Breuer über „Großvaters Wirtschaftssystem“

RoseneckWenn ein ehemaliger Vorstandschef der Deutschen Bank darüber sinniert, ob die Entscheidung das Investment-Geschäft auszubauen richtig war, darf man durchaus aufmerksam werden. Das kann man nun auf mehrere Arten interpretieren. Einmal könnte es sein, daß damit die Einsicht verknüpft ist, daß das Engagement in das Investment-Banking zu einer nicht mehr überschaubaren Risikoposition geführt hat, deren Folgen hinsichtlich der nachhaltigen Existenz der Bank nicht abschätzbar und damit geeignet sind die Stellung der Deutschen Bank langfristig zu gefährden. Es könnte auch sein, daß damit ein Aufruf verbunden ist das Hauptgeschäft der Deutschen Bank erneut auf eine reale Grundlage zu stellen, indem die Geschäftsfelder wieder in eher konventionellen Branchen gesucht werden sollen, die auch schon vorher zu ordentlichen Gewinnen geführt haben.

Der Hinweis, daß die Ausrichtung der Bank auf die Interessen der Aktionäre bei dieser Entwicklung eine eher unheilvolle Rolle gespielt habe, läßt sich durchaus aus den Aussagen von Breuer herauslesen. Und die Folgen, die dieser Herdentrieb verursacht hat, sind anhand der gegenwärtigen Diskussion um die Stabilisierung des Bankensystems unschwer feststellbar.

Nun muß man Breuer nicht unterstellen, daß er einer grundlegenden Änderung des Bankgeschäftes das Wort redet, dennoch sind seine Ausführungen in gewisser Weise richtungweisend. Denn der Hinweis auf die desaströse Rolle, welche die Erwartungshaltung der Aktionäre verursacht hat, bietet durchaus einen Fingerzeig, wo eine angemessene Stellung von Banken im Wirtschaftsgeflecht zu verorten wäre.

Man könnte nämlich den Hinweis auf die kontraproduktive Rolle von Aktionären auch dahingehend interpretieren, daß das Bankgeschäft durch zwei gekoppelte Vorstellungen in eine falsche Richtung gedrängt wird. Dabei handelt es sich einmal um die Vorstellung, daß Banken privatwirtschaftlich organisiert sein müßten und damit privaten Geldanlageinteressen zu dienen hätten. Jeder Bankier der früheren Generation weiß, daß Banken eine gesellschaftliche Funktion besitzen, die sich nicht auf die Interessen von Aktionären bzw. Geldbesitzern reduzieren lassen.

Zum Anderen kann daraus auch die Erkenntnis herausgelesen werden, daß in gleicher Weise die Vorstellung, daß Banken die Geldvermögen von Sparern zu pflegen hätten, einer Revision bedarf. Denn man kann sich nur schlecht vorstellen, daß ein Vorstandsvorsitzender einer weltweit operierenden Bank sich davon abhängig macht, ob irgendwelche Einleger gerade gewillt sind ihre Kröten etwas langfristiger anzulegen als sonst üblich.

Das weist aber den interessanten Aspekt auf, der darauf hinweist, daß Geld nicht aus einer Spartätigkeit entsteht, sondern aus Geschäften einer Bank mit der jeweiligen Zentralbank. Denn dieses „Material“ wird dann durch die Geschäfte einer Bank ökonomisiert, indem es für Kreditvergabe verwendet wird und so (hoffentlich) zu einem positiven Ertrag führt. Man kann die Einlassungen von Breuer durchaus dahingehend interpretieren, daß damit einer Emanzipation das Wort geredet wird, die darauf abzielt das Bankgeschäft von der Rücksicht auf Aktionäre und Sparerinteressen zu befreien.

Nun muß man diese Stoßrichtung nicht als selbstlosen Zweck begreifen. Dennoch sind in einer derartigen Position Erkenntnisse zu entdecken, die für eine veränderte Ausrichtung des Bankgeschäftes sinnvoll nutzbar sind. Denn kein Mensch kann begründen, warum die Verfügung über Geld, welches nicht aus einem Produktionsprozeß sondern durch Emission entsteht, an das Wohl und Wehe der Befindlichkeiten von Geldbesitzern gekoppelt sein muß. (Auch Gewinne entstehen nicht deswegen, weil jemand effektiv produziert ein weitverbreiteter Irrtum.)

Damit einher geht auch eine Abkehr von der Vorstellung, daß monetäre Ersparnisse die Grundlage für eine erfolgreiche Konjunktursteuerung seien, eine Vorstellung, die nachdrücklich von der herrschenden Wirtschaftstheorie nahegelegt wird – ein folgenschwerer Irrtum, dessen Auswirkung sich insbesondere in der planlosen Behandlung der gegenwärtigen Finanzkrise zeigt. Denn die Vorstellung, daß Ersparnisse Kredit erzeugen könnten ignoriert, daß Ersparnisse gerade erst durch Kredit erzeugt werden, womit von vornherein das Pferd von hinten aufgezäumt wird.

Falls also Breuer tatsächlich von einer Emanzipation der Banken von den Geldanlegern gesprochen hat ist ihm anscheinend eine Einsicht in die Funktionsbedingungen des Kreditgeldkapitalismus gelungen, deren Bedeutung nicht überschätzt werden kann.

