Monatsarchiv: Juli 2013

Die Realillusion von Investition

calafigueraDie Geschichte rund um die Beziehung von Investition und Sparen hat eine lange Geschichte und war oft Gegenstand hitziger Debatten. Das Witzigste was zur Motivation von Investitionen aufgrund einer Entscheidung zum Sparen herangezogen wird (in dem Sinne, daß die Ersparnis der Investition vorausgeht), sind stets die Robinson Geschichten, welche motivieren sollen, daß sich die Produktivität einer Ökonomie nur durch die sogenannte Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege erreichen ließe. Aus dieser Argumentationsfigur wird dann geschlossen, daß die Aktivitäten zur Produktion eines Kapitalgutes die volkswirtschaftliche Ersparnis sei. So weit so gut, das kann man ja machen, so wie die Austrians es tun die stets davon schwadronieren, daß dann, wenn „Kapitalgüter“ produziert werden, eine Zeit angebrochen ist, in der man nicht konsumieren kann – also hungern muß. Möglicherweise haben die da die Phase der industriellen Revolution im Sinn, wo die Industrialisierung mit dem Elend von Millionen von Arbeitern einherging. Sklaverei ist sicherlich eine Methode, um zu Wohlstand zu kommen – allein es löst nicht das funktionelle Problem, welches darin besteht, wie man selbst unter Ausbeutungsbedingungen zu einem Gewinn kommen kann, weil die Frage des Mehrwerts (= Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege) sich nicht automatisch in persönlichen Wohlstand verwandeln läßt.

Die Entwicklung der Vorstellung, warum Investition eine Folge des Sparens sein soll und automatisch mit der Anschaffung von Kapitalgütern assoziiert wird, muß man unter Auslassung des Robinson-Märchens in Etappen darstellen, weil sich sonst die dahinterstehenden Theorien nicht identifizieren lassen.

A) Die klassische Version behandelt I und S als Einheit und ist eine Konsequenz dessen, was das Grundkonzept der allgemeinen Gleichgewichtstheorie beinhaltet. Dort verfügen die Haushalte über die in ihrem Eigentum stehenden Ressourcen, indem sie diese den Unternehmen für die Produktion überlassen. Das liegt im Wesentlichen an dem Umstand, daß in dieser Welt die Haushalte ihre Entscheidung zwischen Konsum und Nicht-Konsum fällen und damit von vornherein alles was die Unternehmen als Produktionsmittel verwenden definitionsgemäß der Nicht-Konsum der Haushalte ist, also ihre Ersparnis. Damit ist eine Differenz von dem, was die Haushalte den Unternehmen an Ressourcen übertragen zu dem, was die Unternehmen zur Investition einsetzen von vornherein nicht einmal denkbar. Der Charakter dieser „Ersparnis“ als Nichtkonsum beleuchtet sehr schön den Umstand, daß die angeblich erforderliche Enthaltsamkeit diese Ressourcen nicht zu konsumieren, letztlich nur das puritanische Weltbild illustriert, wo die Erlösung für die Schwernisse der Gegenwart in einem aufgeschobenen Konsum liegt.

(Interessanterweise gilt diese Entscheidungssituation auch für einen Haushalt, der nichts weiter anzubieten hat als seine Arbeitskraft. Denn dieser entscheidet sich halt zwischen dem Konsum von Freizeit und eben dem Nicht-Konsum von Freizeit. Da aber Freizeit als ein Gut definiert wird, welches mit einem positiven Grenznutzen in die Nutzenfunktion eingeht stellt sich der – mehr oder weniger – kuriose Effekt ein, daß ein Arbeitsloser per definitionem einen positiven Nutzenwert aus der Vermeidung des „Arbeitsleides“ zieht,  indem er „Freizeit“ konsumiert, auch wenn er dabei verhungert. Man mag eine derartige Argumentation für idiotisch halten, dennoch ist sie Teil der konventionellen Theorie des Arbeitsmarktes – aber das nur am Rande.)

Wichtig an dieser Stelle zu betonen ist der Umstand, daß es sich hierbei um reale! Ressourcen handelt und in keiner Weise um Geld. Dieses Defizit wird meistens dadurch beschönigt, daß behauptet wird, daß es sich schließlich um die „wahre“ Ökonomie handeln würde und somit auf diese Weise die ehernen Grundsätze der Wissenschaftlichkeit eingehalten würden.

