Schlagwort-Archive: Allgemeine Gleichgewichtstheorie

Schweizer Spezialitäten

SchneeversuchImmerhin hat ja pünktlich zu Heiligabend die Schweizerische Bundeskanzlei verkünden dürfen, daß das Quorum für die Abhaltung eines Referendums über die Forderungen der Vollgeld-Initiative zustande gekommen ist.
https://www.bk.admin.ch/aktuell/media/03238/index.html?lang=de&msg-id=60143
Damit ist wohl für dieses Jahr noch mit der Abhaltung des Referendums zu rechnen.

Im Vorfeld hatte bei Einreichung der Unterschriften die schweizerische Bankiersvereinigung eine Stellungnahme abgegeben, in der sie erwartungsgemäß ablehnend auf die Vollgeld-Initiative reagiert. Dieses Dokument einer Nichtbeschäftigung mit dem Vollgeld-Konzept ist hier zu finden:

http://www.swissbanking.org/de/medien/statements-und-medienmitteilungen/statement-der-schweizerischen-bankiervereinigung-sbvg-zur-vollgeld-initiative-1

Daß man von Bankern, deren Sozialisation durch die Intermediärtheorie der Banken nachhaltig geprägt worden ist kaum profunde Erkenntnisse in Sachen Geldtheorie erwarten kann ist ja noch verständlich, so daß die in diesem Dokument aufgeführten Behauptungen sich im wesentlichen darauf beschränken den Teufel an die Wand zu malen, sollte dem nunmehr abzuhaltenden Referendum Erfolg beschieden sein. Der dicke Hund dieser Routinestellungnahme liegt denn auch etwas weiter unten begraben, denn dort wird geschrieben:

„Die Schweiz hat eines der strengsten Too-Big-To-Fail-Regimes der Welt. Es braucht kein Vollgeld, um das Schweizer Finanzsystem sicher zu machen.

Hierbei ist nicht entscheidend, ob die Behauptung stimmt, daß die Schweiz das TBTF-Thema im Griff hat oder nicht, sondern die Tatsache, daß behauptet wird, daß dazu die Einführung von Vollgeld nicht erforderlich sei. Denn hier wird indirekt zugestanden, daß das Konstrukt „Vollgeld“ tatsächlich etwas sei, was eingeführt werden könnte, „um das Schweizer Finanzsystem sicher zu machen.“ Wenn man so will hat hier die schweizerische Bankiersvereinigung dem „Vollgeld“ einen Ritterschlag erteilt, indem sie es als mögliche denkbare Alternative akzeptiert. Warum aber ausgerechnet dasjenige, was bekämpft werden soll im gleichen Atemzug als seriöse Alternative geadelt wird läßt sich nur damit erklären, daß auch den Schweizer Banken nicht so ganz klar ist, warum das Vollgeld-Konzept einen fatalen Denkfehler darstellt.

In meinem Blog schreibe ich ja schon etliche Zeit darüber, daß man im Zusammenhang mit Geld Schuldgeschäfte und Erfüllungsgeschäfte strikt auseinanderhalten muß. Diese Selbstverständlichkeit wird von der volkswirtschaftlichen Forschung insofern ignoriert, als diese auf der Suche nach einer „Geldnachfragefunktion“ nur die Perspektive der Haushalte einnimmt und dort unbekümmert Bargeld und Sichtforderungen (und weitere Forderungen) in ein Aggregat Mxyz subsumiert. Das ist für ökonometrische Forschungen noch einigermaßen legitim, da es dabei um die Frage geht, welche Wirkungen die Struktur des privaten Geldvermögens auf Ausgabeentscheidungen der Haushalte hat. Nicht vergessen sollte man dabei, daß der theoretische Hintergrund der allgemeinen Gleichgewichtstheorie quasi dazu zwingt Geld ausschließlich als ‚asset‘ der Haushalte zu betrachten, da die Steuerung dieser Ökonomie durch Präferenzen und Technologie erfolgt – und mit Geld – und übrigens auch mit dieser Welt – nichts zu tun hat.

Diese Verfahrensweise Forderungen und Zentralbankgeld unbekümmert zu einer Geldmenge zusammenzurühren wird jedoch dann grundfalsch, wenn es um die Frage geht, was die Funktion von Banken in einer Geldwirtschaft ist. Zu diese Frage wird ja üblicherweise die Version vorgetragen, daß Banken die „echten“ Ersparnisse von Haushalten an investitionswillige Unternehmer verleihen. In einem logischen Salto Mortale wird dann insinuiert, Banken würden durch die Vergabe von Krediten darüber hinaus Geld erzeugen, was sie eigentlich nach Maßgabe dieses „gesicherten Grundwissens“ eigentlich garnicht dürften und was durch die Vollgeld-Initiative nunmehr verhindert werden soll.

Die traurige Wahrheit ist dabei: es handelt sich hier um einen Schildbürgerstreich ersten Ranges, denn das was den Banken unterstellt wird – Geldschöpfung zu betreiben – tun sie überhaupt nicht. Denn wenn eine Bank einen Kredit vergibt passiert nichts weiter als daß beide Seiten darüber übereinkommen in einem bestimmten zeitlichen Rahmen Zahlungen zu leisten. Der Kredit selbst ist im Grunde nichts weiter als eine Absichtserklärung, die es erst noch zu erfüllen gilt. In diesem Stadium existieren noch keine Verfügungen über Zentralbankgeld, der einzige institutionell bedingte Effekt besteht darin, daß die Bank aufgrund des Anstiegs ihrer potentiellen Zahlungsverpflichtungen (das aus dem Kredit entstandene Kontoguthaben des Kreditnehmers) einen 1%-Anteil der zusätzlichen Verpflichtung als Mindestreserveverpflichtung hinzurechnen muß. Insofern vermindert sich zwar nicht der Liquiditätsstatus der Bank (das Geld ist ja immer noch da), sondern es ändert (verringert) sich der Auszahlungssperrbetrag der Bank ein wenig. Wichtiger an dieser Stelle ist jedoch an dieser Stelle daran zu erinnern, daß ein Kredit auf der Grundlage des Schuldrechts entsteht und daher durch eine zweiseitige übereinstimmende Willenserklärung erzeugt wird, nicht mehr und nicht weniger.

Sobald der Kreditnehmer über den Kreditbetrag verfügt verläßt man den Boden des Schuldrechts und betritt den Boden des Sachenrechts, auf welchem durch Übergabe der geschuldeten Sache die korrespondierende Schuld erlischt. Überweist der Kreditnehmer den ihm zustehenden Betrag an einen Verkäufer ist die Bank qua Kreditvertrag dazu verpflichtet dem Verkäufer die Verfügungsmacht über diesen Betrag zukommen zu lassen, sie geht also vom Kreditnehmer auf den Verkäufer über. Soweit der Verkäufer sein Konto ebenfalls bei dieser Bank hat bleibt der Liquiditätsstatus der Bank konstant, besitzt der Verkäufer sein Konto bei einer anderen Bank, verliert die Bank in Höhe des Überweisungsbetrages Zentralbankgeld, womit sich ihr Liquiditätsstatus um die Höhe des Überweisungsbetrages verringert. Das Ergebnis letzterer Transaktion ist also, daß die Bank 100% des Kreditbetrages in Zentralbankgeld an eine andere Bank transferieren muß, wobei nach erfolgter Zahlung die 1% des Kreditbetrages aufgrund der Mindestreserve nicht mehr vorgehalten werden muß – mithin sind also statt 1% an Mindestreserve-Liquiditätszuwachs nunmehr 100% des Überweisungsbetrages als Abgang an Liquidität zu verbuchen.

Die Empfängerbank „profitiert“ lediglich insofern, als ihr als kontoführendes Institut des Verkäufers 100% des ursprünglichen Kreditbetrages als Zentralbankgeld zugeht, sich damit zwar der Liquiditätsbestand um 100% erhöht, aufgrund der Mindestreserve der Rahmen der Zahlungsfähigkeit jedoch nur um 99%. Man sollte sich allerdings darüber klar sein, daß diese 1% Regel nicht ganz stichhaltig ist, denn bei einer Weiterüberweisung kann die Bank auch diese „1%“ an Liquidität nutzen, weil ja durch die Überweisung auch die Mindestreserveverpflichtung sinkt. Insofern hat die Mindestreserve heutzutage keine praktische Bedeutung mehr und ist in geldtheoretischen Betrachtungen eigentlich nur unnötiger Ballast. Denn die Mindestreserve bedeutet ja nicht mehr als quasi einen Auszahlungssperrvermerk, wodurch die Gesamtliquidität in keiner Weise ihre Höhe ändert.

Immerhin liefert das deutsche Recht einen deutlichen Hinweis darauf, daß das was die Geldnachfrageforschung und Vollgeldler oder ‚positive money‘-Jünger unter den Begriff Geld subsumieren dann doch nicht das ist, was zur Abwicklung von Zahlungen bzw. für eine rechtsgültige Schuldbefreiung übertragen werden muß. Denn wenn man ein bißchen recherchiert stößt man auf den §675t BGB, dessen erster Satz genau das formuliert, was im Überweisungsverkehr normalerweise vor sich geht:

(1) Der Zahlungsdienstleister des Zahlungsempfängers ist verpflichtet, dem Zahlungsempfänger den Zahlungsbetrag unverzüglich verfügbar zu machen, nachdem er auf dem Konto des Zahlungsdienstleisters eingegangen ist.

Im Grunde steht da klipp und klar, daß nicht der Passivübertrag von Bank zu Bank den Zahlungsvorgang darstellt, sondern wie es auch richtig ist der Aktivübertrag von Zentralbankgeld via Zentralbank von der Bank des Zahlenden zu der Bank des Zahlungsempfängers. Die Zahler-Bank hat einen Abgang des Aktivum Zentralbankgeld, die Bank des Zahlungsempfängers einen Zugang beim Aktivum Zentralbankgeld – was letzten Endes die nicht erfolgte Übergabe von Zentralbankgeld vom Käufer zum Zeitpunkt des Kaufes an den Verkäufer ersetzt. Denn das, was auf dem Konto des Empfänger-Zahlungsdienstleisters eingehen muß ist Zentralbankgeld und zwar deswegen, weil keine Bank eine Zahlungsverpflichtung übernimmt, ohne im Gegenzug einen Anspruch auf das nunmehr zusätzlich geschuldete Zentralbankgeld zu erhalten. Im Unterschied zu dem Eingang auf einem Zentralbankkonto ist ein Eingang auf einem Geschäftsbankkonto demgegenüber kein Zentralbankgeld, weil die Erfüllung dieser Forderung durch die Zahlungsfähigkeit der Bank in – Zentralbankgeld – bedingt ist . Wie man spätestens seit der Kaupthing-Geschichte weiß ist die Zahlungsfähigkeit von Geschäftsbanken keine absolute, sondern eine relative Größe, weil Geschäftsbanken in einem Standard zahlen müssen, den sie selbst nicht schaffen können. Banken wissen sehr genau warum sie ein Liquiditätsmanagement betreiben müssen, welches dafür sorgt, daß sie ihren Zahlungsverpflichtungen jederzeit nachkommen können. Vollgeldler bilden sich ein, daß dies durch die Gutschrift auf einem Verbindlichkeitskonto schon erledigt wäre.

