loans make assets

missing-keysMan wundert sich gelegentlich über den Enthusiasmus, mit dem von Vertretern einer ’new view‘ oder „modernen“ Version von Geld ein Fundamentaltheorem verfochten wird, welches angeblich die gesamte Sicht über das Geldwesen verändern soll. Es geht hier um die Geschichte, daß verkürzt gesagt durch die Vergabe von Krediten dazu korrespondierend Einlagen geschaffen werden und diese dann als Geld interpretiert werden. Dazu kommen dann so herzige „Geldmengendefinitionen“ in denen ein Teil der Bankschulden zur Geldmenge gerechnet werden, weil sie ja in den Bilanzen der Haushalte als Aktiva auftauchen. Nun kann man ja seine Sicht der Welt auch mit nicht gerechtfertigtem Enthusiasmus verfechten, jedoch wird die Sache dann ärgerlich, wenn dann die Vertreter dieser Lehre meinen mit einem derart zweifelhaften Konstrukt eine etablierte Theorie schachmatt setzen zu können wobei dann auch noch elementare Sachverhalte durcheinanderwürfelt werden.

Ein schönes Beispiel ist dafür P. Mehrling in seinem Post:

http://www.perrymehrling.com/2015/06/why-is-money-difficult/

Sucht man die Antwort auf die dort aufgeworfene Frage müßte man antworten, daß nicht das Geld schwierig zu erklären ist, sondern seine Behandlung dieser Materie nicht verständlich ist und es deswegen nicht schwierig sondern unmöglich ist ein vergleichsweise einfaches Konstrukt zu verstehen. Denn wenn man sich den Artikel ansieht stellt man fest, daß M. einfachste Sachverhalte in unzulässiger Weise vermischt. So schreibt er ziemlich zu Anfang:

„Banks make loans by creating deposits, expanding their balance sheets on both sides simultaneously. This process apparently offends common sense understanding of what it means to make a loan—I can only lend you a bicycle if I already possess a bicycle.“

Der erste Satz ist ja noch in Ordnung und die simultane Entstehung von Forderungen und Verbindlichkeiten entspricht ja auch dem Grundmuster eines jeden Vertrages, welcher rechtsgültig zustandekommt, sobald zwei übereinstimmende Willenserklärungen vorliegen und diese von beiden Seiten angenommen worden sind (Angebot und Annahme). Aber schon im zweiten Satz beginnt die Konfusion, weil Mehrling offenbar davon ausgeht, daß ein Vertrag unwirksam oder unmöglich sei, wenn die Partei, die ein Fahrrad zu verleihen verspricht (noch) kein Fahrrad besitzt, welches sie verleihen könnte. Hier werden von M. unzulässigerweise zwei Dinge vermischt, die strikt auseinandergehalten werden müssen: das eine ist die Verpflichtung etwas zu tun oder zu liefern, das andere ist die Erfüllung dessen, wozu sich die Vertragsparteien verpflichtet haben. Denn ein Vertrag ist (im Prinzip) auch dann gültig, wenn eine oder beide Parteien die Verpflichtungen, die sie eingegangen sind, nicht erfüllen wollen oder können.

Wenn man also fest davon überzeugt ist, daß eine Verpflichtung bereits seine Erfüllung beinhaltet kann man auf einmal nicht mehr auf die simple und angemessene Aussage kommen, daß Geld die Sache zur Erfüllung einer Geldschuld ist – nicht mehr und nicht weniger. Denn eigentlich ist das ‚deposit‘ nichts anderes als die Erklärung der Bank auf Anforderung des Kreditkunden einen Transfer von Zentralbankgeld durchzuführen was schlichtweg bedeutet, daß die Bank erst dann das Zentralbankgeld zur Erfüllung ihrer Verbindlichkeit haben muß, wenn der Kreditkunde darüber verfügen will. Sobald man das einmal geblickt hat versteht man überhaupt nicht mehr, was M. mit der ‚alchemy of banking‘ meinen könnte, denn die Tatsache, daß ein Vertrag aus gegenseitig eingegangenen Verpflichtungen besteht ist weder besonders unverständlich noch für esoterische Mystifikationen geeignet. Und ein ‚common sense‘ wird nur dort gestört, wo ein fehlerhaftes Verständnis der Struktur von Verträgen vorliegt – soll es ja geben. An sich ist die Sache ja noch schlimmer: der Vorwurf von M., daß ein falsches Verständnis von Geld besteht (die ‚barrier‘ des korrekten Verständnisses) wird mit einem fadenscheinigen Argument begründet, indem dem arglosen Leser suggeriert wird, daß die Essenz des Bankwesens ‚a swap of IOUs‘ wäre. Was für ein dünnes Brett: das gegenseitige Eingehen einer Schuld ist eine Grundfigur des Rechtswesens und nennt sich: Vertrag. Daß im Bankwesen Verträge geschlossen werden deren einziger Unterschied zum Kauf eines Gegenstandes darin besteht, daß nicht erst die Gegenleistung (Kaufpreis) eine Geldzahlung sein soll sondern bereits die Leistung, soll jetzt ernsthaft DAS Spezifikum von ‚banking‘ sein? Wer soll damit veralbert werden?

Wenn man nun glaubt, das wäre nicht schon genug Konfusion wird kurz danach eines besseren belehrt wo es sich zeigt, daß der eingangs gemachte Fehler, das Versprechen schon für die Erfüllung zu halten, sich fröhlich fortpflanzt. Weiter heißt es bei M.:

„Money is part private (bank deposits) and part public (central bank currency), though in normal times we hardly notice because the two kinds of money trade at par.“

Sobald zwei Dinge (‚two kinds of money‘) sich im Verhältnis 1:1 austauschen könnte man denken, es würde sich hier um zwei sachlich gleiche Dinge handeln, die weil sie ‚getraded‘ werden jeweils als Erfüllung einer Schuld zu übergeben sind. Vermutlich meint M. aber, daß eine Barein-/ auszahlung auf einem Konto zu einer ebensolchen Veränderung des Kontostandes führt, was ja auch dem üblichen Procedere entspricht. Was nicht stimmt ist, daß sich hierbei gleiche Dinge austauschen, denn die einzige Sache, die im Rahmen dieser Transaktion übergeben wird ist das Bargeld, während die Erhöhung/ Verminderung des Kontostandes diese Übergabe als Veränderung der Schuld-/ Forderungsposition registriert. Daß dies überhaupt möglich ist liegt an einem dem Konto zugrundeliegenden Geschäftsbesorgungsvertrag, der es den Bankkunden ohne Einzelvereinbarung ermöglicht die Bank zu verschulden, indem er ihr das Schuldentilgungsmittel Geld übergibt (et vice versa). Die Übergabe von Bargeld zur Einzahlung auf ein Konto hat seitens der Bank damit nicht etwa zur Folge, daß sie etwas gleichwertiges übergibt wie es offenbar M. vorschwebt, sondern erzeugt lediglich einen Buchungseintrag dahingehend, daß der dem Kunden zur Verfügung stehende Betrag sich um ein gewisses Quantum erhöht hat.

Es gehört schon einiges dazu die Erhöhung einer Schuldposition als die Übergabe einer dem Bargeld äquivalenten Sache zu interpretieren. Nun weiß man ja inzwischen, daß es genügend Verfechter einer „modernen Geldtheorie“ gibt, die allen Ernstes behaupten, daß diese Schulden (auch genannt Depositen oder „Einlagen“) „zirkulieren“ würden, womit sich auch die Vorstellung rechtfertigen ließe, daß es einen Tausch Bargeld gegen Depositen geben würde. Diesem Glauben liegt die Vorstellung zugrunde, daß ein Depositum eine Sache sei, bei der man von den Parteien, die das Depositum ausmachen abstrahieren könne. Dem ist aber nicht so, denn das Schuldverhältnis einer Bank A zu ihrem Kunden A ist grundsätzlich etwas anderes als das Schuldverhältnis einer Bank B zu ihrem Kunden B – selbst dann, wenn es sich um den gleichen Betrag handelt und auch dann, wenn bei einer Überweisung von A zugunsten von B die Auflösung des Schuldverhältnisses A zu der Begründung des Schuldverhältnisses B führt und somit das Entstehen von B kausal mit der Auflösung von A zusammenhängt. Richtig ist dagegen: Schuldverhältnis A wird gelöscht, Schuldverhältnis B wird neu begründet – wie man darauf kommt, daß hier ein „Depositum zirkulieren“ würde ist nicht mit normalen sondern nur mit schlampigen Denkweisen zu erklären.

