Das Multiplikator-Mysterium

Hic RhodosRegelmäßige Leser dieses Blogs haben wahrscheinlich schon gerochen, daß das Thema des vorangegangenen Beitrags noch nicht die ganze Geschichte gewesen ist. Denn die Tatsache alleine, daß manche Kreditvergaben mit einer Schöpfung von Zentralbankgeld einhergehen und manche nicht, erzeugt noch keinen großen Erkenntnisgewinn. Dies ergibt sich schon alleine aus dem Umstand, daß das Volumen der Sichtforderungen das Volumen des ausgewiesenen Zentralbankgeldes bei weitem übersteigt. Dieser Umstand findet seine Entsprechung in dem sogenannten „Geldschöpfungsmultiplikator“, der das Verhältnis von Zentralbankgeld zu den verschiedenen „Geldmengenaggregaten“ M1, M2 etc. numerisch ausweist.

Nun braucht wohl jede ökonomische Theorie einen Multiplikator, dessen Funktion es ist auf einer rudimentären Ebene die Verschachtelungen des ökonomischen Prozesses abzubilden. Dabei braucht man nicht zum x-ten Mal die Funktionsweise des üblichen Geldschöpfungsmultiplikators zu diskutieren, es sei lediglich darauf hingewiesen, daß die Bestimmungsgrößen Bargeldquote und Mindestreserve lediglich als technische und weniger als ökonomische Beschränkungen des „Geldangebotes“ fungieren. (Daß der Begriff „Geldangebot“ bereits eine finstere Verwechslung ökonomischer Kriterien darstellt, steht auf einem anderen Blatt.) Demgegenüber soll hier ein Multiplikatorbegriff abgeleitet werden, der sich daran orientiert, ob die Struktur der Kreditvergabe eine „reibungslose“ Funktionsweise für die Ökonomie erlaubt. Es geht also hierbei um die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit der monetäre ökonomische Prozeß, der von Geldausgabe und Geldeinnahme geprägt ist, ohne Störung ablaufen kann. Das Kriterium ist dabei, daß einem Kredit auch ein Tilgungsplan zugrundeliegt, was unmittelbar bedeutet, daß stets ein bestimmter Betrag „frei verfügbar“ sein muß, um die Umsatzerwartungen, die mit diesem Kredit verknüpft sind, auch erfüllen zu können.

Im Gegensatz zu dem normalen Multiplikator, welcher auf Einkommen abstellt muß ein Multiplikator aus kreditgeldtheoretischer Perspektive an Kreditbeständen anknüpfen. Die Aufgabe ist also herauszufinden wie hoch das (Kruschwitz)-Investitionspotential ist, welches sich aus einem primären (Zentralbankgeld)-Kreditvolumen ergeben könnte. Soweit man einmal das Gedankenexperiment durchführt was passiert, wenn die Haushalte genau zeitstrukturkonform zu der unternehmerischen Liquiditätsplanung (temporäre) Ersparnisse bilden und diese wiederum bei einer (anderen) Bank „einlegen“ und diese von einer (anderen) Bank zeitstrukturkonform ausgeliehen werden, gelangt man zu folgender Übersicht:

ZBG-Multip

In diesem 3-Perioden Beispiel kreditiert die Zentralbank an die Bank 1 einen Betrag von 600, den die Bank für einen Kredit an die Unternehmung 1 verwendet, die damit eine Produktion über 3 Perioden vornimmt. Dazu kauft sie sich bei (irgendwelchen) Haushalten Produktionsfaktoren, die sogleich bezahlt werden, während die Amortisations-/ Tilgungsphase sich wie gesagt über 3 Perioden erstreckt. Würden die Haushalte also 200 als „Transaktionskasse“ zurückhalten (die Umsatzerwartungen der Unternehmung 1 in Periode 1) und 400 bei der Bank 2 einzahlen, könnte diese einer Unternehmung 2 die 400 für 2 Perioden zur Verfügung stellen. Behält Haushalt 2 wiederum 200 für die „Transaktionserfordernisse“ von Unternehmung 2 und zahlt diese 200 bei einer Bank 3 ein, kann diese Bank noch diese 200 für eine Periode als Kredit zur Verfügung stellen. Haushalt 3 bildet daraus keine „Ersparnisse“ mehr, sondern hält diese 200 für die laufende Periode 1 – denn das alles spielt sich idealtypischerweise zu Anfang von Periode 1 ab – als „Transaktionskasse“.

„Schiebt“ man diese Aufstellung etwas zusammen und bildet die Summen aus den verschiedenen Transaktionen ergibt sich folgende Übersicht:

ZBG-Multip Summe

Die sektoralen Salden ergeben sich unmittelbar aus den Einzelpositionen, was man auf den ersten Blick sieht ist, daß sich das ursprüngliche Zentralbankgeldvolumen durch diese (in diesem Beispiel: 3-periodige) Kreditkaskade verdoppelt hat. Was man demgegenüber nicht unmittelbar sieht (mit ein bißchen Nachdenken bekommt man das aber heraus) ist die allgemeine Formel, welche den Multiplikator in Abhängigkeit von der Periodenanzahl ( n )  des „ersten“ Kreditengagements ausdrückt. Dieser lautet nämlich:

Multiplikator Formel

so daß im Zusammenhang mit der anfänglichen Emission von Zentralbankgeld die vollständige Formel so lautet:

