fall von stock dilution stellt.
    Es wird auch klar wie fragwuerdig der Ansatz ist, die Erfolgsaussichten des gemeinsamen Projekts durch die Ausgabe von zusaetzlichen Anteilscheinen erhoehen zu wollen, wenn dies nicht gleichzeitig zu einer hoeheren Zahl von Bandenmitgliedern fuehrt. Den immer gleichen Bandenmitgliedern immer mehr Anteilsscheine zu geben ist sinnlos und erhoeht nicht die Schlagkraft der Bande. Wuerden aber neue Bandenmitglieder angeworben und mit Anteilsscheinen beteiligt, dann saehe das moeglicherweise ganz anders aus. Auch wird sehr schoen erkennbar, welche motivatorische Wirkung das Einziehen von bereits ausgegebenen Anteilsscheinen, bishin zum Bandenausschluss, hat.

    Allerdings gibt es auch bemerkenswerte Unterschiede zwischen Geld und Anteilsscheinen, die hier nicht verschwiegen werden sollen.
    Die Halter von Anteilsscheinen haben Rechte am und im Unternehmen. z.B. Stimmrechte auf der Hauptversammlung.
    Anteilsscheinen stehen keine entgegengerichteten Forderungen gegenueber.
    Der Herausgeber von Anteilsscheinen verlangt auch keine Zinsen fuer die Ueberlassung der Anteilsscheine. Waere ja noch schoener, oder?
    Ueblicherweise lassen sich Teilhaber nicht mit Sichtforderungen auf Anteilsscheine abspeisen. Obwohl es immer wieder zu Merkwuerdigkeiten kommt, z.B. derart, das die depotfuehrende Bank die Stimmrechte von Kleinaktionaeren wahrnimmt (ohne deren explizite Ermaechtigung).

    Viele Gruesse
    Georg Trappe

  2. Oliver

    Ich weiss nicht, ob das Zufall ist, aber diese Beschreibung deckt sich ziemlich 1:1 mit meiner Beschreibung von Geld als Aktie / Anteilsschein am zukünftigen wirtschaftlichen output. Und das mit dem Goldstandard ist auch sehr gut beschrieben. Nichtsdestotrotz, und ohne dies irgendwie propagieren zu wollen, ist es aus meiner Sicht durchaus möglich, den Wert einer Geldeinheit einigermassen an den Marktwert z.B. einer Gewichtseinheit Gold zu ‚binden‘, sofern man gewillt ist den anderer Waren und Dienstleistungen die nötige relative Wertanpassung aufzubürden. Genauso, denke ich, könnte man auch eine Form der ‚labour theory of value‘ herbeiführen, in dem man per Monopolmacht oder Dekret eine fixe Geldeinheit an eine einigermassen gut definierte Eineit z.B. 1h ungelerneter Arbeit, ‚bindet‘. Der Mindestlohn ist ja quasi so etwas, wobei der noch nicht garantiert, dass man Arbeit findet.

    • Vandermonde

      Ich denke, dass man hier an eine Grenze der Realität stößt. Solche Ansätze funktionieren zwar in der so oft verwendeten ökonomischen Bananen und Biskuit Welt, aber es ist in der Realität nicht ohne massive Verluste der Aussagefähigkeit eines Modells möglich, völlig unterschiedliche Tätigkeiten in eine mathematische Monotoniebeziehung zu setzen. Das ist übrigens dasselbe Problem bei der Nutzentheorie. Die menschlichen (sozialen) Beziehungen sind in jeder Form eben hochgradig nichtlinear und damit nicht durch einfache Abbildungsfunktionen zu erfassen.

      • „Die menschlichen (sozialen) Beziehungen sind in jeder Form eben hochgradig nichtlinear und damit nicht durch einfache Abbildungsfunktionen zu erfassen.“

        Das ist doch genau der Punkt: der Erfolg des nutzentheoretischen Modells ist doch insbesondere deswegen gegeben, weil es gerade NICHT mit menschlichen Beziehungen operiert, sondern das Individuum ein Sklave seiner individuellen! Nutzenfunktion ist. Die einzige Beziehungsebene sind die relativen Preise, welche die Allokationsentscheidungen bestimmen. Natürlich muß man an so etwas glauben, nur: das Erklärungsproblem, ob eine Vielzahl von individuellen Entscheidungen zu einer kohärenten Lösung führen kann, konnte durch genau dieses Modell nachgewiesen werden. Sicherlich, weder die Stabilität noch die Eindeutigkeit sind dabei gesichert, lediglich die Existenz eines derartigen Gleichgewichtes konnte nachgewiesen werden. Das ist der heilige Gral der Ökonomie: man weiß, daß er existiert, aber es ist nicht bekannt wo er sich befindet und wenn man ihn findet ist es nicht klar, ob es der richtige Gral ist.

