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Von Pulverfässern und ungeplanten ökonomischen Einsichten

springDirk Elsner hat in seinem Post über die Konsequenzen aus der Zypern-Krise eine interessante Schlußfolgerung gezogen, die es wert ist noch ein wenig untersucht zu werden:

„Aber man kann Herrn Dijsselbloem und die ganze EU dafür kritisieren, dass sie auf dem Pulverfass sitzend mit dem Feuer spielt, den Sprengstoff herangeschafft hat Dijsselbloem jedenfalls nicht.“

A) Das ist richtig!
Es gilt aber auch:
B) Auch die EU hat den ganzen Sprengstoff nicht herangeschafft!

Und wo kommt der nun her?

Man muß sich dabei überhaupt erst mal klarmachen, woraus der Sprengstoff besteht. Üblicherweise wird eine „übermäßige“, „exzessive“ oder „überbordende“ Verschuldung dafür verantwortlich gemacht und dann so getan, als wäre der Grund für diese sicherlich nicht nachhaltige Verhaltensweise in einem moralischen Defekt der „Couponschneider“, in einer „Gier“ der „Anleger“ oder in einem genetischen Defekt des Finanzkapitalismus zu verorten. Mit einer derart moralisch aufgeplusterten Keule wird dann zum Feldzug gegen „die Bankster“, „die Spekulanten“ oder – damit es moralisch noch mehr trieft – „die Ausbeuter“ und „Bezieher leistungsloser Einkommen“ aufgerufen, womit der Empörung der Gerechten dann Genüge getan worden ist.

Nun, mit Verschuldung hat das Ganze schon was zu tun, es nützt aber nichts, wenn man über eine „zu hohe“ Exposition klagt, denn „zu hoch“ setzt ja bereits voraus, daß irgendetwas „zu viel“ ist, ohne daß ein Kriterium dafür existieren würde, an dem man das „zu viel“ messen könnte. Leider ist man in Bezug auf die Finanzmärkte immer erst hinterher schlauer, so daß es ohne weiteres passieren kann, daß ein „normales“ oder „solides“ Kreditengagement auf einmal zu einem „unkalkulierbaren Risiko“ wird. Die Gründe der Schieflage der zypriotischen Banken sprechen Bände.

Wenn man sich nun die nicht mehr so ganz taufrische Option ansieht, wie in Zukunft in Europa die Sanierung einer Bankbilanz ablaufen soll gewinnt man auch schon das erste Gefühl dafür was passieren müßte, wenn man den Fall der Fälle schon mal von vornherein verhindern wollte. Denn dieser ‚bail-in’ der unbesicherten Bankgläubiger, welcher im wesentlichen auf einer Umwandlung von nominal fixierten Forderungen in nominal variabel taxierte Eigentumsrechte beruht, hat ja offenbar seinen Grund darin, daß die Entscheidung zwischen nominal fixierten und nominal nicht fixierten Wertpapieren „normalerweise“ eindeutig zugunsten der nominal fixierten Kredite ausgeht.

Das hat natürlich seinen Grund der darin besteht, daß die nicht mehr so ganz moderne Hebelung von Finanzkapital es unattraktiv macht mit Eigenkapital zu wirtschaften und sich somit ganz zwanglos eine Schlagseite zugunsten wertfixierter Forderungen ergibt. Dazu kommt noch der Umstand, daß Fremdkapitalzinsen steuerlich als Kosten absetzbar sind und von daher der Einsatz von eigenem Geldvermögen sich noch weniger lohnt.

Nun mag man den Hang zur Bildung von Spareinlagen mit Hilfe von Erwägungen hinsichtlich deren vermeintlicher Sicherheit für „natürlich“ halten. Für diese Gegebenheiten stehen die inzwischen angekratzten Vorstellungen von der Sicherheit der Spareinlagen Pate, welche von der Finanzwirtschaft immer wieder in den höchsten Tönen beschworen wird. Das ist aber noch nicht alles: auch die Vorstellungen, die hinsichtlich der „normalen“ Finanzierung von Unternehmen existieren sind davon geprägt, daß Sparer über die Transformation der Banken die Investitionen der Unternehmen finanzieren und damit die moralische Rechtfertigung für die Bildung nomineller Forderungen alias Sparguthaben auch einen ökonomischen theoretischen Heiligenschein aufgesetzt bekommt. Dieser Heiligenschein resultiert letztlich aus der Quantitätstheorie, deren Sinn es ist die Bildung absoluter Geldpreise abzuleiten, ohne mit dem System relativer Preise, die sich aus einem allgemeinen Gleichgewicht ergeben, ins Gehege zu kommen. Getreu dem Erstausstattungskonzept ist in dieser theoretischen Sichtweise auch Geld eine Erstaustattung, die über Losgrößen- und Fristentransformation den Unternehmen zur Ökonomisierung zur Verfügung gestellt werden soll.

Woran liegt das?

Der theoretische Hintergrund ist dergestalt, daß im Grundmodell der Ökonomie – der allgemeinen Gleichgewichtstheorie – die Allokation der Ressourcen durch die Fiktion des Erstausstattungsprinzips ausgestaltet wird. Aus dieser Anlage der ökonomischen Orthodoxie hat eine ganze Forschungsrichtung den Schluß gezogen, daß auch in Bezug auf Geld dieses Prinzip als theoretische Grundforderung bei der Formulierung einer Geldtheorie Pate zu stehen habe. Das Ergebnis dieser methodologischen (!) Zwangslage ist die Quantitätstheorie, die seit 200 Jahren ihr Unwesen in der Ökonomie treibt. Denn dadurch wird Geld als ein Bestand definiert, der durch die Anwendung der üblichen Allokationsmechanismen seine Funktion zur Finanzierung von Investitionen erhält. (Sinnbildlich steht dafür Friedmans Bild von dem Abwurf von Geld aus einem Hubschrauber heraus!) Nun ist es natürlich nicht so, daß damit überhaupt kein ökonomischer Tatbestand eingefangen werden würde, denn die Relativität dessen, was den „Geldwert“ ausmacht ist durch dieses Konzept durchaus eingefangen. Was allerdings großflächig die Sinne vernebelt ist das damit verbundene ominöse Konzept der Umlaufgeschwindigkeit, welches lustige Vorstellungen von einer umherhetzenden „Geldmenge“ erzeugt, die nichts anderes zu tun hätte, als wie wild von einem Kauf zum anderen zu eilen. Wenn dann aus derart infantilen Vorstellungen heraus auch noch daraus geschlossen wird, daß man „nur“ die Umlaufgeschwindigkeit „erhöhen“ müsse, um Inflation oder die Konjunktur zu stimulieren, ist der intellektuelle Kopfschuß perfekt.

