Die Realillusion von Investition

calafigueraDie Geschichte rund um die Beziehung von Investition und Sparen hat eine lange Geschichte und war oft Gegenstand hitziger Debatten. Das Witzigste was zur Motivation von Investitionen aufgrund einer Entscheidung zum Sparen herangezogen wird (in dem Sinne, daß die Ersparnis der Investition vorausgeht), sind stets die Robinson Geschichten, welche motivieren sollen, daß sich die Produktivität einer Ökonomie nur durch die sogenannte Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege erreichen ließe. Aus dieser Argumentationsfigur wird dann geschlossen, daß die Aktivitäten zur Produktion eines Kapitalgutes die volkswirtschaftliche Ersparnis sei. So weit so gut, das kann man ja machen, so wie die Austrians es tun die stets davon schwadronieren, daß dann, wenn „Kapitalgüter“ produziert werden, eine Zeit angebrochen ist, in der man nicht konsumieren kann – also hungern muß. Möglicherweise haben die da die Phase der industriellen Revolution im Sinn, wo die Industrialisierung mit dem Elend von Millionen von Arbeitern einherging. Sklaverei ist sicherlich eine Methode, um zu Wohlstand zu kommen – allein es löst nicht das funktionelle Problem, welches darin besteht, wie man selbst unter Ausbeutungsbedingungen zu einem Gewinn kommen kann, weil die Frage des Mehrwerts (= Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege) sich nicht automatisch in persönlichen Wohlstand verwandeln läßt.

Die Entwicklung der Vorstellung, warum Investition eine Folge des Sparens sein soll und automatisch mit der Anschaffung von Kapitalgütern assoziiert wird, muß man unter Auslassung des Robinson-Märchens in Etappen darstellen, weil sich sonst die dahinterstehenden Theorien nicht identifizieren lassen.

A) Die klassische Version behandelt I und S als Einheit und ist eine Konsequenz dessen, was das Grundkonzept der allgemeinen Gleichgewichtstheorie beinhaltet. Dort verfügen die Haushalte über die in ihrem Eigentum stehenden Ressourcen, indem sie diese den Unternehmen für die Produktion überlassen. Das liegt im Wesentlichen an dem Umstand, daß in dieser Welt die Haushalte ihre Entscheidung zwischen Konsum und Nicht-Konsum fällen und damit von vornherein alles was die Unternehmen als Produktionsmittel verwenden definitionsgemäß der Nicht-Konsum der Haushalte ist, also ihre Ersparnis. Damit ist eine Differenz von dem, was die Haushalte den Unternehmen an Ressourcen übertragen zu dem, was die Unternehmen zur Investition einsetzen von vornherein nicht einmal denkbar. Der Charakter dieser „Ersparnis“ als Nichtkonsum beleuchtet sehr schön den Umstand, daß die angeblich erforderliche Enthaltsamkeit diese Ressourcen nicht zu konsumieren, letztlich nur das puritanische Weltbild illustriert, wo die Erlösung für die Schwernisse der Gegenwart in einem aufgeschobenen Konsum liegt.

(Interessanterweise gilt diese Entscheidungssituation auch für einen Haushalt, der nichts weiter anzubieten hat als seine Arbeitskraft. Denn dieser entscheidet sich halt zwischen dem Konsum von Freizeit und eben dem Nicht-Konsum von Freizeit. Da aber Freizeit als ein Gut definiert wird, welches mit einem positiven Grenznutzen in die Nutzenfunktion eingeht stellt sich der – mehr oder weniger – kuriose Effekt ein, daß ein Arbeitsloser per definitionem einen positiven Nutzenwert aus der Vermeidung des „Arbeitsleides“ zieht,  indem er „Freizeit“ konsumiert, auch wenn er dabei verhungert. Man mag eine derartige Argumentation für idiotisch halten, dennoch ist sie Teil der konventionellen Theorie des Arbeitsmarktes – aber das nur am Rande.)

Wichtig an dieser Stelle zu betonen ist der Umstand, daß es sich hierbei um reale! Ressourcen handelt und in keiner Weise um Geld. Dieses Defizit wird meistens dadurch beschönigt, daß behauptet wird, daß es sich schließlich um die „wahre“ Ökonomie handeln würde und somit auf diese Weise die ehernen Grundsätze der Wissenschaftlichkeit eingehalten würden.

A1) Damit diese Story nicht allzu albern klingt wird dann das Geld als Tauschmittel eingeführt, was dann mit Hilfe der Quantitätstheorie und der darauf aufbauenden primitiven Banktheorie zu der Version führt, daß die Geldersparnis den Konsumverzicht der Haushalte reflektiert, dem automatisch die nicht konsumierten Ressourcen entsprechen. Diese Banktheorie erzeugt dann die unsägliche Vorstellung, daß Banken die Ersparnisse (Nichtkonsum!) von Haushalten an die Unternehmen weiterleiten würden und sich so durch den Zinssatz (als negatives bzw. positives „Anreizmittel“) Investition und Ersparnis zum Ausgleich bringen ließen. Im Grunde ist Geld in dieser Theorie lediglich ein homomorphes Abbild dessen, was von der Grundtheorie als wahre Vision des ökonomischen Prozesses bereits „unverrückbar“ vorformuliert worden ist. Aus diesem simplen Analogschluß (von Gütern bzw. von Ressourcen auf Geld) zieht eine ganze Wissenschaft den Schluß, daß das Geldystem lediglich ein Schleier wäre, der bloß den Blick auf die „wahren“ ökonomischen Realitäten verstellen würde. (Man mag es kaum glauben, daß diese primitiven Vorstellungen es tatsächlich geschafft haben, das einzige „Wissenskorsett“ in ökonomischer Hinsicht zu werden, was sich auch daran zeigt, daß derartige Argumentationsmuster täglich über den Nachrichtenticker gehen und dann auch noch als „gesichertes Wissen“ präsentiert werden. Sancta simplicitas!)

B) Die zweite Beziehung zwischen I und S entspringt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wo auf einer monetären Grundlage die (Netto-) Investitionen durchaus richtig als Identität zu der volkswirtschaftlichen Ersparnis definiert werden (wobei an dieser Stelle eine Betrachtung über die Kausalität der beiden Variablen unterbleibt). Dabei ist zu beachten, daß die volkswirtschaftliche Finanzierungsrechung (als Teilbereich der VGR) durchaus sieht, daß die monetäre Ersparnis ein Reflex des (Netto-) Kreditvolumens ist. Immerhin ist dieser Begriff der Ersparnis von dem Begriff der Ersparnis aus A) fundamental verschieden, weil bereits an dieser Stelle Ersparnis als Differenz von monetären Bruttoinvestitionen einerseits und Abschreibungen (Kredittilgungen) andererseits definiert wird. Diese Version von Ersparnis stellt darauf ab, daß Ersparnis als Phänomen der Differenz von Bruttoinvestition und Abschreibung (+/- Finanzierungssaldo) daraus resultiert, daß monetäre Größen darüber entscheiden, was in einer Gesellschaft als (monetäres) Erfolgskriterium entscheidend ist. Aber auch wenn die VGR durchaus wichtige Erkenntnisse über diese Beziehungen liefert, bleibt dennoch der intertemporale Aspekt der Kreditverhältnisse in letzter Konsequenz unadressiert. Darüberhinaus ist in der VGR die Bruttoinvestition definiert als ein Zugang des Sachvermögens, so daß auch hier wieder der Vorstellung gehuldigt wird, daß Investitionen direkt mit der Bildung von Sachkapital verbunden seien.

C) Sobald man anfängt Ökonomie als ein Phänomen von Geldströmen zu sehen wie es in der Tradition eines M. Copeland noch bekannt war, muß man sich auch den Bedingungen stellen, die sich aus der Existenz von Geldvermögensbeständen ergeben. Das hat den kuriosen Effekt, daß monetäre Ersparnis, die nur sinnvoll definiert werden kann, wenn ein Wirtschaftssubjekt über Nettogeldvermögen verfügt, von vornherein ein Reflex der Ausgabeentscheidungen der Unternehmen ist, und damit nicht mehr als eine souveräne Entscheidung der Haushalte interpretiert werden kann, wie es das Grundmodell der liberalen Ökonomie postuliert.

