Monatsarchiv: August 2013

MMT – 2

LangusteDie zweite Geschichte, die es lohnt anhand der MMT zu besprechen, ist die Frage was als Funktion des Geldes angesehen wird und wie die Integration von Geld in die Ökonomie erfolgen sollte. In dieser Hinsicht bezieht die MMT eine klare Position. Für sie ist Geld als Geschöpf der Rechtsordnung durch den Staat bereitzustellen, indem dieser durch seine Ausgabentätigkeit der Wirtschaft Geld zur Verfügung stellt, welches dann gewissermaßen nach dem „Durchlauf“ durch die Wirtschaft hinterher durch Steuern wieder eingezogen wird. Das kann man als so etwas wie einen Geldkreislauf ansehen, obwohl dieser erheblich von den üblichen konventionellen Vorstellungen abweicht. (An dieser Stelle kommt auch die alberne Austrian Vorstellung zum Vorschein, daß der „Erstverwender“ von Geld – der mit der ’seigniorage‘ – dadurch eine privilegierte Stellung im Wirtschaftsgeflecht einnimmt, indem er kaufen kann ohne zu leisten. Das widerspricht zwar den Funktionsbedingungen des Kreditgeldsystems, aber das kümmert doch MMTler nicht. Die Theorie ist ja, daß das Geld hinterher per Steuern auch wieder eingenommen wird.)

Geld per Seigniorage

Bei dieser Geschichte ist jedoch ein anderer Aspekt wesentlich, denn diese Art der Integration von Geld in die Wirtschaft reflektiert das Verständnis von Geld als Gut und entspricht insofern der ‚mainstream‘-Auffassung von Geld als exogen vorgegebenem Bestand, welcher von den privaten Wirtschaftssubjekten nun vermittels der Banken dann den Unternehmen zur Verfügung gestellt wird. Diese Bestandstheorie ist analog zu dem Konzept der Quantitätstheorie, die ebenso ein exogen vorgegebenes Geldvolumen postuliert, welches dann von den Haushalten auf Konsum und Ersparnis aufgeteilt wird. Das Witzige daran ist, daß sich die MMT damit genau dieselben Probleme mit der Geldmengensteuerung einfängt wie die Standard-Geldtheorie, die auch an dem Problem knabbert, wie durch Angebot und Nachfrage gesteuert ein gewünschter Zins sich einstellt und wie das Geldvolumen so gesteuert werden kann, daß die Wirtschaftssubjekte auch bereit sind dieses Geldvolumen auch in ihrem Portefeuille zu halten. Man muß es an dieser Stelle mal betonen: diese Probleme gibt es nur bei Geldtheorien, die von einer exogen bestimmten Geldmenge ausgehen. Daß MMTler das nie zugeben werden versteht sich fast von selbst.

Interessant dabei ist, daß die Frage der Steuerung der Geldmenge an einer ganz anderen Stelle festgemacht wird als in der Standardtheorie, wo die optimale Geldmenge durch die Bestandshalteentscheidungen der Individuen bzw. durch deren Wirkungen auf das Preisniveau bestimmt wird. In der Sichtweise der MMT ist die optimale Geldmenge dann erreicht, wenn alle Produktionsfaktoren (weitgehend) vollbeschäftigt sind. Damit wird eine Vollbeschäftigungspolitik formuliert, die offenbar gegen die monetaristische Version der Phillips-Kurve gerichtet ist, womit gleichzeitig die Verantwortung des Staates für Vollbeschäftigung reaktiviert wird. Das mag man als Beitrag für eine aktive Arbeitsmarktpolitik durchaus begrüßen, allerdings werden dadurch die Wirkungen auf die Entwicklung der monetären Bestandsgrößen weitgehend ausgeblendet, deren Nachhaltigkeit (oder eben nicht) unmittelbar die Frage berührt, inwieweit ein derartiges Regime auch eine nachhaltige Vermögenssicherungsqualität der Währung garantieren kann – eine Frage, der man in Bezug auf den US-Dollar einfach ausweichen kann, weil dessen Stellung als Weltwährung derzeit derartige Fragen überflüssig macht.

