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Logische Typenlehre und die Ökonomie

dont believeDas Schönste an der Quantitätstheorie M V = P Y ist die Naivität, mit der allen Ernstes versucht wird einen Zusammenhang zwischen der Ebene der Güter und der Ebene des Geldes herzustellen. Da allerdings den Urhebern dieser Theorie bei dem Gedanken an deren Stichhaltigkeit nicht so ganz geheuer war, wurde denn auch in der Folge die Gleichung wahlweise als Tautologie, Identität oder gar als Kontinuitätsformel ökonomischer Weisheit präsentiert. (Es ist aber auch möglich, daß man ausgehend von der Quantitätstheorie zu korrekten Aussagen kommt, wenn man sich nur an die monetären Grundsätzlichkeiten hält, die von den statistischen Ämtern veröffentlicht werden; die Feldtheorie der Ökonomie  ist, jenseits der Tatsache, daß sie sich nicht um die hier angesprochene Problemlage schert ein Beispiel dafür, daß man auch ‚right for the wrong reasons‘ sein kann.)

Der quantitätstheoretische Ansatz sucht die Antwort auf die „Geldfrage“ in einer Realmystik, weil er sich nicht damit abfinden will, daß die Funktionsweise (!!!) von Geld mit Wert nichts zu tun hat. Denn die Frage nach dem Wert hat was mit intrinsischen Befindlichkeiten zu tun, welche durch die Präferenzen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie in aller Form dargelegt werden. Nun ist zwar die Frage, was Geld für ein Individuum wert ist auch eine Frage von persönlichen Einschätzungen, nur ist dieser Entscheidungsaspekt auf einer anderen Ebene angesiedelt, als es die Entscheidung über die Nützlichkeit eines Objektes ist.

Der theoriegeschichtliche Hintergrund ist dabei, daß das Zentralmodell der herrschenden Wirtschaftstheorie – die allgemeine Gleichgewichtstheorie – aufgrund ihrer Konstruktion nur relative Tauschverhältnisse abbilden kann. Aus diesem kühlen Grunde ist es erforderlich eine formelhafte Abbildung zu finden, um die relativen Preise in absolute Preise (Geldpreise) zu transformieren. Dazu wurde der gesamtwirtschaftliche Umsatz (P * Y) mit „der“ Geldmenge (M) in Beziehung gesetzt und heraus kommt eine ominöse Variable (V), die dann so etwas Ähnliches abbilden soll wie die „Händewechselhäufigkeit“ jeder einzelnen Geldeinheit.

Die wichtigste und leider für die Ökonomie fatale Zuschreibung an den auf diese Weise unterschwellig definierten „Geldwert“ ist die Assoziierung von Geld als einem „Realwert“, obwohl die Quantitätstheorie gerade diesen Schluß nicht nahelegt. Denn wie man durch einfache überlegung nachvollziehen kann, ist die Höhe der Geldpreise (P) von der Geldmenge (M) abhängig, so daß in der Definitionsformel für V (die sagenumwobene Umlaufgeschwindigkeit)
V = P*Y/M
auf der rechten Seite Variable stehen, die auch ohne ein ominöses V voneinander abhängig sind. Die logische Folge davon ist, daß damit die Frage des „Geldwertes“ völlig in der Luft hängt – weil die entscheidende Frage der Abhängigkeit von P und M bereits auf der „rechten“ Seite stattfindet – und zu allem Überfluß auch noch Y (das reale Sozialprodukt) in diese vermeintlich selbst-evidente Beziehung hineinspielt, was, sobald man V als konstant voraussetzt, zu einer Beziehung von monetären und realen Einheiten führt und damit automatisch die Vorstellung des „Realwertes“ einer Geldeinheit erzeugt wird. Der intellektuelle Kurzschluß zu einer Vorstellung eines „werthaltigen Geldes“ (Goldwährung) ist an dieser Stelle nicht mehr weit. Dieser Kurzschluß trifft sich mit der phänomenologischen Erfahrungstatsache, daß Geld ja gegen Sachgüter „getauscht“ werden kann, so daß einer Identifizierung von Geld und Wert nichts mehr im Wege steht. Daß damit einer Verwechslung kategorialer Ebenen Vorschub geleistet wird ist dann kein Wunder mehr.

Damit kommen wir aber zum Punkt: der logische Typensprung besteht daraus, daß Kommunikation über Sachen anderen Kriterien unterliegt, als die Sachen selbst. Kommunikation über die Verfügung von Sachen hat was damit zu tun, daß diese Funktionalität keine direkte Verbindung mit einer (möglicherweise) zugehörigen Interaktionsform besitzt, die auf einen Ausgleich von Werten aufgebaut ist. So ist zum Beispiel die Funktionalität von Sachen in der Korntheorie des Zinses von Ricardo zu finden, die mit der Funktionalität der Kommunikation über monetäre Profitraten nicht das mindeste zu tun hat. Oder anders: die klassische Austauschrate von Hirsch und Biber bei Adam Smith hat zwar etwas mit den relativen Wertverhältnissen zu tun – der Zielpunkt dieser Art von Interaktion ist jedoch darauf geeicht, aus der geschäftlichen Interaktion gerade keine Schuldbeziehung erwachsen zu lassen, welche nach Abschluß dieses Tausches eine Fernwirkung auf zukünftige (geschäftliche) Beziehungen haben könnte. Ein Tausch hat gerade mit dem, was monetäre Verpflichtungsrelationen angeht allenfalls indirekt etwas zu tun!

Der Hintergrund für diese Konzeptionierung ökonomischer Ebenen findet sich vordergründig in der Kommunikationstheorie von G. Bateson, im Endeffekt jedoch in der logischen Typenlehre von Whitehead und Russell:

„Unser Forschungsansatz beruht auf dem Teil der Kommunikationstheorie, den Russell die ‚Theorie der logischen Typen‘ genannt hat. Die zentrale These dieser Theorie besagt, dass zwischen einer Klasse und ihren Elementen eine Diskontinuität besteht. Die Klasse kann weder ein Element ihrer selbst sein, noch kann eines ihrer Elemente die Klasse sein, da der für die Klasse gebrauchte Terminus einer anderen Abstraktionsebene – einem anderen logischen Typ – angehört, als die auf die Elemente anwendbaren Termini.“

Der hier verwendete Ansatzpunkt besteht daraus:

Obwohl in dieser Passage sowohl von (Abstraktions) ‚Ebenen‘ als auch von ‚Typen‘ gesprochen wird, suchen wir in Batesons Arbeiten vergeblich nach einer Bestimmung der Unterschiede zwischen diesen beiden Parametern. So deutlich einerseits der Unterschied zwischen den Begriffen Element und Klasse im Rahmen logischer Argumentation ist, so ungeklärt bleibt andererseits das Verhältnis zwischen Ebenen und Typen in der psychologischen Kommunikationstheorie von Bateson.

Nun geht es hier nicht darum die logische Typenlehre zu diskutieren, sondern darum den Aspekt hervorzuheben, der sich daraus ergibt, daß Bateson und später Luhmann angeregt haben, daß Wirtschaft als ein Kommunikationssystem begreifbar ist, welches von der Konzeption, Wirtschaft als reales Tauschsystem zu betrachten, fundamental unterschiedlich ist. Damit hat es sich allerdings mit Bateson und Luhmann auch schon. Das was man als Wesentliches daraus lernen könnte ist, Wirtschaft nicht als Substanzfrage zu betrachten, sondern als kommunikative Veranstaltung, die davon geprägt ist, daß Einvernehmen über Verfügungen hinsichtlich realer Objekte erzielt wird. Die Ignoranz der Ökonomie besteht dagegen daraus, daß die Formulierung einer Grenzproduktivität als a priori postulierter handlungsleitender Zentralaspekt dazu führt, daß monetäre Kommunikation zu einem abhängigen Abbild der realen Sphäre wird. Das ist der (tragische) Stand der Dinge!

Die logische Typenlehre der Ökonomie postuliert demgegenüber, daß die Objekte der Realökonomie einen „Transmissionsmechanismus“ brauchen, in dem Sinne, daß es einen Kommunikationsstandard braucht, der die Kriterien definiert, wann reale Objekte entweder einen Eigentumswechsel erfahren oder zu einer Produktionsveranstaltung eingesetzt werden (können). Damit betrachtet sie die Unterschiede, welche zwischen der Realebene und der monetären Ebene existieren. Die Differenz der Unterschiede ökonomischer Kategorien hebt gerade den Unterschied hervor, der sich zwischen Produktivität, die sich auf eine reale Menge von Gütern bezieht, befindet, während demgegenüber Gewinn sich auf Geld bezieht, welcher sich nicht aus einer Produktivitätsphilosophie erklären läßt. Es klingt lächerlich, aber den (meisten) Ökonomen muß man sagen: Geld wächst nicht auf Bäumen!

Der in dieser Problemverstrickung enthaltene Hänger ist dabei immer der gleiche: Kommunikation wird immer dann zum Problem wenn Objekt und Bezeichnung verwechselt werden. So ist eine Zinstheorie der Produktivität eine Angelegenheit von Mengen. Dagegen ist die Kommunikation über Mengen eine Metaebene (die Zins als eine Zuschreibung zu dem abstrakten „Wert“ – besser: Forderungsvolumen – einer Schuldforderung manifestiert), deren Existenz von der bisherigen ‚mainstream‘-Ökonomie weitgehend geleugnet wird. Der augenfälligste Ausdruck dieser Scheuklappenstrategie ist die Quantitätstheorie, die völlig unbekümmert von einer strukturellen Differenz von Objekt- und Kommunikationsebene einen kausalen (meistens noch schlimmer als selbst-evidenter Identitätskomplex verstandener) Konnex zwischen beiden Ebenen postuliert und damit das zentrale Hindernis für eine ökonomische Theorie darstellt, die wenigstens mal den Anspruch struktureller Konsistenz erheben könnte.

Ein Ansatz, der sich zugutehalten kann, dieser Verwechlung nicht zu unterliegen resultiert aus den Untersuchungen von L.A. Hahn und M. Copeland, deren Untersuchungsobjekt die monetären Relationen einer Volkswirtschaft sind, der sich über A. Forstmann, W. Lautenbach und schließlich W. Stützel in dem Konzept der „volkswirtschaftlichen Saldenmechanik“ niedergeschlagen hat. Das eigentliche ‚feature‘ dieses Ansatzes, gerade ohne einen Bezug zu realen Objekten auszukommen macht sie in den Augen des ‚mainstream‘ zu einer nicht-ökonomischen Theorie, weil damit der Bezug zu den realen „Wahrheiten“ verloren geht, woraus sich ganz zwanglos auch die permanente Abneigung gegen diese Art der Konzeptualisierung ökonomischen Denkens erklären läßt. Dabei ist diese Kritik in etwa so, als würde sich die Hardwareabteilung über die Softwareabteilung eines Computerherstellers dahingehend beschweren, daß die Software-Programmierer keine Hardware-Entwicklung betreiben wollen. Natürlich ist da auch ein Zusammenhang, aber die Regeln und Kriterien der Software-Entwicklung sind eben nur indirekt davon bestimmt, welche Konstruktionsprinzipien in der Hardwareabteilung als neuester Schrei zur Anwendung kommen.

Die logische Typenabbildung zwischen der Realsphäre und dem monetären Kommunikationssystem besteht eben daraus, daß Geld als relatives Maß der Produktion einen indirekten Zusammenhang herstellt, da ja Bezeichnung und Objekt eine zwar begriffliche, aber letztlich nur eine phänomenologische Einheit zu etablieren in der Lage sind. Das ist vor dem Hintergrund einer effizienten Institutionalisierung auch nicht schlimm, bedeutet aber hinsichtlich einer angemessenen Wirtschaftstheorie, daß man sich davon fern halten muß, die strukturellen Ebenen der ökonomischen Analyse auf eine unangemessene Weise zu vermengen. Die Einsicht, die logischen Typen der ökonomischen Erkenntniswelt strukturell auseinanderzuhalten eröffnet die Möglichkeit, Geld und Wert, wenn schon nicht zu „integrieren“, so doch miteinander dergestalt zu verbinden, daß es möglich wird, ohne logische Kategorialverwechslungen über Ökonomie in einer zukunftsfähigen Weise diskutieren zu können.

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Geld oder Kredit – who cares? Banken!

TrogDie Diskussion um die Frage, ob Sichtforderungen sinnvoll als „Geld“ interpretiert werden können ist auf der einen Seite eine formelle Diskussion um die Frage, ob das, was auf der Passivseite der Zentralbankbilanz steht – nämlich der Zentralbankgeldumlauf – nun eine Verbindlichkeit darstellt oder nicht. Denn soweit man die Eigenschaft des ZBG-Umlaufs eine Verbindlichkeit zu sein bejaht, läßt sich der Analogschluß zu den Sichtforderungen der Geschäftsbanken ziehen, womit ein eindeutiges Trennungskriterium nicht mehr existiert. Der einzige Unterschied wäre dann nur noch, daß eine Zentralbank niemals illiquide in ihrem selbst emittierten Geld werden kann, während das bei Geschäftsbanken schon mal schiefgeht – was dann die Zentralbank auf den Plan ruft, die dann als ‚lender of last resort‘ fungieren soll, womit sich das Liquiditätsproblem für die (größeren) Geschäftsbanken weitgehend erledigt.

Auf der anderen Seite ist es hier in keiner Weise ein Selbstzweck eine Diskussion wieder anzuzetteln, die bereits vielfältig ausdiskutiert zu sein scheint. Es geht also dabei nicht um einen Streit um „des Kaisers Bart“, sondern um die Frage, welche Funktionsbestimmungen in Bezug auf Geld man vertritt. Dabei ist die Funktionsbestimmung „Tauschmittel“ allgemein die geläufigste Zuschreibung bei der Frage: „Was ist Geld?“. Zweifel an dieser Zuschreibung sind deswegen angebracht, weil diese Antwort nicht Ergebnis einer geldtheoretischen Analyse ist, sondern sich aus der Notwendigkeit ergibt, die relativen Preise des ökonomischen ‚mainstream‘-Modells in absolute Preise zu transformieren, ohne die Kohärenz des zugrundeliegenden Modells zu beeinträchtigen. Daß damit ein Bauchgefühl á la „Man sieht ja, daß man Geld und Güter tauschen kann!“ und damit lediglich eine Erfahrungstatsache als Theorieersatz herangezogen wird, wird bei der Plausibilisierung einer derartigen Zuschreibung meistens stillschweigend unterschlagen. Nun soll hier nicht die alte epistemologische Frage aufgeworfen werden, ob Empirie ohne Theorie überhaupt sinnvoll machbar ist oder nicht. Aber wie man seit Galileo und Kepler weiß (und wahrscheinlich auch schon seit Aristoteles, denn bei Aristoteles steht ohnehin schon alles) lassen sich Erkenntnisse auch ohne direkte Anschauung gewinnen, resp. auch dann gewinnen, wenn die phänomenologische Betrachtung das Gegenteil dessen auszusagen scheint als das, was die Theorie aus anderen Erwägungsgründen ableitet. (Wer es etwas moderner haben will: das Higgs-Boson gab es vor der theoretischen Berechnung nicht und danach ein paar Jahrzehnte auch nicht. Jetzt schon – und manche sagen: immer noch nicht!)

