Paradigmatische Aspekte von I und S

puppi0Heiner Flassbeck hat einen Aufruf gestartet das Rätsel von Sparen und Investieren noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Ich bin mit dem folgenden Beitrag insofern diesem Aufruf zwar insofern nicht gefolgt, als ich auf die außenwirtschaftlichen Aspekte an dieser Stelle nicht eingehe. Aus grundsätzlicher Perspektive habe ich mir die Ausführungen jedoch unter die Lupe genommen und denke, daß eine umfassende Antwort auf das ’savings conundrum‘ (mindestens) drei Bereiche umfassen müßte.

1. Real vs. Monetär

Die Behandlung des I = S Themas kann nicht davon getrennt werden, daß es sich hierbei um zwei Denkrichtungen handelt, von denen die eine in einer ausformulierten Version vorliegt. Die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts kann im Grunde genommen als die Basis der Neoklassik verstanden werden, da sich alle Argumente hinsichtlich dieses Problemkreises auf die darin enthaltene Logik der relativen Preise beziehen. Legt man dieses Weltbild zugrunde sind alle widersinnig erscheinenden Thesen der Neoklassik logisch ableitbar, was dann zu den von Ihnen angemerkten widersinnigen Resultaten eines Mayer führt. Der Punkt den ich damit herausstellen will ist, daß es keinen Erfolg versprechen kann mit modellimmanenten Argumentationen gegen Vertreter dieser Theorie vorzugehen, weil denen stets der Rückhalt eines konsistenten Denkmusters zur Verfügung steht.

Das führt dazu konstatieren zu müssen, daß es ein derartiges vergleichbar konsistentes Denkmuster auf Seiten der Kritiker des ‚mainstream‘ nicht gibt, auch wenn einige Ansätze durchaus eine hohe Qualität aufweisen. Das macht es naturgemäß schwierig gegen die Orthodoxie einen Fuß auf die Erde zu bekommen. Dennoch ist es nicht aussichtslos zu einer (Kredit-) Geldtheorie zu kommen, welche eine vergleichbar konsistente Ordnung aufweist, um damit der Neoklassik etwas Ebenbürtiges entgegenzustellen.

Das führt mich schon zu Punkt

2. Begriff der Investition

Der Investitionsbegriff der Neoklassik ist real orientiert, so daß man stets im Kopf behalten muß, daß damit keine monetären Ausgaben verbunden sind. Das wird dadurch überlagert, daß üblicherweise von monetären Größen gesprochen wird, obwohl sich eine derartige Argumentation aufgrund der realen Grundkonzeption der Neoklassik eigentlich verbietet. Das wird immer wieder dann deutlich, wenn Kritik an der Neoklassik geübt wird und deren Vertreter dann immer wieder darauf zurückgreifen müssen, daß es ja eigentlich nicht das Geld sei, welches eine Investition ausmachen würde. Die Mimikry der Neoklassik, über Geld zu reden aber gleichzeitig reale Güter zu meinen ist manchmal schwer zu durchschauen, so daß sich die Kritik gelegentlich davon irritieren läßt.

Dabei wird doch gerade für den deutschen Sprachraum nahegelegt, daß Investition als eine monetäre Angelegenheit zu behandeln ist. Denn man kann das Diktum von Kruschwitz: „Eine Investition ist eine Zahlungsreihe, die mit einer Auszahlung anfängt.“ durchaus ernst nehmen, indem man es zum Ausgangspunkt einer Geldtheorie macht, die sich nicht mehr von dem Realanspruch (principles) der Neoklassik beeindrucken lassen muß.

Letzteres hat aber bereits Auswirkungen auf den Investitionsbegriff bzw. auf den Begriff der Ersparnis. Denn Investition als Ausgabe (Auszahlung) zum Kauf von Produktionsfaktoren erzeugt automatisch Einkommen, so daß man als Status der Einkommenschaffung konstatieren muß: 1000€ Kredit aufgenommen, 1000€ Einkommen und gleichzeitig 1000€ Ersparnis geschaffen. Der Punkt dabei ist: solange der Kredit nicht getilgt wird/ ist, bleiben die dadurch erschaffenen Nettogeldvermögen erhalten und verteilen sich allenfalls von den Einkommensempfängern zu den Unternehmen.