Das hat etwas damit zu tun wie man die Frage beantwortet was Geld ist. Ich drücke das immer so aus, daß Geld ein relatives Maß der Produktion ist, welches seine Funktion darin findet, daß es ein Verbindungsglied zwischen Kosten und Preisen darstellt. Anders gesagt: die kapitalismustypische Form der Arbeitsteilung erfordert eine Modalität der Abrechnung, die nicht das jeweilige Arbeitsergebnis zum Gegenstand hat, sondern eine abstrakte Form der Abrechung alias Entlohnung, die es ermöglicht, eine Vielzahl von produktiven Prozessen miteinander zu koordinieren. Wie man auf die blöde Idee kommen konnte das mit einer inkonsistenten Trivialgleichung einzufangen wird zukünftigen Generationen von Ökonomen ewig unerfindlich bleiben.

Schon von Marx stammt die Einsicht, daß Geld ein soziales Verhältnis ist. Und auch wenn Marx diskreditiert erscheint ist dennoch sein Hinweis auf den sozialen Charakter des Geldes immer noch als aktuelle theoretische Einsicht zu bewerten. Denn letztlich orientiert sich die gesamte Buchhaltung an diesem Konzept. An anderer stelle habe ich mal geschrieben: Kapitalismus ist eine Form geldwirtschaftlich organisierter Form der Arbeitsteilung. Diese Einsicht ist in der Ökonomie bisher noch nicht angekommen! Die Konsequenz daraus wäre Geld als Medium der Organisation produktiver Veranstaltungen zu interpretieren und nicht als „Schatz“, dessen Akkumulation für die Bewältigung menschlicher Versorgungsphasen immer weiter vorangetrieben werden muß. Diese Motivation mag ehrenwert sein, allein ist nominelles Geldvermögen dennoch stets von der Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Produktionspotenz abhängig und wird es auch immer bleiben – irgendwelchen albernen politischen Garantien zum Trotz!

Man kann der Sichtweise von Geld als absolutem „Schatz“ einen gewissen Spaßfaktor sowie eine gewisse historische Bedeutung nicht absprechen, jedoch hat sie mit den Funktionsbedingungen einer modernen Geldwirtschaft nichts zu tun. (Warum das so ist, ist eine etwas längliche Geschichte.) Die Folgen einer derartigen Konzeptionalisierung von Geld durch die herrschende „Erstausstattungstheorie des Geldes“ sind jedoch anhand des EURO-Schlamassels ausgiebigst zu besichtigen.

Was läßt sich als Lehre aus der neuesten Entwicklung ziehen, wo doch gerade die Sicherheit von Spareinlagen zur Disposition gestellt wurde? Es geht darum, daß die Einsicht sich durchsetzt, daß Geldforderungen nicht aus einer Einzahlung von Bargeld am Bankschalter entstehen, sondern sich aus einer Akkumulation von Nettogeldvermögen heraus bilden, die ihre Begründung in einer Einkommensbildung findet, die sich aus Rentabilitätserwägungen von Unternehmen speist. Daß diese Rentabilitätserwägungen sich nicht dadurch ergeben, daß Einkommen großflächig gespart wird, kann zumindest einen Unternehmer nicht überraschen, denn die Wirtschaft lebt davon, daß Einkommen auch ausgegeben werden. Was sagte Norma Jean doch gleich: ‚money makes the world go round‘! Oder weiter östlich: der Rubel muß rollen!

Die Schlußfolgerung hinsichtlich der Akkumulation von Spareinlagen bzw. der Drohung, daß sie für die Sanierung von Bankbilanzen herangezogen werden, ist eigentlich ganz einfach: würden die Sparer schon von vornherein ihr Geld in Sachwerten – wozu in allererster Linie Aktien zählen – investieren, und nicht durch entgegengesetzte steuerliche Anreize und dem Moralappell des ökonomischen ‚mainstream‘ auf eine falsche Fährte geführt werden, würden sich derartig eklige Konsolidierungsprozesse, wie sie gerade in Zypern ablaufen, schon im Vorfeld vermeiden lassen. (Witzigerweise findet sich sogar im aktuellen Koalitionsvertrag eine Passage, welche das steuerliche Problem zwischen Eigen- und Fremdkapital adressiert!) An sich ist es ganz leicht es gleich richtig zu machen!

Was folgt aus alledem? Man muß Herrn Dijsselbloem attestieren irgendwie eine höhere Einsicht in geldtheoretische Funktionsbedingungen aus den aktuellen Sachzwängen gezogen zu haben, auch wenn es vermessen wäre ihm zu unterstellen, daß er diese aus einer theoretischen Einsicht heraus gezogen hätte. Darauf kommt es aber auch nicht an! Man kann auch ‚right for the wrong reasons‘ sein!

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Homo Oeconomicus – Mißverständnisse der Erklärbären

2013-03-02 12.55.13Es gibt Dinge, die sind fast so alt wie das Menschengedenken und werden doch kaum hinterfragt, was wohl daran liegen muß, daß sie immer wieder abgeschrieben werden. Und das vor dem Hintergrund, daß diese mit diesen Fragen verbundenen Sachverhalte stets für die Erklärung substantieller Dinge herhalten müssen, wie z.B. für die Interpretation aktueller gesellschaftlicher Problemlagen. So ist denn auch die Diskussion um den ‚homo oeconomicus‘ davon geprägt, daß der damit assoziierten Handlungsweise eine Wirkung zugeschrieben wird, die sich aus der einschlägigen Theorie in keiner Weise herleiten läßt.

So kann man zwar den ‚homo oeconomicus‘ als ein theoretisches Konstrukt bezeichnen, welches zur Analyse eines spezifischen ökonomischen Problems herangezogen wird. So weit, so gut. Die Zuschreibung aller möglichen Motive ist soweit noch richtig, weil eine Präferenzordnung – wie es in der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts konzipiert wird – grundsätzlich lediglich Konsistenzerfordernisse beinhaltet. Diese Konsistenzerfordernisse sind das, was in dieser Theorie als „rational“ bezeichnet wird und nicht irgendwelche mystischen Eigenschaften, die bis hin zur „Gier“ diese Rationalität in irgendeiner Weise moralisch zu interpretieren versuchen. Dasselbe gilt auch für irgendeinen Egoismus, dessen moralische Inferiorität stets als Grundproblem einer offenen Gesellschaft, bzw. einer Marktökonomie interpretiert wird. Bei den „ethischen Gefühlen“ ist es jedoch auch nicht besser!