Genau das wird aber einem untergejubelt wenn es heißt:

„You and I use bank money to settle our promises to pay, but banks use central bank money…“

obwohl M. ja eigentlich selbst sagt, daß Banken überhaupt nie und noch nicht einmal im Traum daran denken irgendwelche „Depositen“ als Zahlung zu akzeptieren, sondern Bank B solange mit der Gutschrift für Kunden B wartet, bis sie die Verfügungsmöglichkeit über den fraglichen Betrag auch erhalten hat – entweder direkt als Zentralbankgeld in bar (unüblich aber möglich) oder als Forderung gegen die Zentralbank oder auch als Forderung auf Zentralbankgeld gegen die überweisende Bank A. Auf jeden Fall wird die Empfängerbank B auf den Zugang eines Aktivums bestehen wenn sie sich gegenüber ihrem Kunden B verschulden soll – sonst wird es mit der Deposite nichts.

Sobald man also die ganze Geschichte mal nüchtern betrachtet gibt es überhaupt keine Veranlassung aus der Formel ‚loans make deposits‘ irgendwas anderes herauszulesen als den schnöden Umstand, daß ein Kredit aus sich gegenseitig entsprechenden zeitlich versetzten Zahlungsversprechen besteht. Von diesen Zahlungsversprechen ist der eine Teil das ‚deposit‘, während der andere Teil das ‚asset‘ ist, die beide zusammen den ‚loan‘ ausmachen. Daraus folgt aber in keiner Weise, daß damit ein übergabefähiges Aktivum entstanden ist welches zur Tilgung von Geldschulden verwendbar wäre auch wenn die Bank nun verpflichtet ist auf Anforderung ihres Kunden dasjenige Schuldendeckungsmittel zu transferieren, zu dem sie sich verpflichtet hat: Zentralbankgeld – ein Aktivum. Denn ein Vertrag ist eine Absichtserklärung ist eine Absichtserklärung ist eine Absichtserklärung und eine Vertragserfüllung erfolgt mit einem Aktivum einem Aktivum einem Aktivum.

Von daher ist zu fragen, was diese Formel ‚loans make deposits‘ inhaltlich aussagen soll. Rein phänomenologisch gesehen wirkt dieser Satz gewissermaßen als Aussage dahingehend, daß ein ‚loan‘ ein ‚deposit‘ impliziert, d.h. aus dem Vorliegen eines Kredites kann auf die Existenz einer Einlage geschlossen werden in dem Sinne: WENN ein Kredit erteilt wird DANN wird auch eine Einlage erzeugt. In der Aussagenlogik wird die Relation K(redit) → E(inlage) sprachlich ausgedrückt als K ist hinreichend für E. was eben heißt, daß wenn K gegeben ist auch E gegeben ist, was im Zusammenhang mit einem Kredit bedeuten könnte, daß dem Kredit der Bank auch eine Summe „Geld auf dem Konto“ gegenübersteht (auch wenn auf einem Konto NIE Geld sein kann). Das ist auch nicht komplett falsch weil üblicherweise eine Kreditvergabe auch zu einer Erhöhung des Kontostandes führt. Von daher müßte man aus der Gewährung eines Kredites auf die Existenz eines korrespondierenden Depositums schließen können.

Es ist allerding fraglich, ob ein derartiger Schluß überhaupt einen Sinn macht, denn schon die Definition eines Kredites als übereinstimmende Willenserklärungen zu vereinbarten Terminen Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen bzw. zu zahlen bedeutet, daß für das Zustandekommen eines Kredites gegenläufige Zahlungsverpflichtungen konstituierend sind. Es ist ja so, daß ein Kredit aus 4 Bilanzänderungen besteht, nämlich zwei bei der Bank und zwei bei dem Kreditkunden. Insofern müßte man die Formel ‚loans make deposits‘ dahingehend präzisieren, daß dem ‚deposit‘ – also dem Paar Verbindlichkeit Bank und Forderung Kreditkunde – das Paar ‚loan‘ – also das Paar Bankforderung und Kreditverbindlichkeit – gegenübersteht. Das Herausgreifen eines Aspektes macht aber isoliert keinen Sinn, weil ein Kreditkontrakt alle 4 Positionen umfaßt und insofern die Aussage ‚loans make deposits‘ nicht viel mehr aussagt, als daß in dem Gesamtpaket ‚loan‘ auch ein ‚deposit‘ mit enthalten ist – genauso wie ein ‚asset‘ der Bank, nämlich die Forderung an den Kreditkunden bzw. dessen Verbindlichkeit. Man könnte also mit derselben Berechtigung formulieren: ‚loans make assets‘ – und würde auch damit nur einen Teil des Kreditverhältnisses adressieren!

Wenn man so will wird durch die Formulierung ‚loans make deposits‘ eigentlich nur ausgesagt, daß in der Gesamtheit ‚loan‘ auch die „Teilmenge“ ‚deposit‘ enthalten ist, was angesichts der Definition einer Kreditvereinbarung nicht wirklich als eine große Erkenntnis einzustufen ist. Die Frage ist eher inwieweit die „Teilmengen“ ‚deposit‘ und ‚asset‘ als eigenständige Entitäten aufgefaßt werden können. Und tatsächlich lassen sich für beide Aspekte ohne weiteres Transaktionen finden ohne daß dabei ein Kredit mit hineinspielen würde. So kann eine Bank ein ‚deposit‘ erstellen, wenn z.B. das Gehalt eines Bankangestellten fällig wird oder sie eine Goldmünze ankauft – ein ‚deposit‘ ohne ‚loan‘ ist also ohne weiteres möglich. (Letzteres bedeutet dann auch, daß ein ‚deposit‘ nicht hinreichend für einen ‚loan‘ ist, sondern lediglich notwendig – im aussagenlogischen Sinne! Heißt: aus einem ‚deposit‘ kann nicht zwingend auf einen ‚loan‘ geschlossen werden.) Allgemein gesagt können durch Leistungstransaktionen jederzeit ‚deposits‘ geschaffen werden wobei für die Bank kein ‚asset‘ mit anfällt. Etwas anders liegt der Fall der ‚assets‘ ohne ‚loan‘, denn das bedeutet den Zugang einer Forderung ohne Zugang einer (monetären) Verbindlichkeit, also wenn die Bank z.B. die Goldmünze wieder verkauft. Allgemein gesagt können ‚assets‘ und ‚deposits‘ aus Leistungstransaktionen entstehen, ohne daß dazu ein ‚loan‘ nötig wäre.

Aber auch wenn weder ‚deposit‘ noch ‚asset‘ alleine hinreichend für einen ‚loan‘ sind könnt man darüber nachdenken, ob aus der Kombination ‚deposit‘ UND ‚asset‘ geschlossen werden kann, daß nunmehr ein ‚loan‘ vorliegt…

deposit UND asset  →  loan  ?

Denn der Unterschied zwischen Leistungs- und Finanztransaktionen liegt ja wie gesehen darin, daß bei ersteren wenigstens ein Schuldteil eine nicht monetäre Leistung ist, während bei letzteren beide Schuldteile aus monetären Transfers bestehen…

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45 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, wonkish

45 Antworten zu “loans make assets

  1. enrico

    1.Es gibt Kredite bei denen Kreditschulden und entsprechend “Geld” entsteht.

    2.Es gibt Kredite, bei denen Kreditschulden nur weiter gegeben werden und dabei -im Endeffekt- weder “Geld” noch Sparguthaben entstehen.

    3.Es gibt Kredite, bei denen alte Kreditschulden von der Bank übernommen werden und neue, längerfristige Kreditschulden bei Neuschuldnern entstehen. Die alten, von der Bank übernommenen Kreditschulden werden anschließend an die Sparer (B) weiterverteilt, wobei “Geld” vernichtet wird und Sparguthaben neu gebucht werden. Diese Art der Kredite sollte man am besten “Darlehen” nennen.

    4.Es gibt eine Form (A) des Sparens, bei welchem “Geld” nur in Sparguthaben eingefroren wird.

    5. Es gibt eine Form (B) des Sparens, wo “Geld” vernichtet wird und dafür Sparguthaben entstehen.

    Nochmal zu 3. :
    Hier kann das Sparen vor oder nach oder Vergabe des Kredites erfolgen. Wird vorher gespart, dann wird nach der Vergabe des Kredites Sparguthaben der Form A in Sparguthaben der Form B umgewandelt. Wird nachher gespart, dann erscheinen die entsprechenden Sparguthaben gleich in Form B.

    Dies wird nach der herrschenden Lehre natürlich nicht so gesehen.

    Gruß, enrico

    • enrico

      Nochmal zu Punkt 4.:

      4.: Hier haben wir eine Form des Sparens (A), wo Geld stillgelegt wird. Deshalb kann man hier sagen, dass das Geld “deposit” ist. Hier wird aber das Geld nicht verliehen, sondern eben nur nicht ausgegeben. Es hat den gleichen Effekt wie das Horten von Geld.