(Gesamtwirtschaftliches Kreditpotential Kpot)

Kpot = M0 * ∑ i/n
(im obigen Beispiel daher: 1200 = 600 * 1/3 + 600 * 2/3 + 600 * 3/3)

Wegen der Abhängigkeit eines derartigen Multiplikators von der Periodenzahl ergibt sich, daß das daraus resultierende potentielle gleichgewichtige Kreditvolumen linear mit der Investitionsdauer steigt. Wie man leicht nachrechnet ergibt sich die folgende Kreditmultiplikator-Funktion (wobei der „0;0,5“ Achsenpunkt auch nicht als „autonome Investition“ fehlinterpretiert werden muß🙂 ):

Kpot (n) = 0,5 + 0,5 * n

Multiplikator Funktion

 

Nun ist natürlich die „Schöpfung“ von Kredit zu (realwirtschaftlichen) Investitionszwecken auch mit einer entsprechenden Erschaffung von Einkommen verbunden, so daß man hiermit auch einen Einkommen-Multiplikator erhält, womit auch gleichzeitig die Höhe der „Ersparnis“ festgelegt ist – in dieser Reihenfolge und das auch nur nebenbei. Und daß es sich hierbei nicht um eine 45°-Linie, sondern „nur“ um eine 22,5°-Linie handelt, muß einen nicht bekümmern – das Prinzip ist dasselbe!

Falls sich noch jemand fragt, worin der Sinn dieser Übung besteht: mit diesem Ansatz kan man nun z.B. ohne Mühe erklären, wann konjunkturelle Entwicklungen langfristig angelegt sind und wann nicht. Langfristige Investitionen haben danach langfristige Einkommenseffekte, wie sie nach jedem Infrastrukturboom erkennbar sind – Kondratiev läßt grüßen. Umgekehrt, umgekehrt!

(Und falls das alles jemandem zu simpel erscheinen will: auch das Mandelbrot-Apfelmännchen wird „nur“ durch die Iteration der Formel Zn+1 = Zn^2 + C erzeugt…)

Und was ich noch zu sagen hätte… Frohe Weihnacht!

31 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie, wonkish

31 Antworten zu “Das Multiplikator-Mysterium

  1. „Langfristige Investitionen haben danach langfristige Einkommenseffekte…“ – Genau. Und eine Investition mit einer „Periode“ < 1 ( mir gefiele die Bezeichnung "Abrechnungstermin" besser als "Periode" ) ist dann schon nur noch Konsum.
    Je mehr "Abrechnungstermine" von Gläubiger und Schuldner ausgehalten werden, je öfter also die Investition als werthaltig und tragfähig befunden wird, desto relevanter ist sie und wird mehr zur langfristigen Einkommensentwicklung beitragen.

  2. Ihnen auch eine fröhliche Weihnacht! Was ich mich seit langem frage: wie unter diesen Bedingungen überhaupt ein Anwachsen des Kapitalstocks möglich sein soll. Wenn jede Investition letztendlich in Abschreibung verpufft, kehrt der Kapitalstock immer wieder auf sein Ausgangsniveau zurück. Man schickt eine Investition über 600 Geldeinheiten auf Reise, treibt im nächsten Jahr 200 Geldeinheiten ein, dann wieder 200, und im letzten Jahr nochmals. Am Ende ist das Investitionsgut verschlissen und abgeschrieben, das Geld eingetrieben, und der Kapitalstock steht wieder dort, wo er zum Ausgangspunkt war. Ganz offensichtlich ist eine Erhöhung des Kapitalstocks nur denkbar, wenn die Investitionen in immer kürzenden Intervallen gestartet werden, wie ein Feuerwerk, das immer mehr an Fahrt aufnimmt und immer heftigere Explosionen hervorbringt. Oder: die Lebensdauer der Investitionen nimmt beständig zu, sodass man selbst bei einer konstanten Schlagzahl der Investitionen den Kapitalstock erhöht. Beides weist daraufhin wie Kapitalismus, der ja ureigenst mit einem wachsenden Kapitalstock einhergeht, funktioniert: Es ist ein Prozess unentwegter Erhöhung der Schlagzahl der Investitionen gleicher Lebensdauer und/oder Lebensdauer-Ausdehnung der Investitionen gleicher Schlagzahl. Innehalten ist in diesem Prozess verboten, ein konstanter Fluss von Investitionen mit konstanter Lebensdauer auch. Er führt nur zur Stagnation des Kapitalstocks und stetiges Oszillieren um einen erreichten Wert, also genau der Punkt, wo wir heute stehen.

    • Auch frohe Weihnachten !
      Was ist ein Kapitalstock bzw. was denken Sie sich als Ursache oder bereits als Wirkung ?
      Prozeß, Fluß, Umwandlung sind das Lebenselexier :
      Investition ist langfristiger Konsum : nichts bleibendes ausser vielleicht die letzten fünf Stradivarigitarren 😉
      http://www.sinier-de-ridder.com/restaurations/stradivari_eng.html
      Multiplikator oder Plagiator ?