Im Grunde genommen wird durch eine derartige Sichtweise das Finanzierungsproblem des Staates auf eine naive Art einfach umgedreht, da nicht mehr die Einnahmen des Staates die Ausgaben bestimmen, sondern die Ausgaben die Einnahmen, wobei wohl die Vorstellung vorherrscht, daß man nichts einnehmen kann, was vorher nicht ausgegeben wurde. Diese Sichtweise hat schon einen gewissen Appeal, weil sie genau die Logik beschreibt, welche bei Unternehmen vorliegt, die Unternehmen ihre Umsätze erst dadurch erzeugen, daß sie Kosten aufwenden, die sie dann im Umsatzprozeß wieder einspielen wollen. Das entspricht der Weisheit von Henry Ford bzw. dessen Bonmot: Autos kaufen keine Autos! Die Frage die dabei offenbleibt ist, inwieweit der Gleichlauf von Ausgaben des Staates mit den entsprechenden Einnahmen – den Steuern – stets gewährleistet werden kann  und das auch noch vor dem Hintergrund, daß die Ausgaben des Staates durch sein Steueraufkommen nicht restringiert sein sollen. Nun ja, der Glaube trägt weit! (Vielleicht sollte jemand auch mal den MMTlern erklären, daß ein Staat kein Produktionsunternehmen ist, auch wenn Heerscharen von Ökonomen nicht müde werden zu erklären, wie bedeutend doch die „Investitionen“ des Staates seien. Daß Staatsausgaben für jedes Gemeinwesen wichtig sind, steht nicht in Frage; daß sie genauso finanziert werden können wie private Investitionen ist jedoch mehr als fraglich.)

Damit diese Geschichte nicht ganz so im Regen stehenbleibt hier auch noch die Konstruktion, wie Geld in einem Kreditgeldkapitalismus in Erscheinung tritt.

Geld per Bankkredit

Denn soweit Geld ein Ausdruck sozialer Beziehungen ist, wird die Frage akut, aus welchem Grund Geld als attraktives Medium für die Entlohnung einerseits und die (zumindest temporäre) Wertaufbewahrung andererseits von den Wirtschaftssubjekten gehalten wird – und zwar in dem Sinne, daß die betreffende Währung eine „Realwertsicherung“ hinsichtlich der Preisentwicklung in der Zukunft erlaubt. Das funktioniert dann, wenn Unternehmen Investitionen durch die Vermittlung von Banken finanzieren, womit gleichzeitig durch den daraufhin entstehenden Schuldendruck von den Unternehmen ein reales Leistungsangebot entsteht, welches dazu führt, daß das investierte Geldvolumen, welches ja bei den Haushalten als Einkommen anfällt, für diese die Möglichkeit eröffnet, für Geld etwas Reales kaufen zu können. Dieser simple Mechanismus bewirkt auch, daß Geld in keiner Weise eines Eigenwertes bedarf, weil schon die abstrakte Rückzahlungsverpflichtung der Unternehmen Geld zu einem begehrten Wirtschaftsobjekt macht – und das ohne die Auflage einer staatlichen Stelle Geld zwangsweise als Kompensation für die Übertragung einer realen Ware annehmen zu müssen.

Das Witzige dabei ist, daß Banken, die i.d.R. über Geld ohne eine realwirtschaftliche Leistung verfügen können, durchaus nicht daran interessiert sind, ob der Realwert der Geldeinheit Schwankungen unterliegt oder nicht. Das liegt daran, daß sie letztlich eine genuin nominale Rechnung pflegen und somit für sie realwirtschaftliche Sachverhalte, wie sie beispielsweise in der „Grenzproduktivität“ von Realkapital von der Standard-VWL formuliert wird, überhaupt keine Rolle spielen. Darüberhinaus ist noch erwähnenswert, daß ein Kreditgeldsystem Sparer deswegen nicht braucht, weil der Prozeß der Kredittilgung durch Sparen höchstens behindert wird – was allerdings abhängig von der jeweiligen konjunkturellen Situation ist, ein dynamisches Problem, was bei der Besprechung von Theorie wie der MMT sowieso nicht angesagt ist.

Das ist wahrscheinlich die bitterste Pille für die orthodoxe Wirtschaftstheorie, daß nämlich die gepflegten Realwertkonzepte innerhalb der Funktionsbedingungen des gegenwärtigen Kreditgeldkapitalismus überhaupt keine Rolle mehr spielen. Wie heißt es doch so schön? Im Kapitalismus kennt man den Preis von allem und den Wert von nichts! Klingt nicht schön, bleibt aber so und wird auch nicht mehr geändert. Träumen darf man dennoch.