      Volkswirtschaftlich gesehen ist die Form A des Sparens in einem bestimmten Rahmen sinnvoll, da ja bei geldschöpfenden Krediten für das neugeschöpfte Geld noch keine Waren neu entstanden sind.
      Damit kaufen die Gehälter von gestern die Produkte von gestern. Ohne dieses Sparens (A) können aber bereits die Gehälter von heute die Produkte von gestern kaufen*.
      Betriebswirtschaftlich, aus Sicht der Bank gesehen ist die Form A des Sparens sinnvoll um Fristenkongruenz zu schaffen.

      Im Falle des Sparens in Form B handelt es sich nicht um “deposits” da hier das gesparte Geld verbraten wird. Hier bezahlen die Sparer die Lieferungen an Darlehensnehmer wobei Geld vernichtet wird.

      Jetzt sollten noch die entsprechenden Vorgänge beim Entsparen dargestellt werden:

      6. Beim Entsparen des Sparens der Form A wird eingefrorenes Geld nur wieder aufgetaut.
      7. Beim Entsparen des Sparens der Form B wird dagegen Geld neu geschöpft.

      – – – – – – – – –

      *im heutigen “kapitalistischen” Wirtschaften herrscht der Glaube, Unternehmen müssten Gewinne in Form von Geldüberschüssen machen. Das ist aber volkswirtschaftlich gesehen nur möglich, wenn tatsächlich das heute entstandene Geld die Produkte von gestern kauft und ebenfalls nur möglich, wenn die Geldschöpfung durch Kredite dabei laufend ein bisschen zunimmt (ständiges Wirtschaftswachstum).

      Betrachtet man die Zusammenhänge etwas tiefer, dann kann man erkennen, dass dieses Streben nach Geldgewinnen ziemlich idiotisch ist und dass die Unternehmen auch auf anderem Wege zu Rücklagen kommen können.

      Das “Glanzberg-Modell” wäre eine Methode die das möglich machen könnte:
      http://copyshop-live.de/Glanzberg-Model_Nov_2016.pdf

      (Leider habe ich in der Einleitung ein paar Fehler gemacht. Die saldenmechanische Darstellung ab Seite 27 ist aber in sich stimmig.)

      – – – – – – – – – –

      Alles Gute für 2017! Gruß, enrico

  2. Hallo Herr Menéndez,

    ich gehe mal davon aus, dass ich nicht ganz unschuldig bin an der Motivation für diesen Beitrag: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2016/12/05/kapitalmarktunion-eine-gefahr-fuer-die-finanzmarktstabilitaet_10053#comment-217799.

    Ich kann selbstverständlich nicht für Perry Mehrling sprechen, bin mir aber nicht sicher, ob Sie hier mehr hinein interpretieren, als Mehrling zum Ausdruck bringen wollte und Mehrling sogar etwas unterstellen, was er gar nicht geschrieben hat; denn Mehrling schreibt ja lediglich vom „common sense“ in Anführungszeichen; und der ist ja bekanntlich nicht immer in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

    Auch Ihre Vermutung, dass Mehrling zwei unterschiedliche Dinge gleich behandelt, scheint mir nicht ganz zu stimmen, da Mehrling immer wieder die Geldsystemhierarchie in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt. Aber vielleicht habe ja auch ich etwas übersehen und/oder zu großzügig interpretiert und Sie liegen mit Ihrer Kritik richtig.

    Was den fundamentalen Perspektivwechsel anbelangt (kopernikanische Wende) zähle ich in der Tat noch zur absoluten Minderheit; ebenso wie Steve Keen, der sich derselben Analogie befleißigt und dessen Vorstellungen zum Thema Geld und Kredit sich durchaus in Ihrer Skizze einer Konjunkturtheorie des Kreditgeldes wiederfinden. In dieser Lecture zieht Keen über eine Stunde lang die Parallele zum geozentrischen Weltbild und den gängigen ökonomischen Richtungen, die alle das Thema Kredit ausblenden. Er ist damit zugleich der größte Kritiker der Loanable-Funds-Theorie: https://www.youtube.com/watch?v=0o0In_4R1l4 insbesondere ab Minute 28:45.

    LG Michael Stöcker

    • Hallo Herr Stöcker,

      Ihre Vermutung ist durchaus richtig, allerdings hatte ich keine rechte Lust mich in die Debatte im Herdentrieb einzumischen.

      Natürlich können Sie nicht für Mehrling sprechen, aber Sie sollten ihm auch nicht auf den Leim gehen, denn er macht den systematischen Fehler Verpflichtung und Verfügung nicht auseinanderzuhalten – und da ist er erfreulich deutlich, etwas anderes kann man daraus nicht entnehmen.

      Das Tragische an der Geschichte ist doch eher, daß die legitime Absicht der Theorie der Tauschwirtschaft eine Theorie der Geldwirtschaft entgegenzusetzen aus logischen Gründen nicht gelingen kann, wenn der Gegenentwurf auf einem Scheingegensatz beruht. Denn hier wird dem neoklassischen „exogenen“ Geld (das in Wahrheit aus theorieimmanenten Gründen ein Element des Güterspektrums sein muß) ein „endogenes“ Geld entgegengesetzt, welches nun der Startpunkt für eine „richtige“ Theorie der Wirtschaft sein soll. Dieses „endogene“ Geld findet sich aber nun auf einmal nicht mehr wie in der Neoklassik auf der Aktivseite, sondern ist ein Passivum – die Depositen – mit denen man angeblich zahlen können soll. (Plausibel wird die Geschichte dadurch, daß ja die Haushalte, die „Geld auf der Bank“ haben tatsächlich ein Aktivum für Zahlungszwecke einsetzen. Dieses Aktivum ist jedoch nie losgelöst von dem korrespondierenden Schuldverhältnis zu sehen – und mit dem Schuldverhältnis zu seiner Bank kann man eben nicht zahlen.)

      Der Scheingegensatz besteht daraus, daß „endogenes“ und „exogenes“ Geld überhaupt keinen Gegensatz, sondern vielmehr eine Einheit darstellen, weil das „endo“ die Schuldbeziehungen zwischen Wirtschaftseinheiten betrifft, während das „exo“ immer dann in Erscheinung tritt, wenn es zu einer Begründung oder Auflösung von Schuldbeziehungen kommt. Es handelt sich beim Geldsystem nicht um ein Gegeneinander, sondern um ein Miteinander von Schuldbeziehungen und Zentralbankgeld. Deswegen ist die Geschichte um ‚loans make deposits‘ so unendlich fruchtlos, weil natürlich jeder jedem gegenüber irgendwelche Zahlungsversprechen machen kann und es völlig bedeutungslos ist die Schulden der Banken als ‚deposits‘ zu bezeichnen – weil es trotzdem Schulden bleiben. Und auch die Bank braucht, wenn sie ihre Schulden gegenüber ihrem Kunden begleichen soll (Überweisung) ein Aktivum – Zentralbankgeld. Dieses Zentralbankgeld kennen die Tauschwirtschaftstheoretiker aber nicht, weswegen es sinnlos ist in Opposition zu einem exogenen Geld zu gehen, weil man damit den Theoriegegner überhaupt nicht trifft. Im Gegenteil macht man es sich selbst unmöglich zu einer unabhängigen Konzeption zu kommen.

      Vielleicht sollte man die Geschichte mit der kopernikanischen Wende nicht nur immer wieder erzählen sondern auch mal ernst nehmen: diese bestand ja nicht darin das heliozentrische Weltbild als falsch zu verwerfen, weil es nämlich nicht falsch ist, sondern nur unangemessen kompliziert. Der eigentliche Fortschritt bestand daraus ein neues Denkmuster zu generieren, welches sich von dem Dogma, die Erde sei der Mittelpunkt des Weltalls, befreit. Befreien heißt, daß es keine Rolle mehr spielt und insofern auch keinen Einfluß auf die Formulierung einer anderen Konzeption hat. Was machen aber die „Endogenen“? Gehen in Opposition zu einem „exogenen Geld“ und wundern sich, daß sie den Widersprüchen nicht entkommen… so wird das nix!

      • enrico

        [….] weil es nämlich nicht falsch ist, sondern nur unangemessen kompliziert.

        sehr richtig ausgedrückt!
        Es ist unkomplizierter die Vorgänge statt von der Erde (gedanklich) von der Sonne aus zu beobachten.

        Genauso ist es bei der Betrachtung der Kreditvorgänge: Statt auf das Aktiva (Geld oder Geldguthaben) zu achten, ist es wesentlich unkomplizierter das Passiva (die Schulden) zu verfolgen. Wo es entsteht, wo es weitergeht und wo es wieder vernichtet wird.

