Monatsarchiv: Januar 2017

Und was ist nun Geld?

garachicoWenn man versucht anderen etwas zu erklären ist es manchmal so, daß man sich selbst mehr erklärt als vorgesehen. So geschehen während der Antwort auf einen Kommentar auf Timo Ollech, der sich in Bezug auf ‚bitcoin‘ danach erkundigte, ob dort der Themenbereich Verpflichtungs-/ Erfüllungsgeschäft abgebildet werden könne. Heraus kam, daß die ‚blockchain‘ der Pferdefuß der digitalen Übermittlung von Information ist, denn diese dient dazu, zu verifizieren, wer wem einen bestimmten ‚bitcoin‘-Betrag übertragen hat in dem Sinne, daß der Empfänger nunmehr als rechtmäßiger Eigentümer der entsprechenden Krypto-Informationssequenz in der ‚blockchain‘ gelistet ist. Verifizieren heißt hierbei das Anlegen einer Multiplizität von Datenspuren darüber, daß A an B eine bestimmte Informationssequenz eigentumsrechtlich übertragen hat. Da man ja Krypto-Informationen beliebig kopieren kann muß also die ‚blockchain‘ quasi wie das Banksystem darüber Buch führen, wer wieviel und welche(!) ‚bitcoins‘ in seinem ‚wallet‘ hat.

Der eigentliche Aha-Moment war aber die Erinnerung an eine frühere (vorläufige) Erkenntnis, daß bei einer Barzahlung letztlich nur die auf dem Geldschein aufgedruckte Registriernummer das entscheidende Feature ist, welches den Geldschein mit der Schuldentilgungsfähigkeit ausstattet, die üblicherweise fälschlich dem Papier zugerechnet wird. Die Bezeichnung als „Papiergeld“ legt nämlich nahe, daß es der Geldschein ist, welcher eine Zahlung zuwegebringt, so daß sich unwillkürlich die Vorstellung von einem stofflichen Etwas im Kopf etabliert, womit dann die Verwechslung mit einer realen Sache wie dem Gold sich quasi schon wie von alleine ergibt, denn wenn eine faßbare Sache als Geld fungiert liegt es nahe zu denken, daß auch andere reale Dinge als Geld fungieren könnten und gewissermaßen die Ausprägung von Münzen aus Edelmetallen als natürliche „Geldform“ erscheint. Man wird also schon durch die Bezeichnung „Papiergeld“ auf eine falsche Fährte geführt, weil es nicht das (registrierte) Papier ist, welches Schuldentilgungsfähigkeit begründet, sondern die auch auf dem Papier aufgedruckte Information, daß die Zentralbank die Information mit der Registriernummer XYZ mit einer Schuldentilgungsfähigkeit von z.B. 100 € ausgestattet hat. (Das Interessante bei dieser Geschichte ist, daß es mit dem Konstrukt „Papiergeld“ möglich ist die Information über Schuldentilgungsfähigkeit zu einem Gegenstand der (analogen) Verfügung zu machen, ohne daß dabei eine dritte Partei Überwachungs- und Kontrollaufgaben wahrnehmen muß.)

Daß es sich so verhält wie oben beschrieben erkennt man sehr schön an einem Gedankenexperiment: nehmen wir mal an aus dem „Ausgangslager“ für Bargeld der Zentralbank würde ein Bündel Banknoten entwendet, welches für die Tilgung von Zentralbankschulden vorgesehen war. Die entwendeten Geldscheine sind unter Beachtung aller Vorschriften erstellt und gekennzeichnet worden und wären somit im Publikumsverkehr als gültiges Schuldentilgungsmittel verwendbar. Da es sich hier um keine Fälschungen handelt müßte man davon ausgehen, daß es sich bei diesen unrechtmäßig in Verkehr gebrachten Geldscheinen um das gesetzliche Zahlungsmittel handelt. Und doch ist es nicht so, weil diesen Geldscheinen nämlich das entscheidende Merkmal fehlt von der Zentralbank als gültiges Schuldentilgungsmittel deklariert worden zu sein. Diese Deklaration der Schuldentilgungsfähigkeit findet sich als Eintrag in der Datenbank der Zentralbank, in der für jeden einzelnen emittierten Geldschein neben der Registriernummer auch die Denominierung (Zahlaufdruck) und das Datum der Emission (und wahrscheinlich noch 100 weitere Detailangaben) aufgeführt sind, so daß eine Zentralbank jederzeit angeben kann, welche der umlaufenden Registriernummern (auf den von ihr ausgegebenen Geldscheinen) gültig sind und welche nicht. Das bedeutet, daß diejenigen Scheine, deren Registriernummer nicht in der Bargeld-Datenbank aufgeführt sind auch keine Schuldentilgungsfähigkeit besitzen – und mithin Falschgeld sind. (Das ist im Hinblick auf den §935 (2) BGB eine interessante Fragestellung…)

