Monatsarchiv: Mai 2014

Zwischen Pluralität und Paradigma

Nicht geschossener BockSeit einiger Zeit gibt es (mal wieder) studentische Proteste hinsichtlich der Ausgestaltung der universitären ‚curricula‘, die nach ihrer Auffassung zu der Diagnose führen, daß die ökonomische Lehre sich in einer Krise befinden würde. Das wird damit begründet, daß ja schließlich durch die ökonomische Ausbildung an den Universitäten die nächsten Generationen von Politikern geformt werden, deren Wissen ja auch den Zustand der zukünftigen Gesellschaft mitgestalten würde. Der zentrale Vorwurf geht dahin, daß die Verengung von Ökonomie auf ein einziges theoretisches Modell die Breite dessen, was die Anforderungen an Ökonomen angeht, nur in ungenügender Art und Weise adressiert.

So nachvollziehbar diese Position für viele, die in ihrem Leben Volkswirtschaftslehre studiert haben, auch sein mag, übersieht eine derartige Position doch einige Dinge, die ihrem verständlichen Frust über die universitäre Monotonie schlichtweg fehlen. Diese betreffen einmal die Interpretation des Wissenschaftsbetriebes als Serviceveranstaltung für Karrieristen, dann die vage Vermutung, Wissenschaft müsse doch an „Realitäten“ orientiert sein, um „realitätsnahe“ Aussagen treffen zu können und nicht zuletzt eine Ignoranz über die Bedeutung von Paradigmen, die ja das Potential haben, eine gesamte Wissenschaft in all ihren Facetten prägen und dominieren zu können.

Dieses Übersehen zieht sich im Grunde genommen durch das gesamte Manifest, so wird z.B. als neomoderner „Lösungsansatz“ vorgeschlagen, daß es zu einer Pluralität in der Lehre von ökonomischen Theorien kommen sollte. Was damit jedoch keineswegs automatisch verbunden ist, ist eine Erfüllung der naiven Erwartung, daß damit auch ein alternativer Theorieentwurf erzeugt werden würde, der einem bestehenden Paradigma eine Alternative entgegenstellen könnte. Weil das nicht selbstverständlich ist muß man nüchtern aus der Geschichte konstatieren, daß die „keynesianische Revolution“ ganz einfach durch das IS-LM-Modell erst integriert und nach der methodologiewidrigen und damit nicht wissenschaftlichen (aber dennoch erfolgreichen) Kampagne „Mikrofundierung der Makroökonomie“ dann völlig neutralisiert wurde. Das Ergebnis ist, daß heutzutage der „Keynesianismus“ nichts weiter darstellt, als eine um ein paar Friktionen angereicherte DSGE-Neoklassik.

Dieses Desaster spielt jedoch für die studentischen Bemühungen um eine „plurale Ökonomik“ keine Rolle, denn diese lassen sich eher von der Vorstellung einer „Schwarmintelligenz“ leiten, als von den nüchternen methodologischen Fakten des etablierten Wissenschaftsbetriebes. Das hat zur Folge, daß die Vermutung, die gewünschte Vielfalt würde ja schon die Existenz der Alternative umfassen, mit wehenden Fahnen in die Irre geht. Das zeigt sich sehr schön an dem Katalog der als lehrwürdig deklarierten Fachrichtungen. Dort finden sich zwar so „ehrwürdige“ Dinge wie feministische oder ökologische Ökonomik, ohne daß in irgendeiner Weise das eigentliche paradigmafähige Theoriefeld auch nur ansatzweise adressiert würde.

Der Hinweis auf die methodologischen Charakteristika von Orthodoxien und deren Durchsetzung findet sich im wesentlichen bei den Autoren Kuhn und Lakatos, deren Zentralthema der Charakter bzw. die Durchsetzung von Paradigmen war. Kurz gesagt geht es dabei um die Vorstellung, daß Orthodoxien stets einen sogenannten „harten Kern“ aufweisen, der dann durch einen „Schutzgürtel“ von angelagerten Theorieelementen ausgebaut und etabliert wird. Das ist im aktuellen Fall so, daß der „harte Kern“ der Neoklassik das Tauschtheorem ist, welches es zunächst ermöglicht hat – durch die allgemeine Gleichgewichtstheorie – eine erste Ebene der (mathematischen) „Verteidigungslinie“ zu ziehen, während angelagerte Theorieversatzstücke wie die Quantitätstheorie gewissermaßen sekundäre „Verteidigungsoperationen“ darstellen, deren (mutmaßliche) Nicht-Geltung jedoch den Kern des orthodoxen Paradigmas – das Tauschtheorem – überhaupt nicht mehr berühren würde. Witzigerweise wird dieses theoretische Desaster als „Geldtheorie“ verkauft und es ist noch nicht mal so, daß es dafür nicht leidenschaftliche Verfechter geben würde.