        „I am, as a theorist, more concerned with the intellectual move which axiomatically ensures that the invisible hand is never observed in reconciling inconsistent plans and so provides no account of how it might actually do this. It seems clear that this leaves the theory essentially incomplete. It also seems obvious that it cannot be usefully confronted with other theories, for it is no answer to the Keynesian proposition that there may be states in which willing workers cannot find a job at the going wage to announce it as an axiom that this can never happen.

        Less extreme theories have recognised that some story must be told and to the non-economist the chosen one is known as the ‘law of supply and demand’. Here the invisible hand is actually set in motion. When demand for anything exceeds its supply the price will go up, and vice versa when supply exceeds demand. In taking this account seriously, one finds oneself studying a rather complex dynamic system. It is a fact that this study has not led to the conclusion that this behaviour of prices must guide the economy to its tranquil equilibrium. Indeed, almost the converse is true: only very special assumptions seem to ensure this happy outcome.“ (Hahn, F.H. 1984, Equilibrium and Macroeconomics, S. 125)

      • So wie Soffi argumentiert, sind die betriebwirtschaftlichen (Kruschwitz) und die volkswirtschaftlichen (Pareto) Standpunkte als ökonomisches Modell kombiniert.

  3. Oliver

    Aus dieser Sichtweise folgt allerdings bereits unmittelbar, daß jegliche Vorstellung einer “Gesellschaft ohne Geld” oder ein “Geld ohne Schuld” davon ausgeht, daß eine Gesellschaft ohne Verpflichtungsbeziehungen existieren könnte – na dann viel Spaß!

    Sie waren in der anderen Diskussion relativ skeptisch gegenüber der von mir argumentierten Endogenität des Geldes. Gleichzeitig vertreten Sie hier, bewusst oder unbewusst, die starke Variante dieser Theorie.

    Neues Paper von Louis-Philippe Rochon und Sergio Rossi zu diesem Thema:

    http://www.rokeonline.com/roke/evolutionary%20versus%20revolutionary%20views.pdf

    • Der Vergleich mit einer Aktie ist insofern ganz passend, weil eine Aktie ein Eigentumsrecht dokumentiert, wobei der Ertrag sowie der Substanzwert in Geld ausgedrückt unsicher ist. Das war ja auch die Zielrichtung meines Posts zu begründen, daß Geld eben was mit Verpflichtungsbeziehungen zu tun hat, die jedoch auf einen unsicheren Ertrag gerichtet sind.

      Der Punkt dabei ist, daß die Bindung eines derartigen Anspruchs an eine z.B. Goldmenge die Verpflichtungsbeziehungen zwischen Personen über Gebühr einschränkt, weil im obigen Beispiel ja im vorhinein nicht klar ist, was dieser Anspruch tatsächlich wert ist. Man vergibt sich damit die Möglichkeit soziale Projekte zu unternehmen, deren Ergebnis wegen der fundamentalen Zukunftsunsicherheit (deswegen die Erwähnung von Keynes) nicht genau bestimmbar sind. Man verliert damit Flexibilität, weil Jesse nicht dafür einstehen kann, daß das Ergebnis den (meist überzogenen) Vorstellungen entspricht. Die Sache ist: für eine Ökonomie, die als Tauschwirtschaft gedacht wird braucht man diese Flexibilität nicht, für eine Ökonomie, die auf Kooperationsbeziehungen beruht ist eine Möglichkeit, den Inhalt von Schuldbeziehungen anzupassen, vermutlich unabdingbar. Das verweist auch auf den Umstand, daß in Tarifverhandlungen keine Reallöhne, sondern Nominallöhne vereinbart werden, deren „Wert“ sich erst im Vergleich mit den absoluten Preisen am (Waren-) Gütermarkt zeigt! (Diese Aspekte sind allerdings erst in einem zweistufigen Geldsystem enthalten, im einstufigen wie hier sind derartige Aspekte nur rudimentär vorhanden.)