      • >Was ist ein Kapitalstock bzw. was denken Sie sich als Ursache oder bereits als Wirkung ?> „Kapitalstock“ meint eigentlich nur: die Summe der zu Kaufpreisen bewerteten Aktiva (Investitonsgüter, Immobilien, etc.). Man kann keine Theorie des Kapitalstocks formulieren, wenn man Bewertung zu Marktpreisen zulässt. Damit begibt man sich ins Reich der Spekulation. Was nicht heissen soll: dass die Welt nicht schon längst dort angelangt ist.-)

  3. Multiplikator oder Plagiator ?

    Rollator – wenn die Kreditnehmer bei den Geschäftsbanken die Knappheit sind, werden alle Zentralbank-Forderungsmengen-Betrachtungen zu einer ganz alten Geschichte.

    Frohes Fest

    • „… so daß im Zusammenhang mit der anfänglichen Emission von Zentralbankgeld die vollständige Formel so lautet…“
      Nur nach der Frage, unter welchen Gesichtspunkten diese anfängliche Emission stattfindet, gibt es keine befriedigende Antwort.
      Richard Werner hat jüngst eine Studie mit dem Namen „Can Banks individually create Money out of Nothing? — The Theories and the Empirical Evidence“ veröffentlicht, bin hier darauf gestoßen: http://socialdemocracy21stcentury.blogspot.de/2014/12/who-knew-banks-create-money-out-of.html

      Dürfte für einiges an Diskussionsstoff sorgen.

      Ebenfalls Frohes Fest

      • Werner`s letzte Conclusio:
        „5.4.4. Monetary reform

        The Bank of England, 2014a and Bank of England, 2014b recent intervention has triggered a public debate about whether the privilege of banks to create money should in fact be revoked (Wolf, 2014). The reality of banks as creators of the money supply does raise the question of the ideal type of monetary system. Much research is needed on this account. Among the many different monetary system designs tried over the past 5000 years, very few have met the requirement for a fair, effective, accountable, stable, sustainable and democratic creation and allocation of money. The view of the author, based on more than twenty-three years of research on this topic, is that it is the safest bet to ensure that the awesome power to create money is returned directly to those to whom it belongs: ordinary people, not technocrats. This can be ensured by the introduction of a network of small, not-for-profit local banks across the nation. Most countries do not currently possess such a system. However, it is at the heart of the successful German economic performance in the past 200 years. It is the very Raiffeisen, Volksbank or Sparkasse banks – the smaller the better – that were helpful in the implementation of this empirical study that should serve as the role model for future policies concerning our monetary system. In addition, one can complement such local public bank money with money issued by local authorities that is accepted to pay local taxes, namely a local public money that has not come about by creating debt, but that is created for services rendered to local authorities or the community. Both forms of local money creation together would create a decentralised and more accountable monetary system that should perform better (based on the empirical evidence from Germany) than the unholy alliance of central banks and big banks, which have done much to create unsustainable asset bubbles and banking crises (Werner, 2013a and Werner, 2013b).“

        Lokalität ist in der Höhe der Kreditschöpfung begrenzt und bei ausserordentlichen Wertberichtigungen (echte Vergangenheitswerte) anfälliger – deshalb gab es ja die bündelnden Landesbanken bei den Sparkassen, bis diese den Bodenkontakt verloren. Lösungen wären Quoten zum Multiplikator der Kredite und/oder Rettungsfondsgarantien für das (Kruschwitz)-Investitionspotential, welches sich aus einem primären (Zentralbankgeld)-Kreditvolumen vor Ort ergibt.
        Bei öffentlichen Aufgaben ist lokales Kreditgeld gesicherte Deckung durch Steuererhebungskompetenz. Deshalb ist jetzt die Finanzreform weichenstellend für eine mittelfristige Finanzordnung; von der EU bis zu jeder Gemeinde.

  4. Pingback: Artikel über Wirtschaft, Finanzen und Devisen - 28. Dezember 2014 | Pipsologie

  5. Aber die Banken verleihen kein gespartes und eingezahltes Geld. Die Verschuldung erzeugt das Geldvermögen der Sparer.

    Der dem Publikum meist mysteriöse Multiplikator von Keynes beruht einfach auf der angestrebten Sparquote vom Einkommen der Haushalte. Nehmen wir einmal an, dass die Haushalte 10% ihres Einkommens in Geld sparen möchten, dann ermöglicht eine zusätzliche Staatsverschuldung in Höhe von 1 Mrd. Geld einen Anstieg des Einkommens der Ökonomie in Höhe von 10 Mrd. Geld. Dieser Einkommensanstieg ist in den Zeiten der Unterauslastung des Produktionspotenzials real.

    Dass die Haushalte Ersparnisse bilden würden, ist eine falsche Vorstellung aus der einzelwirtschaftlichen Sicht: Die ihre Ausgaben zum Zweck des Sparens von Geld einschränkenden Haushalte bewirken damit nur über das Sparparadoxon von Keynes das Sinken der Einkommen der Ökonomie. Das Einkommen der Ökonomie sinkt solange, bis die Haushalte mit ihrer Kürzung der Ausgaben aufhören.

    Geldvermögen entsteht nur durch die Verschuldung.

    Dabei spielt die Verschuldung für Investitionen praktisch keine Rolle, weil es in einer Ökonomie keinen Kapitalmangel und meist ausreichend Gewinn der investierenden Unternehmen gibt: Kapital fehlt freilich jedem Einzelnen in der Ökonomie, aber nicht der Ökonomie selbst. Es muss sich also der Staat ausreichend verschulden, um den Wohlstand der Haushalte in der Ökonomie zu optimieren.

  6. Konstanz Vogel

    Ich habe Schwierigkeiten den Gedanken zu folgen.