Letzteres ist auch ein Grund dafür, daß sich alle Scharmützel gegen die Neoklassik als vergeblich herausgestellt haben, weil die Kritik daran niemals vermochte den ‚hard core‘ des Paradigmas anzugreifen. Dabei muß man leider zur Kenntnis nehmen, daß es auch überhaupt nicht möglich ist, den paradigmatischen Kern eines Modells aufzubrechen, da sich dieser in seiner Absolutheit üblicherweise ohnehin einer Kritik entzieht. Denn wer würde schon ein Argument dagegen anführen können, daß Tausch eine elementare Interaktion menschlichen Zusammenseins ist? Man bekommt dadurch zwar ein Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber etablierten Strukturen, was allerdings daran liegt, daß man die existierende Alternative nicht sieht oder sehen kann. Denn nach Maßgabe eines Diktums von Buckminster Fuller gilt: „Man schafft niemals Veränderung indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen.“

Nun, so leicht wie das dahergesagt ist, so schwierig stellt sich das „Neukonstruieren“ dar, weil sich üblicherweise bei denjenigen, die das „Alte“ bereits gelernt haben die Tendenz einstellt, Begrifflichkeiten so zu interpretieren, wie es das orthodoxe Paradigma vorgibt. D.h. eine der kompliziertesten Aspekte des „Neumodells“ ist es die alten Begriffsinhalte mit alternativen (und zwar wirklich im Sinne von alternativen und nicht mit alternaiven) Inhalten zu füllen. Dabei wird üblicherweise der Aufwand, der für ein neues Paradigma erforderlich ist, hoffnungslos unterschätzt. Das Sammelsurium an „Hosentaschenmodellen“ welches (nicht nur) im Internet kursiert ist zu einer beachtlichen Kakophonie angeschwollen, obwohl jeder einzelne für sich den Anspruch aufrechterhält, zu einer „neuen, besseren oder gerechteren Weltordnung“ beitragen zu wollen. Derartige Ansätze mögen ja ehrenwert und von einer ehrlichen Sorge um die Zukunft geprägt sein, allein der Wirkungsgrad derartiger Theoriebruchstücke tendiert praktisch gegen Null.

Dabei wird dadurch und im studentischen Manifest ein spezifisches Desaster durchaus angesprochen, nämlich daß es offenbar kaum noch eine Behandlung methodologischer Themen gibt, also genau das, wozu eigentlich ein universitäres Studium die Studenten befähigen sollte, nämlich zu einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeitsweise kommen zu können. Dieses Problem ist umso virulenter, als sich nach etwa 20 Jahren „PersonalComputer-Revolution“ eine Auffassung breit zu machen scheint, die an die methodologisch fragwürdigen Vorstellungen eines M. Friedman anknüpft, die darin gipfeln, daß kurz gesagt der Glaube um sich greift, in den ökonomischen Daten wäre schon alles zu finden, was es an ökonomischer Weisheit überhaupt gibt.

Ein kurioses Beispiel dafür ist ein Artikel von H.W. Sinn, dessen (indirekte) Behandlung dieses Themas gleich zu Anfang des Artikels die Alarmglocken schrillen lassen müßte. Denn da stellt Sinn die Behauptung auf, es gäbe so etwas wie „statistische Fakten“. Dieses gilt zwar insoweit, wie Zahlen Zahlen sind und diese gewissenhaft erhoben und für die „Weiterverwendung“ aufgearbeitet werden (und auch da fängt die Interpretation schon an). Das bedeutet jedoch NICHT, daß eine bloße Analyse von Zahlen irgendeine absolute Wahrheit beinhalten könnte wie Sinn im Anschluß behauptet, weil eine Interpretation von Zahlen immer a priori theoriebedingt ist und damit die hochwohlgelobte Neutralität der volkswirtschaftlichen Analyse unmittelbar flöten geht! Gegen diese Unterschlagung ist seine Gleichsetzung von „ökonomischen und naturwissenschaftlichen Gesetzen“ nur ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Heißt: man kann keine Zahlen theorielos interpretieren, auch wenn sich manche Leute von selbsternannten Zahlenkünstlern durch diese Unterschlagung immer wieder ins Bockshorn jagen lassen. Pointiert ausgedrückt kann man in den Zahlenkolonnen von Statistiken nur dann etwas erkennen, wenn es Deutungsmuster gibt, wie diese Zahlen interpretiert werden (sollen); auch bei hingeworfenen Knochen gibt es eine Theorie die sagt, daß bestimmte Knochenkonstellationen auf bestimmte Ereignisse in der Zukunft weisen. Einen Vergleich der Wahrscheinlichkeit hinsichtlich der Vorhersagegenauigkeit erspare ich mir an dieser Stelle.