      Das mit der ‚labour theory of value‘ haben Marx, Sraffa und viele andere auch schon versucht, ohne auf ein Ergebnis zu kommen. Immerhin hat Marx ja deutlich gesehen, daß die Realisierung des ’surplus‘ eine fundamentale Schwierigkeit aufwirft, die er und in der Folge auch Luxemburg mit ihrer Imperialismustheorie nicht lösen konnten. Ich halte dies für ein totes Gleis. Das heißt allerdings nicht, daß das ‚conundrum of profit‘ nicht gelöst werden könnte, denn im dynamischen Kontext lassen sich derartige Sachfragen als funktionsfähig nachweisen.

      Das mit der Endogenität hat zwei Aspekte: zum einen können Banken je nach Liquiditätslage Kredite vergeben. Kredite sind jedoch Schuldbeziehungen die sich auf die Übergabe einer Sache, nämlich die Sache „Zentralbankgeld“ richten. Deswegen spreche ich immer davon, daß Banken kein Geld (Zentralbankgeld) schaffen können. Zum Anderen: Letzteres entsteht ja erst aus einer Forderung gegen die Zentralbank, die es je nach geldpolitischer Lage emittiert. Dabei ist Zentralbankgeld ebenfalls die geforderte Sache, obwohl das ’settlement‘ zwischen Banken durch die Übertragung von Forderungen gegen die Zentralbank erledigt werden kann. Das liegt daran, daß die Zentralbank praktisch jede beliebige Menge dieser Sache „Zentralbankgeld“ vorrätig hat und somit in ihrem eigenen Zentralbankgeld nie zahlungsunfähig werden kann. Das „Stehenlassen“ von ZB-Reserven hat damit abrechnungstechnische Gründe, weil damit die Verbringung der Abrechnungssalden als Bargeld entbehrlich ist sowie das ‚counterpart‘-Risiko des Interbankenmarktes ausgeschaltet werden kann. Alles sehr angenehm!

      Meine Skepsis gegenüber der „Endogenität des Geldes“ beruht darauf, daß mit der Gleichsetzung von Kredit und Zentralbankgeld die wesentlichen Unterschiede verwischt werden. Denn gerade hierbei ist eine exakte Begrifflichkeit nötig, sonst weiß man nach drei Sätzen nicht mehr was überhaupt gemeint ist.

      • Oliver

        Grundsätzlich einverstanden. Der LTV gegenüber bin ich nicht so skeptisch, aber zugegebenermassen auch nicht besonders darin belesen.

        Und den Zusammenhang zwischen endogenem Geld und einer Verwischung verschiedener Geldarten sehe ich nicht. Ich verspreche Ihnen, die Jungs und Mädels des endogenen Geldes sind regelrecht penibel in ihrer Begrifflichkeit. So penibel gar, dass sie teilweise das Wort Geld gar nicht mehr in den Mund nehmen…

        Und wie haben Sie es mit Systemen, die 0% required reserves vorschreiben, z.B. Kanada? Was ist dann die geforderte Sache? Reserven werden dort meines Wissens nach übrigens settlement balances genannt.

  4. Geld ist ein Netz aus sozialen Verpflichtungsbeziehungen, strukturiert durch juristische Verbindungen, die nicht einseitig gelöst werden können.

    Vielleicht ist dies näher an der Wirklichkeit, als die Lehrbuchdefinition => Geld ist Wertaufbewahrungsmittel, Rechenmaßstab und Tauschmittel. Mir fallen spontan drei Dinge ein, warum mir die Lehrbuchdefinition nicht sinnvoll erscheint. Aber sie ist halt so schön quantifizierbar… und das macht wahrscheinlich den Reiz aus, Sie an den Anfang jedes Lehrbuches zu stellen?

  5. Ich würde den Satz gern noch erweitern:

    Geld ist ein Netz aus sozialen Verpflichtungsbeziehungen, dass strukturiert wird, durch juristische Verbindungen, die nicht einseitig gelöst werden können, und standardisiert wird, um die Transaktionskosten zu senken, am besten auf Null.