Sobald dann aber argumentiert wird, Menschen seien keine rationalen Wesen und deswegen seien auf Märkten auch (gelegentlich) irrationaleErgebnisse zu verzeichnen, gerät die Diskussion geradewegs auf Abwege. Denn auch wenn es modern geworden ist, eine im negativen Sinne moralisch verbrämte Handlungsweise als Problem von Marktgesellschaften hinzustellen steht eine solche Diagnose im diametralen Gegensatz zu ausgerechnet der Theorie, die dafür die Grundlage liefern soll.

Das liegt schlichtweg daran, daß die Zentralaussage des marktwirtschaftlichen Modells in gröblicher Weise mißinterpretiert wird. Denn der Erklärungsinhalt der Theorie der Marktwirtschaft ist nicht, wie sich Individuen gegenüber anderen Individuen besserstellen können, sondern ob es eine Gleichgewichtskonstellation gibt, welche die gegebenen Präferenzrelationen der Individuen zu einem konsistenten Ganzen verknüpft, in dem Sinne, daß sich niemand mehr bei dem gleichgewichtigen (relativen) Preissystem in seiner persönlichen Lage verbessern kann. Das Erklärungsproblem ist also nicht die Frage nach individuellen Handlungsoptionen, sondern nach der Lösung eines Koordinationsproblems, welches aus gegebenen Anfangsbedingungen abgeleitet wird. Wenn man so will ist das Individuum in dieser Theoriekonzeption lediglich eine passive Entität, die auf die Veränderungen des Preissystems mit einer Anpassung reagiert – das Stichwort „Mengenanpasser“ sollte zumindest jedem vertraut sein, der irgendwann mal in einer anständigen Vorlesung über Makroökonomie gesessen hat – falls nicht, dann eben jetzt.

Um es mal polemisch zuzuspitzen: die Vorstellung, daß Menschen handeln würden hat nichts mit dem Modell zu tun, welches als zentral für die Marktwirtschaft interpretiert wird. Denn dort handeln sie nicht, sondern fügen sich ergeben in die Vorgaben, die als Preissignale von einem anonymen „Markt“ auf sie einprasseln. Was man dabei jedoch berücksichtigen sollte ist der Umstand, daß es niemanden gibt, der diesen „Markt“ verkörpert, weil es niemanden gibt, der in dieser Welt die Preise gestalten kann. (Mengenanpasser eben!) Heißt: das markwirtschaftliche Modell garantiert nichts anderes, als daß es bei „rationalen“ (widerspruchsfreien) Präferenzen die Möglichkeit(!) gibt, daß es zu einem allgemeinen Gleichgewicht kommt – mehr nicht!

Alle anderen Zuschreibungen hinsichtlich der Effizienz der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsweise oder deren Eigenschaften entspringen im besten Fall der persönlichen Kenntnis über marktwirtschaftliche Funktionsbedingungen oder schlechtestenfalls aus phantasievollen Zuschreibungen und Allegorien – jedoch nicht aus einer theoretischen Grundlage, die sich in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie manifestiert. Kenner der Materie werden wissen, daß F.Hahn als ein zentraler Protagonist dieser Theorie sich stets dagegen gewehrt hat als Prophet aller möglicher Zuschreibungen der „Marktwirtschaft“ in Anspruch genommen zu werden.

Anders formuliert: der ‚homo oeconomicus‘ kann nicht handeln, weil seine Funktion als Mengenanpasser ihn zu einer passiven Figur der sozialen Koordinationsveranstaltung „Marktwirtschaft“ degradiert. Deswegen sind auch alle Vorstellungen über ein „rationales Handeln“ reine Phantasieprodukte soweit sie sich auf die Theorie der Marktwirtschaft beziehen – es mag ja so etwas durchaus geben, was aber daraus folgt läßt sich in keiner Weise aus der zugrundeliegenden Theorie ableiten.

Es gab mal eine Zeit in der bekannt war, daß das Zentralmodell der Marktwirtschaft eigentlich eher die Probleme abbildet, die im Modell der Planwirtschaft mit den Optimierungsproblemen der „material-technischen Versorgung“ verknüpft sind. Denn dort wurde explizit versucht die Preisrelationen zu bestimmen, die zu einer konsistenten Zuliefererkette führen sollte – natürlich nach Maßgabe planwirtschaftlicher Outputvorgaben. Wie man weiß ist die Sache schiefgegangen und muß auch nicht noch einmal wiederholt werden. Warum sich jedoch die führenden Protagonisten der Marktwirtschaft auf ein Modell beziehen, welches lediglich eine konsistente Begründung für die Wettbewerbspolitik liefert (Mengenanpasser!), weiß der Fuchs – und vielleicht auch der noch nicht mal. Der ‚homo oeconomicus‘ kann es auch nicht wissen!

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Rififi und die Fededed

dos pesos oroDa denkt man nun, man könnte mal ein Thema auslassen und dann entwickelt es sich doch so, daß ein paar launige Anmerkungen doch noch angebracht sind. Es geht um die ominöse Geschichte mit der Münzprägung, die es doch tatsächlich geschafft hat die wirtschaftspolitischen Gemüter zu erhitzen – und sogar die Trottel der ‚goldbugs‘ fühlten sich bemüßigt, dazu ihre unsinnigen Kommentare abzugeben.

Worum es offiziell geht, muß wohl nicht mehr dargestellt werden, dazu sind die Artikel zu diesem Thema Legion. Das Kurioseste an dieser daraus entstandenen Diskussion ist ja nicht der eigentliche Hintergrund, sondern die Vielfalt an Interpretationen, die angefangen von der überflüssigen juristischen Perspektive bis hin zu irgendwelchem Inflationsgeschrei reichen und die gewissermaßen die gesamte Bandbreite des veröffentlichen pseudo-ökonomischen Grundgemurmels repräsentieren. Und am niedlichsten sind die „Befürchtungen“ was passieren würde, sollte diese Münze irgendwie auf Rififi-Art geklaut werden – wäre das dann nicht der Untergang des Abendlandes, wenn ein paar Gramm Platin durch einen verfilmbaren Raubzug abhanden kämen? Mal abgesehen davon, daß eine ‚trillion dollar coin‘ in der Hand des Räubers eben das wäre, was sie sowieso ist: ein paar Gramm Platin mit einer lustigen Aufschrift!