        LG, enrico

      • „Was machen aber die „Endogenen“? Gehen in Opposition zu einem „exogenen Geld“ und wundern sich, daß sie den Widersprüchen nicht entkommen… so wird das nix!“

        Stimmt leider – dabei wäre dieser unnötige Fehler durch einen Blick ins Vertragsrecht zu beseitigen, wie Sie ja schön gezeigt haben. Wenn man schon so weit ist, könnte man dann aber auch mal angehen, die unterschiedlichen Entstehungsprinzipien von privatrechtlichen Schuldverhältnissen und öffentlichrechtlichen Steuerschulden im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Beschränkungen der Verschuldungsmöglichkeiten für Private und für Staaten genauer zu beleuchten, als die MMT das tut.

        Das tun Sie sicher demnächst in einem weiteren Beitrag …

      • Dieses „endogene“ Geld findet sich aber nun auf einmal nicht mehr wie in der Neoklassik auf der Aktivseite, sondern ist ein Passivum – die Depositen – mit denen man angeblich zahlen können soll.

        Sie rennen mit Ihrer Kritik bei mir offene Türen ein. Insofern kann ich nicht so recht verstehen, warum Sie glauben, ich sei Mehrling auf den Leim gegangen. So wenig man mit einem Passivum bezahlen kann, so wenig kann man ein Passivum verleihen. Auch das geht immer nur mit einem Aktivum. Zudem sollte man zwischen Leihe und Kredit nicht nur aus juristischen Gründen differenzieren. Aber wem erzähle ich das? Das ist beim Meister der Wortgirlanden ja Eulen nach Athen getragen.

        Noch zum Thema endo/exo: Staat und Zentralbank bilden letztlich eine Einheit. Durch den definitiven Ankauf von Staatsanleihen kommt es zu einer Vermischung der Hierarchieebenen. Ob diese Vermischung nur temporären oder aber ewigen Charakter hat, hängt dann aber am Zusammenspiel von Fiskus und Zentralbank. Ich nenne das ganze Monetären Dualismus (Seite 9). Was in früheren Zeiten normale monetäre Staatsfinanzierung war, sollte heutzutage besser als QE4P ablaufen; eine sinnvolle Maßnahme zur Krisenbewältigung, auf die auch Steve Keen in letzter Zeit immer wieder hinweist.

        LG Michael Stöcker

      • Hallo Herr Stöcker,

        na immerhin haben Sie Mehrling als Weihnachtslektüre empfohlen und in Aussicht gestellt („… reichlich beschert…“), daß man dadurch zu (neuer) Erkenntnis kommt. Dann sollte man erwarten können, daß derartige Korken darin nicht enthalten sind zumal Sie sich ja ausdrücklich dahingehend positionieren, daß das mit der Zahlung mittels eines Passivums doch nicht so ganz der Weisheit letzter Schluß ist. Zur Untermauerung der eigenen Argumente eignet sich Mehrling und ähnliches in keiner Weise, im Gegenteil macht man sich bei einem Bezug darauf selber angreifbar.

        Warum Steve Keen sich zum Fürsprecher aller möglichen Merkwürdigkeiten wie z.B. ‚positive money‘ macht ist vor dem Hintergrund seiner bisher ausgesprochen seriösen Forschung nicht so leicht zu erklären. Vielleicht muß man auch bei den „Heterodoxen“ mit den Leitwölfen heulen, damit man an die Futtertröge kommt, seine Forschungsarbeiten geben das nicht wirklich her.

      • Hm Das Passivum der Bank ist das Aktivum des Bankkunden. Und wenn ich meinen alltaeglichen wirtschaftlichen Umgang richtig erinnere, dann kann ich mit meinem Aktivum, der Sichtforderung auf ZBG, obwohl sie kein gesetzliches Zahlungsmittel ist, sehr wohl zahlen, ohne das die Bank ihrerseits ihre Aktiva beruehren muss, solange mein Zahlungsempfaenger Kunde der selben Bank ist. Erst wenn mein Aktivum die Bank verlaesst, muss auch die Bank ihrerseits ein Aktivum bewegen, um ihre Bilanz im Gleichgewicht zu halten, denn mein Aktivum, was die Bank verlaesst, ist ihr Passivum, das Dank unmoeglichem einarmigen Bilanzieren, von einem Aktivum begleitet sein moechte. Aber auch in diesem Fall erhaelt der Zahlungsempfaenger kein ZBG sondern nur eine Sichforderung auf ZBG gutgeschrieben und akzeptiert diese in der Regel als schuldbefreiende Zahlung. Also die von Banken geschoepften Sichtforderungen auf ZBG sind effektives Zahlungsmittel. Ob man nun Banken mit dieser Faehigkeit als endogen oder exogen bezeichnet ist zumindest aus meiner Sicht unerheblich. Klar ist doch, das Zahlungsmittel das so entsteht nachfragewirksam eingesetzt werden kann und wird und damit Banken entscheiden, wer, wann, zu welchem Zweck und zu welchen Konditionen Zahlungsmittel zur Verfuegung gestellt bekommt. Banken sind sogesehen die Planungsbueros des Kapitalismus und werden Dank Fettaugensyndrom immer zentraler, wenn ich das auch noch anmerken darf.

      • PK

        Der Spruch „loans make deposits“ soll meines Erachtens (völlig zu Recht) nur verdeutlichen, dass die Kausalrichtung von der vorangehenden Kreditvergabe als Ursache zu den Bankguthaben als Wirkung verläuft. Ein Zusammenhang, der Ihnen natürlich völlig bewusst ist, der aber dennoch so selbstverständlich nicht ist (angesichts der verbreiteten Annahme, Banken würden die Guthaben ihrer Kunden im Kredit verleihen).

      • Das ist so eine Sache mit der Kausalität, denn damit etwas kausal ist müssen die verknüpften Elemente (im Prinzip) auch unabhängig voneinander eintreten können. So ist es bei dem üblichen Kausalitätsbeispiel „Wenn es regnet wird die Straße naß.“ durchaus möglich, daß die Straße naß wird, ohne daß es geregnet hat. Sofern also die Straße nicht überdacht ist, ist der Umstand, daß es regnet ursächlich dafür, daß die Straße naß wird. Der Regen ist also hinreichend für eine nasse Straße, umgekehrt ist eine nasse Straße nicht hinreichend dafür, daß es regnet, denn auch die Straßenreinigung kann mit einem Wasserwagen das Ereignis „Die Straße ist naß.“ erzeugen.

        Das ist bei Forderungen und Verbindlichkeiten etwas anderes, denn eine Forderung ist nur dann eine Forderung, wenn es auch jemanden gibt, der die entsprechende Verbindlichkeit hat. Umgekehrt ist eine Forderung, der keine Verbindlichkeit gegenübersteht keine Forderung sondern lediglich eine Einbildung – soll es ja geben. Die Sache ist halt die, daß ein Schuldverhältnis besteht oder nicht besteht, dazwischen gibt es nichts. Umgangssprachlich sagt man dazu: „Die zwei Seiten einer Medaille!“ was ausdrückt, daß das Bestehen des einen nicht ohne das Bestehen des Anderen möglich ist.

        Die Geschichte „Banken würden die Guthaben ihrer Kunden im Kredit verleihen.“ läßt sich am besten formal erschlagen, denn der Kreditkunde K möchte nicht wirklich das Schuldverhältnis(!) der Bank gegenüber dem Bankgläubiger G haben. Und wenn die Bank bei einem Kredit diejenigen Geldscheine im Zuge einer Kreditgewährung an K auszahlt, welche sie vorher von G als Einzahlung erhalten hatte sind es dennoch die im Eigentum der Bank befindlichen Geldscheine, welche sie auszahlt. Denn mit der Einzahlung bei der Bank verliert G das Eigentum an diesen Geldscheinen und wird dadurch Gläubiger der Bank, d.h. die Bank ist berechtigt Verfügungen über die nunmehr in ihrem Eigentum stehenden Geldscheine zu tätigen. (Der korrekte Kern dieser Aussage besteht darin, daß Banken zur Abwicklung ihrer Kreditbeziehungen insgesamt nicht Liquidität in Höhe des Kreditvolumens benötigen, so daß man selbstverständlich Statistiken über das Verhältnis von Liquidität und Kreditvolumen erstellen kann. Daß die Erklärung für diesen Umstand schon mal in die Hose gehen kann ist ja bei Ökonomen nicht so unüblich…)

        Das alles kann man aus „loans make deposits“ nicht wirklich herauslesen… 🙂

      • PK

        „Deswegen ist die Geschichte um ‚loans make deposits‘ so unendlich fruchtlos, weil natürlich jeder jedem gegenüber irgendwelche Zahlungsversprechen machen kann und es völlig bedeutungslos ist die Schulden der Banken als ‚deposits‘ zu bezeichnen – weil es trotzdem Schulden bleiben. Und auch die Bank braucht, wenn sie ihre Schulden gegenüber ihrem Kunden begleichen soll (Überweisung) ein Aktivum – Zentralbankgeld“

        Wenn ich dagegen einwenden darf: Dies macht meines Erachtens sehr wohl Sinn, da die Zentralbank, korrigieren Sie mich, immer refinanziert.
        Der Fall, dass eine Überweisung nicht durchgeführt wird, da „die Reserven fehlen“, tritt nicht auf.
        Zumindest auf systemischer Ebene stellt die Zentralbank immer dem Bedarf entsprechend die Refinanzierung sicher.