Wenn man das aber auf diese Weise zu sehen gewillt ist, gewinnt die Keynes-Formel auf einmal einen anderen Stellenwert, so daß es dann nicht mehr

Q = I – S

heißt, sondern

I = Q + S

was letztlich anzeigt, daß das durch den Kredit geschaffene Nettogeldvermögen sich letzlich entweder bei den Haushalten oder den Unternehmen wiederfinden muß. Das Entscheidende dabei ist, daß sich die Summe Q + S solange nicht ändern kann, wie sich die Größe I nicht ändert, was nichts anderes bedeutet, als daß man durch noch so häufiges Ausgeben (flows) die Bestandsgröße Geldvermögen (stock) nicht reduzieren kann.

Ein derartiger Begriff der Investition grenzt sich jedoch von vornherein von einem Investitionsbegriff ab, der den Wert des Realkapitals zum Inhalt hat. Die Konsequenz dieser geldtheoretischen Interpretation ist, daß im Rahmen einer Geldwirtschaft Investition und Ersparnis nicht mehr simultan aus den preisgesteuerten Entscheidungen von Unternehmen und Haushalten entstehen, sondern aus Entscheidungen darüber ein Kreditverhältnis (dem im Nachgang die Einkommensbildung entspricht) zu begründen oder eben nicht. Letzteres ist jedoch nicht eine Entscheidung über reale Dinge, sondern über die Wahrscheinlichkeit, ob ein vergebener Kredit auch fristgemäß getilgt werden kann oder nicht. Für die I=S Problematik bedeutet das einerseits, daß I begriffen als einkommenschaffende Verpflichtungsgröße völlig unabhängig von S ist, oder schärfer formuliert, daß S völlig von der Entscheidung über I abhängig ist und somit eine eindeutige Kausalität begründet werden kann.

i

.

.

.

Das lenkt die Frage darauf, was es denn ist, was die VGR stets mit dem Begriff Ersparnis meint. Richtig ist, daß es diese Entscheidung der Haushalte über die Verausgabung ihres Einkommens tatsächlich gibt. Von einem vermögenstheoretischen Standpunkt gesehen entscheiden sie aber nicht über die Höhe der volkswirtschaftlichen Ersparnis, sondern lediglich über die Aufteilung der Ersparnis auf die Ersparnis der Haushalte sowie die Ersparnis der Unternehmer, mithin:

s

.

.

Wie von vielen Volkswirten bereits angemerkt, handelt es sich bei der Entscheidung der Haushalte über Konsum oder Ersparnis um die Entscheidung über die Verteilung des gegebenen Einkommens, jedoch nicht um die Determinierung von I, so wie es in der Neoklassik noch formuliert wird. Es ist lediglich so, daß man formulieren kann, daß ein hohes Q, d.h. hohe Gewinne möglicherweise die Unternehmer dazu anregen ihrerseits – und das in Verbindung mit den Banken, die das Geld für die Investition bereitstellen – steigende Investitionen zu tätigen. Q ist also lediglich ein Indikator dafür, daß die Unternehmer und Geldgeber sich darüber Gedanken machen, ob diese Sachlage auch für die Zukunft, wenn denn eine neue Investition beschlossen und umgesetzt ist, noch Bestand hat.

3. Die Funktion des Zinses

Diese Frage ist damit verknüpft, wer dasjenige zur Verfügung stellt, womit dann investiert werden soll. Die Neoklassik postuliert gemäß der Grenzproduktivitätstheorie ein Einkommen für Kapital, welches den Gebern der Investitionsgüter an die Unternehmen zum Zwecke der Produktion zufließen solle. Dabei ist festzuhalten, daß in der Neoklassik Investition nichts mit monetären Dingen zu tun hat, denn zwischen Unternehmen und Haushalten werden nur relative Tauschraten vereinbart und Güter übergeben. Daß Neoklassiker – damit es nicht so weltfremd klingt – gerne auch darüber reden, daß ja das (monetäre) Sparkapital erst von den Haushalten bereitgestellt werden muß, um dann für Investitionen Verwendung zu finden, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß für sie die Verwendung von Geld lediglich ein identisches Abbild dessen ist, was in der Realtheorie ohnehin schon richtig sein soll. (Die ‚principles‘ bleiben halt dominant und ‚money‘ ist lediglich der passive Reflex.) Folgerichtig sind für die Neoklassik Zinsen der reale Überschuß der Produktion über die eingesetzten Güter – für die Zeiten eines Ricardo kann man diese Vorstellung noch einigermaßen nachvollziehen, womit sich auch gleichzeitig die Vorstellung erklärt, der Zins würde ein Ausdruck der Zeitpräferenzrate der „Kornanbieter“ sein. Sicherlich: wer mit seinem Getreidevorrat mit Ach und Krach über den Winter kommt, dem kann man mit der Aussicht bzw. Versprechen auf noch so viel Überschuß das Korn nicht entlocken – denn dann ist man schon kurzfristig tot.

