Fraktaler Konstruktivismus

treefractalDie Theorie der Fraktale ist davon geprägt, daß sie äußerst vielschichtige Formen erzeugt, welche aus der vielfachen Anwendung einer im Grundsatz einfachen Formel entstehen. Dieser Ansatz ist durchaus geeignet dazu beizutragen eine Vorstellung von Ökonomie zu entwickeln, die nicht a priori davon ausgeht, daß Ökonomie wie in den Lehrbuchdarstellungen durch einen Kreislauf zu beschreiben ist, sondern durch eine Abfolge einzelner Kreditgeldschleifen, deren kontinuierliche Abfolge den Eindruck! erweckt, als handele es sich um einen Kreislauf. Damit stellt sich die Frage, wie es sich in einem Modell darstellen läßt, daß ein derartiges Phänomen konstruierbar wird. Die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens kann einmal dadurch motiviert werden, daß natürliche Phänomene sich ebenso aus einer Zusammenstellung von Zufluß und Abfluß darstellen lassen, so ist z.B. das Phänomen eines Sees von dem Zusammenspiel von zwei Komponenten darstellbar, deren Einfluß je nach Stromstärke einen unterschiedlichen Pegelstand erzeugen. Zum anderen wird diese Konstruktion auch deswegen nahegelegt, weil Wirtschaften ein ‚ongoing concern‘ ist, dessen Kontinuität den Blick auf das entscheidende Grundelement, die Kreditgeldschleife, die als individualisierte Entität lediglich eine begrenzte Existenz besitzt, verstellt.

Eine fraktale Struktur wird dadurch erzeugt, daß eine im Grunde einfache Formel eine Vielzahl von Iterationen durchläuft und dabei Formen erzeugt, die in keiner Weise aus der zugrunde liegenden Formel ersichtlich sind. Das entspricht etwa der Tatsache, daß das Grundmuster der Funktionsweise von Computern aus der Kombination von zwei Zuständen besteht. In gleicher Weise kann man sich vorstellen, daß das vielfältige und ineinander verwobene Finanzgeflecht durch einen einfachen Prozeß erzeugt wird, welcher durch vielfältige Reproduktion zu dem führt, was gegenwärtig zu den Verflechtungen auf den Finanzmärkten führt, deren Charakter meistens mit der Modevokabel „komplex“ beschrieben wird. Dabei muß gleich an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß Fraktale zwar eine hohe Variabilität der Struktur sowie eine hohe Sensitivität gegenüber den Anfangsbedingungen aufweisen, ohne daß dadurch der einfache Charakter ihrer Entstehung irgendwie in Frage gestellt würde.

Darüber hinaus besitzen Fraktale noch zwei weitere Eigenschaften: zum einen sind sie selbstähnlich in dem Sinne, daß sie beständig gleichartige Strukturen erzeugen. Zum anderen existiert bei Fraktalen so etwas wie eine Systemgrenze, wo Elemente, die bestimmte Schwellenwerte über oder unterschreiten nicht mehr zu der Fraktalbildung beitragen, weil sie entweder ins Unendliche verschwinden, oder implodieren. Alle diese Eigenschaften lassen sich für den aufmerksamen Beobachter auch in der heutigen Finanzwirtschaft wiederfinden.

Da eine solche Darstellung von vornherein nur in einem dynamischen Kontext sinnvoll ist, was auch dem dynamischen Kontext des Erkenntnisobjekts Ökonomie geschuldet ist, dessen Charakter durch ein statisches Modell ohnehin nicht abgebildet werden kann, läßt es sich nicht vermeiden den wesentlichen Faktor des Kapitalismus, den Kredit, in die Darstellung mit einzubeziehen. Und um den ‚ongoing concern‘ mit einzufangen macht es sich besser, gleich die Zeitverschiebung von mehreren Kreditprozessen mit einzubeziehen. Das ist u.a. deswegen erforderlich, um von vornherein das Problem zu vermeiden, welches sich aus der Beendigung von isolierten Einzelkreditprozessen ergibt. Mit dieser Darstellung ist es ganz nebenbei auch möglich, die vermaledeite Geschichte, daß ein einzelner Kredit niemals komplett zurückgezahlt werden kann, ein für alle Mal zu erledigen. Dabei sollte auch gleich klar werden, daß die prominente Frage nach den „Abteilungen“ der Wirtschaft (Produktionsmittel- bzw. Konsumgüterindustrie) einer spezifischen Auffassung über das Wesen des ökonomischen Prozesses geschuldet ist, die sich in kreditgeldökonomischer Hinsicht lediglich als zeitlich verschobene Kreditprozesse darstellen, die (nur) deswegen auch in einem einheitlichen Modellstruktur ineinander integrierbar werden.

Dann sieht das Modell genau so aus:

Kalecki00

Das Interessante dabei ist, daß sich ein kontinuierlicher Absorptionsprozeß (Konsum) mit sich ständig verändernden Kreditbeständen verträgt, was ein besonderes Licht auf die Tatsache wirft, daß Kreditbeziehungen auf einer längerfristigen Ebene angesiedelt sind und nicht unbedingt den kurzfristigen Schwankungen unterworfen sind wie man es von Konsumprozessen kennt. Besonders interessant ist auch, daß sich der Einkommenskreislauf gewissermaßen als Unterfunktion des Kreditprozesses abspielt und beide gewissermaßen ein Zentrum-Peripherie Verhältnis aufweisen, etwa so, wie man es aus dem Verhältnis von Erde und Sonne kennt. Dabei sollte man sich aus gegebenem Anlaß klar machen, daß die Vorstellung des Sonnensystems als Gebilde von konzentrischen Kreisen auch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht, sondern vielmehr das Sonnensystem sich in einer spiralförmigen Weise durch das Weltall bewegt. Die Vorstellung eines statischen Kreislaufes sollte daher ein für alle Mal beerdigt und auch keineswegs wieder mit dem Hinweis auf irgendwelche „didaktischen Erfordernisse“ oder aus bloßer Faulheit heraus exhumiert werden. Denn die Konstruktivierung von Ökonomie als kreditgesteuerter Prozeß erlaubt es nicht, die technischen Grundlagen einer von Kredit gesteuerten Ökonomie zu ignorieren. Denn was im Kapitalismus zählt sind Zahlungen, deren nachhaltiger Zusammenhang den arbeitsteiligen Prozeß der Produktion überhaupt erst möglich macht! Und darüber hinaus sind ebenso die Verbindlichkeitsverhältnisse maßgeblich für die ökonomische Trajektorie, weil diese die Zahlungsmuster für die von ihnen definierte Zukunft bestimmen.