Das hat was damit zu tun, daß die Bildung von Nettogeldvermögen essentiell daraus resultiert, daß ein Wirtschaftssubjekt eine Geldzahlung aufgrund einer realen Leistung erhält – prototypisch dafür steht die Einkommenserzielung aufgrund des Verkaufs von Arbeitsleistung. (Die zweite Art der Erzielung von Nettogeldvermögen steht nur Unternehmern zur Verfügung – der Überschuß der Erträge über die Aufwendungen. Dabei darf man nur nicht Umsatz mit Gewinn verwechseln – auch volkswirtschaftlich gesehen nicht! Das passiert immer dann, wenn unbesehen der Spruch präsentiert wird, daß die Ausgaben des Einen doch das Einkommen des Anderen sei – darüber muß man sich aber an dieser Stelle nicht aufregen.)

Diesen Aspekt des Wirtschaftslebens hat die konventionelle Wirtschaftstheorie noch nicht realisiert, weil immer noch die Vorstellung vorherrscht, daß Ersparnis stets einen realen d.h. materiellen Hintergrund haben müßte. Dabei entsteht das Mißverständnis aus dem Umstand, daß die konventionelle Wirtschaftstheorie Investition stets in „realem Kapital“ sieht und nicht in dem, was tatsächlich Investition bedeutet. Dazu kann man sich ein meist mißverstandenes Diktum in Erinnerung rufen, daß auch und insbesondere reale Investitionen letztlich vorgetane Arbeit sind. Nimmt man das ernst bedeutet das schlichtweg, daß man nur in Arbeit investieren kann, weil auch die Preise (Kosten) von Maschinen sich aus einer Kombinationskette von Arbeitsleistungen zusammensetzen.

An dieser Stelle wird das Versagen der ‚mainstream‘-Ökonomie deutlich: sie kann aufgrund ihrer epistemologischen Selbstbeschränkung nicht erkennen, daß Investition stets und immer Investition in (vorgetane) Arbeitsleistungen bedeutet. Das mag sich zwar ein bißchen marxistisch anhören, ist es aber nicht! Denn der intellektuelle Widerspruch ist nicht akzeptieren zu wollen, daß reale Investitionsgüter immer durch den Einsatz von Geld bzw. durch die durch Geld zur Erzeugung von Investitionen gesteuerte Arbeit erst geschaffen wird. Etwas Anderes zu behaupten bedeutet einen 200jährigen Irrtum zu pflegen, der die Ökonomie in das Desaster geführt hat, in dem sie sich gegenwärtig befindet!

Der zentrale Widerspruch liegt in der Verwechslung von natürlichen Ressourcen mit Realkapital: das Erstere betrifft die Wirtschaftsweise, die Arbeit zur Erzeugung von Wohlstand instrumentalisiert, während das andere einen (Real-) Fetisch darstellt, welcher bis heute dafür verantwortlich ist, daß die Ökonomie nicht über das Stadium einer Prätheorie hinausgekommen ist, weil sie nicht akzeptieren will, daß auch Realkapital aus einer Kette von Arbeitsleistungen entstanden ist. Wenn man irgendwo ein gutes Beispiel für den Begriff „Hypostasierung“ braucht – hier findet man ihn, weil hier zum wiederholten Male ein Phänomen für den Inhalt angesehen wird. Nicht zuletzt deswegen wird heutzutage die Investiton in Realkapital als produktivitätsfördernd gefeiert, während Arbeit stets als zu minimierender Kostenfaktor interpretiert wird. Blöder gehts nicht!

Man kann es auch anders ausdrücken: Investition ist Geldverwendung für Arbeit, nicht für Maschinen, die letzten Endes durch Arbeitsleistungen und dementsprechende Kosten geschaffen wurden! Ein Kalecki hat das noch gewußt! Dabei ist die Gedankenkette ganz einfach: der Kauf einer Produktionsanlage bei dem Produktionsmittelhersteller führt dazu, daß er dadurch den Erlös seiner Produktionsmittelkosten (Abschreibungen bzw. Kredittilgung), sowie seine Lohnkosten bezahlen muß und hoffentlich noch einen Gewinn realisiert. Dieser Prozeß – die Produktionskette noch ein paar Stufen weitergedacht – führt dazu, daß man im Endeffekt bei reinen Lohnkosten ohne nennenswerten Kapitalkostenanteil landet und sei es bei den unter menschenunwürdigen Bedingungen schuftenden Lohnarbeitern, die z.B. Coltan für die Smartphone-Produktion aus dem Boden kratzen müssen.

Vorleistungskette

Das noch schlimmere Desaster der ‚mainstream‘-Ökonomie besteht daraus, daß diese Vorstellung von Sparen als Konsumverzicht auch noch unbesehen per Analogschluß nicht nur auf die Tauschmittel-Geldwirtschaft, sondern auch auf die Kreditgeldwirtschaft übertragen wird und zwar mit fatalen Konsequenzen. Denn diese Vorstellung bedeutet in der Konsequenz, daß der Sinn und Zweck von geldorganisierter Produktion, deren zentrale Aufgabe darin besteht, aus natürlichen Ressourcen (‚from scratch‘) etwas Reales zu schaffen, nicht mehr gesehen wird. Dabei ist geldorganisierte Produktion davon geprägt zusätzliche (Arbeits-) Prozesse in den gesellschaftlichen Zusammenhang der Arbeitsteilung mit einzubeziehen, ein Prozeß, der sich stets und ständig in sich entwickelnden Ökonomien abspielt. Daß das von der konventionellen Ökonomie nicht gesehen werden kann! liegt daran, daß in dieser Welt die zur Verfügung stehenden Ressourcen stets voll ausgelastet sind –  und das auch dann, wenn die Wohlfahrt dieser Gesellschaft zum großen Teil darin besteht, daß die Haushalte eben Freizeit konsumieren. Denn auch das ist letztlich ein sogenanntes wohlfahrtsökonomisches Optimum!

Aber genug der intellektuellen Kuriositäten! Wenn man die Robinson-Welt verläßt und sich ansieht, wie die heutige Welt aussieht, stellt man fest, daß das, was die volkswirtschaftliche Statistik als Ersparnis definiert, ein Derivat der Investitionsentscheidungen der Unternehmen ist, denn alles was – wohlgemerkt – monetäre Ersparnis sein kann ist ein Ergebnis der Verschuldung von Unternehmen, deren Motivation daraus gespeist wird einen monetären Gewinn zu erzielen. Soweit man das Problem der Staatsverschuldung einmal beiseite läßt, besteht die gesamte monetäre! Ersparnis einer Gesellschaft aus offenen Kreditlinien, die aus (unternehmerischen) Schulden resultieren und sonst nichts. Das liegt halt daran, daß es zu einem Nettogeldvermögen nur dann kommen kann, wenn ein Kreditnehmer Nettokäufe vornimmt, welche mit einer buchhalterischen Konsequenz als Nettogeldvermögen eines davon begünstigten Wirtschaftssubjektes führen – und zwar ohne wenn und aber! Aber das ist ja schon wieder keine Ökonomie… weil damit die Idiotie des methodologischen Individualismus nicht adressiert wird…

24 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

24 Antworten zu “Die Realillusion von Investition

  1. „Denn der intellektuelle Widerspruch ist nicht akzeptieren zu wollen, daß reale Investitionsgüter immer durch den Einsatz von Geld bzw. durch die durch Geld zur Erzeugung von Investitionen gesteuerte Arbeit erst geschaffen wird. Etwas Anderes zu behaupten bedeutet einen 200jährigen Irrtum zu pflegen, der die Ökonomie in das Desaster geführt hat, in dem sie sich gegenwärtig befindet!“

    Dieser Einschätzung würde ich zustimmen, würde aber diesen Punkt, nämlich die Herkunft des Irrtums, etwas gründlicher behandelt wissen wollen. Es reicht nicht länger aus, Irrtum nachzuweisen, sondern es müsste noch eine Erklärung dafür hinzukommen, wie sich der Irrtum einstellen konnte. Die Gründe dafür müssten in der sozio-ökonomischen Entwicklung der Wirtschaftslehre selbst gefunden werden.
    Eine verkürzte Erklärung könnte lauten, dass trotz dieses Irrtums die Wirtschaft funktioniert. Sie funktioniert ja nicht irrtümlich. Das heißt, dass die Wirtschaft einerseits und die Wirtschaftslehre andererseits funktional gar nicht gekoppelt sind. Das heißt, dass der oben bezeichnete Irrtum für die Wirtschaftslehre von wichtiger Bedeutung ist. Kann es sein, dass er eine Funktion erfüllt, damit die Wirtschaftslehre irritiativ weiter gehen kann? Die Funktion könnte darin bestehen, den zirkulären Zusammenhang von Angebot und Nachfrage, der durch Geld aufgelöst wird, in einen kausalen Zusammenhang zu setzen, damit durch die Behandlung von kausalen Beziehungen die Rechtfertigung einer Wirtschaftslehre funktioniert. Diese Funktion ist dann sehr darauf angewiesen, dass immer wieder genügend Irrtümer benannt werden können, damit Rechtfertigung weiter funktioniert.
    Die Wirtschaft jedenfalls kann sich nicht rechtfertigen, um funktionieren zu können, die Wirtschaftslehre muss dies aber tun.