Nun ist Geld wie man nicht erst seit Keynes weiß keine produzierte Ressource, die mit Hilfe von Produktion vermehrt werden könnte. Da Geld aber ein von Vermögensentscheidungen gesteuerter Bestand ist, kann die Frage des Geldzinses auch nicht damit beantwortet werden, daß ja die Unternehmen „produktiv“ oder „effizient“ produzieren würden. In gleicher Weise muß auch die Vorstellung beerdigt werden, daß „Ersparnis“ die Grundlage für die Vergabe von Kredit sei, da ja die Haushaltsersparnis lediglich die Verteilungsrelation des Nettogeldvermögens zwischen Haushalten und Unternehmern bestimmt. Damit bleibt lediglich die Möglichkeit, daß das Geld, welches für die Durchführung von Investitionen (im o.g. Sinne) benötigt wird aus dem Nichts geschaffen wird was den interessanten Aspekt aufweist, daß es keinen Anspruchsberechtigten auf die für dieses Geld zu fordernden (Netto-) Zinsen gibt. Während in der Neoklassik die Haushalte wegen ihrer Entäußerung von den „Investitionsgütern“ den letzlichen Anspruch auf die Erträge der Produktion beanspruchen können, gibt es in der Geldwirtschaft weder einen letzten Anspruchsberechtigten, noch eine Verbindung zu einem Realwert, in dem Gewinne aus Zinsen ausgedrückt werden müßten.

Das wiederum verweist auf den angelagerten Aspekt, daß bei einer „Geldschöpfung aus dem Nichts“ die Frage was Zinsen sind anders beantwortet werden muß als in der Neoklassik, wo Zinsen den Ausgleich der Zeitpräferenzraten mit den Erträgen von Investition garantieren sollen. Die hier bereits gegebene Antwort, daß Zinsen zuförderst die Neutralisierung von Aufwendungen von Abschreibungsverlusten bei den Banken garantieren verweist darauf, warum das Element der Zukunftsunsicherheit bei Keynes/ Knight einen für die Geldtheorie so wesentlichen Stellenwert aufweist: es ist eben nicht klar, welches von den vielfältigen hoffnungsvollen Investitionsprojekten in eine Schieflage gerät und – selbst nach Verwertung der Sicherheiten – Verluste erzeugt, die von den Banken durch ihre Erträge aufgefangen werden müssen. (Daß die Banken sich heutzutage einbilden, sich von der Übernahme dieser Verluste durch Verbriefung befreien zu können, steht auf einem anderen Blatt.) Damit lassen sich aber Zinsen als allgemeine Versicherungsprämien interpretieren, die dann ohne weitere Auszahlung (für monetäre Schadenfälle) gegen die Verluste von Abschreibungen aufgrund von Kreditausfällen gegengerechnet werden und somit aus dem volkswirtschaftlichen „Kreislauf“ vollständig verschwinden. Erst nach dieser Bilanzoperation wird es möglich davon zu reden, daß Zinsen zu Einkommen werden – was zwar manchmal möglich ist, manchmal eben aber auch nicht.

Fazit:
Die Interpretation dessen, was die Bedeutung von I und S angeht muß immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Theorie gesehen werden und läßt sich nicht mit einer immanenten Kritik klären, die sich mit den Kriterien der Neoklassik unkritisch auseinandersetzt. Denn sobald man die Vision der Neoklassik über die als korrekt interepretierten Begriffsbestimmungen akzeptiert, wird es aussichtslos, zu einer Sichtweise zu kommen, die dem geldwirtschaftlichen Charakter des Kreditgeldkapitalismus in angemessener Weise entspricht. Die Ansätze, die von L.A. Hahn, W. Lautenbach und W. Stützel, sowie die Überlegungen von F. Knight und J.M. Keynes bieten dagegen ein ebenso schlüssiges Konzept, mit der die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft wieder zu einer angemessenen Behandlung ihres Forschungsobjektes gelangen kann.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

12 Antworten zu “Paradigmatische Aspekte von I und S

  1. S = I im Sinne der Verwendung für Geldvermögensänderungen,

    Jedes Geldsparen(Einnahmeüberschüsse) schafft sich seine (Staats)verschuldung (Ausgabeüberschüsse) selbst.

    Es gibt also gerade wegen der Identität in der Folgeperiode Ausgabekürzungen bei unfreiwillig verschuldeten, welche die Konjunktur abwürgen, soweit man das Problem nicht exportiert.