Am ehesten ernstzunehmen sind diejenigen Kommentare, welche prognostizieren wollen, daß es wie im Fall J.F. Kennedy wieder einen toten Präsidenten geben könnte, da sie auf einen Umstand verweisen, der dem Kern der Sache sehr nahe kommt. Es könnte durchaus sein, daß – wie es der Filmvorlage entspricht – am Ende die meisten tot sind, was in einem Land wie den USA durchaus keine Seltenheit wäre, sondern eher den üblichen Gepflogenheiten entspricht, sobald es um die Oberhoheit über das Geldwesen oder andere Einflußbereiche geht. Denn letzten Endes geht es dabei um nichts anderes als die Frage, wer denn nun darüber zu entscheiden hat, ob eine Kreditvergabe der Zentralbank an den Staat  zu erfolgen hat oder nicht. Das ist entweder die Fed oder die Treasury – tertium non datur und: das demokratische Prinzip ist dabei wohl eher nicht anwendbar. Das eine wird als „Unabhängigkeit der Notenbank“ quasi universell glorifiziert, während das andere als „Staatsfinanzierung durch die Notenbank“ stets mit Beispielen aus der Weimarer Republik oder wahlweise Türkei oder Simbabwe konnotiert wird. Und so glorios wie die Unabhängigkeit immer wieder von den Kanzeln gepriesen wird, so hohl ist sie aus einer Perspektive, welche die Bedingtheiten von Finanzbeziehungen akzeptiert und mithin nicht davon ausgeht, daß Geld – aus einem Hubschrauber abgeworfen – in die Wirtschaft gelangt. (Wer an Bernanke denkt, denkt falsch – das war die orthodoxe Ikone Friedman.)

Dabei ist eine derartige Opposition gegen die Staatsfinanzierung durch die Notenbank aus theoriegeschichtlicher Perspektive keineswegs selbstverständlich. Denn die dominierende Wirtschaftstheorie (auch) der USA geht nach wie vor davon aus, daß Geld als Schmiermittel des realen gleichgewichtsorientierten Wirtschaftsprozesses ohnehin als Ressource zu interpretieren ist, deren Eigenschaft es ist als Teil der sogenannten „Erstausstattung“ der Haushalte unter die Normen der Allokationstheorie zu fallen. Daß die Integration des Geldes in den Wirtschaftskreislauf damit über die Staatsverschuldung – auch bekannt als ’seignorage‘ – erfolgen muß, um die Allokationsneutralität des Geldes zu gewährleisten, würde so gesehen eher dafür sprechen, zu einem Regime der direkten Staatsfinanzierung durch die Notenbank überzugehen. (Daß das ja bereits de facto – nur halt eben indirekt – passiert steht auf einem anderen Blatt und akzentuiert lediglich die fundamentale kognitive Dissonanz von Ökonomen, die nicht einsehen wollen, daß die Notenbanken selbstverständlich Staatsfinanzierung betreiben – nur halt eben nicht auf erste Anforderung sondern indirekt über die Finanzmärkte!) Von daher ist es eigentlich nicht ersichtlich, warum sich ein Sturm der Entrüstung über eine bei Licht besehen hinsichtlich der Grundlagen der Marktwirtschaft theoriekonforme Verfahrensfrage entfesselt.

seignorage

Nun scheint es ja so zu sein, daß den Protagonisten einer „ordentlichen“, „seriösen“ oder „inflationsneutralen“ Geldpolitik die eigenen theoretischen Grundlagen nicht bekannt sind, wenn sie stets und ständig gegen eine direkte Staatsfinanzierung durch die Notenbank wettern. Denn entweder soll Wirtschaft so funktionieren, daß die präferenzgesteuerte Allokation der Ressourcen (wozu eben auch Geld gehört) zu einem im Pareto-Sinne gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtoptimum geleitet – oder eben nicht. Würde diese Theorie also stimmen, dürfte sich gegen diese Form der Staatsfinanzierung kein Widerstand regen, sondern es müßte sich ein Konsens wie etwa derjenige der „produktionspotentialorientierten Geldmengenregel“, wie seinerzeit durch den Sachverständigenrat formuliert, herausschälen.

Zu allem Überfluß scheint es ja inzwischen auch so zu sein, daß der rechte Rand der GOP hinsichtlich der Frage der Finanzierung der Staatsverschuldung von nichts anderem als plattem Rassismus getrieben wird und – falls nicht dies – so doch von einer blinden klassenkämpferischen Sicht der Dinge, die normalerweise in den dumpfen rauchgeschwängerten Sphären kommunistischer Weltverführer zu suchen war. (Daß Teile der GOP das so ernst nehmen, daß sie diese theoretische Möglichkeit gesetzlich verbieten lassen wollen ist dann eigentlich auch inkonsequent. Denn eigentlich müßten sie dafür plädieren, daß die Rep´s das selbstverständlich dürfen, nur die Dem´s nicht!) Dagegen sind ja die heiligen ökonomischen marktwirtschaftlichen Gefilde stets und ständig von ausgeglichenen Wohlfahrtslagen geprägt, die sich ja aufgrund der Existenzbeweise der allgemeinen Gleichgewichtstheorie ganz natürlich und selbstverständlich von allein (und am besten unter Ausschaltung des Staates) einstellen. Vielleicht sollte man sich mal daran gewöhnen, daß der „Klassenkampf von Rechts“ keine Eintagsfliege der wirtschaftspolitischen Diskussion ist. Ob die damit einhergehende Mißachtung der eigenen theoretischen Grundlagen eine valide Argumentationsbasis abgibt, darf übrigends bezweifelt werden. Aber wer schert sich denn schon darum, ist doch Theorie nur solange richtig, wie sie die eigenen Vorurteile bestätigt…

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Paradigmatische Nachdenkliste

Da an der Diskussion über die Features, welche ein ökonomisches Paradigma erfüllen muß, doch ein latentes Interesse erkennbar war, gibt es hier mal eine Übersicht, welche die unterschiedlichen Eigenschaften der jeweiligen Theoriekonzeption enthält. Dabei stellen die Aspekte A-C den Funktionskern des ‚mainstream‘-Paradigmas dar, während die Aspekte 1-13 gewissermaßen die Nebenbedingungen repräsentieren, die zum Funktionieren des jeweiligen Paradigma erforderlich sind. Dabei ergibt sich die jeweilige Spezifizierung der Nebenbedingungen aus den Anforderungen, die seitens des Funktionskerns gestellt werden. Diese können insofern als derivative Konditionen angesehen werden, da sie bereits durch den funktionalen Kern determiniert sind.

Diese Liste muß nicht abschließend sein, aber gibt schon mal einen ersten Eindruck darauf, welche Theorie-Aspekte, die in der wirtschaftspolitischen Diskussion immer wieder vorkommen,  welcher Denkrichtung zugeordnet werden können. Und: sie läßt sich sicherlich noch ergänzen/ verbessern/ komplettieren! Ich werde über einige Aspekte noch den einen oder anderen Beitrag verfassen, so daß es durchaus weitergehende Erläuterungen im einzelnen geben wird.