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MMT – 1

duckiesVor einiger Zeit habe ich eine Zuschrift eines interessierten Lesers erhalten, wo er anmerkt, daß in diesem Blog bisher keine Behandlung der MMT („modern“ monetary theory) erfolgt sei. Ich möchte mich erst mal dafür bedanken und mal versuchen dazu ein paar Gedanken und auch Vorbehalte dazu zu entwickeln.

Eines der Probleme die ich damit habe ist der Umstand, daß Vertreter dieser Theorie von sich selbst behaupten ohnehin keine geschlossene Theorie zu vertreten, wahrscheinlich weil es an einem spezifischen Leitgedanken mangelt auf den die Aussagen der MMT einheitlich zurückgeführt werden könnten. So ist bei der Neoklassik die soziale Grundfigur der Tausch von Hirsch und Biber, woraus sich sukzessive über das System von Walras die allgemeine Gleichgewichtstheorie entwickelt hat, die interessanterweise bis heute die Grundlage für die Theorie der Marktwirtschaft geblieben ist, ohne daß die der Marktwirtschaft zugeschriebenen Eigenschaften aus ihr ableitbar wären.

Dieses tauschtheoretische Grundmuster findet sich bis zum heutigen Tage insbesondere in der herrschenden Geldtheorie wieder, indem immer noch steif und fest von höchsten Stellen behauptet wird, daß eine der wesentlichsten Funktionen des Geldes die des Tauschmittels sei. Das ist etwa so als würde man behaupten, daß die Funktion von Strom der Antrieb eines Motors sei, dabei ist dem Strom der Motor herzlich egal, weil nur die Randeigenschaft des Stromes, die Induktion, den entscheidenden Nebeneffekt darstellt, welcher genutzt werden kann einen Motor anzutreiben. In ähnlicher Weise argumentiere ich hier, daß Geld nur dann seine „Nebenwirkung“ entfalten kann, wenn es seine Funktion erfüllen kann eine Geldschuld zu tilgen. Daß auf einer weiteren Ebene dann auch eine Gegenleistung erfolgt ist zwar unmittelbar ersichtlich, läßt sich aber aus der Zahlung selbst nicht erkennen, weil man einer Zahlung als solche nicht ansehen kann, ob sie für drei Brötchen oder einen Nagellackentferner erfolgt. Denn die Motivation des Verkäufers liegt nicht in einer Nutzung der Ware, sondern in der monetären Verwertung seiner Ware, wobei ihm die Verwendung völlig egal ist, denn eine Reflektion über das, was man mit seiner Ware alles anstellen kann, ist nicht die Motivation für sein Verkaufsangebot.

Aber lassen wir mal einen Abschnitt der zugesandten Darstellung über die MMT zu Worte kommen:

„Wenn man Geld für ein öffentliches Gut oder für ein Gemeinschaftsgut hält, das dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen hat und nicht der privaten Bereicherung, dann wird man früher oder später bei der staatlichen Theorie des Geldes landen; diese wurde bereits vor 100 Jahren in Deutschland gelehrt, und nach dieser Theorie hat das fiat money keinen eigenen Wert an und in sich, es wird aus dem Nichts geschöpft. Dieser Ansatz der Chartalisten wurde von Modern Monetary Theory (MMT) unter Berücksichtigung der Einsichten von Keynes, Lerner, Minsky u.a. weiterentwickelt und ergänzt um das Konzept von Jobgarantie und Vollbeschäftigung. Die Jobgarantie ersetzt dabei die Arbeitslosigkeit als Puffer (Reservearmee): vom Staat werden alle ansonsten Arbeitslosen zu einem Mindestlohn eingestellt, und zwar unbefristet; wenn dann die Wirtschaft in Gang kommt und wegen der Produktionsausweitung zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden sollen, dann müssen die vom Puffer (den Arbeitskräften mit Jobgarantie) zu einem gleich hohen oder höheren Lohn abgeworben werden. Finanzierungsschwierigkeiten kennt der Staat nicht, der sein eigenes Geld herausgibt und damit Waren und Dienstleistungen einkauft.Hierzulande werden die Beiträge von Autoren wie B. Mitchell, R. Wray, W. Mosler, S. Kelton, P. Tcherneva, J. Galbraith u.a. nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn ernsthaft diskutiert; man kennt auch nicht die in den USA geführte Auseinandersetzung zwischen deficit hawks, deficit doves und deficit owls, d.h. Falken, Tauben und Eulen: eigentlich seltsam angesichts der seit Jahren andauernden Banken- und Finanzkrise und der bislang vergeblichen Therapiebemühungen von Mainstreamökonomen.“