    • Tja, wie kommt dieser Irrtum zustande. Ich denke, daß der VWL vor 200 Jahren das Wertproblem in die Quere gekommen ist, obwohl die ersten Anfänge der VWL davon geprägt waren zu ergründen, aus welchem Grunde sich die Wirtschaftsprozesse in einer vergleichsweise koordinierten Art und Weise abspielen. Nicht umsonst ist ja die „unsichtbare Hand“ nicht nur eine Metapher gewesen, sondern reflektierte auch die Überzeugung, daß es eine Struktur geben müsse, die eine Vielzahl von Individuen zu einem koordinierten Ganzen fügt. (Dabei mag auch seinerzeit der Glaube an einen Gott als Weltenlenker eine gewisse Rolle gespielt haben.)

      Die Panne war wohl, daß die allgemeine Gleichgewichtstheorie es tatsächlich hinbekommen hat sowohl das Wertproblem zu lösen, indem sie die Knappheit mit der persönlichen Präferenz in Beziehung setzen konnte und auf der anderen Seite zumindest die Existenz eines Gleichgewichtes nachweisen konnte, welches gewissen Optimalitätsbedingungen genügt. Daß die Funktionsfähigkeit dieses Modells an eine fiktiven Instanz (Auktionator, unsichtbare Hand) gekoppelt ist, wurde zwar gesehen, ebenso wie auch die Nicht- Eindeutigkeit und die sehr wohl mögliche Instabilität des Gleichgewichts, was jedoch nicht dazu führte, diese einmal erreichte „Errungenschaft“ wieder ad acta zu legen.

      Diese Fixierung auf das Wertproblem bedeutet gleichzeitig, daß Geld entweder als ’numeraire‘ ein Gut sein muß, oder aber ein Schleier über den „wahren“ realen Tauschverhältnissen, was dann auch folgerichtig dazu führt, daß Geld lediglich als Tauschmittel interpretiert werden kann. Das hat z.B. zur Folge, daß es eine monetäre Theorie des Gewinns/ Profits überhaupt nicht gibt, sondern immer noch der Glaube vorherrscht, daß dann, wenn die Produktivität steigt auch im gleichen Zuge der monetäre Gewinn mit steigen müßte. Dieser Blödsinn wird tagtäglich in den Medien und den Lehrbüchern als „gesichertes Wissen“ angepriesen. (Ricardos „Kornökonomie“ – der Überschuß der Ernte über das eingesetzte Saatgut – läßt grüßen!)

      Insofern würde ich es ebenso sehen, daß die Wirtschaft auch ohne (makroökonomische) Wirtschaftslehre funktionieren kann. Was ich nicht glaube ist, daß diesem Irrtum eine besondere Bedeutung zukommt oder er irgendwo noch eine funktionale Bedeutung hätte. Wenn damit wenigstens ein Erkenntnisprozeß einhergehen würde, könnte man ja noch an eine wissenschaftliche Entwicklungslinie glauben. Leider läßt die Fokussierung der Wirtschaftslehre auf das Wertproblem in Verbindung mit der Fixierung auf einen methodologischen Individualismus kaum Hoffnung darauf erwachsen, daß das Koordinationsproblem als gesellschaftliche Fragestellung in absehbarer Zeit in den Brennpunkt des Interesses gerät. Dabei ist das auch ein epistemologisches Desaster: ohne die koordinative Funktion von Software hat auch die beste Hardware keine Aussicht auf eine befriedigende Funktionalität. Eine Software ist aber eine relationale Beziehung zwischen Funktionselementen, deswegen braucht sie auch keinen Eigenwert, weil ja lediglich die Relation zwischen den Wirtschaftssubjekten definiert sein muß. Aber das verstehen Werttheoretiker nicht.

      • Das ist eine gute Antwort.
        Trotzdem möchte ich noch einmal nachfragen, auch deshalb, weil ich mich mit der Theorieentwicklung der Ökonomie nicht gut auskenne und vielleicht kannst du mir in einem Punkt eine kompetente Auskunft geben:

        Ich vermute, dass die Entwicklungen sowohl der ökonomischen Theorie als auch der Ökonomie parallel verlaufen sind. Zu bestimmten Zeitpunkten tauchten in der ökonomischen Theorie Probleme auf, die durch die Ökonomie gleichzeitig entstanden waren – es handelt sich nicht um eine kausale Vermittlung, aber die Entwicklung der ökonomischen Theorie hat einen entscheidenen Unterschied: die Ökonomie kennt gleichsam kein Gedächtnis, die ökonomische Theorie aber sehr wohl. Ökonomie funktioniert beinahe ohne Gedächtns, oder jedenfalls kann sie für ihr Funktionieren auf längere Zeitspannen zur Aufrechterhaltung von Erinnerungen gut verzichten und kann trotzdem Strukturen durch Relationierung von Erwartungen gewinnen, die lange stabil bleiben können. Ein Grund, aber vielleicht nicht einmal der wichtigste ist, dass, gerade weil Märkte kein System sind, sie als systeminterne Umwelt darauf angewiesen bleiben, dass die Ökonomie an andere Funktionssysteme gekoppelt ist, die wesentlich eine Gedächtnisfunktion ausbilden müssen.
        Die Gedächtnisfunktion scheint mir für die Entwicklung der Theorie eine Art strukturell etablierter Emergenztest zu sein: alles was sich zeigt, muss, damit es als Neues beobachtbar wird unter Gesichtspunkten von Bekanntheit und Vertrautheit analysiert werden, um die Theorieentwicklung über Generationen anschlussfähig zu halten. Es handelt sich dabei um die Strategie, Paradoxien in ihrer Gefahr für das Scheitern von Rechtfertigungen dadurch zu bannen, dass man sie kontingent behandelt: Neues ja, aber nur, wenn nicht ganz neu. So wird die Akzeptanz von Neuem unter Schwieirigkeitbedingungen gestellt, die nur selten überwunden werden un so kommt es dann auch dazu, dass über die Generationen hinweg immer wieder an etwas angeknüpft wird, das keiner mehr kennt: Wer in der VWL hat je Adam Smith oder David Ricardo gelesen? Und trotzdem werden, wenn es sich bei solchen Zitationen auch nur um triviale Elemente dieser ersten Theorieversuche handelt, die keinen textkritischen Diskurs standhalten könnten, Erinnerungen an den „Mythos“ wachgehalten, wobei sich der Mythos nicht etwa auf die ökonomische Situation des 18. Jahrhunderts bezieht, sondern auf die erfolgreiche Strukturbildung der Wirtschaftslehre, der vor allem deshalb so atttraktiv ist, weil sie ja immer auch einen Normativitätsanspruch stellt: Wirtschaft nicht nur zu erklären, sondern sie durch Erklärung ihrer Theorie anzupassen. Nie hat das funktioniert, aber durch gegenseitige Irrtumsnachweise konnte eine Rechtfertigungsstrutur dauerhaft hergestellt und so stabil werden, dass ein ganz anderer Theorieansatz, der nicht in diese Rechtfertigungsstruktur hinein passt, einfach nicht dazu gehören kann, weil er nicht nach bekanntem Muster irrtumsfähig ist, oder auch, weil etwas ganz anderes noch kein Gedächtnis mitbringen kann.

        Denn schon die Einsicht, dass es zwischen Ökonomie und ökonomischer Theore gar keinen kausalen Zusammenhang gibt, dass also eine „Wirtschaftelehre“ nur Subjekte belehren könnte, aber nicht Märkte, durft schon durchfallen.
        Wie siehst du das?

