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Graeber: 5000 Jahre Vorspiel

Es ist ja nicht so schwer zu verstehen: natürlich ist die Menschheitsgeschichte von Schulden geprägt. Man muß sich nur fragen, worum es eigentlich geht: der Sinn von Schulden ist der Ausgleich von Ansprüchen. Das hat nach 5000 Jahren dazu geführt, daß die Produktion für einen anonymen Markt einen historischen Drall erzeugt hat, der dazu führte, daß Schulden zu einer ökonomischen Klammer geworden sind, welche Unternehmer dazu zwingt, zur Bedienung von Schulden Wohlstand zu erzeugen.

Das heißt, daß Schulden konstitutiv für soziales anonymes Handeln sind. Und genau deswegen ist die Qualität der Bedienung von Schulden der Test für erfolgreiche Gesellschaften. (Wer an Deutschland denkt, denkt richtig.)

Deswegen ist auch eine Anullierung von Schulden (Jubilee hört sich so an, wie ein bekifftes Happening) gleichbedeutend mit der Aufhebung gesellschaftlicher Kooperationsbeziehungen, welche ein Konstitutionsmerkmal kreditgeldkapitalistischer Gesellschaften darstellen. Das kann man zwar als anarchisches Konzept wollen, aber man vergibt dabei die Vorteile sozialer Arbeitsteilung. Anarchie und soziale Kooperation sind nun mal nicht kommensurable Konzepte!

Die gegenwärtige Moderne ist letztlich ohne Schulden, also Geld nicht konstruierbar. Denn die Berechtigung von Schulden resultiert aus der Produktion von Waren und nicht Gütern. Letztere gehören in die Welt der Tausch-/ Subsistenzwirtschaft. Von der Theorie der Tauschwirtschaft hat sich die ökonomische Gesellschaftstheorie seit 200 Jahren nicht erholt. (Das ist das paradigmatische Problem!)

Richtig ist: Geld ist etwas wert, weil es Schulden gibt. Und: sie sind unverzichtbar für die Existenz der modenen Wirtschaft. Schulden zu negieren, negiert gleichzeitig die Funktionsprinzipien dessen, was den Erfolg der modernen Gesellschaft ausmacht.

Insofern ist auch der Vergleich mit Schuldenregimen der letzten 5000 Jahre für die Katz, weil der Charakter von Zinsen sich im Verlauf der Industrialisierung und darüberhinaus aufgrund des Umstands, daß Geld als stoffwertlose Entität keinen Knappheitspreis mehr aufweist, fundamental gewandelt hat. Witzigerweise ist der fehlende Knappheitspreis genau das moderne Feature des Kreditgeldkapitalismus, weil durch Schulden der Druck auf die Unternehmer ausgeübt wird, was dann auch zur Produktion von Wohlstand beiträgt. Anders ausgedrückt: Schulden erzwingen ein Leistungsangebot! Der Unterschied ist: bei Werten kann man es sich aussuchen, bei Schulden nicht. Wer Unternehmer ist, weiß das. Träumer wissen das nicht!

Woran liegt das?

„Normalerweise“ ist Geld kein gesellschaftliches Nettogeldvermögen. Barro hat ja schon mal die entscheidende Frage gestellt (ja, auch nur richtige Fragen zu stellen ist manchmal was wert): ‚Are government bonds net wealth?‘! Die kreditgeldtheoretische Antwort lautet: ja, für den Privatsektor (Haushalte + Unternehmen + Banken) IST Geld ein Nettogeldvermögen, insofern als Staatsschulden so gut wie nie getilgt werden. Dieser Sachverhalt füttert jedoch einen kuriosen Fehlschluß: denn durch die „normale“ frühkindliche Sozialisation, daß „Geld arbeiten müsse“ wird postwendend ein auf ein unmögliches Ergebnis gerichtetes Verhalten erzeugt, welches sich in der Skurrilität der Finanz-/ Vermögensmärkte widerspiegelt! Das hat was mit der „unbefleckten Empfängnis“ zu tun, was übertragenerweise letztlich ja auch nur heißt, daß aus Geld das „Mehr-Geld“ werden kann, welches von der Ricardo´schen „Korntheorie des Zinses“ immer wieder versprochen wird. Nicht lachen, die theoretischen Grundlagen des Zinses sind so! Leider! (Für Kenner: Bliss.)

Witzigerweise zeichnen sich die Finanzmärkte durch Tauschoperationen aus, die aus ihrer Anlage heraus kein „Mehr-Geld“ schaffen können – im Sinne von „Mehr-Nettogeldvermögen“. In diesem Sinne können „Erträge“ auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden. Was für eine lustige Abhängigkeit!

Diesen Teil des Kreditgeldsystems kann man durchaus kritisieren, insofern als dadurch keine gesellschaftlichen Werte im Sinne von Wohlstand erzeugt werden, da sie ausschließlich auf einer Geldvermögensumschichtung beruhen. Von ihnen geht auch keine allokative Wirkung im Sinne von Effizienzsteigerung mehr aus. In dieser Hinsicht hat ja auch die leider sehr polemische Kritik von Sarah Wagenknecht ihre Berechtigung, weil die „Produktion von Kreditketten“ keinen gesellschaftlichen Nutzen entfaltet. Nur: die Banken sind bei diesem Spiel nicht die Hauptverantwortlichen, sondern das Insistieren privater Geldvermögensbesitzer auf einer Rendite für Nettogeldvermögen, welches sich – netto – letztlich nur aus der Staatsverschuldung speisen kann. Denn private Schulden werden bedient oder abgeschrieben, Staatsschulden werden „rolliert“ bzw. mit neuen Schulden „finanziert“ – was dann die privaten „Gewinne“ ausmacht.