        Das unterscheidet meines Erachtens das „Zahlungsversprechen“ einer Bank von einem Zahlungsversprechen,das beispielsweise ich eingehen könnte.

      • Nun, gegen Allaussagen (…immer…) genügt die Angabe eines Gegenbeispiels um diese Aussage als falsch bezeichnen zu können. Und wenn man sich an das Beispiel der Kaupthing-Bank erinnert wurde den „Anlegern“ schlagartig klar, daß auch Bankengläubiger gelegentlich mit Forderungsausfällen bedroht sind. Natürlich hätte die Kaupthing-Bank liebend gerne ihre „Depositen“ überwiesen, nur leider fand sich niemand (erst recht keine andere Bank), der diese „Depositen“ auch haben wollte. Und man darf durchaus annehmen, daß die isländische Zentralbank nicht aus Jux und Tollerei, sondern aus handfesten Gründen die weitere Refinanzierung verweigert hat…

      • @soffisticated
        daß das mit der Zahlung mittels eines Passivums doch nicht so ganz der Weisheit letzter Schluß ist.

        der Weisheit letzter Schluss könnte wohl der sein, dass Geld immer aus zwei Teilen besteht, einem Passiva und einem Aktiva. Das Geld als Aktiva geht an den Geldempfänger und das Geld als Passiva verbleibt auf der rechten Seite der Bankenbilanz. Genauso ist es mit dem Kreditverhältnis: Es erscheint ebenfalls als Doppelwesen. Einmal als Aktiva und dann noch als Passiva. Hier geht allerdings das Kredit Passiva an den Kreditschuldner und das Aktiva verbleibt bei der Bank.

        Vor Vergabe des Kredites ist das Kreditpassiva UND das Kreditaktiva bei der Bank. Das Gleiche geschieht beim Geld: Vor der Kreditvergabe ist das Geld als Passiva UND als Aktiva bei der Bank. Allerdings neutralisieren sich das A-P-Paar „Kredit“ und das A-P-Paar „Geld“ jeweils und kann folglich auch jeweils als Null dargestellt werden.

        LG, enrico

    • Mehrling beschreibt die Geld-/Kredithierarchie sehr schön, aber nicht präzise genug, worauf Menendez zu Recht hinweist. Mehrling trennt nicht klar zwischen Verpflichtungs- und Erfüllungsgeschäft, und diese Unterscheidungsschwäche setzt sich fort in seine Buchhaltung, bei der er nicht zwischen Einzahlungen/Auszahlungen und Einnahmen/Ausgaben unterscheidet. Allerdings trifft das englischsprachige „accrual based accounting“ die Unterscheidung auch nicht so klar und eindeutig wie die deutsche Tradition des betriebl. Rechnungswesens (Schmalenbach, Walb …).

      Tatsächlich sagte mir Mehrling persönlich (sinngemäß): „I don’t know anything about law, I don’t know anything about accounting. I just developed this useful way of looking at things I call the money view …“.

      Solange die selbsternannten Theoretiker nichteinmal die begriffliche Präzision nachvollziehen können, die juristische und buchhalterische Pratiker täglich routinemäßig nutzen, bleiben sie in unnötiger Ambiguität und Konfusion gefangen, ergehen sich in endlosen völlig überflüssigen Streitigkeiten und müssen sich nicht wundern, wenn weder die empirische Realität klar verstehen noch in irgendeiner Weise dieser gegenüber handlungsfähig werden.

      Bei Mehrling wirkt sich das leider auch dahingehend aus, daß er Leistungstransaktionen nicht von Finanztransaktionen unterscheiden kann, womit die Realwirtschaft aus seinem „Modell“ (sofern man von so etwas überhaupt reden kann) praktisch verschwindet – auch eine nette Form des in so vielfältigen Variationen verbreiteten, völlig unnötigen und durch rein empirische Beschreibung rechtlicher und buchhalterischer Standardunterscheidungen behebbaren Realitätsverlusts unter monetären Innovateuren.

      Immerhin bei der Buchhaltung hat Wolfgang Stützel hier vorbildhafte Präzision walten lassen – und noch dazu eine schöne Form gefunden, auf dieser Basis Mikro-Makro-Paradoxa auf der Ebene von Einnahmen und Ausgaben präzise zu beschreiben. Seine Ansätze, in diesen Rahmen dann mithilfe minimaler Verhaltensannahmen einfache Grundbegriffe wie „Angebot“ und „Nachfrage“ einzubauen („aggregiertes Güterangebot“ = geplante Gesamteinnahmen, „aggregierte Güternachfrage“ = geplante Gesamtausgaben) und so ein einfaches Konjunkturmodell zu konstruieren, mit dessen Hilfe sich auch gleich noch die keynesianische Illusion beseitigen läßt, daß die Gesamtnachfrage IMMER das Beschäftigungsniveau determiniere (real gilt das nur für Käufermärkte, nicht für Verkäufermärkte), ist beispielhaft und bis heute sonst selten erreicht.

      Die rechtsinstitutionellen Fundamente des Kredit- und Finanzsystems bleiben aber auch den in ihnen schwimmenden akademischen Fischen mangels Vergleichs mit wasserfreiem Land weiterhin unerkannt – und damit die Realität des globalen Finanzsystems, dessen Staaten diese rechtsinstutionellen Fundamente nur auf dem Papier, nicht aber in der gelebten Praxis gemeinsam haben. Der größte Teil der Welt ist nach wie vor neopatrimonial organisiert und folgt der Logik und den Zwängen der Geldwirtschaft bestenfalls teilweise und teilweise simuliert.

      Beispielsweise die Griechenlandkrise verstehen zu wollen, ohne zu verstehen, daß dort Rechtsansprüche überhaupt nur sehr bedingt, unzuverlässig und teilweise überhaupt nicht durchgesetzt werden können (seien es nun vertragliche oder Steuerfordeurngen) und dort allein schon deshalb kein funktionierendes Kredit- und Finanzsystem entstehen kann, stattdessen Bartransaktionen dominieren, kann nicht gelingen. Dann versteht man auch nicht, daß keine Banken- oder Fiskalunion der Welt dies abstellen kann, wenn nicht die gesamte gelebte Rechtskultur umgewälzt wird.

      • PK

        @soffisticated: Sie stimmen doch aber grundsätzlich zu, dass die Zentralbank im absoluten Regelfall refinanziert?
        Wenn die Bank die Reserven zur Durchführung der Überweisung nicht hat, bekommt sie meines Wissens automatisch Überziehungskredit (zum Zinssatz der Spitzenrefinanzierungsfaszilität).

        Mitchell, Wray und Watts sehen das wohl ähnlich wie ich: „All modern financial systems have developed procedures that ensure banks can get currency and reserves as necessary to clear accounts among themselves and with their depositors. The central bank is duty bound to provide banks with sufficient reserves should it fall short on any particular day.“ (Mitchell, Wray, Watt: Modern Monetary Theory and Practice)

      • Natürlich kann ich dem zustimmen solange diese Wahrscheinlichkeitssaussage nicht dazu mißbraucht wird Folgeaussagen zu begründen, für die eine absolute Geltung dieser Aussage notwendig ist. Und in dem von Ihnen angeführten Zitat ist es schon ein ‚…duty bound…‘, also eine Verpflichtung der Zentralbank was darauf hinausläuft, daß es eine Pflichtverletzung der isländischen Zentralbank war im Kaupthing-Fall die Refinanzierung zu verweigern. Sie sehen wie schnell man auf einmal in zweifelhafte Argumentationen gerät wenn man die Existenz möglicher Ereignisse versucht herunterzuspielen. Und da war ja noch etwas mit einem fehlgeleiteten Optimismus, der es schlichtweg ignoriert hat, daß es bei Wahrscheinlichkeitsverteilungen auch so etwas wie einen ‚long tail‘ gibt, dessen Eintreten ohne weiteres möglich ist.

        Es geht doch vielmehr darum, warum die MMTler mit aller Gewalt mögliche Ereignisse aus dem kritischen Bewußtsein verdrängen wollen. Eigentlich sollten beim kritischen Leser an dieser Stelle alle Alarmglocken schrillen und ein Merkposten angelegt werden, der sofort aktiviert wird, wenn die Voraussetzung „die Zentralbank refinanziert IMMER Banken“ zur Ableitung einer darauf aufbauenden Aussage benutzt wird. Ich würde mal vermuten, daß man nicht lange braucht um da fündig zu werden…

  3. Leicht OT: wie ist das eigentlich mit Kryptowährungen wie Bitcoin? Ich habe mir gestern den Vortrag vom 33C3 über das Prinzip der Blockchain angeschaut.
    Was mir dabei noch nicht klar ist: Inwieweit lassen sich Verpflichtungs- und Erfüllungsgeschäfte in einer Blockchain abbilden? Schon mal damit beschäftigt?

