Schlagwort-Archive: Schuldendruck

42 – die Linkliste

SpecklesHier die Linkliste der verwendeten Blogposts, die im Überblicksartikel „42 – das Große Ganze und so…“ verwendet wurden:

https://soffisticated.wordpress.com/2012/06/20/die-buddelkasten-wirtschaftspolitischer-kommentatoren/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/08/01/unser-okonomischer-mainstream-aufzucht-und-hege/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/03/04/homo-oeconomicus-misverstandnisse-der-erklarbaren/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/06/24/ist-okonomie-ein-system/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/09/28/grundsatze-okonomischer-paradigma/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/02/jesse-james-oder-die-abstraktheit-sozialer-verpflichtungsrelationen/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/23/geldschleife-nicht-geldkreislauf/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/09/13/paradigmatische-aspekte-von-i-und-s/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/03/verirrungen-zwischen-geld/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/07/21/wozu-sind-banken-da/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/04/11/verirrungen-zwischen-giralgeld-und-zentralbankgeld/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/05/warum-zentralbanken-zentralbanken-sind/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/08/16/konnen-zentralbanken-das-preisniveau-beeinflussen/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/02/15/logische-typenlehre-iii-uberschus-und-gewinn/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/10/03/paradigmatische-nachdenkliste/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/07/zinsen-individual-oder-gemeinschaftskonzept/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/10/19/das-geldsystem-braucht-keinen-wert/

https://soffisticated.wordpress.com/2013/11/04/dynamische-einsichten-zu-geld-und-zins/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/07/die-wunder-geldpolitischer-hierarchien/

https://soffisticated.wordpress.com/2012/05/26/stufen-von-geldsystemen-ein-kurzdurchlauf/

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MMT – 2

LangusteDie zweite Geschichte, die es lohnt anhand der MMT zu besprechen, ist die Frage was als Funktion des Geldes angesehen wird und wie die Integration von Geld in die Ökonomie erfolgen sollte. In dieser Hinsicht bezieht die MMT eine klare Position. Für sie ist Geld als Geschöpf der Rechtsordnung durch den Staat bereitzustellen, indem dieser durch seine Ausgabentätigkeit der Wirtschaft Geld zur Verfügung stellt, welches dann gewissermaßen nach dem „Durchlauf“ durch die Wirtschaft hinterher durch Steuern wieder eingezogen wird. Das kann man als so etwas wie einen Geldkreislauf ansehen, obwohl dieser erheblich von den üblichen konventionellen Vorstellungen abweicht. (An dieser Stelle kommt auch die alberne Austrian Vorstellung zum Vorschein, daß der „Erstverwender“ von Geld – der mit der ’seigniorage‘ – dadurch eine privilegierte Stellung im Wirtschaftsgeflecht einnimmt, indem er kaufen kann ohne zu leisten. Das widerspricht zwar den Funktionsbedingungen des Kreditgeldsystems, aber das kümmert doch MMTler nicht. Die Theorie ist ja, daß das Geld hinterher per Steuern auch wieder eingenommen wird.)

Geld per Seigniorage

Bei dieser Geschichte ist jedoch ein anderer Aspekt wesentlich, denn diese Art der Integration von Geld in die Wirtschaft reflektiert das Verständnis von Geld als Gut und entspricht insofern der ‚mainstream‘-Auffassung von Geld als exogen vorgegebenem Bestand, welcher von den privaten Wirtschaftssubjekten nun vermittels der Banken dann den Unternehmen zur Verfügung gestellt wird. Diese Bestandstheorie ist analog zu dem Konzept der Quantitätstheorie, die ebenso ein exogen vorgegebenes Geldvolumen postuliert, welches dann von den Haushalten auf Konsum und Ersparnis aufgeteilt wird. Das Witzige daran ist, daß sich die MMT damit genau dieselben Probleme mit der Geldmengensteuerung einfängt wie die Standard-Geldtheorie, die auch an dem Problem knabbert, wie durch Angebot und Nachfrage gesteuert ein gewünschter Zins sich einstellt und wie das Geldvolumen so gesteuert werden kann, daß die Wirtschaftssubjekte auch bereit sind dieses Geldvolumen auch in ihrem Portefeuille zu halten. Man muß es an dieser Stelle mal betonen: diese Probleme gibt es nur bei Geldtheorien, die von einer exogen bestimmten Geldmenge ausgehen. Daß MMTler das nie zugeben werden versteht sich fast von selbst.

Interessant dabei ist, daß die Frage der Steuerung der Geldmenge an einer ganz anderen Stelle festgemacht wird als in der Standardtheorie, wo die optimale Geldmenge durch die Bestandshalteentscheidungen der Individuen bzw. durch deren Wirkungen auf das Preisniveau bestimmt wird. In der Sichtweise der MMT ist die optimale Geldmenge dann erreicht, wenn alle Produktionsfaktoren (weitgehend) vollbeschäftigt sind. Damit wird eine Vollbeschäftigungspolitik formuliert, die offenbar gegen die monetaristische Version der Phillips-Kurve gerichtet ist, womit gleichzeitig die Verantwortung des Staates für Vollbeschäftigung reaktiviert wird. Das mag man als Beitrag für eine aktive Arbeitsmarktpolitik durchaus begrüßen, allerdings werden dadurch die Wirkungen auf die Entwicklung der monetären Bestandsgrößen weitgehend ausgeblendet, deren Nachhaltigkeit (oder eben nicht) unmittelbar die Frage berührt, inwieweit ein derartiges Regime auch eine nachhaltige Vermögenssicherungsqualität der Währung garantieren kann – eine Frage, der man in Bezug auf den US-Dollar einfach ausweichen kann, weil dessen Stellung als Weltwährung derzeit derartige Fragen überflüssig macht.

