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Wozu ist ein Markt?

Restaurant Kremmen„I am, as a theorist, more concerned with the intellectual move which axiomatically ensures that the invisible hand is never observed in reconciling inconsistent plans and so provides no account of how it might actually do this. It seems clear that this leaves the theory essentially incomplete. It also seems obvious that it cannot be usefully confronted with other theories, for it is no answer to the Keynesian proposition that there may be states in which willing workers cannot find a job at the going wage to announce it as an axiom that this can never happen.

Less extreme theories have recognised that some story must be told and to the non-economist the chosen one is known as the ‚law of supply and demand‘. Here the invisible hand is actually set in motion. When demand for anything exceeds its supply the price will go up, and vice versa when supply exceeds demand. In taking this account seriously, one finds oneself studying a rather complex dynamic system. It is a fact that this study has not led to the conclusion that this behaviour of prices must guide the economy to its tranquil equilibrium. Indeed, almost the converse is true: only very special assumptions seem to ensure this happy outcome.“ (Hahn, F.H., Equilibrium and Macroeconomics 1984, S. 125)

Dieses Zitat stammt nicht etwa von irgendeinem kenntnisbefreiten Kritiker der ökonomischen Theorie, sondern von einem der ausgewiesenen Kenner und Protagonisten der allgemeinen Gleichgewichtstheorie. Mal abgesehen davon, daß er das Grundmodell der Marktwirtschaft als ‚essential incomplete‘ bezeichnet ist bemerkenswert, daß er die ständig kolportierte Geschichte von den segensreichen Wirkungen von Angebot und Nachfrage als etwas charakterisiert, was Menschen mit geringen ökonomischen Kenntnissen vermittelt wird, damit diese überhaupt eine Vorstellung davon bekommen, was die zentrale Funktionslogik der allgemeinen Gleichgewichtstheorie überhaupt ist. Die Konsequenz aus dieser Behauptung ist durchaus eklig: sie besagt, daß das Marktmodell als Funktionsvorstellung für die Analyse gesamtwirtschaftlicher Bedingungen offenbar schlichtweg ungeeignet ist und eher als allegorisches Propädeutikum angesehen werden sollte, als als ernstzunehmende Funktionsbeschreibung.

Ein derartiger Befund kann allerdings nur denjenigen aufschrecken, der seine Auffassungsgabe noch nicht dem vermeintlichen ‚common sense‘ unterworfen hat. Denn wie so viele Halbwahrheiten auch ist die Vorstellung davon, daß eine Marktwirtschaft valide Funktionsbedingungen aufweisen würde, einer schöngeistigen Phänomenologisierung zuzuordnen und nicht einer ausgereiften modelltheoretischen Konzeption, wie man es erwarten würde, wenn diese Botschaft aus unzähligen Lehrbuchdarstellungen hervortönt. Daher lohnt es sich zu ventilieren, welche Funktionsvorstellung das Marktmodell überhaupt ausweist und ob diese Funktionsvorstellung überhaupt geeignet ist, den Bedingungen einer komplexfähigen Ökonomie gerecht zu werden.

Eine kleine Bemerkung sollte noch vorab eingefügt werden, die das übliche Angebot-Nachfrage Diagramm betrifft, weil dies als zentrales Lehrbuchelement allen Ökonomen irgendwann mal beigebracht wurde. Es wird sich zeigen, daß der zentrale Vorbehalt dagegen ist, daß die Ableitung der Angebots-Nachfrage Kurven zunächst aus einer mikroökonomischen Perspektive erfolgt, deren zentrale Voraussetzung darin besteht, daß diese voneinander unabhängig sind. Die Nachfragekurve wird aus den Präferenzen der Haushalte abgeleitet, während die Angebotskurve aus dem aufsteigenden Ast der Grenzproduktivitätskurve entstammt, welche die abnehmende Produktivität von Produktionsprozessen reflektiert. (Letzteres wird durch empirische Untersuchungen als unhaltbar festgestellt, was jedoch nicht dazu geführt hat, daß dieses Konzept jemals von dem mainstream der ökonomischen Theorie jemals in Frage gestellt worden wäre.) Soweit wäre ja noch alles in Ordnung, wenn nicht dann der Übergang zu dem gesamtwirtschaftlichen Modell die Grundlage des einzelwirtschaftlichen Modells schlichtweg aushebelt: es gibt nämlich in der Makroökonomie kein ‚ceteris paribus‘!