Und damit Breuer nicht im Regen stehenbleibt, kann man ja auch noch mal Herrhausen (1982/83) zitieren:

„Ich wähle deshalb eine rein theoretische, nicht eine ideologische Ausgangsposition für die Betrachtung wirtschaftspolitischer Strategien. Solche Strategien müssen sich ableiten von dem, was man als die Aufgabe der Wirtschaft versteht. Und ich denke, daß jede Wirtschaft, gleichgültig ob sie in einer kapitalistischen, sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaftsordnung angesiedelt ist, drei Hauptaufgaben zu erfüllen hat und daß ihre Effizienz daran gemessen werden kann, wie gut sie das tut.

Diese drei Hauptaufgaben sind: Allokation, Produktion, Distribution oder, um die Fachsprache ins Alltagsdeutsche zu übersetzen: Aufbau und Anordnung von industriellen und gewerblichen Kapazitäten, Einsatz und Beschäftigung dieser Kapazitäten, Verteilung der Beschäftigungsergebnisse.

Es geht in jeglicher Volkswirtschaft darum, möglichst solide Grundlagen zu schaffen, auf denen Güter und Dienste erzeugt werden, und diese Güter und Dienste dann denjenigen, die an dieser Wirtschaft als Verbraucher und/oder Erzeuger teilnehmen, zukommen zu lassen.“

4 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Ordnungspolitik, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftstheorie

4 Antworten zu “Breuer über „Großvaters Wirtschaftssystem“

  1. Reblogged this on he23@area23 and commented:
    Wir brauchen Banken, aber brauchen wir Bankaktionäre?

  2. Frankie Bernankie

    Doch wohin dann mit den Sparüberschüssen? Wer soll sich darum kümmern und sie pflegen, wenn sie bankenfern aufbewahrt werden sollen? Ich interpretiere Deine Einlassung dahingehend , dass die Ersparnisse also mehr z.B. über die Assekuranz-Sphäre verwaltet werden sollen.

    • Die Sache mit den Forderungsüberschüssen ist nicht so einfach zu erklären, weil man sich dabei ja immer in einem (Argumentations-) Raum befindet, wo auch die entsprechenden Verbindlichkeitsüberschüsse gleichermaßen existieren. Nun kann man natürlich sagen, daß aufgrund der hohen Investitionstätigkeit der Unternehmen sich bei den Haushalten das entsprechende positive Nettogeldvermögen bildet, welches – zumindest nach Ansicht der herrschenden Wirtschaftstheorie – zinstragend angelegt werden sollte.

      Das ist aber keineswegs die einzige Form der Vermögenshaltung. Denn soweit man davon ausgeht, daß die Unternehmen einen konstanten oder wachsenden Realkapitalstock benötigen, den sie ja wiederum über Verbindlichkeiten finanziert haben (müssen), läßt sich dieser Teil der Fremdfinanzierung durch die Emission von Aktien ersetzen, so daß im Idealfall die Haushalte statt Geldforderungen zu halten nunmehr Eigentumsrechte an Unternehmen erwerben. Durch einen solchen Ablauf verschwindet das (positive sowie negative) Geldvermögen und erzeugt immerhin eine weniger schuldenlastige Finanzierungsrelation hinsichtlich der relativen Anteile von Eigen- und Fremdkapital.

      In ähnlicher Weise ist dies in obiger Seite „Schulden“ angesprochen, wo auch auf einen der wesentlichen Gründe eingegangen wird, warum es (aus individueller Perspektive) „rentabler“ ist Unternehmen eher mit Fremdkapital zu finanzieren, als mit Eigenkapital. Es hängt schon vieles miteinander zusammen…

  3. Frankie Bernankie

    Meine Überzeugung ist, dass es ein funktionierenden „Realkapitalstockmarkt“ (vulgo Börse ) nur geben kann, wenn es auch genug Ausweichmöglichkeiten dazu gibt. Das Renditestreben des Geldhabers mag hoch sein, genauso hoch ( wenn nicht sogar höher ) ist sein Liquiditätsbedürfnis. Um dies befriedigen zu können, muss es einfach mehr Spären der Anlagemöglichkeiten geben, die man so einfach wie möglich zu betreten wie auch wieder zu verlassen in der Lage ist. Viele – die meisten! – Sparer sind überhaupt nicht scharf darauf, Eigentumsrechte an Unternehmen zu erwerben. Manchmal ja schon, manchesmal auch mehr , wenn die Mode es gebietet, aber die Mehrzahl ist durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Marktgeschehen, dem das Unternehmen ausgesetzt ist, eher überfordert und wird abgeschreckt, behaupte ich mal. Die allermeisten Leute sind nicht geschaffen zum „Investor“, die wollen das nicht. Eigentlich wünschen sie für die Verwaltung ihrer Forderüberschüsse eine durch vielerlei Schichten von Finanzintermedienschaft erzeugte Abstraktion vom Marktgeschehen, die sie auch gerne mit entsprechenden Disagio von der bestmöglichen Rendite bezahlen. Zumindest die Illusion soll gewahrt bleiben, das man von den rauhwindigen Märkten einigermassen unbehelligt bleiben kann. Wie gesagt, Börse ist wunderbar, wenn man sie auch wieder schnell verlassen kann.

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