Die MMT beruht also auf dem Chartalismus von Knapp, dessen Grundthese daraus besteht, daß Geld von den Wirtschaftssubjekten deswegen für Tauschprozesse verwendet wird, weil sie Geld für die Zahlung von Steuern benötigen, die seitens des Staates erhoben werden. Es handelt sich dabei also um ein Rechtskonstrukt, welches den Wirtschaftssubjekten zwangsweise auferlegt wird und Geld deswegen „erwirtschaftet“ werden muß, um die fälligen Steuern zahlen zu können.

Im Vergleich zu der sozialen Handlung Tausch ist diese Vorstellung nicht auf einer freiwilligen Interaktion von Individuen gegründet, sondern auf einer aufoktroyierten Bestimmung, deren Stabilität sich nicht aus freiwilligen Handlungen ableitet. Das muß nicht von vornherein falsch sein, weil die Verwendung von Geld sich als eine erfolgreiche Sozialtechnologie bewährt hat, die aus modernen Gesellschaften nicht mehr weggedacht werden kann. Inwieweit es jedoch erfolgreich ist, allein aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift die Etablierung eines attraktiven Geldes bewerkstelligen zu können bleibt hinsichtlich der möglichen Ausweichreaktionen der Wirtschaftssubjekte allerdings fraglich. Insbesondere ist dadurch nicht klar, inwieweit dieses Geld eine Vermögenssicherungsqualität aufweist, welche die Individuen dazu bringt, dieses Geld auch zum Zweck der Vermögensbildung zu verwenden. Dieser Frage weichen die MMTler weitgehend aus, auch wenn gelegentlich von ihnen betont wird, daß diese Frage derzeit für die USA keine bedeutende Rolle spielt. (Man bekommt auch immer wieder den Eindruck, daß die Behandlung geldtheoretischer Fragen von der MMT wesentlich von der spezifischen Situation in den USA abhängt, weil beispielsweise die Frage des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts für die MMT allenfalls eine Nebenrolle spielt. Dies hängt aber mit der Stellung des Dollars als – im Abstieg begriffene – Weltreservewährung zusammen und kann nicht so einfach auf andere Staaten übertragen werden – eine Geschichte, die wohl auch die MMT auf US-Verhältnisse beschränken dürfte.)

Man kann schon bei dieser oberflächlichen Darstellung der MMT die Vermutung hegen, daß das Insistieren der MMT-Vertreter auf der monetären Allmacht des Staates darin begründet ist, daß sie sich kaum darüber Gedanken machen, aus welchen Gründen Individuen miteinander kooperieren und deswegen die Frage der Regelung von Schuldbeziehungen sich für sie einfach als Ausfluß staatlicher Regelsetzung darstellt. Das wird wohl damit zu tun haben, daß MMTler die Quantitätstheorie als ihren Hauptgegner ausmachen, weil die Speerspitze ihrer Argumentation sich dagegen wendet, einen Konnex zwischen der (wie auch immer definierten) Geldmenge und dem realen Sozialprodukt herzustellen, was auch immer wieder dann deutlich wird, wenn sie erkennbar die Sachfrage hinsichtlich der inflationären Wirkungen von Staatsausgaben lediglich mit spitzen Fingern anfassen. (Daß Inflation kein genuin geldtheoretisches Thema, sondern eines der Interaktion von Geld- und Gütersphäre darstellt, steht auf einem anderen Blatt.)