A1) Damit diese Story nicht allzu albern klingt wird dann das Geld als Tauschmittel eingeführt, was dann mit Hilfe der Quantitätstheorie und der darauf aufbauenden primitiven Banktheorie zu der Version führt, daß die Geldersparnis den Konsumverzicht der Haushalte reflektiert, dem automatisch die nicht konsumierten Ressourcen entsprechen. Diese Banktheorie erzeugt dann die unsägliche Vorstellung, daß Banken die Ersparnisse (Nichtkonsum!) von Haushalten an die Unternehmen weiterleiten würden und sich so durch den Zinssatz (als negatives bzw. positives „Anreizmittel“) Investition und Ersparnis zum Ausgleich bringen ließen. Im Grunde ist Geld in dieser Theorie lediglich ein homomorphes Abbild dessen, was von der Grundtheorie als wahre Vision des ökonomischen Prozesses bereits „unverrückbar“ vorformuliert worden ist. Aus diesem simplen Analogschluß (von Gütern bzw. von Ressourcen auf Geld) zieht eine ganze Wissenschaft den Schluß, daß das Geldystem lediglich ein Schleier wäre, der bloß den Blick auf die „wahren“ ökonomischen Realitäten verstellen würde. (Man mag es kaum glauben, daß diese primitiven Vorstellungen es tatsächlich geschafft haben, das einzige „Wissenskorsett“ in ökonomischer Hinsicht zu werden, was sich auch daran zeigt, daß derartige Argumentationsmuster täglich über den Nachrichtenticker gehen und dann auch noch als „gesichertes Wissen“ präsentiert werden. Sancta simplicitas!)

B) Die zweite Beziehung zwischen I und S entspringt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wo auf einer monetären Grundlage die (Netto-) Investitionen durchaus richtig als Identität zu der volkswirtschaftlichen Ersparnis definiert werden (wobei an dieser Stelle eine Betrachtung über die Kausalität der beiden Variablen unterbleibt). Dabei ist zu beachten, daß die volkswirtschaftliche Finanzierungsrechung (als Teilbereich der VGR) durchaus sieht, daß die monetäre Ersparnis ein Reflex des (Netto-) Kreditvolumens ist. Immerhin ist dieser Begriff der Ersparnis von dem Begriff der Ersparnis aus A) fundamental verschieden, weil bereits an dieser Stelle Ersparnis als Differenz von monetären Bruttoinvestitionen einerseits und Abschreibungen (Kredittilgungen) andererseits definiert wird. Diese Version von Ersparnis stellt darauf ab, daß Ersparnis als Phänomen der Differenz von Bruttoinvestition und Abschreibung (+/- Finanzierungssaldo) daraus resultiert, daß monetäre Größen darüber entscheiden, was in einer Gesellschaft als (monetäres) Erfolgskriterium entscheidend ist. Aber auch wenn die VGR durchaus wichtige Erkenntnisse über diese Beziehungen liefert, bleibt dennoch der intertemporale Aspekt der Kreditverhältnisse in letzter Konsequenz unadressiert. Darüberhinaus ist in der VGR die Bruttoinvestition definiert als ein Zugang des Sachvermögens, so daß auch hier wieder der Vorstellung gehuldigt wird, daß Investitionen direkt mit der Bildung von Sachkapital verbunden seien.

C) Sobald man anfängt Ökonomie als ein Phänomen von Geldströmen zu sehen wie es in der Tradition eines M. Copeland noch bekannt war, muß man sich auch den Bedingungen stellen, die sich aus der Existenz von Geldvermögensbeständen ergeben. Das hat den kuriosen Effekt, daß monetäre Ersparnis, die nur sinnvoll definiert werden kann, wenn ein Wirtschaftssubjekt über Nettogeldvermögen verfügt, von vornherein ein Reflex der Ausgabeentscheidungen der Unternehmen ist, und damit nicht mehr als eine souveräne Entscheidung der Haushalte interpretiert werden kann, wie es das Grundmodell der liberalen Ökonomie postuliert.

Das hat was damit zu tun, daß die Bildung von Nettogeldvermögen essentiell daraus resultiert, daß ein Wirtschaftssubjekt eine Geldzahlung aufgrund einer realen Leistung erhält – prototypisch dafür steht die Einkommenserzielung aufgrund des Verkaufs von Arbeitsleistung. (Die zweite Art der Erzielung von Nettogeldvermögen steht nur Unternehmern zur Verfügung – der Überschuß der Erträge über die Aufwendungen. Dabei darf man nur nicht Umsatz mit Gewinn verwechseln – auch volkswirtschaftlich gesehen nicht! Das passiert immer dann, wenn unbesehen der Spruch präsentiert wird, daß die Ausgaben des Einen doch das Einkommen des Anderen sei – darüber muß man sich aber an dieser Stelle nicht aufregen.)