      • Ich nehme mal das Kriterium Gedächtnis zum Ausgangspunkt meiner Antwort. Im Gegensatz zu Ihrer Vermutung, die Wirtschaft hätte kein Gedächtnis würde ich sehen, daß die Wirtschaft durchaus ein Gedächtnis aufweist. Dieses besteht aus der Multiplizität von Kreditbeziehungen, welche die unterschiedlichsten Akteure miteinander verknüpft und das über Jahre bis Jahrzehnte. Und ein Finanzsystem läßt sich durchaus als ein sinngesteuertes System interpretieren, welches im Gegensatz zu der durch Optimierungsprozesse charakterisierten Wirtschaftstheorie zu strukturbildenden Leistungen fähig ist. Darüberhinaus funktioniert Wirtschaft als durch Sinn gesteuertes System nach Normen, die eine Selbsterhaltung zum Ziel definiert und daher einen gewissen Grad von Redundanz benötigt, was immer dann angesprochen wird, wenn die Forderung nach einer Erhöhung des Eigenkapitals formuliert wird.

        Im Gegensatz dazu formuliert die konventionelle Wirtschaftstheorie ein Prä-System, dessen Funktionalität aus einem Preismechanismus besteht, der auf einer momentanen Optimierung beruht, ohne daß irgendwie klar würde, wo sich dieser wiederfindet. Nicht umsonst wird dabei stets auf Metaphern zurückgegriffen wie die „unsichtbare Hand“ oder der „Auktionator“.

        Daß die Wirtschaftstheorie ein Gedächtnis hat ~ sicherlich! Das bedeutet jedoch nicht, daß sie damit das Gedächtnis der Wirtschaft angemessen addressieren würde und sie sich daher in einem ahistorischen Glasperlenspiel befindet, welches keine Aussicht darauf hat das Gedächtnis der Wirtschaft jemals angemessen reflektieren zu können. Das betrifft auch den Versuch von Friedman oder Lucas über statistische Korrelationen zu validen Erkenntnissen zu kommen, weil man aus ökonometrischen Untersuchungen auch nur das erkennen kann, was als Theorie bereits vorliegt.

        Wenn Sie so wollen hat die Wirtschaftstheorie tatsächlich eine erfolgreiche Strukturbildung vollzogen, leider jedoch unter Ignoranz der Tatsache, daß ihr Erkenntnisobiekt keine systemische Struktur aufweist. Das zeigt sich insbesondere daran, daß die aktuelle Leitlinie der ökonomischen Forschung postuliert, daß sogar die Makroökonomie mikrofundiert sein müsse und so eine Negierung dessen erfolgt, was man üblicherweise als die Differenz von Teil und Ganzem kennt, eine Differenz, die als forschungsleitende Voraussetzung erst das konstituieren könnte, was man unter Emergenz versteht.

        Eine Wirtschaftstheorie, die das Gedächtnis der Wirtschaft angemessen reflektieren kann existiert durchaus, nur ist diese fast völlig aus dem Gedächtnis der herrschenden Wirtschaftstheorie verschwunden, sie ist einfach vergessen worden! Und nein, es ist nicht der Marxismus, sondern die deutsche Nationalökonomie, die sich mit den Namen A. Hahn, W. Lautenbach und R. Friedländer-Prechtel – ein bißchen auch W. Stützel – verknüpft.

      • Kälin

        Sie haben das klar dargestellt. Um Falschinformation in der Presse zu vermeiden, was nicht möglich ist; da viele Schreiberlinge den Zusammenhang der Oekonomie selber nicht verstehen! Eigentlich wäre dies nur möglich, wenn die Schule und die fähigen Lehrer dies an die Lernwilligen weitergeben. Danke für Ihren klärenden Beitrag.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 29. Juli 2013 | Die Börsenblogger

  3. sehr schön – Geldsparen ruiniert Investoren…aber selbst Robinsonaden kann man auf den real existierenden Kapitalismus anpassen: http://guthabenkrise.wordpress.com/2011/07/29/teil-3-die-vorfinanzierungswirtschaft-als-robinsonade/

  4. Frankie Bernankie

    „Dabei ist die Gedankenkette ganz einfach: der Kauf einer Produktionsanlage bei dem Produktionsmittelhersteller führt dazu, daß er dadurch den Erlös seiner Produktionsmittelkosten (Abschreibungen bzw. Kredittilgung), sowie seine Lohnkosten bezahlen muß und hoffentlich noch einen Gewinn realisiert. Dieser Prozeß – die Produktionskette noch ein paar Stufen weitergedacht – führt dazu, daß man im Endeffekt bei reinen Lohnkosten ohne nennenswerten Kapitalkostenanteil landet.“

    Reiner Marxismus und nicht zu akzeptieren 
    Wenn jemand seinen Rosenstrauch pflegt, kann er in dieser Zeit keinem Unternehmer helfen, dessen Entschuldung zu organisieren. Darum geht es doch beim ökonomischen Prozess zuvörderst ( zumindest auf der monetären Seite): die Organisation von Entschuldung.
    Darum gibt’s ja auch immer Probleme, wenn Wirtschaftswaxtum ausbleibt oder gar rückläufig ist.
    Wäre Wachstum ein Gradmesser für das Anwachsen von Wohlstand und Ressourcen (als das es so oft angesehen wird) , dann wäre ja auch nicht zu verstehen, warum es für eine Gesellschaft ein Problem sein sollte, nur noch so „reich“ zu sein wie, sagen wir, 2010? Würde sich das BIP aber auf ein Volumen von 2010 zurückziehen, hätten wir ein riesiges sozio-ökonomisches Problem mit Arbeitslosigkeit und allem.
    BIP-Wachstum ist aber kein Gradmesser für Zunahme von Wohlstand und Reichtum, sondern ein Gradmesser für die Entschuldungsdynamik – deshalb gibt’s auch immer massive Probleme , wenn es ausbleibt.
    Auch so was mit dem die Gleichgewichtswichtel überhaupt nicht zurechtkommen.

    • „Reiner Marxismus und nicht zu akzeptieren.“

      Ich kann mir schon vorstellen, daß diese Konnotation in diesem Zusammenhang auftaucht. Aber zum einen ist der Marxismus ja nicht nur eine Sozialkritik, sondern (zumindest für den Wirtschaftstheoretiker) eine Analyse der Funktionsbedingungen des Kapitalismus, die ja nicht zuletzt mit der ‚mainstream‘-Ökonomie einen gemeinsamen Defekt aufweist, nämlich die Erklärung von „Wert“ zur Grundlage der Ableitung der Funktionsbeziehungen des Kapitalismus zu stilisieren. Zum anderen war sich Marx ja wenigstens noch der Tatsache bewußt, daß es einen nicht überbrückbaren Gegensatz zwischen Geld und Wert gibt, was ja in die berühmte Aussage gipfelt: „Wie kann die Kapitalistenklasse beständig 600£ aus der Zirkulation ziehen, während sie beständig nur 500£ hineinwirft.“

      Um aber eventuellen weiteren Mißverständnissen zu begegnen habe ich noch eine Graphik eingefügt, die man in so ziemlich jedem beliebigen Lehrbuch über volkswirtschaftliche Gesamtrechnung finden dürfte. (Zumindest war das mal so!) Aber ob oder ob nicht, die Tatsache, daß sich jede Investition in Realkapital in eine Kette von Vorleistungen, die wiederum sich aus Löhnen und Gewinnen zusammenrechnen, aufgespaltet werden kann, ist ja nun kein so besonderes Geheimnis und unterstreicht sogar noch einmal, daß Investition stets und immer Ausgaben sind, die eine Einkommensbildung entweder rechtfertigen (Vorleistungskette) oder begründen (die Pacht für landwirtschaftliche Flächen fällt schließlich dem Verpächter als Einkommen zu, und hat mit dem Land nichts zu tun, sondern mit der Eigentumsbeziehung des Verpächters zu dem Land). Wichtig an dieser Stelle ist jedoch zu betonen, daß bei dieser Einkommenskette sowohl Löhne als auch Gewinne ihren durchaus variablen Anteil haben – eine Investition ist also nicht nur eine nachträgliche Rechtfertigung für Lohnausgaben, sondern auch und nicht zuletzt für die Bildung von Gewinnen. Aber auch das ist schon lange bekannt.