Nun muß man ja nicht bestreiten, daß es in kapitalistischen Ökonomien durchaus so etwas gibt wie Märkte. Die wesentliche Frage wäre jedoch zu ergründen, was sich tatsächlich auf Märkten abspielt, deren Funktion ja irgendwie doch zu den effizienten Ergebnissen führt, die man auf Märkten beobachten kann, die durch geldwirtschaftliche Vorgaben geprägt sind. Wie man sich leicht vorstellen kann, wird es hier nicht darum gehen alle möglichen schöngeistigen Vorstellungen zu rekapitulieren, welche um den Begriff „Markt“ gesponnen worden sind. Denn jenseits dessen, was üblicherweise zu diesem Thema angeboten wird, ist der Marktbegriff dahingehend zu prüfen, wie er von der dahinterstehenden Theorie begriffen wird. Man mag sich seine Vorstellungen davon machen, was ein Markt sein soll, man mag an Flohmärkte oder Supermärkte oder auch Arbeitsmärkte denken. Entscheidend ist dabei jedoch, was in dem theoretischen Rahmen, der verwendet wird, um den Marktbegriff zu formulieren, als die funktionale Eigenschaft angesehen wird, was ein Markt zu leisten hat. Insofern sind üblicherweise die Interpretationen dessen, was ein Markt für Wirkungen entfaltet davon geprägt, die phänomenologischen Aspekte zu beschreiben, ohne daß damit mehr als diffuses Verständnis davon erzeugt würde, welche Bedeutung ein Markt in einem volkswirtschaftlichen Begründungszusammenhang tatsächlich besitzt.

Hilfreich bei dieser Geschichte ist folgende Graphik, welche die Markttheorie in einen Zusammenhang mit der Haushaltstheorie und der Unternehmenstheorie setzt, weil hierbei ersichtlich wird, welche funktionalen Kriterien bei der Formulierung eines adäquaten Marktbegriffes erforderlich sind.

Markttheorie

Man sieht daran sehr schön, daß es bei dem Grundlagenmodell der Marktwirtschaft um das zentrale Problem geht, daß ein Gleichgewicht erreicht werden soll, dessen Kriterium ist, daß es bei dem gleichgewichtigen (relativen) Preissystem zu einem Verschwinden der Überschußnachfrage kommt, d.h. daß diese zu Null werden, was bedeutet, daß ein Individuum bei dem geltenden Preissystem keine Möglichkeit mehr hat, seine Situation durch Umschichtungen zu verbessern. Denn ein Individuum wird nur dann sein Angebot bzw. Nachfrage ändern, wenn die Preissignale, die er empfängt ihn dazu veranlassen, seine angebotenen/ nachgefragten Mengen zu ändern. Für den Haushalt sind die (relativen) Preise insofern maßgeblich, als sie darüber bestimmen, wie hoch sein Handlungsspielraum ist, d.h. wie es mit seiner Budgetrestriktion beschaffen ist. Denn ohne Budgetrestriktion kann er keine sinnvolle Wahl zwischen den Alternativen treffen, ohne die Vorgabe der Preise hängt die Budgetrestriktion in der Luft. Man kann wenn man so will das „Herantasten“ an das gleichgewichtige Preissystem damit vergleichen, daß der Haushalt je nach gegebener Budgetrestriktion ein dazu passendes Angebots-/ Nachfrageprofil wählt. Man kann sich an dieser Stelle vielleicht vorstellen, was Hahn eingangs ausdrücken wollte, indem er von einem ‚rather complex dynamic system‘ gesprochen hatte.

