Wo ist die Kasse der Zentralbank?

Vielleicht sollte man mal ein paar grundsätzliche Dinge hinsichtlich der „Kasse“ bei Zentralbanken klarstellen. Die erste Unterscheidung, die man treffen muß ist die zwischen Finanzbuchhaltung und Bilanz. Eine Bilanz ist die Aufstellung von Aktiva und Passiva zu einem Zeitpunkt! Aus einer Bilanz werden dann per sog. Eröffnungsbuchungen die Anfangsbestände der Finanzbuchhaltung erzeugt. Weist also die Bilanz der SNB einen Vermögenswert „Internationale Zahlungsmittel“ 4.440,6 Mio. CHF (31.12.2018) auf, wird am 1.1.2019 in der Finanzbuchhaltung für diese Position genau dieser Zahlenwert als Startbestand eingetragen. Jede Änderung, die im Laufe des Jahres bezüglich dieser Position passiert, wird auf diesem Konto gebucht, bis am 31.12.2019 der Saldo dieses Kontos in die dann zu erstellende Bilanz eingetragen wird. So weit, so gut.

Dasselbe passiert auch mit der Position „Notenumlauf“ 82.238,8 Mio. CHF, so daß die Finanzbuchhaltung genau diesen Wert für den Notenumlauf als Anfangsbestand ausweist. Da der Notenumlauf ein sog. Passivkonto ist, wird die Eröffnungsbuchung im Haben vermerkt, denn Passivkonten erhöhen sich bei einer Buchung im Haben – rechts. (Aktivkonten erhöhen sich spiegelbildlich bei einer Buchung im Soll – links.)

Nun ist es so, daß die Finanzbuchhaltung auch durchaus Konten enthalten kann, die keinen Eingang in die Bilanz finden. Das ist dann der Fall, wenn der Abschlußsaldo eines Kontos den Betrag Null aufweist. Das heißt natürlich nicht, daß nicht auf diesem Konto erhebliche Umsätze stattgefunden haben können. Nun enthält jede Finanzbuchhaltung auch ein Konto „Kasse“, wobei – wie man leicht aus der Inspektion der SNB-Bilanz sehen kann – der Eröffnungsbestand dieses Kontos in der Finanzbuchhaltung „Null“ beträgt, denn in der Bilanz ist es ein Nullkonto und wird DESWEGEN nicht aufgeführt. (Das hat auch etwas mit der Funktion der Bilanz als Vermögensrechnung zu tun, wobei es sich erweist, daß für die Notenbank ein Bargeldbestand kein Vermögen darstellt und ein positiver Kassenbestand das Vermögen einer Zentralbank zu hoch ausweisen würde.)

Die Frage ist nun, wie jetzt Geld in die Kasse gelangt. Normale Unternehmen müssen etwas gegen Bargeld verkaufen, oder am Geldautomaten ihr Weisungsrecht gegenüber der Bank geltend machen und damit Bargeld anfordern. In beiden Fällen handelt es sich dabei um einen Aktivtausch – Ware gegen Bargeld oder eben Kontoguthaben gegen Bargeld.

Bei Zentralbanken kommt noch eine Möglichkeit dazu, wenn sie nämlich das ihnen exclusiv zugesprochene Recht nutzen, um Bargeld für den Umlauf vorzubereiten. (Art. 7 (1) WZG: „Die Nationalbank gibt nach den Bedürfnissen des Zahlungsverkehrs Banknoten aus.“) Dazu muß sie von den bei ihr im Keller liegenden frisch gedruckten Banknoten die gerade benötigte Menge herausholen, die dann durch eine Registrierungs- und Buchungsoperation zu gültigen (zum Zahlungsverkehr zugelassenen) Banknoten werden. Zum einen werden die Registriernummern der zu aktivierenden Banknoten in der Datenbank der in Umlauf befindlichen Banknoten gespeichert, zum anderen wird diese Aktivierung dieser Banknoten durch die Buchung


Kasse an Banknotenumlauf


in der Finanzbuchhaltung (und nicht in der Bilanz) dokumentiert. Wenn also die „Bedürfnisse des Zahlungsverkehrs“ in einer Anforderung von Banknoten durch eine Geschäftsbank bestehen, notiert die Zentralbank das ausgegebene Volumen als Notenumlauf, während die sich in der Kasse befindenden Banknoten kurz danach von einem Geldtransporter abgeholt und zu der anfordernden Bank verbracht werden. Die Abholung wird natürlich auch mit einer Buchung begleitet und zwar:


Giroverbindlichkeiten an Kasse


so daß bei der Zentralbank die Giroverbindlichkeiten abnehmen und der Kassenbestand wieder auf Null zurückspringt.

Hat eine Bank zuviel Bargeld angenommen kann sie dieses wieder zur Zentralbank zurückbringen und bekommt den eingelieferten Betrag gutgeschrieben:


Kasse an Giroverbindlichkeiten (aus Sicht der Zentralbank
– bei der Bank: Zentralbank-Guthaben an Kasse).