Genau das macht auch die Attraktivität der fraktalen Modellvorstellung aus, denn in einer Geldwirtschaft geht es ebenso um die Frage, welche Prozesse sich behaupten können, insofern als sie genau den Pfad zwischen Implosion (Konkurs) und Explosion (Hypertrophie) (Bei: Mandelbrodt Math -> Sensitivity. Anm. die Sicherheitsabfrage kann man in diesem Fall genehmigen!) einzuhalten in der Lage sind. Und auch dahingehend, daß zwar jedes Element für sich funktionieren muß, aber alle Prozesse Teil eines Gesamtsystems sind, das sich als Ganzes als überlebensfähig beweisen muß. (Cf. „Ist Ökonomie ein System?“) Es geht hierbei also darum, eine konsistente Formulierung des funktionalen Hintergrundes dessen zu denken, was immer so leichthin und unter Auslassung sämtlicher „kapitalismusrelevanten Elemente“ als einfacher Wirtschaftskreislauf in den Lehrbüchern zu finden ist, ohne daß dort die zugrundeliegenden Prozesse des monetären Komplexes ausreichend adressiert würden. Wenn man also den heute vorfindlichen Kapitalismus als Vervielfachung eines isolierten Prozesses versteht, gewinnt man auch eine andere Einstellung zu der Frage, inwieweit Ökonomie als komplex anzusehen ist oder nicht. Das Entscheidende der fraktalen Denkweise ist ja, daß die Grundmuster „sehr überschaubar“ sind, die Vorgabe der Funktionsbedingungen jedoch definiert, ob ein Prozeß zu einem Teil des Gesamtsystems gehört oder ausgesondert wird. Diese Differenz zwischen der Einhaltung der Funktionsbedingungen und ihrer Verletzung bringt das Gesamtbild Ökonomie erst überhaupt zur Erscheinung. Sonst würde auch nie ein Apfelmännchen entstehen können.

Apfelmännchen

Man mag sich darüber wundern, daß hier in keiner Weise über die „realen“ Dinge dieser Welt geredet wird, das hat seinen Grund darin, daß die Probleme des durch Kreditgeld gesteuerten Kapitalismus nicht primär in der Frage bestehen, wie die Eigentumsordnung mit Produktionsmitteln verfährt, eine Fragestellung, die zu Marx Zeiten den Diskurs beherrscht hatte, sondern darin, wie eine Gesellschaft mit der Frage umgeht, was passieren soll, wenn sich Schuldverhältnisse als nicht bedienbar erweisen. Aus einer solchen Perspektive werden die Abstrusitäten, mit denen sich die ökonomische Weltpolitik beschäftigt eher erklärlich, als mit den altbackenen Konzepten wie Wirtschaftskreislauf und Quantitätstheorie.

Sic transit gloria mundi!

32 Kommentare

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32 Antworten zu “Fraktaler Konstruktivismus

  1. Sehr geehrter Herr Menendez,

    „….wie eine Gesellschaft mit der Frage umgeht, was passieren soll, wenn sich Schuldverhältnisse als nicht bedienbar erweisen“. Jemand, der Ökonomie als fraktale Struktur denkt, sollte so eine Frage gar nicht stellen. Das Problem ist schlichtweg, dass Sie einem Determinismus folgen, vor dem selbst Marx erschaudern würde. Im Konkreten tarnen sie Ihren Determinismus als Indeterminismus, indem Sie behaupten, dass das alles regelnde Prinzip, der Kredit, ein offenes Ergebnis erlaubt. Was für Schelm Sie sind!.-) Die „unsichtbare Hand“, die bei Smith noch unzweideutig Gott war und bei Marx schon Hegel`sche, sprich: aufklärerische, Vernunft ist, wird bei Ihnen wieder in Gott rückverwandelt, wenn auch in einen offenen. Sie setzen „Kredit“ an die Stelle von „Tausch“ ohne am Smith`schen Prinzip auch nur irgendetwas zu verändern. Denn was kann schon hinter einer Theorie der fraktalen Struktur stehen? Wer sollte denn sonst der grosse Zauberer der Formen sein ausser Gott? Kein Wunder, dass Ihnen der Staat solche Sorgen bereitet, denn sein Verhalten folgt nun gar nicht diesen göttlichen Gesetzen. Sie erklären ein abstraktes Prinzip zum grossen Regler der Geschichte und befinden sich damit in der Gesellschaft all jener, die Sie eigentlich bekämpfen. So vergeht tatsächlich der Ruhm der Welt.-)

    Die Frage: „Wesen oder Prozess?“ verkommt zu einer Scheinfrage, weil das zugrundegelegte Prinzip alles reguliert. Überspitzt formuliert, sind konstruktivistische Positionen der unlautere Versuch, etwas, was man ausschliessen will, die Ontologie, über die Hintertür wieder hinein zu transportieren, indem man einen Prozess („der Wille zur Macht“, „der Kreditprozess“, etc.) zur Determinante erklärt. Wo immer der Konstruktivismus gefordert war, hat er versagt. Nietzsches Anklage gegen die Metaphysik ist legendär, seine Kapitulation vor ihr ebenso. Althusser hat Marx solange durch die Räder der Strukturen gedreht bis kein Tropfen Blut mehr von ihm überblieb. Foucault wollte vom Menschen abstrahieren, ganze Strukturen des Denkens und des Staates analysieren, und hat in dem ganzen antimetaphysischen Getue jede Orientierung verloren wie er mit seiner Parteinahme für die iranische Revolution eindrucksvoll bewies. Es ist vielleicht einer der wenigen Komplimente, die man der ökonomischen Theorie machen muss, dass sie sich dem Konstruktivismus versagt hat, das sie hart geblieben ist gegen diese Schwindelei. Hier ist noch Wesen, was Wesen sein muss, hier ist offene Metaphysik und nicht versteckt hinter dem Termini „Prozess“ und „Struktur“. Und wem verdanken wir`s, lieber Herr Menendez? Dem Ungeheuer Staat, dem sich zu stellen kein Konstruktivist jemals wagen wird.

    PS: Ich konnte Ihnen unmöglich konkret antworten, weil ich über das notwendige mathematische Wissen nicht verfüge. Ich wollte Ihnen nur verdeutlichen, in welch` „gefährlichen“ Bahnen Sie sich bewegen. Aber ich wollte Ihnen antworten.-) Ein „Atom“ Staat verändert ihr ganzes konstruktivistisches Modell!