    Warum ist die Reihe nur von der Periodenzahl abhängig und nicht von der Höhe des Betrages in den Transaktionskassen?

    Bank und Unternehmen sind reine Durchlaufstationen. M0 wird eigentlich auf drei Haushalte aufgeteilt?

    Die Haushalte „dürfen“ nur einen Teil von M0 behalten, den sie für den „Verkauf“ ihrer Produktionsfaktoren bekommen, sonst „funktioniert“ die Reihe nicht.

    In „Real Terms“ übertragen, – Geld soll doch nur der Schleier über diesen sein – durch welche Transaktionen würden sich Sachen und Leistungen in einer Tauschwirtschaft vervielfachen?

    • Hallo Herr Vogel,

      der Grund dafür, daß sich der Multiplikator nach der Periodenzahl ergibt ist, daß es sich hierbei um eine Betrachtung handelt, die nachzeichnet, mit welchen Parametern eine Ökonomie nachhaltig ist. Nachhaltig heißt dabei, daß alle finanziellen Prozesse wie geplant ablaufen können, ohne daß es zu Zahlungsproblemen kommt. Die Argumentationslinie ist: WENN die Haushalte genau soviel „Transaktionskasse“ halten (und in der jeweiligen Periode ausgeben) wie die Unternehmen als Soll-Umsatz benötigen, DANN können alle Kreditverhältnisse pünktlich bedient werden. Letzteres darf man ruhig als Vorbedingung dafür ansehen, daß es zu nachfolgenden Nettoinvestitionen kommt. Es können sich aber auch andere Konstellationen ergeben: denn daß die Haushalte genau den erwarteten Umsatz auch ausgeben ist ja nicht selbstverständlich, sie können sowohl mehr als auch weniger als diesen Soll-Umsatz ausgeben wollen. Der erste Fall tritt üblicherweise in einem Investitionsboom auf, welcher dann auch die entsprechenden Preiseffekte nach sich zieht, während der zweite Fall – die Unterkonsumption – dann folgerichtig zu einer Störung der Bedienung der Kredite führt (und gleichzeitig zu einer Erhöhung des Kreditschöpfungspotentials).

      Die Periodenzahl ist deswegen wichtig, weil sie darüber bestimmt, wie hoch die Tilgungsraten ausfallen: eine Investition von 10.000 benötigt bei einer 5-jährigen Laufzeit eine Tilgung von 2.000, bei einer 4-jährigen Laufzeit eine Tilgung von 2.500 etc. (Man kann das selbstverständlich noch beliebig durch die Einbeziehung von Zinsen etc. verkomplizieren.) Das ist das Eine. Ihr anderer Punkt: es wird ja nicht M0 auf die Haushalte „aufgeteilt“, sondern die Haushalte bilden Nettogeldvermögen in Höhe von 1.200, welches sie in Höhe von 600 als M0 zum Ausgeben halten, während die restlichen 600 als Forderung gegen die Banken (für künftigen Konsum) bestehen. Letzteres weist ja lediglich darauf hin, daß die Einkommensbildung betragsmäßig größer sein kann, als das anfangs emittierte Basisgeldvolumen. (Andere würden daraus schon wieder eine „Umlaufgeschwindigkeit“ stricken.)

      Die Sache mit dem Schleier ist ja das größte Versagen der verantwortlichen VWLler, weil es sich beim Geld nicht um einen Schleier, sondern um die Steuerunginstanz des Kapitalismus handelt. Denn hinter jeder monetären Einkommensbildung steht (hier) ja ein Produktionsprozeß, der Wertschöpfung betreibt und diese deswegen am Markt angeboten werden muß, weil das Schuldendeckungsmittel „Basisgeld“ zur Tilgung von Kredit benötigt wird (ob direkt oder indirekt ist dabei unerheblich). Insofern erzeugt ein Basisgeldvolumen von 600 nicht nur 1.200 Kreditvolumen bzw. Haushaltseinkommen, sondern auch ein entsprechendes Produktionsvolumen, ein Angebotsvolumen und schließlich den Nutzen aus dem Konsum – in der Reihenfolge!

  7. >Nun ist natürlich die “Schöpfung” von Kredit zu (realwirtschaftlichen) Investitionszwecken auch mit einer entsprechenden Erschaffung von Einkommen verbunden, so daß man hiermit auch einen Einkommen-Multiplikator erhält>. Wie man aus einer (neugeschöpften) Geldeinheit auf Einkommen schliessen will, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Also: Person A, ein Bäcker, kauft um 100 (neugeschöpfte) Geldeinheiten bei Person B, einem Landwirt, frischen Weizen ein. Wie hoch ist das Einkommen der Ökonomie (unter der hypothetischen Annahme, dass alle ohne Kosten produzieren)? 100 GE. Nun kauft der Landwirt mit denselben 100 GE bei Person C, einem Gastwirt, ein frisch gebackenes Henderl. Wie hoch ist nun das Einkommen der Ökonomie? 200 GE. Nun kauft der Gastwirt bei Person C, einem Fleischer, eine Wurst um diese 100 GE. Wie hoch ist nun das Einkommen der Ökonomie? 300 GE. Man kann aus den (neugeschöpften) 100 GE alle möglichen Einkommensniveaus erzielen, abhängig davon wie oft die 100 GE zirkulieren. Mir scheint: Der Begriff Einkommen-Multiplikator fusst auf der Annahme, dass neu geschöpftes Geld nicht ausserhalb des arbeitsteiigen Unternehmenskörpers zirkuliert – eine Annahme, die nicht sehr glaubwürdig ist.. Das (neugeschöpfte) Geld kann sich überall hinbewegen, nicht nur innerhalb der arbeitsteiligen Kette, und überall Einkommen schaffen!