Vielleicht eine Geschichte schon mal vorab: neuerdings ist ja öfter mal was über den Begriff „Emergenz“ zu lesen. Das bedeutet, daß ab einer bestimmten Größenordnung die Funktionsweise einer Gesellschaft sich nach abstrakten und formalisierten Regeln ausgestaltet, um die Informationsflut in „großen“ Gesellschaften (die ab 150 Personen anfangen!) beherrschen zu können. Mit diesem Ansatz im Hinterkopf ist natürlich zu fragen, ob die Funktionsvorstellung der „unsichtbaren Hand“ insofern noch valide sein kann, als sie eine gültige Beschreibung der Prozesse ist, die sich in einer mehr oder weniger modernen Ökonomie abspielen. Aus systemtheoretischer Perspektive würde man sagen, daß der gepflegte Individualliberalismus des ‚mainstream‘ zwar eine verheißungsvolle Vision darstellt, jedoch die Zwänge der Informationsüberflutung – hinsichtlich der Erfüllung eines allgemeinen (Pareto-) Optimums – eine Kanalisation in überschaubare Bahnen erfordert.  Damit eröffnet sich ein Grundwiderspruch: die liberale Gesellschaftstheorie kann keine valide Funktionsvorstellung definieren, die es ermöglicht, daß die von ihr vertretenen Prinzipien zu einem wohlfahrtsökonomischen Optimum führen würden, weil sie – lächerlicherweise – an der kombinatorischen Hürde individueller Präferenzen scheitern muß. (Das Drama dabei ist wie in einem skurrilen Film, wo das große und wichtige Ziel wegen eines nebensächlichen, aber a priori ignorierten Umstandes nicht erreicht werden kann. Das hat die Qualität von: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“)

Natürlich ist die Reduktion von Vielfalt durch ein abstraktes Kommunikationsmedium wie Geld es ist eine ’second best‘-Lösung im Vergleich zu der individualistischen Lösung, sie auf der vollständigen Berücksichtigung aller individuellen Befindlichkeiten aufgebaut ist. Sie ist aber eine ‚first-best‘-Option vor dem Hintergrund, daß die Nirvana-‚first-best‘-Lösung schlichtweg zu aufwendig ist. Reduktion und Kanalisation von Informationen ist zwar mit Informationsverlust verbunden, eröffnet aber die Möglichkeit, das ein Funktionieren der nicht-informationsvollkommenen Ökonomie in den Bereich des Machbaren gerät! Die durch viele Wirrungen hervorgegangene Kreditgeldökonomie muß somit als ermergente Struktur des individualistischen Paradigmas angesehen werden, welche die Ansprüche der liberalistischen Theorie überhaupt erst in die Tat (Goethe) umsetzt.

Daß damit ein paar Veränderungen der Denkweise einhergehen, versteht sich von selbst. Daß die nicht immer übereinstimmen – selbstverständlich. Daß sie sich grundsätzlich widersprechen kann nur der behaupten, der sein eigenes Denken nicht mehr erweitern möchte!

Nutzen-Paradigma Kreditgeld-Paradigma
(Abstraktnutzen-Paradigma)

A

Funktions-
vorstellung
A. Smith: Tausch: Hirsch gegen Biber
Nutzensteigerung durch Gütertausch
A. Smith: Arbeitsteilung: Stecknadelbeispiel
Verteilung des Produktionsergebnisses
durch entäußerten Tausch d.h. Verkauf von Waren

B

Markttheorie „Steigendes“ Angebot
„Fallende“ Nachfrage

Mikroökonomie

„Steigendes“ Angebot
„Steigende“ Nachfrage
Keynes 45°-Diagramm
C,S ist Funktion von I
Makroökonomie

C

Theoriemodus Gleichgewichtstheorie Gleichgewichtstheorie

01

Dominanzfrage
Steuerinstanz
Haushalte
Gleichgewichtspreise
Unternehmen
Gleichgewichts-Investitionsvolumen

02

Marktsteuerung Auktionator
Unsichtbare Hand
Monetärer Markterfolg

03

Wohlfahrtsantrieb
Steuerung
Relative Preise
Nutzen
Kalkulation über Geld
Gewinn

04

Strukturbild
Menschenbild
Individualkonkurrenz
isolierter Akteure
Wettbewerb von Unternehmen

05

Systemteoretischer Charakter Prä-System
ohne Ausbildung einer Systemidentität
Geld als symbolisches Kommunikationssystem

06

Geldfunktion Tauschmittel Schuldentilgungsmittel
Relatives Maß der Produktion

07

Erhaltungssatz
Gleichgewichts-kriterium
Überschußnachfrage = 0
Flow-Identität
Quantitätstheorie
Stock-flow-Identität
Summe des Nettogeldvermögens = 0
Saldentechnik

08

Realitäts-
vorstellung/
-bezug
Tauschökonomie Kreditgeld-Kapitalismus
Kreditgeldorganisierte Ökonomie

09

Spartheorie S entspricht Nichtverbrauch von Ressourcen zur Produktion Sparen als Verzicht auf Geldausgabe ohne Kompensation

10

Zinsen Zinsanspruch
Ricardo:
Korntheorie des Zinses
Belohnung für Nichtkonsum
Risiko-/ Versicherungsprämie für Kreditausfälle ->
Neutralisierung von Fehlplanungen

11

Inflation Relative Güterpreise
weil Geld = Gut
(Realkasse)
Schuldentilgungsfähigkeit des Geldes ist stets 100%
Statistikproblem
Erfahrungs- vs. Erkenntnisproblem

12

I = S S -> I -> Y
Schluß von einer realen flow-Größe auf eine Bestandsänderungsgröße
I -> Y -> C bzw. S
Nicht-Konsum als Geldsparen ist ein Umsatzausfall

13

Statistischer Bezug Relative Gütertheorie
VGR – Latente Vermischung von Real- und Geldgrößen
Flow of Fund Analyse
Geldstromanalyse
(Morris Copeland)

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Grundsätze ökonomischer Paradigma

Was sollte eigentlich die Quintessenz der Debatte um die VWL sein?

Nachdem sich die Wirtschaftspresse mal wieder um die Defizite der VWL Gedanken gemacht hat ohne dabei in irgendeiner Weise auch nur zu zarten Schlussfolgerungen zu kommen, ist es an der Zeit sich über die eigentlichen Konsequenzen Gedanken zu machen. Dazu ist es ganz nützlich, sich die Grundzusammenhänge des ‚mainstream’-Paradigmas noch einmal kurz vor Augen zu führen.