Im Grunde genommen wird durch eine derartige Sichtweise das Finanzierungsproblem des Staates auf eine naive Art einfach umgedreht, da nicht mehr die Einnahmen des Staates die Ausgaben bestimmen, sondern die Ausgaben die Einnahmen, wobei wohl die Vorstellung vorherrscht, daß man nichts einnehmen kann, was vorher nicht ausgegeben wurde. Diese Sichtweise hat schon einen gewissen Appeal, weil sie genau die Logik beschreibt, welche bei Unternehmen vorliegt, die Unternehmen ihre Umsätze erst dadurch erzeugen, daß sie Kosten aufwenden, die sie dann im Umsatzprozeß wieder einspielen wollen. Das entspricht der Weisheit von Henry Ford bzw. dessen Bonmot: Autos kaufen keine Autos! Die Frage die dabei offenbleibt ist, inwieweit der Gleichlauf von Ausgaben des Staates mit den entsprechenden Einnahmen – den Steuern – stets gewährleistet werden kann  und das auch noch vor dem Hintergrund, daß die Ausgaben des Staates durch sein Steueraufkommen nicht restringiert sein sollen. Nun ja, der Glaube trägt weit! (Vielleicht sollte jemand auch mal den MMTlern erklären, daß ein Staat kein Produktionsunternehmen ist, auch wenn Heerscharen von Ökonomen nicht müde werden zu erklären, wie bedeutend doch die „Investitionen“ des Staates seien. Daß Staatsausgaben für jedes Gemeinwesen wichtig sind, steht nicht in Frage; daß sie genauso finanziert werden können wie private Investitionen ist jedoch mehr als fraglich.)

Damit diese Geschichte nicht ganz so im Regen stehenbleibt hier auch noch die Konstruktion, wie Geld in einem Kreditgeldkapitalismus in Erscheinung tritt.

Geld per Bankkredit

Denn soweit Geld ein Ausdruck sozialer Beziehungen ist, wird die Frage akut, aus welchem Grund Geld als attraktives Medium für die Entlohnung einerseits und die (zumindest temporäre) Wertaufbewahrung andererseits von den Wirtschaftssubjekten gehalten wird – und zwar in dem Sinne, daß die betreffende Währung eine „Realwertsicherung“ hinsichtlich der Preisentwicklung in der Zukunft erlaubt. Das funktioniert dann, wenn Unternehmen Investitionen durch die Vermittlung von Banken finanzieren, womit gleichzeitig durch den daraufhin entstehenden Schuldendruck von den Unternehmen ein reales Leistungsangebot entsteht, welches dazu führt, daß das investierte Geldvolumen, welches ja bei den Haushalten als Einkommen anfällt, für diese die Möglichkeit eröffnet, für Geld etwas Reales kaufen zu können. Dieser simple Mechanismus bewirkt auch, daß Geld in keiner Weise eines Eigenwertes bedarf, weil schon die abstrakte Rückzahlungsverpflichtung der Unternehmen Geld zu einem begehrten Wirtschaftsobjekt macht – und das ohne die Auflage einer staatlichen Stelle Geld zwangsweise als Kompensation für die Übertragung einer realen Ware annehmen zu müssen.

Das Witzige dabei ist, daß Banken, die i.d.R. über Geld ohne eine realwirtschaftliche Leistung verfügen können, durchaus nicht daran interessiert sind, ob der Realwert der Geldeinheit Schwankungen unterliegt oder nicht. Das liegt daran, daß sie letztlich eine genuin nominale Rechnung pflegen und somit für sie realwirtschaftliche Sachverhalte, wie sie beispielsweise in der „Grenzproduktivität“ von Realkapital von der Standard-VWL formuliert wird, überhaupt keine Rolle spielen. Darüberhinaus ist noch erwähnenswert, daß ein Kreditgeldsystem Sparer deswegen nicht braucht, weil der Prozeß der Kredittilgung durch Sparen höchstens behindert wird – was allerdings abhängig von der jeweiligen konjunkturellen Situation ist, ein dynamisches Problem, was bei der Besprechung von Theorie wie der MMT sowieso nicht angesagt ist.

Das ist wahrscheinlich die bitterste Pille für die orthodoxe Wirtschaftstheorie, daß nämlich die gepflegten Realwertkonzepte innerhalb der Funktionsbedingungen des gegenwärtigen Kreditgeldkapitalismus überhaupt keine Rolle mehr spielen. Wie heißt es doch so schön? Im Kapitalismus kennt man den Preis von allem und den Wert von nichts! Klingt nicht schön, bleibt aber so und wird auch nicht mehr geändert. Träumen darf man dennoch.

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Zinsen – Individual- oder Gemeinschaftskonzept?

skyrestSchon zu meiner Schulzeit war es so, daß dann, wenn ein Lehrer versucht hat irgendwelche Klassifikationen zu erläutern mit schönster Regelmäßigkeit keine sinnvollen Schlüsse aus seinen Bemühungen gezogen werden konnten. Das aufgeführte Sammelsurium an Begriffen war meist nicht sinnvoll kombinierbar, geschweige denn, daß sich die vorgestellten Termini sogar gelegentlich widersprochen haben. Bis heute ist das Gefühl übriggeblieben, daß damit auch nichts erklärt werden sollte, sondern vielmehr ein Scheinwissen zur Schau gestellt wird und somit lediglich eine Simulation von Wissen stattgefunden hat.