    Mit freundlichem Gruss
    Alfred Felsberger

  2. Guten Tag Herr Menéndez,

    haben sie Lust einen Blogartikel zu schreiben, über ihr BestOf / MustRead an empfehlenswerten Büchern, Blogartikeln, Skripten, PDFs, (Online-)Vorlesungen usw. zum Thema Geld u. Wirtschaft (gern auch: Erkenntnistheorie). Welche Klassiker sind lesbar, in welche Theorien sollte man sich zuerst einarbeiten, welche Skripte lesen, wem „zuhören“? Ruhig eine bewusst subjektive Liste. Würde mich (und bestimmt einige andere) sehr interessieren. Dieser Blog trennt ja bereits die Spreu vom Weizen, aber wenn sie uns vom Weizen nochmal den Weizen herauspicken könnten, das wäre super. Ich glaube so eine Verdichtung tut Not, kann mir vorstellen, dass viele ob der Fülle an Daten und Meinungen + der Fülle an nebeneinander existierenden Theorien, verzweifeln… Was ist (aus ihrer Sicht) das Fundament mit dem man starten sollte?

    Viele Grüße u. schönes Weihnachtsfest
    Stephan Goldammer

    P.S. Man könnte parallel einen „Anti“-Artikel schreiben, um die „widerlegten“ bzw. „falschen“ Bücher usw. vorzustellen. Vielleicht können wir alle so auf engem Raum eine argumentativ-verdichtete (wahrscheinlich emotionale) Kommentardiskussion führen.

    • felsberger2012

      Sehr geehrter Herr Goldammer,

      Ich möchte mit einer Besprechung eines Werks beginnen – N.N. Taleb: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse -, von dem ich mir erhofft habe Einblicke in die eruptive und verändernde Bewegung der ökonomischen Verhältnisse zu erhalten. Verdeutlicht hat mir das ganze Buch bloss: dass die Anwendung eines abstrakten Prinzips, das Nietzsche mal in dem Satz zusammenfasste: „über allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der Himmel Übermuth“ mehr über den Autor selbst als aussagt als über das Objekt, auf das es angewandt wird. Jeder Ökonom hätte erwartet, dass, bevor man das Auftreten unwahrscheinlicher Ereignisse in Betracht zieht, dem Leser das Grundgesetz des finanziellen Marktes vermittelt wird, nämlich: dass der Gewinn des einen, der Verlust des anderen ist. Dass folglich aus dem Handel keine Geldmenge wachsen kann oder erst ab dem Punkt, wo die Objekte des Handels (Aktien, etc.) auf der Aktivseite des Bankensystems erscheinen. Man hätte erwartet, dass von diesem Hebelpunkt aus, der logisch korrekt und unwidersprochen ist, eine Theorie der spontanen und nicht kalkulierbaren Bewegung der Aktien konstruiert worden wäre, indem man zum Beispiel untersucht zu welchen Zeiten und in welchem Ausmass sich die Instrumente des Handels auf der Aktivseite des Bankensektors wiederfinden. Man hätte, mit anderen Worten, den glorreichen Sätzen Nietzsches einen logischen Sinn geben können, indem man akzeptiert hätte, dass ein abstraktes Prinzip alleine noch gar nichts aussagt.

      Stattdessen hat man zu lernen, dass der Autor gar nicht danach trachtet irgendetwas auszusagen, nicht nur die ökonomische Theorie per se als überflüssig erachtet, sondern auch noch ein hedonistisches und utilitaristisches Gesamtbild über den Zustand des Intellekts am Beginn des 3.Jahrtausends zeichnet. Bücher dieser Art werden höchstens als beschämendes Zeugnis einer Menschheit aufgefasst werden, die, mit dem gar nicht so unwahrscheinlichen Ereignis eines Besuches Ausserirdischer konfrontiert, sich die Frage stellen lassen müssen, ob es nicht der menschliche Verstand war, der den Niedergang dieser Rasse befördert hat. Niemand erwartet mehr eine „grosse Erzählung“, auch nicht, dass jemand diesen Anspruch stellt, aber wider besseren Wissens unentwegt zu behaupten, dass die „grosse Erzählung“ gar nicht mehr möglich sei, lässt in einem aussenstehenden Beobachter nur mehr den Verdacht aufkommen, dass die Schreibenden sich ihres beschränkten Intellekts nicht nur bewusst sondern auch noch ganz glücklich dabei sind. Das ganze Buch ist eine Anleitung wie man als Einzelner dem „Schwarzen Schwan“ ausweichen könnte, während er die Masse der anderen, der Versager und der Unglücklichen, verschlingt – wohl, damit die Ausserirdischen, die uns eines Tages besuchen, noch einen Überlebenden der Spezies Mensch finden können. Das Buch hätte in dem einen Überlebenden seinen ganzen Sinn erfüllt, zeigt es doch, das der „Vereinzelte Einzelne“ (K.Marx) die letzte Stufe des Denkens ist, die diese Spezie erreicht.

      PS: Witzig ist die herablassende Art wie sich ein moderner Amerikaner libanesischen Urpsrungs den europäischen Bundesgenossen präsentiert, ganz offensichtlich der Meinung, dass hier noch immer die guten, alten Zeiten des „grossen Intellekts“ herrschen würden, die den finanziellen Erfolg um den Preis einer wachsenden Hirnmasse blockieren, und nicht wie tatsächlich: die Vertrottelung aller. Man kann den angelsächsischen Zynismus getrost ignorieren, trifft er doch die davon Angesprochenen, die Europäer, schon lange nicht mehr. Dass aber das ganze Buch dann letztendlich nichts anderes als die Zurschaustellung europäischen Wissens ist, macht einen dann doch etwas nachdenklich. Welche Stufe der Vertrottelung müssen unsere amerikanischen Bundesgenossen erreicht haben, wenn sie tatsächlich noch immer glauben in Europa irgendetwas von Rang zu finden?-)

      Alfred Felsberger

  3. Ach du meine Güte! Diese Textmenge (am Feiertag( das muss ich mir erst einmal in aller Ruhe durch meinen Kopf gehen lassen!