Das damit verbundene Problem der ’savings glut‘ tauchte ja auch erstmals bei dem „Recycling der Petro-Dollars“ auf und wurde nach dem „Ende der Geschichte“ zu einer Problemlawine, deren Ziel auf ein unmögliches Ereignis gerichtet ist – die Erzeugung von „Mehr-Geld“! Die Kapazitäten kognitiver Dissonanz reichen allerdings weit genug, um selbstverständliche Sachverhalte der Wirtschaftslebens (daß das gesellschaftliche Nettogeldvermögen stets und immer gleich NULL ist) durch den Glauben an eine vermeintliche „Mehr-Geld-Wahrheit“ zu transzendieren.

Die Entwicklung zu diesem Kreditgeldkapitalismus erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert – seit Bretton Woods, wo sich die Welt von dem Joch des „Warengeldkapitalismus“ befreien konnte und die Zentralbanken dieser – kreditgeldkapitalistischen – Welt von einem ‚lender of last resort‘ zu einem ‚lender of first liquidity‘ transformiert wurden! Daher sind 5000 Jahre „Geldgeschichte“ für die Gegenwart nur das: eine kurzweilige Geschichte, sonst nichts!

Nachbemerkung:

Möglicherweise muß die Welt anerkennen, daß der Verhandlungsführer der Amis in Bretton Woods W. White gegen Keynes doch die weitsichtigere Position vertreten hat, weil mit Keynes wohl – kurioserweise – der „Goldstandard“ noch länger überlebt hätte. Und vielleicht hatte A. Smith doch Recht damit, daß Eigennutz (in diesem Fall: der Amis) zu sozialen (weltwirtschaftlichen) Wohlfahrtseffekten führen kann – was sie natürlich nie beabsichtigt haben – warum auch, Staaten haben Interessen, sonst nichts!

Wie auch immer: das ‚occupy‘-Projekt ist genauso vergeblich, wie es der Glaube der „Finanzmärkte“ ist, aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen!

Don Quichote läßt grüßen!

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Paradigmatische Nachdenkliste

Da an der Diskussion über die Features, welche ein ökonomisches Paradigma erfüllen muß, doch ein latentes Interesse erkennbar war, gibt es hier mal eine Übersicht, welche die unterschiedlichen Eigenschaften der jeweiligen Theoriekonzeption enthält. Dabei stellen die Aspekte A-C den Funktionskern des ‚mainstream‘-Paradigmas dar, während die Aspekte 1-13 gewissermaßen die Nebenbedingungen repräsentieren, die zum Funktionieren des jeweiligen Paradigma erforderlich sind. Dabei ergibt sich die jeweilige Spezifizierung der Nebenbedingungen aus den Anforderungen, die seitens des Funktionskerns gestellt werden. Diese können insofern als derivative Konditionen angesehen werden, da sie bereits durch den funktionalen Kern determiniert sind.

Diese Liste muß nicht abschließend sein, aber gibt schon mal einen ersten Eindruck darauf, welche Theorie-Aspekte, die in der wirtschaftspolitischen Diskussion immer wieder vorkommen,  welcher Denkrichtung zugeordnet werden können. Und: sie läßt sich sicherlich noch ergänzen/ verbessern/ komplettieren! Ich werde über einige Aspekte noch den einen oder anderen Beitrag verfassen, so daß es durchaus weitergehende Erläuterungen im einzelnen geben wird.

Vielleicht eine Geschichte schon mal vorab: neuerdings ist ja öfter mal was über den Begriff „Emergenz“ zu lesen. Das bedeutet, daß ab einer bestimmten Größenordnung die Funktionsweise einer Gesellschaft sich nach abstrakten und formalisierten Regeln ausgestaltet, um die Informationsflut in „großen“ Gesellschaften (die ab 150 Personen anfangen!) beherrschen zu können. Mit diesem Ansatz im Hinterkopf ist natürlich zu fragen, ob die Funktionsvorstellung der „unsichtbaren Hand“ insofern noch valide sein kann, als sie eine gültige Beschreibung der Prozesse ist, die sich in einer mehr oder weniger modernen Ökonomie abspielen. Aus systemtheoretischer Perspektive würde man sagen, daß der gepflegte Individualliberalismus des ‚mainstream‘ zwar eine verheißungsvolle Vision darstellt, jedoch die Zwänge der Informationsüberflutung – hinsichtlich der Erfüllung eines allgemeinen (Pareto-) Optimums – eine Kanalisation in überschaubare Bahnen erfordert.  Damit eröffnet sich ein Grundwiderspruch: die liberale Gesellschaftstheorie kann keine valide Funktionsvorstellung definieren, die es ermöglicht, daß die von ihr vertretenen Prinzipien zu einem wohlfahrtsökonomischen Optimum führen würden, weil sie – lächerlicherweise – an der kombinatorischen Hürde individueller Präferenzen scheitern muß. (Das Drama dabei ist wie in einem skurrilen Film, wo das große und wichtige Ziel wegen eines nebensächlichen, aber a priori ignorierten Umstandes nicht erreicht werden kann. Das hat die Qualität von: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“)