Und damit platzt die ganze Vollgeld-Geschichte und die Einbildung von der Geldschöpfung der Banken in 1000m Höhe. Insbesondere wird damit auch mal klargestellt, daß Geld nur das ist, was von der Zentralbank emittiert wird, bzw. von ihr als Forderung der Banken ausgewiesen wird – was die Effizienz des Zahlungsverkehrs im Interbankenmarkt erheblich erleichtert. Und dann werden solche Artikel http://www.fuw.ch/article/vollgeld/ vielleicht auch seltener, deren ökonomische Qualität mehr als zum Schmunzeln Anlaß gibt.

Nun ist die Sache ja nicht so, daß schon allein deswegen, weil das Vollgeld-Konzept als haltlos nachweisbar ist, dieses Referendum nicht doch von Erfolg gekrönt sein könnte. In einem solchen Fall wäre natürlich zu fragen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Die Vorstellung der Vollgeldler, die Banken würden Zahlungskonten außerhalb ihrer Bilanz führen können, die von der Zentralbank mit einer unbedingten Liquiditätsgarantie ausgestattet wären, darf man kurzerhand als juristische Unmöglichkeit verstehen. Denn in diesem Fall hätten die Zahlungskonten eine hoheitliche Sicherheit, die sich nicht wirklich mit dem privatwirtschaftlichem Charakter von Geschäftsbanken verträgt. Soweit es sich erweisen sollte, daß diese Konstruktion nicht machbar ist kommt auf einmal eine andere Möglichkeit zum Vorschein, nämlich die allgemeine Option des Publikums bei einer Filiale der Zentralbank ein Zahlungskonto zu eröffnen, dessen Eigenschaft ein Passivum der Zentralbank zu sein eine unbeschränkte Einlösung in Banknoten garantiert. Während also das eigentliche Vollgeld-Konzept den Banken keine Kopfschmerzen zu machen braucht weil es ohnehin nicht praktikabel ist, bekommt die darin auch angelegte Ausgliederung der Zahlungskonten hin zur Zentralbank auf einmal einen monströsen Charakter, weil dieses Arrangement das Potential hat den Banken einen Großteil der Liquidität wegzunehmen, mit der sie heutzutage arbeiten. Wenn man so will läßt sich hier eine ‚hidden agenda‘ vermuten – ein Arrangement – ähnlich wie das Glass-Steagall Gesetz – durch die Hintertür durchzusetzen, mit der Konsequenz, daß dabei den Privatbanken ein guter Teil des Zahlungsverkehrsgeschäfts verloren gehen würde. Im Gegensatz zu den anderen Pseudo-Argumenten der Vollgeldler wäre die Umsetzung dieser Option für die Banken tatsächlich eine Bedrohung. Aus dieser Perspektive bekommt die „Führung der Zahlungskonten außerhalb der Bankbilanz“ eine völlig neue Bedeutung.

Man könnte sich nun darauf verlassen, daß die Schweizer in puncto Finanzsystem eine vergleichsweise konservative Haltung einnehmen und dieses Referendum mit Pauken und Trompeten durchfallen lassen. Wie es tatsächlich ausgeht, weiß man allerdings erst hinterher. Von daher wäre es weise sich schon vorher mit einer angemessenen Diskussion diesem Ansinnen entgegen zu stellen und sich nicht nur damit zu begnügen ein Sammelsurium von Behauptungen aufzustellen, ohne dabei in eine ernsthafte Diskussion einzutreten.

Daß man sich dabei mal über die Grundlagen des eigenen Bank-Geschäfts klar werden würde, wäre ein durchaus begrüßenswerter Nebeneffekt!

Advertisements

27 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Ordnungspolitik, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftstheorie

Nachgedacht: monetäre Markttheorie

Berlin-MitteDie ökonomische Theorie einer Gesellschaft hat zu definieren, wie sie das Aktivitätsniveau einer Ökonomie bestimmt. Dieser Satz markiert den Anspruch, der von der Neoklassik als ‚mainstream‘ der ökonomischen Theorie vorgegeben wird. Die nutzengesteuerte Bestimmung der relativen Preise im Zusammenhang mit der Theorie von Angebot und Nachfrage erzeugt ein gesamtwirtschaftliches Aktivitätsniveau, welches stets als allgemeines Gleichgewicht etikettiert wird. Dabei ist zu motivieren, wie es zu einem Aktivitätniveau kommen kann, welches sich aus Handlungen von Individuen ergibt, die unabhängig voneinander Entscheidungen treffen.

Dabei sieht es für die Individuen einfach aus: sie brauchen lediglich Entscheidungen im Rahmen ihrer Budgetrestriktion zu treffen, müssen aber nicht die Restriktionen, die andere Wirtschaftssubjeke einzuhalten haben, ebenfalls berücksichtigen. Das heißt auf gut Deutsch, daß die Rückwirkungen, die individuelle Entscheidungen bewirken von den Individuen selbst überhaupt nicht berücksichtigt werden und somit Individuen keine gesamtwirtschaftlichen Effekte berücksichtigen können. Wie sollten sie es auch können?

Wenn aber Individuen nur mikroökonomische Entscheidungen treffen können ergibt sich die Frage, wie aus voneinander unabhängigen Entscheidungen ein gesamtwirtschaftliches Aktivitätsniveau abgeleitet werden kann. Das ist die zentrale Frage der VWL als Wissenschaft! Die einzige Antwort auf diese Frage wurde bisher von der allgemeinen Gleichgewichtstheorie gegeben. Dabei geht sie davon aus, daß jedes Individuum alle Entscheidungen aller anderen Individuen bei sich selbst berücksichtigt. Ein Nachweis dafür, daß diese Vorstellung keine funktionsfähige Wirtschaftsordnung erzeugen kann, dürfte sich erübrigen – selbst die ‚hidden hand‘ wäre dabei überfordert!

Dabei wird dort die nicht zulässige Unterstellung gemacht, daß die globale Budgetrestriktion aus der Gesamtheit der Einzelentscheidungen der Individuen entsteht. Diese Vorstellung entsteht durch den Kunstgriff, die Handlungsoptionen der Individuen daran zu ketten, indem die tauschbare Erstausstattung als vorgegeben gesetzt wird. Das hat zur Folge, daß damit die globale Budgetrestriktion a priori vorgegeben ist. Genau dieser Umstand ermöglicht es der allgemeinen Gleichgewichtstheorie als Paradetheorie der Marktwirtschaft ein globales Aktivitätniveau abzuleiten und zu argumentieren, daß die Funktionsweise des Preismechanismus dieses Gleichgewicht garantiert.

Einer der wenigen Versuche dem etwas entgegenzustellen ist der Ansatz des monetären Keynesianismus von Hajo Riese, wo versucht wird die Budgetrestriktion des Marktsystems auf einer monetären Grundlage zu definieren. Der Grundansatz ist dabei darin zu sehen, daß erst die Verfügung über Geld zu einer Bewirtschaftung der Ressourcen (einschließlich der Ressource Arbeitskraft) führt und somit das volkswirtschaftliche Aktivitäteniveau aus monetären Bedingungen abgeleitet werden soll. Damit wird das keynesianische Element aufgegriffen, welches die monetäre Investition zum zentralen Bestimmungsfaktor der Ökonomie macht. Denn in einer Ökonomie, die auf Kooperationsbeziehungen und nicht auf elementare Tauschhandlungen abstellt ist die Verwendung eines sozialen Abrechnungssystems eine ‚conditio sine qua non‘, also eine unabdingbare Notwendigkeit, was schon durch das Stecknadelbeispiel von A. Smith eindrücklich illustriert wird.

Aus dieser Perspektive gibt es in einer arbeitsteiligen Ökonomie im wesentlichen zwei Märkte, den Finanzmarkt einerseits, sowie den Finanzerwirtschaftungsmarkt alias Gütermarkt andererseits. Der von der Neoklassik so mystifizierte Arbeitsmarkt ist damit lediglich ein Appendix des Finanzmarktes, weil die Beschäftigung von Ressourcen wie Rohstoffe und Arbeitskraft ebenso einem finanzwirtschaftlichen Kalkül unterliegt wie eine Investition in Maschinen und Zwischenprodukte.

Eine Investition, also eine Zahlungsreihe, die mit der Ausgabe von Geld beginnt (Kruschwitz), ist dabei immer von Geldvermögensinteressen geprägt, weil die Erwartung über die Wahrscheinlichkeit monetärer Verluste/ Gewinne die Investitionsbereitschaft steuert. Dabei muß man sehen, daß nicht nur die Gruppe der Unternehmer, sondern auch die Banken mittelbar diesem Verlustrisiko unterliegen, so daß die Beziehung Unternehmer – Bank die zentrale prekäre Relation einer monetären Ökonomie darstellt.

Das ist deswegen der Fall, weil der Markt zur Erwirtschaftung des Schuldendeckungsmittels – der Warenmarkt alias Gütermarkt – darüber entscheidet, wie hoch die Investitionsbereitschaft (und damit der Grad der Ökonomisierung der Ressourcen) der Gruppe der Unternehmer ist. Es ist damit das Zusammenspiel beider Märkte, welches darüber bestimmt wie hoch der Auslastungsgrad einer Ökonomie ist. Aus einer derartigen Perspektive wird das Nichtausgeben von Geld seitens der Bezieher von Einkommen zu einer zentralen Restriktion der Investitionsbereitschaft und damit des gesamtwirtschaftlichen Aktivitätsniveaus. Dabei ist es unerheblich, ob aus Unternehmer- oder Arbeitnehmereinkommen gespart wird, weil beides zu einer Reduktion desjenigen Potentials führt, aus dem eine Erwirtschaftung des Schuldendeckungsmittels möglich wäre.

Wenn man so will ist das entscheidende Wechselspiel in der kapitalistischen Marktwirtschaft die Interaktion von Finanzmarkt und dem Markt für die Erwirtschaftung von Schuldendeckungsmitteln, wobei man dieses im Gegensatz zum statischen neoklassischen Marktmodell als dynamisches System interpretieren kann, insofern als zum einen Aktionen des einen Pols direkte Rückwirkungen auf den anderen Pol des Systems ausüben und andererseits die Kreditverhältnisse, die zu den Investitionsprozessen führen eine Zeitstruktur aufweisen, so daß Entscheidungen der Gegenwart Wirkungen über den gesamten Planungshorizont verteilt aufweisen.