  4. Sehr geehrter Herr Menendez,

    Ich möchte Ihnen ein Bild zeichnen: während die Lage der Sowjetunion, zumindest seit den Breschnew-Zeiten, dadurch charakerisiert war, dass bereits veraltete Mühlen von ein und derselben Arbeitskraft immer wieder bedient wurden, die Qualität der Produkte, die Menge der vernutzten Arbeitskraft und der ganze Arbeitsprozess, weitgehend stabil waren, ist unsere Lage dadurch gekennzeichnet, dass wir immer bessere Mühlen mit immer qualifizierterer Arbeitskraft und immer weniger Arbeitszeiteinsatz betreiben. Da aber der materielle, der Versorgung der Bevölkerung dienende Kern dieser Operationen ziemlich überschaubar ist (Lebensmittel, Wohnungen, Gebrauchsgüter, Gesundheit, etc.) und keinem grossen Wandel im Zeitablauf unterliegt, sind wir mit dem Problem konfrontiert rund um die Mühlen immer neue ökonomische Aktivitäten zu erfinden, die das Leben verfeinern und Menschen beschäftigen. Genau das ist es, wenn Soziologen von einer Dienstleistungsgesellschaft sprechen, von einer Abflachung der Hierarchien und von einem „Leichter-Werden“ der Produktion. Man hat sich über diese dem Kapitalismus inhärente Tendenz zur Rationalisierung und Ausdifferenzierung nicht viele Gedanken gemacht und einfach, wie Sie ja auch, unterstellt, dass ökonomische Aktivität zu aller Zeit das Gleiche ist. Schlimmer noch: Man hat unterstellt, dass Zugang zu Dienstleistung, Rifkin`s Access, einen neuen Kapitalismus den Weg bahnt, in dem Eigentum verschwindet.

    Nein, so läuft die Sache nicht wie wir nun im Zeitalter der Dienste zur Kenntnis nehmen müssen. Die Aktivaseite des Unternehmenssektors stagniert, weil Investitionen in Dienstleistungsunternehmen entweder zu geldarm oder von einer zu schnellen Abschreibung getragen werden, die Netto-Investition versiegt. Die Gesellschaft beraubt sich der Möglichkeit der Sachwert-Akkumulation, die für den Gewinn der Unternehmen elementar ist. Sie ist daher gezwungen auf Kannibalisierungstechniken auszuweichen, indem sie die Arbeitskraft real niedriger entlohnt oder weite Teile der ökonomischen Aktivität auslagert. Die im Dienstleistungssektor Beschäftigten laufen wie Hamster im Rad durch die Gegend, immer neuen Trends und Moden folgend, und doch zur Kenntnis nehmen müssend, dass ihr Einkommen stagniert. Die ganze Gesellschaft wird von einer spontanen, ja fast verzweifelten Aktivität erfasst, dem der fundamentale „Reichtumskern“, die Sachwert-Akkumulation, abhanden gekommen ist. Man hat gehofft, dass der Bausektor die schwindende Netto-Investition aufzufangen vermag, mit der Konsequenz, dass man immer mehr Arbeitnehmer zu Eigentum über Kredit motivierte. Man hat den Staatskredit gedehnt um immer mehr ökonomische Aktivität zu motivieren und doch nichts erreicht, weil der grundlegende Strukturwandel hin zu Diensten alle Hoffnungen zerstört. All das hat reichlich wenig zu tun mit ihrem Modell und beschreibt doch die Problematik, in der wir uns befinden, um vieles exakter: Die Krankheit, an der der Kapitalismus leidet, die versiegende Netto-Investition, ist in ihrem Modell einfach ausradiert!

    Alfred Felsberger

    • Vandermonde

      Warum?

      Das Modell zeigt ja nur, dass eine ausgeglichene „Rotation“ (im Modell!) möglich ist. Verläuft die Forderungsakkumulation dagegen langfristig assymetrisch, steigt der ökonomische Druck mit den von Ihnen angesprochenen Konsequenzen.

      Man könnte das Modell auch als Argument für eine entsprechende ausgeglichene Verteilung von Kreditforderungen betrachten.

      Allerdings stellt sich aufgrund der fraktalen Sensitivität bezüglich der Anfangsbedingungen die Frage, ob nicht schon kleinste Abweichungen ausreichen, um eine langfristige Schieflage hervorzubringen. bzw. die oben angenommmene Stabilität des Kreditprozesses wirklich nur eine modellhafte Annahme bleiben kann.

      Zumindest scheint sie es Angesichts der Ausweitung der Kreditvolumen (und damit der Vermögen) in der Vergangenheit zu sein, wenn man von einer zwar verzerrten, aber doch existenten Abbildung in die reale Gütersphäre ausgeht und sich irgendwann die Frage stellt, ob die Investitionen langfristig zu der gewünschten Frequenz und den notwendigen Volumen führt, die zur Begleichung der Forderungen notwendig sind.

      • Das Schaubild ist ein Versuch der modelltheoretischen Integration.
        Konsum und Investitionen (labor, investment, profit, investors firm) werden als effective demand/wirksame Nachfrage zusammengeführt – ohne Zeithorizont.
        Ursachen dafür zu finden, das ist Wirtschaftwissenschaft.
        Startimpulse und Ausstiegsläufe (fraktaler Anfang) sehr betriebswirtschaftlich oder Mikro, Bündelung für Vorhersagen sehr volkswirtschaftlich oder Makro.
        Es fehlen die Zentralbanken.
        Das Ausland ist auch noch zu integrieren (Währungen).
        Sehr, sehr viel Arbeit.

    • Die baumolsche Kostenkrankheit zerstört die ganze Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft….😦

      • Die Idee der Dienstleistungsgesellschaft ist auch nur ein schönes Märchen, was immer dann erzählt wird, wenn es darum geht dem Wahlvolk die Segnungen der jeweiligen Politik zu verkaufen. Weniger politisch gesehen ist dahinter die Theorie der Grenzproduktivität zu verorten, die bis heute nicht erklären kann, wie hoch die „Produktivität“ eines Pförtners ist. Ähnliches gilt für die „Produktivität“ mancher Manager, deren „Leistung“ darin bestand Vermögenswerte in Millionenhöhe in den Sand zu setzen. Im übrigen ist eine „Kostenkrankheit“ Ausdruck einer BWL-Denke, die irgendwo eingetrichtert bekommen hat, daß das Senken von Kosten irgendwo immer mit Effizienzgewinnen verbunden sei, weil ja die freigesetzten Mitarbeiter sofort in einer produktiveren „Verwendung“ eingesetzt würden. Wo allerdings diese Welt sein soll, wurde nicht dazugesagt…🙂

      • Ja, die Leistung von Managern, aber auch in hohen Maße von Politikern sind meist im Nachhinein, oft Jahre erkennbar. Und dann trifft es oft die falschen.
        Ein Problem Baumol mit der Grenzproduktivität zu beschreiben, ist das Hayek & Co. mit den Grenztheorien nach der Baumolschen Kostenkrankheit (1966) im Mode kam.

      • Hatte gestern zu früh geschossen^^ Wobei allein schon das Wissen der Kostenkrankheit (Ursache) vielen BWLern, den weiteren, von dir beschriebenen und tatsächlich vollzogenen Umgang Kopfzerbrechen bereiten dürfte. Leistungsvergleich von Fixkosten (Pförtnern) mit Profitcentern ist sehr gewagt, aber findet im Großen statt.