Die Ingredienzien des ‚mainstream’ bestehen aus folgenden Zutaten:

  • die Nutzen-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Haushalte;
  • die Gewinn-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Unternehmen
  • die Effizienz-Rationalität der Interaktionsbeziehungen von Unternehmen und Haushalten in der Formulierung der Prinzipien der Marktwirtschaft

die sich alle als Varianten einer Tauschgesellschaft identifizieren lassen, in der die Individuen vorausgesetzterweise ein gemeinsames Interesse verfolgen, welches sich in der Abstraktion des Marktgleichgewichtes wiederfindet.

Das ‚mainstream’-Paradigma besteht somit aus der

  • der Nutzen-Maximierung
  • der Gewinn-Maximierung
  • dem Pareto-Kriterium des Marktgleichgewichts

was sich in einer Theorie des Güterpreisausgleichs wiederfindet, wofür immerhin ein Existenzbeweis existiert, welcher nach Arrow/Debreu etc. mit Hilfe singulärer Mathematiktheoreme beweisbar ist.

So weit, so gut!

Kurzexkurs:

Nach Lakatos sind die Optimalitätskriterien von Nutzen- und Gewinnmaximum, sowie das Effizienzkriterium des Marktgleichgewichts der „Schutzgürtel“, welche den sogenannten „harten Kern“ des Paradigmas gegen Kritik absichern. Dieser „harte Kern“ besteht aber aus der Funktionsvorstellung des Paradigmas, welcher in der Hoffnung besteht, daß sich die gesellschaftliche Wohlfahrt dadurch am besten steigern läßt, indem der marktausgleichende Preismechanismus auch tatsächlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Optimum führt.

Kurzexkurs Ende

Für diese Konvergenzvermutung gibt es in nicht mal in der ‚mainstream’-Ökonomie einen Beweis, im Gegenteil: einer der wichtigsten Vertreter dieses Paradigmas – Frank Hahn – hat immer wieder darauf hingewiesen, daß aus der Existenz eines Gleichgewichts nicht folgt, daß dieses auch erreicht wird. Eine lange Geschichte…

Nun ist es aber nicht so, daß dieses Paradigma nicht einige wünschenswerte Eigenschaften hätte, die z.B. darin bestehen, daß es auf freiwilligen Interaktionen aufbaut, den liberalistischen Anspruch, welcher sich in der ‚pursuit of happiness’-Passage der US-Verfassung wiederfindet, abbildet, sowie die Vorstellung der Effizienz privatwirtschaftlicher Produktion unterstützt. Das kann man nicht ignorieren.

Im Grundsatz: was kann man einer einer Orthodoxie entgegensetzen? Die Kritik ihrer Annahmen, wie es weitläufig passiert? Weit gefehlt! Hinsichtlich einer Orthodoxie gibt es nur eine Möglichkeit: eine andere Orthodoxie, welche sich nicht mit den „Schutztheoremen“ der Orthodoxie auseinandersetzt, sondern einen anderen paradigmatisch validen Entwurf dagegensetzt. Dazu braucht man nur ein paar Zutaten, die sich interessanterweise sogar in der nationalökonomischen Blaupause von Adam Smith wiederfinden.

Die orthodoxen Zutaten

  • individuelles bzw. unternehmerisches Effizienzgleichgewicht
  • freiwilliges Interaktionsgleichgewicht
  • individuelle Entscheidungsfreiheit des Liberalismus

sind im Grunde genommen in der Parabel von Adam Smith enthalten, die durch das Tauschgleichgewicht von Hirsch und Biber illustiert wird. Über mehr ist die VWL bisher nicht hinausgekommen!

Was ist nun die Konsequenz daraus? Hoffnungslos ist das Ansinnen, aus einer Kritik der Annahmen eine Alternative zu stricken. Denn immer dann, wenn eine Annahmekritik erfolgt, wird der „harte Kern“ des kritisierten Paradigmas implizit bestätigt. Was macht man also? Man entwickelt eine andere Funktionsvorstellung! Eigentlich ganz einfach!

Und welche ist das? Auch diese findet sich bei Adam Smith – in seinem Stecknadelbeispiel. Denn entgegen seinem Tauschprinzip entwickelt er auch ein Kooperationsprinzip, welches zwar auf der einen Seite ein technologisches Argument darstellt, auf der anderen Seite jedoch eine andere Funktionsvorstellung von Ökonomie enthält, die nicht mehr auf einem direkten Tausch aufbaut, sondern das Prinzip einer abstrakte Entlohnung impliziert, die auch gleichzeitig beinhaltet, daß es zu einer Entäußerung vom Gemeinschaftsprodukt seitens des Individuums kommt. (Über diesen Detailaspekt sind ja die Marxisten hergefallen – ohne großen Erfolg!)

Die damit formulierte Heuristik ist jedoch als Interaktion über den Tauschwert von Waren insofern eigenständig, als nicht Güter, die einen individuellen Nutzenwert besitzen das Objekt ökonomischer Handlungen sind, sondern Waren, die aus der Perspektive der (nicht unmittelbaren) Produzenten keinen nutzentheoretischen Wert aufweisen, sondern nur noch einen abstrakten (monetären) Tauschwert besitzen – also in Geld gemessen werden! Bereits dieser Problemaufriß des ökonomischen „Para“-Themas bedeutet, daß das „normale“ Wertparadoxon in einer arbeitsteiligen Wirtschaft nicht als latentes Gültigkeitsprinzip vorgebracht werden kann. Denn die unmittelbare Verfügbarkeit über das Gemeinschaftserzeugnis ist nicht das, was das Individuum als Kompensation für seine kooperativen Bemühungen erwartet. Erwartet wird ein (marxistisch ausgedrückt) Wertäquivalent, welches einen Zugriff auf die gewünschten oder notwendigen Güter erlaubt.

Man muß es einfach noch mal betonen: eine Ware hat keinen individuellen Wert, sondern nur einen abstrakten Preis! Damit ist aber die Handlungsmaxime warenproduzierender Unternehmer nicht die Bedürfnisbefriedigung von Individuen, sondern der Ausgleich einer Einnahme-/ Ausgaberechnung, die sich nicht werttheoretisch definiert! Dem steht natürlich nicht entgegen, daß das Ziel der finanziellen Überlebensfähigkeit daran hängt, daß ein Unternehmer seine zahlungsfähige Zielgruppe zutreffend einschätzt – und einen Geldgewinn erzielt.