Natürlich ist die Reduktion von Vielfalt durch ein abstraktes Kommunikationsmedium wie Geld es ist eine ’second best‘-Lösung im Vergleich zu der individualistischen Lösung, sie auf der vollständigen Berücksichtigung aller individuellen Befindlichkeiten aufgebaut ist. Sie ist aber eine ‚first-best‘-Option vor dem Hintergrund, daß die Nirvana-‚first-best‘-Lösung schlichtweg zu aufwendig ist. Reduktion und Kanalisation von Informationen ist zwar mit Informationsverlust verbunden, eröffnet aber die Möglichkeit, das ein Funktionieren der nicht-informationsvollkommenen Ökonomie in den Bereich des Machbaren gerät! Die durch viele Wirrungen hervorgegangene Kreditgeldökonomie muß somit als ermergente Struktur des individualistischen Paradigmas angesehen werden, welche die Ansprüche der liberalistischen Theorie überhaupt erst in die Tat (Goethe) umsetzt.

Daß damit ein paar Veränderungen der Denkweise einhergehen, versteht sich von selbst. Daß die nicht immer übereinstimmen – selbstverständlich. Daß sie sich grundsätzlich widersprechen kann nur der behaupten, der sein eigenes Denken nicht mehr erweitern möchte!

Nutzen-Paradigma Kreditgeld-Paradigma
(Abstraktnutzen-Paradigma)

A

Funktions-
vorstellung
A. Smith: Tausch: Hirsch gegen Biber
Nutzensteigerung durch Gütertausch
A. Smith: Arbeitsteilung: Stecknadelbeispiel
Verteilung des Produktionsergebnisses
durch entäußerten Tausch d.h. Verkauf von Waren

B

Markttheorie „Steigendes“ Angebot
„Fallende“ Nachfrage

Mikroökonomie

„Steigendes“ Angebot
„Steigende“ Nachfrage
Keynes 45°-Diagramm
C,S ist Funktion von I
Makroökonomie

C

Theoriemodus Gleichgewichtstheorie Gleichgewichtstheorie

01

Dominanzfrage
Steuerinstanz
Haushalte
Gleichgewichtspreise
Unternehmen
Gleichgewichts-Investitionsvolumen

02

Marktsteuerung Auktionator
Unsichtbare Hand
Monetärer Markterfolg

03

Wohlfahrtsantrieb
Steuerung
Relative Preise
Nutzen
Kalkulation über Geld
Gewinn

04

Strukturbild
Menschenbild
Individualkonkurrenz
isolierter Akteure
Wettbewerb von Unternehmen

05

Systemteoretischer Charakter Prä-System
ohne Ausbildung einer Systemidentität
Geld als symbolisches Kommunikationssystem

06

Geldfunktion Tauschmittel Schuldentilgungsmittel
Relatives Maß der Produktion

07

Erhaltungssatz
Gleichgewichts-kriterium
Überschußnachfrage = 0
Flow-Identität
Quantitätstheorie
Stock-flow-Identität
Summe des Nettogeldvermögens = 0
Saldentechnik

08

Realitäts-
vorstellung/
-bezug
Tauschökonomie Kreditgeld-Kapitalismus
Kreditgeldorganisierte Ökonomie

09

Spartheorie S entspricht Nichtverbrauch von Ressourcen zur Produktion Sparen als Verzicht auf Geldausgabe ohne Kompensation

10

Zinsen Zinsanspruch
Ricardo:
Korntheorie des Zinses
Belohnung für Nichtkonsum
Risiko-/ Versicherungsprämie für Kreditausfälle ->
Neutralisierung von Fehlplanungen

11

Inflation Relative Güterpreise
weil Geld = Gut
(Realkasse)
Schuldentilgungsfähigkeit des Geldes ist stets 100%
Statistikproblem
Erfahrungs- vs. Erkenntnisproblem

12

I = S S -> I -> Y
Schluß von einer realen flow-Größe auf eine Bestandsänderungsgröße
I -> Y -> C bzw. S
Nicht-Konsum als Geldsparen ist ein Umsatzausfall

13

Statistischer Bezug Relative Gütertheorie
VGR – Latente Vermischung von Real- und Geldgrößen
Flow of Fund Analyse
Geldstromanalyse
(Morris Copeland)

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Grundsätze ökonomischer Paradigma

Was sollte eigentlich die Quintessenz der Debatte um die VWL sein?

Nachdem sich die Wirtschaftspresse mal wieder um die Defizite der VWL Gedanken gemacht hat ohne dabei in irgendeiner Weise auch nur zu zarten Schlussfolgerungen zu kommen, ist es an der Zeit sich über die eigentlichen Konsequenzen Gedanken zu machen. Dazu ist es ganz nützlich, sich die Grundzusammenhänge des ‚mainstream’-Paradigmas noch einmal kurz vor Augen zu führen.

Die Ingredienzien des ‚mainstream’ bestehen aus folgenden Zutaten:

  • die Nutzen-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Haushalte;
  • die Gewinn-Rationalität von Handlungen der als souverän angesehenen Unternehmen
  • die Effizienz-Rationalität der Interaktionsbeziehungen von Unternehmen und Haushalten in der Formulierung der Prinzipien der Marktwirtschaft

die sich alle als Varianten einer Tauschgesellschaft identifizieren lassen, in der die Individuen vorausgesetzterweise ein gemeinsames Interesse verfolgen, welches sich in der Abstraktion des Marktgleichgewichtes wiederfindet.