Dasselbe Gefühl beschlich mich, als ich eine Tabelle zu Gesicht bekam, in der nicht weniger als 25 Zinsfunktionen enthalten waren und die Autorin daranging diese in mehr oder weniger lose Zusammenhänge zu stellen. Erwartungsgemäß war auch an diesem großangelegten Klassifizierungsversuch kaum etwas Vernünftiges zu erkennen, zumal eine wesenserhebliche Funktion überhaupt nicht explizit aufgeführt war. Zwar war durchaus was man erwarten konnte der Zins als Risikoprämie aufgeführt, doch die unmittelbare Konsequenz daraus fehlte einfach. Das hat natürlich seinen Grund, der auch einen wohlklingenden Namen hat und mit „methodologischer Individualismus“ genau auf den Punkt gebracht wird. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als das simple Postulat(!), daß alles, was nicht aus der Wahlentscheidung eines Individuums heraus erklärbar ist, nicht zu dem Fachgebiet Ökonomie gerechnet werden soll. Mit einem derart schlaffen Postulat wird beispielsweise begründet, warum die DSGE-Modelle das nonplusultra der ökonomischen Theorie sein sollen oder warum Argumente, die sich aus saldenmechanischen Gedanken ableiten mit dem Vorwurf(!) „Das ist ja Saldenmechanik!“ als ökonomisch nicht gehaltvoll diskreditiert werden sollen. Komplett lächerlich wirkt ein derartiger Vorwurf vor dem Hintergrund, daß laut „methodoligischem Individualismus“ eine angemessene Analyse makroökonomischer Prozesse dadurch gewährleistet sein soll, daß lediglich die mikroökonomisch fundierten Wahlentscheidungen eines „repräsentativen Wirtschaftssubjekts“ betrachtet werden. (Das ist die logisch inkonsistente Forderung nach einer „Mikrofundierung der Makroökonomie“!) Da schon häufiger die Frage angesprochen wurde, wie das Verhältnis vom Teil zum Ganzen strukturiert ist, sei hier lediglich G. Bateson zitiert: „Insofern, als die Verhaltenswissenschafter noch immer die Probleme der ‚Principia Mathematica‘ ignorieren, können sie Anspruch darauf erheben, 60 Jahre im Rückstand zu sein.“ (Das Buch aus dem dieses Zitat stammt ist aus dem Jahr 1972!)

Nun ist ja die Eigenschaft des Zinses, ein Indikator für das Risiko einer Investitionsentscheidung zu sein, vergleichsweise unbestritten. Es ist ja nicht so, daß individualistische Fragestellungen sich nicht ökonomisch fruchtbar verwenden ließen. Worum es allerdings hier geht ist die Frage, was aus dieser Eigenschaft abzuleiten ist. Irgendwie sollte doch eine Konsequenz mit der Existenz einer Risikoprämie verbunden sein, denn als risikobezogene Größe kann sie nicht lediglich als Argument dafür herhalten, Zinsen als riskante Einkommensquelle zu definieren. Das heißt, daß mit dem Zinsanteil, welcher mit der Risikoprämie verknüpft ist, eine andere Konsequenz verbunden sein muß, als diejenige, Zinsen zu einem Einkommenselement zu stilisieren. Es handelt sich dabei um den schnöden Umstand, daß – bevor sich irgendjemand um die Verwendung von Bruttozinseinnahmen zur Einkommensaufbesserung kümmern kann – es zunächst mal darum gehen muß, und zwar ohne Wenn und Aber, daß damit die Verluste aus abgeschriebenen Forderungen kompensiert werden müssen. Das heißt, daß Zinsen, wie alle anderen Erträge auch, für die Deckung des Aufwands aus Kreditabschreibungen herhalten müssen. Denn auch wenn Forderungsabschreibungen eigentlich eine aktivische Bestandsverringerung darstellen, wird damit die (hoffentlich) eigenkapitalerhöhende Wirkung eines G+V-Überschusses nachträglich reduziert. Die unausweichliche Folge davon ist, daß Zinsen unmittelbar dazu beitragen Bilanzverluste der Banken aus Kreditabschreibungen zu kompensieren.

Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Zinstheorie, deren Focus hauptsächlich darin gesehen wird für Sparer ein Zinseinkommen zu generieren, was ja auch durch die herrschende Geldtheorie nahegelegt wird. Dabei ist diese Theorie, daß die Sparer die Quelle von Geld zur Kreditvergabe darstellen und deswegen zur Zurverfügungstellung von Spareinlagen „angereizt“ werden müßten die Paten-theorie für die felsenfeste Überzeugung, daß Sparer einen Zins zu beanspruchen hätten. Natürlich wird diese Vorstellung durch die Zentraltheorie des Kapitalismus, der allgemeinen Gleichgewichtstheorie nahegelegt, wo die privaten Wirtschaftssubjekte ihre Ressourcen aka Erstausstattungen den Unternehmen gegen einen Leihertrag zur Verfügung stellen, soweit es sich um „Kapitalgüter“ handelt. In das gleiche Horn stößt die Theorie der multiplen Geldschöpfung, deren Credo sich daraus speist die Einlagen von Sparern an den Anfang der Ableitungskette zu setzen.