    Alfred Felsberger

    • Konstanz Vogel

      @ felsberger2012
      5. Januar 2015 um 21:32

      „unter der hypothetischen Annahme, dass alle ohne Kosten produzieren“

      In einer Wirtschaftsordnung in der Geld die zentrale Rolle spielt, kann natürlich nicht ohne Kosten produziert werden. Selbst die menschliche Arbeitsfähigkeit muss, bevor sie angeboten wird, vorfinanziert werden und nachdem sie nicht mehr angeboten wird, nachfinanziert werden. Etwas aus dem „Nichts“ zu holen, um es dann zu verkaufen, halte ich in einer Geldwirtschaft für nicht möglich.

      Wenn A einen Kredit aufnimmt um bei B etwas zu kaufen, musste B dieses Etwas vorfinanzieren (d.h. selbst einen Kredit aufnehmen) um es an A zu verkaufen. Dem Kredit von A steht der Kredit von B gegenüber. B kann seine Einnahmen von A zur Tilgung seines Kredites verwenden. Damit A seinen Kredit tilgen kann, braucht er, die Ausgaben von B. In Summe steht der Höhe der Einnahmen die aufgenommene Kreditsumme gegenüber und saldiert sich.

      • Mein Beispiel gilt auch dann, wenn die Kosten > Null sind: Niemand kann die Zirkulation von Geld vorher berechnen. Ein Euro, der aus Kredit geschöpft wird, kann schon morgen getilgt werden, ohne dass er je die Hände wechselte. Und er kann hundertmal zirkulieren, bevor er getilgt wird. Das Einkommen im ersten Fall wäre Null, im zweiten Fall: Umsatz minus Kosten, wobei der Umsatz 100 x 1 Euro wäre. Zu berücksichtigen ist freilich, ob der Euro bei jeder Zirkulationsrunde zur Produktion eines Vor- und Zwischenprodukts oder eines Endprodukts führt. Die beiden ersteren würden nicht in die Kalkulation des gesamtwirtschaftlichen Einkommens eingehen. Conclusio: Man kann aus einer neugeschöpften Geldeinheit nicht auf die Grösse des gesamtwirtschaftlichen Einkommens schliessen, das sie nach sich zieht, genausowenig wie aus einem Neugeborenen auf seine zukünftigen Kinder. Dazu müsste die Anzahl der Zirkulationsrunden, Kosten und Art des Produkts bekannt sein.

        PS: Das Argument der Vorfinanzierung der Arbeitskraft ist mir nur in der Marx`schen Rhetorik sympathisch („Reproduktion der gesellschaftlichen Arbeitskraft“). Jeder Versuch aus dem Einzelnen einen „vereinzelten Einzelnen“ zu machen, der sich quasi selbst kalkuliert, ist mir unsympathisch. Diese Art von Individualismus ist nur der Spiegel unserer Zeit, die am liebsten alle zu „Ich-AG`s“ stempelt.

      • Der Punkt ist: eine blosse Einnahmen-Ausgaben-Rechnung sagt gar nichts. Ich kann einen Euro über hundert Hände zirkulieren lassen, wenn nichts produziert wird, entsteht auch kein gesamtwirtschaftliches Einkommen. Im Extremfall tauschen alle nur bestehende Sachwerte aus und das Einkommen aller ist in Summe Null. Diese Einnahmen-Ausgaben-Rechnung ist das Heiligtum der Ökonomen und sie wehren sich mit Händen und Füssen sie um eine Kalkulation der Sachwerte zu erweitern. So kommen dann die verkürzten „Produktionsmodelle“ der Art (Y = C + I) zustande, wo die Ausgaben (C + I) den Einnahmen (Y) entsprechen. In Wahrheit freilich können sich jederzeit unbezahlte Sachwerte (=Lager) aufbauen (abbauen) und die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung durchbrechen. Dann heisst`s nämlich: Y = C + I + Lagerveränderung. Weil nun die Einnahmen-Ausgaben-Identität nicht länger zu halten ist, will ein echter Ökonom davon nichts hören und rechnet lieber mit Y = C + I weiter. Das zeigt deutlich wie ein Dogma alles Denken zerstört.

      • Konstanz Vogel

        @felsberger2012
        21. Januar 2015 um 13:58

        „Mein Beispiel gilt auch dann, wenn die Kosten > Null sind:“

        In Ihrem Beispiel betragen die Kosten für die Produktion Null!

        Bezüglich der Vorfinanzierung der Arbeitsfähigkeit z.B.:
        http://www.familie.de/eltern/wie-viel-kosten-kinder-536481.html

  8. rubycon

    Statt Geschäftsbanken Zentralbankkontenberechtigte?
    Zentralbankgeld, wenn die Registrierung erfolgt bzw. verifiziert wurde?

    • „Zentralbankgeld, wenn die Registrierung erfolgt bzw. verifiziert wurde?“

      So kann man es sehen, auch wenn man berücksichtigen muß, daß Zentralbankgeld nicht nur als Banknote existiert, sondern auch als Forderung gegen eine Zentralbank, wenn diese Forderung auf dasjenige Zentralbankgeld lautet, welches diese Zentralbank auch emittieren kann.