Man hat es also beim Grundmodell der Marktwirtschaft mit einer Optimierung unter sich verändernden Nebenbedingungen zu tun, wobei die konstante Größe in diesem Prozeß die Präferenzen der Haushalte sind, so daß die Änderung der Angebots-/ Nachfragemengen lediglich davon abhängig sind, wie der aktuelle relevante Preisvektor beschaffen ist. Das wiederum bedeutet – im Gegensatz zu der üblicherweise kolportierten Version, daß das Individuum durch seine Entscheidungen die Ökonomie steuern würde -, daß die Bestimmung des allgemeinen Gleichgewichts der Marktwirtschaft aus der Festlegung des gleichgewichtigen Preissystems besteht, was postwendend bedeutet, daß dieses Marktmodell dazu da ist, um für die Haushalte die relevante Budgetrestriktion zu bestimmen. Denn ohne die relevante Budgetrestriktion kann auch der ‚homo oeconomicus‘ nicht optimieren, geschweige denn sein Angebot bzw. seine Nachfrage bestimmen, er ist dann plötzlich völlig machtlos, weil für eine Optimierung (Maximierung) keine Grundlage existiert. (Es gibt bestimmt noch Leute, die das sozialistische Prinzip kennen: möglichst viel erreichen bei möglichst geringem Aufwand. Ich hoffe, diesen Unfug muß man nicht auch noch erläutern!)

Aus all dem Gesagten ergibt sich, daß die Funktion eines Marktes die Bestimmung des gleichgewichtigen Systems der relativen Preise ist, was gleichbedeutend mit der Bestimmung der relevanten Budgetrestriktion für die Haushalte ist. (Dieser Prozeß findet spiegelbildlich auf der Seite der Unternehmen statt, wobei die Vorgabe der Unternehmen die Technologie darstellt, die für sie die Optimierungsgrundlage liefert. Ich verzichte hier darauf, diesen quasi analogen Vorgang noch extra zu diskutieren.) Dieser weithin unbekannte Umstand hat jedoch eine eklige Konsequenz: das Angebots-/ Nachfrage-Diagramm der Mikroökonomie, welches Heerscharen von Studenten beigebracht wurde ist erst dann als analytisches Instrument für gesamtwirtschaftliche  Probleme anwendbar, wenn das relevante Preissystem bestimmt wurde – sonst nicht. Diese Notwendigkeit der Existenz des gleichgewichtigen Preissystems kann nicht mit Rückgriff auf einen ‚deux ex machina‘ (oder Auktionator) postuliert werden, da – wie es Hahn sehr schön ausgedrückt hat – ‚the invisible hand is never observed in reconciling inconsistent plans‘! Der Auktionator als Vorstellung mag ja ganz spaßig sein, was Not tut ist jedoch die Deklarierung des Verfahrens, mit dessen Hilfe dieses Gleichgewicht zu erreichen wäre. Man braucht da nicht lange zu raten: da gibt es Nichts. Nichts! Null! Nada! (Nur die Leute, die noch wissen, was im real existierenden Sozialismus die „material-technische Versorgung“ war, werden sich noch gut daran erinnern können, WIE hoffnungslos dieses Unterfangen gewesen ist. Und das soll die zentrale Funktionalität der Theorie der Marktwirtschaft darstellen?) Und dennoch heißt die Antwort auf die Frage: Wozu ist ein Markt? : der Markt bzw. das Marktprinzip hat in der Neoklassik bzw. in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie die Funktion den Vektor der gleichgewichtigen relativen Preise zu bestimmen, welcher bewirkt, daß alle Individuen bei den gegebenen Preisen keine Änderung ihrer Nachfrage sowie ihres Angebotes mehr vornehmen.