Jenseits dieser schmalbrüstigen Versuche Ökonomie als nicht theoriebedingt hinzustellen ist festzustellen, daß sich das Bewußtsein über die eigentlich notwendige Zielrichtung der studentischen Kritik in deren Forderungen nicht wiederfinden läßt. Es hat ein bißchen den Anschein, als würde sich der Protest darauf beschränken zu fordern, daß die Universitäten doch den Studenten bitteschön das zu liefern hätten, was sie als operative Fähigkeiten für die angestrebte Blitzkarriere benötigen würden. Insofern kann man vermuten, daß dieser Bewegung ein gewisses Konsumdenken nicht ganz so fern ist. Auf der anderen Seite könnte man durchaus davon ausgehen, daß es darunter auch diejenigen gibt, denen das was Universitäten vermitteln sollten – Erkenntnis(fähigkeit) – durchaus wichtig ist.

Für Letztere sei angemerkt, daß sich die eigentliche Ebene der wissenschaftlichen Auseinandersetzung weniger auf den genannten Themenfeldern findet, sondern auf einem ganz anderen Feld, welches seit 200 Jahren die ökonomietheoretische Diskussion beherrscht: die Auseinandersetzung von Wert- und Geldtheorie. Diese Auseinandersetzung wurde die meiste Zeit von dem Paradigma der (Neo-)Klassik beherrscht, deren soziale Grundfigur der Tausch ist, ohne daß damit jemals befriedigend gezeigt werden konnte, warum es Geld gibt und mit welchen Funktionsprinzipien es funktionieren würde. Die Phase des Keynesianismus (also der Versuch zur Etablierung einer Geldtheorie) war zwar im Sinne von H.W. Sinn von dessen Akzeptanz im politischen Prozeß gekennzeichnet, ohne daß es jedoch währenddessen gelungen wäre eine gleichwertige paradigmatische Konstruktion, wie sie der Neoklassik zur Verfügung steht, anbieten zu können. Man muß konstatieren, daß auch ein IS-LM-Modell (ob das nur den „wahren“ Keynes korrekt abbildet oder nicht) mit allen Verfeinerungen und Erweiterungen es nicht vermocht hat, dem paradigmatischen Bollwerk der allgemeinen Gleichgewichtstheorie etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. (Das gilt auch für alle anderen „Keynesianismen“!)

Von daher wirkt der studentische Protest einigermaßen hilflos, weil dieser zwar ein verständliches Unbehagen mit den herrschenden Zuständen artikuliert, aber gleichzeitig nicht angeben kann, wo der Weg zu einer anderen Weltsicht zu finden wäre. In dieser Not ist der Ausweg nach „Pluralität“ ein Feigenblatt dafür, daß es an einer Strategie mangelt und somit die Hoffnung auf „Schwarmintelligenz“ nur notdürftig verdeckt, daß es einfach ein Hilferuf an die etablierte Professorenschaft ist, sich doch bitteschön darum zu bemühen, alternative Lehrinhalte zu präsentieren, die eine bessere Interpretation von dem, was man so „Realität“ (!) nennt, erlauben würde.

Man muß nicht lange darüber nachdenken, um zu dem Schluß zu kommen, daß sie mit dieser Erwartung auf breiter Front enttäuscht werden. Auch wenn sie dies nicht verdient hätten!

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Die Fallen zwischen Strömen und Beständen

HeringsdorfEs ist immer wieder interessant, wie sich bestimmte Sprachspiele dazu verdichten können aus lauter Denkfaulheit zu einer meist unhinterfragten „Wahrheit“ zu werden. Eines der gängigsten Beispiele aus der öffentlichen Geldsystemdiskussion ist die vermeintliche Erkenntnis: „Der Zins wird bei der Schöpfung des Kredits nicht miterschaffen.“ Aus der sich dann meist nahtlos anschließenden „Beweisführung“, daß ein einzelner Schuldner einen Kredit vom Jahresanfang nicht inclusive Zinsen zurückzahlen kann wird dann geschlossen, daß das mit dem „Geldsystem“ so nicht funktionieren kann. Dabei funktioniert bei einer derartigen Argumentionsweise etwas anderes nicht.