Für die Frage, wie dann ein Markt in einer monetären Ökonomie aussieht kann man sich daran erinnern, daß in einem Einkommen-Ausgaben-Diagramm

http://makroo.de/Das%20keynesianische%20Modell/Der%20Guetermarkt/Das%20Einkommen-Ausgaben-Diagramm.htm

das Zurückbleiben der Nachfrage hinter dem Einkommen mit kontraktiven Entwicklungen verbunden ist, während eine Nachfrage oberhalb des Einkommens mit expansiven Prozessen einhergehen dürfte. Nun ist die verlinkte Darstellung suggestiv auf den Fall eingeengt, daß das Einkommen den Ausgaben entspricht, was aus vorstehenden Gründen für eine monetäre Ökonomie eine zu enge Sicht der Dinge darstellt. Denn durch diese Verengung wird unterschlagen, daß die Gleichgewichtsbedingung „Einkommen = Ausgaben“ unterstellt, daß es eine Abweichung der gleichgewichtigen Ausgaben von dem Einkommen nicht geben könne. Denn ein Kennzeichen einer monetären Investitionsökonomie ist, daß den anfänglichen hohen Investitionsausgaben erst im Zeitablauf sukzessive die Amortisationen wieder entgegenströmen und somit die Anfangsphase einer Investition typischerweise davon geprägt ist, daß die Einkommen systematisch höher sind, als der auf dem Markt befindliche Angebotswert. Soweit man sich den typischen Verlauf einer Investition ansieht

http://www.der-wirtschaftsingenieur.de/index.php/produktentstehung/

erkennt man unmittelbar, daß die Gleichheit von Einkommen und Ausgaben lediglich eine Episode in einem dynamischen Prozess ist. So läuft z.B. in einer Phase hoher Investitionen die Einkommensbildung dem Angebotswert voraus, so daß sich unmittelbar Preisauftriebstendenzen ergeben, welche die ursprüngliche Investitionskalkulation als zu pessimistisch darstellen. Die damit üblicherweise verbundenen Preisauftriebstendenzen sind über induzierte Lohnsteigerungen dann entweder der Beginn eines Inflationsprozesses oder wahlweise bei einer Lohnstabilität der Beginn einer Ungleichverteilung von Einkommen und dann auch Vermögen.

Begreift man also Marktwirtschaft als ein monetäres System, dann handelt es sich hierbei um eine Rückkoppelungsschleife, bei der es einen unabhängigen Pol und einen abhängigen Pol gibt. Der unabhängige Pol ist die Seite der Investition, die abhängige Seite ist die Seite der Einkommensverwendung, weil diese erst entsteht, wenn investiert worden ist. Das heißt aber wiederum, daß auf der einen Seite die Investition die zentrale Bestimmungsgröße für das Einkommen darstellt und der Konsum damit mittelbar von der Investition abhängig ist, während andererseits die Geldnachfrage auf dem Warenmarkt (= der Markt zur Erwirtschaftung des Schuldendeckungsmittels) ebenfalls von der (zeitlichen Struktur der) Investition bestimmt wird.

Investition-Diagramm

(Man beachte, daß entgegen der Gepflogenheit der Ökonomen hier die unabhängige Variable auf der Abszisse abgetragen ist!!)

Durch diese für eine monetäre Ökonomie charakteristische Hierarchisierung ökonomischer Entscheidungen – Investition einerseits und davon abgeleitet Konsum/ Sparen andererseits – wird für die Marktwirtschaft ein dynamisches Aktivitätsniveau definiert, welches sich aus der Bereitschaft zur Investition speist und damit von genuinen Vermögensinteressen gesteuert wird. Insofern ist eine Theorie einer monetären Marktwirtschaft durch zwei Entscheidungsebenen geprägt: durch eine Interaktion von Banken und Unternehmen, die zu Investitionsprozessen führen, die mit einer Geldausgabe beginnen und die einen kontinuierlichen Amortisationsprozeß nach sich ziehen und dem Komplement der Wiedererwirtschaftung des ausgegebenen Geldes auf dem Warenmarkt und nicht durch eine elementare Interaktionsfigur – dem Tausch – den man heutzutage höchstens noch auf nichtkommerziellen Basaren anzutreffen pflegt.

Die Konsequenzen für die Markttheorie herkömmlicher Prägung sind nicht wirklich erfreulich. Nicht nur, daß der Arbeitsmarkt seine Stellung als eigenstänger Markt verliert, sondern auch die Erkenntnis, daß es auf dem Gütermarkt nicht primär um die Befriedigung individueller Interessen geht. Natürlich wird auf den Arbeits- und Gütermärkten gefeilscht was das Zeug hält, für die Frage, auf welchem Niveau sich das gesamtwirtschaftliche Aktivitätsniveau einpendelt sind derartige Aspekte lediglich sekundär, weil sich dadurch der zentrale Mechanismus, der aus der Kruschwitz-Investition besteht, überhaupt nicht aushebeln läßt.

Man mag eine gewisse Trauer dabei empfinden, daß die Vorstellung vom Konsum als Endzweck ökonomischen Handelns einer nüchternen Kalkulation über den monetären Ertrag einer Investition weichen muß – aber Märchen sind ja auch nur dazu da, um Emotionen zu befriedigen.

43 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

Wozu ist ein Markt?

Restaurant Kremmen„I am, as a theorist, more concerned with the intellectual move which axiomatically ensures that the invisible hand is never observed in reconciling inconsistent plans and so provides no account of how it might actually do this. It seems clear that this leaves the theory essentially incomplete. It also seems obvious that it cannot be usefully confronted with other theories, for it is no answer to the Keynesian proposition that there may be states in which willing workers cannot find a job at the going wage to announce it as an axiom that this can never happen.

Less extreme theories have recognised that some story must be told and to the non-economist the chosen one is known as the ‚law of supply and demand‘. Here the invisible hand is actually set in motion. When demand for anything exceeds its supply the price will go up, and vice versa when supply exceeds demand. In taking this account seriously, one finds oneself studying a rather complex dynamic system. It is a fact that this study has not led to the conclusion that this behaviour of prices must guide the economy to its tranquil equilibrium. Indeed, almost the converse is true: only very special assumptions seem to ensure this happy outcome.“ (Hahn, F.H., Equilibrium and Macroeconomics 1984, S. 125)

Dieses Zitat stammt nicht etwa von irgendeinem kenntnisbefreiten Kritiker der ökonomischen Theorie, sondern von einem der ausgewiesenen Kenner und Protagonisten der allgemeinen Gleichgewichtstheorie. Mal abgesehen davon, daß er das Grundmodell der Marktwirtschaft als ‚essential incomplete‘ bezeichnet ist bemerkenswert, daß er die ständig kolportierte Geschichte von den segensreichen Wirkungen von Angebot und Nachfrage als etwas charakterisiert, was Menschen mit geringen ökonomischen Kenntnissen vermittelt wird, damit diese überhaupt eine Vorstellung davon bekommen, was die zentrale Funktionslogik der allgemeinen Gleichgewichtstheorie überhaupt ist. Die Konsequenz aus dieser Behauptung ist durchaus eklig: sie besagt, daß das Marktmodell als Funktionsvorstellung für die Analyse gesamtwirtschaftlicher Bedingungen offenbar schlichtweg ungeeignet ist und eher als allegorisches Propädeutikum angesehen werden sollte, als als ernstzunehmende Funktionsbeschreibung.

Ein derartiger Befund kann allerdings nur denjenigen aufschrecken, der seine Auffassungsgabe noch nicht dem vermeintlichen ‚common sense‘ unterworfen hat. Denn wie so viele Halbwahrheiten auch ist die Vorstellung davon, daß eine Marktwirtschaft valide Funktionsbedingungen aufweisen würde, einer schöngeistigen Phänomenologisierung zuzuordnen und nicht einer ausgereiften modelltheoretischen Konzeption, wie man es erwarten würde, wenn diese Botschaft aus unzähligen Lehrbuchdarstellungen hervortönt. Daher lohnt es sich zu ventilieren, welche Funktionsvorstellung das Marktmodell überhaupt ausweist und ob diese Funktionsvorstellung überhaupt geeignet ist, den Bedingungen einer komplexfähigen Ökonomie gerecht zu werden.

Eine kleine Bemerkung sollte noch vorab eingefügt werden, die das übliche Angebot-Nachfrage Diagramm betrifft, weil dies als zentrales Lehrbuchelement allen Ökonomen irgendwann mal beigebracht wurde. Es wird sich zeigen, daß der zentrale Vorbehalt dagegen ist, daß die Ableitung der Angebots-Nachfrage Kurven zunächst aus einer mikroökonomischen Perspektive erfolgt, deren zentrale Voraussetzung darin besteht, daß diese voneinander unabhängig sind. Die Nachfragekurve wird aus den Präferenzen der Haushalte abgeleitet, während die Angebotskurve aus dem aufsteigenden Ast der Grenzproduktivitätskurve entstammt, welche die abnehmende Produktivität von Produktionsprozessen reflektiert. (Letzteres wird durch empirische Untersuchungen als unhaltbar festgestellt, was jedoch nicht dazu geführt hat, daß dieses Konzept jemals von dem mainstream der ökonomischen Theorie jemals in Frage gestellt worden wäre.) Soweit wäre ja noch alles in Ordnung, wenn nicht dann der Übergang zu dem gesamtwirtschaftlichen Modell die Grundlage des einzelwirtschaftlichen Modells schlichtweg aushebelt: es gibt nämlich in der Makroökonomie kein ‚ceteris paribus‘!

Nun muß man ja nicht bestreiten, daß es in kapitalistischen Ökonomien durchaus so etwas gibt wie Märkte. Die wesentliche Frage wäre jedoch zu ergründen, was sich tatsächlich auf Märkten abspielt, deren Funktion ja irgendwie doch zu den effizienten Ergebnissen führt, die man auf Märkten beobachten kann, die durch geldwirtschaftliche Vorgaben geprägt sind. Wie man sich leicht vorstellen kann, wird es hier nicht darum gehen alle möglichen schöngeistigen Vorstellungen zu rekapitulieren, welche um den Begriff „Markt“ gesponnen worden sind. Denn jenseits dessen, was üblicherweise zu diesem Thema angeboten wird, ist der Marktbegriff dahingehend zu prüfen, wie er von der dahinterstehenden Theorie begriffen wird. Man mag sich seine Vorstellungen davon machen, was ein Markt sein soll, man mag an Flohmärkte oder Supermärkte oder auch Arbeitsmärkte denken. Entscheidend ist dabei jedoch, was in dem theoretischen Rahmen, der verwendet wird, um den Marktbegriff zu formulieren, als die funktionale Eigenschaft angesehen wird, was ein Markt zu leisten hat. Insofern sind üblicherweise die Interpretationen dessen, was ein Markt für Wirkungen entfaltet davon geprägt, die phänomenologischen Aspekte zu beschreiben, ohne daß damit mehr als diffuses Verständnis davon erzeugt würde, welche Bedeutung ein Markt in einem volkswirtschaftlichen Begründungszusammenhang tatsächlich besitzt.

