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TikToken

Bei den Krypto-Gläubigen schwirrt seit längerer Zeit ein Begriff durch die Welt: „token“. Und so episch, wie dieser Begriff verwendet wird, ist es mal angebracht zu untersuchen, was sich hinter dieser Wortkreation verbirgt. Dazu kann man ein beliebiges Glossar aufsuchen, um dem Inhalt dieser Neuerung auf die Spur zu kommen. Dabei ist es vergleichsweise egal wo man nachsieht, denn derzeit wird in der Krypto-Presse noch munter voneinander abgeschrieben. Da ich keine Lust dazu verspüre nachzuforschen, woher die originale Konzeptionierung dieses Begriffes entstammt, hier einfach mal eine Definition von btc-echo:

https://www.btc-echo.de/academy/bibliothek/security-token/#was-ist-ein-token

Da geht es schon los mit der Differenzierung, denn dort werden schon mal drei verschiedene „Token“ vorgestellt:

  • Utility Token
  • Security Token
  • Payment Token

Der Utility-Token ist eine Art digitaler Gutschein, den man für irgendwelche kleinen Dienste einlösen kann. Da diese keine finanzielle Anreize bieten dürfen, sind sie wohl eher von der Sorte „Einmal Karussell fahren!“ Auch wenn dabei die wirtschaftliche Bedeutung nicht unmittelbar eingängig ist, so läßt sich dennoch ein derartiger Token als ein Anspruch auf eine Dienstleistung präzisieren. Wenn man irgendwann den Begriff „use-case“ hört, ist meist ein Utility-Token gemeint.

Ein Security-Token hat trotz der literarischen Ähnlichkeit nichts mit Sicherheit zu tun, sondern mit dem Begriff „securities“, was auf gut Deutsch Wertpapiere sind. Daher hat ein Securities-Token auch etwas mit der digitalen Form eines Wertpapiers zu tun: „Der wesentliche Unterschied zu herkömmlichen Assets ist ihre Tokenstruktur.“ Man mag die Tatsache, daß ein Securities-Token auf einer Stromfresser-blockchain angesiedelt ist, als kulturellen Fortschritt bezeichnen, von der Sache her handelt es sich auch hier um einen Anspruch auf i.d.R. Geld, zinstragende Anlagen, aber auch auf Sachvermögen, wenn es sich um Anteilscheine an Unternehmen handelt – also z.B. Aktien, die mit einem Gewinnanspruch verknüpft sind!

Die Payment-Token schließlich sind die „Coins“, wo man bei einer oberflächlichen Marktübersicht bereits die Sternchen tanzen sieht, angesichts der in die Hunderte gehenden Zahl von „Coins“. Man möchte meinen, daß diese „Coins“ – so wie echte Scheine und Münzen in einem Portemonnaie Platz finden, – analog dazu in den reichlich angepriesenen „Wallets“ Platz finden würden. Doch dem ist nicht so, wie man bei btc-Echo auch erfahren kann, denn ein Wallet enthält nur die sog. „Schlüssel“, mit denen dann (angeblich) Coins transferiert werden können.


vgl: https://www.btc-echo.de/academy/?s=wallet :

„In deiner Bitcoin Wallet liegen nicht die Bitcoin selbst, sondern nur die sogenannten Private Keys. Wer einen solchen geheimen Schlüssel besitzt, kann damit eine digitale Signatur erstellen. Sind auf dem zugehörigen Public Key Bitcoins gespeichert, kann man die Zugriffsrechte bestätigen und die BTC auch ausgeben.“


Und schon kommt wieder das Murmeltier angekrabbelt: auch hier handelt es sich (angeblich) um einen Anspruch, nämlich auf den Anspruch auf ein Bitcoin – oder doch meist eher Satoshi, was nichts mit Sushi zu tun hat…

Jenseits der angeführten Differenzierungen von Token bleibt als gemeinsames Merkmal der Umstand festzuhalten, daß es sich immer um Ansprüche handelt, die zu Konsequenzen bei Dritten führen: bei Utility-Token verpflichtet sich jemand zu einer Handlung, bei Securities-Token verpflichtet sich jemand zu Zins- oder Dividendenzahlungen und schließlich bei Payment-Token geht es um den Transfer von Coins, die (angeblich) irgendwo „im Netz“ gespeichert sein müssen, denn in der Wallet sind sie ja wie gesehen nicht vorhanden.