Was könnte es also sinnvoll machen, den Unterschied von Zentralbankgeld und Sichtforderungen herauszuheben?
Der Versuch einer Skizze:

Das Eine (ZBG) ist ein Zahlungsmittel bzw. dasjenige Medium, in dem eine schuldbefreiende Zahlung möglich ist. Kennt man vom Bäcker: man schließt mit dem Verkäufer einen Vertrag, indem qua Angebot und Annahme eine zweiseitige übereinstimmende Willenserklärung zu einem gegenseitigen Schuldverhältnis führt. Was führt nun zum Ziel der ganzen Operation, welches darin besteht, daß der Kunde ein Gut übertragen bekommen möchte, während der Verkäufer eine Ware übertragen möchte und das mit einer möglichst schuldbefreienden Zahlung? Richtig, die Übertragung des Geschuldeten.

Das Andere ist die Referenz auf Geld. Referenz auf Geld bedeutet, daß es einen Verfügungsanspruch gibt, über einen bestimmten Geldbetrag disponieren zu können, indem einem Dritten (der Geschäftsbank) der Auftrag erteilt wird, die Übertragung des Herausgabeanspruchs an den Empfänger zu übernehmen. Was dabei offenbar eintritt ist die vieldiskutierte Tatsache, daß in einem Bankensystem – im Gegensatz zu der Barzahlung – die Notwendigkeit 100% Zentralbankgeld für die Abwicklung der Transaktionen vorhalten zu müssen offenbar in dieser Ausprägung nicht gegeben ist. Aus diesem Umstand folgert eine ganze Diskussionsrichtung, daß dort ein „fraktionelles Reservesystem“ vorliege, welches gewissermaßen auf Kosten der Bankkunden nur einen Teil der umgesetzten „Geldmenge“ zur Abwicklung aller Transaktionen verwende. Damit einher ergeht der Vorwurf an die Banken „das Geld der Einleger“ für ihre Zwecke zu verwenden, indem es (rechtswidrig) weiterverliehen werde. Soweit die eine Seite.

Welche Vorstellung ist zu entwickeln, wenn man einen anderen Zusammenhang sehen möchte? Dieser geht davon aus, daß Geld nicht irgendwie vom Himmel fällt oder auf den Feldern wächst oder aus nicht erklärbaren „Einlagen“ entstammt, deren Herkunft nicht nachvollziehbar sind, sondern sich aus der Zahlungsverpflichtung einer Zentralbank ergibt, was sich dann in der Forderung einer Geschäftsbank gegenüber der Zentralbank oder in einem Kassenbestand der Geschäftsbank widerspiegelt. Soweit eine Geschäftsbank mit Zahlungsmitteln ausgestattet ist, ist sie auch befähigt Kredite zu vergeben, deren Eigenschaft es ist, teilweise oder vollständig mit einem Zahlungsmittelabfluß verbunden zu sein. Die Einräumung eines Kredits begründet die Schaffung von Sichtforderungen, über die der Inhaber der Sichtforderungen nach Belieben verfügen kann. (BTW: Wenn diese Sichtforderungen des Kreditnehmers an z.B. seinen Angestellten übertragen werden, der sein Konto bei einer anderen Bank hat, sieht es tatsächlich so aus, als würde bei der Empfängerbank eine „Einlage“ entstehen. Nur: die ist ja nicht aus dem Nichts entsprungen, sondern bei der Krediteinräumung der überweisenden Bank entstanden! Es handelt sich also lediglich um eine Verlagerung der bei der Krediteinräumung geschaffenen Sichtforderungen!) Dabei kommt es mit der Ausdifferenzierung des Interbankenmarktes zu dem bekannten Effekt, daß die Einräumung eines Kredits nicht stets damit verbunden ist, daß die Bank zu 100% sich zusätzliches Zahlungsmittel beschaffen muß, sondern nur für den Teil, der von ihrem eigenen Hause  (temporär) wegüberwiesen wird, da sie – aus ihrer Perspektive – ihre Herausgabeverpflichtung hinsichtlich der Zahlungsmittel an eine andere Bank „weitergibt“. Dabei wird die Bank, die in den Auszahlungsanspruch nunmehr gegen sich eintritt auch darauf bestehen müssen, daß das Herauszugebende – das Zahlungsmittel – ihr auch tatsächlich übergeben wird – in bar oder moderner als Übertrag einer Forderung auf Zentralbankgeld bei der Zentralbank.

Wozu das alles? Nun, um zu motivieren, daß bei einer säkular sinkenden Bargeldquote das Liquiditätsmanagement einer Bank stetig größeres Gewicht erhält und eben dieser Umstand bewirkt, daß die Funktion von Zentralbankgeld als direktes Tauschmittel zunehmend in den Hintergrund, dagegen die Funktion von Zentralbankgeld als Mittel zur Steuerung des Bonitätsniveaus im Interbankenmarkt immer mehr in den Vordergrund tritt. Der entscheidende Hebel dafür sind die Kosten der Beschaffung von Zentralbankgeld, weil der Gewinn der Geschäftsbank um so höher ausfällt, je geringer die Liquiditätskosten sind, die bei einem sich einstellenden Liquiditätsbedarf entweder aus den Zinskosten am Interbankenmarkt, freien Geldmarkt oder den Zinskosten gegenüber der Zentralbank anfallen. Damit wird aber der Bonitätsstandard des Aktivportfolios zum entscheidenden Parameter (’shiftability‘) hinsichtlich der Beschaffungskosten, wobei ein hoher Bonitätsstandard durch relativ geringe Geldbeschaffungskosten geprägt ist, während Banken mit geringerem Bonitätsstandard höhere Geldbeschaffungskosten aufwenden müssen, um ihren Liquiditätsstatus hinsichtlich der Zentralbankgeldabflüsse ausreichend hoch zu halten.

Man muß wohl noch viel darüber schreiben, aber die säkulare Veränderung, die daraus besteht, daß Zentralbankgeld zunehmend als Steuerungsinstrument des Ausgleichs von Liquiditätsproblemen der Banken begriffen werden muß, kann man nicht mehr ignorieren. Insofern ist die Funktion des Geldes als Tauschmittel als Aspekt einer spezifischen (Tausch-)Theorie nicht ganz unberechtigt, aber hinsichtlich der Ausdifferenzierung des Finanzsystems hoffnungslos defizitär. Die Funktionsbestimmung von Geld innerhalb einer Kreditgeldtheorie fokussiert primär das Liquiditätsproblem und analysiert (statt der Erleichterung von Tauschprozessen) die Zahlungsmitteleigenschaft des Geldes hinsichtlich des Liquiditätsausgleichs bei Banken und schließlich dessen Funktion bei der Herausbildung eines allgemein akzeptierten Interbanken-Bonitätsstandards.

Pointiert ausgedrückt: Zentralbankgeld steuert die Geschäftspolitik von Banken. Kredit steuert die wirtschaftliche Aktivität der Privaten. Das Mißverständnis liegt darin, daß allgemein angenommen wird, daß eine Zentralbank das Volumen der Kredite direkt steuern würde, wofür die Theorie des Geld-Kredit-Multiplikators bzw. das ‚fractional banking‘ stehen. Dabei kann eine Zentralbank nur die Bonität der von den Banken vergebenen Kredite steuern, indem sie durch eine relative(!) Verknappung von Zentralbankgeld jede Einzelbank dazu zwingt zur Refinanzierung von Zentralbankgeldabflüssen auf dem Interbankenmarkt um Kredit nachsuchen zu müssen.

Die Entwicklung der Zahlungs- bzw. Liquiditätsausgleichstechnologie erzeugt Motivationsstrukturen bei den Geschäftsbanken, die sich durch die alleinige Zuschreibung an Geld, lediglich als Tauschmittel zu dienen, nicht erklären lassen. Denn das Liquiditätsmanagement der Geschäftsbanken ist nicht nur ein Motivationsfaktor um Refinanzierungskosten zu sparen, sondern erzeugt den Zwang für jede Geschäftsbank auf die Bonität der anderen Geschäftsbanken achten zu müssen. Das heißt aber, daß die Einschätzung über die Bonität der Korrespondenzbanken zu einer unabdingbaren Leitlinie der Geschäftsbankenpolitik wird. Die Geschäftsbesorgung Zahlungsmittelverkehr bzw. die daraus folgende zentrale Bankenfunktion „Sicherung des Liquiditätstatus“ wird damit zu einer sozialen, reziproken Interbanken-Überwachungsfunktion, was die Bonität des Aktivportfolios jeder Bank angeht. So wird auf einmal der Effizienzaspekt der Geschäftsbankenpolitik Refinanzierungskosten zu sparen auf einmal zu einem Steuerungsfaktor, den eine Zentralbank dazu verwenden kann, um einem Bankensystem einheitliche Bonitätsstandards anzuerziehen! Damit wird die Trennung von Geld und Anspruch auf Geld (Sichtforderungen) zu einem währungspolitischen Parameter, welcher sich nicht erschließt, wenn Schuldverhältnisse von Geschäftsbanken unbesehen auch zu „Geld“ gerechnet werden.

Der Umstand, daß Geld Schulden ausgleicht und somit Banken – als Schuldner der von ihnen selbst erzeugen Verbindlichkeiten – stets zu einer Liquiditätssicherung zwingt, zieht die Grenzlinie zwischen einer Tauschmitteltheorie des Publikums im Gegensatz zu einer Liquiditätssicherungstheorie der Banken durch die Funktion von Zentralbankgeld als Ausweis von Zahlungsfähigkeit. Dabei ist das Phänomen, daß Geld auch zu Zahlungen verwendet wird, so gesehen ein Anachronismus – Bestrebungen zur Abschaffung des Bargeldes sind mittlerweile vielfältig vorhanden. Jedoch ist nach vorstehenden Ausführungen selbst bei einer kompletten Abschaffung des Bargeldes die Existenz von Zentralbankgeld dennoch erforderlich, weil auch dann die Frage des Ausgleichs von Interbankenforderungen an den geltenden Zahlungsmittelstandard gebunden bleibt, mithin Zentralbankgeld als Ausweis von Zahlungsfähigkeit unmittelbar unabdingbar ist.

Die Tauschmittelaufgabe des Geldes mag zwar historisch primär zu der Metafunktion des Geldes, der Etablierung von Tendenzen zu einem einheitlichen Bonitätsstandard, sein. Dessen Akzeptanz bedeutet jedoch anzuerkennen, daß die Entwicklung der Zahlungstechnologie in Verbindung mit der Ökonomisierung des bestehenden Zahlungsmittelvolumens einen neuen Sachverhalt schafft, der im Gegensatz zu der Theorie des Tauschmittels als emergente Erscheinung der modernen Finanzwirtschaft gesehen werden muß. Und nun wird es schwierig…

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Kredit in der realen Welt?

Fabian Lindner hat einen interessanten Artikel geschrieben, in dem er die Frage behandelt, ob „die Ersparnis die Investition finanziert“. Dies ist ein seit langem schwelender Disput zwischen Neoklassikern und (monetären) Keynesianern, der auch bereits als die „loanable funds“-Kontroverse wohlbekannt ist.

Wie ist dieser Disput zu entscheiden? Die von Ökonomen bestens bekannte Antwort ist: es kommt darauf an. Und zwar kommt es darauf an, in welcher Weise man über Ökonomie denkt. Wenn das aber so ist, kann die vordergründige Antwort nur lauten: Beide haben Recht – je nach dem zugrundeliegenden ökonomischen Modell. Denn auch wenn es in Deutschland mindestens genauso viele Ökonomen gibt wie Fußball-Nationaltrainer, die natürlich alle ganz genau wissen wie „Wirtschaft“ funktioniert, ist dennoch die Interpretation der Realität stets daran gebunden, welche Theorie eines verstorbenen Ökonomen bei der Interpretation der Realität Pate steht.

Die eine Fraktion ist die Neoklassik, deren Wirtschaftsmodell hier diskutiert wurde. Diese ist davon geprägt, daß sie versucht „hinter den Geldschleier“ zu sehen um damit alle ökonomischen Phänomene (die „Realität“) auf „reale“ Größen wie Grenzproduktivität, relative Preise oder reale Nutzenerwägungen zurückzuführen. Die Gegenposition nimmt – in Anlehnung an P. Spahn – die Theorie der Geldwirtschaft ein, die das umgekehrte Verständnis aufweist, daß die Ökonomie von der Verfügung über Geld gesteuert wird.

Fabian Lindner argumentiert aus der Perspektive einer Theorie der Geldwirtschaft (die auch mit dem Namen Keynes verbunden ist), indem er auf die monetären Beziehungen abstellt, welche damit hierarchisch gesehen, die realen Prozesse in der Ökonomie steuern. Daraus folgt, daß sein Sparbegriff sich monetär definiert und somit auf die Bildung von Nettogeldvermögen abstellt. Man sieht sofort, daß dieser Begriff von Ersparnis nichts mit dem neoklassischen Begriff zu tun hat, denn dort ist Ersparnis definiert als realer(!) Nichtkonsum. (So was taucht immer wieder in den Robinson-Geschichten auf.) Das hat was mit der Anlage des neoklassischen Modells zu tun, denn dort sind die Haushalte diejenigen, die darüber entscheiden, welche Produktionsmittel die Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommen – auch bekannt als Erstausstattungsökonomie. (Hier liegt die Wurzel des ‚pursuit of happiness‘ der US-amerikanischen Verfassung!)

Fabian Lindner geht im Gegensatz dazu davon aus, daß auch Produktionsmittel, genauso wie Konsumgüter durch Arbeit entstehen, wobei Arbeit durch Geldzahlungen entlohnt wird. Warum das korrekt ist, ist eine komplizierte Geschichte, die aber in sich konsistent ist. (Ob sie wahr ist, ist dagegen eine Frage des Glaubens, nicht der Wissenschaft!) Wenn aber, wie es auch bei Schumpeter angelegt ist, Unternehmer Geld brauchen, um Produktion zu finanzieren, stellt sich die Frage: wo kommt denn das Geld her? Wie hier schon mehrfach besprochen kommt Geld von der Zentralbank – und sonst nirgendwoher anders!

Insofern ist es schlichtweg mißverständlich, wenn Fabian Lindner die Redewendung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ verwendet, wenn er die Kreditvergabe von Geschäftsbanken anspricht. Das suggeriert eine falsche Vorstellung, denn Geschäftsbanken erzeugen Schuldverhältnisse, die auf ANSPRÜCHE von Geld lauten! Würde man sich mal mit den juristischen Gegebenheiten von Zahlungen beschäftigen, wird schon mal klar, daß selbst die „Definition“ einer „Geldmenge M1“ darauf hinausläuft, daß dabei inkommensurable Dinge zu einer Einheit zusammengefaßt werden. Denn eine Forderung auf Geld ist kein Geld, denn sonst würde die vielfach perhorreszierte Vorstellung eines ‚bank-run‘ unmöglich sein! Auch diese Fehleinschätzung ist Ausdruck der Tatsache, daß die herrschende Wirtschaftstheorie (die ihr REALmodell als ultimatives Instrument zur Erklärung gegenwärtiger Realität versteht) Geld nur als Appendix einer von realen Größen gesteuerten Welt ansieht.

Da aber Geschäftsbanken „nur“ Schuldverhältnisse erzeugen gilt auch, daß die damit geschaffenen Depositen (eigentlich: Sichtforderungen) ebenso „nur“ Ansprüche auf Geld, aber eben kein Geld darstellen – auch wenn es phänomenologisch gesehen so erscheinen mag. Das hat aber was mit der Frage zu tun, warum Banken „Depositen“ brauchen. Die Antwort ist, daß für eine Geschäftsbank der Zugang von Depositen gleichzeitig einen Zugang von Zentralbankgeld – oder zumindest die Forderung darauf – darstellt, den sie stets zur Abwicklung des laufenden Geschäftsverkehrs benötigen. Siehe: Was ist Clearing?