Diesen Aspekt des Wirtschaftslebens hat die konventionelle Wirtschaftstheorie noch nicht realisiert, weil immer noch die Vorstellung vorherrscht, daß Ersparnis stets einen realen d.h. materiellen Hintergrund haben müßte. Dabei entsteht das Mißverständnis aus dem Umstand, daß die konventionelle Wirtschaftstheorie Investition stets in „realem Kapital“ sieht und nicht in dem, was tatsächlich Investition bedeutet. Dazu kann man sich ein meist mißverstandenes Diktum in Erinnerung rufen, daß auch und insbesondere reale Investitionen letztlich vorgetane Arbeit sind. Nimmt man das ernst bedeutet das schlichtweg, daß man nur in Arbeit investieren kann, weil auch die Preise (Kosten) von Maschinen sich aus einer Kombinationskette von Arbeitsleistungen zusammensetzen.

An dieser Stelle wird das Versagen der ‚mainstream‘-Ökonomie deutlich: sie kann aufgrund ihrer epistemologischen Selbstbeschränkung nicht erkennen, daß Investition stets und immer Investition in (vorgetane) Arbeitsleistungen bedeutet. Das mag sich zwar ein bißchen marxistisch anhören, ist es aber nicht! Denn der intellektuelle Widerspruch ist nicht akzeptieren zu wollen, daß reale Investitionsgüter immer durch den Einsatz von Geld bzw. durch die durch Geld zur Erzeugung von Investitionen gesteuerte Arbeit erst geschaffen wird. Etwas Anderes zu behaupten bedeutet einen 200jährigen Irrtum zu pflegen, der die Ökonomie in das Desaster geführt hat, in dem sie sich gegenwärtig befindet!

Der zentrale Widerspruch liegt in der Verwechslung von natürlichen Ressourcen mit Realkapital: das Erstere betrifft die Wirtschaftsweise, die Arbeit zur Erzeugung von Wohlstand instrumentalisiert, während das andere einen (Real-) Fetisch darstellt, welcher bis heute dafür verantwortlich ist, daß die Ökonomie nicht über das Stadium einer Prätheorie hinausgekommen ist, weil sie nicht akzeptieren will, daß auch Realkapital aus einer Kette von Arbeitsleistungen entstanden ist. Wenn man irgendwo ein gutes Beispiel für den Begriff „Hypostasierung“ braucht – hier findet man ihn, weil hier zum wiederholten Male ein Phänomen für den Inhalt angesehen wird. Nicht zuletzt deswegen wird heutzutage die Investiton in Realkapital als produktivitätsfördernd gefeiert, während Arbeit stets als zu minimierender Kostenfaktor interpretiert wird. Blöder gehts nicht!

Man kann es auch anders ausdrücken: Investition ist Geldverwendung für Arbeit, nicht für Maschinen, die letzten Endes durch Arbeitsleistungen und dementsprechende Kosten geschaffen wurden! Ein Kalecki hat das noch gewußt! Dabei ist die Gedankenkette ganz einfach: der Kauf einer Produktionsanlage bei dem Produktionsmittelhersteller führt dazu, daß er dadurch den Erlös seiner Produktionsmittelkosten (Abschreibungen bzw. Kredittilgung), sowie seine Lohnkosten bezahlen muß und hoffentlich noch einen Gewinn realisiert. Dieser Prozeß – die Produktionskette noch ein paar Stufen weitergedacht – führt dazu, daß man im Endeffekt bei reinen Lohnkosten ohne nennenswerten Kapitalkostenanteil landet und sei es bei den unter menschenunwürdigen Bedingungen schuftenden Lohnarbeitern, die z.B. Coltan für die Smartphone-Produktion aus dem Boden kratzen müssen.

Vorleistungskette

Das noch schlimmere Desaster der ‚mainstream‘-Ökonomie besteht daraus, daß diese Vorstellung von Sparen als Konsumverzicht auch noch unbesehen per Analogschluß nicht nur auf die Tauschmittel-Geldwirtschaft, sondern auch auf die Kreditgeldwirtschaft übertragen wird und zwar mit fatalen Konsequenzen. Denn diese Vorstellung bedeutet in der Konsequenz, daß der Sinn und Zweck von geldorganisierter Produktion, deren zentrale Aufgabe darin besteht, aus natürlichen Ressourcen (‚from scratch‘) etwas Reales zu schaffen, nicht mehr gesehen wird. Dabei ist geldorganisierte Produktion davon geprägt zusätzliche (Arbeits-) Prozesse in den gesellschaftlichen Zusammenhang der Arbeitsteilung mit einzubeziehen, ein Prozeß, der sich stets und ständig in sich entwickelnden Ökonomien abspielt. Daß das von der konventionellen Ökonomie nicht gesehen werden kann! liegt daran, daß in dieser Welt die zur Verfügung stehenden Ressourcen stets voll ausgelastet sind –  und das auch dann, wenn die Wohlfahrt dieser Gesellschaft zum großen Teil darin besteht, daß die Haushalte eben Freizeit konsumieren. Denn auch das ist letztlich ein sogenanntes wohlfahrtsökonomisches Optimum!