      Man könnte jetzt noch einen Schritt weitergehen, indem man sich vergegenwärtigt, daß ja der Bitcoin gerade versucht die Eigenschaft einer Banknote nachzubasteln. Dabei erkennt man, daß eine Banknote nicht durch das „Papier“ (Baumwolle) erzeugt wird, sondern durch die darauf aufgedruckte Information, nämlich die Serien- oder Registrierungsnummer, welche selbstverständlich auch bei der Zentralbank gespeichert ist. Diese Seriennummer macht eine Banknote dann, wenn sie von der Zentralbank emittiert wurde, zu einem gültigen Schuldentilgungsmittel.

      Umgekehrt: würde eine nicht emittierte Banknote (irgendwie) außerhalb der Zentralbank zum Einsatz kommen würde es sich um „Falschgeld“ handeln, obwohl diese Banknote „normalerweise“ als echt gelten würde. Das liegt daran, daß durch die fehlende Emission (bzw. die fehlende Registrierungsinformation) dieser Banknote bzw. dieser Seriennummer die Schuldentilgungseigenschaft nicht zugewiesen worden ist, diese Banknote mithin „falsch“ ist, weil diese Seriennummer als nicht emittiert gilt.

  9. Konstanz Vogel

    Umlaufgeschwindigkeit mal anders betrachtet.
    Zahl schneller, ich brauch dein Geld.

    Unter der Umlaufgeschwindigkeit versteht man das Verhältnis der gesamtwirtschaftlichen Summe aller in Geld bewerteten realen Transaktionen (Käufe) oder einer gesamtwirtschaftlichen Einkommensgröße zum gesamtwirtschaftlichen Geldbestand. Heute betrachtet man meistens eine Form der Einkommensumlauf-geschwindigkeit, bei der eine gesamtwirtschaftliche Einkommensgröße – wie insbesondere das Bruttonationaleinkommen – auf den Geldbestand bezogen wird. Da es verschiedene Konzepte der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge gibt, unterscheiden sich die verschiedenen Formen der Umlaufgeschwindigkeit auch nach dem benutzten Maß für die Geldmenge.
    Mit Y als Abkürzung für das nominale Bruttonationalprodukt, M1,M2 und M3 für die verschiedenen Arten der Geldmenge und mit V1, V2 und V3 für die zugeordneten Umlaufgeschwindigkeiten gilt jeweils
    Vi= Y:Mi
    http://de.wikipedia.org/wiki/Umlaufgeschwindigkeit_%28Geld%29

    Umlaufgeschwindigkeit Voraussetzung: ein Kreisverhältnis (Anfang und Ende ist ident), Bewegung, Zählstelle (Start – Ziel), Zeit, Zeitmessgerät, eine Sache oder eine Information

    Geschwindigkeit ist gekennzeichnet durch die Richtung einer Bewegung und den Betrag und damit eine vektorielle Größe. Der Betrag gibt an, welche Wegstrecke ein Punkt eines Körpers innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zurücklegt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Geschwindigkeit

    Umdrehung meint eine Drehbewegung (→ Rotation) im Zusammenhang mit der Angabe einer Anzahl. Bei der Angabe beispielsweise „5 Umdrehungen“ hat der Begriff Umdrehung die Bedeutung einer Hilfsmaßeinheit – vergleichbar z. B. mit einer Zeitangabe „5 Sekunden“, bei der die Sekunde die Bedeutung einer Maßeinheit hat.
    Eine Umdrehung als Zählmaß ist äquivalent zu einem Vollwinkel als Winkelmaß.
    Die Anzahl der Umdrehungen pro Zeit bezeichnet man als Drehzahl oder Umdrehungsfrequenz. Meist werden die gezählten Umdrehungen in der Einheit pro Minute (min−1) angegeben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Umdrehung

    Division: Umkehroperation der Multiplikation; Teilung einer Zahl durch eine andere; Teilen oder dividieren bedeutet: Zu einer gegebenen Zahl b (dem ersten Faktor) eine passende Zahl x (den zweiten Faktor) zu finden, sodass die Multiplikation ein gewünschtes Produkt a ergibt. http://de.wikipedia.org/wiki/Division_%28Mathematik%29

    Division Voraussetzung: zwei Zahlen, Kenntnis der Rechenoperation
    kein Kreis, keine Bewegung, keine Zählstelle, keine Zeit, kein Messgerät

    Durch den Begriff „Umlaufgeschwindigkeit“ werden die Gedanken auf eine vollkommen falsche Fährte gesetzt. „Umlaufgeschwindigkeit“ ist eines der vielen Sprachverwirrspiele in den Wirtschaftstheorien.

  10. Konstanz Vogel

    In einem kleinen irischen Dorf oder Geld als Schuldentilgungsmittel

    A hat ein Schuldverhältnis mit B aufgrund von Irgendetwas zum Preis von 100 Zahlungsmitteln, B mit C eines in gleicher Höhe , C mit D ebenfalls und D schuldet, damit es ein „Kreis“ wird, A auch 100.

    Variante 2:
    Zufällig erfahren die vier Beteiligten von ihren Verhältnissen. Sie vereinbaren, die gegenseitigen Schuldverhältnisse aufzulösen, da ja jeder von ihnen bei einem anderen in gleicher Höhe verschuldet ist und, hinzuzufügen ist, damit gleichzeitig eine Forderung gegenüber einem in der Runde hat.