Welche Konsequenz ergibt sich nun aus der Sichtweise Zinserträge als Kompensation für fehlgeschlagene Kreditengagements zu sehen? Dazu muß man sich zunächst einmal klarmachen, was eine Kreditabschreibung bedeutet. Sie bedeutet, daß ein Kreditnehmer in dieser Höhe Ressourcen in Anspruch genommen hat, denen auf dem Markt kein konkurrenzfähiges Angebot gegenübergestellt wurde. Dies bedeutet, daß der Mechanismus, der dem Kreditgeld überhaupt erst seinen „Wert“ verleiht, durchbrochen wird. Denn dieser besteht essentiell daraus, daß alleine der Schuldendruck dem sich der Kreditnehmer ausgesetzt sieht ihn dazu veranlaßt, gegen Geld reale Leistungen anzubieten, um Zins, Tilgung und (hoffentlich) einen Gewinn zu erzielen. Eine Kreditabschreibung dagegen bedeutet, daß die durch den Kredit finanzierte hoffnungsvolle Investition sich als bloßer Konsum von Ressourcen herausgestellt hat und deswegen ein Kreditvolumen im volkswirtschaftlichen Rahmen „zuviel“ da ist, welches keinen Beitrag zur gesellschaftlichen Leistungserstellung mehr liefert. Die Neutralisierung dieses überschüssigen Kreditvolumens wird dadurch gewährleistet, daß Zinszahlungen gegen dieses konsumtive Kreditvolumen gegengerechnet werden.

Das bedeutet aber, da auch erfolgreiche Unternehmer Zinsen zahlen, daß Zinsen gesamtgesellschaftlich als eine Art Versicherungsprämie angesehen werden können, die alle Kreditnehmer zahlen, obwohl nur (hoffentlich) einzelne Kreditnehmer in die Insolvenz gehen und damit unbezahlte Kreditlinien hinterlassen. Das läßt sich sehr schön mit der Kfz-Versicherung vergleichen, da diese den meisten Menschen als Risikoversicherung bestens bekannt ist. Eine Risikoversicherung zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Prämien der Versicherungsnehmer dazu verwendet, die Schäden, die von einzelnen dieser Versicherungsgemeinschaft angerichtet werden, aus den Beiträgen aller Versicherungsnehmer zu decken. Dabei ist für die Betrachtung hinsichtlich der Interpretation von Zinsen als Versicherungsprämie noch wesentlich einen besonderen Aspekt zu betrachten: denn immer dann, wenn die Risiken bzw. die Wahrscheinlichkeit der Schäden zunehmen, fangen die Prämien für diese Versicherung an zu steigen, da ein höheres Schadenvolumen abgedeckt werden muß. Wenn man dieses berücksichtigt und auf die Konzeption, Zinsen als Versicherungsprämien zu sehen überträgt, wird auf einmal auch klar, daß genau dann, wenn die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen steigt (typischerweise in einer Krise/ Rezession) auch die entsprechenden Risikoprämien/ Zinsen zu steigen beginnen. Insofern mutet es ziemlich rührend an, wenn von allen Seiten unisono in einer Rezession gefordert wird, daß die Notenbank die Zinsen senken müsse, um den Unternehmen „das Geld billiger zu machen“ und die Unternehmen damit „angereizt“ werden mehr investieren. Das kann die Notenbank zwar tun indem sie mit ihren Reizen nicht geizt, wird aber dennoch keine Effekte hinsichtlich der prognostizierten Kreditabschreibungen erzielen können, was eine wesentliche Vorbedingung dafür wäre die Banken zu veranlassen ihre Kreditzinsen zu senken.

Wenn Banken anfangen ihre Zinsen zu senken, dann aus einem anderen Grund: nämlich dann, wenn sich die Aussichten für die Rentabilität von Investitionen wieder verbessern und die Konkurrenz um die „besten“ Schuldner einsetzt, die mit immer besseren Zinsgeboten gelockt werden sollen, wobei die Verringerung der Wahrscheinlichkeit für Kreditabschreibungen (gewissermaßen die „finanziellen Schäden“) diesen Spielraum für diese verbesserten Zinskonditionen überhaupt möglich macht. Letzteres funktioniert allerdings erst dann, wenn durch ausreichende Zinseinnahmen die abzudeckenden „finanziellen Schäden“ weitgehend ausgeglichen sind und nicht noch in den Büchern latente Risiken lagern, deren Existenz eine „verringerte Schadenvorsorge“ praktisch unmöglich machen. Soweit das wie derzeit aktuell der Fall ist können Zinsreduktionen der Zentralbank keine nennenswerten Effekte erzielen, auch wenn die versammelte Presselandschaft bisher üblicherweise jede 0,25%ige Zinssenkung als „wichtiges geldpolitisches Signal“ zu interpretieren gewillt war. Leider übersetzt sich ein sinkender Diskontsatz nicht automatisch in eine großzügige Zinssenkung bei den Krediten und ist nach den vorstehenden Erkenntnissen auch nur als blauäugiges Wunschdenken der Zentralbanken zu interpretieren. Daß die üblichen Begründungen für die weitgehende Zurückhaltung bei der Kreditvergabe dann dahingehend lauten, daß die Wirtschaft sich in einer Konstellation der „Liquiditätsfalle“ befinde, beweist nur, daß das herrschende makroökonomische Denken bisher noch nicht über die Betrachtung intrinsischer Motivationslagen einzelner Wirtschaftssubjekte hinausgekommen ist.

Diese Sichtweise auf die eigentliche Natur von Zinsen wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Theorie, welche versucht Zinsen aus einem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage abzuleiten. Denn was – um mal von der Krise wegzukommen – passiert in einem Aufschwung? Das Geldangebot müßte aufgrund der höheren Ausgabenbereitschaft und der korrespondierenden sinkenden Sparbereitschaft sinken und damit die Kreditzinsen in die Höhe treiben, genauso wie eine höhere Geldnachfrage aufgrund einer höheren Investitionsbereitschaft die Zinsen ansteigen lassen müßte. Man kann zwar ökonometrisch so ziemlich alles ableiten, aber die Zinssenkungstendenzen bei Banken in einem Aufschwung sind vergleichsweise unübersehbar, während die Zinserhöhungstendenzen einer Zentralbank, getragen von einer Motivation, eine „Überhitzung der Konjunktur“ zu verhindern dagegen doch vergleichsweise putzig wirken und ihre intendierten Effekte regelmäßig verfehlen. Umgekehrt, umgekehrt.