Aber genug der intellektuellen Kuriositäten! Wenn man die Robinson-Welt verläßt und sich ansieht, wie die heutige Welt aussieht, stellt man fest, daß das, was die volkswirtschaftliche Statistik als Ersparnis definiert, ein Derivat der Investitionsentscheidungen der Unternehmen ist, denn alles was – wohlgemerkt – monetäre Ersparnis sein kann ist ein Ergebnis der Verschuldung von Unternehmen, deren Motivation daraus gespeist wird einen monetären Gewinn zu erzielen. Soweit man das Problem der Staatsverschuldung einmal beiseite läßt, besteht die gesamte monetäre! Ersparnis einer Gesellschaft aus offenen Kreditlinien, die aus (unternehmerischen) Schulden resultieren und sonst nichts. Das liegt halt daran, daß es zu einem Nettogeldvermögen nur dann kommen kann, wenn ein Kreditnehmer Nettokäufe vornimmt, welche mit einer buchhalterischen Konsequenz als Nettogeldvermögen eines davon begünstigten Wirtschaftssubjektes führen – und zwar ohne wenn und aber! Aber das ist ja schon wieder keine Ökonomie… weil damit die Idiotie des methodologischen Individualismus nicht adressiert wird…

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Disclaimer: Gedanken ins Unreine

stairway to heavenOder: Logische Typenlehre IV: Investition und Einkommen

Ich habe während meines gesamten VWL-Studiums nie verstanden, warum in der Einkommenentstehungsgleichung Y = C + I zwei Dinge miteinander addiert werden, obwohl sie eigentlich völlig unterschiedliche Sachverhalte adressieren. Denn C als der Konsum ist eine Nachfragegröße der Haushalte, welche auf dem Warenmarkt einen Rückfluß der Investitionen – wenn man mal auch die Lohnzahlungen als eine kurzfristige Investition ansieht, da auch Lohnzahlungen eben Zahlungen sind – bewirken, während auf der anderen Seite die Investitionen erst genau die Einkommen schaffen, die dann von den Haushalten auch ausgegeben werden können. Demgegenüber ist die Einkommenverwendungsgleichung Y = C + S unstrittig, weil sie lediglich die einfache Aufteilung des Einkommens auf die beiden möglichen Verwendungszwecke beschreibt: man gibt ein Einkommen entweder aus oder nicht, ‚tertium non datur‘!

Nun mag man überrascht sein, daß auch Lohnzahlungen als Investitionen gesehen werden können. Dazu kann man sich mal das Diktum vom alten Kruschwitz wieder ins Gedächtnis rufen: „Eine Investition ist eine Zahlungsreihe, die mit einer Auszahlung beginnt.“ Man darf das aber ruhig dahingehend interpretieren, daß auch die Auszahlungen, welche im Verlauf einer Investition getätigt werden, ebenfalls dieser Investition zuzurechnen sind, denn Investitionsprozesse sind nicht so idealtypisch gestrickt, daß einer Auszahlung am Anfang dann nur noch die Einzahlungen folgen. Interessanterweise wird das ja auch gelegentlich thematisiert:

„Investment is defined in macroeconomics to be that spending which is devoted to increasing or maintaining the stock of productive capital.“
http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?p=20400
Aber darum gehts nicht.

Der Punkt ist, daß man sich fragen muß, warum diese Einkommenentstehungsgleichung so unhinterfragt von allen Volkswirten so übernommen wird, ohne daß irgendwer auf die Idee kommt, daß da Äpfeln mit Birnen zusammengerechnet werden. Meine Vermutung ist dahingehend, daß die VGR eine Periodenrechnung ist, welche aus ihrer Anlage heraus sich nicht um die Frage kümmert, welche Vorbedingungen oder Konsequenzen aus dieser Periodenbetrachtung entstehen. Denn wenn man VGR als Rechenwerk einer abgeschlossenen Periode interpretiert, muß man sich auch nicht dafür interessieren, daß in Vorperioden Dinge existieren, welche in die laufende Periode hineinspielen. Da reicht es sich die Zahlen anzusehen, um daraus eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zu erstellen.

