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Geldschleife – nicht Geldkreislauf!

PIC000005Das größte Problem von Theorien ist es nicht, eine im Gegensatz zur herrschenden Orthodoxie alternative Theorie zu formulieren, denn die Verknüpfungs-möglichkeiten der Dinge dieser Welt ist so mannigfach, daß im Prinzip sich jeder seine eigene Spielecke basteln kann. Tritt man aus seiner Spielecke hinaus und in die Konfrontation mit der herrschenden Theorie ein, erweist es sich, daß der Orthodoxie mehr an Argumenten zur Verfügung stehen, als es die Schulweisheiten zugeben. Was es für Probleme gibt, ein herrschendes Weltbild zu erschüttern, kann anhand der Prozesse beobachtet werden, deren zentrales Anliegen systematisch darin bestand, die Vorstellung der Produktion als Kreislauf zu hinterfragen, der sich lediglich zwischen Unternehmen und Haushalten abspielt. Dieser Strang der Diskussion, der prototypisch auf den Club of Rome zurückgeführt werden kann, wo auf die Endlichkeit der Ressourcen Bezug genommen wurde, erzeugte die Gegenreaktion, die darauf hinwies, daß durch Recyclingprozesse dieser linearen Entwicklung durchaus etwas entgegengesetzt werden könne. Schließlich wurden dagegen auch thermodynamische Argumente ins Feld geführt, auch und insbesondere aufgrund der Tatsache, daß ‚peak oil‘ eigentlich vor 30 Jahren hätte gewesen sein sollen. Nun ja, das ‚panta rhei‘ steht zwar nicht in Frage, nur – ob kreisförmig oder nicht bleibt die spannende Auseinandersetzung.

Die Schwierigkeiten die entstehen, wenn man Güterproduktion nicht mehr als Kreislauf zwischen zwei Polen verstehen will, potenzieren sich dann, wenn es um die Frage geht, ob und inwieweit es den berühmten „Geldkreislauf“ gibt, welcher gewissermaßen als „Gegenstrom“ diesem „Input/ Output-Strom“ entgegenfließt. Die Plausibilität dieser Vorstellung wird auch noch dadurch unterstrichen, daß solche allgemeinen Vorstellungen wie „Tauschmittel“ und „Wertspeicher“ existieren, die eher auf der Ebene eines Dagobert Duck anzusiedeln sind, als in der schnöden ökonomischen Realität. (Natürlich muß man sich fragen, warum in Entenhausen keine Rezession herrscht, obwohl Dagoberts Geldspeicher gewissermaßen das „schwarze Loch“ des Geldumlaufs ist und von daher die wirtschaftliche Aktivität zum Erliegen gekommen sein müßte.) Und die rührenden Geschichten, die angeboten werden, wenn es um die historische Herleitung des Geldes geht, unterstellen schlichtweg, daß es eine Herleitung aus der Geschichte geben müsse, daß quasi die „Entwicklungslinien der Geldgenese“ eine logische Folge zwingender historischer Prozesse wären. Das ist jedoch keineswegs der Fall sobald man anzuerkennen gewillt ist, daß sich Geschichte auch in Sprüngen entwickelt, was darauf hinweist, daß die Entstehung sozialer Koalitionen mit einer Umweltabgrenzung und Etablierung eigener Kommunikationsweisen einhergeht – was auch die Möglichkeit eröffnet, Geld als kommunikative Institution zu interpretieren, die anderen Kriterien folgt, als es die Schulweisheit der maximierenden Individuen erkennen kann. (Das systemtheoretische Faß mache ich aber erst an einer anderen Stelle auf!)

Sobald man die Existenz von Geld nicht für einen Zufall (oder Nicht-Zufall) der Geschichte hält, lassen sich die Grundprinzipien des Geldsystems quasi zwangsläufig entwickeln, ohne daß damit eine Aussage über die tatsächlichen historischen Entwicklungslinien präjudiziert wäre. Das Grundproblem geldwirtschaftlicher Organisation liegt nach den hier entwickelten Kriterien über das Erkenntnisobjekt Ökonomie weniger in der Abwicklung von Tauschvorgängen, sondern in der Unsicherheit über die zukünftigen Ergebnisse sozialer Unternehmen. (Jesse James Post) Denn die Teilnahme an einer sozialen Unternehmung erzeugt das Problem, welchen Anteil! das einzelne Individuum an dem Ergebnis der gemeinschaftlichen Anstrengung erhält. In Anbetracht der Unsicherheit über das gemeinschaftliche Produktionsergebnis (für das sich niemand individuell! verbürgen kann – das ist die Aufgabe von Banken als soziale Institution zur Abfederung der Unsicherheit der Zukunft!) wird es praktikabel, über die Zuteilung eines Anteils den individuellen Beitrag am Produktionsergebnis zu messen.

In Analogie zu der direkten Verhandlung über prozentuale Anteile findet in der produktiven Unternehmung das Instrument der Geldlohnzahlung Anwendung. Dabei wird die Angleichung der monetären Einkommen in Relation zum Produktionsergebnis mit Hilfe der Buchhaltung Abteilung Preiskalkulation erzeugt, indem die Summe der (periodenzugerechneten) Kosten in Relation zur Menge des Produktionsergebnisses gesetzt wird. Der Verkauf der Produktion auf dem Markt erzeugt reale Verteilungsquoten nach Maßgabe der individuellen Lohnzahlung bzw. Nachfrage, während der Verkaufserlös die (hoffentlich) erfolgreiche reale Kompensation der Teilnehmer der Unternehmung anzeigt.

