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Kredit in der realen Welt?

Fabian Lindner hat einen interessanten Artikel geschrieben, in dem er die Frage behandelt, ob „die Ersparnis die Investition finanziert“. Dies ist ein seit langem schwelender Disput zwischen Neoklassikern und (monetären) Keynesianern, der auch bereits als die „loanable funds“-Kontroverse wohlbekannt ist.

Wie ist dieser Disput zu entscheiden? Die von Ökonomen bestens bekannte Antwort ist: es kommt darauf an. Und zwar kommt es darauf an, in welcher Weise man über Ökonomie denkt. Wenn das aber so ist, kann die vordergründige Antwort nur lauten: Beide haben Recht – je nach dem zugrundeliegenden ökonomischen Modell. Denn auch wenn es in Deutschland mindestens genauso viele Ökonomen gibt wie Fußball-Nationaltrainer, die natürlich alle ganz genau wissen wie „Wirtschaft“ funktioniert, ist dennoch die Interpretation der Realität stets daran gebunden, welche Theorie eines verstorbenen Ökonomen bei der Interpretation der Realität Pate steht.

Die eine Fraktion ist die Neoklassik, deren Wirtschaftsmodell hier diskutiert wurde. Diese ist davon geprägt, daß sie versucht „hinter den Geldschleier“ zu sehen um damit alle ökonomischen Phänomene (die „Realität“) auf „reale“ Größen wie Grenzproduktivität, relative Preise oder reale Nutzenerwägungen zurückzuführen. Die Gegenposition nimmt – in Anlehnung an P. Spahn – die Theorie der Geldwirtschaft ein, die das umgekehrte Verständnis aufweist, daß die Ökonomie von der Verfügung über Geld gesteuert wird.

Fabian Lindner argumentiert aus der Perspektive einer Theorie der Geldwirtschaft (die auch mit dem Namen Keynes verbunden ist), indem er auf die monetären Beziehungen abstellt, welche damit hierarchisch gesehen, die realen Prozesse in der Ökonomie steuern. Daraus folgt, daß sein Sparbegriff sich monetär definiert und somit auf die Bildung von Nettogeldvermögen abstellt. Man sieht sofort, daß dieser Begriff von Ersparnis nichts mit dem neoklassischen Begriff zu tun hat, denn dort ist Ersparnis definiert als realer(!) Nichtkonsum. (So was taucht immer wieder in den Robinson-Geschichten auf.) Das hat was mit der Anlage des neoklassischen Modells zu tun, denn dort sind die Haushalte diejenigen, die darüber entscheiden, welche Produktionsmittel die Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommen – auch bekannt als Erstausstattungsökonomie. (Hier liegt die Wurzel des ‚pursuit of happiness‘ der US-amerikanischen Verfassung!)

Fabian Lindner geht im Gegensatz dazu davon aus, daß auch Produktionsmittel, genauso wie Konsumgüter durch Arbeit entstehen, wobei Arbeit durch Geldzahlungen entlohnt wird. Warum das korrekt ist, ist eine komplizierte Geschichte, die aber in sich konsistent ist. (Ob sie wahr ist, ist dagegen eine Frage des Glaubens, nicht der Wissenschaft!) Wenn aber, wie es auch bei Schumpeter angelegt ist, Unternehmer Geld brauchen, um Produktion zu finanzieren, stellt sich die Frage: wo kommt denn das Geld her? Wie hier schon mehrfach besprochen kommt Geld von der Zentralbank – und sonst nirgendwoher anders!

Insofern ist es schlichtweg mißverständlich, wenn Fabian Lindner die Redewendung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ verwendet, wenn er die Kreditvergabe von Geschäftsbanken anspricht. Das suggeriert eine falsche Vorstellung, denn Geschäftsbanken erzeugen Schuldverhältnisse, die auf ANSPRÜCHE von Geld lauten! Würde man sich mal mit den juristischen Gegebenheiten von Zahlungen beschäftigen, wird schon mal klar, daß selbst die „Definition“ einer „Geldmenge M1“ darauf hinausläuft, daß dabei inkommensurable Dinge zu einer Einheit zusammengefaßt werden. Denn eine Forderung auf Geld ist kein Geld, denn sonst würde die vielfach perhorreszierte Vorstellung eines ‚bank-run‘ unmöglich sein! Auch diese Fehleinschätzung ist Ausdruck der Tatsache, daß die herrschende Wirtschaftstheorie (die ihr REALmodell als ultimatives Instrument zur Erklärung gegenwärtiger Realität versteht) Geld nur als Appendix einer von realen Größen gesteuerten Welt ansieht.

Da aber Geschäftsbanken „nur“ Schuldverhältnisse erzeugen gilt auch, daß die damit geschaffenen Depositen (eigentlich: Sichtforderungen) ebenso „nur“ Ansprüche auf Geld, aber eben kein Geld darstellen – auch wenn es phänomenologisch gesehen so erscheinen mag. Das hat aber was mit der Frage zu tun, warum Banken „Depositen“ brauchen. Die Antwort ist, daß für eine Geschäftsbank der Zugang von Depositen gleichzeitig einen Zugang von Zentralbankgeld – oder zumindest die Forderung darauf – darstellt, den sie stets zur Abwicklung des laufenden Geschäftsverkehrs benötigen. Siehe: Was ist Clearing?

Wer von Bankwirtschaft was versteht weiß sofort, daß dies das allgemeine Liquiditätsproblem bei Banken darstellt – was daraus resultiert, daß mit einer Kreditvergabe i.d.R. ärgerlicherweise ein Liquiditätsverlust einhergeht. DAS ist das Problem einer Bank, wenn sie einen Kredit vergibt! Warum? Weil sie eben kein Geld „schöpfen“ kann! Insofern ist die Bezeichnung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ einfach falsch – und Fabian Lindner weist auch selbst darauf hin.

Wenn das aber so ist, muß man auch mal die Konsequenzen daraus ziehen!

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