        Manager leiden teilweise sehr extrem unter der Kostenkrankheit, sie bieten quasi selbst ein Service an. Deren einzige Variable ist die Arbeitszeit um mit der konkurrierenden Produktivität mitzuhalten. Welche sich konsequent erhöht, viele krank macht und die Qualität der Arbeit senkt.

        Die Dienstleistungsgesellschaft ist fast schon eine Zwittergestalt. Die fehlende Produktivität der DL sind Problem und Lösung zu gleich, dies ist sonst nur bei Alkohol so. Auf der einen Seite sind sie durch die die fehlende produktivität arbeitsintensiv und bringen Jobs, auf der anderen Seite sind sie durch die fehlende Produktivität zu teuer. Geschuldet der selektiven Wahrnehmung in unserer Gesellschaft.

      • Vielleicht sollte man den Euphemismus „Dienstleistungegesellschaft“ beiseite lassen und darüber reden, worum es tatsächlich geht. Denn für eine Gesellschaft sind die sozialen Leistungen für Kindheit, Bildung, Krankheit, Alter eine Überlebensbedingung, deren Stellenwert deswegen in den Hintergrund getreten ist, weil in einer Geldwirtschaft noch nicht mal die reale Produktivität, sondern die über den Verkauf erzielbare Rentabilität die zentrale Rolle spielt. Aus der Perspektive der Geldwirtschaft sind soziale Leistungen quasi drittrangig, während die reale Produktivität – die als Vorlage für die Finanzmärkte gilt – immerhin „nur“ zweitrangig ist, obwohl darauf der materielle Wohlstand einer Gesellschaft beruht. Wir haben es hier gewissermaßen mit einer invertierten Maslow-Pyramide zu tun, bei der die physiologischen Bedürfnisse einer Gesellschaft in den Hintergrund treten – angeblich deswegen, weil sie „zu teuer“ seien. Das kommt davon, wenn Lehrlinge an einer Sozialtechnologie herumfummeln (denn der Gebrauch von Geld ist eine effizienzsteigernde Sozialtechnologie) und diese, weil sie nur funktionale Kriterien kennt, sich verselbständigt. Und am schlimmsten sind diejenigen die meinen über eine wildgewordene Sozialtechnologie den moralischen Schutzschirm ausbreiten zu müssen.

        Paul Volcker war durchaus ein vielversprechender Hexenmeister. Leider gab es offenbar noch zu viele Lehrlinge, die es auch noch mal versuchen wollen…

  5. Man kann das Problem ganz einfach auf den Punkt bringen: Der Gewinn hat in dieser Gesellschaft keine Existenzgrundlage mehr. Er hat keine Berechtigung für die Masse der Menschen, die im Dienstleistungssektor arbeiten, weil sie keine oder eine zu geringe Netto-Investition tätigen. Er hat keine Berechtigung für den verbliebenen Kern der Produktion, der sich um die materiellen Bedürfnisse kümmert, weil dieser Kern, gemessen am Gesamtprodukt, bis zur Bedeutungslosigkeit zusammenschrumpft. Das ganze Gefüge verträgt keinen Gewinn mehr, nur mehr eine Entlohnung, und muss ihn doch schaffen um weiter zu existieren. Man kann die Lage mit einer römischen Latifundie vergleichen, wo die Masse der Sklaven hoher Produktivitätsgewinne wegen nicht mehr in der Landwirtschaft tätig ist und sich gegenseitig umsorgt. Alles, was sie füreinander tun, ist völlig substanzlos und dient einem schönen Leben, indem sie sich Unterricht geben, sich gegenseitig pflegen und bilden. Und doch verlangt der Herr einen steitig wachsenden Anteils des Produkts. Doch was ist das Produkt? Er kann nicht von einer Dienstleistung herunterbeissen, er kann sie nicht „sparen“, er kann keine Kriege damit führen. Auch wenn er sich gerne das Bäuchlein streicheln und Unterricht geben lässt, braucht er Handgreiflicheres, auf das er seine Herrschaft stützen kann und findet es nur in den Lebensmitteln. Er usurpiert, was die Sklaven benötigen. Die versorgen sich weiter mit sinnlosen Diensten, streicheln sich von der Früh bis am Abend, und spüren ncht einmal, dass Ihnen die Lebensmittel ausgehen. Im Kapitalismus freilich besorgt´s das Preissystem, der prozentuelle Anteil der lebensnotwendigen Güter am Einkommen steigt. Das Leben wird teurer und teurer und kein Masseur wird das zu verhindern wissen. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man einer Klasse von Herrn nichts mehr zu bieten hat, wenn sie sich von den angebotenen Produkten nur mehr gelangweilt fühlt. Herrschaft, wie jeder Römer wusste, erfordert Qualität, die der Kapitalismus schon lange nicht mehr hat!

    Alfred Felsberger

  6. Anders gesagt: Dekadenz kann niemals ein Zustand der Herrschaft sein. Der Herrscher kann sich mit dem Niedergang nicht synchronisieren, weil das, was er zum Herrschen benötigt: Leben, Macht, das Gegenteil von Niedergang ist. Unsere Kapitalisten sind zu machtlosen Figuren verkommen, die keine Kriege mehr führen und Herrschaft nur mehr in Schuld der anderen übersetzen können. Die erste Tat vorchristlicher Herrscher war der Schuldenerlass, der das Fundament der Herrschaft bildete, auf dessen Grundlage Macht entwickelt wurde. Die letzte Tat der Kapitalisten ist die endlose Verschuldung der anderen, sei es der Staat, die Unternehmen oder das Aussen. Sie kannibalisieren nach innen wie nach aussen und schwächen doch nur sich selbst. Man braucht das nicht beweinen, schon gar nicht lösen, sondern: soll nur fortschreiten in dem dekatenten Gehabe! Auf, auf meine Herren zu weiteren Verschuldungstaten, rechnet Euch reich bis ihr machtlos werdet! Man muss das beklatschen, weil es ein tiefer humanistischer Antrieb ist, der sich hier entfaltet. Der Kapitalist als vollkommener Nihilist, das ist, was wir benötigen! Der Herrscher, über den man spottet, mit dem man Mitleid ob seiner Ohnmacht empfindet. Zum Teufel mit den keynesianischen Ökonomen, die diese nutzlose Herrschaft bis in alle Ewigkeit fortschreiben wollen! Zurück zum Hausvorstand, der immer nur lautete: „Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!“ (F.Nietzsche)

    Alfred Felsberger

  7. Vandermonde

    Hallo Herr Menendez,

    was passiert eigentlich, wenn man davon ausgeht, dass der Konsum aufgrund von stagnierenden Einkommen abnimmt? Also die Absorption trotz Kreditausweitung abnimmt?