    Warum müssen diese Zusammenhänge immer so lang gezogen werden?

  2. Der Holger und der Lutz mit dynamischer Investitionsrechnung und Zinssatzmethoden Seite 51/46 ff im Rahmen von Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen
    http://www.dhv-speyer.de/muehlenkamp/Publikationen/AH%20204%20-%20WU%20im%20%C3%B6ffentlichen%20Sektor.pdf
    verbinden vielleicht betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Horizonte.

  3. Sehr geehrter Herr Mendendez,

    Um das Mirakel von I = S zu lösen, bedarf es einer klaren Unterscheidung zwischen Geld als Masseinheit von Werten und als „Wert an sich“. Letztendlich tritt jedes Aktivum entweder als vorgestellter, gemessener Wert oder als Wert für sich auf. Das eine Buchung von 1 ein Wert an sich ist, haben die Ökonomen begriffen, dass aber auch ein Aktivum ein Wert sein kann, nämlich ein vorgestellter oder gemessener, geht in das Hirn der Zunft nicht hinein. Den Vorgang der Investition betrachtet, erscheint Geld als Wert an sich, während Ersparnis immer den Doppelaspekt von Wert an sich und vorgestelltem Wert hat. Man kann Buchungen ansammeln aber auch bewertete Produktionsmittel, man „spart“ Geld oder in Geld gemessene Sachwerte. Schon allein daraus folgt, dass die Verbindung zwischen Investition und Ersparnis wesentlich komplexer ist als die Ökonomen vermuten.

    Betrachten wir kurz eine Zwei-Sektoren-Öknonomie (Produktionsmittel, Lebensmittel) mit Arbeitskraft als originärem Input. Dann geht bei der Produktion der Produktionsmittel zunächst nur Arbeitskraft ein, aber keine Produktionsmittel. Die Investition besteht folglich nur aus Lohnzahlungen, die an die Arbeiter geleistet werden. Nun schreiten die Arbeiter zur Tat und produzieren Produktionsmittel, die sich auf der Aktivaseite der Unternehmen ansammeln. Die Schuld aus Lohnzahlungen steht den Produktionsmitteln gegenüber, die aber bloss einen vorgestellten Wert darstellen. Und dennoch hat der Sektor schon in diesem Moment „gespart“, weil die bewerteten Produktionsmittel grösser sind als seine Lohnschuld auf der Passivaseite. Investition, also Lohnzahlung, und Ersparnis stehen unvermittelt nebeneinander, durchrissen durch den Arbeitsprozess.

    Der Lebensmittelsektor tätigt seinerseits Ausgaben für Löhne und für Produktionsmittel, die er dem Produktionsmittelsektor abkauft. Wieder tritt Investition als Verschuldung auf, hier jedoch als Lohnzahlung und als Kauf von Produktionsmittel. Insgesamt haben die Arbeiter beider Sektoren nun eine schöne Summe Geld angesammelt, die sie zum Kauf der Lebensmittel einsetzen und wodurch sie dem Lebensmittelsektor die Entschuldung ermöglichen. Der Lebensmittelsektor steht nun mit Produktionsmittel auf der Aktivaseite und ohne Schulden da. Im Endeffekt haben beide Sektoren in Geld bewertete Produktionsmittel, also vorgestellte Werte, angehäuft ohne auch nur eine Geldeinheit verbuchen zu müssen. Das Geld als „Wert an sich“ hat sich wieder aufgelöst, die Produktionsmittel sind geblieben und stehen im Eigentum der Unternehmen.

    Das Beispiel soll verdeutlichen, dass Investition mit Ersparnis erst dann gleichgesetzt werden kann, wenn man die Verschuldung aus dem System eliminiert. Dann ist das Einzige, was am Ende der Periode übrig bleibt, was tatsächlich „gespart“ wird, die produzierten Produktionsmittel. Und genau in diesem Sinne begreift die Neoklassik den Vorgang, zumal die Produktionsmittel in der nächsten Periode ja eingesetzt werden. Lässt man jedoch eine Verschuldung stehen, indem man den Lohn grösser als den Konsum der Arbeiter setzt, dann versagt das Modell der Neoklassik. Dann beschreiten wir die Welt der doppelten Ersparnis: nämlich der monitären der Haushalte, die zugleich Verschuldung der Unternehmen ist, und der vorgestellten, bewerteten der Unternehmen in Gestalt der Produktionsmittel.