Wer von Bankwirtschaft was versteht weiß sofort, daß dies das allgemeine Liquiditätsproblem bei Banken darstellt – was daraus resultiert, daß mit einer Kreditvergabe i.d.R. ärgerlicherweise ein Liquiditätsverlust einhergeht. DAS ist das Problem einer Bank, wenn sie einen Kredit vergibt! Warum? Weil sie eben kein Geld „schöpfen“ kann! Insofern ist die Bezeichnung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ einfach falsch – und Fabian Lindner weist auch selbst darauf hin.

Wenn das aber so ist, muß man auch mal die Konsequenzen daraus ziehen!

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Überlegungen am Rande…

Nirgends bekommt man so blöde Antworten auf eine Erkenntnisfrage wie bei den Ökonomen, wenn es darum geht zu sagen, was denn eigentlich „Geld“ sei. Die am meisten bescheuerte Antwort darauf ist die Nicht-Antwort: „Geld ist das, was Geld tut.“ Das ist schon deswegen nichtssagend, weil das Erkenntnisinteresse nach der funktionalen Bestimmung von Geld durch einen Verweis auf die phänomenologischen Aspekte des Geldes (eben nicht) „beantwortet“ wird. Man hat irgendwie den Eindruck, daß es sich dabei so verhält wie mit der Kinderfrage „Was ist Sex?“, woraufhin dann vielfach noch die Geschichte mit den Bienchen (wahlweise den Klapperstörchen) erzählt wird – als wäre die Frage danach, was Geld denn nun eigentlich sei irgendwie anrüchig. Aber genauso sind die Pseudo-Antworten auch, wenn es darum geht, irgendwelche Wortkombinationen vorzustellen, die der Fragende dann bitteschön als Antwort hinnehmen soll. (Ich erspare es mir, für diesen Unsinn noch irgendwelche Links zu posten, die findet jeder selber.) Und nur durch die Aufbietung jeglicher Autorität der Wissenschaft ist es bisher weitgehend ausgeblieben, daß vom Fragesteller das Urteil gefällt wird: Thema verfehlt, Frage nicht beantwortet. Denn was soll man denn auch davon halten, daß der Frage nach einer der wichtigsten Dinge der menschlichen Gesellschaft mit den dürren Begriffen: Tauschmittel, Recheneinheit bzw. Wertaufbewahrungsmittel entgegnet wird?

Was ist da passiert? Im Grunde wurde statt einer funktionalen Erklärung des wesentlichen Sachverhalts ein Kaleidoskop beobachtbarer Umstände zur Antwort gegeben, die zwar phänomenologische Aspekte des Geldes beschreiben, aber letztlich nur dazu geeignet sind, die inhaltliche Leere dessen, was Geldtheorie ausmacht, zu kaschieren. Denn die Geldtheorie des ökonomischen ‚mainstream‘ (sowie witzigerweise auch etlicher „Geldsystemkritiker“) ist durch nichts anderes geprägt, als daß die Quantitätstheorie den blinden Fleck des Tauschparadigmas – nämlich die Bestimmung der absoluten „Geld“-Preise – übertünchen muß. Denn ohne diese würde die allgemeine Gleichgewichtstheorie schlichtweg eine inhaltlich korrekte, jedoch nichtsdestoweniger unangemessene Theorie bleiben, deren Aussagekraft sich darin erschöpft, für die Ökonomie einen „Laplace´schen Dämon“ zu postulieren, welcher zu der Gleichgewichtskonstellation führen soll, die als Qualitätsmerkmal stets herausgestellt wird. (Letzteres – das Gleichgewicht – ist als theoretisches Postulat durchaus sinnvoll!) Die unsägliche Folge dieser Rationalisierung von Geldtheorie ist, daß der funktionale Inhalt der gegenwärtigen Geldtheorie denn auch die Verknüpfung einer „Geldmenge“ mit einem „Güterberg“ zum Inhalt hat, wobei die Pseudo-Definition einer „Umlaufgeschwindigkeit“ diesen Zusammenhang illustrieren soll – erklären wäre etwas anderes. (Wer an die Quatsch-Theorie glauben will, soll es tun!)

Was ist die Alternative? Nun, nachdem der paradigmatische Kern der bisherigen Geldtheorie der Tausch war, kann im Gegensatz dazu der paradigmatische Kern der Kooperation als Grundlage einer Geldtheorie fungieren. Das funktioniert so:

Kooperation hat was damit zu tun, daß die Ergebnisse der kooperativen Unternehmung auf die teilnehmenden Wirtschaftssubjekte verteilt werden müssen. Wie kann man das machen? Für den Fall, daß es eine im vornherein „sichere“ Ertragsaussicht gibt, kann man jedem Teilnehmer das entsprechende Ergebnis zusichern. Falls es eine unsichere Ertragsprognose gibt – und irgendwie hat ja jeder irgendeine Zukunft – kann man dem einzelnen Teilnehmer nur einen Prozentsatz des gemeinsamen Ertrages zusichern. Und schon sind wir beim Geld. Denn das Versprechen einer Verhältnismäßigkeit ist etwas anderes, als das Versprechen einer Absolutität. Heißt was? Da niemand weiß, ob die Kooperationsveranstaltung (aka Unternehmung) erfolgreich ist, kann man nur jedem Teilnehmer eine QUOTE des Unternehmensergebnisses garantieren.

Und schon ist man beim Funktionsprinzip von Geld: Geld hat die Funktion, die Erträge eines gemeinschaftlichen Projektes auf die teilnehmenden Individuen zu verteilen. (Das kann mal gut oder auch mal schlecht gehen!) Und das hat was damit zu tun, daß Geld von seinem Grundprinzip eine relative Geschichte ist, denn die Frage was Geld wert ist, wird erst mit der Vermarktung der realen Ergebnisse sichtbar. Heißt: die Relativität von Geld kommt dadurch zum Vorschein, daß die gesellschaftliche Sanktionierung unternehmerischer Aktivität durch die durch das Unternehmen selbst erzeugte Liquidität honoriert wird. Das ist leicht zu begreifen und schwer zu verstehen – eine bekannte Art kognitiver Dissonanz!

Da aber Geld eine Form gesellschaftlich geschaffener Hoffnung ist, gilt auch Folgendes:

Geld repräsentiert ein Funktionsprinzip, nämlich die Verteilung eines gemeinsamen Erfolgs. Dabei ist das Unternehmerdasein eine soziale Funktion und keine persönliche Qualität (es schadet auch nichts, wenn sie ausgeprägt vorliegt). Nur: die ultimative Haftung für die Risiken der Unternehmer wird – jenseits sämtlicher Erwägungen hinsichtlich irgendwelcher Besicherungen von Krediten – von den Banken getragen. Der Grund ist, daß die (residualen) Verluste aus fehlgeschlagenen Unternehmungen von der Allgemeinheit getragen werden (müssen), indem Zinsen – welche von allen kreditnehmenden Unternehmen gezahlt werden müssen – die Verluste aus den fehlgeschlagenen Investitionen neutralisieren – denn irgendwie ist die Sache mit der Zukunft immer noch mit Unsicherheit behaftet. DAS ist die Funktion von Banken und nicht die Transformation irgendwelcher Sparbeträge, die ja letzten Endes immer aus der Kreditvergabe entstammen. Diese Neutralisierungsfunktion der Banken ist jedoch eine im Kreditgeldkapitalismus institutionalisierte Funktion, welche nicht(!) eine persönliche Qualität besitzt. Deswegen ist die übliche Fokussierung auf den Unternehmer zwar nicht falsch, jedoch hinsichtlich der Bedingungen der Funktionsprinzipien der Gegenwart nicht mehr richtig gepolt. Diese kann man schick finden sie ist jedoch einer falschen Geldtheorie geschuldet, auf gut Deutsch: nur einem Ausfluß einer billigen Phänomenologie des Geldsystems geschuldet.

Denn: die Banken sind letztlich die Unternehmer des Kreditgeldkapitalismus! Es scheint so, als würde man mal ein bißchen umdenken müssen!

Der wesentliche Unterschied zu der Tauschmitteltheorie der Geldes ist: Geld ist nur so viel wert, wie die unternehmerischen Erfolge, die damit erzeugt werden. Es ist nun mal das Wechselspiel von Investition (= Nettogeldausgabe) und Gewinn (= Nettogeldeinnahme) welches die Gegenwart erklären kann. Man kann sich ja darauf versteifen, daß Geld für den Tausch da ist (nicht mal das stimmt…), aber kann damit nicht erklären, warum es das Geld ist, was die Welt ‚go round‘ macht! Heißt: der Tausch ist das vergehende Erklärungsprinzip des Geldes…

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Wird aus Geld „Mehr-Geld“?

Prolegomena zu einer strittigen Systemtheorie des Finanzmarktes

Es kann in einem Blogbeitrag natürlich nicht darum gehen einen Abriß der Systemtheorie darzustellen, so daß zum Verständnis der folgenden Zeilen ein Abschnitt eines Glossars eines Lehrbuches genügen muß.

„System … bezeichnet einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt. Komplexe Systeme sind durch die Merkmale Selbstorganisation, Grenzerhaltung, Selbstreferenz und Generativität charakterisiert. Die Besonderheit der Klasse der … sozialen Systeme liegt darin, daß ihre Grenzen nicht physikalisch-räumlich bestimmt sind, sondern symbolisch-sinnhaft.“ (Willke, Systemtheorie)

Relevante Kriterien zur Analyse der Frage, was den Systemcharakter des Finanzmarktes ausmacht, können demnach folgende Aspekte sein:

  • die Frage nach der Systemgrenze, die den Finanzmarkt von anderen marktwirtschaftlichen Aktionsformen unterscheidet;
  • die Kommunikationsmuster, welche eindeutig zum Finanzmarkt zu rechnen sind;
  • das Kommunikatonsmedium, welches das Kriterium für die Zugehörigkeit zum Finanzmarkt bildet;
  • – und –
  • der Sinn des Ganzen, wobei „Sinn“ für den Komplex gemeinsam verstehbarer und systemzugehöriger Handlungsweisen steht, die zur Erreichung der Systemzwecks – nicht Systemziels(!) – eingesetzt werden!

Und die Frage nach der Emergenz von Systemstrukturen innerhalb des Finanzmarktes kann an dieser Stelle erst recht nicht angesprochen werden! (Das Thema ist viel zu umfangreich, um dieser Stelle behandelt werden zu können – mal abgesehen davon, daß es sich nicht auf den Finanzmarkt begrenzen läßt!)
Ich möchte mich an dieser Stelle darauf beschränken die Bedingungen anzusprechen, die gegeben sein müssen, damit der Finanzmarkt sein zentrales Versprechen – aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen – erfüllen kann. Irgendwo muß man ja schließlich mal anfangen, dieses vielfältige Thema aufzugreifen.

Was macht also ein Finanzsystem – wenn es denn ein System ist – aus? Die Frage nach dem Kommunikationsmedium des Finanzmarktes ist so einfach gestellt wie beantwortet: es geht um Geld, so daß Finanzmarktakteure das Handwerkszeug „Geld“ verwenden, wie Bauarbeiter ihren Hammer. Dazu kommt noch, daß es eine spezifische Semantik gibt, deren Inhalte sich – nicht abschließend – mit Kursbewegungen, Charts und Wertentwicklung charakterisieren lassen, so daß sich ein gemeinsames Merkmal der Finanzmärkte dahingehend herausschälen läßt, was sich mit der „Erzeugung von Mehr-Geld“ beschreiben läßt. Diese Vorstellung findet in der Sozialisation der Menschen ihren Niederschlag in „Spartagen“ und der allgemeinen Vorstellung eines absoluten Berechtigungsanspruchs von Zinsen, die – verbrämt mit einem moralischen Absolution – zu einer unhinterfragten Vorstellung führen, daß Zinsen einen notwendigen Anspruch aus dem Lebensleid „Nichtkonsum“ darstellen.

Dieser Anspruch durchzieht die Finanzmärkte mit dem gemeinsam geteilten Verständnis von Realität, daß das „Anlegen“ von Geld zu einem „Mehr-Geld“ führen muß, so daß sich der kommunikative Charakter des Finanzmarktes durch die „Formel“ G -> G‘ darstellen läßt. Dies ist schon mal insofern kurios, als sich genau diese Vorstellungsweise bei Marx wiederfinden läßt, der dies allerdings in einer Sozialtheorie eingebettet hatte, welche die inhärenten Widersprüche des Kapitalismus erklären wollte. Das soll aber an dieser Stelle nicht Thema sein.

Die Systemgrenze des Finanzmarktes läßt sich idealtypisch durch die Abwesenheit von „W“ – Ware – kennzeichnen, denn Finanzmärkte sind nicht mit realen Produktionsprozessen befaßt. Soweit sie Finanzanlagen in realen Produktionsprozessen durchführen, sind die Bewertungskriterien dennoch nach Maßgabe der Ertragsvorgaben, die sich auf dem Finanzmarkt als Vorstellung durchsetzen, dominant. Es geht also nie um die Sinnhaftigkeit oder gesellschaftliche Erwünschtheit einer Produktion, sondern um deren monetäre Ertragskraft – was im Grunde genommen das einzige Kriterium ist, welches für Finanzmärkte zählt. Das mag man bedauern, ist aber für die hier zu behandelnde Frage das entscheidende Kriterium.

Diese Frage macht übrigends den Unterschied der Theorie des Kreditgeldkapitalismus zu der allgemeinen Gleichgewichtstheorie aus. Denn es ist nicht nebensächlich, ob man denkt, die Menschen würden ja vom Grunde ihres Herzens ja nach realen Gütern streben, oder ob das abstrakte Erfolgskriterium – monetäres „Mehr-Geld“ – zur Leitlinie ökonomischen Handelns wird. Das ist ein weites Feld… Denn damit ist die berüchtigte Kontroverse von I und S verbunden, die allerdings nur eine Scheindebatte ist, weil sich jeder, der einen Buchhaltungskurs verstanden hat, darüber klar ist, daß Ersparnis nur aus Einkommen erfolgen kann, deren Ursprung in einer kreditfinanzierten Unternehmung zu suchen ist. Für die Behandlung dieser Sachfrage ist denn auch Schumpeter (1911) einschlägig.

Ein Rekurs auf Schumpeter klassifiziert jedoch den Finanzmarkt als ein „Sub-System“ des Kreditgeldkapitalismus, wobei naturgemäß offen bleibt, woher die Gewinne des Finanzmarktes resultieren. Die „normale“ Antwort auf derartige Fragen besteht darin, daß ja der „Realsektor“ die Gewinne des Finanzmarktes „verdienen“ muß. Eine derartige Antwort ist aber von dem Mißverständnis geprägt, welches seit Ricardo und seiner „Korntheorie des Zinses“ in der ökonomischen Theorie herumgeistert. Nur kurz gesagt ist es doch so: die „Realwirtschaft“ produziert – hoffentlich – Wohlstand, ist jedoch von ihrer Anlage nicht dazu gemacht, auch die „Sparvolumina“ zu erzeugen, welche dann von einem Finanzmarkt auch noch vermehrt werden könnten. Salopp gesagt: Unternehmen produzieren Güter, aber kein Geld! Insofern ist diese landläufige Vorstellung nicht gut begründet. (Falls jemand meint, daß das doch alles Dummfug sei – ja sicherlich, nur die gegenwärtige ‚mainstream‘ Theorie des Zinses alias Grenzproduktivitätstheorie folgt dem Muster von Ricardo – ein epistemologisches Desaster!)