Hilfreich bei dieser Geschichte ist folgende Graphik, welche die Markttheorie in einen Zusammenhang mit der Haushaltstheorie und der Unternehmenstheorie setzt, weil hierbei ersichtlich wird, welche funktionalen Kriterien bei der Formulierung eines adäquaten Marktbegriffes erforderlich sind.

Markttheorie

Man sieht daran sehr schön, daß es bei dem Grundlagenmodell der Marktwirtschaft um das zentrale Problem geht, daß ein Gleichgewicht erreicht werden soll, dessen Kriterium ist, daß es bei dem gleichgewichtigen (relativen) Preissystem zu einem Verschwinden der Überschußnachfrage kommt, d.h. daß diese zu Null werden, was bedeutet, daß ein Individuum bei dem geltenden Preissystem keine Möglichkeit mehr hat, seine Situation durch Umschichtungen zu verbessern. Denn ein Individuum wird nur dann sein Angebot bzw. Nachfrage ändern, wenn die Preissignale, die er empfängt ihn dazu veranlassen, seine angebotenen/ nachgefragten Mengen zu ändern. Für den Haushalt sind die (relativen) Preise insofern maßgeblich, als sie darüber bestimmen, wie hoch sein Handlungsspielraum ist, d.h. wie es mit seiner Budgetrestriktion beschaffen ist. Denn ohne Budgetrestriktion kann er keine sinnvolle Wahl zwischen den Alternativen treffen, ohne die Vorgabe der Preise hängt die Budgetrestriktion in der Luft. Man kann wenn man so will das „Herantasten“ an das gleichgewichtige Preissystem damit vergleichen, daß der Haushalt je nach gegebener Budgetrestriktion ein dazu passendes Angebots-/ Nachfrageprofil wählt. Man kann sich an dieser Stelle vielleicht vorstellen, was Hahn eingangs ausdrücken wollte, indem er von einem ‚rather complex dynamic system‘ gesprochen hatte.

Man hat es also beim Grundmodell der Marktwirtschaft mit einer Optimierung unter sich verändernden Nebenbedingungen zu tun, wobei die konstante Größe in diesem Prozeß die Präferenzen der Haushalte sind, so daß die Änderung der Angebots-/ Nachfragemengen lediglich davon abhängig sind, wie der aktuelle relevante Preisvektor beschaffen ist. Das wiederum bedeutet – im Gegensatz zu der üblicherweise kolportierten Version, daß das Individuum durch seine Entscheidungen die Ökonomie steuern würde -, daß die Bestimmung des allgemeinen Gleichgewichts der Marktwirtschaft aus der Festlegung des gleichgewichtigen Preissystems besteht, was postwendend bedeutet, daß dieses Marktmodell dazu da ist, um für die Haushalte die relevante Budgetrestriktion zu bestimmen. Denn ohne die relevante Budgetrestriktion kann auch der ‚homo oeconomicus‘ nicht optimieren, geschweige denn sein Angebot bzw. seine Nachfrage bestimmen, er ist dann plötzlich völlig machtlos, weil für eine Optimierung (Maximierung) keine Grundlage existiert. (Es gibt bestimmt noch Leute, die das sozialistische Prinzip kennen: möglichst viel erreichen bei möglichst geringem Aufwand. Ich hoffe, diesen Unfug muß man nicht auch noch erläutern!)

Aus all dem Gesagten ergibt sich, daß die Funktion eines Marktes die Bestimmung des gleichgewichtigen Systems der relativen Preise ist, was gleichbedeutend mit der Bestimmung der relevanten Budgetrestriktion für die Haushalte ist. (Dieser Prozeß findet spiegelbildlich auf der Seite der Unternehmen statt, wobei die Vorgabe der Unternehmen die Technologie darstellt, die für sie die Optimierungsgrundlage liefert. Ich verzichte hier darauf, diesen quasi analogen Vorgang noch extra zu diskutieren.) Dieser weithin unbekannte Umstand hat jedoch eine eklige Konsequenz: das Angebots-/ Nachfrage-Diagramm der Mikroökonomie, welches Heerscharen von Studenten beigebracht wurde ist erst dann als analytisches Instrument für gesamtwirtschaftliche  Probleme anwendbar, wenn das relevante Preissystem bestimmt wurde – sonst nicht. Diese Notwendigkeit der Existenz des gleichgewichtigen Preissystems kann nicht mit Rückgriff auf einen ‚deux ex machina‘ (oder Auktionator) postuliert werden, da – wie es Hahn sehr schön ausgedrückt hat – ‚the invisible hand is never observed in reconciling inconsistent plans‘! Der Auktionator als Vorstellung mag ja ganz spaßig sein, was Not tut ist jedoch die Deklarierung des Verfahrens, mit dessen Hilfe dieses Gleichgewicht zu erreichen wäre. Man braucht da nicht lange zu raten: da gibt es Nichts. Nichts! Null! Nada! (Nur die Leute, die noch wissen, was im real existierenden Sozialismus die „material-technische Versorgung“ war, werden sich noch gut daran erinnern können, WIE hoffnungslos dieses Unterfangen gewesen ist. Und das soll die zentrale Funktionalität der Theorie der Marktwirtschaft darstellen?) Und dennoch heißt die Antwort auf die Frage: Wozu ist ein Markt? : der Markt bzw. das Marktprinzip hat in der Neoklassik bzw. in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie die Funktion den Vektor der gleichgewichtigen relativen Preise zu bestimmen, welcher bewirkt, daß alle Individuen bei den gegebenen Preisen keine Änderung ihrer Nachfrage sowie ihres Angebotes mehr vornehmen.

Das Interessante an dieser Perspektive ist, daß sich 99% der Kritik der Neoklassik damit an einer völlig falschen Stelle befindet, obwohl man aus der Theoriegeschichte durchaus wissen müßte, wo der eigentliche Defekt steckt. Man kann den Neoklassikern zugutehalten, daß sie es lange Zeit vermocht haben, ihre eigentliche Schwachstelle zu vertuschen, indem sie einen Popanz wie den ‚homo oeconomicus‘ zum Zentrum der DAGEGEN von vornherein untauglichen Angriffe gemacht haben. (Don Quichote läßt grüßen!) Denn die eigentliche Frage für die präferenzgesteuerten Entscheidungen der Haushalte ist ja nicht die, ob sie lieber Artischocken oder Hummer haben möchten, sondern wie hoch der Handlungsrahmen ist, mit Hilfe dessen sie erst eine sinnvolle Entscheidung über ihre präferierte Wahl herbeiführen können. Das Wichtigste an der Frage wie denn nun die Budgestrestriktion genau aussieht ist der Umstand, daß diese Frage niemals individuell geklärt werden kann, sondern sich als Ergebnis des sozialen Prozesses „Findung der Gleichgewichtsposition“ (ein Kommunikationsprozeß!) herausstellt. Dieser Nexus, die Budgetrestriktion als soziales Phänomen sehen zu müssen begründet, daß selbst in der Neoklassik Ökonomie eine genuin soziale Komponente aufweist,  die nicht, wie Heerscharen von Schreiberlingen es darstellen, aus Horden autistischer Individuen geformt wird, die nichts weiter zu tun haben, als ihren egoistischen Motiven nachzugehen.

Im Grunde genommen wirft dieser Befund ein neues Licht auf eine alte Anekdote die besagt, daß der Sohn des Aga Khan nach einer Vorlesung Keynes gefragt haben soll: „Meister, wie funktioniert das ohne Budgetrestriktion?“ Es hat natürlich seinen Grund, daß nur jemand, der es nicht gewöhnt ist sich einer Budgetrestriktion unterwerfen zu müssen, die Fähigkeit aufweist zu erkennen, daß die Existenz der Budgetrestriktion ein virales Problem der ökonomischen Theorie darstellt. Man könnte ja mal spaßeshalber vermuten, daß Aga Khan Junior nicht gemeint hat, daß er selbst damit nichts anfangen kann, weil er diese Budgetrestriktion nicht kennt, sondern genau gesehen hat, daß die Ableitung der Budgetrestriktion aus dem Präferenzmechanismus der Neoklassik de facto nie funktionieren kann. (Das erinnert auch ein wenig an das Ergebnis der Cambridge-Kontroverse, weil sich ja auch die Frage nach einem eindeutigen Maß für Kapital als nicht lösbar erwiesen hat.) Wie die Kapitaltheorie besitzt auch die Markttheorie der Neoklassik keinen faßbaren Funktionalismus, womit sich dann auch die Bemerkung von Hahn bestätigt, ‚that this leaves the theory essentially incomplete‘. Wohlgemerkt: „essentiell“ und nicht etwa lediglich im Hinblick auf eine unbedeutende Nebensächlichkeit!

Was fängt man nun mit einer derartigen Erkenntnis an? Es stellt sich die Frage, ob man gewillt ist, die Funktionalität des Verfahrens, wie eine Budgetrestriktion entsteht ernstzunehmen oder nicht. An diesem Punkt erweist sich, ob man es mit einer validen ökonomischen Theorie zu tun hat, oder ob man weiterhin gewillt ist, die Ummöglichkeit der Formulierung einer Budgetrestriktion aus dem neoklassischen Begründungszusammenhang heraus ergeben zu akzeptieren und lieber weiter an die Funktionalität von „Angebot und Nachfrage“ glauben will. Letzteres kann man ja machen, dann kann man auch gleich die Geschichte vom Klapperstorch für Evolution halten.

63 Kommentare

Eingeordnet unter Wirtschaftstheorie, wonkish

Zwischen Pluralität und Paradigma

Nicht geschossener BockSeit einiger Zeit gibt es (mal wieder) studentische Proteste hinsichtlich der Ausgestaltung der universitären ‚curricula‘, die nach ihrer Auffassung zu der Diagnose führen, daß die ökonomische Lehre sich in einer Krise befinden würde. Das wird damit begründet, daß ja schließlich durch die ökonomische Ausbildung an den Universitäten die nächsten Generationen von Politikern geformt werden, deren Wissen ja auch den Zustand der zukünftigen Gesellschaft mitgestalten würde. Der zentrale Vorwurf geht dahin, daß die Verengung von Ökonomie auf ein einziges theoretisches Modell die Breite dessen, was die Anforderungen an Ökonomen angeht, nur in ungenügender Art und Weise adressiert.