Was dem Leser bei derartigen Ausführungen stillschweigend untergejubelt wird ist eine Gleichsetzung, die aus der Argumentationsführung zwar plausibel erscheint, bei näherer Sicht jedoch elementar unterschiedliche Sachverhalte der ökonomischen Analyse miteinander vermengt. In einer ersten Annäherung an dieses Mißverständnis kann man schon mal darauf hinweisen, daß Zinsen eine Stromgröße sind, während eine – wie auch immer definierte – Geldmenge eine Bestandsgröße darstellt. Wenn man also meint, daß durch Zinsen die Geldmenge vergrößert wird, verwechselt man Äpfel mit Birnen (was wenigstens noch Obstsalat ergibt) – ein typischer Anfängerfehler!

Am einfachsten ist es sich mit den Begriffen Stromgröße, Bestands- und Bestandsänderungsgröße mal genauer zu beschäftigen. Das ist so etwas wie das 1×1 in der Ökonomie. Da man ausgerechnet bei diesem Thema das Rad nicht neu erfinden muß an dieser Stelle gleich mal dazu ein Paper, welches diese Begrifflichkeiten sehr schön auf den Punkt bringt.

http://www.friedrich-wilke.de/pdf%20W/W%201TU%20Bestand.pdf

Das größte Verständnisproblem gibt es naturgemäß bei den Stromgrößen, weil die mit etwas verbunden sind, was man aus den entfernten Erinnerungen eigentlich aus der Schule noch kennen sollte. Bei den Bestandsgrößen ist es einfacher, denn den Bestand an Geld im Portemonnaie zu überprüfen fällt nun nicht gerade schwer. Auch die Bestandsänderungsgröße im Portemonnaie nachzuvollziehen ist einfach, denn die besteht entweder aus dem Zugang am Geldautomat, oder aus dem Abgang an Geld für den Kauf eines Lehrbuchs über volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – ist natürlich nur ein Beispiel!

Was also sind Stromgrößen? Wie eben schon angesprochen ist der Zins eine Stromgröße, ebenso wie ein Gehalt oder auch alle anderen Einkunftsarten eine Stromgröße sind. Denn alle diese Stromgrößen haben etwas mit der Veränderung des Geldvermögens zu tun. Im Gegensatz dazu haben auch alle „Ausgabearten“ etwas mit der Änderung des Geldvermögens zu tun, nur „leider“ in entgegengesetzter Richtung indem sie das Geldvermögen schrumpfen lassen. So weit, so gut.

Dabei muß man sich in ökonomischer Hinsicht klar machen, daß Stromgrößen aus zwei (!) oder mehr einzelwirtschaftlichen Bestandsveränderungen erzeugt werden, die sich gesamtwirtschaftlich – hinsichtlich der globalen Bestandsgrößen – gegenseitig neutralisieren. Das liegt daran, daß die Ausgaben des Einen die Einnahmen des Anderen sind, so daß es isolierte Bestandsvermögensveränderungen im geldtheoretischen Bereich nicht geben kann. Anders gesagt: wenn der Käufer dem Verkäufer eine Summe Geld zahlt ändert sich nicht das – wie auch immer definierte – gesamtwirtschaftliche Geldvolumenaggregat. Denn was der eine vorher hatte, hat nun der andere, nicht mehr und nicht weniger.

Das betrifft auch die immer ins Feld geführten Zinszahlungen, die aus diesem Grund lediglich eine veränderte Verteilung der bestehenden „Geldmenge“ zwischen Zinszahler und Zinsempfänger bewirken und die gesamtwirtschaftliche Geldmenge weder vergrößern noch verkleinern. An dieser Stelle zeigt sich nicht nur, daß Stromgrößen stets zu zwei Bestandsänderungsgrößen führen, die sich gesamtwirtschaftlich gegenseitig aufheben, sondern auch, daß Zinsforderungen, sobald sie beglichen sind, nur noch dazu da sind in der Steuererklärung aufzutauchen. (Gilt nicht für Hoenesses – oder sagt man Hoenesse? 🙂 )