Es mag vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, daß ein unter Beachtung aller Vorschriften hergestellter Geldschein kein gültiges Schuldentilgungsmittel sein soll, aber diese Tatsache ergibt sich aus dem Umstand, daß erst der hoheitliche Akt der Emission einem Geldschein als Träger der Information über Schuldentilgungsfähigkeit die Eigenschaft gültiges Schuldentilgungsmittel zu sein verleiht. Das hat ganz direkte Konsequenzen für den Geldschein, denn es erweist sich, daß der Geldschein lediglich der Datenträger für die entscheidende Information „emittierter Geldbetrag“ ist auch wenn man dem Geldschein nicht ansehen kann, ob der zugehörige Dateneintrag in der Bargeld-Datenbank der Zentralbank auch tatsächlich existiert. Dadurch drängt sich der Vergleich mit einer Kryptosequenz auf, weil hier die aus dem ‚mining‘ entstandenen Kryptoinformationssequenzen im Grunde genommen dieselbe Funktion aufweisen wie die von einer Zentralbank vergebenen und emittierten Registriernummern. Während jedoch die im Grunde auch nur digital vorliegende Information über Schuldentilgungsfähigkeit auf einem analogen Medium wie dem Geldschein einigermaßen fälschungssicher ist, muß eine ausschließlich digitale Kryptoinformationssequenz überhaupt erst einmal dagegen geschützt werden millionenfach kopiert zu werden. Man braucht also gewissermaßen eine Buchhaltungsinstanz, welche die Eigentumsrechte an diesen Informationen an bestimmte ‚wallets‘ zurechenbar macht und somit das Eigentum an dieser Informationssequenz zweifelsfrei festgestellt werden kann. Die Monströsität, die dazu erforderlich ist, ist die sog. ‚blockchain‘, die im Grunde dazu da ist aufzuzeichnen, wer gerade an wen wieviel und welche (sic!) Kryptoinformationen gesendet hat. Im Gegensatz dazu ist die Übertragung der auf einem analogen Medium gespeicherten Information „Geld“ (da haben wir das G-Wort) vergleichsweise simpel zu bewerkstelligen, indem der Geldschein die Hände wechselt und damit das Eigentum an der Information über Schuldentilgungsfähigkeit auf den Empfänger übergeht. Während jedoch i.d.R. niemand anders als der Eigentümer über den Inhalt des eigenen Portemonnaies Bescheid weiß muß in der ‚blockchain‘ nicht nur der mengenmäßige Inhalt eines ‚wallets‘ dokumentiert sein, sondern es müssen auch die Daten über die jeweiligen individuellen Krypto-Informationssequenzen aufgeführt sein – das ist etwa vergleichbar damit, daß die Zentralbank wüßte, welche Geldscheine mit welchen Registriernummern sich gerade im Augenblick in Ihrem Portemonnaie befinden…

Dadurch, daß die Information der Zentralbank auf einem (Papier-) Datenträger aufgetragen wurde entsteht aber nun der angenehme Effekt, daß die Übergabe dieses Informationsträgers gleichzeitig die in ihm enthaltene Information mit überträgt und somit ein Eigentumsübergang der enthaltenen Information durch ein einfaches Verfügungsgeschäft problemlos abgewickelt werden kann. Vermutlich liegt im Gegensatz dazu auch der Krampf mit der ‚blockchain‘ begründet, weil im ‚bitcoin‘-Zahlungsverkehr die Information ohne einen verbundenen Datenträger übermittelt wird und somit die Frage der Zurechenbarkeit eines ‚bitcoin‘ zu einem bestimmten ‚wallet‘ zur Existenzfrage einer Kryptowährung wird – wenn es denn jemals eine Währung wird… (Man könnte natürlich auch eine ‚bitcoin‘-Kryptosequenz auf einen „Bitschein“ auftragen, welcher dann auch analog weitergegeben werden könnte. Es muß nur dafür gesorgt werden, daß die ‚blockchain‘ diese Kryptosequenz als nicht mehr digital verfügbar deklariert…)