Möglicherweise ist diese Grundanlage der VGR damit zu begründen, daß auch die Rechenwerke der öffentlichen Hand im wesentlichen davon bestimmt sind, daß sie eine Einnahmen/ Ausgabenrechnung darstellen, welche sich ebenfalls nicht um die Belange kümmert, die aus einer dynamischen Betrachtung entstehen. So ist beispielsweise die Diskussion um die Staatsverschuldung daran geknüpft, daß sie im wesentlichen die Frage der aktuellen Finanzierungsbedingungen adressiert, und sich weniger um die Fragen Gedanken macht, die noch zu Zeiten eines Domar virulent waren.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Die Frage die sich stellt ist, ob die aus ihrer Anlage heraus nicht-dynamische Konzeption der VGR nicht seit Jahrzehnten einem Mißverständnis Vorschub leistet, welches daraus resultiert, daß die verengte Betrachtungsweise den Schluß auf volkswirtschaftliche Grundgleichungen suggeriert, die aus ihrer Konstruktion heraus nicht dafür geeignet sind, die dynamische Natur des Wirtschaftsprozesses angemessen abzubilden. Denn wenn man sich bewußt die Identitäten der VGR ansieht wird ziemlich schnell klar, daß sie die Rückwirkungen der Bestandsrestriktionen nicht oder nur ungenügend adressiert, weil eine Periodenrechnung sich selbsterklärtermaßen nicht für Bestandsrestriktionen interessiert. Deswegen kann man durchaus davon ausgehen, daß für die VGR die Formel Y = C + I durchaus korrekt ist und sich damit keine weiteren Schlüsse auf die zugrundeliegenden Ursachen der Vorperioden ziehen lassen.

Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, daß die IS/LM-Modelle sich nicht dafür eignen, irgendwelche intertemporalen Entwicklungen abzubilden, weil sie aus einer statischen Gleichung heraus geboren sind. Denn wie bei dem Kinobeispiel ist es nicht automatisch garantiert, daß lokale Betrachtungen auch dann richtig sind, wenn sie mit ihrem Reaktionsumfeld konfrontiert werden. So werden in der VGR die aktuellen Einkommen dargestellt, ohne daß dabei eine Berücksichtigung stattfindet, ob sie in der laufenden oder der vorangegangenen Periode entstanden sind. Das muß die VGR auch nicht interessieren, denn als reine ‚flow‘-Rechnung kann sie sich diese Komplikation ersparen.

Dennoch ist eine unbesehene Übernahme der Einkommenentstehungsgleichung der Form Y = C + I deswegen nicht statthaft, weil damit automatisch Bestandsveränderungen integriert werden, die nicht in der aktuellen Periode zuzurechnen sind. Die Rede ist von den (monetär gesehen) Kreditrückzahlungen, welche sich in der unschuldigen Variable I verbergen. Denn I ist definitionsgemäß! die Nettoinvestition, welche ihren Counterpart – die Kredittilgung – nicht aus der Berechnung der aktuellen VGR-Zahlen deduzieren kann. Denn Kredittilgungen sind definitionsgemäß eine Angelegenheit der Kreditvereinbarungen von (mehreren) Vorperioden. Indem also eine IS/LM-Analyse auf diesen Grundgleichungen aufbaut, macht sie sich automatisch des Vergehens schuldig, die intertemporalen Aspekte der Investitionsrechnung zu ignorieren. Das macht denn auch ihr Desaster aus, weil eine Analyse der Entwicklung von Ökonomien sich nicht aus einer statischen Analyse, bzw. aus statisch deduzierten Grundgleichungen – ableiten läßt.

Die Frage der man sich stellen muß ist, ob man eine statische Wirtschaftstheorie pflegen will, oder ob man sich (selbst) zutraut, die dynamischen Aspekte von Ökonomie zu akzeptieren. Wenn man also die intertemporale Struktur von Ökonomie annehmen will wird es zwingend notwendig, die Einkommenentstehungsgleichung als

Y = Bruttokredite – Kredittilgungen + Löhne (als Kreislaufphänomen, welches aufgrund vorangegangener Kreditaufnahmen einen laufenden Posten reflektiert)

zu definieren. (Auch dabei ist nicht ganz klar, ob die laufenden Zahlungen mit den Zahlungen aufgrund der Bestandsveränderung der Investitonen einfach zusammengerechnet werden können!) Der Punkt dabei ist, daß von der VGR das laufende Einkommen völlig unbekümmert mit dem zusätzlichen Einkommen aus der positiven Nettoinvestition in einen Topf geworfen wird. Damit werden Bestandsaspekte und Wachstumsaspekte völlig unvoreingenommen in die gleiche Wirtschaftsrechnung integriert, ohne daß auch nur ein Gedanke daran verschwendet wird, woher die bilanzierten Einkommen überhaupt stammen.