    • Das ist ganz einfach: der Komplex Forderungen/ Verbindlichkeiten ist auch bei ‚bitcoin‘ völlig konventionell. Das einzige Spezifikum ist, daß die Informationssequenz die Sache ist, die zu übertragen ist. Der Sache nach ist der Transfer eines bitcoin dasselbe wie die Übergabe eines Geldscheines, denn auch bei einer Barzahlung ist es die von der Zentralbank abgesegnete Information, welche dem Geldschein seine Schuldentilgungsfähigkeit verleiht. Der Unterschied ist halt der, daß der Eigentumsnachweis für diese Information beim Geldschein entbehrlich ist (witzigerweise ist ein Kauf auch dann gültig, wenn mit geklautem Geld bezahlt wurde), während beim bitcoin diese monströse Datenbank ‚blockchain‘ den Eigentumsnachweis sicherstellen muß. Die ‚blockchain‘ ist gewissermaßen der Pferdefuß den man in Kauf nehmen muß, weil man die beliebige Vervielfältigung der bitcoin-Information unterbinden muß und somit überhaupt erst ein exclusiver Eigentumserwerb stattfinden kann. Während aber das exclusive Eigentum an einem Geldschein mit der Einlagerung im eigenen Portemonnaie abgeschlossen ist werden für bitcoin-Eigentumsrechte tausende von Datenspuren erzeugt – richtig preiswert ist das auch nicht und wer sich als gläserner Bürger wohl fühlt, wird sicherlich nichts dagegen haben, wenn seine Transaktionen internetweit einsehbar sind… 🙂

      • enrico

        @Timo Ollech: Danke für den link, jetzt habe ich das endlich einmal (im Groben) kapiert, wie das mit diesen Kryptowährungen geht. Hier in Venezuela ist es z.Z. stark in Mode gekommen, im großen Stil mining zu betreiben, weil der Strom spottbillig ist. Welch ein verschwenderischer Unsinn!

        @ Soffisticated: Danke auch für die informative Klarstellung. Das ist also wie bei Gold als Zahlungsmittel: Die Menge ist begrenzt bzw. die Goldgewinnung wird immer aufwändiger. (Dass die Goldförderung eine ökologische Katastrophe ist und oft große Gebiete indigener Bevölkerungen verseucht, dürfte bekannt sein). Gold als Zahlungsmittel wird häufig als “Netto-Geld” bezeichnet dem angeblich kein Passiva gegenüber steht. Ob es es sich dabei um Edelmetall oder um schwer fälschbare Scheine, Algorithmen o.ä. handelt, macht keinen Unterschied: Auch wenn es nicht gleich ersichtlich ist, es gibt da doch ein Passiva…

        Was geht vor bei der Verwendung von “Netto-Geld”?

        Stellen wir uns eine VW mit nur zwei Subjekten vor, A und B.
        Jetzt geben wir beiden jeweils 10 Münzen. Wenn nun A etwas von B kauft und A dafür 4 Münzen an B gibt, dann hat A vier Münzen weniger und B vier Münzen mehr. Das ist trivial.

        Wie gesagt, A hat in der Differenz zur Ausgangslage -4 Münzen und B dagegen +4 Münzen. Entscheidend ist die Tilglinie, sie ist in diesem Beispiel = 10. Wenn man weniger als diese 10 Münzen hat, dann liegt der Saldo unterhalb der Tilglinie und das entspricht genau betrachtet einem Soll. Klar, das sieht wohl kaum einer, weil das nicht explizit so vereinbart wurde aber es funktioniert trotzdem so, weil jeder möglichst (zumindest) wieder soviel Münzen einnehmen will, wie er vorher ausgegeben hat. Jeder will sie wieder einnehmen, weil man weiterhin am Wirtschaftsgeschehen teilhaben will.

        Die Verwendung von Münzen (vor allem solche die kaum einen Materialwert haben) ist also nichts anderes als ein zinsfreies Kontokorrent-Kreditsystem ohne ausdrücklichem Tilgzwang. Nur sieht das wie gesagt kaum einer. An Stelle der Münzen hätte man also auch ein Girosystem einrichten können: Zwei Konten deren Salden bei der Ausgangslage bei Null stehen, mit einem Kreditrahmen von jeweils 10 M. Man könnte die Ausgangslage aber auch so gestalten, dass bei der Ausgangslage beide Salden bei +10 stehen und diese + 10M dann zum Kreditrahmen werden.

        Was nicht gesehen wird, ist dass bei der Verteilung der zehn Münzen gleichzeitig auch noch unerkannt zehn unsichtbare Münzen mit negativem Wert verteilt wurden. Am Anfang hat jeder zehn positive Münzen und zehn negative, so muss man das sehen. Es werden aber nur die positiven übertragen. D.h. immer wenn Münzen abgegeben werden und weniger als zehn übrig bleiben, dann entsteht ein Passiva-Überschuss. Und umgekehrt, wenn mehr übrig bleiben dann entsteht ein Aktiva-Überschuss.

        Also auch “Netto-Geld” ist so etwas wie “Schuldgeld”….und eben doch kein Nettogeld.

  4. Ich antworte jetzt mal in ihrem Stil („süffisanticated“):

    Jetzt buchen Sie das, was sie da umständlich beschrieben haben, mal explizit durch und beschreiben es präzise in Begriffen des BGB und der Buchhaltung. Dann haben sie 3 Seiten virtuelles Papier gespart und sind in der juristischen und bankbetriebswirtschaftlichen Realität angekommen. Es wird höchste Zeit, daß die „Theoretiker“ und selbsternannten verbalen Verwirrakrobaten dort ankommen. Dort herrscht Präzision, in der Welt der „Verbaltheoretiker“ dagegen herrscht selbsterzeugte Ambiguität, die vom präzisen Hinschauen auf die Praxis ablenkt und systematisch vollkommen unnötige Konfusion generiert.

    Dann klären sie, daß ein A eine Geldverbindlichkeit gegenüber einem B prinzipiell auf drei Arten erfüllen und damit vernichten kann: (1) durch Übereignung von „Warengeld“, sofern es das noch gibt; dieses repräsentiert ein Eigentumsrecht und keine Forderung. (2) per Abtretung einer Forderung gegenüber einem C (der eine Geschäftsbank, eine Zentralbank oder u.U. auch eine Nichtbank sein kann) an den B (§398 BGB) an Zahlungs statt bzw. erfüllungshalber, was das Einverständnis des B voraussetzt; (3) per Aufrechung der Forderung des B gegen eine Forderung des A gegen den B (§387 BGB). In jedem Fall verkürzt sich die Bilanz des A auf beiden Seiten um denselben Betrag, sein Nettogeldvermögen bleibt unverändert. In den Fällen (1) und (2) findet für B ein Aktivtausch statt, im Fall (3) ebenfalls eine Bilanzverkürzung, bei in allen 3 Fällen unverändertem Nettogeldvermögen. Anders: eine Zahlung ist für den Zahler eine Auszahlung, aber keine Ausgabe; für den Zahlungsempfänger eine Einzahlung aber keine Einnahme.

    Dann lesen sie Perry Mehrlings „Inherent Hierarchy of Money“ und stellen diese ebenso präzise in Begriffen des kontinentaleuropäischen Rechts und der deutschen Buchhaltung (Schmalenbach!) dar, wobei sie die drei Erfüllungsmöglichkeiten dort, wo sie praktiziert werden, einbauen. (1) findet sich dabei heute natürlich nicht mehr, ist aber wichtig zum Verständnis historisch älterer Zahlungsmittelformen und von Theorien, die eine solche Welt zu beschreiben versuchten.

    Schließlich entwerfen sie auf der Basis dieser Präzision ein Modell einer Wirtschaft, in der es eine Vielzahl von Staaten ohne übergeordnetes staatliches Gewaltmonopol gibt, wobei in unterschiedlichen Staaten das gelebte Recht vom geschriebenen Recht aufgrund unterschiedlich verläßlicher Durchsetzung sehr verschieden weit entfernt ist (in D klafft eine wesentlich kleinere Lücke zwischen dem geschriebenen und gelebten Recht als z.B. in Griecheland oder Süditalien).