  6. rubycon

    Vier Ebenen von Geldanforderungen :
    juristische – Bestand
    wertmäßige – Leistung
    tauschorientierte – Handel
    buchungstechnische – Messung

  7. @rubycon

    Interessante Auflistung, können Sie diese noch detaillierter Ausführen?

    Aber Sie werden mir sicher zustimmen, dass ohne den (unsichtbaren, aber festen) juristischen Schleier, der über und zwischen allen Wirtschaftsbeziehungen liegt, gar nichts, aber auch gar nichts funktionieren würde? Sie können es auch Rechtsstaat oder „Überwachung der Einhaltung von Verträgen“ nennen.

    Der Wegfall der Rechtsstaatlichkeit führt zum Wegfall der sozialen Verpflichtungsbeziehungen. Ganz überspitzt gesagt, wenn der Gerichtsvollzieher nicht mehr kommt, dann nützen dem „Geldbesitzer“ auch seine „Ansprüche“ nichts mehr.

    Ohne Rechtsstaat würden wir nur soziale Verpflichtungen zwischen Familien- oder Dorfmitgliedern eingehen. Wirtschaften über größere Entfernung wäre nicht möglich, weil nicht sichergestellt wäre, dass die zeitlich versetzte Gegenleistung auch wirklich eingefordert werden kann. Man müsste in diesem Fall wirklich „Vertrauen“.

    Deshalb ist meines Erachtens die (oft gehörte) Aussage, wir brauchen mehr Vertrauen, falsch. Es wäre extrem nachteilig, wenn die formale (!) Grundlage von sozialen Verpflichtungsbeziehungen (also Geld), Vertrauen wäre.

    Das Vertrauen wichtig ist, steht außer Frage, aber hier wird das emotionale Vertrauen unzulässigerweise mit „Vertrauen sie dem Geldsystem“ verrührt.

  8. rubycon

    juristische – Bestand -> Nutzungsdauer
    wertmäßige – Leistung -> Inhalte
    tauschorientierte – Handel -> Räumlichkeit
    buchungstechnische – Messung -> Fortschreibung

    Geld wäre Vertrauen in die erfolgreiche Erfüllung der abgestimmten Vereinbarungen – ganz abstrakt.

    • „Geld wäre Vertrauen in die erfolgreiche Erfüllung der abgestimmten Vereinbarungen – ganz abstrakt.“

      Das ist überhaupt nicht abstrakt, sondern ein wesentlicher Grund dafür, daß man Banken nicht einfach „pleite“ gehen lassen kann!

      • Oliver

        ups, das war der falsche film (bitte löschen). ich poste sicher nicht niall fergusson🙂. hier der richtige:

    • Oliver

      Das Finanzwesen mal aus Sicht einer Juristin:

  9. Frankie Bernankie

    @Stephan Goldammer

    Zur Lehrbuchweisheit „Geld ist ein Wertaufbewahrungsmittel“ – jaja, das hätten man gerne, besonders als Geldhaber. Wenn man schon über Geld was aufbewahren will, dann wäre wohl zutreffender: „Geld ist ein Forderungsaufbewahrungsmittel“.

    • Hallo Frankie, hier enigma!

      Schön was von Dir zu hören. Und gleich mit diesem Knaller: Forderungsaufbewahrungsmittel!

      Eine der besten Wortschöpfungen, die ich seit langem gelesen habe!

      Gruß

      • Frankie Bernankie

        Ach, der enigma, schau ,schau. Auf jeden Fall mal Glückwunsch zu diesem blog – ich les schon länger mit, aber es sind doch sehr anspruchsvolle Beiträge, wirklich wahr, die ich durchaus öfters lesen muss. Deshalb bin ich auch so zurückhaltend… 🙂

  10. @Rubycon

    Schade, ihre Ausführen zur Auflistung sind etwas kurz. Mit detaillierter meinte ich wirklich detaillierter.🙂

    „Geld wäre Vertrauen in die erfolgreiche Erfüllung der abgestimmten Vereinbarungen – ganz abstrakt.“

    Damit machen Sie begrifflich noch eine dritte Baustelle auf.