      „BIP-Wachstum ist aber kein Gradmesser für Zunahme von Wohlstand und Reichtum, sondern ein Gradmesser für die Entschuldungsdynamik…“

      Das verstehe ich überhaupt nicht, denn das was üblicherweise als BIP-Wachstum gemessen wird, ist die Zunahme der monetären Schuldbeziehungen und nicht deren Rückgang. Eigentlich müßte da „Verschuldungsdynamik“ stehen, es sei denn, mir entgeht die Pointe…

  5. »Die zweite Art der Erzielung von Nettogeldvermögen steht nur Unternehmern zur Verfügung – der Überschuß der Erträge über die Aufwendungen. Dabei darf man nur nicht Umsatz mit Gewinn verwechseln – auch volkswirtschaftlich gesehen nicht! Das passiert immer dann, wenn unbesehen der Spruch präsentiert wird, daß die Ausgaben des Einen doch das Einkommen des Anderen sei – darüber muß man sich aber an dieser Stelle nicht aufregen.«

    Sorry, mit diesem Satz wird die Begriffsverwirrung größer und nicht kleiner. Abhilfe schafft hier nur eine klare und saubere Herausarbeitung der Begriffe, wie in Grass/Stützel „Volkswirtschaftslehre“ auf der Seite 51 ff geschehen. Auch ein Blick in Einführungen in die betriebliche Buchhaltung hat schon manches Missverständnis ausgeräumt.

    Bei den ökonomischen Rechenwerken gibt es Beziehungen zwischen Beständen und Strömen (Badewannentheorem). Bei den Strömen ist sorgfältig zu unterscheiden zwischen Bargeldstrom, Zahlungsmittelstrom, Geldvermögenstrom und Reinvermögensrechnung (Einkommensrechnung) und bei den Beständen zwischen Bargeldbestand, Zahlungsmittelbestand, Geldvermögensbestand, Sachvermögen und Reinvermögen (Eigenkapital bei Unternehmen).

    In dem obigen Beispiel ist der Satz dann richtig, wenn gesagt wird, die „Ausgaben“ des einen sind die „Einnahmen“ eines anderen. Dieses Begriffspaar gilt für die Geldvermögensrechnung. „Erträge“ und „Aufwendungen“ sind das Begriffspaar für die „Sachvermögens- und Reinvermögensrechnung“. Es gibt zum Beispiel „Aufwand“, der keine „Ausgabe“ ist: Abschreibungen. Oder „Erträge“ die keine „Einnahmen“ sind: Zuschreibungen (z.B.: wernn eine saure Wiese in Bauland umgewandelt wird)

    • Sie glauben doch nicht etwa ich hätte an dieser Stelle nicht aufgepaßt? Natürlich ist das Blödsinn was ja an dieser Stelle auch süffisant zum Ausdruck gebracht wird. Der Punkt ist ja, daß solche Schnitzer sogar bei renommierten Ökonomen auftauchen. Hier mal ein Beispiel von Brad de Long, nicht gerade einer der unwichtigen Ökonomen:

      http://www.project-syndicate.org/commentary/the-unreached-limits-of-expansionary-economic-policy-by-j–bradford-delong/german

      „Und da die Ausgaben des einen das Einkommen des anderen sind, führt ein allgemeiner Schuldenabbau nur in Depression und hohe Arbeitslosigkeit.“

      Und weils so schön war, noch mal die Originalvorlage in ‚english‘, damit man nicht glaubt, das sei ein Übersetzungsfehler gewesen:

      ‚And, because one person’s spending is another’s income, universal deleveraging produces only depression and high unemployment.‘

      Aber er hat doch bestimmt das Richtige gemeint…🙂

  6. Frankie Bernankie

    Entschuldung, Verschuldung, das ist doch sowieso das Gleiche. Forderungen, die in einer Periode entstehen , aber dortselbst nicht befriedigt werden können ( i.d.R. Zins, Rendite, „Unternehmerlohn“ ) müssen aus der Folgeperiode herbeigeschafft werden – die „Verschuldung“. Verschuldung kann aber nur geschehen, wenn dem Gläubiger dann auch eine Entschuldungsverheissung angeboten wird – d.h.: wird die nächste Periode auch die Schuldenbedienung gewährleisten? Das ist die Kernfrage des „Geld-jetzt –für-Geld-später“-Prinzips ( H. Minsky). Ist das Vertrauen darin erschüttert, wird die laufende Entschuldung als gefährdet angesehen, folgt Angst , Panik, Rückzug aus Investitionen, Prolongationen von Kredit wird verweigert, es wird fällig gestellt, Zahlungsunfähigkeit tritt ein, aus is mit der Produktion.

  7. »Reiner Marxismus und nicht zu akzeptieren« und
    »Darum geht es doch beim ökonomischen Prozess zuvörderst ( zumindest auf der monetären Seite): die Organisation von Entschuldung.«
    Das ist die Frage: Was ist der Kern von Ökonomie?
    Und daran anschließend: Was soll (kann) die Wirtschaftstheorie leisten? Ich behaupte mal frech: Kern der ökonomischen Ordnung, wie sie sich in den letzten 400 Jahren herausgebildet hat, ist die Selbstverwertung des Wertes, „der Gang in sich“ des bewusstlosen Subjektes „Kapital“.

    Der angebliche Ausweg der „Nutzentheoretiker“ aus dem Dilemma der Bestimmung des Wertes ist kein Ausweg, wie der Blick in jede Bilanz eines x-beliebigen Unternehmens zeigt. Dort werden Dinge „bewertet“, ohne dass irgendjemand eine Ahnung davon hat, was es mit diesem ‚Wert eigentlich auf sich hat.

    Zudem: Die Ableitung der „Gesetzmäßigkeiten“ der Ökonomie aus einzelwirtschaftlichen Oberflächenphänomenen stößt sehr schnell an ihre Grenzen, wie einfache logische Überlegungen zeigen. Konkurrenzparadoxa und Rationalitätenfallen lassen sich eben nicht auf der betriebswirtschaftlichen Ebene auflösen.

    Es geht kein Weg daran vorbei: Eine Analyse des wirtschaftlichen Prozesses muss von der Totalität dieses Prozesses ausgehen. Und das hat Marx geleistet, auch wenn viele Marxisten eben nicht über den ersten oder zweiten Band des Kapitals hinausgekommen sind. Eine gründliche Auseinandersetzung mit der Marx-Interpretation eines Robert Kurz in seinem letzten Buch „Geld ohne Wert“ würde manches Missverständnis bei den (meisten) Marxkritiker_innen ausräumen.

    Ein Letztes zur Neoklassik:: Was ist das für eine Theorie, die nicht einmal in der Lage ist, die Vergangenheit richtig zu beschreiben und zu analysieren, von vernünftigen Ratschlägen für die Zukunft ganz zu schweigen?

    • Mit Ihrer „frechen“ Behauptung werden Sie nicht weit kommen, denn ein „bewußtloses Subjekt“ (sollte wohl eher „Objekt“ heißen) wird üblicherweise von der Physik untersucht und die hat da ganz ordentliche Techniken.

      Was die „Selbstverwertung des Wertes“ betrifft, so kann man diese sicherlich in der Kornökonomie eines Ricardo finden, wo sich der Wert des Saatgutes durch die heilige und unsichtbare göttliche Hand in einen „Mehrwert“ bzw. in eine „Mehrmenge“ verwandelt – sofern nicht finstere Mächte diesem Gang der Dinge entgegenstehen. Falls man aber über diese Ebene hinausgehen möchte ist es mehr als fraglich, was denn überhaupt den Mehrwert konstituiert. Das Konzept von Marx als Variante einer Arbeitswertlehre weist wie bei der Neoklassik den fundamentalen Nachteil auf, daß eine notwendigerweise subjektive Wertlehre mit einer Geldtheorie nicht vereinbar ist. Denn Geld stellt keinen Wert dar, sondern lediglich ein für die kooperative Produktion erforderliches relatives Maß, welches es erlaubt den Input (die Kosten) mit dem Output (den prospektiven Erlösen) in Beziehung zu setzen. Deswegen hat auch eine Geldeinheit auch nur den „Wert“ eine Schuld in Höhe von einer Geldeinheit tilgen zu können, was schlichtweg bedeutet, daß der „Wert“ des Geldes immer und überall genau gleich 1 GE – eine Geldeinheit – ist.