Der Hänger daran ist, daß sich die üblicherweise als selbstverständlich akzeptierte Identität I = S in dieser Formulierung nicht mehr aufrechterhalten läßt, weil sich die Entscheidung über Investition oder nicht, nicht mit der Frage koppeln läßt, ob man ein gegebenes Einkommen konsumiert oder nicht. Denn I ist eine Entscheidung über zukünftige Entwicklungen, während S eine Angelegenheit vergangener Investitionsentscheidungen ist. Man kann es auch anders ausdrücken: ohne I kann S nicht existieren. Denn ohne daß sich Unternehmer dazu entscheiden, über Käufe von Faktorleistungen (incl. Arbeit) Investitionen zu tätigen (Kruschwitz plus), bleibt eine Betrachtung der Einkommensverwendung ohne jeden Belang.

Man kann es auch noch anders ausdrücken: wenn die Unternehmer nicht entscheiden, daß sie mehr Ausgaben tätigen wollen, als sie Kredittilgungen vornehmen, können die Haushalte machen was sie wollen: sie müssen entsparen, in dem Sinne, daß das Volumen der monetären Ersparnis sich zwangsweise der Investitionsentscheidung der Unternehmer anpassen muß.

Vielleicht muß man es noch anders ausdrücken: die monetäre Ersparnis ist abhängig davon, daß die Unternehmer Nettogeldausgaben tätigen! Denn ohne daß sich Unternehmer verschulden – und das tun sie bei jeder Lohnzahlung und  bei Sachausgaben sowieso – kann kein Einkommen entstehen. Wenn man das als Realität akzeptiert wird klar, daß die Frage der Ersparnis nicht so sehr davon abhängt, wie die Haushalte ihre Einkommenverwendungsentscheidung treffen. Denn in letzter Konsequenz können sie das nämlich nicht. Sicher: im Sinne des methodologischen Individualismus schon, nur hat man da die Rechnung ohne denjenigen gemacht, der für die Einkommenschaffung die entsprechende Schuldposition eingeht. Akzeptiert man das, geht die Logik der Einkommenschaffung von der Investition zur Ersparnis, als Restposten dessen, was zu den Unternehmen nicht zurückgeflossen ist. Und das auch als Kausalität: was die Unternehmer nicht als Einkommen schaffen, kann auch nicht gespart werden! (Könnte sein, daß Keynes sowas Ähnliches auch gesagt hat!)

Wird diese intertemporale Kausalität akzeptiert, ist es auch mit der hochwohlgelobten „Identität“ oder dem ‚ex ante‘ oder dem ‚ex post‘ der ganzen I = S Debatte ein für allemal vorbei! Denn statische Wirtschaftstheorie ist so wie „Die Sonne dreht sich um die Erde.“ Das muß endlich mal aufhören!

Also: ist es so, daß die VGR aufgrund ihrer periodenbezogenen Arbeitsweise die gesamte VWL auf eine falsche Fährte führt, weil sie die intertemporalen Aspekte der Investitionsprozesses nicht adressiert?

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Die Geldkreisläufe von Privaten und Banken

Desenzano 2013Manchmal gibt es solche Perlen des Internet-Kommentariats, bei denen man sich fragt, wo die anderen sind, die ebensolche Kenntnisse aufweisen, die damit die Diskussionen fruchtbarer machen können, als viele gelehrte Abhandlungen über Dinge, die nicht mal die ‚bits‘ wert sind, die sie als Speicherplatz beanspruchen. Es geht hier um einen Kommentar aus dem Herdentrieb, wo es um die Frage ging, ob und inwieweit „Zombie“-Banken durch geldpolitische Maßnahmen gerettet werden dürfen oder nicht.

http://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/05/17/europaische-zombiebanken-verhindern-aufschwung_6074/comment-page-3#comments  (Kommentar Nr. 20)