Da aber nun eine Zentralbank nicht weiß, was sie mit den in der Kasse herumliegenden Banknoten anfangen soll, kann sie diese wieder aus dem Umlauf entfernen, indem sie die Registriernummern aus der Datenbank löscht und mit der Neutralisierungsbuchung


Notenumlauf an Kasse


diesen Vorgang (erfolgsneutrale Bilanzverkürzung) in der Finanzbuchhaltung dokumentiert.

Genau diese Operation der Ausbuchung von etwa noch in der Kasse befindlichen Banknoten passiert auch dann, wenn die Finanzbuchhaltung zum Zweck der Bilanzerstellung abgeschlossen wird. Sollte also zum Kassenschluß noch Bargeld in der Kasse sein (was deswegen ausgerechnet kurz vor Jahresschluß der Fall ist, weil die Banken die aus den bar eingenommenen Weihnachtsumsätzen der Unternehmen angeschwollenen Kassenstände als Einzahlung bekommen und selber loswerden wollen), wird, bevor das Konto „Kasse“ abgeschlossen wird, wie oben noch eine Buchung eingefügt:


Notenumlauf an Kasse(nbestand)


womit der Kassenbestand zu Null wird, damit der Abschlußsaldo des Kassenkontos Null ist und auf eine Übernahme des Nullsaldos bzw. des Kontos „Kasse“ in die Bilanz verzichtet werden kann. Diese Ausbuchung nicht benötigter Kassenbestände ist übrigens nicht erfolgswirksam, weil hierbei lediglich zwei Bestandskonten verändert werden, was dann zu einer Bilanzverkürzung führt. Genausowenig wie eine Bilanzverlängerung aufgrund einer Aktivierungsbuchung von Bargeld zu einem Gewinn führt, führt eine Neutralisierungsbuchung, also die Verminderung des Notenumlaufs einhergehend mit einer Außerkraftsetzung der Gültigkeit der zu „vernichtenden“ Banknoten zu einem Verlust. Diese Operation steht im Einklang mit Art. 7 (2) WZG, wobei die Ausbuchung zur Bilanzerstellung vermutlich deswegen nicht so publik ist, weil nach Art. 29 NBG die SNB keine Geldflussrechnung (sic.) erstellen muß, in der solche Operationen dann aufgeführt werden müßten.

Das ist alles keine Hexerei, man muß nur links und rechts auseinanderhalten und vor allem nicht Bargeld auf der Passivseite einer Zentralbankbilanz suchen wollen. Wenn überhaupt befindet sich Bargeld als „Kasse“ in der Finanzbuchhaltung und dort auch auf der Seite, wo es hingehört – ins Soll nach… links! In der Bilanz einer Zentralbank dagegen hat das (eigene) Bargeld überhaupt nichts verloren – weder links noch rechts…

6 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie

6 Antworten zu “Wo ist die Kasse der Zentralbank?

  1. Wenn ich Ihnen „soffi“ Dr. Menendez die Frage :
    Wo bleibt die Kasse der Zentralbank?
    richtig beantworte lautet das so:

    Im Idealfall läuft das Zentralbandgeld in den Bilanzen der Wirtschaftsteilnehmer um, es sei denn, es konzentriert sich bei den Banken oder ihren Anteilseignern

    Die Konsequenz daraus bleibt, seit Einführung dieses Systems, diesen Stillstand durch Konzentration vom Gesetzgeber zu beenden, da es diese Kassenhalter nicht selbst tun.

  2. Hagen

    Ich habe alle Beiträge Ihres lehrreichen Blogs mit großen Vergnügen gelesen, manche mehrfach. Ihre Argumentation leuchtete mir ein, nur eine Grundannahme fand ich ästhetisch unbefriedigend.
    Ein Aktivum, dachte ich, ist, was in einer Bilanz links steht, und was nicht links steht, ist folglich kein Aktivum. Mit dem Beitrag über die Kasse der SNB haben Sie nun auch diesen Schatten ausgeleuchtet. Ich bedanke mich in der Hoffnung, noch viele Texte von Ihnen zu lesen.

    • Ich bin mir nicht ganz sicher, was Sie meinen, denn die Geschichte, daß die Dinge, die bei einer Bilanz links stehen mit Aktiva bezeichnet werden und rechts mit Passiva, ist eher eine sprachliche Konvention denn eine Annahme. Diese Konvention wird ja auch durch den Blogbeitrag nicht in Frage gestellt, denn hinsichtlich des Bargeldes ist es ja gerade nicht so, daß es sich auf der passiven Bilanzseite befinden würde. Der Bargeldumlauf auf der Passivseite ist kein Posten, der einen Kassenbestand anzeigt (wie bei Nichtzentralbanken auf der Aktivseite üblich), sondern ein Informationsposten über (in der Vergangenheit) ausgegebene Banknoten, die sich demzufolge außerhalb der Zentralbank befinden. (Daß der Bargeldumlauf einen eigenkapitalähnlichen Status hat, sei hier nur am Rande erwähnt!)