Vielleicht noch ein letztes Wort zu dem eingangs erwähnten Kriterium dafür, was Ökonomie ist und was nicht. Die hier vorgestellte Sichtweise wird deswegen nie als ökonomisch akzeptiert werden, weil hier eine Abkehr von dem „methodologischen Individualismus“ vorliegt und es sich damit für die ‚mainstream‘-Ökonomie von vornherein verbietet, derartige Erwägungen ernst zu nehmen. Nun ist ein methodologisches Prinzip keine göttliche Gravur auf einer Steintafel, sondern eine spezifische Art der Gewinnung von Erkenntnis, wodurch natürlich nicht ausgeschlossen wird, daß nichtindividualistische Erkenntnismethoden nicht auch valide Erkenntnisse erbringen könnten. Auch wenn die Aussichten für diese Zinstheorie nicht so rosig sein dürften wird doch wohl eins nicht passieren: daß von der Ökonomie das Prinzip der Risikoversicherung deswegen abgelehnt wird, weil es sich nicht aus individuellen Präferenzen ableiten läßt. Obwohl, man kennt ja Ökonomen: die können auch ableiten, daß es eine positive oder steigende Zahlungsbereitschaft, d.h. eine Nachfrage nach höheren Beiträgen für eine Risikoversicherung geben kann, wenn einerseits die Schadenssumme angestiegen ist und die individuelle Schadeneintrittswahrscheinlichkeit gesunken ist. Das nennt man dann Altruismus oder so… 🙂

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Pitticoin die Lieben – und Platsch

rouletteNun muß man sich ja nicht als kompletter Laie outen, indem man in Bezug auf das Phänomen Bitcoin von einer Währung spricht. Es ist eher angemessen von einem künstlichen Tauschmittel oder künstlichem „Wertgegenstand“ oder meinetwegen von einer „virtuellen Sache“ zu reden, welche es zu einer gewissen Prominenz gebracht hat. Genau dasselbe ist auch schon bei Kunstwerken, Tulpenzwiebeln und einer Unzahl anderer Modeobjekte passiert, ohne daß die Kommentatorenwelt sich entblödet hätte, dabei von einer Währung zu faseln.

Das liegt daran, daß sich kaum jemand darum Gedanken macht, was eine Währung tatsächlich auszeichnet. Eine Währung des modernen Typs ist dadurch gekennzeichnet, daß sie nicht das Tauschverhältnis von Hirsch und Biber, sondern das Stecknadelbeispiel von Adam Smith adressiert. (Dazu gibt es demnächst einen weiteren Post!) Es ist nicht der Tausch, der die Grundlage für das Denken über Ökonomie legen sollte, sondern die Arbeitsteilung, welche auch das Rezept für das Reüssieren moderner Gesellschaften liefert. Der Grund dafür ist darin zu sehen, daß die operative ökonomische Elite instinktiv den Fokus der Bedeutung nicht auf die sogenannten flows, sondern auf die Qualität der stocks legt! Das heißt zwar auch, daß es gelegentlich auch zu Pannen kommt wo Bestände entwertet werden müssen, was dann unproblematisch ist, wenn diese auch einer entsprechenden Abschreibung unterzogen werden (können). Das jüngste Beispiel ist nicht von ungefähr die ‚dotcom‘-Blase, die deswegen so glimpflich verlaufen ist, weil die durchgeknallten „Investitionen“ vorwiegend mit Eigenkapital (IPOs) finanziert wurden und sich niemand darum schert, ob eine Abschreibung von Aktieninvestments erforderlich ist oder nicht.

Letzteres hat natürlich mit Bitcoins nichts zu tun. Denn Bitcoins sind ja nichts anderes als eine Phantasie, deren Bedeutung sich aus einer Vorstellung speist, die sich daraus ergibt, daß ein Glaube existiert, daß sie deswegen, weil sie aus einem „realen“ Prozeß entstanden sind auch einen „Wert“ haben müßten. Das kann man ja glauben, nur: das hat nichts mit irgendeiner Realität zu tun! (Ich habe ja eher den Verdacht, daß dieser Hype eine Marketingmaßnahme von Hardwareherstellern war.)

Das Lustige dabei ist, daß sich die Vertreter des Bitcoin dazu versteigen dessen Existenz als Alternative zu einer Währung zu stilisieren, obwohl dahinter nichts weiter ist, als daß ein Schaumprodukt zu einem Popanz hochdefiniert wird, was letztlich nichts anderes bedeutet, als daß eine lustige Truppe von Nerds sich einen Spaß daraus macht die versammelte Elite der Geldtheorie vorzuführen! Denn wenn irgendwer „Tauschmittel“ ruft, stürzen sich orthodox indoktrinierte Ökonomen sofort auf diese vermeintliche Bestätigung ihrer Vorstellungswelt. Wer dabei an Schande denkt, liegt richtig!