So nachvollziehbar diese Position für viele, die in ihrem Leben Volkswirtschaftslehre studiert haben, auch sein mag, übersieht eine derartige Position doch einige Dinge, die ihrem verständlichen Frust über die universitäre Monotonie schlichtweg fehlen. Diese betreffen einmal die Interpretation des Wissenschaftsbetriebes als Serviceveranstaltung für Karrieristen, dann die vage Vermutung, Wissenschaft müsse doch an „Realitäten“ orientiert sein, um „realitätsnahe“ Aussagen treffen zu können und nicht zuletzt eine Ignoranz über die Bedeutung von Paradigmen, die ja das Potential haben, eine gesamte Wissenschaft in all ihren Facetten prägen und dominieren zu können.

Dieses Übersehen zieht sich im Grunde genommen durch das gesamte Manifest, so wird z.B. als neomoderner „Lösungsansatz“ vorgeschlagen, daß es zu einer Pluralität in der Lehre von ökonomischen Theorien kommen sollte. Was damit jedoch keineswegs automatisch verbunden ist, ist eine Erfüllung der naiven Erwartung, daß damit auch ein alternativer Theorieentwurf erzeugt werden würde, der einem bestehenden Paradigma eine Alternative entgegenstellen könnte. Weil das nicht selbstverständlich ist muß man nüchtern aus der Geschichte konstatieren, daß die „keynesianische Revolution“ ganz einfach durch das IS-LM-Modell erst integriert und nach der methodologiewidrigen und damit nicht wissenschaftlichen (aber dennoch erfolgreichen) Kampagne „Mikrofundierung der Makroökonomie“ dann völlig neutralisiert wurde. Das Ergebnis ist, daß heutzutage der „Keynesianismus“ nichts weiter darstellt, als eine um ein paar Friktionen angereicherte DSGE-Neoklassik.

Dieses Desaster spielt jedoch für die studentischen Bemühungen um eine „plurale Ökonomik“ keine Rolle, denn diese lassen sich eher von der Vorstellung einer „Schwarmintelligenz“ leiten, als von den nüchternen methodologischen Fakten des etablierten Wissenschaftsbetriebes. Das hat zur Folge, daß die Vermutung, die gewünschte Vielfalt würde ja schon die Existenz der Alternative umfassen, mit wehenden Fahnen in die Irre geht. Das zeigt sich sehr schön an dem Katalog der als lehrwürdig deklarierten Fachrichtungen. Dort finden sich zwar so „ehrwürdige“ Dinge wie feministische oder ökologische Ökonomik, ohne daß in irgendeiner Weise das eigentliche paradigmafähige Theoriefeld auch nur ansatzweise adressiert würde.

Der Hinweis auf die methodologischen Charakteristika von Orthodoxien und deren Durchsetzung findet sich im wesentlichen bei den Autoren Kuhn und Lakatos, deren Zentralthema der Charakter bzw. die Durchsetzung von Paradigmen war. Kurz gesagt geht es dabei um die Vorstellung, daß Orthodoxien stets einen sogenannten „harten Kern“ aufweisen, der dann durch einen „Schutzgürtel“ von angelagerten Theorieelementen ausgebaut und etabliert wird. Das ist im aktuellen Fall so, daß der „harte Kern“ der Neoklassik das Tauschtheorem ist, welches es zunächst ermöglicht hat – durch die allgemeine Gleichgewichtstheorie – eine erste Ebene der (mathematischen) „Verteidigungslinie“ zu ziehen, während angelagerte Theorieversatzstücke wie die Quantitätstheorie gewissermaßen sekundäre „Verteidigungsoperationen“ darstellen, deren (mutmaßliche) Nicht-Geltung jedoch den Kern des orthodoxen Paradigmas – das Tauschtheorem – überhaupt nicht mehr berühren würde. Witzigerweise wird dieses theoretische Desaster als „Geldtheorie“ verkauft und es ist noch nicht mal so, daß es dafür nicht leidenschaftliche Verfechter geben würde.

Letzteres ist auch ein Grund dafür, daß sich alle Scharmützel gegen die Neoklassik als vergeblich herausgestellt haben, weil die Kritik daran niemals vermochte den ‚hard core‘ des Paradigmas anzugreifen. Dabei muß man leider zur Kenntnis nehmen, daß es auch überhaupt nicht möglich ist, den paradigmatischen Kern eines Modells aufzubrechen, da sich dieser in seiner Absolutheit üblicherweise ohnehin einer Kritik entzieht. Denn wer würde schon ein Argument dagegen anführen können, daß Tausch eine elementare Interaktion menschlichen Zusammenseins ist? Man bekommt dadurch zwar ein Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber etablierten Strukturen, was allerdings daran liegt, daß man die existierende Alternative nicht sieht oder sehen kann. Denn nach Maßgabe eines Diktums von Buckminster Fuller gilt: „Man schafft niemals Veränderung indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen.“

Nun, so leicht wie das dahergesagt ist, so schwierig stellt sich das „Neukonstruieren“ dar, weil sich üblicherweise bei denjenigen, die das „Alte“ bereits gelernt haben die Tendenz einstellt, Begrifflichkeiten so zu interpretieren, wie es das orthodoxe Paradigma vorgibt. D.h. eine der kompliziertesten Aspekte des „Neumodells“ ist es die alten Begriffsinhalte mit alternativen (und zwar wirklich im Sinne von alternativen und nicht mit alternaiven) Inhalten zu füllen. Dabei wird üblicherweise der Aufwand, der für ein neues Paradigma erforderlich ist, hoffnungslos unterschätzt. Das Sammelsurium an „Hosentaschenmodellen“ welches (nicht nur) im Internet kursiert ist zu einer beachtlichen Kakophonie angeschwollen, obwohl jeder einzelne für sich den Anspruch aufrechterhält, zu einer „neuen, besseren oder gerechteren Weltordnung“ beitragen zu wollen. Derartige Ansätze mögen ja ehrenwert und von einer ehrlichen Sorge um die Zukunft geprägt sein, allein der Wirkungsgrad derartiger Theoriebruchstücke tendiert praktisch gegen Null.

Dabei wird dadurch und im studentischen Manifest ein spezifisches Desaster durchaus angesprochen, nämlich daß es offenbar kaum noch eine Behandlung methodologischer Themen gibt, also genau das, wozu eigentlich ein universitäres Studium die Studenten befähigen sollte, nämlich zu einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeitsweise kommen zu können. Dieses Problem ist umso virulenter, als sich nach etwa 20 Jahren „PersonalComputer-Revolution“ eine Auffassung breit zu machen scheint, die an die methodologisch fragwürdigen Vorstellungen eines M. Friedman anknüpft, die darin gipfeln, daß kurz gesagt der Glaube um sich greift, in den ökonomischen Daten wäre schon alles zu finden, was es an ökonomischer Weisheit überhaupt gibt.

Ein kurioses Beispiel dafür ist ein Artikel von H.W. Sinn, dessen (indirekte) Behandlung dieses Themas gleich zu Anfang des Artikels die Alarmglocken schrillen lassen müßte. Denn da stellt Sinn die Behauptung auf, es gäbe so etwas wie „statistische Fakten“. Dieses gilt zwar insoweit, wie Zahlen Zahlen sind und diese gewissenhaft erhoben und für die „Weiterverwendung“ aufgearbeitet werden (und auch da fängt die Interpretation schon an). Das bedeutet jedoch NICHT, daß eine bloße Analyse von Zahlen irgendeine absolute Wahrheit beinhalten könnte wie Sinn im Anschluß behauptet, weil eine Interpretation von Zahlen immer a priori theoriebedingt ist und damit die hochwohlgelobte Neutralität der volkswirtschaftlichen Analyse unmittelbar flöten geht! Gegen diese Unterschlagung ist seine Gleichsetzung von „ökonomischen und naturwissenschaftlichen Gesetzen“ nur ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Heißt: man kann keine Zahlen theorielos interpretieren, auch wenn sich manche Leute von selbsternannten Zahlenkünstlern durch diese Unterschlagung immer wieder ins Bockshorn jagen lassen. Pointiert ausgedrückt kann man in den Zahlenkolonnen von Statistiken nur dann etwas erkennen, wenn es Deutungsmuster gibt, wie diese Zahlen interpretiert werden (sollen); auch bei hingeworfenen Knochen gibt es eine Theorie die sagt, daß bestimmte Knochenkonstellationen auf bestimmte Ereignisse in der Zukunft weisen. Einen Vergleich der Wahrscheinlichkeit hinsichtlich der Vorhersagegenauigkeit erspare ich mir an dieser Stelle.

Jenseits dieser schmalbrüstigen Versuche Ökonomie als nicht theoriebedingt hinzustellen ist festzustellen, daß sich das Bewußtsein über die eigentlich notwendige Zielrichtung der studentischen Kritik in deren Forderungen nicht wiederfinden läßt. Es hat ein bißchen den Anschein, als würde sich der Protest darauf beschränken zu fordern, daß die Universitäten doch den Studenten bitteschön das zu liefern hätten, was sie als operative Fähigkeiten für die angestrebte Blitzkarriere benötigen würden. Insofern kann man vermuten, daß dieser Bewegung ein gewisses Konsumdenken nicht ganz so fern ist. Auf der anderen Seite könnte man durchaus davon ausgehen, daß es darunter auch diejenigen gibt, denen das was Universitäten vermitteln sollten – Erkenntnis(fähigkeit) – durchaus wichtig ist.

Für Letztere sei angemerkt, daß sich die eigentliche Ebene der wissenschaftlichen Auseinandersetzung weniger auf den genannten Themenfeldern findet, sondern auf einem ganz anderen Feld, welches seit 200 Jahren die ökonomietheoretische Diskussion beherrscht: die Auseinandersetzung von Wert- und Geldtheorie. Diese Auseinandersetzung wurde die meiste Zeit von dem Paradigma der (Neo-)Klassik beherrscht, deren soziale Grundfigur der Tausch ist, ohne daß damit jemals befriedigend gezeigt werden konnte, warum es Geld gibt und mit welchen Funktionsprinzipien es funktionieren würde. Die Phase des Keynesianismus (also der Versuch zur Etablierung einer Geldtheorie) war zwar im Sinne von H.W. Sinn von dessen Akzeptanz im politischen Prozeß gekennzeichnet, ohne daß es jedoch währenddessen gelungen wäre eine gleichwertige paradigmatische Konstruktion, wie sie der Neoklassik zur Verfügung steht, anbieten zu können. Man muß konstatieren, daß auch ein IS-LM-Modell (ob das nur den „wahren“ Keynes korrekt abbildet oder nicht) mit allen Verfeinerungen und Erweiterungen es nicht vermocht hat, dem paradigmatischen Bollwerk der allgemeinen Gleichgewichtstheorie etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. (Das gilt auch für alle anderen „Keynesianismen“!)