      • Hagen

        Meine Bemerkung zielte tatsächlich nur auf die sprachliche Konvention. Aber kann man alles heißen lassen, wie man will? Sollte man einen „einmalig schlagenden Beweis“ wie Goggelmoggel eine „Glocke“ nennen? Wenn die Bankenaufsicht „einfach ausgedrückt“ Eigenkapital definiert als „das Geld, das eine Bank von ihren Anteilseignern und anderen Anlegern erhalten hat“, dann finde ich diese Definition nicht „einfach“, sondern einfach nur verwirrend. Wenn Eigenkapital eine Teilmenge von „Geld“ wäre, wie könnte dann ein Unternehmen über Eigenkapital verfügen, ohne einen Cent zu besitzen? Wieso können Schwindler mit Geld um sich werfen, obwohl sie ohne Eigenkapital dastehen?
        Wenn ich dagegen lese, Geld sei niemals ein Passivum, findet das sofort meinen Beifall, weil Sachverhalt und sprachlicher Ausdruck in Einklang stehen. Denn ein „Bargeldumlauf“ ist natürlich genausowenig Bargeld, wie ein Planet seine Umlaufbahn. Logisch.
        Folglich stolpere ich dummerweise über die Aussage, dass Geld immer ein Aktivum ist, da es dann aus Gründen sprachlicher Klarheit auch in der Bilanz einer Zentralbank eine Kasse geben müsste, die ich aber nirgends fand. Ich erinnere mich nicht mehr an Ihre ursprüngliche, eher nebenbei fallengelassene Erklärung (darin kamen Lastwagen vor, die beladen werden), aber sie hatte mich nicht überzeugt. Deswegen bezweifelte ich nicht den Sachverhalt. Selbst eine Zentralbank mit ihrer fantastischen Möglichkeiten wird ihre Verbindlichkeiten gegenüber dem Vermieter oder den eigenen Angestellten letzlich nicht mit Verbindlichkeiten gegenüber Dritten oder ihren Eigentümern bezahlen können. Es wäre natürlich auch Unfug, in der Bilanz als Vermögenswert aufzuführen, was für eine Zentralbank kein Vermögen ist. (Zu welch gedanklicher Verwirrung es führt, wenn dies aus Gründen interner Verrechnung doch einmal geschieht, sieht man an der unseligen Diskussion um die Intra-Eurosystemsalden!). Dennoch blieb mir die Frage: wo ist die verdammte Kasse? Diese Frage haben Sie mir erfreulicherweise ausführlich beantwortet. Mit meinem Kommentar wollte ich Sie darin bestärken, solch technische Details aus dem Innenleben der Geldmaschine öfter zu erklären, denn diese Informationen sind schwer zu finden. Ich hatte jedenfalls vergeblich im Internet nach einer Erläuterung gesucht, wie die Zentralbank die Geldscheine im Tresor verbucht.

        • Es ist tatsächlich nicht so einfach, für derart konkrete Fragen kompetente Antworten zu finden. Man muß schon lange suchen, bis man z.B. folgende Perle findet:

          https://archiv.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=28222

          Der „Teufel im Detail“ ist leider nicht explizit darauf eingegangen, daß sich diese Buchungen ausschließlich in der Finanzbuchhaltung wiederfinden, aber mit der Bestätigung durch Prof. Gehrig bekommt man hier den Nachweis über Verfahrensüblichkeiten, die in der einschlägigen Literatur nicht zu finden sind. Die Frage ist: warum nicht? Es ist zunächst einmal verwunderlich, daß die Zentralbank Bargeld – das einzige existierende Zahlungsmittel – so einfach per Buchungssatz als gültig erzeugen kann, ohne daß dabei eine weitere Kontraktpartei benötigt würde. Geschäftspartner werden aber dann benötigt, wenn das Bargeld auch in Umlauf kommen soll. Sobald man diesen Unterschied einmal erkannt hat, gibt es kein Vertun mehr… (…und die ganze Mystik rund um die sagenumwobene „Geldschöpfung“ geht den Bach runter!).

  3. felsberger2012

    Ich empfehle Ihnen O.Spengler „Der Untergang des Abendlandes/ Das Geld/ Kap.4“ zu lesen:

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Spengler,+Oswald/Der+Untergang+des+Abendlandes/Zweiter+Band%3A+Welthistorische+Perspektiven/5.+Kapitel%3A+Die+Formenwelt+des+Wirtschaftslebens/1.+Das+Geld/4.

    Ich denke, dass hier sehr überzeugend dargelegt ist, dass die Abendländer erst dann zum Wesen ihres Geldes – Spengler nannte es „faustisch“ – vordringen werden, wenn alle römischen Reste des Geldes als Sache beseitigt sind. Erst wenn Münze und Bargeld abgeschafft sind und aus dem Gedächtnis der Menschen verflogen, werden sich die Abendländer auch von dem unsäglichen römischen Erbe trennen: eine Sache als Geld zu sehen. „Faustisches Geld“ hat mit Materie nichts zu schaffen, sondern fußt auf Kraftbeziehungen zwischen Gläubiger und Schuldner. Der eine hat das Recht zu fordern, der andere muß liefern, um sich zu entschulden. Was sollte in dieser dynamischen Beziehung eine Sache bedeuten?

    LG
    A.F.

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