    1. Vertrauen als emotionales Vertrauen.

    2. Vertrauen ins Geldsystem. Unnötig, da begrifflich falsche Verbindung von (1.) mit Geld(System). Hier ist rechtsstaatliches Handeln notwendig, nicht Vertrauen aus (1.)

    3. Vertrauen in die Erfüllung der Verträge. Stimmt, aber das ist nochmal ein anderes Vertrauen als (1.). Eher eine Zukunftserwartung.

    Vielleicht kann man es so sagen: Je mehr wir uns von zwischenmenschlichen Beziehungen zum Geld(System) hinbewegen, desto mehr wird Vertrauen durch juristische Sicherheit ersetzt.

    Was aber nicht bedeutet das NACH dem Geldsystem die (juristische) Sicherheit weitergeht. Da kommt dann wieder eine ziemlich unsichere „Erwartungshaltung“ in die zukünftige REALE Erfüllung der (juristischen) Verträge.

    Wenn ihre Aussage „abstrakt“ war und Sie den Begriff Vertrauen darin verwenden, wie definieren sie ihn (widerspruchsfrei), aber nicht so ausgedehnt das er wieder nutzlos wird?

  11. @rubycon:

    Erweiterung zu meinem letzten Satz: Ich wollte nicht sagen, dass i h r e Aussage nutzlos ist (falls das so rüberkam), sondern das eine Verwendung von zu allgemeinen, schwammigen und undefinierten Begriffen und ihre gleichzeitige emotional-zwischenmenschliche Aufladung zu ewigen Missverständnisse führt und eine saubere Strukturierung und Differenzierung von Gedankengängen verhindert. Ich sag`s mal so:

    Auf dem Schlachtfeld der öffentlichen Meinung sollte wenigstens die bloggende Artillerie mit präzisen Definitionsgranaten die geistig unbewaffneten Köpfe treffen.

  12. rubycon

    @ SG
    habe anhand des Onlinekaufs eines Laptops alle ihre und meine Punkte aufgeschrieben zur Verdeutlichung. Führt zu weit die gesamten Motive, Erfahrungen und technischen Details sowie Bedingungen zu schildern.
    Ein wichtiger Aspekt, der dabei hervorkam ist, dass der von uns verwandte Vertrauensbegriff sich aus einem individuellen Geschäftsvorgang begründet. Wir aber immer von Gesamtwirtschaft und einem kollektiven Vertrauen oder einen Organisations-, Systemvertrauen argumentieren (wollen).
    Habe mit einem methodologischem Individualisten zusammen gewohnt, bin aber selbst eher positivistischer Normativist .😉
    Abstrakt bedeutet, wie Sie erläutern, für mich das schwammig werden, wenn versucht wird zu aggregieren und damit Ungenauigkeiten entstehen – auch durch schwache Formulierungen. Muss ich immer stark dran arbeiten, um nicht Emotion vor Sachlichkeit zu setzen. Wer austeilt muss auch einstecken – danke für ihre Motivation bzw. Kritik führt zu Nachdenken.
    Klasse wie Soffi die Ursachen und Grundlagen des Zinses hier bearbeitet.
    Es wird bestimmt viel bewegt werden, denn die Zeit ist reif für bessere Erkenntnisvermittlung und universelle Verbreitung.

  13. »Im Gegensatz zu Marx, der darüber nachgedacht hatte, daß das gesellschaftliche Verteilungsproblem durch Stundenzettel nicht zu lösen sei, da es sich hierbei um ein absolutes Maß der Produktion handelt, weil von der Grundidee her sich auf dem Markt Äquivalente austauschen (weil die Waren in Stundenzetteleinheiten bewertet werden sollten), kann man demgegenüber dennoch zu einer Lösung kommen, indem man dazu übergeht die Ansprüche relativ! zu formulieren.«

    Frage: Ist die gesellschaftlich notwendige „abstrakte Arbeit“ nicht dasselbe, wie ihre „Hypostasierung“ von Verpflichtungen? Nur ohne Verpflichtung? Sondern lediglich eine notwendige und systemimmanente Folge einer Vergesellschaftung über Ware und Geld? Denen ohne weiteres nicht anzusehen ist, dass sie Ausdruck von sozialen Beziehungen sind?

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