„Ich habe während meines Studiums gelernt, dass es einen Geldkreislauf mit Zentralbankgeld hauptsächlich zum Saldenausgleich des Interbankenverkehrs gibt und einen zweiten, vollkommen davon getrennten Geldkreislauf zwischen den Geschäftsbanken und dem Publikum (Privatpersonen, Firmen, Institutionen, Staat) mit Giral- und Bargeld gibt. Interbanken-Geldkreislauf und Publikums-Geldkreislauf können sich nicht vermengen.“

Die Bedeutung dieser Passage liegt darin, daß dort eine Zweiteilung der Funktionen des Geldes nahegelegt wird, die bis dato sich in kaum einer Veröffentlichung findet, auch wenn sich gelegentlich jemand dazu verirrt, mal das aufzuschreiben, was tatsächlich richtig ist:

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/geldpolitik-wofuer-die-banken-liquiditaet-brauchen-1118220.html

Darin steht kurz gesagt, daß Banken Zentralbankgeld für 3 verschiedene Bereiche benötigen:

1. Um den Bargeldbedarf des Nichtbanken-Publikums zu befriedigen,
2. um ihre Mindestreserveverpflichtungen zu erfüllen und
3. um die Überweisungen, welche sie als Zahlungsdienstleister ausführen, auch tatsächlich abwickeln zu können, da sie gewissermaßen stellvertretend für den Auftraggeber (Zahler) den Zentralbankgeldverkehr übernehmen.

Auch wenn Punkt 2. üblicherweise eine gewisse Prominenz genießt, die sich aus der fehlkonstruierten „Theorie der multiplen Geldschöpfung“ speist, kann man diesen Beweggrund ruhig als vernachlässigbar behandeln, so daß für die aktuelle Betrachtung Punkt 1. und 3. vornehmlich von Interesse sind. Dabei ist der erste Punkt, der sich üblicherweise mit dem Begriff „Transaktionskasse“ beschreiben läßt im wesentlichen der Bargeldbedarf der Nichtbanken, welcher sozusagen den Geldkreislauf 2 darstellt. (Abbildung unten!) Dieser Geldkreislauf ist dadurch gekennzeichnet, daß dort Zahlungen mit Hilfe desjenigen Teils des Zentralbankgeldes getätigt werden, welches als Bargeld bekannt ist. Hierbei wird bei einem Kauf der Kaufpreis direkt durch Übergabe von Bargeld (einem Teil des gesetzlichen Zahlungsmittels Zentralbankgeld) abgewickelt und die eingegangene Geldschuld sofort – Zug um Zug – beglichen. (Immer dran denken: Geld kann man nur verwenden, wenn eine Geldschuld vorliegt!)

Anders ist es im Geldkreislauf 1, dessen Hauptfunktion darin besteht, anstelle des eigentlich Zahlungsverpflichteten (der Käufer) den Zentralbankgeldtransfer durchzuführen – was auch die Bezeichnung Zahlungsverkehrsdienstleister unmittelbar nahelegt. Denn statt der direkten Übergabe des Bargeldes wird im Geldkreislauf 1 der unbare Teil des Zentralbankgeldes verwendet, indem der Zentralbankgeldtransfer von Bank K(äufer) zu Bank V(erkäufer) mit Hilfe von Umbuchungen auf den jeweiligen Zentralbankkonten der beteiligten Banken erfolgt.

Damit ergibt sich schlußendlich, daß sowohl der Geldkreislauf 2, welcher auf Barzahlungsgeschäften beruht, sowie der Geldkreislauf 1, welcher auf Geschäften beruht, welche mit Hilfe einer Überweisung (an Zahlung Statt) abgewickelt werden, eine einheitliche Grundlage besitzen, obwohl das Zentralbankgeld „Bargeld“ und das Zentralbankgeld „Forderungen gegen die Zentralbank“ scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Und doch haben sie die entscheidende Gemeinsamkeit, daß beide „Geldmengen“, die unter der einheitlichen Bezeichnung „Basisgeld“, „Reserven“ oder eben Zentralbankgeld firmieren, exklusiv dasjenige ausmachen, was den gesetzlichen Vorschriften über eine schuldbefreiende Zahlung genügt.

Nun scheint es so zu sein, daß ja die Buchungseinträge der Nichtbanken, die ja unter der schönen Bezeichnung „Giralgeld“ firmieren dasselbe seien wie die Buchungseinträge, welche die Zentralbank für die ihr angeschlossenen Geschäftsbanken führt. Dem ist natürlich nicht so. „Quod licet Iovi, non licet Bovi!“ Denn daß eine Forderung gegen eine Geschäftsbank zwar in der Regel so gut ist wie Zentralbankgeld sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es genügend Beispiele dafür gibt, daß eine Forderung gegen eine Geschäftsbank eben doch nur eine Forderung ist und kein Zentralbankgeld, was eine Forderung gegen eine Zentralbank demgegenüber ohne wenn und aber ist!