Von daher wirkt der studentische Protest einigermaßen hilflos, weil dieser zwar ein verständliches Unbehagen mit den herrschenden Zuständen artikuliert, aber gleichzeitig nicht angeben kann, wo der Weg zu einer anderen Weltsicht zu finden wäre. In dieser Not ist der Ausweg nach „Pluralität“ ein Feigenblatt dafür, daß es an einer Strategie mangelt und somit die Hoffnung auf „Schwarmintelligenz“ nur notdürftig verdeckt, daß es einfach ein Hilferuf an die etablierte Professorenschaft ist, sich doch bitteschön darum zu bemühen, alternative Lehrinhalte zu präsentieren, die eine bessere Interpretation von dem, was man so „Realität“ (!) nennt, erlauben würde.

Man muß nicht lange darüber nachdenken, um zu dem Schluß zu kommen, daß sie mit dieser Erwartung auf breiter Front enttäuscht werden. Auch wenn sie dies nicht verdient hätten!

110 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

inside und outside money – aus zwei mach eins!

Piedras y MarIn der Geld(system)debatte gibt es eine neue Publikation der BoE, welche einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Dies verdankt das 14-seitige Paper zwei Aspekten, welche bisher zu den Grundkenntnissen der (universitären) Lehre vom Geld gehören. Zum einen wird als neue Erkenntnis angepriesen, daß

„Whenever a bank makes a loan, it simultaneously creates a matching deposit in the borrower’s bank account, thereby creating new money.“

was gleichbedeutend ist mit der Negation:

„One common misconception is that banks act simply as intermediaries, lending out the deposits that savers place with them.“

und daß

„Another common misconception is that the central bank determines the quantity of loans and deposits in the economy by controlling the quantity of central bank money — the so-called ‘money multiplier’ approach.“

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, da diese Aspekte irgendwo nicht übermäßig bedeutungsschwer zu sein scheinen. Und doch wird damit seitens der BoE insofern Stellung genommen, als sie damit zu einer Sichtweise übergeht, die Kennern der Materie als die ‚banking‘-Position bekannt ist, die gegenüber der ‚currency‘-Position die These vertritt, daß das Geldvolumen in einer Wirtschaft von den privaten Akteuren (Banken und Publikum) bestimmt ist und nicht von der Zentralbank kontrolliert wird. Nun mögen harmonisch veranlagte Menschen denken, man müsse doch berücksichtigen, daß ein gemeinsames Zusammenspiel aller Akteure angebracht wäre, so daß diese strikte Abgrenzung eigentlich nicht vonnöten sei. Man kann dieses Paper der BoE jedoch insofern durchaus ernst nehmen, als damit elementare theoretische (Lehrbuch-) Konzeptionen ins Wanken geraten, obwohl damit (wieder einmal) auch nur die eine Seite der geldtheoretischen Debatte adressiert wird.

Der Ausgangspunkt dieser Kontroverse ist die Theorie der Marktwirtschaft, die allgemeine Gleichgewichtstheorie, in der die Haushalte die dominante Steuerungsinstanz sind, indem sie in ihrer Entscheidung zwischen Konsum und Nicht-Konsum, wozu auch die Entscheidung über den Konsum von Freizeit bzw. den Nichtkonsum von Freizeit (=Arbeitsangebot) gehört, das Aktivitätsniveau der Unternehmen bestimmen. Gleichzeitig sorgt ein perfekt funktionierender Preismechanismus dafür, daß alle Überschußnachfragen (für Anfänger: das ist der „Marktmechanismus“) der Haushalte und Unternehmen zu Null werden, was sich auch nur unter der Annahme einstellt, wenn alle Akteure dieser Ökonomie sogenannte Preisnehmer sind, d.h. niemand außer dem Auktionator existiert, welcher die Preise setzen kann. (Wem das zu abstrus vorkommt: genau das ist die spezifische Rechtfertigung für die segensreichen Wirkungen der Marktwirtschaft.)

Und damit die ganze Geschichte nicht ganz so blöd daherkommt wird dann noch eine Story von einem Bankensystem dazugezaubert, welches die Ersparnisse (=Nicht-Konsum) der Haushalte bündelt und in investierbares „Kapital“ überführt. Dabei werden dann allerlei illustre „Motivationen“ angeführt, die sich dann auch in der Lehre von den Bankenfunktionen wiederfinden und auf so schöne Namen hören wie Losgrößen-, Risiko- und Fristentransformation. Aber unabhängig von der schöngeistigen Begründungsorgie spielt dahinter vor allem das verzweifelte Bestreben eine Rolle, die Funktion des Bankensystem als kompatibel mit der Grundtheorie der Marktwirtschaft zu halten, bei der eben die Haushalte über ein individualistisches Entscheidungskalkül den Charakter und das Niveau der wirtschaftlichen Tätigkeit bestimmen. Man mag die ganze Geschichte nach der 1000ten Wiederholung für plausibel halten, die Kenner der Materie wissen jedoch, daß diese Konstruktion so nicht haltbar ist und die Geschichte von den „Spareinlagen“ lediglich als Glaubensereignis einzustufen ist, welches durch die allseitige Bestätigung einen „Wahrheitsstatus“ qua Überlieferung genießt.

Aber nun kommt der entscheidende Störfaktor ins Spiel. Denn die vorstehende Illustration ist eigentlich für den Fall gedacht, daß die Haushalte reale Dinge „nicht-konsumieren“, so daß diese Version eigentlich lediglich für den Fall einer (Ricardoschen) Kornökonomie Gültigkeit beanspruchen kann. Denn die „Ersparnis“ der Haushalte ist genau das, was die Unternehmen produktiv einsetzen können, woraus dann auch ein realer Ertrag (Korntheorie des Zinses) entsteht, der dann zu einem höheren Wohlfahrtsniveau führt. Dieser Störfaktor ist das Geld, von dem man auch schon früher (also vor Keynes) wußte, daß es nicht in einem Produktionsprozeß vermehrt werden kann (auch wenn es irgendwie produziert werden muß). Das hat zur Folge, daß auf Geld die Konzepte der Produktivitätsökonomie nicht angewandt werden kann, weil ein einem Kreditgeldsystem Geld nicht deswegen mehr wird, weil mehr produziert wird. Man könnte diese Tatsache ernst nehmen, daß das nicht getan wird liegt daran, daß sich die einzelwirtschaftliche Erfahrung, daß man aus Geld mehr Geld d.h. einen Gewinn machen könne, als ausreichende Plausibilitätsvorstellung durchgesetzt hat. Die Theorie wird zwar dadurch nicht wahr, aber sie kann geglaubt werden. Um dennoch Geld halbwegs als Gut auffassen zu können wurde eine mehr als zweifelhafte Abstraktion erfunden die besagt, daß Geld als Tauschmittel von Werten deswegen funktionieren könne, weil es selbst ein Anspruch auf Wert darstellt (Geld als Anspruch auf Goldaushändigung).

Indem Geld als physische Einheit und damit als Träger von Wert aufgefaßt wird, kann auf der einen Seite die Allgemeinheit des Gleichgewichts aufrechterhalten werden, weil sich Geld unter die Normen der Werttheorie subsumieren läßt, was dazu geführt hat, daß die Nachfrage (sic!) nach Geld einen prominenten Platz in der ökonomischen Forschung eingenommen hat. Auf der anderen Seite muß wegen der allumfassenden Dominanz des Marktkonzeptes ein „Angebot“ an Geld stehen, DAMIT die Funktionslogik des Marktes anwendbar wird. Dieses „Geldangebot“ wird durch eine Zentralbank zur Verfügung gestellt, so daß es auch bei Geld möglich wird, die Knappheitslogik anzuwenden und um sicherzustellen, daß Geld einen positiven Preis (sic!) aufweist. (Man muß das nicht verstehen, aber die Ökonomen ticken tatsächlich so.) Der Preis des Geldes (als wenn man Geld kaufen könnte!) ist der Zins, der sich wiederum nahtlos an die Überschußtheorie des Kornes anschließt. Und damit dieses Geld auch überhaupt bei den Haushalten ankommt, muß der Staat über seine Verschuldung das Geld in „Umlauf“ bringen, wo es dann, gesegnet mit einer „Umlaufgeschwindigkeit“ von Kauf zu Kauf hetzt und nebenbei auch noch die ehrenvolle Aufgabe übernimmt, das allgemeine Preisniveau mitzubestimmen. Auch wenn es lächerlich erscheinen mag: diese Theorie ist der gegenwärtige ‚mainstream‘ der ökonomischen „Erkenntnis“.

Dabei ist die Erklärung, warum derart schräge Vorstellungen die Geldtheorie dominieren, darin zu sehen, daß sie vom Design her die allgemeine Gleichgewichtstheorie als valide Formulierung der Neoklassik (der Markttheorie) stützen soll. Sie ist damit gewissermaßen eine Hilfstheorie und besitzt daher keine genuine Eigenständigkeit. Da sie sich aber anpassen muß, ist der Geldbegriff so beschaffen, wie es die Ressourcen in der Haupttheorie auch sind. Denn dort ist Geld als Tauschmittel durchaus eine Sache, eben (irgendein) Tauschgut mit ein paar Besonderheiten. Ebenso ist auch die Allokation des „Geldes“ von der Konsum / Nicht-Konsum Entscheidungen der Haushalte geprägt, so daß nahtlos die Theorie des Bankensektors als „Transformatoren“ des vorhandenen Geldbestandes formuliert ist. Deswegen gibt es in der Neoklassik auch nur ‚outside money‘ – Geld von der Zentralbank: eine Sache. Diese Theorie ist zusammen mit der Quantitätstheorie (die übrigends die Eigenschaft Theorie zu sein nicht wirklich besitzt) die Grundlage der Geldmengensteuerung, die nach der Peel´schen Bankakte vom ‚currency‘-department – also der Zentralbank – vollzogen wird.

Diese ehrwürdige Aufgabe wird nun in dem BoE-Paper dahingehend relativiert, daß die „Geldschöpfung“ (auch so ein herrlich kreationistischer Begriff, bei dem der Puritanismus nur so aus allen Poren trieft) in der ’new view‘ von den Kreditvergabeentscheidungen der Banken bzw. des Publikums gesteuert ist und somit die Bedeutung der Zentralbank als Emittent von Banknoten in den Hintergrund rückt. Nun ist diese Geschichte auch nicht mehr so neu, sondern reüssierte bereits vor etwa 40 Jahren und ist mit dem Namen James Tobin verbunden, dessen Untersuchungen bereits damals zu dem Schluß geführt hatten, daß die Banken „weder einzeln noch in ihrer Gesamtheit den Krug der Witwe“ besitzen. Dieser „Krug der Witwe“ ist das, was die BoE in ihrem Paper als neueste Erkenntnis präsentiert, indem sie den Schwerpunkt des „Geldangebotes“ nunmehr bei den Banken sieht, die durch eine einfache Kreditvergabe ‚inside money‘ „schöpfen“, ohne daß bei diesem Vorgang auch das entsprechende Zentralbankgeld (‚outside money‘) schon vorhanden sein müßte.