    Hinter der Motivation diese Geschichte zu erfinden und sie zu verbreiten wäre die Vorstellung denkbar, mit nur 100 Zahlungsmitteleinheiten-Einsatz könnten Sachen oder Leistungen, zum Preis von 400, aus einer anderen geldlosen Welt geholt werden und in dieser Welt verteilt werden, wenn man die 100 Einheiten nur zirkulieren lässt. Oder es könnte die Fantasie bestehen, mit nur wenig Geld – viel, viel weniger als heute „umläuft“ – könnte mehr Wohlstand (als heute mit dem vielen Geld) „geschaffen“ werden. Wobei noch mal zu betonen wäre, dass in diesem Beispiel, erstmal, die Sachen und Leistungen ohne Geld „geschaffen“ und verteilt worden sind.

    Variante 1:
    „Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen Stadt,…“
    http://www.welt.de/print/wams/wirtschaft/article13464642/Peter-Sloterdijk-verirrt-sich-in-der-irrationalen-Finanzwelt.html

    • Hallo Herr Vogel,

      in dem WAMS-Artikel klingt ein bißchen an, warum dieses Beispiel zu nichts nütze ist außer der Erkenntnis, daß dann, wenn alle Nettovermögen gleich Null sind auch niemand verschuldet ist. Hilfreich ist dabei sich den Stützel-Begriff des Zahlungsgleichschritts zu Gemüte zu führen, denn sobald eine Wirtschaft durch einen Zahlungsgleichschritt charakterisiert ist, sind automatisch die entstehenden Zahlungssalden gleich Null. In dieser Welt kann alles mit Verrechnungen ausgeglichen werden und dennoch ist jeder bezahlt worden. Diese fiktive Welt ist jedoch genau die Welt der neoklassischen Theorie, wo alle Märkte im Gleichgewicht sind und alle Akteure sich auf der Grenze ihrer Budgetrestriktion befinden. Wie man weiß ist Geld im Grundmodell der Neoklassik nicht enthalten sondern wird nachträglich mit Hilfe der Quantitätstheorie über das Modell gestülpt, was dann auch prompt die Schwierigkeiten hervorgerufen hat die Existenz von Geld in einem Modellrahmen zu motivieren, welches ohne Salden funktioniert.

      Etwas weniger künstlich ist eine derartige Situation die klassische Anwendung eines Wechsels, welcher auch nichts anderes tut, als eine Zahlungsverpflichtung zu dokumentieren und der dann, wenn er zur Zahlung oder Verrechnung einer Leistung (wie in dem Beispiel) an seinem Ursprungsort eingereicht wird, sofort seinen Anspruchscharakter verliert, weil er beim Emittenten angelangt zu einer Schuld/ Forderung gegen sich selbst wird und sich auflöst. Da ist auch nichts Geheimnisvolles dran, was aber damit kolportiert werden soll ist die Gültigkeit des Begriffs „Umlaufgeschwindigkeit“ (die eigentlich besser als „Eigentümerwechselhäufigkeit“ bezeichnet wäre) zu motivieren, obwohl ein Wechsel der Banknote von Hand zu Hand völlig überflüssig ist. Das wird dann ersichtlich, wenn es in dieser Zahlungskette irgendwo einen unausgeglichenen Saldo gibt, denn dann kann der Hotelier den 100er nicht mehr dem potentiellen Gast zurückgeben und muß sich auf Unterschlagung verklagen lassen.

      Geld ist daher erst dann vonnöten, wenn es zu Zahlungssalden kommt, die irgendwie ausgeglichen werden müssen. Vgl.:
      https://soffisticated.wordpress.com/2013/10/24/geld-der-saldenausgleichstandard-von-geschaftsbanken/

      • Konstanz Vogel

        soffisticated
        26. Januar 2015 um 18:38

        Hallo Herr Menéndez

        Ich wäre für eine Darstellung dankbar, was mit dem Begehren die „Eigentümerwechselhäufigkeit“ zu ermitteln bezweckt werden soll und ob dies aus ihrer Sicht sinnvoll ist.

      • Hallo Herr Vogel,

        dieser Ausdruck sollte ja nur beschreiben, wie oft in dem Beispiel der Geldschein den Eigentümer wechselt, irgendwelche besonderen Erkenntnisse sind damit ja nicht verbunden. Allerdings ist er etwas zutreffender als die übliche nonsense-Bezeichnung „Umlaufgeschwindigkeit“, die seit Jahrzehnten die geldtheoretische Diskussion intellektuell verseucht – einige Probleme damit hatten Sie ja selbst aufgelistet.

    • Vandermonde

      Ihr Beispiel deutet eher darauf hin, dass es vermutlich grundsätzlich sinnvoll ist, wenn mehr kleinere Forderungen häufiger zirkulieren, da dann einfach die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass mehr Leute daran beteiligt sind.

      Das wäre jedoch eigentlich eine Kritik an der Vermögensverteilung bzw. genauer: an der Größenordnung und Frequenz der Zahlungsströme und der Anzahl der jeweils beteiligten Eigentümer mit dem sich daraus ergebenden Vermögensbestand als Symptom.