Der entscheidende Unterschied besteht daraus, daß ein Tauschmittel kein Zahlungsmittel ist!  Das eine ist ein fiktiver Wert, während das andere ein Medium ist, welches „nur“ dazu da ist, Schulden zu tilgen. An dieser Stelle wird nämlich klar, daß das hochgelobte „Vertrauen“ in eine Währung nämlich nur dann vonnöten ist, wenn es niemanden gibt, der darauf angewiesen ist, diese Währungseinheiten deswegen zu erwirtschaften, weil er in dieser Währung Schulden zu tilgen hat. Das viel gescholtene Schuldgeldsystem bezieht nämlich seine Funktionsfähigkeit daraus, daß Unternehmer einem Schuldendruck unterliegen und das der einzige Grund für ihre Bereitschaft ist, gegen (substanziell wertloses) Geld reale Leistungen (i.e. für den Konsumenten werthaltige Waren) zu verkaufen.

Im Gegensatz dazu ist ein Bitcoin als „schuldfrei“ (immer wieder lustig) geschöpfte „Währung“ auf Vertrauen angewiesen, weil es für niemanden eine wesentliche Motivation gibt, diese virtuellen Zahlenkolonnen durch ein Leistungsangebot erwirtschaften zu müssen. Die Pannen, die demgegenüber mit Währungen passieren können sind immer dann möglich, wenn es nicht gelingt für die fraglichen Währungseinheiten ein ausreichendes Interesse zu generieren. Im Kreditgeldsystem wird dieses „Interesse“ dadurch erzeugt, daß die Durchsetzung des Schuldendienstes(!) das „Verdienen“ dieser Scheinchen zur „conditio sine qua non“ des Wirtschaftslebens macht. Das ominöse „Vertrauensproblem“ existiert für ein Kreditgeld, wo Kredite effizient eingetrieben werden, schlichtweg nicht! (Das ist übigends der eigentliche Grund dafür, daß Deutschland vergleichsweise geringe Probleme mit der Finanzkrise hat, auch wenn die Bewältigung der ’subprime‘-„Investitionen“ eine deutliche Scharte in die Qualität deutscher Banken geschlagen hat. Von den USA lernen heißt heutzutage eben abschreiben zu können und nicht siegen zu lernen! So ändern sich die Zeiten! Das werden die Chinesen auch noch lernen – sorry folks!)

Der wesentliche Unterschied zwischen Bitcoins und einer Währung ist jedoch der, daß in der modernen Welt hauptsächlich die Referenz(!) auf das Zahlungsmittel zur Abwicklung von Zahlungen Verwendung findet und nicht das Zahlungsmittel selbst. Der ganze Überweisungsverkehr ist davon geprägt durch Anweisungen auf Zahlungsmitteltransfers die Verwendung des Zahlungsmittels in der Interaktion von Zahlendem und Zahlungsempfänger entbehrlich zu machen. Der Transfer des Zahlungsmittels nämlich wird durch die beteiligten Banken abgewickelt, woraus sich auch deren Bezeichnung als Zahlungsverkehrdienstleister herleitet. Im Gegensatz dazu werden Bitcoins selbst hoch wohl persönlich übertragen, so wie es sich für ein Tauschmittel gehört. Was die Eigenschaften eines Tauschmittels angeht: man kann sich sogar bei den Austrians davon überzeugen, daß die Bitcoins als „Konkurrenzwährung“ zu interpretieren sind – ein wirtschaftstheoretischer Kopfschuß sondergleichen!

Wenn Bitcoins zur Währung werden wollen müßten Kredite in Bitcoins ermöglicht werden, womit auch bei Bitcoins die üblichen Probleme entstehen wie sie bei konventionellen Banken existieren. Dann ist es auch mit der Dezentralisierung vorbei, denn dann besteht auch postwendend der Bedarf nach einer Bitcoin-Zentralbank. Dann ist es insbesondere mit der hochwohlgelobten währungspolitischen Anarchie endgültig vorbei, die sowieso nie existiert hat! Als süchtigmachendes „Investment“ und zur Entsorgung jeglicher ökonomischer Vernunft sind sie jedoch ein hervorragendes Spielzeug. Kommt gleich nach Gold!

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Graeber: 5000 Jahre Vorspiel

Es ist ja nicht so schwer zu verstehen: natürlich ist die Menschheitsgeschichte von Schulden geprägt. Man muß sich nur fragen, worum es eigentlich geht: der Sinn von Schulden ist der Ausgleich von Ansprüchen. Das hat nach 5000 Jahren dazu geführt, daß die Produktion für einen anonymen Markt einen historischen Drall erzeugt hat, der dazu führte, daß Schulden zu einer ökonomischen Klammer geworden sind, welche Unternehmer dazu zwingt, zur Bedienung von Schulden Wohlstand zu erzeugen.

Das heißt, daß Schulden konstitutiv für soziales anonymes Handeln sind. Und genau deswegen ist die Qualität der Bedienung von Schulden der Test für erfolgreiche Gesellschaften. (Wer an Deutschland denkt, denkt richtig.)

Deswegen ist auch eine Anullierung von Schulden (Jubilee hört sich so an, wie ein bekifftes Happening) gleichbedeutend mit der Aufhebung gesellschaftlicher Kooperationsbeziehungen, welche ein Konstitutionsmerkmal kreditgeldkapitalistischer Gesellschaften darstellen. Das kann man zwar als anarchisches Konzept wollen, aber man vergibt dabei die Vorteile sozialer Arbeitsteilung. Anarchie und soziale Kooperation sind nun mal nicht kommensurable Konzepte!

Die gegenwärtige Moderne ist letztlich ohne Schulden, also Geld nicht konstruierbar. Denn die Berechtigung von Schulden resultiert aus der Produktion von Waren und nicht Gütern. Letztere gehören in die Welt der Tausch-/ Subsistenzwirtschaft. Von der Theorie der Tauschwirtschaft hat sich die ökonomische Gesellschaftstheorie seit 200 Jahren nicht erholt. (Das ist das paradigmatische Problem!)