Mit diesen ganzen Vorüberlegungen kommt man dann zu dem Ergebnis, daß Geld eine von der Zentralbank emittierte Information ist, die mit einer bestimmten Menge Schuldentilgungsfähigkeit ausgestattet ist. Der hoheitliche Aspekt dieses Aktes wird dadurch sichtbar, daß lediglich die Deklaration, daß eine bestimmte Registriernummer eine Schuldentilgungsfähigkeit von z.B. 100 € haben soll, für die Emission erforderlich ist. Das hat interessante Konsequenzen für die geldtheoretische Diskussion, denn üblicherweise wird ja heutzutage Geld als Kreditgeld angesehen, was bedeutet, daß der Emissionsvorgang untrennbar mit einer Kreditvergabe verbunden sein muß – ob als direkter Kredit an eine Geschäftsbank oder als Ankauf einer z.B. Staatsobligation macht hier an dieser Stelle nicht den entscheidenden Unterschied aus. In Wahrheit ist lediglich die Deklaration der Zentralbank einen bestimmten Betrag/ Registriernummer als gültiges Schuldendeckungsmittel zu erklären erforderlich, damit neues Geld auf die Welt kommt. Letzteres ist beispielsweise dann der Fall, wenn die Zentralbank eine Gehaltsüberweisung für ihre Mitarbeiter vornimmt, denn dann schreibt sie einfach der Bank bei der der Mitarbeiter ein Konto führt einen bestimmten Betrag gut mit der Maßgabe, daß sich die Bank ihrerseits gegenüber dem Mitarbeiter verschulden möge – und die Banken akzeptieren das widerspruchslos. Von daher muß man eigentlich zu der Einschätzung kommen, daß gewissermaßen eine Kreditvergabe lediglich akzessorisch zu einer Geldemission ist und von daher eine Kreditvergabe nicht das exclusive Integrationsverfahren für die Emission von Geld darstellt. Denn wie Banken können auch Zentralbanken im Zuge von Leistungstransaktionen Gutschriften erteilen ebenso wie sie auch durch einfache Deklaration Schuldentilgungsfähigkeit erzeugen können, indem sie sich z.B. gegenüber dem Staat verschulden – was auf eine einfache Gutschrift zugunsten des Staatskontos hinausläuft. (Man darf durchaus davon ausgehen, daß das Angebot der Zentralbank sich gegenüber dem Staat zu verschulden seitens des Staates von einer wohlwollenden Annahme begleitet sein wird…) Und schließlich könnte die Zentralbank auch ein sinnloses Gutachten zur Bargeldabschaffung kaufen und in bar bezahlen, was für die Zentralbank nichts weiter bedeutet als mit der Übergabe der Geldscheine den entsprechenden Eintrag in der Datenbank des umlaufenden Bargeldes zu ergänzen. Daß es nicht gemacht wird (das mit der Zahlungsweise, das mit dem Schrottgutachten schon eher) heißt ja nicht, daß es nicht möglich und legitim wäre so zu verfahren.

Die Frage der Institutionalisierung, d.h. auf welche Weise Geld in die Wirtschaft kommt ist demgegenüber eine interessante und wichtige, jedoch nichtsdestoweniger davon getrennte Frage, weil unabhängig von dem Verfahren wie Geld in die Wirtschaft kommt immer der (hoheitliche) Emissionsakt erforderlich ist. Daher verdeckt gewissermaßen die Charakterisierung des heutigen Geldes als Kreditgeld, daß die Genesis des Geldes die Deklaration der Zentralbank als Grundlage hat und nicht das operative Verfahren, mit dem Geld emittiert wird. Wenn man so will sind die Integration von Geld über Bankenkredite, über Staatsanleihen oder auch neuerdings mittels QE4P lediglich alternative Institutionalisierungen für ein und denselben Zweck: die Emission von Geld. Von daher ist die Vermutung, der Kredit wäre quasi die „natürliche“ Art und Weise wie Geld neu entsteht als nicht zutreffend einzustufen, wiewohl diese Art der Technik allem Anschein nach eine vergleichsweise gesunde Verfahrensweise darstellt. Doch auch wenn diese Art der Geldemission ein paar Jahrzehnte zu vergleichsweise stabilen Verhältnissen geführt hat sollte man dennoch den Merkposten bewahren, daß Geld als Kreditgeld nur eine spezifische Art der Institutionalisierung der Geldemission darstellt, weil man sonst zu leicht in die Gefahr gerät das Bestehende für das Natürliche zu halten…

Wenn man so will kann man hier in analoger Weise zur Differenz von Verpflichtungs- und Verfügungsgeschäft von einem monetären Abstraktionsprinzip sprechen, welches zwischen dem Prozeß der Geldemission einerseits und dem Prozess der Geldintegration andererseits differenziert. Damit kann man auf einmal erkennen, daß eine Zentralbank lediglich irgendeinen beliebigen Rechtsgrund braucht, um Schuldentilgungsfähigkeit zu erzeugen, wobei sie diesen hoheitlichen Akt lediglich als Banknotenumlauf dokumentiert, weil sie daraus nie in Anspruch genommen werden kann. Daß der größte Teil der monetären Schuldentilgungsfähigkeit lediglich als Forderung gegen die Zentralbank existiert steht dem deswegen nicht entgegen, weil ja gerade das Recht der Zentralbank ihre Verbindlichkeiten in jeder erforderlichen Höhe durch die Übergabe von Bargeld zu begleichen eine Einlösung dieser Forderungen in Bargeld unnötig macht und damit dem modernen ‚clearing‘ bzw. ’settlement‘ überhaupt erst den Weg bereitet.

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