Das ‚mainstream’-Paradigma besteht somit aus der

  • der Nutzen-Maximierung
  • der Gewinn-Maximierung
  • dem Pareto-Kriterium des Marktgleichgewichts

was sich in einer Theorie des Güterpreisausgleichs wiederfindet, wofür immerhin ein Existenzbeweis existiert, welcher nach Arrow/Debreu etc. mit Hilfe singulärer Mathematiktheoreme beweisbar ist.

So weit, so gut!

Kurzexkurs:

Nach Lakatos sind die Optimalitätskriterien von Nutzen- und Gewinnmaximum, sowie das Effizienzkriterium des Marktgleichgewichts der „Schutzgürtel“, welche den sogenannten „harten Kern“ des Paradigmas gegen Kritik absichern. Dieser „harte Kern“ besteht aber aus der Funktionsvorstellung des Paradigmas, welcher in der Hoffnung besteht, daß sich die gesellschaftliche Wohlfahrt dadurch am besten steigern läßt, indem der marktausgleichende Preismechanismus auch tatsächlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Optimum führt.

Kurzexkurs Ende

Für diese Konvergenzvermutung gibt es in nicht mal in der ‚mainstream’-Ökonomie einen Beweis, im Gegenteil: einer der wichtigsten Vertreter dieses Paradigmas – Frank Hahn – hat immer wieder darauf hingewiesen, daß aus der Existenz eines Gleichgewichts nicht folgt, daß dieses auch erreicht wird. Eine lange Geschichte…

Nun ist es aber nicht so, daß dieses Paradigma nicht einige wünschenswerte Eigenschaften hätte, die z.B. darin bestehen, daß es auf freiwilligen Interaktionen aufbaut, den liberalistischen Anspruch, welcher sich in der ‚pursuit of happiness’-Passage der US-Verfassung wiederfindet, abbildet, sowie die Vorstellung der Effizienz privatwirtschaftlicher Produktion unterstützt. Das kann man nicht ignorieren.

Im Grundsatz: was kann man einer einer Orthodoxie entgegensetzen? Die Kritik ihrer Annahmen, wie es weitläufig passiert? Weit gefehlt! Hinsichtlich einer Orthodoxie gibt es nur eine Möglichkeit: eine andere Orthodoxie, welche sich nicht mit den „Schutztheoremen“ der Orthodoxie auseinandersetzt, sondern einen anderen paradigmatisch validen Entwurf dagegensetzt. Dazu braucht man nur ein paar Zutaten, die sich interessanterweise sogar in der nationalökonomischen Blaupause von Adam Smith wiederfinden.

Die orthodoxen Zutaten

  • individuelles bzw. unternehmerisches Effizienzgleichgewicht
  • freiwilliges Interaktionsgleichgewicht
  • individuelle Entscheidungsfreiheit des Liberalismus

sind im Grunde genommen in der Parabel von Adam Smith enthalten, die durch das Tauschgleichgewicht von Hirsch und Biber illustiert wird. Über mehr ist die VWL bisher nicht hinausgekommen!

Was ist nun die Konsequenz daraus? Hoffnungslos ist das Ansinnen, aus einer Kritik der Annahmen eine Alternative zu stricken. Denn immer dann, wenn eine Annahmekritik erfolgt, wird der „harte Kern“ des kritisierten Paradigmas implizit bestätigt. Was macht man also? Man entwickelt eine andere Funktionsvorstellung! Eigentlich ganz einfach!

Und welche ist das? Auch diese findet sich bei Adam Smith – in seinem Stecknadelbeispiel. Denn entgegen seinem Tauschprinzip entwickelt er auch ein Kooperationsprinzip, welches zwar auf der einen Seite ein technologisches Argument darstellt, auf der anderen Seite jedoch eine andere Funktionsvorstellung von Ökonomie enthält, die nicht mehr auf einem direkten Tausch aufbaut, sondern das Prinzip einer abstrakte Entlohnung impliziert, die auch gleichzeitig beinhaltet, daß es zu einer Entäußerung vom Gemeinschaftsprodukt seitens des Individuums kommt. (Über diesen Detailaspekt sind ja die Marxisten hergefallen – ohne großen Erfolg!)

Die damit formulierte Heuristik ist jedoch als Interaktion über den Tauschwert von Waren insofern eigenständig, als nicht Güter, die einen individuellen Nutzenwert besitzen das Objekt ökonomischer Handlungen sind, sondern Waren, die aus der Perspektive der (nicht unmittelbaren) Produzenten keinen nutzentheoretischen Wert aufweisen, sondern nur noch einen abstrakten (monetären) Tauschwert besitzen – also in Geld gemessen werden! Bereits dieser Problemaufriß des ökonomischen „Para“-Themas bedeutet, daß das „normale“ Wertparadoxon in einer arbeitsteiligen Wirtschaft nicht als latentes Gültigkeitsprinzip vorgebracht werden kann. Denn die unmittelbare Verfügbarkeit über das Gemeinschaftserzeugnis ist nicht das, was das Individuum als Kompensation für seine kooperativen Bemühungen erwartet. Erwartet wird ein (marxistisch ausgedrückt) Wertäquivalent, welches einen Zugriff auf die gewünschten oder notwendigen Güter erlaubt.