    Mit freundlichem Gruss
    Alfred Felsberger

  4. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Gleichung: I = Q + S ist Schnaps, weil sie nicht zwischen Geld als „Wert an sich“ und Geld als Masseinheiten von Werten zu unterscheiden vermag. Die Investition I ist ein monetärer Vorgang, ebenso die Ersparnis S, aber der Gewinn der Unternehmen Q stellt sich nicht in Form von Geld sondern durch ein Bewertungs-Mehr an Produktionsmittel ein. Damit addiert die Gleichung eine Bewertungsgrösse Q und eine monetäre Grösse S, was ebensowenig möglich ist wie Äpfel und Birnen zusammenzuzählen. Man vermengt zwei voneinander zu unterscheidende Aspekte: Die Geldentstehung und -vernichtung einerseits und die durch den Arbeitsprozess geschaffenen Produktionsmittel andererseits. Richtig heisst die Gleichung: Nettoneuverschuldung = Löhne. Das ist die monetäre Seite, die zum Kauf der Arbeitskraft und zum Arbeitsprozess führt. Die hier geschaffenen Produktionsmittel sind dann der Gewinn Q und tragen kein Atom Geld in sich. Diese Produktionsmittel werden dann in einer zweiten Verschuldungs- und Entschuldungsrunde gegen Geld getauscht und solcherart zwischen den Sektoren verteilt. Am Ende des Prozesses ist alles Geld vernichtet und der Gewinn der Unternehmen reduziert sich auf das Bewertungs-Mehr der Produktionsmittel. Verweigern die Arbeiter die volle Konsumtion des Lohnes, dann bleibt bei den Unternehmen eine Schuld bestehen, also: Ersparnis (S) der Arbeiter = Schuld der Unternehmen. Daraus jedoch eine Gleichung der Form: Q = I – S zu konstruieren, heisst: rein gar nichts vestanden zu haben.

    Man muss sich den kapitalistischen Prozess als ein ewiges Verschieben von Geld Richtung Arbeiter (also Verschuldung) und ein Zurückverschieben Richtung Unternehmen (also Entschuldung) vorstellen, bei dem unentwegt Produktionsmittel auf der Aktivaseite der Unternehmen „ausgeschwitzt“ und angehäuft werden. Der Gewinn hat rein gar nichts mit Geld zu tun, weshalb die Marx`sche Frage: „Wie kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600 Pfund Sterling aus der Zirkulation herausziehn, wenn sie beständig nur 500 Pfund Sterling hineinwirft?“ die ganze Ahnungslosigkeit der Ökonomen spiegelt. Sie tun es eben nicht: Sie werfen 500 Pfund Sterling hinein und ziehen exakt 500 heraus und der Gewinn sind die „ausgeschwitzten“ Produktionsmittel als Bewertungs-Mehr. Kann man von Marx noch behaupten, dass er wenigstens ein Gespür dafür hatte, dass der Gewinn Aneignung von Produktionsmittel ist, so hantieren die heutigen Ökonomen mit Geld als ob es vorhanden wäre und nicht jeden Moment verschwinden würde. Sie machen den Gewinn zu einem monetären Phänomen ala Dagobert Duck mit seinem Geldspeicher ganz so wie in der Keynes`schen Gleichung dargestellt. Das ist eine intellektuelle Rückentwicklung von einem Menschen zu einem Affen. Der Arbeitsprozess wird schlichtweg verschwiegen, das Hinzufügen von Wert durch die Arbeitskraft sowieso. Was auch immer die Unternehmen den Arbeitern verkaufen ist nur ein Restposten des von den Arbeitern geschaffenen Produkts. Das Geld fliesst zur Gänze zurück niemals jedoch die Produkte.

    Mit freundlichem Gruss
    Alfred Felsberger

    • Hallo Herr Felsberger,

      Ihre Überlegungen gehen weitgehend in die richtige Richtung, allerdings ist die Frage, inwieweit man Geld tatsächlich als eine „Maßeinheit von Werten“ ansehen kann eine Sache der Perspektive. Aus Konsumentensicht mag es durchaus angemessen sein, Geld mit der Kategorie „Wert“ in Beziehung zu setzen, insofern besteht überhaupt kein Dissens.

      Etwas anderes ist es, wenn man versucht sich darum Gedanken zu machen, wie es denn eigentlich möglich sein kann, daß ein kontinuierlicher Strom von Gewinnen existieren kann, wobei es wesentlich darauf ankommt, daß diese Gewinne auch tatsächlich in Geld anfallen, denn nur monetäre Gewinne können für die Zahlung von Tilgung und Zinsen verwendet werden. Ihre These ist jedoch dahingehend, daß am „Ende des Prozesses … alles Geld vernichtet ist und der Gewinn der Unternehmen … sich auf das Bewertungs-Mehr der Produktionsmittel reduziert“.