      Das kann natürlich einer Wertlehre nicht in den Kram passen, so daß das Buch von Kurz höchstwahrscheinlich das Mißverständnis behandelt, daß ein „Geld ohne Wert“ doch bitteschön die wertbehaftete Realökonomie zum Funktionieren bringen möge. Das ist natürlich Blödsinn, weil Produktion und Vermarktung keine strukturbildende Funktion etablieren können, die dann irgendwie zum Funktionieren gebracht werden könnte. Genau dieses Versagen zeichnet ja auch die allgemeine Gleichgewichtstheorie vulgo Neoklassik (eben wie Marx auch eine „Wert“-Klassik) aus, die ja auch meint, damit den höchsten Grad der Systemerkenntnis erreicht zu haben. Sobald man einen Blick in die systemtheoretische Literatur wirft wird klar, daß dieser Anspruch seit mindestens 30 Jahren oder länger nicht mehr haltbar ist. Zu Norbert Wieners Zeiten mag man ja noch an die kybernetische und deterministische Struktur des Wirtschaftsprozesses geglaubt haben, seit es die Begrifflichkeiten rund um die Selbstorganisation gibt, ist diese gepflegte Selbstbeweihräucherung in 1000m Höhe geplatzt.

      Wenn Sie eine schlaue Möglichkeit kennen wie das Transformationsproblem gelöst werden kann, dann wäre es sicherlich von höchstem Interesse. Bis jetzt haben sich alle, die sich daran versucht haben, die wissenschaftlichen Zähne ausgebissen…

      • Na ja, ich hätte da mal mindestens zwei Fragen:
        1.) »eine notwendigerweise subjektive Wertlehre mit einer Geldtheorie nicht vereinbar ist«
        Wieso ist eine Wertlehre „notwendigerweise“ subjektiv? In unserem Wirtschaftssystem werden „Waren“ von „Privatproduzenten“ hergestellt, die von anderen Wirtschaftssubjekten gekauft werden. Der Kauf wird über Geld vermittelt. Ich finde es ziemlich unbefriedigend, dass in der Theorie „Ware“, „Geld“ und „Kauf/Verkauf“ unvermittelt einfach so nebeneinander stehen, ohne dass sie miteinander in irgendeiner Weise etwas zu tun haben. Wenn ich jedoch der Marxschen Wertformanalyse folge, dann stehen die Kategorien eben nicht mehr unvermittelt nebeneinander, sondern stehen in einem Zusammenhang. Und wenn ich die Wertformanalyse monetär interpretiere, so löst sich das Transormationsproblem auf (z.B. Michael Heinrich mit seiner monetären Werttheorie)

        2.) Georg Fülberth machte mich vor zwei Jahren auf die Arbeiten von Emmanuel Farjoun und Moshe Machover aufmerksam, die angeblich das Transormationsproblem gelöst hätten. Leider habe ich von Mathematik nicht genügend Ahnung, um beurteilen zu können, ob das stimmt.

        3.) Bis jetzt hat mir noch niemand vernünftig erklären können, wieso die handelnden Subjekte so versessen darauf sind, ihren Reichtum (abstrakter Reichtum, in Form von Forderungen) schier grenzenlos zu vermehren. Kann es nicht sein, dass diese Vermehrung des Reichtums eben nicht von den handelnden Personen (den Charaktermasken) vorangetrieben wird, sondern von dem automatischen Subjekt, das Kapital genannt wird. Und diese automatische Subjekt ist »bewusstlos«, weil es ein Prozess ist. Ein System, das sich nach nund nach über die ganze Erde frisst und Mensch und Natur zerstört. Oder liege ich da völlig falsch?

      • Gut, Sie können natürlich sagen, daß es auch eine objektive (technologische) Wertlehre gibt, diese hat jedoch im Gegensatz zur subjektiven Wertlehre nun überhaupt keine Bedeutung in der ökonomischen Diskussion. Die paar übriggebliebenen Sraffa-Vertreter an die sich ja die Vertreter des Marx´sche Transformationsproblems angehängt haben, kann man getrost als Randerscheinung betrachten.

        Dies ist nicht deswegen so, weil es sich nicht um kompetente Forschung handeln würde, sondern weil ein Produktionspreissystem keinen Handlungsimperativ wie z.B. „Sei konkurrenzfähig!“ impliziert. Die Ableitung von singulären Lösungen die Sie anführen ist ja schön und gut, nur was soll man damit anfangen? Die Leute, die im „real existierenden Sozialismus“ versucht haben diese Tauschrelationen (Wert gegen Wert) auszutüfteln haben erstens gewußt, daß sie kaum zu einem konsistenten Ergebnis kommen werden und wenn das tatsächlich der Fall wäre, dieses Ergebnis bereits hoffnungslos veraltet ist. Trotzdem mußten sie irgendwas als Planungsgrundlage nach Maßgabe der Vorstellungen des Politbüro bzw. der SPK abgeben, die gewissermaßen diesen Handlungsimperativ definiert haben – oder zumindest so getan haben.

        Dasselbe Problem gibt es in der subjektiven Wertlehre, da bereits die Bestimmung eines ! optimalen Präferenzpunktes schon bei 100 verschiedenen Gütern Rechenleistungen von etlichen Jahren erfordert, von sich ändernden Präferenzen und Nichtlinearitäten mal völlig abgesehen. Auch hier kann der Nachweis des allgemeinen Gleichgewichts nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich dabei um ein Glasperlenspiel handelt, welches für praktische Wirtschaftspolitik gerade mal den Imperativ „Wettbewerbspolitik“ bereithält. Für eine sich dominant gebende Theorie ein bißchen dürftig.

        Man muß sich mal von der Vorstellung freimachen, daß das Kriterium, welches herangezogen wird, um zu entscheiden, ob etwas Produziertes Wert hat oder nicht, ebenfalls Wert haben muß – denn es wird nicht produziert sondern emittiert. Die Entstehung von Geld hat was mit sozialen Beziehungen zu tun und gerade nicht mit Produktion. Geld kann zwar für den Einzelnen etwas mit „Wert“ zu tun haben, für eine Gesellschaft besitzt Geld nun mal keinen Wert im Sinne einer Gebrauchssache, was auch durch den saldenmechanischen Hauptsatz, daß das gesamtwirtschaftliche Geldvermögen gleich Null ist, nahegelegt wird. Geld besitzt dagegen eine Funktion hinsichtlich der Koordination von Produktionsprozessen, die ohne Geld auch nicht entstanden wären. Auch wenn beides zusammenspielt bleibt das eine (Geld) die ’software‘ und das andere (Produktionssystem) die ‚hardware‘. Den „Wert“ als Tauschrate eines Gutes gegen ein anderes ist dabei gerade nicht erforderlich. Im Gegenteil: Geld dekomplexiert die Wirtschaftswelt, indem es die Berücksichtigung von Tauschraten entbehrlich macht.

        Das Kapital: hat das einen Paten, einen Fürsprecher oder muß wieder eine „unsichtbare Hand“ her, damit es handeln kann?

  8. Sehr geehrter Herr Menendez,

    Der Mensch, hat B. Franklin mal gesagt, ist ein Werkzeug fabrizierendes Tier, „a tool making animal“, auch wenn es Marx war, der diese Sicht strapaziert und in die Welt getragen hat. Er mag mehr sein als diese schnöde Existenz, aber sicherlich nicht weniger, was immer auch sein Geist sich aushecken mag. Man kann sich selbst nicht betrügen, auch dann nicht, wenn man sich als Philosoph wähnt. Dass der Mensch diese Aufgabe als Gattungswesen bewerkstelligt, verweist darauf, dass keine Gesellschaft sich dem Anspruch der Werkzeug-Fabrizierung beugen kann. Die Grundgleichung des gesellschaftlichen Seins, egal welcher Form, lautet daher: „produzierte Werkzeuge = verwendete Werkzeuge“. Es schickt sich sicher gut an den Ökonomen Begriffsverwirrung zu unterstellen, aber den Realitätssinn der Identität „Ersparnis=Investition“ sollte man nicht leugnen. Denn was anderes besagt diese Gleichung als dass der Mensch als Gattungswesen die Werkzeuge produziert, die er dann auch verwendet? Gewiss sind die Begriffe bürgerlich eingefärbt und es ist Naivität von „Sparen“ zu sprechen, doch verweisen sie auf ein Naturgesetz, das zu brechen dem Menschen nicht obliegt. Oder wie Marx so schön sagte: „Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen.“