Das weist auf ein Mißverständnis hin, welches in Diskussionen über Ökonomie regelmäßig aufkommt und inbrünstig gepflegt wird, weil die Begriffsabgrenzungen zwischen dem „gesunden Menschenverstand“ und der ökonomischen Fachsprache doch nicht so selbstverständlich sind, wie oft gedacht. So wird landläufig davon gesprochen, daß Einkommen ausgegeben wird oder daß der „Zins gespart“ wird und damit die effektive Nachfrage sinkt. Wenn man sich die gerade genannten Aspekte ansieht wird man ziemlich schnell feststellen, daß an derartigen Aussagen etwas nicht stimmen kann. Würde es stimmen, dann würde daraus folgen, daß man z.B. eine Stromgröße konsumieren kann.

Das ist natürlich Quatsch, denn wie man auch aus dem verlinkten Paper erkennt beschreibt eine Stromgröße die Veränderung einer Bestandsgröße über einen bestimmten Zeitraum. Doch auch wenn es interessant sein mag den Zuwachs des Geldvermögens pro Zeiteinheit zusammenzurechnen bleibt es dennoch Tatsache, daß das, was für den Konsum ausgegeben wird (Geld wird nämlich nicht konsumiert – außer von Dagobert Duck) nicht Einkommen sondern Geld ist. Denn ein Verkäufer erwartet eine Zahlung in Geld und nicht in Einkommen! Genausowenig kann man sein „Einkommen akkumulieren“, sondern nur das GELD, welches aus einem Einkommensanspruch das eigene Geldvermögen erhöht. Das heißt, der Begriff Einkommen (welcher Art auch immer) bezeichnet essentiell ein Maß für die (z.B. jährliche) Summe von Leistungstransaktionen, die zu Geldvermögensänderungen führen. Deswegen besitzen die Stromgrößen auch die Maßeinheit: Geldeinheiten PRO Zeiteinheit!

Umgekehrt: zu behaupten, daß Einkommen akkumuliert werden können ist etwa so als würde man sagen, daß eine konstante Geschwindigkeit „akkumuliert“ werden könnte, die ähnlich dazu die Maßeinheit Distanzänderung PRO Zeiteinheit aufweist. Das heißt, eine monetäre Größe, welche die Dimension PRO Zeiteinheit aufweist kann nicht akkumuliert werden, sondern nur das, was als Konsequenz eines z.B. Leistungsanspruchs zu übertragen ist: GELD! Diese Übertragung wiederum betrifft jedoch ausschließlich die (jeweiligen) Bestandsänderungsgrößen.

Und damit kommt man urplötzlich an den Kern dessen, was eine Stromgröße tatsächlich ist: eine Änderungsrate! Falls jetzt den einen oder anderen ein schlechtes Gewissen beschleicht, man hätte in der Schule bei der Analysis nicht Liebesbriefchen schreiben sollen: ja, es ist berechtigt. Denn die Änderung einer Größe (z.B. des Geldvermögens) im Verhältnis zu der Änderung einer anderen Größe (üblicherweise die Zeit) ist das, was seinerzeit im Mathematikunterricht als die 1. Ableitung einer (üblicherweise stetigen) Funktion vorgestellt wurde. Die 1. Ableitung (f ‚ (x), bzw. f ‚ (t) bei Ableitung nach der Zeit) einer Funktion besagt üblicherweise, wie sich die Funktion (lokal) verändert; ist f ‚ (t) > 0 vergrößert sich das Geldvermögen während dieses Zeitraumes, ist f ‚ (t) < 0 verringert es sich.

Diese Geschichte wird dann besonders plausibel, wenn man sie auf den Zins anwendet, denn dieser ist quasi die Wachstumsrate eines verliehenen Geldbetrages: dG/dt. (Die meisten machen aus Pikiertheit vor dem Wort „Geld“ den Mißgriff, hier das Wort „Kapital“ einzusetzen; dabei ist die Verwirrung hinsichtlich der Interpretation dieses Begriffes noch viel größer!) Und insbesondere beim Zins hat sich die Unsitte eingeschlichen stillschweigend davon auszugehen, daß die Wachstumsrate des Geldbetrages auch gleichbedeutend mit einer Erhöhung des verzinslich angelegten Geldbetrages sei – gewissermaßen das Modell „Sparbuch“. Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, daß ein gezahlter Zinsbetrag von dem Schuldner automatisch zu der zu verzinsenden Geldsumme hinzugeschlagen wird – eigentlich ist das nur bei dem Sparbuch und den Staatsschulden der Fall (für Kenner: Domar-Theorem). (Und wo die Zinsen für Sparbücher und – u.a. deutsche – Staatsschulden gerade stehen, sollte hinlänglich bekannt sein!)