Richtig ist: Geld ist etwas wert, weil es Schulden gibt. Und: sie sind unverzichtbar für die Existenz der modenen Wirtschaft. Schulden zu negieren, negiert gleichzeitig die Funktionsprinzipien dessen, was den Erfolg der modernen Gesellschaft ausmacht.

Insofern ist auch der Vergleich mit Schuldenregimen der letzten 5000 Jahre für die Katz, weil der Charakter von Zinsen sich im Verlauf der Industrialisierung und darüberhinaus aufgrund des Umstands, daß Geld als stoffwertlose Entität keinen Knappheitspreis mehr aufweist, fundamental gewandelt hat. Witzigerweise ist der fehlende Knappheitspreis genau das moderne Feature des Kreditgeldkapitalismus, weil durch Schulden der Druck auf die Unternehmer ausgeübt wird, was dann auch zur Produktion von Wohlstand beiträgt. Anders ausgedrückt: Schulden erzwingen ein Leistungsangebot! Der Unterschied ist: bei Werten kann man es sich aussuchen, bei Schulden nicht. Wer Unternehmer ist, weiß das. Träumer wissen das nicht!

Woran liegt das?

„Normalerweise“ ist Geld kein gesellschaftliches Nettogeldvermögen. Barro hat ja schon mal die entscheidende Frage gestellt (ja, auch nur richtige Fragen zu stellen ist manchmal was wert): ‚Are government bonds net wealth?‘! Die kreditgeldtheoretische Antwort lautet: ja, für den Privatsektor (Haushalte + Unternehmen + Banken) IST Geld ein Nettogeldvermögen, insofern als Staatsschulden so gut wie nie getilgt werden. Dieser Sachverhalt füttert jedoch einen kuriosen Fehlschluß: denn durch die „normale“ frühkindliche Sozialisation, daß „Geld arbeiten müsse“ wird postwendend ein auf ein unmögliches Ergebnis gerichtetes Verhalten erzeugt, welches sich in der Skurrilität der Finanz-/ Vermögensmärkte widerspiegelt! Das hat was mit der „unbefleckten Empfängnis“ zu tun, was übertragenerweise letztlich ja auch nur heißt, daß aus Geld das „Mehr-Geld“ werden kann, welches von der Ricardo´schen „Korntheorie des Zinses“ immer wieder versprochen wird. Nicht lachen, die theoretischen Grundlagen des Zinses sind so! Leider! (Für Kenner: Bliss.)

Witzigerweise zeichnen sich die Finanzmärkte durch Tauschoperationen aus, die aus ihrer Anlage heraus kein „Mehr-Geld“ schaffen können – im Sinne von „Mehr-Nettogeldvermögen“. In diesem Sinne können „Erträge“ auf den Finanzmärkten jedoch nur durch zusätzliche Staatsverschuldung erzielt werden. Was für eine lustige Abhängigkeit!

Diesen Teil des Kreditgeldsystems kann man durchaus kritisieren, insofern als dadurch keine gesellschaftlichen Werte im Sinne von Wohlstand erzeugt werden, da sie ausschließlich auf einer Geldvermögensumschichtung beruhen. Von ihnen geht auch keine allokative Wirkung im Sinne von Effizienzsteigerung mehr aus. In dieser Hinsicht hat ja auch die leider sehr polemische Kritik von Sarah Wagenknecht ihre Berechtigung, weil die „Produktion von Kreditketten“ keinen gesellschaftlichen Nutzen entfaltet. Nur: die Banken sind bei diesem Spiel nicht die Hauptverantwortlichen, sondern das Insistieren privater Geldvermögensbesitzer auf einer Rendite für Nettogeldvermögen, welches sich – netto – letztlich nur aus der Staatsverschuldung speisen kann. Denn private Schulden werden bedient oder abgeschrieben, Staatsschulden werden „rolliert“ bzw. mit neuen Schulden „finanziert“ – was dann die privaten „Gewinne“ ausmacht.

Das damit verbundene Problem der ’savings glut‘ tauchte ja auch erstmals bei dem „Recycling der Petro-Dollars“ auf und wurde nach dem „Ende der Geschichte“ zu einer Problemlawine, deren Ziel auf ein unmögliches Ereignis gerichtet ist – die Erzeugung von „Mehr-Geld“! Die Kapazitäten kognitiver Dissonanz reichen allerdings weit genug, um selbstverständliche Sachverhalte der Wirtschaftslebens (daß das gesellschaftliche Nettogeldvermögen stets und immer gleich NULL ist) durch den Glauben an eine vermeintliche „Mehr-Geld-Wahrheit“ zu transzendieren.

Die Entwicklung zu diesem Kreditgeldkapitalismus erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert – seit Bretton Woods, wo sich die Welt von dem Joch des „Warengeldkapitalismus“ befreien konnte und die Zentralbanken dieser – kreditgeldkapitalistischen – Welt von einem ‚lender of last resort‘ zu einem ‚lender of first liquidity‘ transformiert wurden! Daher sind 5000 Jahre „Geldgeschichte“ für die Gegenwart nur das: eine kurzweilige Geschichte, sonst nichts!