Da aber Einkommensbezieher normalerweise keine Nutzenerwägungen hinsichtlich der von ihnen selbst produzierten Güter anstellen, ist die korrekte Theorie des Kapitalismus eine Geldtheorie, die als Theorie sozialen Handelns die sozialen Kooperationsvorteile gemeinschaftlichen Handelns in den Vordergrund des Paradigmas stellt und nicht mehr eine Gleichgewichtsvorstellung pflegt, die auf einem Kalkül individuell restringierter Handlungen aka liberaler Individualentscheidungen beruht.

Damit stellt sich aber das Entlohnungsproblem, denn die Markttheorie postuliert, daß relative Mengen das Tauschverhältnis bestimmen. Deswegen sind Vertreter der Markttheorie auch immer davon überzeugt, daß sich Geld als (Real)-Wert darstellen lassen müßte. Das ist jedoch nicht der Fall. Denn wie man seit über 100 Jahren wissen könnte, sind abstrakte Geldzahlungen davon geprägt, daß sie immer in Relation zu einem Produktionsergebnis interpretiert werden müssen. Das heißt in der einfachsten Formel, daß Kosten immer in Relation zu dem Stückergebnis der Produktion zu Geldpreisen führen. Jeder Buchhalter, der mal in mehreren Währungsbereichen gearbeitet hat weiß: Geld ist ein relatives Maß der Produktion! Das heißt aber auch, daß Geld einen Verteilungsmaßstab darstellt, welcher unabhängig von seinem absoluten „Wert“ eine handlungsleitende Rolle spielt. (Die in Bezug auf Geld landläufige Zumessung eines realen Werts ist darin begründet, daß auch die sagenumwobenen 99,99% Geld als Wertmaßstab für Güter interpretieren, eine klassische Verwechslung von Erfahrungs- und Erkenntnisobjekt!)

Im Grunde genommen macht die Organisation von Produktion durch Geld letzlich den Kapitalismus aus. Der läßt sich somit nicht mit Hilfe alberner Wertparadoxien erklären – sorry Leute, das ist so! Das Kuriose dabei ist, daß nicht werthaltiges Geld – eben als relatives Maß der Produktion – durchaus einen Wert erhält, nämlich dadurch, daß Unternehmer dem Schuldendruck, den sie durch die Aufnahme von Kredit zur Produktion insoweit Folge leisten müssen, daß sie zu Erzielung eines monetären Ertrages Waren (= kalkulierte Geldwerte) gegen eine Geldzahlung verkaufen – müssen! (Kennt jeder Unternehmer, warum ist das für Volkswirte so schwierig?) Damit ist auch schon ein wesentliches Phänomen der aktuellen Wirtschaftskonstellation geklärt: der Wertinhalt des Geldes besteht aus dem Schuldendruck, dem sich die Unternehmer ausgesetzt sehen. Das mag man als zynische Sichtweise bedauern – mehr als Bedauern wird daraus jedoch nicht!

Eine nüchterne Essenz dieser Sichtweise besteht darin, daß sich auf dem, was landläufig als Gütermarkt bezeichnet wird ein Vorgang abspielt, der sich mit dem Erfahrungsvorgang „Einkaufen“ nicht so einfach vereinbaren läßt. Denn der vermeintliche Tausch an der Kasse des Supermarktes, wo phänomenologisch Geld gegen Gut „getauscht“ wird, stellt sich aus einer monetären paradigmatischen Perspektive als Tausch von Geld gegen kalkulierten Geldwert dar – was auch begründet, daß für Produzenten Waren durchaus dann wertlos werden, wenn keine ausreichende Zahlungsbereitschaft dafür existiert und die betreffenden Güter nicht etwa nach nutzentheoretischen Überlegungen an die potentiell dadurch nutzenerzielenden Haushalte verteilt, sondern schlichtweg vernichtet werden.

Es gäbe noch viel zu diesem Thema zu sagen, doch dies ist hier ein Blog und kein Doktorandenseminar.

Damit das Ganze hier nicht im Regen stehenbleibt, füge ich mal die Graphik eines Simulationsmodells an, welches die genannten Kriterien für ein ökonomisches Paradigma erfüllt. Wer das für kompliziert hält: das ist das einfachste kreislauftheoretische Modell einer kapitalistischen Ökonomie – inclusive stock/flow Differenzierung und Erfüllung dynamischer Konsistenzkriterien!

 

Eine weitergehende Darstellung dieses ökonomischen Paradigmas findet sich bei dr-menendez.de – leider nur auf ‚english‘, aber inclusive des systemtheoretischen Hintergrundes – als Denkmuster, nicht als Theorieersatz! Na gut, auf Mailanfrage habe ich die erweiterte Version auch auf Deutsch!

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Unser ökonomischer Mainstream: Aufzucht und Hege

Was die Grundfragen der Volkswirtschaftslehre angeht, kann man sich zunächst klarmachen, daß historisch gesehen ein ethisches Problem der Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Fragen der sozialen Organisation bildete. Dabei handelt es sich im wesentlichen um die Frage, ob gemessen an den Organisationsmechanismen geschlossener Wirtschaftsformen, etwa der Stammes-, Dorf- oder feudalistischen Gesellschaften, eine Theorie der Ökonomie formuliert werden kann, die den seinerzeit aufgekommenen liberalistischen Gesellschaftstheorien und -philosophien ein angemessenes Fundament liefern könnte. Pointiert ausgedrückt lautete das zu lösende Problem, ob eine liberale Gesellschaft, in der jedes Individuum nach seinem Gutdünken handeln würde, das Postulat der christlichen Sozialethik Verantwortung auch für den Nächsten zu tragen, erfüllen könnte.

Eine erste Antwort auf dieses Problem wurde von Adam Smith, der daher als der Vater der Nationalökonomie angesehen wird, gegeben, indem er versuchte nachzuweisen, daß durch eine marktvermittelte Interaktion selbständiger Individuen eine Verbesserung der Lage der Gesellschaft insgesamt eintreten würde. Sein Argument beruhte im wesentlichen darauf, daß durch die Institution des Tauschs eine Wohlfahrtsverbesserung deswegen zustandekomme, weil Tauschpartner nur dann in einen Handel einwilligen, wenn sie beide einen Vorteil daraus ziehen würden. So gesehen verfolgt zwar jedes Individuum seinen eigenen Vorteil, ohne jedoch dabei den Vorteil des Handelspartners selbstherrlich ignorieren zu können; insofern würde die Verfolgung des Eigeninteresses sogar zu einer Wohlfahrtsteigerung der Gesellschaft führen.