Das kann man sich daran klarmachen, indem man versucht, das in systemtheoretischen Darstellungen gelegentlich gebrauchte „Black Box“-Modell ernst zu nehmen: denn dem Input der Einzahlungen in das Finanzsystem muß auch ein Output entsprechen, welcher dieselbe Eigenschaft aufweist wie der Input: er besteht aus Geld. Das wirft die Frage auf – wie gesagt: es geht hier um die Frage des Finanzmarktes als eigenständiges System – inwieweit der Finanzmarkt seinen eigenen Anspruch einhalten kann, daß aus Geld eben „Mehr-Geld“ wird. Damit kommt man aber zu einer entscheidenden systemtheoretisch motivierten Vermutung: denn wenn es sich erweisen sollte, daß der Finanzmarkt lediglich ein Derivat der „Realwirtschaft“ ist, ist seine Eigenständigkeit als „System“ nicht begründbar.

Besagte Eigenständigkeit hat jedoch noch einen anderen Hintergrund, der aus den Eigenschaften kreditgeldkapitalistischer Ökonomien entspringt: der ärgerliche Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre lautet dahingehend, daß nun mal das gesellschaftliche Nettogeldvermögen – d.h. über alle gesellschaftlichen Sektoren gerechnet – den recht übersichtlichen Betrag NULL aufweist! Das ist nun mal eine Konsequenz der Tatsache, daß eine doppelte Buchhaltung keinen Raum für Vermögensansprüche läßt, denen kein negatives Nettogeldvermögen (Nettoschulden) gegenübersteht. Die landläufige Erkenntnis – wo Rauch ist, ist auch Feuer – übersetzt sich in trockenes Buchhalterdeutsch dahingehend, daß die Verbuchung individuellen oder sektoralen Nettogeldvermögens einen ebenso großen Verbindlichkeitseintrag anderer Sektoren zur Voraussetzung hat. (Forderungen und Verbindlichkeiten sind in einer enantiodromischen(!) Weise miteinander verknüpft – das Eine geht nicht ohne das Andere, und zwar ohne wenn und aber. Das bekommt man auch mit Moral nicht weg!)

Wie war es denn in den „goldenen“ Zeiten des wachstumsorientierten Kapitalismus? Da war normalerweise der Unternehmenssektor für die Schaffung von Nettogeldvermögen (Investition) verantwortlich. Dies deshalb, weil der Planungshorizont von Unternehmen in diesen Zeiten über die heute üblichen zwei Quartale hinausging. Letztere Unsitte hat  dummerweise zur Folge, daß rein buchhaltungstechnisch die in den Büchern stehenden Kreditvolumina die sonst notwendigerweise bei den anderen Sektoren als Ersparnis, d.h. nichtkonsumiertes Nettogeldvermögen – quasi als Kollateralschaden – anfallen, inzwischen aufgrund des verkürzten Planungshorizontes seitens der Unternehmen kaum mehr gebildet werden können. Da aber Nettogeldvermögen (=Ersparnis) nur dann gebildet werden kann, wenn jemand auf Kredit (= i.d.R. temporäre Erzeugung von Nettogeldvermögen) kauft, wird es – wenn die Unternehmen sich zunehmend weigern, dieses Prinzip der langfristigen Vorfinanzierung mitzutragen – zu einer virulenten Frage, woher die notwendigen Nettoschulden kommen sollen, die für die Erzeugung von Nettogeldvermögen gebraucht werden! (Wie gesagt, ein Buchhaltungskurs beseitigt viele Fragen!)

Damit verbunden ist die Frage der Nachhaltigkeit von Geldvermögen- ja, die gibt es im Kreditgeldkapitalismus auch! Denn (eigentlich) weder der Staat, noch die privaten Haushalte sind diejenigen, deren Verschuldung die Nachhaltigkeit des Kapitalismus markieren könnte – zumindest nicht im Sinne der Nachhaltigkeit eines arbeitsteiligen sozialen Gefüges. Denn frei nach Schumpeter ist die Erzeugung von verkaufsfähigen Gütern diejenige Tätigkeit, welche zu einer – hoffentlich – Wohlstandssteigerung des Sozialwesens führt. Es ist jedoch nicht so, daß – um auf das eigentliche Thema zurückzukommen – temporäre Verschuldung zu einem dauerhaften Nettogeldvermögenszuwachs führen kann, der vom Finanzmarkt auch noch als originäre Leistung für sich reklamiert wird – es sei denn, es handelt sich um einen „fühlbaren“ Wachstumsprozeß. Eine Dauerhaftigkeit der Nettogeldvermögen läßt sich demzufolge nur mit Schuldnern erreichen, wenn diese – im wahrsten Sinne des Wortes – auch Dauerschuldverhältnisse eingehen (können). Dazu ist in der sektoralen Betrachtung bisher aber nur ein Akteur in der Lage gewesen: der Staat – und auch der inzwischen nicht mehr!

Ärgerlich dabei ist: auch der Staat kann den Finanzmärkten heutzutage nicht mehr zu einer nachhaltigen Rentabilität verhelfen, weil das Potential an Nettoneuverschuldung seitens der Staaten inzwischen, zumindest in Europa, zu einer marginalen Größe werden wird. Daher wird das Erfolgskriterium des Finanzmarktes durch die geplante Reduktion der Staatsverschuldung in EURO-Land in massiver Weise behindert. (Das haben die Lobbyisten-Beauftrager nur noch nicht kapiert, sonst wäre kein Fiskalpakt dieser Welt möglich gewesen! Sancta Simplicitas!) Unabhängig von der makroökonomischen Perspektive: die niedrigen Zinsen, die sich im Zuge der vermeintlichen EURO-Krise als normal etabliert haben, sind für die Finanzbranche ein Desaster, welches in wenigen Jahren zu einer „alternativlosen Rettung“ der Geldsammelstellen (Fonds, Lebensversicherer etc.) führen wird. Denn niedrige Zinsen sind Gift für das zentrale Versprechen des Finanzmarktes aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen – was noch nicht mal die Frage der sogenannten Realerhalts von Finanzvermögen adressiert. Und letzteres ist inzwischen zu einer wichtigeren Frage des Vermögensmanagements geworden als die landläufig noch geglaubte vermeintliche „Vermehrung“ von Nettogeldvermögen!  Und da helfen auch „garantierte Südländer-Anleihen“ nichts: denn entweder sind die Zinsen so niedrig wie in Deutschland, Japan, GB oder USA, oder die Zinsen sind hoch und ebenso der potentielle Abschreibungsbedarf. Man kann es drehen und wenden wie man will: Geld im Sinne eines Nettogeldvermögen entsteht dabei nie, denn die Summe allen Nettogeldvermögens ist immer Null.

Das heißt auf gut Deutsch: derzeit ist der Kreditgeldkapitalismus in einer Phase, in der ein strategisches Spiel darüber gespielt wird, welcher Sektor noch über ein wesentliches Verschuldungspotential verfügt, was man als ‚conditio sine qua non‘ des Finanzmarktes interpretieren kann, denn nur dann kann er sein zentrales Versprechen des „Mehr-Geld“ aufrechterhalten. (Die unsittlichen „Erfolgshonorare“ der Traumverkäufer sprechen jedoch eine andere Sprache. Witzigerweise ist zwar jeder davon betroffen, aber alle glauben daran, daß es sie nicht betrifft. Gegen diesen Selbstbetrug ist kognitive Dissonanz ein Kinderspaßportal!) Nur unter dieser Voraussetzung können sowohl der Finanzmarkt, als auch die Unternehmen noch Gewinne ausweisen; der Mechanismus G -> G‘ (den es so ohnehin nie gab) funktioniert nicht mehr, weil die Wachstumsraten des Sozialprodukts, die bisher diese Illusion genährt hatten, inzwischen auf mikroskopische Dimensionen zusammengeschnurrt sind! Bei Wachstumsraten um Null Prozent ist eben auch gesellschaftlich kein Nettogeldvermögensaufbau mehr möglich.

Leicht zu verstehen und schwer zu begreifen – so ist das halt mit der Erkenntnis!

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Graeber: 5000 Jahre Vorspiel

Es ist ja nicht so schwer zu verstehen: natürlich ist die Menschheitsgeschichte von Schulden geprägt. Man muß sich nur fragen, worum es eigentlich geht: der Sinn von Schulden ist der Ausgleich von Ansprüchen. Das hat nach 5000 Jahren dazu geführt, daß die Produktion für einen anonymen Markt einen historischen Drall erzeugt hat, der dazu führte, daß Schulden zu einer ökonomischen Klammer geworden sind, welche Unternehmer dazu zwingt, zur Bedienung von Schulden Wohlstand zu erzeugen.

Das heißt, daß Schulden konstitutiv für soziales anonymes Handeln sind. Und genau deswegen ist die Qualität der Bedienung von Schulden der Test für erfolgreiche Gesellschaften. (Wer an Deutschland denkt, denkt richtig.)

Deswegen ist auch eine Anullierung von Schulden (Jubilee hört sich so an, wie ein bekifftes Happening) gleichbedeutend mit der Aufhebung gesellschaftlicher Kooperationsbeziehungen, welche ein Konstitutionsmerkmal kreditgeldkapitalistischer Gesellschaften darstellen. Das kann man zwar als anarchisches Konzept wollen, aber man vergibt dabei die Vorteile sozialer Arbeitsteilung. Anarchie und soziale Kooperation sind nun mal nicht kommensurable Konzepte!

Die gegenwärtige Moderne ist letztlich ohne Schulden, also Geld nicht konstruierbar. Denn die Berechtigung von Schulden resultiert aus der Produktion von Waren und nicht Gütern. Letztere gehören in die Welt der Tausch-/ Subsistenzwirtschaft. Von der Theorie der Tauschwirtschaft hat sich die ökonomische Gesellschaftstheorie seit 200 Jahren nicht erholt. (Das ist das paradigmatische Problem!)

Richtig ist: Geld ist etwas wert, weil es Schulden gibt. Und: sie sind unverzichtbar für die Existenz der modenen Wirtschaft. Schulden zu negieren, negiert gleichzeitig die Funktionsprinzipien dessen, was den Erfolg der modernen Gesellschaft ausmacht.

Insofern ist auch der Vergleich mit Schuldenregimen der letzten 5000 Jahre für die Katz, weil der Charakter von Zinsen sich im Verlauf der Industrialisierung und darüberhinaus aufgrund des Umstands, daß Geld als stoffwertlose Entität keinen Knappheitspreis mehr aufweist, fundamental gewandelt hat. Witzigerweise ist der fehlende Knappheitspreis genau das moderne Feature des Kreditgeldkapitalismus, weil durch Schulden der Druck auf die Unternehmer ausgeübt wird, was dann auch zur Produktion von Wohlstand beiträgt. Anders ausgedrückt: Schulden erzwingen ein Leistungsangebot! Der Unterschied ist: bei Werten kann man es sich aussuchen, bei Schulden nicht. Wer Unternehmer ist, weiß das. Träumer wissen das nicht!

Woran liegt das?

„Normalerweise“ ist Geld kein gesellschaftliches Nettogeldvermögen. Barro hat ja schon mal die entscheidende Frage gestellt (ja, auch nur richtige Fragen zu stellen ist manchmal was wert): ‚Are government bonds net wealth?‘! Die kreditgeldtheoretische Antwort lautet: ja, für den Privatsektor (Haushalte + Unternehmen + Banken) IST Geld ein Nettogeldvermögen, insofern als Staatsschulden so gut wie nie getilgt werden. Dieser Sachverhalt füttert jedoch einen kuriosen Fehlschluß: denn durch die „normale“ frühkindliche Sozialisation, daß „Geld arbeiten müsse“ wird postwendend ein auf ein unmögliches Ergebnis gerichtetes Verhalten erzeugt, welches sich in der Skurrilität der Finanz-/ Vermögensmärkte widerspiegelt! Das hat was mit der „unbefleckten Empfängnis“ zu tun, was übertragenerweise letztlich ja auch nur heißt, daß aus Geld das „Mehr-Geld“ werden kann, welches von der Ricardo´schen „Korntheorie des Zinses“ immer wieder versprochen wird. Nicht lachen, die theoretischen Grundlagen des Zinses sind so! Leider! (Für Kenner: Bliss.)

Witzigerweise zeichnen sich die Finanzmärkte durch Tauschoperationen aus, die aus ihrer Anlage heraus kein „Mehr-Geld“ schaffen können – im Sinne von „Mehr-Nettogeldvermögen“. In diesem Sinne können „Erträge“ auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden. Was für eine lustige Abhängigkeit!

Diesen Teil des Kreditgeldsystems kann man durchaus kritisieren, insofern als dadurch keine gesellschaftlichen Werte im Sinne von Wohlstand erzeugt werden, da sie ausschließlich auf einer Geldvermögensumschichtung beruhen. Von ihnen geht auch keine allokative Wirkung im Sinne von Effizienzsteigerung mehr aus. In dieser Hinsicht hat ja auch die leider sehr polemische Kritik von Sarah Wagenknecht ihre Berechtigung, weil die „Produktion von Kreditketten“ keinen gesellschaftlichen Nutzen entfaltet. Nur: die Banken sind bei diesem Spiel nicht die Hauptverantwortlichen, sondern das Insistieren privater Geldvermögensbesitzer auf einer Rendite für Nettogeldvermögen, welches sich – netto – letztlich nur aus der Staatsverschuldung speisen kann. Denn private Schulden werden bedient oder abgeschrieben, Staatsschulden werden „rolliert“ bzw. mit neuen Schulden „finanziert“ – was dann die privaten „Gewinne“ ausmacht.

Das damit verbundene Problem der ’savings glut‘ tauchte ja auch erstmals bei dem „Recycling der Petro-Dollars“ auf und wurde nach dem „Ende der Geschichte“ zu einer Problemlawine, deren Ziel auf ein unmögliches Ereignis gerichtet ist – die Erzeugung von „Mehr-Geld“! Die Kapazitäten kognitiver Dissonanz reichen allerdings weit genug, um selbstverständliche Sachverhalte der Wirtschaftslebens (daß das gesellschaftliche Nettogeldvermögen stets und immer gleich NULL ist) durch den Glauben an eine vermeintliche „Mehr-Geld-Wahrheit“ zu transzendieren.

Die Entwicklung zu diesem Kreditgeldkapitalismus erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert – seit Bretton Woods, wo sich die Welt von dem Joch des „Warengeldkapitalismus“ befreien konnte und die Zentralbanken dieser – kreditgeldkapitalistischen – Welt von einem ‚lender of last resort‘ zu einem ‚lender of first liquidity‘ transformiert wurden! Daher sind 5000 Jahre „Geldgeschichte“ für die Gegenwart nur das: eine kurzweilige Geschichte, sonst nichts!

Nachbemerkung:

Möglicherweise muß die Welt anerkennen, daß der Verhandlungsführer der Amis in Bretton Woods W. White gegen Keynes doch die weitsichtigere Position vertreten hat, weil mit Keynes wohl – kurioserweise – der „Goldstandard“ noch länger überlebt hätte. Und vielleicht hatte A. Smith doch Recht damit, daß Eigennutz (in diesem Fall: der Amis) zu sozialen (weltwirtschaftlichen) Wohlfahrtseffekten führen kann – was sie natürlich nie beabsichtigt haben – warum auch, Staaten haben Interessen, sonst nichts!

Wie auch immer: das ‚occupy‘-Projekt ist genauso vergeblich, wie es der Glaube der „Finanzmärkte“ ist, aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen!

Don Quichote läßt grüßen!