Das Interessante an dieser Perspektive ist, daß sich 99% der Kritik der Neoklassik damit an einer völlig falschen Stelle befindet, obwohl man aus der Theoriegeschichte durchaus wissen müßte, wo der eigentliche Defekt steckt. Man kann den Neoklassikern zugutehalten, daß sie es lange Zeit vermocht haben, ihre eigentliche Schwachstelle zu vertuschen, indem sie einen Popanz wie den ‚homo oeconomicus‘ zum Zentrum der DAGEGEN von vornherein untauglichen Angriffe gemacht haben. (Don Quichote läßt grüßen!) Denn die eigentliche Frage für die präferenzgesteuerten Entscheidungen der Haushalte ist ja nicht die, ob sie lieber Artischocken oder Hummer haben möchten, sondern wie hoch der Handlungsrahmen ist, mit Hilfe dessen sie erst eine sinnvolle Entscheidung über ihre präferierte Wahl herbeiführen können. Das Wichtigste an der Frage wie denn nun die Budgestrestriktion genau aussieht ist der Umstand, daß diese Frage niemals individuell geklärt werden kann, sondern sich als Ergebnis des sozialen Prozesses „Findung der Gleichgewichtsposition“ (ein Kommunikationsprozeß!) herausstellt. Dieser Nexus, die Budgetrestriktion als soziales Phänomen sehen zu müssen begründet, daß selbst in der Neoklassik Ökonomie eine genuin soziale Komponente aufweist,  die nicht, wie Heerscharen von Schreiberlingen es darstellen, aus Horden autistischer Individuen geformt wird, die nichts weiter zu tun haben, als ihren egoistischen Motiven nachzugehen.

Im Grunde genommen wirft dieser Befund ein neues Licht auf eine alte Anekdote die besagt, daß der Sohn des Aga Khan nach einer Vorlesung Keynes gefragt haben soll: „Meister, wie funktioniert das ohne Budgetrestriktion?“ Es hat natürlich seinen Grund, daß nur jemand, der es nicht gewöhnt ist sich einer Budgetrestriktion unterwerfen zu müssen, die Fähigkeit aufweist zu erkennen, daß die Existenz der Budgetrestriktion ein virales Problem der ökonomischen Theorie darstellt. Man könnte ja mal spaßeshalber vermuten, daß Aga Khan Junior nicht gemeint hat, daß er selbst damit nichts anfangen kann, weil er diese Budgetrestriktion nicht kennt, sondern genau gesehen hat, daß die Ableitung der Budgetrestriktion aus dem Präferenzmechanismus der Neoklassik de facto nie funktionieren kann. (Das erinnert auch ein wenig an das Ergebnis der Cambridge-Kontroverse, weil sich ja auch die Frage nach einem eindeutigen Maß für Kapital als nicht lösbar erwiesen hat.) Wie die Kapitaltheorie besitzt auch die Markttheorie der Neoklassik keinen faßbaren Funktionalismus, womit sich dann auch die Bemerkung von Hahn bestätigt, ‚that this leaves the theory essentially incomplete‘. Wohlgemerkt: „essentiell“ und nicht etwa lediglich im Hinblick auf eine unbedeutende Nebensächlichkeit!

Was fängt man nun mit einer derartigen Erkenntnis an? Es stellt sich die Frage, ob man gewillt ist, die Funktionalität des Verfahrens, wie eine Budgetrestriktion entsteht ernstzunehmen oder nicht. An diesem Punkt erweist sich, ob man es mit einer validen ökonomischen Theorie zu tun hat, oder ob man weiterhin gewillt ist, die Ummöglichkeit der Formulierung einer Budgetrestriktion aus dem neoklassischen Begründungszusammenhang heraus ergeben zu akzeptieren und lieber weiter an die Funktionalität von „Angebot und Nachfrage“ glauben will. Letzteres kann man ja machen, dann kann man auch gleich die Geschichte vom Klapperstorch für Evolution halten.