  11. Konstanz Vogel

    „…aus einer anderen geldlosen Welt geholt werden“

    Mir scheint hier das Landnahme Theorem eine Rolle zu spielen. Dieser Begriff ist mir vor Kurzem untergekommen, vielleicht hat sich jemand damit schon beschäftigt und könnte etwas dazu schreiben?

    • Welchen Aspekt des Landnahme-Theorems meinen Sie? Rosa Luxemburg hat das seinerzeit gegen Marx ins Feld geführt, allerdings nur deshalb, weil die Profittheorie von Marx hoffnungslos defizitär ist. Aber die Imperialismustheorie ist doch damit nicht gemeint?

      • Konstanz Vogel

        Zur Präzisierung von „…aus einer anderen geldlosen Welt geholt werden“ – Mir scheint hier das Landnahme Theorem eine Rolle zu spielen, kurz:

        Der Kapitalismus reproduziert sich nicht aus sich selbst heraus, sondern aus einem Nicht-Kapitalistisch-Anderem.

        https://www.youtube.com/watch?v=TJ-6LbYfpQA („Landnahme des Sozialen – Dynamik und Grenzen des Kapitalismus“ Prof. Klaus Dörre (1/5))

  12. felsberger2012

    @ Vogel:

    Es gibt im ersten Band des „Kapital“ ausreichend Belege dafür, dass Marx die Staatsschuld als „energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation“ sah:

    >Das System des öffentlichen Kredits, d.h. der Staatsschulden, dessen Ursprünge wir in Genua und Venedig schon im Mittelalter entdecken, nahm Besitz von ganz Europa während der Manufakturperiode. Das Kolonialsystem mit seinem Seehandel und seinen Handelskriegen diente ihm als Treibhaus. So setzte es sich zuerst in Holland fest. Die Staatsschuld, d.h. die Veräußerung des Staats – ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch – drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin, daß ein Volk um so reicher wird, je tiefer es sich verschuldet. Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der Sünde gegen den heiligen Geist, für die keine Verzeihung ist, der Treubruch an der Staatsschuld.> (K. Marx, Kapital I, MEW 23, 781f.)

    Wenn man von dem Gedanken eines blossen Hebels, den Marx anhang, abgeht, und die Staatsschuld selbst als das Ziel der „ursprünglichen Akkumulation“ sieht, an deren Ausdehnung sich die Forderungen der Geld-Kapitalisten entfalten (es gilt für die Welt: Forderungen der Geld-Kapitalisten = Verbindlichkeiten der Unternehmen + Verbindlichkeiten des Staates), dann stellt sich der gesamte monetäre Prozess als Ausschlachtung der Staatsschuld zum Zwecke der „Geld-Ware-Mehr Geld“-Dynamik dar. Was unter Bedingungen einer staatenlosen kapitalistischen Welt (Geld-Kapitalisten, Arbeiter und Unternehmen) nicht möglich ist: nämlich aus Geld „Mehr Geld“ zu machen, wird dann zum bewussten Ziel der Bewegung: Man beutet Staaten aus um sich nach dem Muster „Geld-Ware-Mehr Geld“ zu bereichern.

    PS: Ich behaupte nicht, dass Marx so gedacht hat, aber zumindest scheint sein Denken mit diesem Argument konform zu gehen. Das entschuldigt natürlich nicht seinen logischen Fehlschluß in Bezug auf „Geld-Ware-Mehr Geld“ in einer staatenlosen Welt, was ein Ding der Unmöglichkeit ist.

  13. Huthmann

    Leider bin ich erst jetzt auf Ihren Artikel gestoßen. Schaue ja von Zeit zu Zeit bei Ihnen vorbei.

    Mir scheint, Sie nähern sich mit Ihren Einsichten den Österreichern und deren Erkenntnissen, was die Ursachen für Auf- und Abschwung und somit Konjunkturzyklen sind.

    MfG Huthmann

    • Ich nehme mal stark an, daß es nicht einen einzigen „Austrian“ gibt, der auch nur ansatzweise die hier in diesem Blog diskutierten Gedanken nachvollziehen will. Denn „Austrian“-Denke orientiert sich an Zuwachsraten von Kornbeständen und hat für soziale Aspekte wie es die abstrakten Geld-Schuldbeziehungen sind, nicht nur kein offenes Ohr, sondern Scheuklappen mit davor vernagelten Brettern.

      Selbstverständlich gibt es Konjunkturzyklen, deren Ursache im Grunde genommen in der nicht abgestimmten Periodizität individuell gestalteter Investitionsverläufe besteht (ich weiß – etwas kryptisch). Bei dieser Geschichte geht es aber um geldtheoretische Abläufe und nicht um eine „Umwegproduktivität“ á la Böhm-Bawerck. Man kann letzteres als „Erkenntnis“ bezeichnen – das war die geozentrische Sicht der Welt aber auch…🙂

  14. Huthmann

    „Selbstverständlich gibt es Konjunkturzyklen, deren Ursache im Grunde genommen in der nicht abgestimmten Periodizität individuell gestalteter Investitionsverläufe besteht (ich weiß – etwas kryptisch). “

    Überhaupt nicht kryptisch, sondern absolut korrekt. Ich würde sogar behaupten, daß das der Kern von Konjunkturzyklen, denn das „Schürfen von Produktivitätsschätzen“ kann in einem Boom kaum anders funktionieren als durch ein Überschießen. Dann nämlich erkennt man erst das Ende.

    MfG

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