Nachbemerkung:

Möglicherweise muß die Welt anerkennen, daß der Verhandlungsführer der Amis in Bretton Woods W. White gegen Keynes doch die weitsichtigere Position vertreten hat, weil mit Keynes wohl – kurioserweise – der „Goldstandard“ noch länger überlebt hätte. Und vielleicht hatte A. Smith doch Recht damit, daß Eigennutz (in diesem Fall: der Amis) zu sozialen (weltwirtschaftlichen) Wohlfahrtseffekten führen kann – was sie natürlich nie beabsichtigt haben – warum auch, Staaten haben Interessen, sonst nichts!

Wie auch immer: das ‚occupy‘-Projekt ist genauso vergeblich, wie es der Glaube der „Finanzmärkte“ ist, aus Geld „Mehr-Geld“ zu machen!

Don Quichote läßt grüßen!

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Verirrungen zwischen Geld und Forderungen

Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen taucht in der wirtschaftstheoretischen Diskussion immer wieder die Behauptung auf, daß Geld, weil es ja irgendwie eine Schuld der Zentralbank sei, daher eine Forderung darstellen müsse und diese Forderung sei ein Anteil am Sozialprodukt. Gelegentlich werden derartige Dinge als selbstverständlich gültige Binsenweisheit dargestellt, deren Wahrheitsgehalt qua „Selbstverständlichkeit“ außer Frage steht. Man sieht ja, daß man Geld für Güter eintauschen kann – man kann es ausgeben und erntet keinen Widerspruch.

Und genau diese vermeintliche „Binse“ ist nicht korrekt! Am leichtesten erkennt man das durch einen Blick ins BGB. Eine einfache Rückbesinnung auf die Erinnerungsspuren an die zweistufige Konstruktion des Kaufvertrages läßt erkennen, daß ohne das Verpflichtungsgeschäft aus $ 433 BGB usw. KEIN Erfüllungsgeschäft nach $ 929 BGB usw. entstehen kann. Selbst eine Übertragung von Geld ohne Gegenleistung setzt das Zustandekommen eines Schenkungsvertrages voraus, d.h. die Annahme des Angebots einer Schenkung. (Ja, auch eine Schenkung ist ein Vertrag, der durch zwei übereinstimmende Willenserklärungen geschlossen wird!) Verpflichtungsgeschäfte stehen ja auch mit gutem Grund im Abschnitt Schuldrecht, während Erfüllungsgeschäfte demgegenüber im Abschnitt Sachenrecht des BGB zu finden sind.

Soll heißen: ohne einen Geschäftspartner, der als Gegenleistung eine Zahlung in Geld akzeptiert, gibt es für Geld keine Verwendung. Das bedeutet aber auch, daß Geld selbst noch keine irgendwie geartete Forderung begründet. Würde Geld eine Forderung darstellen, wäre schon allein mit dem Besitz von Geld eine schuldrechtiche Leistung verbunden, so ist es aber nicht! D.h. die Vermutung, daß Geld = Forderung gilt, vermischt eine phänomenologisch motivierte Erfahrung mit einem juristisch wie wirtschaftstheoretisch völlig konträr fundierten Sachverhalt.

Noch nicht mal die oft kolportierte Scheingewißheit, daß der Bargeldumlauf, weil er ja eine Passivposition der Zentralbank darstellt, eine Schuld der Zentralbank und folglich eine Forderung des Geldinhabers darstellt, kann als Argument für die These „Geld = Schuld“ herhalten.

In ‚a nutshell‘ was Geld ist: ein (Geld-)Schuldentilgungsmittel! Nicht mehr und nicht weniger. Auch beim Kaufmann von Venedig wurde letztlich die eigentliche Schuld (ein Pfund Fleisch des Schuldners) in eine Geldschuld „umgerubelt“, jedoch zeigt das ganz deutlich, daß die Frage der Gegenleistung nicht automatisch auf Geld lauten muß, selbst wenn es meistens so ist.

Warum erscheint die Vermutung, daß Geld selbst bereits eine Forderung darstelle, so plausibel? Nun, weil die Einräumung eines Kredites, der dem Schuldner das Recht einräumt über einen bestimmten Zeitraum über eine bestimmte Summe von Geld zu verfügen, den Schuldner verpflichtet, selbiges wieder zu erwirtschaften. Er ist somit dazu gezwungen ein Leistungsangebot (Warenangebot) zu machen, um die fälligen Geldsummen zu erwirtschaften. Wegen dieses Zwanges, wegen der Existenz des Schuldendrucks wird das produzierte Warenangebot mit Geldpreisen ausgezeichnet und nicht deswegen, weil irgendein „Vertrauen“ in den „Geldwert“ existiert. Insofern „vertraut“ ein Einkommensempfänger letztlich nur in den Schuldendruck der Unternehmen, auch wenn es ihm nicht bewußt ist. (Daß dieser Schuldendruck mit einem Gewinninteresse seitens der Unternehmer einhergeht, stört dabei nicht!)

Von einem derartigen Standpunkt aus gesehen ist dann auch klar zu definieren, was es mit dem Begriff der „Ware“ auf sich hat. Nach dem vorstehend gesagten ergibt sich: Ware ist nichts anderes als kalkulierter Geldwert. Heißt: für einen Unternehmer hat die Ware nur insofern Bedeutung, als sie dazu eingesetzt werden kann, um durch den Erlös für die Ware den Schuldendienst zu leisten und möglichst ein Nettoeinkommen aus der unternehmerischen Tätigkeit zu erzielen. Ware ist für den Unternehmer nur Mittel zum Zweck der Wiedererlangung der verauslagten Kosten mit dem Ziel, einen Überschuß der Erträge über die Kosten zu erzielen. Und solange die Unternehmer diese Motivation haben, kann man auch daran glauben, daß ja Geld eine Forderung sei. Daß das nicht stimmt, stört ja nicht!

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