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Paradigmatische Aspekte von I und S

puppi0Heiner Flassbeck hat einen Aufruf gestartet das Rätsel von Sparen und Investieren noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Ich bin mit dem folgenden Beitrag insofern diesem Aufruf zwar insofern nicht gefolgt, als ich auf die außenwirtschaftlichen Aspekte an dieser Stelle nicht eingehe. Aus grundsätzlicher Perspektive habe ich mir die Ausführungen jedoch unter die Lupe genommen und denke, daß eine umfassende Antwort auf das ’savings conundrum‘ (mindestens) drei Bereiche umfassen müßte.

1. Real vs. Monetär

Die Behandlung des I = S Themas kann nicht davon getrennt werden, daß es sich hierbei um zwei Denkrichtungen handelt, von denen die eine in einer ausformulierten Version vorliegt. Die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts kann im Grunde genommen als die Basis der Neoklassik verstanden werden, da sich alle Argumente hinsichtlich dieses Problemkreises auf die darin enthaltene Logik der relativen Preise beziehen. Legt man dieses Weltbild zugrunde sind alle widersinnig erscheinenden Thesen der Neoklassik logisch ableitbar, was dann zu den von Ihnen angemerkten widersinnigen Resultaten eines Mayer führt. Der Punkt den ich damit herausstellen will ist, daß es keinen Erfolg versprechen kann mit modellimmanenten Argumentationen gegen Vertreter dieser Theorie vorzugehen, weil denen stets der Rückhalt eines konsistenten Denkmusters zur Verfügung steht.

Das führt dazu konstatieren zu müssen, daß es ein derartiges vergleichbar konsistentes Denkmuster auf Seiten der Kritiker des ‚mainstream‘ nicht gibt, auch wenn einige Ansätze durchaus eine hohe Qualität aufweisen. Das macht es naturgemäß schwierig gegen die Orthodoxie einen Fuß auf die Erde zu bekommen. Dennoch ist es nicht aussichtslos zu einer (Kredit-) Geldtheorie zu kommen, welche eine vergleichbar konsistente Ordnung aufweist, um damit der Neoklassik etwas Ebenbürtiges entgegenzustellen.

Das führt mich schon zu Punkt

2. Begriff der Investition

Der Investitionsbegriff der Neoklassik ist real orientiert, so daß man stets im Kopf behalten muß, daß damit keine monetären Ausgaben verbunden sind. Das wird dadurch überlagert, daß üblicherweise von monetären Größen gesprochen wird, obwohl sich eine derartige Argumentation aufgrund der realen Grundkonzeption der Neoklassik eigentlich verbietet. Das wird immer wieder dann deutlich, wenn Kritik an der Neoklassik geübt wird und deren Vertreter dann immer wieder darauf zurückgreifen müssen, daß es ja eigentlich nicht das Geld sei, welches eine Investition ausmachen würde. Die Mimikry der Neoklassik, über Geld zu reden aber gleichzeitig reale Güter zu meinen ist manchmal schwer zu durchschauen, so daß sich die Kritik gelegentlich davon irritieren läßt.

Dabei wird doch gerade für den deutschen Sprachraum nahegelegt, daß Investition als eine monetäre Angelegenheit zu behandeln ist. Denn man kann das Diktum von Kruschwitz: „Eine Investition ist eine Zahlungsreihe, die mit einer Auszahlung anfängt.“ durchaus ernst nehmen, indem man es zum Ausgangspunkt einer Geldtheorie macht, die sich nicht mehr von dem Realanspruch (principles) der Neoklassik beeindrucken lassen muß.