Aufmerksame Leser dieses Blogs werden den Braten schon riechen, denn immer wenn es um Ansprüche geht, sind diese von den Objekten, auf welche diese Ansprüche verweisen strikt zu unterscheiden. So ist denn auch die Eigenschaft eines Wallet, die Private Keys (also irgendwelche Hashtag-Ungetüme) zu enthalten ein Hinweis darauf, daß durch die „Erstellung von Zugriffsrechten“ es sich hierbei um dasjenige Optionselement handelt, welches benötigt wird, um Transfervorgänge in Auftrag geben zu können. In diesem Zusammenhang muß man sich natürlich fragen, was es denn ist, was dort transferiert werden soll. Die Antwort „Coins“ ist jedenfalls dann nicht zufriedenstellend, wenn es bei der Übertragung dieser „Coins“ lediglich darum geht, den „Bestätigungsvermerk“, daß sich ein entsprechender „Private Key“ im Wallet eingefunden hat, zu erhalten, womit sich der geneigte Coin-Verwender vollumfänglich bezahlt fühlt. Es kann an dieser Stelle mal offenbleiben, was es ist, was da transferiert wird…

Denn die Ähnlichkeit mit dem üblichen Überweisungsverkehr im Bankensystem ist derart frappant, daß es lohnt mal genauer darauf zu schauen, wie das mit den Übereinstimmungen von Übertragungsanweisungen eines Bankkunden im Gegensatz zu den Übertragungswünschen eines „Coin“-Besitzers aussieht. Wie ja hier schon mehrfach angesprochen wurde, ist ein „Guthaben auf dem Konto“ essentiell ein Optionsrecht, welches den Inhaber dieses Optionsrechtes dazu berechtigt der betreffenden Bank eine Anweisung (und nicht Auftrag) zu erteilen, einen von ihm bestimmten Transfer von Zentralbankgeld vorzunehmen. Man muß jetzt nicht wirklich lange darüber nachdenken, denn nach den vorstehenden Ausführungen ist ein „Guthaben“ im Krypto-Sprech als ein „Money-Token“ (oder „Fiat-Money-Token) zu bezeichnen. Als Token qualifiziert sich das Guthaben dadurch, daß es ein digital erstelltes Anspruchsrecht ist, wobei es nicht entscheidend ist, daß der Verlauf dieser Anspruchsrechte auf einem Kontoauszug aufgelistet auch ausgedruckt werden kann. Derartige Verlaufsdokumentationen können zwar zum angeben benutzt werden, bieten aber keine Anspruchsgrundlage, weil sie ja letztlich nur eine Aufnahme eines temporären Kontostandes zu einem (vergangenen) Zeitpunkt sind.

Für die Wirksamkeit einer Weisung ist es erforderlich, daß der aktuelle – und das heißt im Wesentlichen: der digital gespeicherte – Saldo des Kontos (auch unter Berücksichtigung einer eventuellen Überziehungslinie) ein „Polster“ aufweist, welches ausreichend ist, die Weisung für die Bank als ausführungspflichtig zu definieren. In ähnlicher Manier wird der Private Key dazu benutzt einen Übertragungsprozeß zu initiieren, an dessen Ende eine „Umbuchung“ des Coin-Saldos zugunsten eines anderen Wallet-Besitzers erfolgt – also etwa das, was als das wesentliche Ergebnis einer Über-Weisung bei Banken angesehen wird. Nun heißt es ja: „Kryptowährungen verwendet man digital.“ Diese Erkenntnis ist allerdings nicht so furchtbar originell, denn das Hantieren mit Online-Konten ist ja inzwischen eine Kulturtechnik, die ihre Jugendjahre schon einige Zeit hinter sich hat.