Das hat für eine einzelne Überweisung weitreichende Folgen: denn anstelle der direkten Übertragung des baren Zentralbankgeldes erfolgt die Übertragung des Zentralbankgeldes nun mittels einer zweistufigen Konstruktion, die einmal daraus besteht, daß zwischen den Banken des Käufers und des Verkäufers ein Forderungsübergang erfolgt, der die Konten der beiden Beteiligten verringert (Käufer) bzw. vergrößert (Verkäufer). Damit ist die Sache aber noch nicht zu Ende, denn die Bank des Verkäufers wird den zusätzlichen Herausgabeanspruch ihres Kunden nur dann genehmigen, wenn sie auch das entsprechende Zentralbankgeld dafür erhält. Dieses wird üblicherweise dadurch erledigt, daß bei der Zentralbank der entsprechende unbare Zentralbankgeldübertrag durchgeführt wird, indem die Zentralbank die entsprechenden Zentralbankkonten belastet (Bank des Käufers) bzw. eine dementsprechende Gutschrift erteilt (Bank des Verkäufers).

Zahlungskreislauf

Warum ist die Sache so wesentlich? Es geht darum, daß die landläufige Bezeichnung von der „bargeldlosen Zahlung“ zwar insofern richtig ist, als der Zentralbankgeldübertrag von Bank K(äufer) an Bank V(erkäufer) auf elektronischem Wege und nicht mit Hilfe von Bargeld erfolgt, was wiederum jedoch nicht bedeutet, daß eine bargeldlose Zahlung auch schon eine zentralbankgeldlose Zahlung bedeuten würde. Dennn die Tatsache, daß der größte Teil des Zentralbankgeldausgleichs auf elektronischem Wege erfolgt darf nicht zu dem Fehlschluß verleiten, daß in diesem Fall kein Zentralbankgeld involviert wäre – das ist es wohl, nur nicht nach den Üblichkeiten, welche im Geldkreislauf 2 vorherrschen. Denn der Zentralbankgeldausgleich erfolgt auf den Konten der Zentralbank – und da und nur da ist eine Forderung auf Geld dasselbe wie Zentralbankgeld.

Zum anderen geht es um ein großflächig kolportiertes Mißverständnis, daß es die Banken seien, die zu einer unverhältnismäßigen „Geldschöpfung“ beitragen würden. (Dazu gehört auch der Blödsinn: „Banken schaffen Geld aus Luft!“) Man kann es nicht eindringlich genug betonen: Banken schaffen Schuldverhältnisse, die Privaten die Möglichkeit geben über Zentralbankgeld verfügen zu können, wobei gleichzeitig das Schuldversprechen der Banken dahingehend lautet, daß sie dafür Sorge tragen, daß diese „Guthaben“ – die für sie Verbindlichkeiten sind – auch auf Anforderung des Zahlenden durch sie selbst mit Hilfe von unbarem Zentralbankgeld auch transferiert werden können. Banken müssen – wie alle anderen auch – ihre Schulden, die sie durch Kreditvergabe eingegangen sind auch durch die Sicherung ihrer Zahlungsfähigkeit bedienen können. Nur: womit können Banken schuldbefreiend zahlen? Eben: nur mit der Übertragung von Zentralbankgeld, wobei man sich durchaus klarmachen könnte, daß es in früheren Zeiten auch gelegentlich mal einen Bargeldausgleich per Geldtransporter gegeben haben wird und zwar dann, wenn die Bonität der schuldenden Bank bei der fordernden Bank zu gering für eine Kreditierung des geschuldeten Betrages auf dem Interbankenmarkt ist.

Was lernt man daraus? Kreditschulden sind ein zweiseitiges Schuldverhältnis, was sowohl für den Kreditnehmer eine Verpflichtung zur Bedienung seiner Schulden vorsieht, als auch für den Kreditgeber (Bank) eine Schuld darstellt, die Verfügung über das (von der Bank) geschuldete Geld jederzeit gewährleisten zu können. Das „Liquiditätsmanagement“ der Banken ist also mitnichten ein Luxusproblem, welches sie pflegen können oder auch nicht, sondern eine Überlebensbedingung, wobei die Pannen, die sich in der Einschätzung der voraussichtlichen Liquiditätslage ergeben können, im Verlaufe der letzten Jahre mehr als deutlich sichtbar geworden sind.

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