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MMT – 1

duckiesVor einiger Zeit habe ich eine Zuschrift eines interessierten Lesers erhalten, wo er anmerkt, daß in diesem Blog bisher keine Behandlung der MMT („modern“ monetary theory) erfolgt sei. Ich möchte mich erst mal dafür bedanken und mal versuchen dazu ein paar Gedanken und auch Vorbehalte dazu zu entwickeln.

Eines der Probleme die ich damit habe ist der Umstand, daß Vertreter dieser Theorie von sich selbst behaupten ohnehin keine geschlossene Theorie zu vertreten, wahrscheinlich weil es an einem spezifischen Leitgedanken mangelt auf den die Aussagen der MMT einheitlich zurückgeführt werden könnten. So ist bei der Neoklassik die soziale Grundfigur der Tausch von Hirsch und Biber, woraus sich sukzessive über das System von Walras die allgemeine Gleichgewichtstheorie entwickelt hat, die interessanterweise bis heute die Grundlage für die Theorie der Marktwirtschaft geblieben ist, ohne daß die der Marktwirtschaft zugeschriebenen Eigenschaften aus ihr ableitbar wären.

Dieses tauschtheoretische Grundmuster findet sich bis zum heutigen Tage insbesondere in der herrschenden Geldtheorie wieder, indem immer noch steif und fest von höchsten Stellen behauptet wird, daß eine der wesentlichsten Funktionen des Geldes die des Tauschmittels sei. Das ist etwa so als würde man behaupten, daß die Funktion von Strom der Antrieb eines Motors sei, dabei ist dem Strom der Motor herzlich egal, weil nur die Randeigenschaft des Stromes, die Induktion, den entscheidenden Nebeneffekt darstellt, welcher genutzt werden kann einen Motor anzutreiben. In ähnlicher Weise argumentiere ich hier, daß Geld nur dann seine „Nebenwirkung“ entfalten kann, wenn es seine Funktion erfüllen kann eine Geldschuld zu tilgen. Daß auf einer weiteren Ebene dann auch eine Gegenleistung erfolgt ist zwar unmittelbar ersichtlich, läßt sich aber aus der Zahlung selbst nicht erkennen, weil man einer Zahlung als solche nicht ansehen kann, ob sie für drei Brötchen oder einen Nagellackentferner erfolgt. Denn die Motivation des Verkäufers liegt nicht in einer Nutzung der Ware, sondern in der monetären Verwertung seiner Ware, wobei ihm die Verwendung völlig egal ist, denn eine Reflektion über das, was man mit seiner Ware alles anstellen kann, ist nicht die Motivation für sein Verkaufsangebot.

Aber lassen wir mal einen Abschnitt der zugesandten Darstellung über die MMT zu Worte kommen:

„Wenn man Geld für ein öffentliches Gut oder für ein Gemeinschaftsgut hält, das dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen hat und nicht der privaten Bereicherung, dann wird man früher oder später bei der staatlichen Theorie des Geldes landen; diese wurde bereits vor 100 Jahren in Deutschland gelehrt, und nach dieser Theorie hat das fiat money keinen eigenen Wert an und in sich, es wird aus dem Nichts geschöpft. Dieser Ansatz der Chartalisten wurde von Modern Monetary Theory (MMT) unter Berücksichtigung der Einsichten von Keynes, Lerner, Minsky u.a. weiterentwickelt und ergänzt um das Konzept von Jobgarantie und Vollbeschäftigung. Die Jobgarantie ersetzt dabei die Arbeitslosigkeit als Puffer (Reservearmee): vom Staat werden alle ansonsten Arbeitslosen zu einem Mindestlohn eingestellt, und zwar unbefristet; wenn dann die Wirtschaft in Gang kommt und wegen der Produktionsausweitung zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden sollen, dann müssen die vom Puffer (den Arbeitskräften mit Jobgarantie) zu einem gleich hohen oder höheren Lohn abgeworben werden. Finanzierungsschwierigkeiten kennt der Staat nicht, der sein eigenes Geld herausgibt und damit Waren und Dienstleistungen einkauft.Hierzulande werden die Beiträge von Autoren wie B. Mitchell, R. Wray, W. Mosler, S. Kelton, P. Tcherneva, J. Galbraith u.a. nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn ernsthaft diskutiert; man kennt auch nicht die in den USA geführte Auseinandersetzung zwischen deficit hawks, deficit doves und deficit owls, d.h. Falken, Tauben und Eulen: eigentlich seltsam angesichts der seit Jahren andauernden Banken- und Finanzkrise und der bislang vergeblichen Therapiebemühungen von Mainstreamökonomen.“

Die MMT beruht also auf dem Chartalismus von Knapp, dessen Grundthese daraus besteht, daß Geld von den Wirtschaftssubjekten deswegen für Tauschprozesse verwendet wird, weil sie Geld für die Zahlung von Steuern benötigen, die seitens des Staates erhoben werden. Es handelt sich dabei also um ein Rechtskonstrukt, welches den Wirtschaftssubjekten zwangsweise auferlegt wird und Geld deswegen „erwirtschaftet“ werden muß, um die fälligen Steuern zahlen zu können.