    Und die Form, worin sich die Identität: „Werkzeuge nach Entstehung = Werkzeuge nach Verwendung“ in der bürgerlichen Gesellschaft durchsetzt, – und da haben Sie recht, lieber Herr Menendez -, ist nicht das Wertgesetz. Sofern es aber überhaupt etwas gibt, was von Marx zu retten sich lohnt, dann ist es gewiss: ein und denselben Gegenstand aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Also in Bezug auf die Ökonomie: Aus der Sicht der physischen Produkte genauso wie aus der Sicht der Arbeitswerte wie der Schuldbeziehungen. Letztendlich offenbart sich in allen dreien dieser Ebenen, und nicht nur in einer, das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen zueinander und jeder, der nur einer dieser Perspektiven negiert, macht sich blind auf dem anderen Auge. Dass Marx diesen Anspruch hatte, steht völlig ausser Frage, dass er auch genau an diesem Anspruch gescheitert ist, ebenso. Doch sollen wir Nachfahren uns nun blind machen, indem wir jeweils den anderen Blindheit unterstellen? „Ersparnis = Investition“, oder besser: „Werkzeuge nach Entstehung = Werkzeuge nach Verwendung“ hat einen viel tieferen Gehalt als bloss den einer Robinsonade. Der Mann auf der Insel wird genau dort zum gesellschaftlichen Wesen, wo ihm Freitag begegnet. Und von diesem Punkt an lösen sie das Gesetz der Werkzeug-Fabrizierung gemeinschaftlich.

    Denn wie erklären sie sich, dass in der bürgerlichen Gesellschaft (ohne Staat und ohne Aussen) die Passivseite des Unternehmenssektors der Aktivseite des Haushaltssektors entspricht? Und daher: Die Aktivseite des Unternehmensektors der Aktivseite des Haushaltssektors? Was steckt denn anderes dahinter als die Notwendigkeit der Werkzeugfabrizierung? Was findet sich auf der Aktivseite der Unternehmen denn anderes als akkumulierte Werkzeuge? Und nennt man die Aktivseite der Haushalte denn nicht „Ersparnisse“? Voila! Das Gesetz hat sich durchgesetzt, nur zugegeben, auf eine verquickte Art, die Sie mit Sicherheit besser verstehen als ich. Und was steckt dahinter? Werkzeug akkumulierende Unternehmen, deren Schulden die Ersparnisse der Menschen bilden? Wohl kaum. Man muss schon sehr naiv sein dieser Sicht zu huldigen. Eher: Werkzeug akkumulierende, verselbständigte, blind der Konkurrenz folgende Ungeheuer, für deren Blindheit wir arbeiten und auf deren Rücken wir unsere Zukunft errichten. Doch das ist ein anderes Thema. Was mir wichtig ist zu betonen: Man hat kein Recht die Ökonomen ins Lächerliche zu ziehen, und schon gar nicht: einen Karl Marx. Sie sehen die Dinge anders doch müssen sie deshalb falsch sein? Sind keine Gesetzte vorstellbar die oberhalb der Saldenmechanik liegen?

    Mit Dank für ihre Beiträge
    Alfred Felsberger

    • @ Alfred Felsberger
      Mein Opa war Werkzeugmacher, ich habe in seiner Kellerwerkstatt bei der Herstellung assistiert. Es gab Werkzeuge, die niemals verwendet wurden, weil wir sie getestet und verworfen haben ! Es gab kein Naturgesetz, das nicht zu brechen uns oblag – wir haben das gemeinsam willentlich entschieden, das Werkzeug wiedereingeschmolzen, weggelegt, gesammelt.
      Die Identität vom einfachen Modell haben sie sich selber definiert.
      Es gibt sie nur, wenn Geschäftsvorfälle ausgeblendet werden, die diese aufheben.
      Strengen Sie Ihre Phantasie an indem die Realität exakt beschrieben wird in Buchungssätzen und Konten. 😉

    • Sehr geehrter Herr Felsberger,

      es geht hier nicht darum irgendjemand zu diskreditieren, sondern darum zu erkennen, welche Denkmuster hinter den jeweils vorgetragenen Vorstellungen/ Argumenten stehen. Daher ist in meinen Blogeinträgen immer wieder der Bezug angeführt, aus welcher Denkrichtung eine Aussage stammt. Das ist ja auch hier wieder der Fall gewesen, weil es mir darauf ankam die Unterschiede herauszuarbeiten, die in den unterschiedlichen Vorstellungen darüber stecken, was denn jetzt eigentlich eine Investition ausmacht. Daß es dabei zu Begriffsklärungen kommen muß, damit man den Unterschied erkennen kann, sollte eigentlich selbstverständlich sein.

      Es geht übrigens auch nicht um die Leugnung des Gleichlaufs von Ersparnis und Investition, sondern um die Klärung der Sachverhalte, die durch die jeweilige Theorie gemeint sind. So ist Ihr Begriff von „produzierte Werkzeuge = verwendete Werkzeuge“ von dem zu unterscheiden, was die herrschende Wirtschaftstheorie darunter versteht. Und da scheiden sich die Geister, weil die herrschende Wirtschaftstheorie von einen Investitionsbegriff ausgeht, der essentiell auf realen Dingen aufgebaut sind, denn Ressourcen sind etwas inhärent Materielles. Diese Vorstellung besagt daher, daß Investition gewissermaßen die „großen Maschinen“ oder „technischen Anlagen“ sind, was dann auch dazu führt, daß dem Faktor „Kapital“ ein Einkommen zugestanden wird, obwohl Einkommen eigentlich schon ein monetärer Begriff ist, während andererseits die Berechtigung für dieses Einkommen aus einer realen „Grenzproduktivität“ abgeleitet wird.

      Und davon ist der monetäre Investitionsbegriff zu unterscheiden, der wie ich versucht habe darzustellen, letztlich – selbst wenn es sich um Sachanschaffungen handelt – davon geprägt ist, daß er auf einer Kette von Vorleistungen beruht, deren Zusammensetzung sich aus einer Summe von Löhnen und Gewinnen – also persönliche Einkommen – ergibt. (An dieser Stelle verwende ich ja auch die Marxsche Formulierung von der „vorgetanen Arbeit“, weil Geldpreise halt immer aus der Summe aller Wertschöpfungen entstehen. Insofern ist auch die Vorstellung, nur Arbeit schaffe Wert, nicht so ganz von der Hand zu weisen.) Dieser Investitionsbegriff, den man ganz unproblematisch aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung herauslesen kann, ist Ausdruck der Tatsache, daß nur Menschen ein Einkommen erzielen können und auf der anderen Seite davon, daß damit auch der Zeitfaktor des Vorleistungsprozesses angemessen addressiert wird.

      Sie sehen sicherlich, daß ich durchaus verschiedene Aspekte von Wirtschaft sehen kann. Was dabei immer die entscheidende Frage ist: gibt es dabei ein unterschiedsloses Nebeneinander, oder kann man dabei eine Struktur erkennen, die Rückschlüsse darauf zuläßt, nach welchen Kriterien Wirtschaft tatsächlich funktioniert. Ist es der Wert der materiellen Dinge, oder sind es die in Geld kodifizierten Ansprüche der Wirtschaftsteilnehmer, welche den Ton angeben. Ich glaube nicht, daß ich etwas ins Lächerliche ziehe indem ich argumentiere, daß es ein Wertgesetz vielleicht geben könnte, wir aber in der Zwischenzeit, bis es irgendjemandem gelingt dieses operationabel zu machen, mit der monetären Version von Wirtschaft vorlieb nehmen müssen.