    • Man kann, wenn man die Einkommensverwendungsgleichung heranzieht (Y = C + S) durchaus aus einem stagnierenden Einkommen ein geringeres Konsumvolumen deduzieren. Das müßte eigentlich etwas mit einem Rückgang des Investitionsvolumens und damit des Verschuldungsvolumens zu tun haben.

      Sie möchten das aber mit einer Kreditausweitung in Verbindung bringen. Das kann man dann, wenn man wie Richard Werner die „Verwendung“ der Kreditausweitung unterteilt in real- und finanzwirtschaftliche Verwendung. Denn die finanzwirtschaftliche Verwendung von Kredit hat nichts mit dem „realwirtschaftlichen“ Einkommenskreislauf zu tun, denn Kredit für Finanzanlagen bedeutet, daß der Kreis (das Volumen) derer, die Geld hin und herschieben ein bißchen größer wird.

      Eine geringere Absorption kann man in Zusammenhang mit einem steigenden Kreditvolumen nur dann begründen, wenn man unterstellt, daß der Kredit für den Zweck der Anlage auf dem „Finanzmarkt“ erteilt wurde.

      Sonst wird es mehr als schwierig…

  8. Huthmann

    Sehr geehrter Herr Menendez,

    ich kann Sie nur ermuntern mit Ihren Überlegungen und Modellierungen weiterzumachen.

    Allerdings glaube ich nicht, daß man eine Harmonie höherer Ordnung über Fraktale erhalten kann und teile da die Meinung des anderen Kommentators. In den 80er Jahren wurde das auch in der Produktionstheorie versucht (siehe z.B. Prof. Warneke) und ist nicht weiterverfolgt worden. Aus welchen Gründen auch immer.

    Aber über Modellierungen und Simulationen Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Bankensystem und Wirtschaft zu bekommen, halte ich für das Gebot der Stunde.

    MfG

    Huthmann

    • Hallo Herr Huthmann,

      ich kann Ihnen versichern, daß ich in den geldtheoretischen Fragen nicht nachlassen werde. Es ist nur so, daß ich mich derzeit auch mal mit praktischen Fragen des Geldwesens – wie es immer zum Jahresabschluß/ -anfang passiert – beschäftige und daher ein bißchen weniger Zeit habe als sonst.

      Was die Geschichte mit den Fraktalen angeht glaube ich Ihnen gerne, daß dies noch weiterer Erläuterungen bedarf, als es in einem kleinen Blogpost möglich ist. Ich sage es mal so: der Vorschlag, Ökonomie als fraktale Struktur zu sehen, richtet sich gegen die allgemein vorherrschende Sichtweise, einen geschlossenen Kreislauf als Blaupause für die Interpretation von Ökonomie zu akzeptieren. Denn das Problem bei Kreisläufen ist, daß es nicht mehr möglich ist, eine kausale Zurechnung zu machen, weil man sich in der „Kreislaufdenke“ verfängt. Fraktale haben aber einen Ausgangspunkt, genauso wie der Kreditgeldkapitalismus in einem Kredit einen Ausgangspunkt findet, der dann auch seine Verzweigungen hat, die sich dann – na gut, ein bißchen pathetisch – als die Juliamengen eines Fraktals interpretieren lassen. Man kann es auch anders ausdrücken: schiebt einer was an, schieben meistens etliche andere auch mit.

      Ein weiterer Punkt ist aber der: eine fraktale Struktur hat einen strukturbildenden Mechanismus, dessen „Zweige“ aber immer noch für sich selbst ein Überleben definieren müssen oder aber untergehen. Der Punkt ist, daß die individuelle Konstruktion des Einzelprozesses darüber entscheidet, ob dieser ex- oder implodiert, und damit aus der Struktur ausscheidet. Und wesentlich ist, daß das (große) Ganze nicht davon beeinträchtigt wird, ob ein Einzelprozeß untergeht oder nicht – das ist nicht von ungefähr die Vorstellung, daß zu einem Kapitalismus auch der Konkurs gehört. Überlagert man z.B. eine fraktale Struktur mit einer nicht dazugehörigen „Unwucht“, entsteht niemals eine in sich konsistente Struktur.

      Es ist sicherlich noch lange nicht so weit zu behaupten, daß diese Sichtweise zu einer geschlossenen Theorie geführt hätte, aber es ist immerhin möglich zu sagen, daß die Geschlossenheit eines Kreislaufes ein zu enges Denkkorsett ist, um die Dynamik (nein: nicht Komplexität) eines ökonomischen Systems erfassen zu können. Das erweist sich auch immer dann, wenn die Kritik an dem aktuellen ‚mainstream‘ immer wieder dieselben Denkmuster repliziert, die von der „Orthodoxie“ vorgegeben werden und daher kein eigenständiger Gedanke formuliert werden kann. Das Ergebnis ist: man glaubt etwas zu kritisieren und merkt nicht, daß man nur dieselben Denkfehler reproduziert, die man selber irgendwann mal gelernt hat. Heißt: die Kritik ist noch kritikloser als das was kritisiert werden soll. So geht Fortschritt nicht.

      Wenn man ein bißchen Watzlawick rezipiert hat weiß man, daß es immer nötig ist, aus seinen selbstgewählten Denkmustern herauszutreten, wenn es darum geht zu nicht konventionellen Ergebnissen zu kommen. Die fraktale Idee ist ein Versuch von der geschlossenen Kreislaufidee wegzukommen, um ein bißchen mehr die dynamischen Potentialitäten des ökonomischen Prozesses einfangen zu können. Der Post über die „Geldschleife“ ist ja nicht von ungefähr gekommen, sondern aus der (meiner) Einsicht erwachsen, daß man in einer Kreditgeldwirtschaft nicht davon ausgehen kann, daß „Geld“ immer nur hin- und herläuft, sondern auch sein Entstehen und Vergehen hat. Veränderungen zu betrachten ist aber etwas anderes, als an die Quantitätstheorie zu glauben.

      Es mag sein, daß die fraktale Denkweise nicht zu den erhofften Ergebnissen führt. Aber: ein Zurück zu der Denkschranke des geschlossenen Kreislaufs ist trotz einer eventuellen Fehlorientierung mit der fraktalen Denkweise trotzdem nicht mehr möglich. Und das! macht Hoffnung!