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Paradigmatische Nachdenkliste

Da an der Diskussion über die Features, welche ein ökonomisches Paradigma erfüllen muß, doch ein latentes Interesse erkennbar war, gibt es hier mal eine Übersicht, welche die unterschiedlichen Eigenschaften der jeweiligen Theoriekonzeption enthält. Dabei stellen die Aspekte A-C den Funktionskern des ‚mainstream‘-Paradigmas dar, während die Aspekte 1-13 gewissermaßen die Nebenbedingungen repräsentieren, die zum Funktionieren des jeweiligen Paradigma erforderlich sind. Dabei ergibt sich die jeweilige Spezifizierung der Nebenbedingungen aus den Anforderungen, die seitens des Funktionskerns gestellt werden. Diese können insofern als derivative Konditionen angesehen werden, da sie bereits durch den funktionalen Kern determiniert sind.

Diese Liste muß nicht abschließend sein, aber gibt schon mal einen ersten Eindruck darauf, welche Theorie-Aspekte, die in der wirtschaftspolitischen Diskussion immer wieder vorkommen,  welcher Denkrichtung zugeordnet werden können. Und: sie läßt sich sicherlich noch ergänzen/ verbessern/ komplettieren! Ich werde über einige Aspekte noch den einen oder anderen Beitrag verfassen, so daß es durchaus weitergehende Erläuterungen im einzelnen geben wird.

Vielleicht eine Geschichte schon mal vorab: neuerdings ist ja öfter mal was über den Begriff „Emergenz“ zu lesen. Das bedeutet, daß ab einer bestimmten Größenordnung die Funktionsweise einer Gesellschaft sich nach abstrakten und formalisierten Regeln ausgestaltet, um die Informationsflut in „großen“ Gesellschaften (die ab 150 Personen anfangen!) beherrschen zu können. Mit diesem Ansatz im Hinterkopf ist natürlich zu fragen, ob die Funktionsvorstellung der „unsichtbaren Hand“ insofern noch valide sein kann, als sie eine gültige Beschreibung der Prozesse ist, die sich in einer mehr oder weniger modernen Ökonomie abspielen. Aus systemtheoretischer Perspektive würde man sagen, daß der gepflegte Individualliberalismus des ‚mainstream‘ zwar eine verheißungsvolle Vision darstellt, jedoch die Zwänge der Informationsüberflutung – hinsichtlich der Erfüllung eines allgemeinen (Pareto-) Optimums – eine Kanalisation in überschaubare Bahnen erfordert.  Damit eröffnet sich ein Grundwiderspruch: die liberale Gesellschaftstheorie kann keine valide Funktionsvorstellung definieren, die es ermöglicht, daß die von ihr vertretenen Prinzipien zu einem wohlfahrtsökonomischen Optimum führen würden, weil sie – lächerlicherweise – an der kombinatorischen Hürde individueller Präferenzen scheitern muß. (Das Drama dabei ist wie in einem skurrilen Film, wo das große und wichtige Ziel wegen eines nebensächlichen, aber a priori ignorierten Umstandes nicht erreicht werden kann. Das hat die Qualität von: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“)

Natürlich ist die Reduktion von Vielfalt durch ein abstraktes Kommunikationsmedium wie Geld es ist eine ’second best‘-Lösung im Vergleich zu der individualistischen Lösung, sie auf der vollständigen Berücksichtigung aller individuellen Befindlichkeiten aufgebaut ist. Sie ist aber eine ‚first-best‘-Option vor dem Hintergrund, daß die Nirvana-‚first-best‘-Lösung schlichtweg zu aufwendig ist. Reduktion und Kanalisation von Informationen ist zwar mit Informationsverlust verbunden, eröffnet aber die Möglichkeit, das ein Funktionieren der nicht-informationsvollkommenen Ökonomie in den Bereich des Machbaren gerät! Die durch viele Wirrungen hervorgegangene Kreditgeldökonomie muß somit als ermergente Struktur des individualistischen Paradigmas angesehen werden, welche die Ansprüche der liberalistischen Theorie überhaupt erst in die Tat (Goethe) umsetzt.

Daß damit ein paar Veränderungen der Denkweise einhergehen, versteht sich von selbst. Daß die nicht immer übereinstimmen – selbstverständlich. Daß sie sich grundsätzlich widersprechen kann nur der behaupten, der sein eigenes Denken nicht mehr erweitern möchte!

Nutzen-Paradigma Kreditgeld-Paradigma
(Abstraktnutzen-Paradigma)

A

Funktions-
vorstellung
A. Smith: Tausch: Hirsch gegen Biber
Nutzensteigerung durch Gütertausch
A. Smith: Arbeitsteilung: Stecknadelbeispiel
Verteilung des Produktionsergebnisses
durch entäußerten Tausch d.h. Verkauf von Waren

B

Markttheorie „Steigendes“ Angebot
„Fallende“ Nachfrage

Mikroökonomie

„Steigendes“ Angebot
„Steigende“ Nachfrage
Keynes 45°-Diagramm
C,S ist Funktion von I
Makroökonomie

C

Theoriemodus Gleichgewichtstheorie Gleichgewichtstheorie

01

Dominanzfrage
Steuerinstanz
Haushalte
Gleichgewichtspreise
Unternehmen
Gleichgewichts-Investitionsvolumen

02

Marktsteuerung Auktionator
Unsichtbare Hand
Monetärer Markterfolg

03

Wohlfahrtsantrieb
Steuerung
Relative Preise
Nutzen
Kalkulation über Geld
Gewinn

04

Strukturbild
Menschenbild
Individualkonkurrenz
isolierter Akteure
Wettbewerb von Unternehmen

05

Systemteoretischer Charakter Prä-System
ohne Ausbildung einer Systemidentität
Geld als symbolisches Kommunikationssystem

06

Geldfunktion Tauschmittel Schuldentilgungsmittel
Relatives Maß der Produktion

07

Erhaltungssatz
Gleichgewichts-kriterium
Überschußnachfrage = 0
Flow-Identität
Quantitätstheorie
Stock-flow-Identität
Summe des Nettogeldvermögens = 0
Saldentechnik

08

Realitäts-
vorstellung/
-bezug
Tauschökonomie Kreditgeld-Kapitalismus
Kreditgeldorganisierte Ökonomie

09

Spartheorie S entspricht Nichtverbrauch von Ressourcen zur Produktion Sparen als Verzicht auf Geldausgabe ohne Kompensation

10

Zinsen Zinsanspruch
Ricardo:
Korntheorie des Zinses
Belohnung für Nichtkonsum
Risiko-/ Versicherungsprämie für Kreditausfälle ->
Neutralisierung von Fehlplanungen

11

Inflation Relative Güterpreise
weil Geld = Gut
(Realkasse)
Schuldentilgungsfähigkeit des Geldes ist stets 100%
Statistikproblem
Erfahrungs- vs. Erkenntnisproblem

12

I = S S -> I -> Y
Schluß von einer realen flow-Größe auf eine Bestandsänderungsgröße
I -> Y -> C bzw. S
Nicht-Konsum als Geldsparen ist ein Umsatzausfall

13

Statistischer Bezug Relative Gütertheorie
VGR – Latente Vermischung von Real- und Geldgrößen
Flow of Fund Analyse
Geldstromanalyse
(Morris Copeland)

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Grundsätze ökonomischer Paradigma

Was sollte eigentlich die Quintessenz der Debatte um die VWL sein?

Nachdem sich die Wirtschaftspresse mal wieder um die Defizite der VWL Gedanken gemacht hat ohne dabei in irgendeiner Weise auch nur zu zarten Schlussfolgerungen zu kommen, ist es an der Zeit sich über die eigentlichen Konsequenzen Gedanken zu machen. Dazu ist es ganz nützlich, sich die Grundzusammenhänge des ‚mainstream’-Paradigmas noch einmal kurz vor Augen zu führen.

Die Ingredienzien des ‚mainstream’ bestehen aus folgenden Zutaten:

  • die Nutzen-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Haushalte;
  • die Gewinn-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Unternehmen
  • die Effizienz-Rationalität der Interaktionsbeziehungen von Unternehmen und Haushalten in der Formulierung der Prinzipien der Marktwirtschaft

die sich alle als Varianten einer Tauschgesellschaft identifizieren lassen, in der die Individuen vorausgesetzterweise ein gemeinsames Interesse verfolgen, welches sich in der Abstraktion des Marktgleichgewichtes wiederfindet.

Das ‚mainstream’-Paradigma besteht somit aus der

  • der Nutzen-Maximierung
  • der Gewinn-Maximierung
  • dem Pareto-Kriterium des Marktgleichgewichts

was sich in einer Theorie des Güterpreisausgleichs wiederfindet, wofür immerhin ein Existenzbeweis existiert, welcher nach Arrow/Debreu etc. mit Hilfe singulärer Mathematiktheoreme beweisbar ist.

So weit, so gut!

Kurzexkurs:

Nach Lakatos sind die Optimalitätskriterien von Nutzen- und Gewinnmaximum, sowie das Effizienzkriterium des Marktgleichgewichts der „Schutzgürtel“, welche den sogenannten „harten Kern“ des Paradigmas gegen Kritik absichern. Dieser „harte Kern“ besteht aber aus der Funktionsvorstellung des Paradigmas, welcher in der Hoffnung besteht, daß sich die gesellschaftliche Wohlfahrt dadurch am besten steigern läßt, indem der marktausgleichende Preismechanismus auch tatsächlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Optimum führt.

Kurzexkurs Ende

Für diese Konvergenzvermutung gibt es in nicht mal in der ‚mainstream’-Ökonomie einen Beweis, im Gegenteil: einer der wichtigsten Vertreter dieses Paradigmas – Frank Hahn – hat immer wieder darauf hingewiesen, daß aus der Existenz eines Gleichgewichts nicht folgt, daß dieses auch erreicht wird. Eine lange Geschichte…

Nun ist es aber nicht so, daß dieses Paradigma nicht einige wünschenswerte Eigenschaften hätte, die z.B. darin bestehen, daß es auf freiwilligen Interaktionen aufbaut, den liberalistischen Anspruch, welcher sich in der ‚pursuit of happiness’-Passage der US-Verfassung wiederfindet, abbildet, sowie die Vorstellung der Effizienz privatwirtschaftlicher Produktion unterstützt. Das kann man nicht ignorieren.

Im Grundsatz: was kann man einer einer Orthodoxie entgegensetzen? Die Kritik ihrer Annahmen, wie es weitläufig passiert? Weit gefehlt! Hinsichtlich einer Orthodoxie gibt es nur eine Möglichkeit: eine andere Orthodoxie, welche sich nicht mit den „Schutztheoremen“ der Orthodoxie auseinandersetzt, sondern einen anderen paradigmatisch validen Entwurf dagegensetzt. Dazu braucht man nur ein paar Zutaten, die sich interessanterweise sogar in der nationalökonomischen Blaupause von Adam Smith wiederfinden.

Die orthodoxen Zutaten

  • individuelles bzw. unternehmerisches Effizienzgleichgewicht
  • freiwilliges Interaktionsgleichgewicht
  • individuelle Entscheidungsfreiheit des Liberalismus

sind im Grunde genommen in der Parabel von Adam Smith enthalten, die durch das Tauschgleichgewicht von Hirsch und Biber illustiert wird. Über mehr ist die VWL bisher nicht hinausgekommen!

Was ist nun die Konsequenz daraus? Hoffnungslos ist das Ansinnen, aus einer Kritik der Annahmen eine Alternative zu stricken. Denn immer dann, wenn eine Annahmekritik erfolgt, wird der „harte Kern“ des kritisierten Paradigmas implizit bestätigt. Was macht man also? Man entwickelt eine andere Funktionsvorstellung! Eigentlich ganz einfach!

Und welche ist das? Auch diese findet sich bei Adam Smith – in seinem Stecknadelbeispiel. Denn entgegen seinem Tauschprinzip entwickelt er auch ein Kooperationsprinzip, welches zwar auf der einen Seite ein technologisches Argument darstellt, auf der anderen Seite jedoch eine andere Funktionsvorstellung von Ökonomie enthält, die nicht mehr auf einem direkten Tausch aufbaut, sondern das Prinzip einer abstrakte Entlohnung impliziert, die auch gleichzeitig beinhaltet, daß es zu einer Entäußerung vom Gemeinschaftsprodukt seitens des Individuums kommt. (Über diesen Detailaspekt sind ja die Marxisten hergefallen – ohne großen Erfolg!)

Die damit formulierte Heuristik ist jedoch als Interaktion über den Tauschwert von Waren insofern eigenständig, als nicht Güter, die einen individuellen Nutzenwert besitzen das Objekt ökonomischer Handlungen sind, sondern Waren, die aus der Perspektive der (nicht unmittelbaren) Produzenten keinen nutzentheoretischen Wert aufweisen, sondern nur noch einen abstrakten (monetären) Tauschwert besitzen – also in Geld gemessen werden! Bereits dieser Problemaufriß des ökonomischen „Para“-Themas bedeutet, daß das „normale“ Wertparadoxon in einer arbeitsteiligen Wirtschaft nicht als latentes Gültigkeitsprinzip vorgebracht werden kann. Denn die unmittelbare Verfügbarkeit über das Gemeinschaftserzeugnis ist nicht das, was das Individuum als Kompensation für seine kooperativen Bemühungen erwartet. Erwartet wird ein (marxistisch ausgedrückt) Wertäquivalent, welches einen Zugriff auf die gewünschten oder notwendigen Güter erlaubt.

Man muß es einfach noch mal betonen: eine Ware hat keinen individuellen Wert, sondern nur einen abstrakten Preis! Damit ist aber die Handlungsmaxime warenproduzierender Unternehmer nicht die Bedürfnisbefriedigung von Individuen, sondern der Ausgleich einer Einnahme-/ Ausgaberechnung, die sich nicht werttheoretisch definiert! Dem steht natürlich nicht entgegen, daß das Ziel der finanziellen Überlebensfähigkeit daran hängt, daß ein Unternehmer seine zahlungsfähige Zielgruppe zutreffend einschätzt – und einen Geldgewinn erzielt.

Da aber Einkommensbezieher normalerweise keine Nutzenerwägungen hinsichtlich der von ihnen selbst produzierten Güter anstellen, ist die korrekte Theorie des Kapitalismus eine Geldtheorie, die als Theorie sozialen Handelns die sozialen Kooperationsvorteile gemeinschaftlichen Handelns in den Vordergrund des Paradigmas stellt und nicht mehr eine Gleichgewichtsvorstellung pflegt, die auf einem Kalkül individuell restringierter Handlungen aka liberaler Individualentscheidungen beruht.

Damit stellt sich aber das Entlohnungsproblem, denn die Markttheorie postuliert, daß relative Mengen das Tauschverhältnis bestimmen. Deswegen sind Vertreter der Markttheorie auch immer davon überzeugt, daß sich Geld als (Real)-Wert darstellen lassen müßte. Das ist jedoch nicht der Fall. Denn wie man seit über 100 Jahren wissen könnte, sind abstrakte Geldzahlungen davon geprägt, daß sie immer in Relation zu einem Produktionsergebnis interpretiert werden müssen. Das heißt in der einfachsten Formel, daß Kosten immer in Relation zu dem Stückergebnis der Produktion zu Geldpreisen führen. Jeder Buchhalter, der mal in mehreren Währungsbereichen gearbeitet hat weiß: Geld ist ein relatives Maß der Produktion! Das heißt aber auch, daß Geld einen Verteilungsmaßstab darstellt, welcher unabhängig von seinem absoluten „Wert“ eine handlungsleitende Rolle spielt. (Die in Bezug auf Geld landläufige Zumessung eines realen Werts ist darin begründet, daß auch die sagenumwobenen 99,99% Geld als Wertmaßstab für Güter interpretieren, eine klassische Verwechslung von Erfahrungs- und Erkenntnisobjekt!)