      Da ist zwar etwas Wahres dran, aber es ist auch nicht die ganze Geschichte. Denn entgegen Ihrer These, daß Gewinn lediglich aus einer Bewertungsgröße entspringen könnte läßt sich aber auch nachweisen, daß in einem dynamischen Analysekontext die Frage nach einem kontinuierlichen Gewinnstrom durchaus positiv beantwortet werden kann. Das ist nämlich genau die Antwort auf die Marx´sche Frage nach der „Versilberung des Mehrwerts“, der ja durch Arbeit erschaffen auch irgendwie als monetärer Faktor in Erscheinung treten soll. (Darauf zielt übrigends auch die Frage von @Frankie Bernankie ab!)

      Der schwierige Punkt an der Sache den man erst mal begreifen muß ist jedoch der, daß Geld in einem Produktionsprozeß nicht erzeugt wird und damit das Produktivitätsargument nicht verwendet werden kann, wenn es darum geht zu erklären, wie denn nun der monetäre Gewinn tatsächlich entsteht. Die Antwort, die hier: http://www.dr-menendez.de steht ist deswegen so schwer einzusehen, weil nach dieser Auffassung Gewinn lediglich aus einem „koordinierten“ Hin- und Herschieben von Geldvermögen besteht und damit die Analogvorstellung von der Produktivität auf das Phantom „Mehr-Geld“ sich als der (Kredit-) Geldwirtschaft nicht angemessen erweist.

      Es mag unbefriedigend erscheinen, daß die Erklärung von Gewinn (und Zins) nichts mit irgendwelchen substanziellen Dingen zu tun haben soll und damit die (reale) Überschußtheorie sich für die Erklärung von monetärem Gewinn und Zins als unangemessen erweist. Das dauert auch eine Weile bis sich die Sinnhaftigkeit dieser Konzeption erschließt. Wenn es aber einmal Klick gemacht hat wundert man sich allerdings nur noch darüber, daß man irgendwann mal etwas anderes geglaubt hat…

      Grüße

      • Sehr geehrter Herr Mendendez,

        Wenn man die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus auf den allgemeinsten Punkt bringt, kann er nur heissen: Eine sukzessive Verlängerung der Bilanzsumme des Unternehmenssektors. Von ursprünglich nahe Null ist die konsolidierte Bilanz des Unternehmenssektors auf eine gewaltige Summe angewachsen. Dabei spiegelt die Aktivaseite des Unternehmenssektors das bewertete Anlagevermögen (Produktionsmittel, Sachwerte, etc.) und die Passivaseite die Finanzierung. Das EK/FK-Verhältnis des Unternehmenssektors pendelt sich entsprechend der Verteilung zwischen Kapitalisten- und Arbeiterhaushalte ein: Unterstellt man, dass die Kapitalistenhaushalte bloss Aktienvermögen besitzen und die Arbeiterhaushalte bloss Geldforderungen, dann entspricht das EK des Unternehmenssektors dem Aktienvermögen der Kapitalistenhaushalte und das FK dem Geldvermögen der Arbeiterhaushalte. Prinzipiell ist jedes EK/FK-Verhältnis denkbar bis zu dem Extrempunkt eines FK von Null, was hiesse: das kein Geld und kein Geldvermögen der Arbeiterhaushalte existieren würden und alles Vermögen der Kapitalistenhaushalte in Form von Aktien gehalten würde.

        Schon diese schematische Darstellung eines Drei-Sektoren-Modells (Unternehmen mit Arbeiter- und Kapitalistenhaushalte, ohne Staat, ohne Aussen, ohne Notenbank aber mit einem GB-Sektor) sollte ihnen verdeutlichen, dass Geld niemals existieren muss und wohl nur dann existiert, wenn es ein Ungleichgewicht (sprich: ein Geldvermögen der Arbeiterhaushalte) signalisiert. Ja, man kann etwas provokant sogar sagen: dass das Anhäufen von Geldvermögen der Arbeiterhaushalte eine Anomalie ist, während der normale Entwicklungsgang des Systems die Arbeiter ohne monetärer Ersparnis und auf Reproduktionsniveau hält. Das Vermögen des Unternehmenssektors, ausgedrückt durch sein EK, ist in den Händen der Kapitalistenhaushalte und die Ausdehnung von Vermögen zeigt sich in einem beständigen Wachstum der Aktivaseite der Unternehmen und spiegelbildlich des Aktienvermögens. Genau das ist es, wenn ich sage: dass das System unentwegt Produktionsmittel „ausschwitzt“, die sich auf der Aktivaseite des Unternehmenssektors sammeln. Geld bedarf es dazu nur, um diesen Prozess über Ver- und Entschuldung zu leiten. Ein Mehr an Geld existiert nur um den Preis, dass sich der Unternehmenssektor krisenartig eben nicht entschuldet.