Jenseits der Begeisterung, die dieses Paper bei gewissen Teilen der „Geldsystemkritiker“ hervorgerufen hat ist dagegen zu konstatieren, daß hier zwar eine Abkehr von herkömmlichen Lehrmeinungen erfolgt ist, die Alternative zu einer übermächtig scheinenden Quantitätstheorie jedoch nicht in einer Konzeption zu suchen ist, die meint, Kreditbeziehungen gegen die „Geldversorgung“ einer Zentralbank stellen zu können. Das zeigt sich schon an dem Eiertanz der immer aufgeführt wird, wenn es darum geht die Zahlungsmitteleigenschaft der ‚deposits‘ zu begründen, obwohl diese ‚deposits‘ mit etwas „Deponiertem“ nichts zu tun haben können, weil sie schlichtweg dafür auf der falschen Seite der Bilanz stehen. Etwas Deponiertes im Sinne eines Lagerscheines findet sich auf der Vermögensseite einer Bank überhaupt nicht an, weil bei einem Aufbewahrungsvertrag das Eigentum bei dem „Einleger“ verbleibt. Eine „Einlage“ von Geld auf der Bank ist jedoch damit verbunden, daß das ‚outside money‘-Geld, die Banknote, in das Eigentum der Bank wechselt bzw. der „Einleger“ das Eigentum an der „eingelegten“ (süß-sauer, oder lieber fruchtig?) Banknote verliert und lediglich eine Sichtforderung (‚inside‘-money) erhält, mit deren Hilfe er entweder Banknoten zurückverlangen kann oder die Bank beauftragen kann zu Lasten seines Guthabens einen Transfer von Zentralbankgeld vorzunehmen. Diese Verfügung kann eine Bank deswegen durchführen, weil das Zentralbankgeld in ihrem Eigentum steht und sie deswegen befähigt ist, zugunsten des Überweisenden einen Zentralbankgeldtransfer durchzuführen.

An dieser Stelle zeigt sich dann auch, warum die Opposition von ‚inside money‘ und ‚outside money‘ eine Scheinkontroverse ist, die sich nur deshalb entwickeln konnte, weil die dahinterstehende Theorie eine bestimmte Interpretation des Geldobjektes erforderlich macht. Die Neoklassik benötigt für ihre Grundtheorie ein (werthaltiges) Geldobjekt und ist somit natürlicher Verfechter einer Zentralbanktheorie des Geldes, wofür sinnbildlich der Geld abwerfende Hubschrauber eines M. Friedman steht. (Diese Parabel ist deswegen aufschlußreich, weil damit die ganzen Schuldprozesse bei der „Inumlaufbringung“ von Geld einfach ausgeblendet werden können – das Friedman-Geld ist in gewissem Sinne „schuldfrei geschöpftes Geld“!) Auf der anderen Seite steht die Theorie der „endogenen Geldschöpfung“, die gewissermaßen ein Steckenpferd des Postkeynesianismus ist, der damit z.B. begründen will, daß für eine Zentralbank die Zinspolitik gegenüber der Geldmengensteuerung Priorität genießen sollte. (Und für – selbstverständlich – D. Graeber ist damit bereits die Politik der „Austerität“ grundsätzlich diskreditiert.) Nun soll an dieser Stelle das Chaos des Postkeynesianismus nicht Thema sein, es genügt zu bemerken, daß offenbar die „Story“ dieser Theorierichtung nicht konsistent genug ist, um für den neoklassischen ‚mainstream‘ eine ernsthafte Bedrohung darzustellen. (Natürlich kann ich mir die Bemerkung doch nicht verkneifen, daß der Anspruch eine „realistische“ Theorie zu formulieren gegen elementare Erkenntnisse der Epistemologie verstößt! Aber wer kennt sich schon mit Erkenntnistheorie aus?)

Entscheidend für die Beurteilung dieser Kontroverse ist, daß wie oben dargestellt bereits eine so einfache Sache wie eine Überweisung das Zusammenwirken von ‚inside‘ und ‚outside‘ zwingend erforderlich ist, weil sonst keine Überweisung zustandekommen kann. Denn jede Schuldbeziehung (‚inside‘) benötigt eine Erfüllung (‚outside‘), so daß sich diese Kontroverse als Tauziehen an einem Ring herausstellt, wobei jede Seite für sich reklamiert, daß sie doch an der „richtigen“ Seite des Ringes zerren würde. Wenn man so will verwendet der Kunde, der eine Überweisung tätigen will sein ‚inside money‘ (die Schuldbeziehung), damit die Bank an seiner Stelle einen Transfer von ‚outside money‘ durchführt. Und genau darauf wird hier in diesem Blog auch öfter mal Bezug genommen, daß man sich darüber klar werden sollte, daß eine Schuldbeziehung die auf Geld lautet nur dadurch erfüllt werden kann, indem über das Erfüllungsobjekt auf die gewünschte Weise von der Bank auch tatsächlich verfügt (im juristischen Sinne) wird.

Was heißt das für das BoE-Paper? Gute Frage, denn was soll man von einem Paper halten, welches einen untauglichen Tunnelblick gegen einen anderen austauscht und dabei völlig ignoriert, daß das, was eigentlich erklärt werden sollte (die Geldeigenschaft der ‚deposits‘), überhaupt nicht adressiert worden ist und auch nicht adressiert werden kann. (Wie soll man auch etwas glaubhaft darstellen, wenn die Sache selbst nicht glaubhaft darstellbar ist?) Die Geschichte von dem „Krug der Witwe“ stimmt heute genausowenig wie vor 40 Jahren. James Tobin hat das noch gewußt.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

Makroökonomie: die Frage nach dem Machbaren

Hirschmedaillon mit NußkrusteDas Forschungsfeld Makroökonomie wird üblicherweise dadurch beschrieben, daß dort Untersuchungen über gesamtwirtschaftliche Größen wie Konjunktur, Inflation, Außenwirtschaft und nicht zuletzt auch Geldpolitik stattfinden. Für den oberflächlichen Betrachter mag damit die Frage nach dem Stellenwert von Mikro- und Makroökonomie erledigt sein. Anders sieht es dagegen aus, wenn man anfängt die methodologischen Grundlagen zu analysieren, die beiden Forschungsfeldern zugrundeliegen. Denn das Verhältnis von Mikro- und Makroökonomie ist nicht so, wie man es aus gleichberechtigter Kommunikation kennt, sondern durch eine Hierarchieebene getrennt, die es nicht erlaubt symmetrische Anforderungen an beide Ebenen stellen zu können.

Das betrifft im wesentlichen die Frage, auf welcher Ebene tatsächlich Handlungen vorgenommen werden und die Antwort darauf ist auch klar: auf der Mikroebene. Denn dort und nur dort können Akteure nach Maßgabe der ‚ceteris paribus‘-Klausel handeln, was nichts anderes heißt, als daß sie ohne Berücksichtigung von Rückwirkungen handeln können und dabei auch die sogenannten „makroökonomischen Ziele“ durchaus ignorieren können (und müssen). Eine handlungstheoretisch ausgerichtete Wissenschaft muß schon aus diesem Grunde postulieren, daß alle ökonomischen Effekte und Phänomene aus den Handlungen von Individuen heraus erklärt werden müssen. In gewisser Weise ist dies auch verständlich, weil es ein „Handeln der Gesamtgruppe“ schon allein deswegen nicht gibt, weil es an informationellen Bedingungen scheitert, die Rückwirkungen der (existierenden) Einzelaktionen explizit nachzuvollziehen – das ist das analoge Problem der nutzengesteuerten Entscheidungsfindung, was Berechnungsleistungen erfordern würde, die noch nicht mal von den schnellsten Supercomputern bereitgestellt werden können.

Diese Tatsache muß eine Theorie der Makroökonomie auf eine spezifische Weise durchaus ernst nehmen, denn sonst setzt sie sich automatisch dem Vorwurf aus, ökonomische Entwicklungen nicht aus der rationalen Wahl von Individuen ableiten zu können. Dieser Vorwurf ist so richtig wie faul, denn natürlich bestehen makroökonomische Entwicklungen aus individuellen Handlungen, nur können selbst diejenigen, die derartige Forderungen nach einer „Mikrofundierung“ aufstellen, ihren eigenen Anspruch nicht erfüllen und versuchen die Welt damit zu überzeugen, daß ein „repräsentatives Individuum“ schon geeignet sei, makroökonomische Phänomene abbilden zu können. Natürlich ist klar, daß mit einem solchen Ansatz sämtliche sich widersprechenden Gegensätze unterschiedlicher Akteure per Annahme (!!) ausgeblendet werden, insbesondere ist damit ausgeschlossen, daß es durch diese „individualistischen“ DSGE-Modelle keinen Raum für so widerlich reale Dinge wie Kreditverhältnisse gibt, die sich dadurch auszeichnen, daß Individuen offensichtlich doch nicht alle die gleichen Interessen haben, wodurch ihre jeweiligen Handlungsweisen durchaus andersartig sein und ohne weiteres auch widersprechen können.

Das stellt natürlich die Frage nach dem Erkenntniswert von Makroökonomie bzw. die Frage nach einer Vorgehensweise, die nicht von vornherein sich des Vergehens schuldig macht, Entwicklungen von Aggregaten ohne Umweg über die Handlungsinteressen von Individuen erreichen zu wollen. Ein prominentes Beispiel für ein derartiges Desaster ist der sog. „hydraulische Keynesianismus“, dessen Philosophie von einer Allmachtsphantasie getragen wurde, die sich aus dem IS-LM-Modell ableitete, in dem die „Stellschrauben“ Budgetdefizit und Geldangebot als ausreichend angesehen wurden, um eine verläßliche gesellschaftliche Wirtschaftssteuerung betreiben zu können. Dieser Schuß ging natürlich nach hinten los, weil sich diese Theorie der Annahme verschrieben hatte, daß sich makroökonomische Entwicklungen gestalten lassen, ohne dabei irgendwelche Ausweichreaktionen berücksichtigen zu müssen. Besonders ärgerlich in dieser Hinsicht ist, daß die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in dieses Konzept insoweit eingebettet war, als sie gewissermaßen den „Identitätsrahmen“ dafür bereitstellen mußte und folgerichtig mit dem Untergang des IS-LM-Keynesianismus gleichermaßen diskreditiert wurde. Es hat durchaus seine Gründe, warum die VGR bzw. in ihrer monetär fixierten Variante, die „volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ einen derart schlechten Ruf in der ökonomischen Profession besitzt.