Eine letzte Vorbemerkung an dieser Stelle betrifft die Qualität des chartalistischen Konzepts hinsichtlich des von der ‚mainstream‘-Ökonomie stets als heilig vorgestellten Postulats, daß Ökonomie auf jeden Fall aus Optimierungsprozessen von Individuen ableitbar sein muß. Die Ignoranz des ‚mainstream‘ der MMT gegenüber wird darin zu verorten sein, daß eine staatliche Anordnung nicht aus privatwirtschaftlichen Optimierungsprozessen ableitbar ist und damit das heilige ökonomische Postulat des methodologischen Individualismus verletzt wird. Nun ist ja der methodologische Individualismus nicht das ultimative ’nonplusultra‘ der Epistemologie. Daß jedoch die MMT sich völlig über die Frage hinwegsetzt, welche sozialen Prozesse ökonomische Phänomene wie eben das Geld zu erklären in der Lage sind, wird ihr wohl letztlich lediglich die Perspektive einer vorübergehenden Episode im ökonomietheoretischen Panoptikum eröffnen.

…to be continued…

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Risikorückstellungen – eine ungeliebte Notwendigkeit

succsessfeeMan lebt ja von der Successfee des Vertragsabschlusses und nicht von der Erfüllung des Vertrages.

Eine herrliche Formulierung, die mich dazu bringt laut darüber nachzudenken, warum es in der heutigen Bankenlandschaft offenbar keine Möglichkeit gibt Banken dazu zu bringen auf eine nachhaltige Art und Weise zu operieren. Dabei ist erst mal das Kriterium fraglich, was Nachhaltigkeit in der Führung eines Bankbetriebes ausmachen soll.

Daß Nachhaltigkeit hier natürlich nicht bedeutet, daß es um ökologische Fragen geht, soll ausdrücklich von vornherein betont werden, weil ein Ausufern der Diskussion auf ‚peak‘-xyz sofort von dem eigentlichen Problemkern ablenken würde – mal abgesehen davon gibt es für dieses Thema genügend Spielwiesen, wo man sich in diesem Sinne austoben kann. Demgegenüber ist Nachhaltigkeit im Sinne einer Dauerhaftigkeit von Finanzbeziehungen eine Angelegenheit, die ältere Bankiers noch kennen werden, eine Sache, die den heutigen Bankern als unwesentlicher Schnee von gestern vorkommen wird.

Fragt man sich also an welcher Stelle die Bankiers zu Bankern mutierten, so kann man vermuten, daß es mit dem Aufkommen der Technik der Verbriefung mit der früher gepflegten Nachhaltigkeit der Geschäftsbeziehungen zu Ende gegangen ist. Denn Verbriefung ist letzten Endes ein Begriff dafür, daß eine Kreditbeziehung zwischen zwei Vertragsparteien einseitig durch den Kreditgeber aufgelöst werden kann, in dem Sinne, daß der ursprüngliche Kreditgeber aus seiner Verantwortung für die Krediterteilung entlassen wird und dafür der (ABS/Wertpapier-) Kreditkäufer sowohl Risiko als auch die möglichen Erträge aus der ursprünglichen Kreditbeziehung übernimmt.

An dieser Stelle kommt das eingangs angeführte Zitat zum Tragen. Denn solange Kredite an Kreditübernehmer abgegeben werden können, ist es mit der Motivation, eine Geschäftsbeziehung auch bis zu ihrem (hoffentlich) erfolgreichen Ende zu führen, auf einmal vorbei. Der Hänger an der Sache ist, daß Banken genau aus diesem Grund ihre Risikorückstellungen nach ihrem eigenen Gutdünken gestalten und aus naheliegenden Gründen keine Lust haben über eine minimale Vorsorge hinaus eine angemessene Risikovorsorge zu betreiben.

Woran liegt das?

Im Grunde genommen ist das Kreditieren von Geld eine Angelegenheit, die zusehen muß, daß dabei kein Vermögensschaden entsteht, der dazu führt, daß Zinseinnahmen mit Verlusten aus Kreditabschreibungen aufgerechnet werden müssen. Sobald man das einmal realisiert hat ist es nur noch ein kurzer Schritt festzustellen, daß Banken die Risikoanteile aus den Zinseinnahmen als Rückstellungen solange passivieren müßten, bis diese (zusammen mit den Tilgungszahlungen) die Höhe des ausstehenden Betrages erreicht haben. Erst an diesem Punkt sollte es erlaubt sein die dann folgenden Zins- und Tilgungszahlungen gewinnwirksam buchen zu können. (Ja, auch Tilgungszahlungen würden dann teilweise gewinnerhöhend sein. Warum? Weil das Geschäft erst dann effektiv Gewinne abwirft! Das kann bei 30-jährigen Immobilienkrediten dann schon mal 15 Jahre dauern!)