Man muß es einfach noch mal betonen: eine Ware hat keinen individuellen Wert, sondern nur einen abstrakten Preis! Damit ist aber die Handlungsmaxime warenproduzierender Unternehmer nicht die Bedürfnisbefriedigung von Individuen, sondern der Ausgleich einer Einnahme-/ Ausgaberechnung, die sich nicht werttheoretisch definiert! Dem steht natürlich nicht entgegen, daß das Ziel der finanziellen Überlebensfähigkeit daran hängt, daß ein Unternehmer seine zahlungsfähige Zielgruppe zutreffend einschätzt – und einen Geldgewinn erzielt.

Da aber Einkommensbezieher normalerweise keine Nutzenerwägungen hinsichtlich der von ihnen selbst produzierten Güter anstellen, ist die korrekte Theorie des Kapitalismus eine Geldtheorie, die als Theorie sozialen Handelns die sozialen Kooperationsvorteile gemeinschaftlichen Handelns in den Vordergrund des Paradigmas stellt und nicht mehr eine Gleichgewichtsvorstellung pflegt, die auf einem Kalkül individuell restringierter Handlungen aka liberaler Individualentscheidungen beruht.

Damit stellt sich aber das Entlohnungsproblem, denn die Markttheorie postuliert, daß relative Mengen das Tauschverhältnis bestimmen. Deswegen sind Vertreter der Markttheorie auch immer davon überzeugt, daß sich Geld als (Real)-Wert darstellen lassen müßte. Das ist jedoch nicht der Fall. Denn wie man seit über 100 Jahren wissen könnte, sind abstrakte Geldzahlungen davon geprägt, daß sie immer in Relation zu einem Produktionsergebnis interpretiert werden müssen. Das heißt in der einfachsten Formel, daß Kosten immer in Relation zu dem Stückergebnis der Produktion zu Geldpreisen führen. Jeder Buchhalter, der mal in mehreren Währungsbereichen gearbeitet hat weiß: Geld ist ein relatives Maß der Produktion! Das heißt aber auch, daß Geld einen Verteilungsmaßstab darstellt, welcher unabhängig von seinem absoluten „Wert“ eine handlungsleitende Rolle spielt. (Die in Bezug auf Geld landläufige Zumessung eines realen Werts ist darin begründet, daß auch die sagenumwobenen 99,99% Geld als Wertmaßstab für Güter interpretieren, eine klassische Verwechslung von Erfahrungs- und Erkenntnisobjekt!)

Im Grunde genommen macht die Organisation von Produktion durch Geld letzlich den Kapitalismus aus. Der läßt sich somit nicht mit Hilfe alberner Wertparadoxien erklären – sorry Leute, das ist so! Das Kuriose dabei ist, daß nicht werthaltiges Geld – eben als relatives Maß der Produktion – durchaus einen Wert erhält, nämlich dadurch, daß Unternehmer dem Schuldendruck, den sie durch die Aufnahme von Kredit zur Produktion insoweit Folge leisten müssen, daß sie zu Erzielung eines monetären Ertrages Waren (= kalkulierte Geldwerte) gegen eine Geldzahlung verkaufen – müssen! (Kennt jeder Unternehmer, warum ist das für Volkswirte so schwierig?) Damit ist auch schon ein wesentliches Phänomen der aktuellen Wirtschaftskonstellation geklärt: der Wertinhalt des Geldes besteht aus dem Schuldendruck, dem sich die Unternehmer ausgesetzt sehen. Das mag man als zynische Sichtweise bedauern – mehr als Bedauern wird daraus jedoch nicht!

Eine nüchterne Essenz dieser Sichtweise besteht darin, daß sich auf dem, was landläufig als Gütermarkt bezeichnet wird ein Vorgang abspielt, der sich mit dem Erfahrungsvorgang „Einkaufen“ nicht so einfach vereinbaren läßt. Denn der vermeintliche Tausch an der Kasse des Supermarktes, wo phänomenologisch Geld gegen Gut „getauscht“ wird, stellt sich aus einer monetären paradigmatischen Perspektive als Tausch von Geld gegen kalkulierten Geldwert dar – was auch begründet, daß für Produzenten Waren durchaus dann wertlos werden, wenn keine ausreichende Zahlungsbereitschaft dafür existiert und die betreffenden Güter nicht etwa nach nutzentheoretischen Überlegungen an die potentiell dadurch nutzenerzielenden Haushalte verteilt, sondern schlichtweg vernichtet werden.

Es gäbe noch viel zu diesem Thema zu sagen, doch dies ist hier ein Blog und kein Doktorandenseminar.

Damit das Ganze hier nicht im Regen stehenbleibt, füge ich mal die Graphik eines Simulationsmodells an, welches die genannten Kriterien für ein ökonomisches Paradigma erfüllt. Wer das für kompliziert hält: das ist das einfachste kreislauftheoretische Modell einer kapitalistischen Ökonomie – inclusive stock/flow Differenzierung und Erfüllung dynamischer Konsistenzkriterien!