Im Vergleich zu der sozialen Handlung Tausch ist diese Vorstellung nicht auf einer freiwilligen Interaktion von Individuen gegründet, sondern auf einer aufoktroyierten Bestimmung, deren Stabilität sich nicht aus freiwilligen Handlungen ableitet. Das muß nicht von vornherein falsch sein, weil die Verwendung von Geld sich als eine erfolgreiche Sozialtechnologie bewährt hat, die aus modernen Gesellschaften nicht mehr weggedacht werden kann. Inwieweit es jedoch erfolgreich ist, allein aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift die Etablierung eines attraktiven Geldes bewerkstelligen zu können bleibt hinsichtlich der möglichen Ausweichreaktionen der Wirtschaftssubjekte allerdings fraglich. Insbesondere ist dadurch nicht klar, inwieweit dieses Geld eine Vermögenssicherungsqualität aufweist, welche die Individuen dazu bringt, dieses Geld auch zum Zweck der Vermögensbildung zu verwenden. Dieser Frage weichen die MMTler weitgehend aus, auch wenn gelegentlich von ihnen betont wird, daß diese Frage derzeit für die USA keine bedeutende Rolle spielt. (Man bekommt auch immer wieder den Eindruck, daß die Behandlung geldtheoretischer Fragen von der MMT wesentlich von der spezifischen Situation in den USA abhängt, weil beispielsweise die Frage des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts für die MMT allenfalls eine Nebenrolle spielt. Dies hängt aber mit der Stellung des Dollars als – im Abstieg begriffene – Weltreservewährung zusammen und kann nicht so einfach auf andere Staaten übertragen werden – eine Geschichte, die wohl auch die MMT auf US-Verhältnisse beschränken dürfte.)

Man kann schon bei dieser oberflächlichen Darstellung der MMT die Vermutung hegen, daß das Insistieren der MMT-Vertreter auf der monetären Allmacht des Staates darin begründet ist, daß sie sich kaum darüber Gedanken machen, aus welchen Gründen Individuen miteinander kooperieren und deswegen die Frage der Regelung von Schuldbeziehungen sich für sie einfach als Ausfluß staatlicher Regelsetzung darstellt. Das wird wohl damit zu tun haben, daß MMTler die Quantitätstheorie als ihren Hauptgegner ausmachen, weil die Speerspitze ihrer Argumentation sich dagegen wendet, einen Konnex zwischen der (wie auch immer definierten) Geldmenge und dem realen Sozialprodukt herzustellen, was auch immer wieder dann deutlich wird, wenn sie erkennbar die Sachfrage hinsichtlich der inflationären Wirkungen von Staatsausgaben lediglich mit spitzen Fingern anfassen. (Daß Inflation kein genuin geldtheoretisches Thema, sondern eines der Interaktion von Geld- und Gütersphäre darstellt, steht auf einem anderen Blatt.)

Eine letzte Vorbemerkung an dieser Stelle betrifft die Qualität des chartalistischen Konzepts hinsichtlich des von der ‚mainstream‘-Ökonomie stets als heilig vorgestellten Postulats, daß Ökonomie auf jeden Fall aus Optimierungsprozessen von Individuen ableitbar sein muß. Die Ignoranz des ‚mainstream‘ der MMT gegenüber wird darin zu verorten sein, daß eine staatliche Anordnung nicht aus privatwirtschaftlichen Optimierungsprozessen ableitbar ist und damit das heilige ökonomische Postulat des methodologischen Individualismus verletzt wird. Nun ist ja der methodologische Individualismus nicht das ultimative ’nonplusultra‘ der Epistemologie. Daß jedoch die MMT sich völlig über die Frage hinwegsetzt, welche sozialen Prozesse ökonomische Phänomene wie eben das Geld zu erklären in der Lage sind, wird ihr wohl letztlich lediglich die Perspektive einer vorübergehenden Episode im ökonomietheoretischen Panoptikum eröffnen.

…to be continued…

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