    Und voila: Sie sind der Realität des globalen Finanzsystems einen kleinen Schritt nähergekommen …

    • Hallo Herr MoneyMind,
      bin auch ein Fan der simple minds und der BWL.
      Aber die 1460 Seiten der 24.Auflage von Coenenbergs
      Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse
      Betriebswirtschaftliche, handelsrechtliche, steuerrechtliche und internationale Grundlagen – HGB, IAS/IFRS, US-GAAP, DRS
      2016
      geben einem Praktiker den Final Countdown…
      Ausserdem ist das Werk inzwischen recht unhandlich geworden.
      Und Griechenland?
      Man fragt sich wie zurechnungsfähige Politiker einer EU- und EURO-Mitgliedschaft zugestimmt haben.
      Waren die auf MoneySpeed?
      Wünsche alles Rechenbare in der Welt von morgen. 😉

    • @moneymind: Da scheint der Herr Heinsohn herzlich wenig Wert auf statistische Daten gelegt zu haben, siehe http://www.zeit.de/2004/10/SM-HeinsohnKURZ

      • Nehmen sie doch erstmal Heinsohns Analyse zur Kenntnis, der Chemiker Klingholz hat das leider nur sehr oberflächlich getan. Daß Kriege auch ohne Youth Bulges zustandekommenkönnen, zeigt ja – wie Klingholz richtig anmerkt – nicht nur Europa ab 1937, sondern heute auch die Ukraine, durch die eben eine alte kulturelle Bruchlinie zwischen dem west- und oström. Reich verläuft, worauf übrigens Huntington schon 1996 hingewiesen und hier Konflikte prognostiziert hat. Hinzu kommt, daß Putin Rußland stabilisieren konnte, während die Ukraine sich im Kreis von einer gescheiterten „Revolution“ zur nächsten dreht und am Tropf des IWF hängt (auch, weil ihr eben die Öl- und Gasreserven Rußlands fehlen).

        Eine richtig schöne deflationäre Depression hilft dem Partikularismus, Neonationalismus und der jeder-gegen-jeden-Aggression auch sehr schön auf die Sprünge, durch Arbeitslosigkeit (bei der italienischen Jugend schon wieder bei ca. 40%) – das konnten wir in den 1930ern ja schön beobachten, die sich heute mit Variationen – diesmal Druck auch von außen – wiederholen, mit ähnlichem Realitätsverlust der „Eliten“ und „Sozialwissenschaftler“ wie in der Weimarer Zeit.

        Denn nicht der Youth Bulge per se, sondern ein Mangel an Perspektiven auf eine gesellschaftliche Position für gut ernährte und ausgebildete 2.- 4. Söhne läßt diese zu Gewalt, Migration oder Kolonisation greifen; und Heinsohns Paradebeispiel dafür, nämlich die europäische Bevölkerungsexplosion und die Kolonisation der Welt durch europäische Christianisten, läßt der Herr Klingholz gleich ganz außen vor.

        Gibt „man“ diesen jungen Männern eine Perspektive und Aufgabe, kann ihre Gewaltbereitschaft auch in konstruktive – oder eben auch destruktive – Bahnen gelenkt werden. Europa führte zu Zeiten seines Youth Bulge einen Krieg nach dem andern, weil man die jungen Männer eben in Armeen steckte; nur zur Erinnerung: ein gewisser Karl Marx, geboren 1818, hatte 8 Geschwister.

        Leider reicht heute einfach nur besiedelbares Land nicht mehr aus, denn wer will denn heute noch selbstversorgender Bauer werden? Um am Wohlstand teilhaben zu können, brauchen junge Männer eben auch weltmarktfähige Produkte, und die für deren Herstellung nötigen Qualifikationen entstehen auch nicht von selbst. Und jetzt schauen sie mal in die Länder, die die höchsten Geburtenraten haben. Die meisten befinden sich in Afrika und im Islamgürtel. Die „Entwicklungspolitik“ gilt seit den 90er Jahren als komplett gescheitert (Ulrich Menzel: Das Ende der dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie), und bereits heute träumen 750 Millionen Afrikaner davon, nach Europa überzusiedeln. So viele Einwohner hat Europa bereits heute. In 20 Jahren werden das noch mehr sein, bei weniger Europäern, denn die Geburtenraten letzterer liegen unter 2, die ersterer weit darüber (mal einen Blick auf gapminder.org und populationpyramid.net werfen).

        Und ein Blick in die ersten Schulklassen Deutschland gibt ihnen ein realistischeres Bild der Zukunft als eine Betrachtung der Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung nach Herkunftsland.

        Da spielt die Musik.

        Und bei der Umverteilung von unten nach oben, die zur Perspektivlosigkeit der Generation der Kinder der Babyboomer führt und deren Aggressionspotential steigen läßt, ist Heinsohn leider sowieso neoliberal-blind, wie auch sonst seine ökonomischen Analysen einfachste buchhalterische Grundsätze verletzen und in Punkto monetäre Makroökonomie (Stützel’sche Mikro-Makro-Paradoxa) nicht ernstgenommen werden können.

      • Ah, OK, danke für die differenzierte Erläuterung. Klingholz‘ Kritik trifft offenbar weitgehend ins Leere.

  5. @moneymind
    Sorry, dass Sie Simple Minds nicht kennen 😉
    Den Stobbe habe in allen drei Bänden in letzter Auflage auf dem Flohmarkt für drei DM erstanden!!! Ja, Mikroökonomik und Makroökonomik
    Das Zahlenwerk von 1989 ohne Wiedervereinigung und Europäische Währungsunion, wenn ich richtig erinnere.
    Leider ist die aktuelle BWL so verkommen, dass sie sogar Verrechnungen der Laufzeiten verschiedener Kernkraftwerke zulässt.
    Nochmals Sorry, habe bei den Proffessoren-Göttern der BWL studiert, trotzdem Danke für Ihre Hinweise, schlagen Sie einfach mal Seite 59 im aktuellen Coenenberg nach und erfreuen sich der dortigen Graphik 😉

  6. @moneymind
    Zur Transformation der zerfallenden Sovietunion haben wir im Jahre 1991 im Rahmen eines Forschungsprojekts eine soziologische und volkswirtschaftliche Analyse veröffentlicht und ich bin auch heute weiter am Ball.
    Unsere Prognose war, nur ein stabiles Rechtssystem ermöglicht eine demokratische Umwandlung in Wirtschaft und Poltik.
    Das Scheitern ist offensichtlich.
    Um Griechenland wird sich schon das Personal von Goldman Sachs kümmern 😉

    • Dann hätten sie dazusagen sollen, daß so ein Rechtssystem nur despotisch von oben kommen kann und nicht „irgendwie von selber“ „von unten“ wächst. Das hat dann erst Putin begriffen, während Jelzin den totalinkompetenten westlichen „Beratern“ aller möglichen „Fachidiotendisziplinen“ auf den Leim ging, bei denen kompetente Transformationsberater der juristischen Zunft (Rolf Knieper) nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen konnten.

      Aber eine rechtsnihilistische Kultur wie die russische ändert man nicht so leicht – speziell dann nicht, wenn auch noch rechtsnihilistische bzw. rechtsblinde liberale Ideologien aus dem Westen wie die österreichische Schule kursieren und praktisch nur Unfug anrichten. Man muß sich nicht wundern, daß auf diesem Boden nur die alte russische Identität vom nichtwestlichen russischen anti-liberalen, anti-individualistischen Sonderweg wieder aufblüht. Der Westen hat mit seinem Versagen selbst alles dazu beigetragen und darf dieses Versagen demnächst ausbaden.

      Rechtsnihilismus ist dabei ein Begriff, den die Russen selber routinemäßig verwenden, inclusive des Ex-Präsidenten Medwedew. Der sagte in der FT wörtlich, „Russia is a country where people don’t like to observe the law. It is, as they say, a country of legal nihilism.“ (https://www.ft.com/content/f40629a8-f9ba-11dc-9b7c-000077b07658 ). Nach den Erfahrungen, die er als Mitautor des ersten russischen Zivilgesetzbuchs und dann als Präsident mit dem Versuch seiner Durchsetzung gemacht hat, meint er, man braucht dazu 100 Jahre ( http://www.rferl.org/a/interview-russia-alena-ledeneva-sistema/24944910.html ).

      Die Hurra-EU-Osterweiterer hatten natürlich von all dem nichts auf dem Schirm, sondern nur illusionäre Demokratisierungsautomatik-Paradigmen im Kopf, an welchem sie sich demnächst gewaltig kratzen werden müssen.

      Russland kommt mit seinen Rohstoffen halbwegs über die Runden, bei allen Problemen mit Demographie und Gesundheit, wenn auch nicht ausgemacht ist, ob die Reise jemals bei funktionsfähigem Zivilrecht ankommt oder nicht eher bei Zivilrechtssimulation bei real weiterexistierendem Feudalismus bleibt. Mit Osteuropa sieht es anders aus – da darf Westeuropa eine komplett bankrotte neopatrimoniale Welt integrieren, aus der Trittbrettfahrerverhalten und Korruption per Schengen frei hereinschwappen dürfen, ohne daß funktionsfähiges gelebtes Zivilrecht von alleine nach draußen schwappen würde.