 

Eine weitergehende Darstellung dieses ökonomischen Paradigmas findet sich bei dr-menendez.de – leider nur auf ‚english‘, aber inclusive des systemtheoretischen Hintergrundes – als Denkmuster, nicht als Theorieersatz! Na gut, auf Mailanfrage habe ich die erweiterte Version auch auf Deutsch!

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Graeber: schon wieder eine Sackgasse

Es ist doch wirklich zum wimmern, da schafft es jemand schon mal in die Schlagzeilen zu kommen und dabei noch den Kapitalismus zu kritisieren, schreibt ein Buch über hunderte Seiten, welches ebenso zu einem Erfolg wird, und dann? Versagt er bei der ersten Gelegenheit erklären zu können, was die akuten Probleme des Kapitalismus seien und wie man sie beheben könne. Das Problem des Kapitalismus sei was? Ein Moralisches!
Aha, so hatten wir uns immer eine sachkundige Kritik vorgestellt!

Nein Geselle Graeber, die Konstruktion des Kapitalismus hat nichts mit Moral zu tun, sondern damit, daß es für Menschen eben vorteilhafter ist zu kooperieren, denn als Einzelkämpfer durch die Welt zu streifen. Und die Erkenntnis ist viel jünger und bereits bei Adam Smith zu finden, der mit seinem Stecknadelbeispiel viel mehr an Inhalt zu bieten hat, als Sie mit Streifzügen über 5000 Jahre. Es ist zwar richtig, daß der Mainstream der ökonomischen Theorie von Adam Smith nur die Geschichte mit dem Tauschverhältnis von Hirsch und Biber aufgegriffen hat, was uns über 200 Jahre danach immer noch mit einer Tauschtheorie des Wirtschaftens dastehen läßt. Hätten Sie aber das Arbeitsteilungskonzept der Stecknadeln mit dem Schuldenkonzept in Verbindung gebracht, wäre uns eine weitere peinliche Kritik des Mainstream erspart geblieben. Aber nein, Sie mußten ja Schulden mit Moral verknüpfen, dabei ist es erforderlich und notwendig, Schulden als soziale Interaktion zu sehen, d.h. als ein Teil der Wirtschaft, welcher Kooperationsbeziehungen möglich macht, die über die gemeinsame Erbeutung eines Mammut hinausgehen.

Was heißt das?

Von Adam Smith kann man entweder die Tauschidee aufgreifen und kommt so zu einer Tauschtheorie des Wirtschaftens, bei der das Geldwesen ein Appendix der Lösung der Tauschtheorie bleibt. Das heißt, erst wird die Lösung der allgemeinen Gleichgewichtstheorie – die Menge der relativen Preise – bestimmt und dann die Geldmenge ins Spiel gebracht, die je nach Benutzungshäufigkeit dann die absoluten Preise (Tauschgeldpreise) erzeugt. Es klingt lächerlich, aber genau das ist die Grundlage der heutigen Volkswirtschaftstheorie, die sich immer stärker der Herausforderung gegenübersieht auf Probleme des Geldsystems Antworten geben zu müssen, für die sie aufgrund der Konstruktion ihrer Theorie überhaupt keine haben kann! Was bleibt ist Versuch und Irrtum – so hatten wir uns das schon immer vorgestellt mit der Wissenschaft.

Oder man greift die Kooperationsidee von Adam Smith auf, die sich in dem Stecknadelbeispiel wiederfindet und analysiert daraufhin die Funktionsbedingungen, die erfüllt sein müssen, damit sich dieses Ordnungsprinzip zu einem allgemeinen ökonomischen Verfahrensstandard entwickelt, der dann in den Kreditgeldkapitalismus heutiger Prägung mündet. Auf diese Weise landet man bei einer Theorie sozialer Ordnung, in der die Fundamentalbedingung der Geldwirtschaft – der Kredit – nicht als Ausbeutungsinstrument, sondern als Entwicklungpotentialität, die über die Fähigkeiten des Einzelnen hinausgeht, begriffen werden kann.

Letzteres heißt aber auch, daß ein Kreditgeldsystem den Einzelnen auch in eine Gemeinschaft bindet, die sich aufgrund der höheren Strukturierungskraft zu Entwicklungsstufen fähig ist, die durch den Einzelnen nicht mehr steuerbar ist. Man kommt damit in Theoriebereiche, die das Kreditgeldsystem nicht als ein Tauschsystem begreift, sondern als ein soziales Kooperationssystem. Wie ich es mal geschrieben hatte: „(Kreditgeld)-Kapitalismus ist eine geldwirtschaftlich organisierte Form von sozialer Arbeitsteilung.“

DAS ist moderne Sozialtheorie!

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Fiskalpakt und Geldvermögen: eine unheilige Ehe

Die meisten Menschen kennen den Witz von dem Betrunkenen, der nachts an eine Laterne gelehnt auf den Boden starrt. Von einem Passanten angesprochen erklärt er, daß er seinen Schlüssel suche. Auf die Nachfrage, wo er ihn verloren habe, antwortet er, daß er seinen Schlüssel irgendwo im Dunklen verloren habe, aber er nur hier an der Laterne suchen könne, weil es hier heller sei. Man lächelt darüber, weil so unmittelbar einsichtig ist, daß die Lösung an einer falschen Stelle gesucht wird und mit diesem Ansatz endlos fortgesetzt werden kann.