        Insofern kann ich ihrer Vorstellung „daß die Erklärung von Gewinn (und Zins) nichts mit irgendwelchen substanziellen Dingen zu tun haben soll und damit die (reale) Überschußtheorie sich für die Erklärung von monetärem Gewinn und Zins als unangemessen erweist“, nicht ganz folgen. Wie kann man sich denn die Verlängerung der Aktivaseite des Unternehmenssektors vorstellen? Wie kommt es denn dazu, dass ein immer mehr an Anlagevermögen existiert? Wie anders als durch den Arbeitsprozess lassen sich Produktionsmittel und Sachwerte häufen? Vom Himmel sind sie noch nie gefallen. Der kapitalistische Arbeitsprozess ist nichts anderes als ein unentwegtes Anhäüfen von Produktionsmitteln, die von den Unternehmen vereinnahmt werden. Zurückgespielt werden stets nur Lebensmittel, die der Reproduktion der Arbeitskraft dienen. Und wenn die Arbeiter sich einmal zu einer monetären Ersparnis aufschwingen sollten, werden sie gleich mit dem Krisenhaften dieses Vorgangs konfrontiert: Konkurse, Bankenzusammenbrüche, etc. Manchmal ist die Dynamik des Systems viel leichter zu begreifen, wenn man sie aus der Vogelperspektive betrachtet als sie in einfachen Schemen entwickeln zu wollen.

        PS: Realiter ist es das Streiben der Kapitalistenhaushalte neben Aktienvermögen auch Geldforderungen zu akkumulieren, das das System in die Krise treibt. Der Einfacheit halber habe ich hier davon abgesehen und nur den Arbeiterhaushalten Geldvermögens-Akkumulation zugebilligt. Im Grunde ist es egal, wer diesen perversen Wunsch äussert, das Ergebnis ist immer das Gleiche: Überschuldung des Unternehmenssektors und die Entfaltung der Krise entlang eines schrumpfenden EK/FK-Verhältnisses.

        Mit feundlichem Gruss
        Alfred Felsberger

  5. Um die Fantasie etwas zu fordern, kann man die Gliederung der Aktivseite der Bilanz beschreiben und die „Gegenstände“ bzw. Werte dieser Vermögen mal messen, wiegen zählen – inventarisieren.
    Das reicht von Software also Gedanken bis zu Münzen/Geldscheinen…
    ein „interessantes“ Spektrum. Und bei einer Innovation, muss eine neue Position mit Konto geschaffen und bewertet werden – jedes Jahr neu.
    z.B. zerhächselter Mais/Biomasse und Biogasanlage.
    http://www.nep-group.com/text/funktion-von-biogas/aufbau-einer-biogasanlage.html
    Ein sehr schöpferischer Prozess, der Menschen Freude bereiten sollte.

  6. Frankie Bernankie

    @felsberger

    „Und dennoch hat der Sektor schon in diesem Moment “gespart”, weil die bewerteten Produktionsmittel grösser sind als seine Lohnschuld auf der Passivaseite.“

    Vielleicht hab ich was übersehen, aber hierzu eine Frage: warum sind dei jetzt automatisch grösser?

    • Gute Frage. Sie sind es nicht. Es ist bloss meine Vermutung. Nehmen Sie ein Unternehmen x: Es wird nur dann ein Produkt produzieren, wenn der vorgestellte Preis und die vorgestellte Absatzmenge die eingegangene Verschuldung übersteigt. Es ist also das alte Problem der geplanten Preise und der sich dann tatsächlich einstellenden. Es gibt keine Garantie auf Gewinn, wenn aber die Wahrscheinlichkeit nicht zugunsten der Unternehmen wäre, würde kein Mensch produzieren. Ich als jemand, der Marx sehr wohlwollend gegenübersteht, plädiere auf einen Rückgriff auf die Arbeitswertlehre um die Frage des „Mehr-Werts“ zu begründen. Was aber nicht heisst, dass ich auf dieser Grundlage eine Preistheorie entwickeln möchte, denn aus meiner Sicht kann es eine Preistheorie gar nicht geben. Mehr kann ich Ihnen leider nicht anbieten.-)