Auf diese Weise würde auch der Vermögensschaden aus einer notwendigen Kreditabschreibung erheblich gemindert, weil in diesem Fall der Risikoanteil der Zinsen tatsächlich! zu dem Zweck verwendet werden würde, für den er eigentlich vorgesehen ist, nämlich als Kompensation für eingetretene Verluste. Worüber man sich natürlich noch Gedanken machen könnte und müßte ist die Frage, wie der (virtuelle) Schaden aus dem entgangenen Ertrag zwischen der Bank und dem Schuldner aufgeteilt werden soll – auf jeden Fall ist ein derartiges Arrangement sowohl für die Bank als auch für den Schuldner eine Verbesserung in mehrfacher Hinsicht:

Der Schuldner hat für den Ertragsausfall durchaus einzustehen – die Mitverantwortung der Bank für ihren Ertragsausfall läßt jedoch den ausstehenden Kredithauptbetrag deutlich schrumpfen und verhindert gelegentlich sogar, daß die außerordentliche Beendigung des Kreditvertrages zu einer langjährigen Angelegenheit wird.

Die Bank hat auf eine langfristige Funktionsfähigkeit des Kreditverhältnisses zu achten, was es ihr verbietet, den bloßen Abschluß eines Kreditgeschäftes bereits als erfolgswirksam zu behandeln. Um die Einhaltung dieses Prinzips zu gewährleisten müßte in Verbriefungsgeschäfte eine Restitutionsklausel eingefügt werden, die es dem Käufer eines z.B. ABS erlaubt dieses dem ursprünglichen „Aussteller“ dieser Kreditforderung wieder rückübertragen zu können. Wer dabei an die Funktionsbedingungen eines Wechsels denkt, denkt richtig!

Der Effekt einer derartigen Konstruktion ist auch der, daß automatisch aufgrund eines Kredites diejenige Eigenkapitalposition gebildet wird, die von vielen Seiten für das Banksystem immer wieder angemahnt wird. Wenn man so will wird damit ein risikobedingter (kreditbedingter) Eigenkapitalpuffer erzeugt, der es unnötig macht, die Grundkapitalgeber dazu zu verdonnern für einen angemessenen Risikopuffer zu sorgen. Der Grund dafür ist, daß die Risikorückstellungen sofort aus den laufenden Einzahlungen gebildet werden müssen und nicht gleich für Ausschüttungen und Boni verwendet werden können. Das ist deswegen sinnvoll, weil ein Risikopuffer aus Grundkapital lediglich einen Bestand darstellt, der aufgrund seiner Natur nur einen begrenzten Risikoschutz bieten kann. Denn ist der (begrenzte) Bestand aufgebraucht geht die Suche nach dem ‚bailout‘ immer in Richtung Staat, wo sie überhaupt nicht hingehört!

Daß damit das Bankgeschäft auf einmal eine langfristige Note bekommt ist nicht schädlich, sondern intentional gewollt und verweist eher darauf, daß es ziemlich schwachsinnig ist, sich alle drei Monate darum zu kümmern, wie es mit dem aktuellen Vermögensstatus einer Bank aussieht – Jahresberichte reichen allemal! (Man könnte durchaus auf die Idee kommen, daß Quartalsberichte nur dazu da sind, um Forderungen nach Boni frühzeitig motivieren zu können.) Man muß sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, daß Banken, die mit vieljährigen Kontrakten hantieren sich alle drei Monate damit beschäftigen für ihre Geschäftssituation eine neue Legende zu erfinden. Sinnvoll ist was anderes!

Wenn man das regulierungsbedingte! (und steuerbedingte) Verschuldungsproblem irgendwann mal auf die Reihe bekommen will geht kein Weg daran vorbei Banken dazu zu zwingen den wahren (sic!)  Risikoanteil an den erhobenen Zinsen als Rückstellung zu buchen, weil sie diese Risikoabsicherung in diesem Ausmaß niemals freiwillig, und wenn, dann nur nachträglich (gezwungenermaßen)  umsetzen werden. Gesund wäre es allemal! Das was derzeit als Risikorückstellung von den Banken angesetzt wird ist mit der Bezeichnung „lächerlich“ noch viel zu zart ausgedrückt!

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