      Das Fatale an der ganzen Sache ist doch, daß auch die Neoklassiker diesem Wertgesetz anhängen – schließlich sind sie wie Marx auch Klassiker im Sinne einer ökonomischen Schule – und diese Erkenntnisse ohne Prüfung ihrer Angemessenheit unbesehen auf eine geldorganisierte Wirtschaft übertragen. Daß bei solchen simplen Analogschlüssen der größte Mumpitz herauskommt ist zwar nicht garantiert – aber mehr als wahrscheinlich. Und darum muß man sich manchmal etwas pointierter ausdrücken, als es sich eigentlich gehört – schließlich war ja auch die Vorstellung von der Erde als Zentrum des Weltalls nicht falsch – denn diese Vorstellung wird von der allgemeinen Relativität der Dinge gedeckt – nur leider war sie viel zu kompliziert, um sie mit angemessenem Aufwand berechnen zu können. Es ist doch so: Geld macht Wirtschaft handhabbar, der Wert ist ja nicht nur kompliziert, sondern auch komplex. Mit Komplexität jedoch kommen Menschen üblicherweise nicht wirklich klar…

      Beste Grüße

      • Sehr geehrte Herr Menendez,

        Ich wollte ihnen nichts vorwerfen und letztendlich habe ich mich über meinen Tonfall auch geärgert, weil er genau das suggeriert. Was mir so wichtig ist zu betonen, ist Folgendes: Die Betrachtung der Ökonomie in physischen Grössen, etwa in Input-Out-Modellen, hat eine lange Tradition. Und man wird nicht per se sagen können, dass sie falsch oder nutzlos sei. Innerhalb dieser Tradition gibt es die unterschiedlichsten Richtungen, die von ihrer Stossrichtung her gemässigt oder radikal sein können. Man hat es also mit einem ganzen Spektrum von Weltsichten zu tun, die in einer physische Annalyse verpackt sein können. Wenn sich nun ein moderner Geldtheoretiker wie Sie aufschwingt zu sagen, all die physische Betrachtung sei irreführend oder falsch, eröffnet er einen Kampf auf hunderten Fronten. Glauben sie im Ernst ein Marxist stösst das Wertgesetz ab nur weil es Ihnen gelingt die Verschuldungsdynamik zu charakterisieren, die hinter der Verausgabung von Arbeitszeit steht? Oder ein Sraffianer revidiert seine Sichtweise, nur weil das Numeraire von Ihnen als Warengeld kritisiert wird? Ich befürchte, soviel Sympathie ich auch für die moderne Geldtheorie habe, das man umgekehrt vorgehen muss: Man kann nur auf dem vorhanden Wissen aufbauen, es pflegen, es modifizieren und, soweit möglich, in die neue Geldtheorie intergrieren. Und auf diesem Weg wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

        Mit freundlichem Gruss
        Alfred Felsberger

      • Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es ist doch letztendlich so, dass die moderne Geldtheorie, sofern sie ehrlich zu sich ist, gewisse Marxsche „Vermutungen“ bestätigen muss, so vor allem die: der Arbeit als „wertbildende Substanz“. Und genau das, und das spricht für ihre Redlichkeit, haben sie ja auch getan. Nur soll man jetzt auf dem Punkt verharren und sagen: „Zufällig hat ein verwirrter Narr über den Umweg hunderter Irrtümer recht gehabt“, oder soll man die Schnittstelle suchen, die die überraschende Übereinstimmung produziert? Es steht ausser Frage, dass dieser Schnittpunkt die Reproduktionsschemata sind, die ja von Marx ganz offensichtlich in Geldeinheiten formuliert wurden (auch wenn er selbst, ganz verwirrt, das Gegenteil behauptet). Warum nicht diese Reproduktionsschemata heranziehen und sie in die neue Geldtheorie integrieren? Warum nicht versuchen den Prozess der Verschuldung auf dieser Grundlage zu rekonstruieren? Das meine ich, wenn ich sage: Man muss auf dem Vorhanden aufbauen.

        Mit freundlichem Gruss
        Alfred Felsberger

      • Sehr geehrter Herr Felsberger,

        ich habe ja nichts gegen die Vorstellung der Arbeit als wertbildender Substanz, das sind ja alles Dinge, die durchaus diskutiert werden können. Genauso wenig muß man negieren, daß es mit der individualistischen Nutzenlehre bzw. dem Grenznutzen etwas auf sich hat. Den Nutzen – und damit den Wert der dafür aufgewendeten Arbeit – des ersten Bieres an einem warmen Sommertag kann man noch sehr genau gegen den Nutzen des siebenten Bieres einschätzen, wobei in der Retrospektive dann meistens eines davon schlecht gewesen sein muß.🙂

        Das eigentliche zu erklärende Phänomen der Volkswirtschaftslehre wird doch aber davon überhaupt nicht berührt, welches daraus besteht zu ergründen, ob und inwieweit eine Gesellschaft, verstanden als einander nicht persönlich bekannte Individuen, zu einem konsistenten Ganzen finden kann, indem die Aktionen des einen mit den Aktionen des anderen über alle Gesellschaftsmitglieder hinweg konsistent sind. Insofern trifft Ihr Hinweis auf die Reproduktionsschemata durchaus dieses Erkenntnisproblem, weil auch mit deren Hilfe die Konsistenz einzelner Handlungen nachgewiesen/ erzeugt werden soll. Dabei geben soweit ich das überblicke die Reproduktionsschemata lediglich die Bedingungen für ein konsistentes Ergebnis an und beinhalten keinen Mechanismus, wie diese (optimale) Lösung erreicht werden soll. Und daß Marx die Schemata in Geldeinheiten formuliert hatte liegt wohl auch eher daran, daß ihm die Matrixrechnung wie sie Sraffa verwendete, schlichtweg unbekannt war. Doch die Diskussion im Anschluß an Sraffa hat sich letztlich dann totgelaufen als klar wurde, daß nicht nur das Technikwahlproblem kein eindeutiges Ergebnis zuläßt, wie auch auf der anderen Seite klar wurde, daß die Existenz des letzten Freiheitsgrades (Zinssatz, besser Expansionsrate) durch die „Geldseite“ geschlossen werden muß – wofür aber das Sraffa-System explizit keine Grundlage liefert und soweit ich das überblicken kann die Reproduktionsschemata auch nicht.

        Ich halte die Frage nach dem Koordinationssystem noch für viel zu stiefmütterlich behandelt, so daß es mir sinnvoller erscheint eine Lösung für die Koordinationsfrage dort zu suchen, wo sie auch handhabbar ist: im Geldsystem. Da redet man zwar nur über (Geld-) Preise und nicht mehr über Werte, das mag man bedauern. Soweit Sie einen Ansatzpunkt finden mit dem sich dieser Graben überwinden ließe – ich wäre mit Sicherheit daran interessiert.

        Freundliche Grüße

  9. Wenn sie meinen, dass eine Gesellschaft vom Einschmilzen von Werkzeugen leben kann, dann obliegt das ihrer Phantasie. Sollten sie jedoch meinen, dass es immer wieder zu Entscheidungen kommen wird, produzierte Werkzeuge als nutzlos zu erklären, dann haben sie natürlich recht. In der bürgerlichen Gesellschaft erledigt dies bekanntlich der Markt. Doch ändert sich deshalb etwas an der Identität? Immerhin: Man blickt ex post auf die Sache und nicht ex ante. Man kann auch ex ante darauf blicken, nur erfordert das einen „Verein freier Menschen“, der seine Entscheidungen aufeinander abstimmt. Wieso ich ein simples Gesetz wie dieses in Buchhaltungsform formulieren sollte, ist mir nicht zugänglich. Immerhin: Es gibt auch so etwas wie einen Hausverstand.

  10. Sehr geehrte Herr Menendez,

    Ja, die Frage der Koordination aller bleibt unbeantwortet. Weder die Vorstellung einer Markträumung durch Gleichgewichtspreise noch die allgemeinen Kreislaufmodelle vermögen sie zu beantworten. Immerhin verweisen letztere auf die Möglichkeit einer Markträumung, während die ersteren sie doch nur herbeiphantasieren. Alle Kreislaufmodelle vernachlässigen Verschuldung und daher das spezifische Moment des Kreditgeldes. Jedoch lässt sich zeigen, dass Verschuldung bloss ein intertemporaler Vorgang ist, der sich am Ende der Periode bereinigt. Es ist im Zwei-Sektoren-Modell (Unternehmen, Haushalte) immer exakt so viel Schuld im System als auf der Aktivaseite des Unternehmennssektors Investitionsgüter gehalten werden. Normiert man die Lebensdauer der Investitionsgüter auf 1, hebt sich die Verschuldung am Ende der Periode auf. Insofern bilden die Marx`schen Reproduktionsschemata den Zustand am Ende der Periode ab, wenn alle Schuld eliminiert wurde. Man bekommt daher ein gutes Gefühl dafür, was kapitalistische Akkumulation eigentlich bedeutet: Anhäufung von Investitionsgütern, die ein Bewertungs-Mehr darstellen, aber nicht: die Anhäufung von Geld (=Schuld). Geld ist nur das Medium, durch das sich die Aneignung von Produktionsmitteln vollzieht.

    Mit freundlichem Gruss
    Alfred Felsberger

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