  7. Am realistischsten ist eine Auktionstheorie: Stellen sie sich ein Produktionsmittelunternehmen vor, das sehr leistungsfähige Maschinen anbietet, um die sich die Lebensmittel-Unternehmen reissen. Wie wird das Produktionsmittel-Unternehmen beim Absatz vorgehen? Es wird einen extrem hohen Preis ansetzen und mal die Menge beobachten, die sie abzusetzen vermag. Dann geht es mit dem Preis runter, um neue Käufer zu aktivieren. Und wieder runter in die Schnäppchenphase und so weiter. Am Ende wird das vorgeschossene Geld vollständig eingetrieben und die Produktionsmittel, die im Lager übrig bleiben, sind der Gewinn des Unternehmens. So in etwa darf man sich das Ansammeln der Produktionsmittel bei gleichzeitiger Vernichtung des Geldes (Deckung der Schuld) vorstellen. Der Gewinn ist immer ein Restposten an Produkten, niemals neues Geld. Denn dieses existiert bloss in den Köpfen der Ökonomen.

    Alfred Felsberger, der dieses Beispiel von einem Freund übernommen hat (kein Anspruch auf Originalität)

  8. Huthmann

    Meiner Auffassung nach ist die driving-force eine vermutete möglichst langfristige Gewinnmöglichkeit in einem gegebenen Markt, identifiziert durch ein Wirtschaftssubjekt. Dieses Wirtschaftssubjekt traut sich – auch dafür haftend – zu, eine zu schaffende Struktur so zu managen, im Wettbewerb mindestens zu erhalten und damit den vermuteten nachhaltigen Gewinn zu erzielen. Das verstehe ich schon im Schumpeterschen Sinne.

    Eine solche vermutete möglichst langfristige Gewinnmöglichkeit kann sich aus verschiedensten Quellen speisen.

    Danach bildet sich höheres Einkommen entstehungsseitig und verwendungsseitig.

    Voraussetzung für eine positive Weiterentwicklung ist aber, daß Verluste lokal „gehaftet“ werden und somit nicht zu negativen ungerechtfertigten Fortimpulsen auf andere bis zu Kollektiven führen können.

    Demgemäß sollten dann nicht Investitionen um der Investitionen getätigt werden, denn hier ist das Risiko groß, daß Haftung nicht lokal begrenzt werden kann und somit Verluste sich im System negativ fortpflanzen. Besonders kritisch zu prüfen sind somit Investitionen durch den Staat wie auch Eingriffe von Zentralbanken.

    • Der Gewinnbegriff, den Schumpeter verwendet, ist eben nicht derjenige, welcher eine Langfristigkeit oder Nachhaltigkeit anzeigt, sondern eher dadurch charakterisiert, daß die Unternehmen, die Innovationen erfolgreich voranbringen, eine Knappheitsrente erzielen. Knappheitsrenten haben jedoch die Eigenschaft durch die „Nachahmer“ wieder wegkonkurriert zu werden, so daß sich der Schumpetersche Gewinnbegriff als eine temporäre Größe herausstellt.

      Im 5. Kapitel der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ schreibt Schumpeter klipp und klar:

      „Ohne Entwicklung also gäbe es unter den erwähnten Einschränkungen keinen Zins. Er ist ein Teil von jenen großen Wellen im Meere der wirtschaftlichen Werte, die die Entwicklung auftürmt.“

      Das ist so ein ähnliches Argument wie es Keynes mit seiner „Euthanasie der Rentiers“ verwendet oder Marx mit seinem „säkularen Sinken der Profitrate“. Was allen gemeinsam ist, ist die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob es langfristig einen positiven Geldzins gibt, der dann auch einen langfristig positiven Unternehmensgewinn begründet, denn wie Schumpeter auch schreibt, ist der „Zins eine Steuer auf den Unternehmergewinn“.

      Keynes hat immerhin die Liquiditätsprämie als Begründung angeführt, warum der Zins nicht auf Null sinken kann, obwohl dieses Argument nur dann gültig ist, wenn das Geld, auf das sich der Geldzins bezieht, nur in begrenzter Menge existiert. Dieses Knappheitsargument ist jedoch in einem Kreditgeldsystem, bei dem der Liquiditätausgleichstandard prinzipiell lediglich durch die Zentralbank beschränkt ist, nicht mehr haltbar, so daß man sich auf die Suche nach anderen Begründungen für den Geldzins machen muß. Genau dies war ja der Aufhänger für den Post über die Zinsen als Gemeinschaftskonzept!

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