  7. Achja, die Gläubigerbanken GRs kümmern sich um die Griechen in der Form, daß deutsche Steuerzahler für Schulden nicht kreditwürdiger Schuldner in Haftung gezwungen werden, siehe Hans-Joachim Stadermanns Analyse der historischen Entstehung und Entwicklung des „Charmes des untersicherten Kredits“, den das US-Finanzzentrum des weltweit größten Megaschuldnerlandes (ja, USA) schon seit Jahrzehnten für seine Zwecke nutzt. Das wirkt enorm kooperationsbildend zwischen dt. Steuerzahlern und griech. Profiteuren (Ironie) – allerdings war D dämlich genug, dem Euro als Währungsunion ohne Rechtsunion (inclusive, aber nicht beschränkt auf Fiskalunion) zuzustimmen, und auch das BuVerfG ist ja umgefallen. Die Quittung dafür wird kommen, vermutlich bald.

    • Achja, wenn sie in Punkto „Transformation“ der Sowjetunion am Ball bleiben wollen, dürfte Ihnen der Hensell gefallen. Der nimmt nur noch wenige Blätter vor den Mund, da er ja selbst in Albanien gelebt hat. Daß Putin die von Hensell beschriebene vollinkompetente „fürsorgliche Belagerung“ seines Landes durch westliche NGOs nur hinderlich findet, versteht man leicht, wenn man Hensells Erfahrungen kennt (https://ifsh.de/file-CORE/documents/jahrbuch/09/Hensell-dt.pdf).

      Katherine Verdery, die im realsozialistischen und postsozialistischen Zeiten lange Jahre in Rumänien gelebt und geforscht hat und daher weiß, worüber sie schreibt und das auch reflektieren und einsortieren kann, hat schon 1996 in ihrem Buch „What Was Socialism, What Comes Next?“ treffsicher die Frage gestellt: „A Transition from Socialism to Feudalism?“. Noch heute höchst lesenswert – so gut kann Sozialwissenschaft (in marginalen Ausnahmefällen) sein.

      Aber belästigen wir den armen Herrn Süffisticated nicht weiter mit der unschönen Wirklichkeit irgendwo zwischen abstrakt modellplatonistisch formuliertem und real gelebtem Recht – das will der doch gar nicht wissen 😉

      • Putin hat im Cyberwar eine Hegemonie entwickelt. Diese hat die militärische Machtdurchsetzung überholt. Er schaft es manipulierte Wahlergebnisse zu produzieren, ohne dass interner Widerstand möglich ist.
        Was werden wir für Konsequenzen leben?

        Polen ist gerade dabei sein mühsam selbst gelebtes Recht durch die Politik zu zerstören. Jetzt besteht die letzte Chance zur Verteidigung.
        Unser direkter Nachbar und wie reagiert die Bundesrepublik Deutschland sowie Europa?
        Meine russischen und polnischen Freunde leben in Deutschland.
        Keine friedliche, demokratische Perspektiven für ihre Heimat.

  8. Die Hegemonie war leicht zu holen, da nach 1989 mit dem Hurra-Marxismus spätestens 2008 der auch Hurra-Neoliberalismus der United verlegenheitsliberalen Parties samt seiner Nomenklatura in sich zusammengeklappt ist und ein ideologisches Vakuum samt bankbailoutbedingtem Rechtsnihilismus der Massen hinterlassen hat, in dem die immer weiter nach unten gedrückten 99% nach dem Strohhalm der alternativ downloadbaren Ideologie ihrer Opas greifen und Heil Trump/Putin krächzen.

    Blöd nur, daß dieser Neokonservatismus von Moskau bis Paris und Alabama mal wieder – hallo 20er Jahre – neonationalmonarchistisch und traditionalistisch-rechtsfeindlich daherkommt: der wirre Herr Dugin verkündet ja die alte nationalbolschewistisch-traditionale Propaganda „in Russia we don’t believe people are individuals, they are part of the collectivity“, möchte gern „Europa erobern“ und zum „russischen Protektorat“ machen (finden Sie auf youtube), und die gesamte Rechte von Moskau bis L.A. gräbt Evolas „Revolte gegen die Moderne Welt“ wieder aus. Dann viel Spaß mit den bürgerlichen Freiheitsrechten oder dem, was davon übrigbleibt; die nippeln mal wieder an ihren ureigenen Paradoxa ab.

    Ja, Opas Welt 2.0. kommt mal wieder auf uns zu – allerdings mit etwas mehr Druck VON außen, der damalige europäische Druck NACH draußen geht bei demographischer Implosion längst nach hinten los. Ich hatte 1993 mal Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ gelesen und das für zu pessimistisch gehalten, aber der war damals seiner Zeit voraus.

    Was dabei mal wieder in die Knie geht, sind das (von den Europäern vergessene und unverstanden für selbstverständlich genommene) Recht und sozial-liberale Wirtschaftspolitik, die es wohl auch diesmal erst wieder nach dem ernüchternden großen Kladderadatsch inclusive Schuldencrash geben kann.

    Soviel zur menschlichen Lernfähigkeit: 2 Generationen reichen zum Vergessen und Wiederholen desselben Unsinns: vom realitätsfremden neoklassischen Hurraliberalismus/Marktfundamentalismus zum traditionalistischen nationalistischen Staatsfundamentalismus, allgemeines beggar thy neighbor auf sämtlichen Ebenen, Keilerei und Geistesverwirrung bis zur Erschöpfung, Augenreiben, aufwachen, zerknirschter gemeinsamer Neustart mit Anleitung vom neuen Chefhegemonen. Falls das diesmal nochmal gelingen sollte – die dafür nötigen weitsichtigen Köpfe oder demographische Vitalität sehe ich leider nirgends mehr. Lange Zyklen mit Variationen eben.

    Aber vom Verfassungskreislauf konnten auch schon Aristoteles, Polybios und Machiavelli ein Lied singen – same procedure as every time, James.

    Auf das „Must We, Ms Sophie? und Putin/Trumps Please, James!“ hören wir alsbald die Alternativi-Massen zum X-ten mal brav ihr „Skol!“ intonieren.

  9. Fast ganz OT: Seit ich entdeckt habe, dass es Leute gibt, die rituell Geld verbrennen, grübele ich über der Frage, an welcher Stelle das dann fehlt. Sobald eine Geschäftsbank Bargeld auszahlt, hat sie damit doch nichts mehr zu tun, oder? Es bleibt also doch wohl nur die Zentralbank. Ganz klar ist mir die Sache allerdings immer noch nicht. Deshalb hier die Frage: Bei dem berühmten Fall, dass The KLF eine Million Pfund verbrannt haben – wo genau fehlt diese Million?

    • @Timo Ollech
      Die deutsche BuBank/Zentralbank tauscht regelmäßig verlodderte Scheinchen aus. Kaputte können, so die Ausgabe-, Regiestrierungsnummer erkennbar ist, ebenfalls ausgetauscht werden.
      Der Fall, das Bargeld hopps geht, ist persönliches Pech.
      Korrigiert wirds in der schliessenden Schlußbilanz 😉
      Nie bei der Treuhand gearbeitet?

      • @ruby, nein, zufälligerweise habe ich noch nie bei der Treuhand gearbeitet. 😉
        Hätte es irgendeinen Effekt, wenn die Seriennummern der vernichteten Scheine der ZB bekannt würden? Oder ist kaputt einfach kaputt?

    • Mit der Kenntnis des eben publizierten Posts ist die Antwort: das verbrannte Geld fehlt nirgends weil es noch da ist, denn der Eintrag über die Emission des verbrannten Geldscheins existiert ja nach wie vor. Das einzige Interessante ist, daß man für dieses Schuldentilgungsvolumen keinen Eigentümer mehr angeben kann, denn niemand kann beweisen, daß er der Eigentümer der untergegangenen Sache ist.

      Das ist aber auch nicht wirklich ein Problem, denn wenn irgendwann mal wieder eine Währungsreform ansteht wird ja für die umlaufenden Geldscheine ein Aufgebot bestellt nach dessen Ablauf die nicht eingelieferten Scheine für ungültig erklärt werden und der entsprechende Betrag dann höchstwahrscheinlich dem Staat zur Verfügung gestellt wird. Verbranntes Geld verschwindet also lediglich temporär – etwa so wie die Geldscheine unter dem Kopfkissen. Irgendwelche konjunkturellen Effekte haben derartige Rituale nicht – und das vermeintlich vernichtete Geld entsteht auch irgendwann wieder wie Phoenix aus der Asche… 🙂

    • Geldverbrenner berauben sich künftiger Entschuldungskraft, die sie durch Konsumverzicht erworben haben. Da fehlt das dann.

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