Letzteres hat aber bereits Auswirkungen auf den Investitionsbegriff bzw. auf den Begriff der Ersparnis. Denn Investition als Ausgabe (Auszahlung) zum Kauf von Produktionsfaktoren erzeugt automatisch Einkommen, so daß man als Status der Einkommenschaffung konstatieren muß: 1000€ Kredit aufgenommen, 1000€ Einkommen und gleichzeitig 1000€ Ersparnis geschaffen. Der Punkt dabei ist: solange der Kredit nicht getilgt wird/ ist, bleiben die dadurch erschaffenen Nettogeldvermögen erhalten und verteilen sich allenfalls von den Einkommensempfängern zu den Unternehmen.

Wenn man das aber auf diese Weise zu sehen gewillt ist, gewinnt die Keynes-Formel auf einmal einen anderen Stellenwert, so daß es dann nicht mehr

Q = I – S

heißt, sondern

I = Q + S

was letztlich anzeigt, daß das durch den Kredit geschaffene Nettogeldvermögen sich letzlich entweder bei den Haushalten oder den Unternehmen wiederfinden muß. Das Entscheidende dabei ist, daß sich die Summe Q + S solange nicht ändern kann, wie sich die Größe I nicht ändert, was nichts anderes bedeutet, als daß man durch noch so häufiges Ausgeben (flows) die Bestandsgröße Geldvermögen (stock) nicht reduzieren kann.

Ein derartiger Begriff der Investition grenzt sich jedoch von vornherein von einem Investitionsbegriff ab, der den Wert des Realkapitals zum Inhalt hat. Die Konsequenz dieser geldtheoretischen Interpretation ist, daß im Rahmen einer Geldwirtschaft Investition und Ersparnis nicht mehr simultan aus den preisgesteuerten Entscheidungen von Unternehmen und Haushalten entstehen, sondern aus Entscheidungen darüber ein Kreditverhältnis (dem im Nachgang die Einkommensbildung entspricht) zu begründen oder eben nicht. Letzteres ist jedoch nicht eine Entscheidung über reale Dinge, sondern über die Wahrscheinlichkeit, ob ein vergebener Kredit auch fristgemäß getilgt werden kann oder nicht. Für die I=S Problematik bedeutet das einerseits, daß I begriffen als einkommenschaffende Verpflichtungsgröße völlig unabhängig von S ist, oder schärfer formuliert, daß S völlig von der Entscheidung über I abhängig ist und somit eine eindeutige Kausalität begründet werden kann.

i

.

.

.

Das lenkt die Frage darauf, was es denn ist, was die VGR stets mit dem Begriff Ersparnis meint. Richtig ist, daß es diese Entscheidung der Haushalte über die Verausgabung ihres Einkommens tatsächlich gibt. Von einem vermögenstheoretischen Standpunkt gesehen entscheiden sie aber nicht über die Höhe der volkswirtschaftlichen Ersparnis, sondern lediglich über die Aufteilung der Ersparnis auf die Ersparnis der Haushalte sowie die Ersparnis der Unternehmer, mithin:

s

.

.

Wie von vielen Volkswirten bereits angemerkt, handelt es sich bei der Entscheidung der Haushalte über Konsum oder Ersparnis um die Entscheidung über die Verteilung des gegebenen Einkommens, jedoch nicht um die Determinierung von I, so wie es in der Neoklassik noch formuliert wird. Es ist lediglich so, daß man formulieren kann, daß ein hohes Q, d.h. hohe Gewinne möglicherweise die Unternehmer dazu anregen ihrerseits – und das in Verbindung mit den Banken, die das Geld für die Investition bereitstellen – steigende Investitionen zu tätigen. Q ist also lediglich ein Indikator dafür, daß die Unternehmer und Geldgeber sich darüber Gedanken machen, ob diese Sachlage auch für die Zukunft, wenn denn eine neue Investition beschlossen und umgesetzt ist, noch Bestand hat.