      • Sehr geehrter Herr Menendez,

        Ich kann in die Lobeshymne des Herrn Huthmann beim besten Willen nicht einstimmen. Ganz im Gegenteil erscheint mir Ihr Versuch die „fraktale Denkweise“ in die ökonomische Theorie einzuführen, nichts anderes als die Fortsetzung des verherrenden Irrtums: das Schicksal dieser Wissenschaft in die Hände der Mathematiker zu legen. Wieviele logischer Fehlschlüsse, wieviel peinlicher Unkenntnis von Geschichte, wieviel „Zurechtschneiden“ des Menschen auf abstrakte Verhaltensannahmen bedarf der moderne Ökonom noch bis er begreift, dass man Bildung – welch`schönes deutsches Wort! – nicht durch Mathematik ersetzen kann? Wenn es etwas gibt, das mit dem Namen Marx auf ewig verbunden sein wird, dann ist es nicht dieses oder jenes falsch abgeleitete Theorem, sondern die Zurschaustellung der Fähigkeit: eine Geschichte zu erzählen. Alle grossen Sozialwissenschafter, ob ein N. Elias oder ein M. Weber, zeichnen sich durch diese Fähigkeit aus und niemand wird in zwanzig Jahren ein Interesse haben Leuten wie T.Parsons oder P. Samuelson auch nur ein Ohr zu schenken. Ökonomische Theorie heisst:eine Geschichte, ob sie nun wahr ist oder nicht, zu erzählen, den Menschen eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu geben.

        Den Namen Mandelbrot kenne ich, soweit es die ökonomische Theorie betrifft, nur im Zusammenhang mit der Analyse von Preisveränderungen bei Aktien. Ich sehe beim besten Willen nicht, dass Änderungen der Netto-investition einer ähnlichen Verteilung wie die Veränderungen der Aktienkurse folgen könnten. Ganz im Gegenteil haben wir es hier mit einem Muster zu tun, das von steigenden Zuwächsen zu Beginn einer Innovation (neuer Raum, neues Produkt, etc.) zu einer zügigen Spitze und dann zu einem langen Abgleiten auf immer niedrigere Zuwächse führt. Ich bin kein Mathematiker und kann nicht sagen mit welcher Art von Verteilung wir es bei der Veränderung der Netto-Investition zu tun haben, aber dass sie mit Bewegungen von Aktien nichts gemein hat, ist sonnenklar. Vielleicht könnte ich noch zugestehen, dass die Kreditvergabe der Geschäftsbanken einem ähnlichen Muster folgt, doch wird genau damit das Problem wegdiskutiert, dass die Kreditvergabe und die Entwicklung der Netto-Investition schon lange nicht mehr korrelieren, weil die Unternehmen schon seit geraumer Zeit in einen Entschuldungsmodus übergegangen sind. Sie sehen, lieber Herr Menendez, wir haben viele, viele „Ungereimteiten“ zu klären, bevor wir es auch nur wagen könnten, das Feld der statisch-logischen Analyse zu verlassen.

        Mit freundlichem Gruss
        Alfred Felsberger

  9. @ felsberger2012
    Kennen Sie die Geschichten von Max Weber und Talcott Parsons nicht?
    http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/2405/1942

    • Sehr interessant, Danke! Da muss ich wohl eine Lücke auffüllen.-) Ich kenne nur die vernichtende Kritik von N.Elias an T. Parsons in seiner Einleitung zum „Zivilisationsprozess“. Und ich muss Ihnen leider sagen, dass vielleicht ein Herr Parsons ein Interesse hätte sich an die Seite M. Weber`s zu schmiegen, dass aber ein M. Weber wohl kaum ein Interesse daran hätte.-)

      Alfred Felsberger

    • „Elias`Erklärung der modernen okzidentalen Entwicklung ist jedoch ein Rückfall….. Dass alleine aus der Gewaltmonopoliserung und aus der zunehmende Interdependenz des sozialen Verkehrs nicht das Entstehen der modernen Sozialordnung erklärt werden kann….“ (R.Münch) Wenn ich so eine „G`scheidelei“ lese, steigt`s mir hoch. Es hat Strukturalisten gegeben, die ihr Analyse-Prinzip niemals über die historische Zeit gehoben haben, wie zum Beispiel M.Foucault. Es gibt aber Leute, denen es nur daran liegt, historische Zeit ihres Arbeits-Prinzips wegen abstrakt zu verwurschteln, und diese Leute schreiben genauso schönfärberisch wie der Herr Münch. Glaubt der Vogel im Ernst, dass die Staats- und Gewaltexzesse der Moderne Einbildung sind? Gruselig!

      Alfred Felsberger

  10. Der Finanzierungssaldo des deutschen Unternehmenssektors ist seit Jahren positiv, d.h. der Sektor bedarf in toto schon lange keiner Neuverschuldung mehr um seine Netto-Investition zu stemmen. Hinzukommt, dass die Bedeutung des Anleihenmarktes beständig zunimmt, und Anleihen nur dann in eine wachsende Geldmenge (Neuverschuldung) übersetzt werden, wenn sie vom GB-Sektor auf die Aktivseite gestellt werden, nicht aber, wenn sie unter den Haushalten und Fondsgesellschaften distributiert werden. Niemals hätten wir die letzte Bankenkrise so gut überstanden, wenn sich der deutsche Unternehmenssektor nicht schön längst von der Kreditvergabe der Banken unabhängig(er) gemacht hätte. All das deutet auf eine Modifizierung der „neuen ökonomischen Theorie“ Richtung Entschuldung der Unternehmen hin, also in eine ganz andere Richtung als Sie, lieber Herr Menendez, denken wollen. Man muss akzeptieren lernen, dass das „Undenkbare“, ein positiver EK-Zuwachs des Unternehmenssektors, unter Bedingungen einer wachsenden Staatsverschuldung, eines wachsenden Aussenhandelsüberschusses und steigender Geldersparnisse der Haushalte, zum Alltäglichen wird. Mit anderen Worten, kommt das für Sie so unangenehme Theorem, dass Geldersparnisse der Haushalte eine (wenn auch nur eine!) Bedingung der Netto-Investition ist, durch die Hintertür wieder hereinspaziert. All das geschieht aber in einem Moment, wo Sie die Kreditvergabe der Banken zum alles leitenden Prinzip der Investition stilisieren wollen. Deshalb rate ich: nochmal innezuhalten bevor Sie weiter stürmen.-)

    Alfred Felsberger

  11. Die Dominanz- und Widerstandsketten des Kapitalismus? Ich sehe tatsächlich einige Ketten, die mit Widerstand zu tun haben, aber ganz sicherlich nicht so wie ein Strukturalist sich das vorstellt. Man hat nämlich von gewissen historischen Tatsachen auszugehen, was jeden Strukturalisten schmerzen muss. Nur als Beispiel in Bezug auf die heutige Lage:

    1) Die Unternehmen haben ihre Kassa gefüllt, ihre Netto-Verschuldung sinkt.