Man sollte sich allerdings darüber klarwerden, daß derartige Absurditäten keinesfalls nur derartige Karikaturen betreffen. Wie man weiß, schreibt das Leben intensivere und realistischere Geschichten, als Geschichtenerzähler jemals erfinden können. Eine der schönsten Beispiele für derartige Verirrungen findet sich immer dann, wenn wieder mal der Versuchunternommen wird, auf die Existenzialfrage des Kapitalismus – die Nachhaltigkeit von Schuldbeziehungen – dahingehend eine Antwort zu formulieren, die Lösung in politischen Korrekturen bzw. in höheren politischen „Strukturen“ zu suchen. So läßt sich durchaus vermuten, daß die politische Lösung Fiskalpakt und ESM allenfalls Lösungen für ein politisches Problem sind und die Verbrämung mit ökonomischer Terminologie nicht das ökonomische Problem der EURO-Zone adressiert.

So vorbereitet hat man instinktiv das Gefühl, daß diese Lösung auch keine Lösung darstellt. Denn die Vergrößerung von Aufsichts- und Kontrollproblemen kann nur dann erfolgreich sein, wenn das was kontrolliert und beaufsichtigt werden soll, auch kontrolliert und beaufsichtigt werden kann. Dies darf man nach allem, was im Verlauf der kurzen Geschichte des EURO vorgefallen ist massiv bezweifeln. Und vor dem Hintergrund, daß souveräne Staaten immer alternative Entscheidungsmöglichkeiten haben ist fraglich, ob die Durchsetzungsfähigkeit von Regeln überhaupt wirksam gestaltbar ist. „In einer Union aus Demokratien ist es unmöglich, souveräne Länder zur Einhaltung von Regeln zu zwingen, wenn diese von Bürgern dieser Länder nicht mehr akzeptiert werden.“ Daniel Gros

Die unsubstantiierte Erwartung, daß die Hypertrophierung von Kontroll- und Aufsichtsinstitutionen das ökonomische Problem lösen, wie das Geflecht interdependenter Schuldbeziehungen auf ein nachhaltiges Maß zurückgeführt werden kann, ist mehr als naiv. Und das ausgerechnet vor dem Hintergrund, daß die Diagnose der ökonomischen Krise je nach Gusto wahlweise in einer „Ansteckungstheorie“ (Lehman), in einer zu „billigen Geldschöpfungstheorie“ (fiat-money), in einer falsch berechneten „Risikodiversifizierungstheorie“ (Bankenkrise) oder in einer „Sozialausgabentheorie“ (Staatsschulden) gesehen wird. Denn von einer Lösung müßte man erwarten können, daß sie alle Einzelaspekte, wenn schon nicht umfassend, so doch von der Tendenz her zu lösen geeignet ist.

Was ist der Fiskalpakt statt dessen? Die Geburtsurkunde eines verwaltungstechnischen Monstrums, über dessen Wirkungsweise und Effektivität so gut wie nichts bekannt ist. Bekannt ist nur eins: die Erwartungen, die er erfüllen soll, die sich dahingehend präzisieren lassen, daß die „Märkte“ wieder ihrer Aufgabe der Staatsfinanzierung nachkommen mögen. Im Wesentlichen werden also mit dieser Konstruktion lediglich politische Aspekte adressiert und die eigentliche Frage, wie mit den hinter den Ausprägungen der Krise noch existierenden Ursachen umgegangen werden soll, schlichtweg ignoriert. Dabei sollte man sich passenderweise vergegenwärtigen, daß in der politischen Diskussion im wesentlichen nur Krisenerscheinungen diskutiert werden und nicht die originären Aspekte, welche das transnationale Schuldengeflecht zu einem Problem machen.

Das ist das eigentliche Desaster: daß nämlich der Fiskalpakt lediglich ein politisches Problem löst, die Verantwortung für die Entwicklung der nationalen staatlichen Schuldenstände auf ein supranationales Gremium zu verschieben, so daß nationale “Fehlentwicklungen” nicht mehr der jeweiligen Administration zurechenbar sind. Wenn man so will wird damit eine Pseudolösung für ein Pseudoproblem formuliert, weil die Ursachenzurechnung der vermeintlichen EURO-Krise auf die überbordende Staatsverschuldung nur das Randproblem privatwirtschaftlicher Geldvermögensbildung betrifft. Denn wie soll sich denn privates Geldvermögen sonst “sicher” anlegen lassen, wenn die privatwirtschaftliche Verschuldungsbereitschaft aufgrund der sinkenden Gewinne inzwischen sehr zu wünschen übrigläßt. Denn hier liegt eine der wesentlichen Ursachen für die Aufblähung der gesellschaftlichen Verschuldungsstände, daß nämlich die private Nachfrage nach sicheren Geldvermögensforderungen durch die unternehmerische Verschuldung nicht mehr alimentiert werden kann und damit Staatsschulden nicht Ausdruck sozialpolitisch motivierter Verschwendungssucht sind, sondern die Tendenz reflektieren, Geldvermögen in sicheren zinstragenden Titeln anzulegen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Staatsschulden sind nichts anderes als der buchhalterische Gegenposten des privaten “Sparens”.