Im Grunde genommen macht die Organisation von Produktion durch Geld letzlich den Kapitalismus aus. Der läßt sich somit nicht mit Hilfe alberner Wertparadoxien erklären – sorry Leute, das ist so! Das Kuriose dabei ist, daß nicht werthaltiges Geld – eben als relatives Maß der Produktion – durchaus einen Wert erhält, nämlich dadurch, daß Unternehmer dem Schuldendruck, den sie durch die Aufnahme von Kredit zur Produktion insoweit Folge leisten müssen, daß sie zu Erzielung eines monetären Ertrages Waren (= kalkulierte Geldwerte) gegen eine Geldzahlung verkaufen – müssen! (Kennt jeder Unternehmer, warum ist das für Volkswirte so schwierig?) Damit ist auch schon ein wesentliches Phänomen der aktuellen Wirtschaftskonstellation geklärt: der Wertinhalt des Geldes besteht aus dem Schuldendruck, dem sich die Unternehmer ausgesetzt sehen. Das mag man als zynische Sichtweise bedauern – mehr als Bedauern wird daraus jedoch nicht!

Eine nüchterne Essenz dieser Sichtweise besteht darin, daß sich auf dem, was landläufig als Gütermarkt bezeichnet wird ein Vorgang abspielt, der sich mit dem Erfahrungsvorgang „Einkaufen“ nicht so einfach vereinbaren läßt. Denn der vermeintliche Tausch an der Kasse des Supermarktes, wo phänomenologisch Geld gegen Gut „getauscht“ wird, stellt sich aus einer monetären paradigmatischen Perspektive als Tausch von Geld gegen kalkulierten Geldwert dar – was auch begründet, daß für Produzenten Waren durchaus dann wertlos werden, wenn keine ausreichende Zahlungsbereitschaft dafür existiert und die betreffenden Güter nicht etwa nach nutzentheoretischen Überlegungen an die potentiell dadurch nutzenerzielenden Haushalte verteilt, sondern schlichtweg vernichtet werden.

Es gäbe noch viel zu diesem Thema zu sagen, doch dies ist hier ein Blog und kein Doktorandenseminar.

Damit das Ganze hier nicht im Regen stehenbleibt, füge ich mal die Graphik eines Simulationsmodells an, welches die genannten Kriterien für ein ökonomisches Paradigma erfüllt. Wer das für kompliziert hält: das ist das einfachste kreislauftheoretische Modell einer kapitalistischen Ökonomie – inclusive stock/flow Differenzierung und Erfüllung dynamischer Konsistenzkriterien!

 

Eine weitergehende Darstellung dieses ökonomischen Paradigmas findet sich bei dr-menendez.de – leider nur auf ‚english‘, aber inclusive des systemtheoretischen Hintergrundes – als Denkmuster, nicht als Theorieersatz! Na gut, auf Mailanfrage habe ich die erweiterte Version auch auf Deutsch!

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Die Rüstung der Bundesbank

Die Geldtheorie ist immer wieder eine goldige Spielwiese für „was wäre wenn“ Überlegungen, deren Vorteil es ist, niemals in eine ernsthafte Realitätsdimension vorzustoßen zu können. Darum eignet sie sich auch hervorragend dazu, Ängste vor Eventualitäten zu schüren, die nur dann einzutreten pflegen, wenn Juristen versuchen, ökonomische Sachzusammenhänge entscheiden zu wollen. Der letzte Versuch, Juristen dazu zu bringen, ökonomische Sinnfragen zu entscheiden, blieb an der (aus der Sicht der Kläger) Intransigenz bzw. der Professionalität der Verfassungsrichter hängen. Zum Glück!

Das Neueste an Verwirrung liefert die „Was wäre wenn“-Philosophie in Bezug auf die Schadenfolgeabschätzung in Bezug auf den Fall, daß es zu einem Zusammenbruch der EURO-Währung kommen würde. Das erfolgt mit dem Hintergrund, daß das deutsche Selbstverständnis – nachdem es, mehr oder weniger erfolgreich, von jedem völkischen Denken „bereinigt“ wurde – sich in dem Erfolg des Nachkriegs-Wirtschaftswunders wiederfinden konnte. Dabei wurde die Stabilität der D-Mark, welche mit der Zusatzbeschreibung „Härte“ doch eher an Krupp-Stahl denn an erfolgreiche Kooperation erinnert, das abstrakte(!) Paradepferd, welches als Ausweis überlegener Wirtschaftskraft erfolgreich darstellbar war.

Umso mehr trifft es dieses Selbstverständnis, wenn nun der EURO ins Zwielicht gestellt wird, indem Zweifel daran gesät werden, ob sich der Wechsel von D-Mark zu EURO nicht doch zu einem unabsehbaren Desaster auswachsen könnte oder nicht. Leitlinie dieser Hysterie ist die Insinuierung, daß „unser schönes Geld“ bei einem fehlschlagenden Versuch in Sachen EURO lediglich für ein irreales EURUNION-Traumgebilde verbrannt worden wäre, wobei die Verantwortung für dieses Desaster selbstverständlich in einer nicht-deutschen Arbeitsethik gesucht werden müsse. (Dieses Argument ist zur Hälfte richtig, allerdings geldtheoretisch nicht stichhaltig – was es umso problematischer macht, es abzuwehren!)

Was also bereitet der deutschen Seele – made in USA – die größten Unannehmlichkeiten? Richtig: die Sorge um den Erhalt des „schönen Geldes“! Und wer ist der Retter? Wiederum richtig: die Bundesbank!

Das „Was-wäre-wenn“-Szenario findet sich in diesem Fall in der Frage, was passieren würde, wenn es zu einem Zusammenbruch des EURO käme und welche Stellung dann einer Bundesbank zukäme, die ja dann wieder in Deutschland zu der alleinigen Hüterin der Währung reavancieren würde. Dabei soll es an dieser Stelle erstmal nicht um die anscheinend immer noch nicht verstandenen TARGET-Salden gehen, welche ja inzwischen dazu herhalten müssen, jegliche Kritik an der Krisenpolitik der Bundesregierung abzuwehren, weil das Argument, die Krisenpolitik sei deswegen alternativlos, weil sonst mehr als eine halbe Billion EURO (je nach Phantasie auch gerne mehr) als Verlust zu befürchten seien, ohne eine fundierte Kenntnis der tatsächlichen Sachverhalte nur schwer abgewehrt werden kann. Daß die TARGET-Salden natürlich von sachunkundigen Juristen zu einem gesamtwirtschaftlichen Verlust umdefiniert werden können, muß man ja nicht bestreiten – richtig ist jedoch, daß diese Verrechnungssalden unter Zentralbanken eben das sind: nämlich Verrechnungssalden und eben weder Forderungen noch Verbindlichkeiten darstellen. Und damit auch kein Forderungsausfallgegenstand.

Aber nehmen wird mal an, es käme tatsächlich zu einem Forderungsausfall, welcher für die Bundesbank zu einer Bilanzkonstellation führte, wo der Posten „Eigenkapital“ auf der „falschen“ nämlich auf der Aktivseite stünde. Denn das ist zumindest für normal wirtschaftende Unternehmen der Punkt, an dem die Insolvenz qua Überschuldung beantragt werden muß. Denn ein Eigenkapitalsaldo auf der Aktivseite bedeutet, daß das Vermögen nicht mehr die Schulden deckt und somit – wie auch bei dem Kriterium Illiquidität – das Ereignis Überschuldung den Gang zum Insolvenzrichter notwendig macht.

Doch das gilt natürlich nicht für die Bundesbank. Die steht natürlich in alter Nibelungentreue für die Prinzipien der „harten“ D-Mark (die nicht mehr wiederkommen wird) und stellt sich dem Drachen „Forderungsverluste“ gegenüber der untergegangenen EZB heldenhaft entgegen, indem sie trotz des Makels eines negativen Eigenkapitals die Zukunft des deutschen Geldwesens in verantwortungsvoller Weise zu führen imstande wäre und damit eine wiedergewonnene D-Mark-Freiheit mitgestaltete!

Aber nun mal ernsthaft: soweit eine Zentralbank hinsichtlich desjenigen Zentralbankgeldes, welches sie selbst emittieren kann, in Anspruch genommen wird, gibt es kein Vertun: sie ist immer und unbedingt zahlungsfähig. Das liegt an einer kleinen Geschichte im Zentralbankrecht, daß die Geschäfte auf eigene Rechnung von einer Zentralbank mit Zentralbankgeld bezahlt werden könnten. Heißt: Zentralbanken können Gehälter oder sogar Luxusbauten mit selbst emittiertem Geld bezahlen. (Nur das ist das, was mit „inflationsfördernder Geldschöpfung“ bezeichnet wird. Das hat was mit der Frage der Integration von Zentralbankgeld zu tun – ein verwickeltes Problem.) Das heißt, das Zentralbanken laufende Kosten mit einer Bestandsveränderung des Bilanzpostens Zentralbankgeld ausgleichen können und nicht dazu gezwungen sind, entsprechende Einnahmen erzielen zu müssen. Obwohl die Bundesbank in ihrer Geschichte noch nicht zu dieser Zuflucht greifen mußte und jegliche Zahlungsanforderung aus den ihr zufließenden Zinserträgen finanzieren konnte, gibt dieser Aspekt die Antwort auf die Frage, ob eine Zentralbank mit einem negativen Eigenkapital weiterhin eine geldwertstabilisierende Funktion wahrnehmen kann: JA, sie kann es!

Das gilt immer und unbedingt. (Das gilt nicht insoweit eine Zentralbank Zahlungsanforderungen in einer Währung zu erfüllen hat, welche sie selbst nicht emittieren kann.) Es ist daher nicht notwendig, daß die Bundesbank irgendwelche anderen Tricks anwendet, es ist auch nicht nötig, daß „die Bürger ihr Vertrauen in die Zentralbank“ aufrechterhalten. Denn solange eine Zentralbank die Möglichkeit hat den Umlauf an Zentralbankgeld derart zu steuern und sie damit die Kreditkonditionen der Geschäftsbanken, die sich als allererstes auf den Interbankenmarkt auswirken, beeinflussen kann, ist ihrer Gestaltungsmacht keine Grenze gesetzt.

Auf das Vertrauen der Bürger kann sie getrost verzichten!

Denn eine Zentralbank ist nicht deswegen mächtig, weil sie Erträge erwirtschaftet, sondern weil sie das ihr angeschlossene Banksystem dazu veranlassen kann, einen soliden Bonitätsstandard einzuhalten. Das macht sie dadurch, daß sie die Verfügbarkeit von Zentralbankgeld so knapp hält, so daß sich die Geschäftsbanken stets einem Liquiditätsproblem ausgesetzt sehen, was letztere postwendend durch eine solide Geschäftspolitik honorieren müssen.

Das Problem mit den TARGET-Salden ist, daß – richtig betrachtet – das Einflußpotential der Bundesbank bei einem EURO-Zusammenbruch dadurch reduziert würde, daß sie einen Kassenbestand ausweisen müßte, welcher das latente Forderungsvolumen der Geschäftsbanken widerspiegelt. Auf die Verwendung dieser „Schuldpositionen“ hat die Bundesbank keinen Einfluß! (Denn ein positiver TARGET-Saldo bedeutet, daß die Bundesbank eine Geldschöpfungsposition übernimmt, die sie selbst nicht geschaffen hat!) Darauf hat als einziger Ökonom bisher H.-W. Sinn hingewiesen – trotz seiner teilweise abstrusen geldtheoretischen Vorstellungen! Respekt!

Dieser Verpflichtungsanteil ist es, welcher der Bundesbank für einige Zeit die „Herrschaft“ über den deutschen Geldmarkt entziehen würde. Denn der Abbau der TARGET-Salden wird erst dann passieren, wenn die EURDM (so es sie jemals geben würde) zu einer Weltleitwährung wird und damit die Knappheitsdoktrin der Bundesbank wieder zu einer bindenden Restriktion wird. (Für Buchhalter: Kassenbestand gegen Auslandsforderung – simpler Aktivtausch!)

Es ist nicht zu erwarten, daß das der bisherigen Leitwährung gefällt!

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Das Mißverständnis von Sahra W.

Nun ist ja das Neue Deutschland nicht gerade für eine ausgewogene Berichterstattung bekannt (wer ist das schon), aber wenn Gastautoren sich dort präsentieren, kommt schon mal was ordentliches heraus. So jüngst von Ulrike Herrmann zu der wundersamen Annäherung von Sahra Wagenknecht einerseits sowie Gauweiler (und Sinn) andererseits. Wiewohl ein derartiger Schulterschluß einen merkwürdig anmutet, soll hier eher auf die Kritik von Herrmann an Wagenknecht eingegangen werden, die es in sich hat:

„Doch an einer theoretisch zentralen Stelle kommt es zu einer Konvergenz mit Erhard: Wagenknecht tut so, als wären Banken normale Unternehmen. Wenn bankrotte Firmen schließen müssen, dann soll diesauch für überschuldete Banken gelten. Damit behandelt sie Geld, als wäre es eine neutrale Ware wie Autos.“

Man mag Erhard zugute halten, daß er eine solche Sichtweise schlichtweg ignorieren konnte, weil das deutsche „Wirtschaftswunder“ (welches ohne irgendwelche Zauberei funktionierte) sogar ohne sein wesentliches Zutun eine eigene Erfolgsgeschichte schrieb. Wie man damals über Banken dachte, war vergleichsweise unerheblich, denn die Schreckensworte der Gegenwart hatten seinerzeit noch nicht einmal Eingang in den Wortschatz gefunden.

Diesen Luxus hat Wagenknecht nicht. Es heutzutage durchaus nicht beliebig, wie man über Banken denkt. Insofern trifft der Vorwurf von Herrmann die Verstaatlichungsrhetorik von Wagenknecht schwer. Denn wenn es richtig ist, daß Banken nicht mit Produktionsunternehmen vergleichbar sind, stürzt die ganze „Banken-einfach-pleite-gehen-lassen“ Vorstellung in sich zusammen. Damit diese laut Wagenknecht auch nicht im entferntesten in den Geruch einer theoretisch unterfütterten Position gerät, sollen ja auch die „Einleger“ vor jeglichem Verlust geschützt werden – Bailout einmal anders.

Das Argument von Herrmann ist, daß Ansteckungseffekte wie in den 30er Jahren es verböten, Banken einfach pleitegehen zu lassen. Das mag durchaus ein valides empirisches Argument sein.

Der Kern der Geschichte liegt jedoch tiefer und betrifft die Frage, welche Rolle Banken in einer Gesamtwirtschaft zugemessen wird. Das drückt sich darin aus, daß Herrmann schreibt: „Wer die Realwirtschaft nicht gefährden will, muss die Banken retten.“

Das ist so!

Warum?

Es gibt (mindestens) drei verschiedene Arten Banken zu sehen:

a) Banken sind ein Ausdruck davon, daß der Kapitalismus seinen „Mehrwert“ generiert. (Marxisten)

b) Banken sind „Intermediäre“, welche die „Ersparnisse“ von Nichtkonsumenten weiterleiten. (Neoklassik = ökonomischer Mainstream)

c) Banken sind „Finanzinstitute“, die dafür sorgen, daß Unternehmer zu den „Finanzmitteln“ kommen, die sie instand setzen, Wohlstand zu erzeugen. (Schumpeter)

Was ist nun richtig?