    2) Die Unternehmen betreiben ihre Entschuldung auf dem Rücken des Staates und eines Grossteils der Haushalte.

    3) Das unterste Drittel der Haushalte ist seit jeher geldlos, scheidet daher – sofern es sich nicht verschuldet – zur Entschuldung der Unternehmen aus.

    4) Das mittlere Drittel der Haushalte wird gerade zerpflückt und um ihre Geldersparnisse erleichtert (Stichwort: „Niedergang de Mittelstands“)

    5) Das obere Drittel der Haushalte tritt zunehmend als Unternehmen auf, indem es Immobilienprojekte betreibt, Unternehmen und Stiftungen gründet und „Diener“ anheuert („Stichwort: „Refeudalisierung“, „Prostituionalisierung“, obwohl es besser „Re-Kapitalisierung“ im Sinne Marxens heissen sollte)

    6) Unternehmen und oberes Drittel der Haushalte verschmelzen ineinander, sei es über Aktien- oder Anleihenfinanzierung. Der alte „Kapitalist“ steht wieder auf.

    7) Der GB-Sektor wird zunehmend auf die Finanzierung riskanter Kredite abgedrängt (zweites und drittes Drittel der Haushalte, gegenseitige Bankkredite).

    8) Der Staat betreibt, sofern ein Wunsch nach Entschuldung besteht, aktiv die Verarmung des Mittelstands.

    9) Krisen des solcherart geschüttelten Bankensektors werden auf den Staat abgewälzt und – in einer neuen Runde – auf die unteren Drittel der Haushalte zurückgespielt.

    10) Korruption, wohin das Auge reicht.

    Sind Ihnen das genug Widerstandsketten? Brauchen sie tatsächlich strukturalistisches Denken, um das zu begreifen?

    Alfred Felsberger

    • Bekämpfen kommt nach begreifen und dafür ist strukturalistisches formulieren ebenfalls einsetzbar; im Kultursystem, Rechtssystem mit den darin möglichen Handlungsübereikünften. Dass die Vorherschaft der Wirtschaft über die Politik offenkundig wirkt „Tatsachen“, kann beginnend gedanklich geändert werden – individuell und dann gemeinschaftlich gehandelt.

  12. Das Schweigen hier beruhigt und wirkt wie die Ruhe vor einem Sturm.

  13. Ja, ich denk`s mir auch: Vielleicht habe ich zu viel Negatives gesagt und zu wenig Positives.-) Deshalb: Die Modelle des Herrn Menendez zeigen sehr gut wie wichtig ein grosser „Pool“ von Geldvermögen der Haushalte für das reibungslose Funktionieren des Systems ist. Immerhin haben wir es im einfachsten Fall (kein Aussen, kein Staat) mit dem Problem zu tun: dass das EK der Unternehmen im Falle von Verlusten als erstes angegriffen wird, während das Geldvermögen der Haushalte, solange es keine Unternehmens-Konkurse gibt, von dieser EK-Reduktion unberührt bleibt. Aus dem Pool können dann die Unternehmen EK-Aufbau betreiben, soferne es Ihnen gelingt Geldeinheiten zur Wanderung von der Aktivseite der Haushalte in ihre Kassa zu bewegen (genauer: Geldersparniszuwachs der Haushalte < Netto-Investition). Diese Möglichkeit des EK-Aufbaus ist stark eingeschränkt, wenn das Geldvermögen der Haushalte nur schwach ausgeprägt ist. Vielleicht liegt hierin der Grund, der von den Ökonomen wiederkehrend beobachteten Tatsache, dass der "Take-off" junger kapitalistischer Räume so schwer durchzusetzen ist, dass also: die Geldvermögen eine gewisse Grenze erreicht haben müssen, um das flexible Lavieren der Unternehmen, zu ermöglichen.

    Alfred Felsberger

    • Für Eigenbetriebe werden 30-40% Eigenkapital empfohlen
      z.B. Mecklenburg-Vorpommern
      „Zu § 9 – Vermögen des Eigenbetriebes
      Eigenbetriebe sind mit einem angemessenen Eigenkapital auszustatten. Hierdurch soll sichergestellt werden, dass der Eigenbetrieb mit relativer finanzieller Unabhängigkeit von der Kernverwaltung nachhaltig seine Aufgaben erfüllen kann. In welcher Höhe das Eigenkapital als angemessen anzusehen ist, lässt sich nicht generell festlegen; eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent sollte allerdings im Regelfall angestrebt werden. Die Angemessenheit ist stets einzelfallabhängig, gemessen an der Sicherung der nachhaltigen Aufgabenerfüllung, zu beurteilen. Als Bewertungsmaßstab dienen dabei die Ertragskraft des Betriebes aufgrund bestehender Eigenfinanzierungsmöglichkeiten aus Eigenkapital sowie die stetige Zahlungsfähigkeit. Es sind also innerbetriebliche wie auch außerbetriebliche Aspekte zu berücksichtigen, wie zum Beispiel steuerrechtliche Fragen. Relevante Gesichtspunkte, die zur Einschätzung einer angemessenen Eigenkapitalausstattung herangezogen werden können, sind unter anderem die Art und Regelmäßigkeit der Finanzierung der laufenden Leistungen, die Absatzsicherheit (hier Anschluss- und Benutzungszwang), die Finanzierung von Investitionen (zum Beispiel über Beiträge) sowie der Grad der langfristigen Vermögensbindung. Insbesondere bei nicht gebührenfinanzierten Betrieben wird kaum eine andere Eigenkapitalausstattung, als die im Kernhaushalt realisierbare, gefordert werden können.“

      http://www.bkpv.de/ver/html/gb1999/himmelstoss_99.htm

  14. Ein hochinteressanter Beitrag!
    Um ihn nur erst einmal „richtig“ zu lesen, muss man schon eine gehörige Portion Zeit investieren! Und dann will man ihn ja auch noch verstehen! Habe dann aber doch letztendlich den Inhalt begriffen, obwohl ich zuvor noch nichts von Fraktalen gehört habe!

  15. Zauber, Ehrfurcht, Gestaltung
    http://www.deutschlandfunk.de/analyse-staub-melancholie-der-materie.1184.de.html?dram:article_id=290900
    Worte, Sätze, die werden können in Mikro und Makro.
    Vielen Dank an soffisticated😉

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