Angesichts dieses gereiften Erfahrungsschatzes mit finanzieller Digitalisierung nehmen sich die terminologischen Neuerungen ein wenig kläglich aus, im Gegensatz zu der medialen Aufbereitung die den Coins widerfährt. Eine gewisse Neuerung kann man in der DLT erkennen, auch wenn die potenzierte Erzeugung von Redundanz allen Vorstellungen von Effizienz widerspricht. Dabei bedeutet Distributed Ledger ja auch nur, daß man Informationen, die als Unikat in einer autorisierten Datenbank eine unspektakuläre Existenz fristen würden, nunmehr einer Flotte von Verifikationsprozessen unterzieht, um nach einem ausgiebigen Konklave mit angeschlossener „Belohnung“ völlig sinnlos Datenfetzen damit zu füttern, die aneinandergereiht eine Vielzahl von Datenbandwürmern erzeugen, die dann zu allem Überfluß auch noch an verschimmelte Datenfriedhöfe angedockt werden. Die Sicherheit liegt dann darin, daß es mit vertretbarem Aufwand nicht möglich ist, alle diese Datenungetüme gleichzeitig zu manipulieren. Man mag das als ein natürliches Prinzip ansehen, denn schließlich erzeugt auch die Natur Redundanzen, da bei Vermehrungsprozessen eine über 90%-ige Ausfallrate „einkalkuliert“ wird, was dann von zweckmäßig orientierten Denkapparaten als „survival of the fittest“ (fehl-)interpretiert worden ist. Inwieweit das Ganze blockchainen dann wegen der fehlenden (Aus-)Selektion nicht letztlich zum Datenoverkill führt, wird sich dann auch erst in der Zukunft zeigen.

Viel interessanter ist jedoch, daß die angeblich so brandneue „Tokenisierung“ des Wirtschafts- und Finanzlebens eine längere Historie hat, weil sich die Existenz dieser „Money-Token“, die im wesentlichen gemäß neuerer Diktion als securities-Token zu qualifizieren wären, in jedem handelsüblichen Bankkonto wiederfindet. Ein securities-Token ist es deswegen, weil ein positiver Kontosaldo ein Weisungsrecht darstellt, die Bank zu veranlassen, Zentralbankgeld (ein Aktivum!) zu transferieren. (Eigentlich geht es bei dem papierlosen „Geldverkehr“ darum, diese Weisungsrechte zu transferieren, was nur dann, wenn es dabei zu einem Schuldnerwechsel kommt, zu einem Zentralbankgeldtransfer führt. Klar: bleibt der Schuldner gleich, muß der an sich selbst nichts zahlen!) Man mag bemängeln, daß es bei Zentralbankgeld um einen nicht verzinsten Anspruch geht, dennoch ist die Anspruchsrichtung auf ein Objekt der Aktivseite Grund genug, um zu begründen, warum es sich hierbei um einen securities-Token handelt. (Wer richtig nachdenkt wird sofort erkennen, warum die Charakterisierung als payment-Token nicht zutreffend ist.)

In gleicher Weise fällt einem auch die Streifbandverwahrung von Wertpapieren ein, die eine Papierform der Wertpapiere entbehrlich macht. Das ist denn auch der Vorläufer dessen, was in neuerer Zeit bereits zu den sog. STOs (securities token offerings) geführt hat, bei denen die Streifbandverwahrung ein „zugelassener Verwahrer“ (oder gleich der Emittent) übernimmt und lediglich das Eigentumsrecht an diesem Forderungsrecht per blockchain den Eigentümer wechseln kann. Insofern ist es auch nicht wirklich korrekt, wenn es heißt:


„Jedes existierende Wertpapier, ganz gleich ob Aktie, Anleihe oder Zertifikat kann als Security Token emittiert werden.“


Denn das, was auf der blockchain wechselt, ist das Eigentumsrecht an Wertpapieren, die von zugelassenen Verwahrern wie bei der guten alten Streifbandverwahrung in einer schnöden Datenbank geführt werden.

Fazit: jeder, der ein Bankkonto besitzt, besitzt Money-Token. Jeder, der seine Wertpapieranlagen nicht auf Papier zu Hause oder im Schließfach hat, besitzt securities-Token. Hätten Sie es gewußt?

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