Was „Mehrwert“ sein soll, können nicht mal die Marxisten richtig definieren. Denn mit dem „Transformationsproblem“ haben sie sich schon immer verhoben.  Und mit der Koppelung von Profit und Mehrwert auch – läßt sich an der Cambridge-Kapitalkontroverse sehr schön nachvollziehen. (Witzigerweise hat H.W. Sinn über den „tendenziellen Fall der Profitrate“ eine interessante Studie verfaßt!)

Die Geschichte mit den „Intermediären“ ist zwar derzeit ökonomischer Standard, nur wird diese den weitläufig bekannten QE-Amokläufen nicht gerecht, weil jedes QE in keiner Weise irgendwie sich nach den sogenannten „Sparern“ richtet.

Bleibt Punkt c): Diese Variante sorgt dafür, daß – soweit es dann zu Produktion kommt – Wohlstand erzeugt wird. Die Schaffung von Kredit für die Realwirtschaft ist deswegen wohlstandsfördernd, weil jeder, der einen Kredit zu laufen hat dafür sorgen muß, daß eine realwirtschaftliche Leistung auf dem gesellschaftlichen Gütermarkt auftaucht. Heißt auf gut Deutsch: Schuldendruck erzeugt Wohlstand!

Die finkelige Frage, woher die Banken ihre „Mittel“ nehmen, aus denen sie Unternehmer instand setzen, um ihre wohlstandsfördernde Tätigkeit aufzunehmen, ist der derzeit der umstrittenste Punkt der theoretischen Debatte.

a) Marxisten sagen: die Unternehmer sind die Quelle des Reichtums, wobei die Imperialismustheorie von Luxemburg nach Marx auch keine abschließende Antwort darauf hatte.

b) „Standard“-Ökonomen argumentieren, daß es die „Sparer“ sind, die es überhaupt möglich machen können, daß Unternehmer die „Mittel“ zur Investition bekommen.

c) Bleibt die richtige Variante: Banken sind keine Unternehmen, weil sie nichts produzieren. Dennoch haben sie eine Funktion, nämlich die, auf individuelle Begehren, die darauf hinweisen, daß es im Nachgang einer Kreditvergabe zu einer rentablen Leistungserbringung kommt, die dazu erforderliche Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten. Zahlungsfähigkeit ist jedoch ein abstraktes Konzept, welches nicht an reale Ressourcen gekoppelt ist.

Letzteres erzeugt ein wesentliches Problem: die Kreditvergabe von Banken für unternehmerische Zwecke hat zur Folge, daß bei den Stakeholdern der Unternehmen Einkommen entstehen. Einkommen haben – aus der Sicht der Banken – die ärgerliche Eigenschaft, Nettogeldvermögen darzustellen. Es gibt keinen Gott der Welt, einen Nettogeldvermögensbesitzer dazu zu zwingen, dieses wieder dazu zu verwenden, daß der Nettoschuldner seine Kosten wieder einspielen kann – und die Bank die vertraglichen Zahlungen erhält.

Das ist die Funktion von Banken! Nämlich dafür zu sorgen, daß Gläubiger und Schuldner zu einem Zusammenhalt finden, der es möglich macht, die Schuldenstände bedienbar zu halten. (Um Gottes willen, wer will denn Rückzahlung, wenn der Schuldendienst regelmäßig erfolgt?) Um diese Bedienbarkeit für die Gesamtheit der Wirtschaftsteilnehmer aufrecht zuerhalten, gibt es Zinsen als Versicherungspuffer, der die „Irrtümer“ der Kreditvergabe auffangen muß! Wenn es aber, wie es derzeit ist, Gläubiger und Schuldner sich in ihren Selbstbefindlichkeiten gefallen, indem sie entweder sich auf alberne Rechtspositionen beziehen, oder andererseits sich zu einer Verweigerungshaltung veranlaßt sehen, ist der Punkt erreicht, wo politisch darüber entschieden werden muß, welche Rechtsposition die richtige sein soll. (Man muß aber nicht denken, daß das zu einer vernünftigen Lösung führt!)

Das Ärgerliche dabei ist: egal, ob man auf der Seite der Gläubiger oder der Schuldner steht: jede Position bestimmt mit saldentechnischer Gnadenlosigkeit über die Gegenposition mit! Und das macht auch das Desaster von Wagenknecht aus: die scheinheilige Forderung nach „Schuldenschnitten“ soll ja immer wieder ohne einen Schuldenschnitt bei den betroffenen Gläubigern erfolgen. Nur: da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wenn man glaubt, daß Banken nur eine Seite des Finanzspektrums abbilden, kann man auch an den Klapperstorch glauben.

Falls man die Klapperstorch-Geschichte nicht für valide hält: Banken sind nicht die Dödels, welche risikoaverse und risikoaffine Menschen zusammenbringen. Denn bei widerstreitenden Interessen ist der Mittelsmann immer derjenige, der geköpft wird. Was sie tatsächlich machen ist, die Kreditausfälle derjenigen, die mit ihren Projekten nicht erfolgreich sind mit denjenigen Zinseinnahmen zu kompensieren,  die mit ihren Projekten erfolgreich sind. Und bevor noch jemand glaubt das sei ungerecht: auch die „erfolgreichen“ Unternehmer wußten ‚a priori‘ auch nicht mit Sicherheit, daß sie erfolgreich sein würden.

Das menschliche Gerechtigkeitsempfinden mag sich ja noch so sehr dagegen sträuben: sobald man erkennt, daß die Funktion von Banken nicht aus der Zurverfügungstellung von Garantieleistungen für Nettogeldvermögensbesitzer besteht, wird der Blick dafür klar, daß Banken im wesentlichen die undankbare Aufgabe haben, zwischen Gläubigern und Schuldnern eines sozialen Gemeinwesens einen sozialen Ausgleich zu vermitteln. (Äh, wer wollte, daß die Banken pleite gehen?)

Das hat drei Aspekte:

a) man braucht niemanden, der sich für einen „Schuldenschnitt“ für Banken stark macht,

b) man braucht jemanden, der versteht, daß Banken für soziale Gesellschaften ein Kommunikationssystem bereitstellen, welches sich nicht mit den Kriterien eines Ressourcenmodells abbilden läßt (das sieht sogar ein Kocherlakota – FED Regionalpräsident!),

und

c) es braucht die Einsicht, daß Banken nicht dazu da sind, um die Interessen von „Sparern“ zu befriedigen.

Bevor noch jemand diese Sichtweise für „modern“ hält: Gemessen an den sich selbst beweihräuchernden vermeintlich aktuellen „Geldtheorien“ sind die vorstehenden Einsichten inzwischen mehr als 90 Jahre alt! Und immer noch richtig!

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Was ist ‚clearing‘?

Der Verlauf der TARGET-Debatte hat gezeigt, daß es erhebliche Unsicherheit darüber gibt, was als endgültige Zahlung einer NZB gegenüber einer anderen NZB anzusehen ist. Das hat auch was damit zu tun, daß gelegentlich auch im Zusammenhang mit dem Interbankenclearing im Geschäftsbankenbereich darüber Verwirrung herrscht, ob nun die Geschäftsbanken „Geld aus Luft“ schaffen können oder nicht. Angelagert an diese Falschvorstellung ist auch der Irrglaube, daß es eine bargeldlose Zahlung ohne eine korrespondierende Bewegung von Zentralbankgeld (ZBG) gäbe und so der Vorstellung Vorschub geleistet wird, das Geldsystem sei ja doch nur „virtuell“ und nicht real. Dabei ist es nicht so schwer, die Unterschiede auseinanderzuhalten.

Der Grundsatz ist: die Übergabe von ZBG bewirkt eine endgültige Befreiung von einer Geldschuld. Im Grunde genommen ist das trivial, denn sobald das Geforderte übergeben wird, ist eine Schuld erloschen. Denn selbiges gilt auch, wenn das Geforderte nicht ZBG ist, sondern wie beim „Kaufmann von Venedig“ in einem Pfund Fleisch des Schuldners besteht. (Das hindert aber chartalistisch orientierte Geldtheoretiker nicht daran aus dieser Selbstverständlichkeit ein Theoriegebäude zusammenzuzimmern, welches von der Anlage her bereits den Defekt aufweist, auf einer Nullaussage zu beruhen.)

Im Zusammenhang mit dem Überweisungsverkehr zwischen Geschäftsbanken wird dieser Punkt deswegen virulent, weil sich die Üblichkeiten des Bankverkehrs darauf verständigt haben, daß zum Ende eines Banktages offene Salden des Zahlungsverkehrs ausgeglichen werden müssen. Dazu stehen – wenn man sich auf die Frage der endgültigen Zahlungen konzentriert – zwei Möglichkeiten zur Verfügung.

Die beiden Möglichkeiten zum ‚clearing‘ sind durch die beiden Doppelpfeile markiert und betreffen

a) eine Zahlung in ZBG in Banknoten (Kasse)
b) eine Zahlung in ZBG in Forderungen gegen die Zentralbank.

Der erste Fall sieht so aus:

Das Publikum verfügt über seine Forderungen an die Geschäftsbanken per Überweisung und per Saldo schält sich am Ende des Tages ein Saldo von Netto 20€ heraus, der von der Bank B durch einen Griff in die Kasse und den Transport des Geldes zu der Bank A bewerkstelligt werden kann. Damit ist der Saldenausgleich endgültig erfolgt, auch wenn die Verbringung von Geld unpraktisch, teuer und riskant ist. Das Grundprinzip bleibt jedoch so wie es ist. (Letztlich gehören deswegen auch die Kassenbestände der Geschäftsbanken zum Zentralbankgeld – deren Herausrechnung muß man wohl als Kotau gegenüber der Quantitätstheorie interpretieren, welche ebenso auf einer Nullaussage beruht.)

Im Grunde genommen nichts anderes ist es, wenn der Saldenausgleich über ein Konto bei der Zentralbank erfolgt.

Das liegt daran, daß Banknoten und Forderungen an eine Zentralbank, die das Geforderte selbst emittieren kann, identisch sind. Zu beachten ist hierbei, daß diese endgültige Zahlung aus einem „Passivtausch“ der Zentralbank besteht und daß andererseits – ob bei Banknotentransfer oder Zentralbank-‚clearing‘ – dieselbe Bilanzverlängerung bzw. -verkürzung stattfindet.

Ergebnis: ‚clearing‘ ist für die zahlende Bank B stets mit einem ZBG-Abfluß verbunden während die empfangende Bank A einen ZBG-Zufluß realisiert. Das heißt, daß eine bargeldlose Zahlung in keiner Weise auch eine zentralbankgeldlose Zahlung ist. Dieser feine Unterschied wird in der wirtschaftspolitischen Diskussion zu oft schlichtweg ignoriert.

Und TARGET?

Die einfachste Version beim €-TARGET-Zahlungsverkehr ist diejenige, wo es sich bei der z.B. zahlenden Bank um eine Zentralbank handelt, die keine EURO-NZB ist. Denn dort erfolgen Zahlungsverrechnungen bei der EZB nur auf Guthabenbasis (grün unterlegt), d.h. wenn die EZB gegenüber der z.B. dänischen Zentralbank eine Verbindlichkeit aufweist.

Auch in diesem Fall verändern sich die Bilanzgrößen wie im nationalen Geschäftsbankenverkehr und das ‚clearing‘ durch die EZB erfolgt wie vorher von der Zentralbank durch einen „Passivtausch“ zwischen den Konten der Bundesbank und der DK-Zentralbank. Das ist deswegen so, weil die DK-Zentralbank kein Mitglied des EURO-Raumes ist und deswegen die Zahlungsfähigkeit der DK-Zentralbank in Bezug auf EURO nicht unbeschränkt gegeben ist. Durch die Umbuchung der Zahlung vom DK-ZBKonto auf das BB-ZBKonto ist die Zahlung endgültig rechtswirksam erfolgt.

In diesem Fall würde sicherlich niemand auf die Idee kommen, daß die TARGET2-Forderung der Bundesbank gegenüber der EZB NICHT Zentralbankgeld darstellt, denn die Umbuchung von einem Guthabenkonto stellt ja wie gehabt eine endgültige Zahlung durch das ‚clearing‘ seitens der EZB dar.

Der Unterschied zu einer Zentralbank des EURO-Raumes besteht darin, daß die EZB für die NZBen keine Guthabenkonten führt bzw. zu führen braucht. Denn die Konstruktion des ESZB als Einheit führt dazu, daß innerhalb des ESZB die Frage des Forderungsausgleichs deswegen keinen Sinn macht, weil davon ausgegangen wird, daß alle NZBen die gleichen Kriterien bei der Emission von ZBG anlegen. (Daß das eine politisch motivierte Schönwettervorstellung gewesen ist, macht das EURO-Desaster aus, interessiert hier jedoch nicht.) Die entsprechenden Buchungen sehen damit so aus:

Man könnte versucht sein zu argumentieren, daß ja der Zahlungsausgang nicht erfolgt sei, da ja die „normale“ Bilanzverkürzung bei der ZB Spanien nicht eintritt. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß eine Zentralbank die Eigenschaft aufweist, daß eine Verbindlichkeit von ihr zum Zentralbankgeld gehört und eine Geltendmachung dieser Verbindlichkeit z.B seitens einer Geschäftsbank bei ihr nicht als ein Kassenausgang gebucht wird, sondern als eine Erhöhung des ZBG-Umlaufs. Durch diesen Vorgang wird zwar ZBG emittiert welches dann tatsächlich in der Kasse der Geschäftsbank landet – einen Kassenausgang kann eine Zentralbank deswegen jedoch nicht buchen! (Gut, wird vielleicht für die logische Sekunde mit der Länge Null gemacht, ändert aber am Prinzip nichts, daß Zentralbanken dafür keine „Kassenbestände“ vorhalten.)

Damit stellt sich jedoch die entscheidende Frage: Ist es gerechtfertigt, eine Forderung der EZB an eine NZB als Zentralbankgeld anzusehen oder nicht? Beantwortet man diese Frage mit JA ist alles gut, denn dann hätte die EZB unmittelbar Zugriff auf das geschuldete Geld. (Das ist wie bei Forderungen der Geschäftsbanken gegen eine Zentralbank, denn auch diese Forderungen gehören zum Zentralbankgeld.) Somit stellt eine TARGET2-Forderung der Bundesbank bzw. der EZB eine schuldbefreiende Zahlung der ZB Spaniens dar, ist mithin das ‚clearing‘ bzw. das ’settlement‘ seitens der EZB endgültig erfolgt.

Beantwortet man diese Frage mit NEIN, müßte geklärt werden wie eine NZB an eine andere NZB zahlen könnte, da ja damit behauptet würde, daß eine Forderung gegen eine NZB eben KEIN Zentralbankgeld darstellt. Somit wird die Frage virulent, WOMIT denn eine NZB tatsächlich schuldbefreiend zahlen kann. Die simple Antwort ist, daß eine NZB einen Passivtausch vornimmt, den TARGET2-Saldo auf den ZBG-Umlauf bucht und dann das emittierte Zentralbankgeld per Koffer – nach Durchleitung über die EZB – an die empfangende NZB (physisch) transferiert. Das hätte zur Folge, daß die empfangende NZB zwangsweise einen Kasseneingang buchen müßte. Damit wäre wohl für jeden Zweifler sichtbar, daß tatsächlich Zentralbankgeld gezahlt worden wäre. Damit wäre man wieder bei dem ‚clearing‘-Verfahren: physische Übergabe von Zentralbankgeld. (Daß die empfangende NZB nicht weiß was sie damit soll, steht auf einem anderen Blatt!)