Die (heute nicht mehr so) moderne Volkswirtschaftstheorie (neoklassischer Provenienz) setzt sich selbst zum Ziel, die genannten Aspekte in einem einzigen Modellentwurf zu integrieren, so daß sich für sie die Aufgabenstellung wie folgt darstellt:

  • – Sie muß eine Handlungs- bzw. Entscheidungstheorie liefern, in der separierte Akteure ihr individuelles Optimierungskalkül verfolgen.
  • – Sie muß eine Koordinationstheorie liefern, die das Ergebnis induziert, daß die Pläne und Aktionen der einzelnen Entscheidungseinheiten miteinander kompatibel sind.
  • – Sie muß den Nachweis liefern, daß die so entstandene ökonomische Situation gewissen Optimalitätsanforderungen genügt.

Die allgemeine Gleichgewichtstheorie bzw. die neoklassische mikroökonomische Totalanalyse, die sich der Behandlung dieser Problemkreise widmet, läßt sich gemäß ihrer Erklärungsziele in drei Bereiche aufgliedern:

  • -Haushaltstheorie
  • -Unternehmenstheorie
  • -Markttheorie

Eine zentrale Voraussetzung dieser Theorie ist die Annahme der vollkommenen Konkurrenz, was in diesem Zusammenhang bedeutet, daß alle existierenden Entscheidungseinheiten die Preise aller Güter als ein vorgegebenes Datum hinzunehmen gezwungen sind.

Daraus folgt: Da die Haushalte in ihrer Gesamtheit über alle Ressourcen der Gesellschaft verfügen, läßt sich bei gegebenen Preisen und gegebenen Präferenzstrukturen ein eindeutiges Faktorangebot sowie eine korrespondierende Güternachfrage ableiten. Diese Ableitung der Güternachfrage und des Faktorangebots der Haushalte ist die Aufgabe der HAUSHALTSTHEORIE. Das methodische Kriterium für das Kalkül der Haushalte ist das Prinzip der Nutzenmaximierung.

Daraus folgt: Bei gegebenen Preisen und gegebener Technologiemenge können in jedem Unternehmen optimale Produktionspläne erstellt werden, woraus sich ein bestimmtes Güterangebot und eine korrespondierende Faktornachfrage ergibt. Die Ableitung der Faktornachfrage und des Güterangebots ist die Aufgabe der UNTERNEHMUNGSTHEORIE. Das methodische Kriterium für das Kalkül der Unternehmen ist das Prinzip der Gewinnmaximierung.

Die zentrale Koordinationsinstanz im Kontext der MARKTTHEORIE ist der Preismechanismus, der die Aufgabe hat Güter- bzw. Faktorangebot bzw. -nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Paßt sich der Preis auf dem Markt gemäß der Überschußnachfrageregel an, so läßt sich unter geeigneten Bedingungen zeigen, daß ein Preissystem existiert, welches gewährleistet, daß die Überschußnachfragen für alle Gütermärkte gleich Null sind. Dieses Gleichgewicht ist gleichzeitig Paretooptimal, d. h. es sind unter den spezifizierten Bedingungen keine weiteren Tauschgewinne mehr möglich. Mit diesem Nachweis, daß eine individualistische Gesellschaft über marktorganisierte Koordinationsmechanismen zu einem effizienten Zustand gelangen kann, in dem die Ressourcen der Gesellschaft optimal genutzt werden, konnte der liberalen Gesellschaftsphilosophie die moralische Legitimationsgrundlage geliefert werden.

Pikanterweise ist die schwächste Stelle der hier skizzierten Orthodoxie das Preissetzungsproblem: wenn alle Akteure die Preise als Datum hinnehmen müssen, bleibt niemand mehr übrig, der die Preise setzen kann. Aus diesem Dilemma ist es zu erklären, daß in der Preisbildungstheorie die Fiktion des Auktionators ins Leben gerufen werden muß, der in seiner Funktion als allwissender Koordinator als Rationalisierung der „Marktkräfte“ agiert, um den Ausgleich von Angebot und Nachfrage zustande zu bringen. Außerhalb der statischen, d. h. im Kontext der dynamischen Preistheorie lassen sich dagegen bestimmte Bedingungskonstellationen in Bezug auf die Preisanpassung finden, die die Stabilität des gesamten Systems auch in einem dynamischen Kontext sicherstellen – sicher bzw. stabil ist ein Gleichgewicht jedoch nicht unbedingt.

Diese Existenz- und Optimalitätstheoreme der allgemeinen Gleichgewichtstheorie begründen für die Mehrheit der Ökonomen das unerschütterliche Vertrauen in den Marktmechanismus, und bilden so die intellektuelle Basis für das Postulat, den Marktkräften soweit wie irgend möglich Raum zu verschaffen, eine in wirtschaftspolitischen Diskussionen immer wiederkehrende Forderung. Insbesondere in Bezug auf eine Preisflexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt birgt diese Position erheblichen sozialen Zündstoff. Die Frage der systematischen Wirkungen von Lohnreduktionen auf die konjunkturelle Lage und den Wirkungen auf das Beschäftigungsniveau ist auch heute noch umstritten.

Der Umstand, daß es in diesem Modell keine Geldpreise gibt, sondern nur relative Preise (1 Biber = 2 Hirsche), die im Grunde nur die reale Tauschrelation zueinander bestimmen bringt natürlich die Geldtheorie sofort auf die schiefe Bahn, da eine Tauschwirtschaft kein Kreditgeld, sondern ein Tauschmittel braucht. Daraus erklärt sich auch, daß die Geldtheorie aka Quantitätstheorie im Grunde nur die – nicht modellimmanente – Tauschmittelfunktion versucht zu rationalisieren. Von dieser Krankheit, eine Begründung für Geld innerhalb eines Modells zu finden, welches überhaupt kein Geld benötigt, hat sich die ökonomische Theorie bis heute nicht erholt!

Selbstverständlich bleiben in einem derart offen formulierten Modell noch viele diskussionswürdige Fragen unerörtert. Gleichwohl bietet es für die angerissenen Probleme eine im Mainstream als befriedigend empfundene Lösung, die sich als ausreichend überzeugend erwiesen hat, um das Denken der meisten Ökonomen entscheidend zu prägen. Das hat als Konsequenz, daß selbst wenn sich das Modell der allgemeinen Gleichgewichtstheorie als defizitär in vieler Hinsicht herausstellen sollte, es dennoch wichtig ist sich diesem Modell zu widmen, da es in jedem Fall den Schlüssel zu der Erkenntnis enthält, warum Ökonomen so denken wie sie denken. So interpretiert ist nicht der Realitätsgehalt dieses Modells das Entscheidende, sondern die sozialen, ökonomischen und wissenschaftlichen Konsequenzen die auf ihm beruhen. D.h. nicht „Realitätsnähe“, sondern die Wirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse sind das Kriterium dafür, die Bedeutung dieses Ansatzes zu bewerten.

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