Wofür muß man das alles wissen? Für den aktuellen Fall deswegen, um solche Aussagen wie die oben zitierte richtig interpretieren zu können. Denn wenn man sich in Anbetracht der vorstehenden Erläuterungen die Aussage:

„Der Zins wird bei der Schöpfung des Kredits nicht miterschaffen.“

korrekt „übersetzt“ kommt auf einmal folgendes heraus:

„Die Wachstumsrate des Geldbetrages (= der Zins) wird bei der Erteilung des Kredits nicht miterschaffen.“

Das kann man nun auf zwei Arten interpretieren:

a) Die Aussage ist Unsinn, weil ja eine Wachstumsrate eben kein Geld ist und dieses Wachstumsrate als Geld aufgrund der Inkommensurabilität von Geld und Wachstumsraten durch den Kreditgeber eben nicht „miterschaffen“ werden kann.

oder

b) Die Aussage ist insofern richtig, weil mit der Krediterteilung die Wachstumsrate des Geldbetrages durch die Zinsvereinbarung mit festgelegt wird. Aber auch dann ist eine Wachstumsrate kein Geld.

Und wie kommt nun der arme Geldverleiher an das ihm zustehende Geld, welches er aufgrund des Zinsanspruchs bzw. Zinseinkommens zu erwarten hat? Richtig, er bucht eine Bestandsänderungsgröße, nämlich den ihm zufließenden Geldbetrag als Zugang zu seinem Geldvermögen.

Fazit: der grundlegende Anfängerfehler bei der Behandlung von Wachstumsraten und Bestandsveränderungen liegt darin, daß üblicherweise nicht sauber auseinandergehalten wird, worüber denn gerade eigentlich gesprochen wird. Im harmlosen Fall sind es solche Kuriositäten wie die eben diskutierte These einiger „Geldsystemreformer“, die ihren Irrtum tatsächlich als Schlüssel für den Entwurf eines „besseren“ Geldsystems aktiv verfechten (und damit nicht nur Menschen desinformieren, sondern auch ganz gut ihr Schäfchen ins Trockene bringen. Diese Blaupause haben die sich bei den „Zeugen“ abgeschaut.) Weniger harmlos wird die Geschichte dann, wenn die Verwechslung von Anspruch (Stromgröße) und Geldtransfer (Bestandsveränderung) dazu führt, daß manche Organisationen tatsächlich mit Hilfe „basisdemokratischer“ Mittel wie Volksabstimmungen versuchen den Banken etwas zu verbieten, was sie überhaupt nicht tun: nämlich „Geldschöpfung“ zu betreiben. Immerhin wird im Sommer dieses Jahres die Schweizer Bevölkerung dazu aufgerufen darüber abzustimmen, ob sie den Banken die „Schöpfung von Giralgeld“ verbieten wollen. Sancta Simplicitas!

Das liegt ähnlich wie bei der mangelhaften Differenzierung von Stromgrößen (Wachstumsraten) und Bestandsänderungsgrößen (Eingang des Einkommensanspruchs) an der in diesem Fall mangelnden Differenzierung zwischen Geldansprüchen bzw. Sichtforderungen (Falschbezeichnung: Giralgeld) und der tatsächlichen Verfügung über Geldansprüche (Überweisung = Ausübung eines Verfügungsrechts über Zentralbankgeld), die dann auch zu einem Transfer von Zentralbankgeld (und nicht nur von „Ansprüchen“) führt.

Man mag das alles als Glasperlenspiel empfinden, nur leider entscheidet sich an solchen „Kleinigkeiten“, ob es überhaupt noch zu einem sinnvollen ökonomischen Diskurs kommen könnte, der wenigstens ein bißchen den Anspruch erheben kann, eine (halbwegs) saubere terminologische (bzw. semantische) Grundlage zu haben. Für diejenigen, die das einmal geblickt haben wird die ökonomische Kommentatoren- und Wirtschaftsredakteurswelt auf einmal zu einer Fundgrube von Fehlleistungen: da braucht man auch keine Mickey Mouse mehr. Und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß die sich zu ökonomischen Sachfragen äußernden 99% bei der Buchhaltung bzw. der VGR nur geschnarcht haben.

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