Ob das ein Fortschritt ist?

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Griechenland und die TARGET-Falle

Gemessen an den Größenordnungen, die in der TARGET2-Debatte behandelt werden, ist die Reaktion seitens der Politik vergleichsweise moderat. Angesichts der Unsicherheit über den Ausgang der Wahlen in Griechenland und den kursierenden Armaggedon-Phantasien in der Presse könnte man meinen, daß tatsächlich größere Umwälzungen in EURO-Land zu erwarten seien. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich jedoch nichts wesentliches ändern, da ein Verbleib Griechenlands im EURO von (fast) allen Seiten befürwortet wird.

Dafür gibt es gute Gründe: soweit die griechische Zentralbank noch ein kleines Wörtchen mitzureden hätte, würde sie ihren Landsleuten erklären, warum ein Ausscheiden Griechenlands aus dem EURO aus reinem Selbstinteresse nicht wirklich tunlich ist. Das ist nicht selbstverständlich, denn interessanterweise wird das TARGET2-Problem als ein Problem der „Gläubiger“ gesehen und allenthalben prognostiziert, daß ein derartiger Austritt zu Forderungs- und damit Vermögensverlusten führen würde. Dabei trifft erstaunlicherweise das Gegenteil zu: die Griechen hätten allen Grund dazu ihre TARGET2-Salden nicht zu TARGET2-Verbindlichkeiten zu machen.

Welches Szenario gibt Anlaß zu vermuten, daß kein Grieche einen Austritt aus dem EURO befürworten dürfte? Dieses:

Angenommen, der Umrechnungskurs von Drachme DR zu EURO € wäre in der ersten logischen Sekunde 1:1. Dann hätten die Zentralbankbilanzen etwa folgendes Aussehen:

Inwieweit der Wertansatz für die TARGET2-Verbindlichkeiten (linke Seite) nach kürzester Zeit korrigiert werden müßte, oder die ZB Griechenland nach kurzer Frist ein negatives Eigenkapital ausweisen müßte, sei mal dahingestellt. Entscheidend bei der Sache ist, daß die EZB nicht einfach generöserweise ihre Forderungen an die ZB Griechenlands auf DR umstellen wird, sondern nach wie vor einen Forderungsposten in € ausweisen wird, der sich auf der Passivseite der Griechen – ebenfalls in €, bzw. bewertet in DR – wiederfindet. Letztere Position ist Ausdruck davon, daß in dieser Höhe € Zentralbankgeld von der GR Zentralbank an die Bundesbank „überwiesen“ worden ist, wobei das ‚clearing‘ zwischen GR Zentralbank und Bundesbank bei der EZB vorgenommen wurde. Nochmal genauer: das ‚clearing‘ zwischen den beiden NZBen ist mit einem Eintrag bei der EZB abschließend erfolgt! Seitens der Bundesbank ist die Sache relativ klar, denn eine Forderung gegen eine Zentralbank, die das geforderte Zahlungsmittel emittieren kann, ist bereits Zentralbankgeld. (Vgl. die Diskussion bei sapereaude!  vl:mr:)

Wie ist es mit der Forderung der EZB gegen die GR Zentralbank? Nun, solange die GR Zentralbank ein Mitglied des ESZB ist ist eine Forderung gegen sie – genau: € Zentralbankgeld. Was ist passiert, wenn die GR Zentralbank nicht mehr Mitglied des ESZB ist? Richtig, dann ist auf einmal ein reiner Verrechnungsposten, aufgrund dessen sie niemals zu einer Zahlung gedrängt werden könnte zu einer monströsen Verbindlichkeitslast geworden, von der sich das Land nicht wirklich wird befreien können. Denn selbst wenn der Verrechnungszinssatz von 1% beibehalten würde, schaukelt sich die Schuldenlast ins Unermeßliche. Das liegt nämlich daran, daß in dieser Situation keine über TARGET2 veranlaßte Überweisung aus dem EURO-Raum nach Griechenland jemals dort ankäme, sondern automatisch gegen den fälligen Saldo – auch wenn der wohl nie fällig gestellt würde – verrechnet werden müßte. (Das würde die GR Zentralbank dazu zwingen sämtliche eingehenden €-Überweisungen in DR auszuzahlen – völlig „unvorhersehbare“ Beschimpfungen als „Betrüger“ wären wohl noch die so ziemlich harmloseste Reaktion!)

Das hieße aber letztlich, daß auf Jahr(zehnt)e hinaus Griechenland in € zahlungsunfähig sein würde. Um dies zu verhindern, bieten sich zwei Optionen an: bewährte „Rettungspakete“ in €, die dann tatsächlich die TARGET-Verrechnungsposten zu direkt zurechenbaren Verlusten machen, weil sie – im Unterschied zu sonst – tatsächlich in Griechenland ankommen müßten, oder Griechenland geht, um der €-Bindung bei unterstellter Nichtanerkennung der TARGET-Verbindlichkeiten zu entgehen dazu über, Teil des Dollarraumes zu werden, um den nötigsten Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Es dürfte jedoch verwegen sein zu vermuten, daß Griechenland als Teil des Dollar-Raumes noch Teil der EU sein könnte.

Ob die EZB eine uneinbringliche Forderung hat oder nicht ist dabei vergleichsweise unerheblich. Denn selbst wenn die Großzügigkeit der verbleibenden 16 EURO-Länder so unermeßlich wäre, die gesamten TARGET-Forderungen zu streichen und daraufhin ein negatives Eigenkapital bei der EZB zu verzeichnen wäre, hätte das nur marginale Auswirkungen auf die Operationsweise des EURO-Systems. Es ist jedoch nicht auszuschließen, daß sich bankbetriebliche Bedenkenträger finden, die meinen, daß die EZB mal wieder „rekapitalisiert“ werden müßte. Wie in dem vl:mr:-Thread angesprochen ist es vergleichsweise müßig ausgerechnet derjenigen Institution, die heutzutage der ‚lender of first liquidity‚ ist, durch eine Geldeinlage unter die Arme zu greifen. Da macht das Eulen nach Athen tragen schon viel mehr Sinn!

Ein Gutes hat die ganze Situation: hierbei ist nichts alternativlos!

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Stufen von Geldsystemen – ein Kurzdurchlauf

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EINS

Ein einstufiges Geldsystem ist dadurch gekennzeichnet, daß Zahlungen mit Werten erfolgen. Prototypisch steht dafür die Goldwährung. Gold dient dazu, die Tauschrelationen abzubilden, d.h. der “unsichtbaren Hand” einen gegenständlichen Ausdruck zu geben.

Die Quantitätstheorie ist denn auch eine Theorie des Tauschmittels. Daher muß Geld (=Gold) von der Zentralbank im Notfall exogen bereitgestellt werden. Seither laborieren Zentralbanken an dem Glauben herum, sie seien für die Entwicklung des Geldwertes verantwortlich.

Eigentlich ist in einem einstufigen Geldsystem eine Zentralbank entbehrlich, denn sie erfüllt nur die Funktion bei dem Aufkommen von Vertrauenskrisen einzuspringen. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Zentralbanken auch heute noch als “lender of last resort” verstanden werden. Das bedeutet, daß eine Zentralbank letzten Endes die Funktion eines Wertspeichers erhält und wegen der Endlichkeit der Vorräte in dem Tauschmittel (Gold) illiquide werden kann!

ZWEI

Zweistufiges Bankensystem bedeutet, daß ausschließlich die Zentralbank, Zentralbankgeld emittieren darf (und zwar per Kredit) und somit die Geschäftsbanken ein Liquiditätsproblem haben. Das ist deswegen erforderlich, weil das Delegationsproblem zwischen Zentralbank und Geschäftsbank, gelöst werden muß, da eine Zentralbank nicht alleine die Qualität der Kreditvergabe des Geschäftsbankensystems kontrollieren kann. Daher unterliegen Geschäftsbanken einem Liquiditätsproblem, welches permanent gelöst werden muß, damit keine Exklusion vom Interbankenmarkt erfolgt, die unmittelbar die Gefahr einer Insolvenz aufgrund von Illiquidität nach sich zieht. Das Delegationsproblem zwischen ZB und GB kann also nur so gelöst werden, daß der Interbankengeldmarkt gewissermaßen zur Kontrollinstanz wird, die darüber entscheidet, ob das Geschäftsgebaren einer Bank den allgemeinen Bonitätserfordernissen entspricht oder nicht. Verschlechtert sich die Bonität einer Geschäftsbank, steigt deren Refinanzierungszins, ansonsten bleibt er gleich, was den Effekt hat, daß bei einem ausgeglichenem Liquiditätssaldo zwischen bonitätsmäßig gleichen Banken der Refinanzierungszins zu einem durchlaufenden Posten der bankinternen Kalkulation wird. Heißt: das Kontrollproblem der Zentralbank hinsichtlich der Bonität der Kreditforderungen der Geschäftsbanken wird auf die Ebene des Interbankengeldmarktes verlagert!

Nur die Zentralbank darf den Zahlungsmittelstandard emittieren. Das bedeutet, daß die Geschäftsbanken von sich aus zu einer zentralbankgeldsparenden Operationsweise übergehen. Damit ist nicht die Werteinlage des Publikums bei der Bank der Ursprung für den Umfang des Kreditvolumens, sondern die Möglichkeit der Banken Zentralbankgeldabflüsse durch Kreditaufnahme bei der Zentralbank zu kompensieren. Denn Geschäftsbanken werden aus Kostengründen versuchen, ihren Zentralbankgeldbedarf möglichst gering zu halten.

Das führt zu der geldtheoretischen Erkenntnis, daß die primäre Funktion von Zentralbankgeld im Zusammenspiel von Zentralbank und Geschäftsbanken die Nivellierung von Bonitätsnormen ist und nicht, wie es eine Nutzen- und Produktivitätstheorie will, die Erleichterung eines Tausches von Gütern. Letzteres kann zwar durchaus mal passieren. Jedoch reflektiert die emotionale Unmittelbarkeit des Austausches von Ware gegen Geld nicht die wesentliche Funktion des Geldes im Liquiditätsausgleich des Interbankenmarktes gewissermaßen zum Lackmustest dafür zu dienen, inwieweit die Kreditvergabepolitik der einzelnen Bank den allgemeinen Anforderungen an die Bonitätsnormen entspricht.

DREI

Das Grundproblem zwischen EZB und NZBen ist wie vorher, daß die zentrale Währungsbehörde (EZB) nicht alleine in der Lage ist die Kontrollaufgaben hinsichtlich der Bonität der Kreditvergabepolitik von NZBen zu überwachen. Im Fall der EZB wird jedoch stets die Vorstellung verbreitet, daß das Verhältnis von EZB zu NZBen quasi so geartet sei, wie das Verhältnis der Bundesbank zu den ihr angeschlossenen Landeszentralbanken. Diese Ansicht gewinnt ihre Nahrung aus dem Umstand, daß die NZBen an sich “nur” die Beschlüsse des EZB-Rates umsetzen, ohne daß es dabei zu länderspezifischen Besonderheiten kommen würde. Diese Theorie hat jedoch einen empfindlichen Schönheitsfehler, der zum einen daraus bestand, daß die jeweiligen NZBen durchweg die Wertpapiere “ihres” Staates ohne Risikovorbehalte akzeptierten, obwohl die Bonitätskriterien für die jeweiligen Staatshaushalte diese Gleichbehandlung keineswegs nahelegen. Zum anderen ist ebenso unklar, inwieweit die NZBen die Anforderungen an die Bonität für rediskontfähige Wertpapiere in gleicher Weise behandeln. Man darf jedoch bezweifeln, daß das Rating (es geht hier nicht um die Spaßagenturen) der Portfolios der NZBen einem einheitlichen Standard entspricht.

Als Konsequenz dieses Kontrollproblems müßte das gleiche Prinzip auf der Ebene zwischen EZB und den NZBen existieren. Ein dreistufiges Bankensystem benötigt daher zwei Geldmedien. Das heißt, daß zwischen der EZB und den NZBen ein separates clearing-System existieren müßte, welches für die NZBen einen Zahlungsmittelstandard definiert, der von den NZBen nicht geschaffen werden kann. (Ich nenne diesen Zahlungsmittelstandard an dieser Stelle mal EUROR!) Die EZB emittiert demnach ein bestimmtes Volumen von EUROR, welches nach üblichen Auktionsverfahren auf die angeschlossenen NZBen aufgeteilt wird. Für die NZB ist das von ihr “ersteigerte” Volumen an EUROR die Bemessungsgrundlage für ihren Kreditvergabespielraum, der sie dazu befähigt an die an sie angeschlossenen Geschäftsbanken Kredite in EURO zu gewähren.

Das Prinzip des Liquiditätsausgleiches ist somit für die NZBen in EUROR dasselbe, wie zwischen Geschäftsbanken in Bezug auf EURO. Das bedeutet, daß eine NZB dafür Sorge tragen muß, daß durch EURO-Überweisungen des Publikums ins Ausland der von ihr verwaltete EUROR-Bestand nicht abschmilzt und sie daher genötigt wäre, eine restriktivere Kreditvergabepolitik zu etablieren. Das clearing zwischen den NZBen übernimmt dann die EZB, die sich erst in dieser Funktion tatsächlich als europäische Zentralbank etablieren würde! Warum? Weil die NZBen den InterNZB-Zahlungsmittelstandard EUROR nicht selbst schaffen können und sie bei der Kreditgewährung an die Geschäftsbanken an die Verfügung über EUROR gebunden bleiben.

NUN DIE TATSACHEN

Was haben wir stattdessen? Eine TARGET-Regelung, die jede NZB dazu zwingt, auf jede Überweisungsanforderung eine entsprechende Zentralbankgeldemission genehmigen zu müssen. Das heißt auf gut Deutsch, daß die überweisende NZB in ihrer Zahlungsfähigkeit gegenüber anderen NZBen nicht beschränkt ist, weil jede NZB den Zahlungsmittelstandard EURO selbst emittieren kann.

Und das ist für die Nachhaltigkeit eines Zahlungssystems der eigentliche Knackpunkt: da es nicht zu einem Zahlungsbegehren der “nördlichen” Zentralbanken kommen kann, weil eine Forderung gegen eine Zentralbank, die diesen Zahlungsmittelstandard emittiert, bereits Zentralbankgeld ist und auf der anderen Seite aber auch keine Liquiditätsrestriktion bei der “südlichen” Zentralbank existiert (die ELA-Fazilität ist der greifbarste Ausdruck dieser Unbeschränktheit), ist dieses Zahlungssystem tendenziell davon bedroht, aufgrund der im “Süden” nachlaufenden bzw. überbordenden Zentralbankgeldemission (Ponzi-Finanzierung)  in eine Bonitätskrise zu geraten. Letzteres äußert sich im relativen Preis zu Alternativwährungen, die eine höhere Geldvermögenssicherheit versprechen.

Wenn man so will, ersetzt der EUROR die Funktion des Goldes, indem er die Kreditschöpfungsmöglichkeit einer NZB steuert. Denn die Funktionsbedingungen eines Goldstandards laufen ja auch darauf hinaus, daß die Zentralbank, die einen Goldabfluß realisiert, die Zinsen bzw. die allgemeinen Bonitätsstandards anheben muß, um dem Goldabfluß entgegenzuwirken. Um diesen Mechanismus zu erhalten, ist jedoch die Verwendung von Gold entbehrlich, sondern nur die Durchsetzung des Prinzips, daß eine Nichtzentralbank den Zahlungsmittelstandard, in dem sie zahlen muß, nicht selbst schaffen kann, erforderlich.

Its that simple!

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