Ohne an dieser Stelle die Erzeugung von Profit und Zins darstellen zu können, läßt sich das Grundschema des monetär organisierten Produktionsvorganges folgendermaßen illustrieren:

GeldschleifeDie blauen und grünen Pfeile lassen sich unschwer als der o.a. „Güterkreislauf“ identifizieren, der allerdings aufgrund der in der Darstellung verwendeten zeitlichen Ablaufstruktur als fortschreitender Prozeß erscheint. Der Geldkreislauf, dessen Existenz üblicherweise noch weniger in Frage gestellt wird, läßt sich dann inhaltlich motivieren, wenn von den Prozessen, die einer Investition vorgelagert bzw. ihr nachgelagert sind, abtrahiert wird – man könnte auch ignoriert sagen. (Geldemission bzw. Geldreversion) Letztere Ignoranz wird durch den gestrichelten roten Pfeil markiert, der es verhindert, die geldwirtschaftliche Grundstruktur sozialer Produktionsprozesse als Diskussionsgegenstand überhaupt in Erwägung zu ziehen. Wenn man so will markiert der blaue Kreis den Teilausschnitt dessen, was vom ‚mainstream‘ für ökonomisch relevant gehalten wird – das Wort „Froschperspektive“ drängelt sich hier geradezu auf!

Es erweist sich an dieser Stelle, daß man Geld nicht im Sinne des Dagobert´schen Sammelobjektes interpretieren muß, sondern zu einer Sichtweise gelangen kann, welche Geld als eine verbindende soziale Klammer interpretiert, deren Aufgabe es ist, die Ergebnisse eines gemeinsamen Projektes auf die daran Beteiligten aufzuteilen. Dies war ja auch die Lehre aus dem „Jesse James“ Post, wo sich zeigte, daß Gold die Ware ist, Geld aber durch die persönliche Verpflichtungsrelation etabliert wird, wo die „Rückgabe“ des (nicht verschriftlichen) Forderungsanteils die Rolle der Geldzahlung repräsentiert – und eben nicht das Gold. Geld korrespondiert somit stets mit sozialen Verpflichtungsrelationen und verschwindet dann, wenn diese durch die Beendigung des realen Projekts wieder aufgelöst werden. (Wer wissen will, warum Geld als Fetisch begreifbar ist: hier ist der Grund dafür!)

Diese Grundkonstruktion belegt bereits, daß Geld jenseits der phänomenologischen Betrachtungsweise als Tauschmittel eine originäre Funktion besitzt, die vom Grundansatz darin besteht, daß es vor allem ein Hilfsmittel zur Verteilung eines sozialen Produktionsergebnisses darstellt. Denn die Verfügung über Einkommen enthebt den allgemeinen (Vermarktungs-) Verteilungsprozeß von der Unmittelbarkeit, Verteilungsansprüche in natura (Tauschhandel) umsetzen zu müssen. Der individuelle Verteilungsanteil wird durch die Einkommenshöhe bemessen und überläßt die Wahlfreiheit der Inanspruchnahme dem einzelnen Individuum. Einkommenszahlungen haben für die Verteilung des Sozialprodukts diejenige genuine Informationsfunktion, die es den Individuen ermöglicht, nach Maßgabe seiner eigenen Verteilungsposition das Güterangebot durch seine Nachfrage zu honorieren. Die Ratio des Gebrauchs eines abstrakten Geldes ist daher in seiner Funktion als Distributionsmechanismus zu orten und nicht in einer seit 200 Jahren insinuierten Funktion als „Schmiermittel“ des Tausches vorgegebener Bestände!

Nun ist es nicht so, daß derartige Erkenntnisse brandneu wären, denn die Grundmuster dessen, was die gegenwärtige Wirtschaft prägt, sind bereits vor über 100 Jahren erkenntnisreif gewesen:

“Indem also zwischen den Quanten des einen und denen des anderen Faktors ein konstantes Verhältnis besteht, bestimmen die Größen des einen die relativen Größen des anderen, ohne daß irgendeine qualitative Beziehung oder Gleichheit zwischen ihnen zu existieren braucht. Damit ist das logische Prinzip durchbrochen, das die Fähigkeit des Geldes, Werte zu messen, von der Tatsache seines eigenen Wertes abhängig zu machen schien.“
Simmel (1907)

Angesichts derartiger Einsichten ist es vergleichsweise erschütternd, daß sich die Vorstellung von „Geld als Wert“ bis heute in der wirtschaftspolitischen Diskussion hält. Immerhin: „Geld als Gold“-Theoretiker werden in der ökonomischen Wissenschaft inzwischen nur noch milde belächelt, auch wenn der korrekte Grund dafür alles andere als ‚mainstream‘ ist. Etwas zeitnäher gibt es die Anregung Geld als „relatives Maß der Produktion“ zu interpretieren, wo bereits angelegt ist, daß diese Relativität sich auf den Dualismus von Kosten und Erlösen bezieht und nicht auf das eventuelle Vorhandensein von Schatztruhen, deren Inhalt dann nichts besseres zu tun hat, als „auf Märkten zu zirkulieren“.

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