Wiewohl das nun wirklich keine neue Erkenntnis ist, wird der wirtschaftspolitische Diskurs immer noch mit dem Fokus der Schädlichkeit von Staatsschulden geführt, womit automatisch der zwangsläufig einhergehende Aspekt, nämlich die Akkumulation von Nettogeldvermögen des privaten Sektors, ausgeblendet wird. Und damit schließt sich der Kreis zu dem eingangs angeführten Betrunkenen, der die Lösung seines Problem dort sucht, wo er suchen will, die komplementäre Seite der Geschichte jedoch im Dunklen beläßt. Diese Unterlassung – die Existenz von positivem Nettogeldvermögen und dem dualen Gegenstück, dem negativen Nettogeldvermögen, gedanklich nicht als Einheit zu sehen – macht die Diskussion um die Schuldenkrise zu einem besonderen Beispiel diskursiver Skurrilität.

Das Mantra: “Sparen gut, Schulden böse” hat sich anscheinend zu einem politikleitenden Popanz entwickelt und ist inzwischen dabei die Erkenntnis zu verstellen, daß der Kreditgeldkapitalismus sein Lebenselixier daraus bezieht, daß Schuldrelationen im Vertrauen auf eine regelmäßige Bedienung (nicht Tilgung!) eingegangen werden. Dieses Prinzip – in Verbindung mit der Abschreibung fehlgeschlagener Investments – macht jedoch den Erfolg des Kreditgeldkapitalismus aus.

Man kann mit “Schuldenbremsen” natürlich versuchen diese Kraftquelle zu verstopfen. Die “Märkte” wird man bei den dann eintretenden Folgen jedenfalls in keiner Weise beeindrucken können!

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Bonität: die leitende gesellschaftliche Differenzierungsnorm

Gold war eigentlich immer nur der Standard für Verpflichtungsrelationen. Der Irrtum der Zahlungsmitteltheoretiker besteht darin nicht zu sehen, daß es dabei eine spezifische Funktionalität gibt. Gold war stets nur der Begrenzungsrahmen für Kredit, aber nicht das eigentliche Zahlungsobjekt. Anders gesagt: der ‘standard of account’ war immer nur dann Zahlungsobjekt, wenn in die Kreditbeziehungen das Mißtrauen eingekehrt war.

Auch die Zigarettenwährung war nur im Sinne des ‘standard of account’ gültig. Das schließt nicht aus, daß manchmal auch damit gezahlt wurde. Der kolportierte Glaube daran, daß Zigaretten tatsächlich stets “die Hände gewechselt” haben, ist dem 200jährigen Irrtum der Quantitätstheorie anzulasten. Denn die nimmt ja nur die Phänomenologie für den eigentlichen Mechanismus, der in der Etablierung von Verpflichtungsrelationen besteht.

So gesehen müßte der Liquiditätsausgleich in der EURO-Zone im Inter-NZBen-Markt in einem Standard erfolgen, der von den NZBen nicht geschaffen werden kann. Das scheint mir das Prinzip bei dem Liquiditätsausgleich der US-Zentralbanken zu sein. Nur: so gesehen ist eine Zahlung im ‘standard of account’ eigentlich eine ‘contradictio in adjecto’. Deswegen ist auch Bargeld als Zahlungsmittel ein Anachronismus. In einer Goldwährung muß i.d.R. genausowenig mit Gold gezahlt werden, wie in einem Zentralbankgeld. Deswegen heißt es ja auch Zentralbankgeld und ist im Grunde genommen nur für den Liquiditätsausgleich zwischen Geschäftsbanken vorgesehen, womit das Liquiditätsproblem als Bonitätsproblem konstituiert wird. Denn Zahlungen erfolgen im Kreditgeldkapitalismus stets mit Hilfe von Forderungen auf den ‘standard of account’. Das liegt daran, daß Kreditwürdigkeit, also Bonität, die leitende gesellschaftliche Differenzierungsnorm ist.

Das kann man allerdings nicht verstehen, wenn man die Quantitätstheorie als Erklärungsmuster im Hinterkopf hat. Denn die versucht ja das, was aus Verpflichtungsrelationen entsteht daran zu binden, was REAL passiert. Das kann natürlich Rückwirkungen haben, ist jedoch deswegen nicht entscheidend, weil der Kreditgeldkapitalismus als funktionelle Leitlinie die Bedienung (und nicht wie fälschlicherweise immer wieder kolportiert wird die Rückzahlung) von Forderungen aufweist.

Der landläufige Irrtum dabei besteht darin zu glauben, daß es realwirtschaftliche Prozesse sind, welche die Bonität garantieren. Das Beispiel der USA sollte jedem zeigen, daß es überhaupt nicht darum geht, wie eine Geldforderung bedient wird, sondern nur, daß sie bedient wird. Auf gut Deutsch: keine Sau der Welt interessiert sich dafür, ob die USA das Geld, was sie für die Bedienung ihrer Schulden zahlen auch realwirtschaftlich verdienen! Es reicht, wenn sie zahlen. Und wenn gezahlt wird, geben die Gläubiger das Geld auch brav wieder als nächsten ‚roll-over‘-Kredit zurück.

Die Nummer ließe sich in EURO-Land genauso durchziehen. Wenn Finanzinstitute bezahlt werden wollen, dann sollte man einfachheitshalber zahlen. Wo ist das Problem? Bei einem Schuldner der zahlen kann, will kein Gläubiger sein Geld zurück! Sonst müßte er sich ja einen neuen Schuldner suchen, der die erforderliche Bonität aufweist. Nur darum gehts. Wen interessieren da schon Produktivitäten oder Leistungsbilanzsalden?

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