Das hat natürlich seinen Grund der darin besteht, daß man monetären Aggregaten keine selbständige „Entwicklung“ unterstellen kann. Darauf hat auch W. Stützel als Hauptprotagonist der „Saldenmechanik“ immer wieder zu Recht hingewiesen. Doch auch wenn der Meister seine Warnungen ausspricht, sind die Lehrlinge dann doch immer wieder in Versuchung, die Fähigkeiten des Meisters sich selbst zuzurechnen nur um festzustellen, daß ihre Versuche dann doch in einer kolossalen Pleite enden. So ist beispielsweise der Schluß von einer „negativen“ Saldenänderung des Staates auf die „positiven“ Saldenänderungen im privaten Sektor korrekt, was nicht korrekt ist, sind die Vermutungen, welche Auswirkungen sich daraus auf den privaten Sektor ergeben, denn eine Aggregataussage läßt sich nicht ohne weiteres auf individuelle Auswirkungen herunterbrechen. Natürlich sind die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen, daraus läßt sich aber nicht schließen, daß diese Einnahmen wieder zu Ausgaben werden müssen, weil in gleicher Weise Einnahmen auch zur Tilgung von Krediten verwendet werden können und damit die Einnahme/ Ausgabe-Mechanik ins kreditäre Nirwana verdampfen kann. Stützel hat deswegen auch immer wieder betont, daß Saldenmechanik nur dazu dient zu ergründen, ob und inwieweit die Handlungsmöglichkeiten von Individuen bzw. Gruppen auch den Konsistenzerfordernissen einer modernen (monetären) Wirtschaft entsprechen, oder wegen saldenmechanischer Unvereinbarkeiten von vornherein auf einen nicht möglichen Zustand abzielen.

Damit bestimmt sich denn auch der Stellenwert von Makroökonomie: es geht darum zu entscheiden, ob z.B. Gesetze oder politische Entscheidungen, die das Staatsbudget betreffen überhaupt geeignet sind die Ziele zu erreichen, die mit der betreffenden Maßnahme beabsichtigt worden sind. Derartige Dinge sind durchaus ernstzunehmen, obwohl die Akzeptanz saldenmechanischer Argumente äußerst schleppend ist. So ist z.B. der saldenmechanische Vorbehalt, Sparmaßnahmen würden zu einem Rückgang des Wachstums, ja sogar zu einer Reduktion des Wirtschaftsniveaus führen durchaus als richtig rezipiert worden, auch wenn der aktuelle Fall (Griechenland) zu diesem Zeitpunkt längt tief im Brunnen liegt. Das betrifft auch eine „Wettbewerbsphilosophie“, die glaubt, „Wettbewerbsfähigkeit“ wie eine gute Eigenschaft auf alle verteilen zu können, die sich nur den Kriterien der „Sparsamkeit“ verpflichten. (Letzteres ist noch nicht einmal eine genuin saldenmechanische These, obwohl sie sich aus der Saldenmechanik auch ableiten läßt.) Was Makroökonomie nicht ist: ein Werkzeugkasten, den man zur Erreichung mehr oder weniger gewünschter ökonomischer Ziele benutzen kann wie eine Pumpe, deren Anwendungsbereich klar definiert ist.

Damit wird aber auch gleichzeitig das Feld der Kontroverse umrissen, welche die Makroökonomie ausmacht. Denn die Frage danach, was überhaupt möglich ist dreht sich nicht erst seit gestern um die Frage, welche Funktionsbedingungen sind anzulegen, um die Frage zu lösen, ob bestimmte Maßnahmen zum Erfolg führen und welche nicht. Die zentrale Kontroverse um die es hierbei geht besteht im Grunde genommen aus der I=S Frage, genauer nach der Wirkungsrichtung dieser Beziehung. Klipp und klar ausgedrückt geht es darum ob erst die Ersparnis vorliegen muß, um Investition zu ermöglichen, oder ob Investition die Voraussetzung von Ersparnis ist. Je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, ist damit der Bereich des Machbaren abgegrenzt, obwohl das Ziel identisch ist: die Steigerung der Investition. Die eigentliche Zentralkontroverse geht darum wie die Investition erklärt wird: durch Sparen oder durch Kredit. Die erstere Theorie (Sparen) ist die allgemeine Gleichgewichtstheorie, die Investition aus Nicht-Konsum erklärt. Die andere Theorie (Investition = Geldvorschuß) existiert eigentlich bisher überhaupt nur in Fragmenten, weil sich die ökonomische Forschung der Idee verschrieben hat, neue Erkenntnisse nur dann zu akzeptieren, wenn das „Alte“ dabei erhalten bleiben kann. Das hat dazu geführt, daß immer dann, wenn keine unmittelbare geldtheoretische Antwort auf eine Sachfrage offensichtlich war zu den Theorien und Konzepten der Gleichgewichtstheorie zurückgegriffen wurde, nur um festzustellen, daß man sich damit von der eigentlichen paradigmatischen Plattform nicht emanzipieren kann.

Das ist unter anderem deswegen so virulent, weil die Welt schon lange nicht mehr durch die Regeln einer „übersichtlichen“ Kornökonomie gesteuert wird, in der man sogar noch eine „reale Ertragsrate“ als sinnvolles Konzept akzeptieren könnte, sondern das makroökonomische Koordinationsproblem dadurch gekennzeichnet ist, die Handlungsweisen von Millionen von „Individuen“ derart zu steuern, daß das Ergebnis gewissen (abstrakten) Erfolgskriterien genügt. Dieser Sprung von der heimeligen selbstversorgenden Kleinstwelt zu einer nach unpersönlichen Kriterien operierenden Funktionsweise des Kreditgeldkapitalismus ist von der zuständigen Wissenschaft nur in mikroskopischen Fragmenten überhaupt rezipiert worden. Daß jedoch in einer solchen Welt die Frage der Kooperation mit der Frage von Verschuldung zusammenhängt, geht bis heute nicht in die Köpfe der Professoren hinein. Dabei ist die Idee, daß kooperative Handlungen erst zu denjenigen Ergebnissen führen, die dann auf dem Markt als Waren auftauchen nicht so schwer zu begreifen, denn es gilt ja das Motto: Ohne Fleiß kein Preis. Damit der Fleiß sich entfaltet muß erst die Frage nach der Gegenleistung geklärt werden, wodurch man unmittelbar eine konkurrierende Erklärung für den Arbeitslohn erhält, die nichts mehr mit der „Wahl“ zwischen Freizeit und Arbeitsleid zu tun hat. Hier hinkt die theoretische Ökonomie der aktuellen Entwicklung, auch und insbesondere hinsichtlich der Behandlung des Finanzsystems, um Lichtjahre hinterher.

Aber unabhängig davon wird durch die Organisation gesellschaftlicher Arbeitsteilung durch ein Kreditarrangement die Makroökonomik auf einmal zu einer abstrakten Klammer, die im Gegensatz zu den Beschränkungen der realen Welt auf einmal Konsistenzerfordernisse setzt, die sich in der „Saldenmechanik“ wiederfinden lassen. Und unabhängig von der Tatsache, daß sich erst durch die Dekomplexierung durch Geld die Wirtschaftswelt handhabbar darstellt, wird auf einmal der Zwiespalt von Forderungen und Verbindlichkeiten, d.h. die Bedienbarkeit von Schulden zu einer Existenzfrage, die sich nicht auf ein „repräsentatives Individuum“ reduzieren läßt. Denn in der Geldwirtschaft gilt notwendig, daß jedes Individuum entweder Nettoschuldner oder Nettogläubiger ist – so daß sich deshalb die Reaktionsweisen der Individuen je nach spezifischer Rahmenbedingung auch verschieden darstellen. Man kann es auch umgedreht sehen: weil Geld ein soziales Verhältnis darstellt und der physische Ausdruck in Form der Banknote lediglich dazu gebraucht wird, Kontrolle über die Organisatoren des gesellschaftlichen Abrechnungssystems (Banken) auszuüben*, wird Makroökonomik auf einmal zu einer Theorie der strategischen Steuerung monetärer Interaktion. Dann wird es auch möglich Geldtheorie als Delegationsproblem zu interpretieren, wo die Funktionsfähigkeit des gesellschaftlichen Abrechnungsmediums zu erhalten zu einer konstitutiven Bedingung gesellschaftlicher Entwicklung wird. Damit entscheidet statt der individualistischen Methodologie die Qualität einer sozialen Methode bzw. ein Kooperationsverhältnis darüber, ob das Kreditgeldsystem eine kohärente Wirtschaftsstruktur generiert und sich damit Dimensionen eröffnen, von der die individualistische ‚mainstream‘-Schulweisheit noch nicht einmal weiß, daß sie davon träumen kann.

 

*Aus diesem Grund kann man die QE oder die LTRO-Operationen der (westlichen) Zentralbanken, die versuchen über verschiedene „Kanäle“ die individuellen Entscheidungen zu steuern, auch als eine Kapitulation vor ihrer eigentlichen Zentralaufgabe ansehen, nämlich die Kreditkonditionen „ihres“ Bankensystems qualitativ zu nivellieren, sowie nachhaltig zu gestalten. Man mag das mit der Begründung rechtfertigen, daß sonst unüberschaubare Kettenreaktionen zu desaströsen Entwicklungen führen würden. Das heißt jedoch nur, daß man sich darüber Gedanken machen muß, wie man diese Kreditketten auf ein gesundes Maß verkürzt. Solange allerdings die Bildung von Kreditketten sogar noch steuerlich begünstigt wird, braucht man eine vernünftige Lösung dieses Problems in nächster Zukunft nicht zu erwarten.

153 Kommentare

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie

42 – die Linkliste

SpecklesHier die Linkliste der verwendeten Blogposts, die im Überblicksartikel „42 – das Große Ganze und so…“ verwendet wurden:

https://soffisticated.wordpress.com/2012/06/20/die-buddelkasten-wirtschaftspolitischer-kommentatoren/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/08/01/unser-okonomischer-mainstream-aufzucht-und-hege/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/03/04/homo-oeconomicus-misverstandnisse-der-erklarbaren/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/06/24/ist-okonomie-ein-system/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/09/28/grundsatze-okonomischer-paradigma/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/02/jesse-james-oder-die-abstraktheit-sozialer-verpflichtungsrelationen/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/23/geldschleife-nicht-geldkreislauf/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/09/13/paradigmatische-aspekte-von-i-und-s/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/03/verirrungen-zwischen-geld/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/07/21/wozu-sind-banken-da/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/04/11/verirrungen-zwischen-giralgeld-und-zentralbankgeld/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/05/warum-zentralbanken-zentralbanken-sind/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/08/16/konnen-zentralbanken-das-preisniveau-beeinflussen/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/02/15/logische-typenlehre-iii-uberschus-und-gewinn/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/10/03/paradigmatische-nachdenkliste/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/07/zinsen-individual-oder-gemeinschaftskonzept/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/10/19/das-geldsystem-braucht-keinen-wert/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/11/04/dynamische-einsichten-zu-geld-und-zins/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/07/die-wunder-geldpolitischer-hierarchien/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/26/stufen-von-geldsystemen-ein-kurzdurchlauf/

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Geldtheorie, Wirtschaftstheorie