3. Die Funktion des Zinses

Diese Frage ist damit verknüpft, wer dasjenige zur Verfügung stellt, womit dann investiert werden soll. Die Neoklassik postuliert gemäß der Grenzproduktivitätstheorie ein Einkommen für Kapital, welches den Gebern der Investitionsgüter an die Unternehmen zum Zwecke der Produktion zufließen solle. Dabei ist festzuhalten, daß in der Neoklassik Investition nichts mit monetären Dingen zu tun hat, denn zwischen Unternehmen und Haushalten werden nur relative Tauschraten vereinbart und Güter übergeben. Daß Neoklassiker – damit es nicht so weltfremd klingt – gerne auch darüber reden, daß ja das (monetäre) Sparkapital erst von den Haushalten bereitgestellt werden muß, um dann für Investitionen Verwendung zu finden, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß für sie die Verwendung von Geld lediglich ein identisches Abbild dessen ist, was in der Realtheorie ohnehin schon richtig sein soll. (Die ‚principles‘ bleiben halt dominant und ‚money‘ ist lediglich der passive Reflex.) Folgerichtig sind für die Neoklassik Zinsen der reale Überschuß der Produktion über die eingesetzten Güter – für die Zeiten eines Ricardo kann man diese Vorstellung noch einigermaßen nachvollziehen, womit sich auch gleichzeitig die Vorstellung erklärt, der Zins würde ein Ausdruck der Zeitpräferenzrate der „Kornanbieter“ sein. Sicherlich: wer mit seinem Getreidevorrat mit Ach und Krach über den Winter kommt, dem kann man mit der Aussicht bzw. Versprechen auf noch so viel Überschuß das Korn nicht entlocken – denn dann ist man schon kurzfristig tot.

Nun ist Geld wie man nicht erst seit Keynes weiß keine produzierte Ressource, die mit Hilfe von Produktion vermehrt werden könnte. Da Geld aber ein von Vermögensentscheidungen gesteuerter Bestand ist, kann die Frage des Geldzinses auch nicht damit beantwortet werden, daß ja die Unternehmen „produktiv“ oder „effizient“ produzieren würden. In gleicher Weise muß auch die Vorstellung beerdigt werden, daß „Ersparnis“ die Grundlage für die Vergabe von Kredit sei, da ja die Haushaltsersparnis lediglich die Verteilungsrelation des Nettogeldvermögens zwischen Haushalten und Unternehmern bestimmt. Damit bleibt lediglich die Möglichkeit, daß das Geld, welches für die Durchführung von Investitionen (im o.g. Sinne) benötigt wird aus dem Nichts geschaffen wird was den interessanten Aspekt aufweist, daß es keinen Anspruchsberechtigten auf die für dieses Geld zu fordernden (Netto-) Zinsen gibt. Während in der Neoklassik die Haushalte wegen ihrer Entäußerung von den „Investitionsgütern“ den letzlichen Anspruch auf die Erträge der Produktion beanspruchen können, gibt es in der Geldwirtschaft weder einen letzten Anspruchsberechtigten, noch eine Verbindung zu einem Realwert, in dem Gewinne aus Zinsen ausgedrückt werden müßten.

Das wiederum verweist auf den angelagerten Aspekt, daß bei einer „Geldschöpfung aus dem Nichts“ die Frage was Zinsen sind anders beantwortet werden muß als in der Neoklassik, wo Zinsen den Ausgleich der Zeitpräferenzraten mit den Erträgen von Investition garantieren sollen. Die hier bereits gegebene Antwort, daß Zinsen zuförderst die Neutralisierung von Aufwendungen von Abschreibungsverlusten bei den Banken garantieren verweist darauf, warum das Element der Zukunftsunsicherheit bei Keynes/ Knight einen für die Geldtheorie so wesentlichen Stellenwert aufweist: es ist eben nicht klar, welches von den vielfältigen hoffnungsvollen Investitionsprojekten in eine Schieflage gerät und – selbst nach Verwertung der Sicherheiten – Verluste erzeugt, die von den Banken durch ihre Erträge aufgefangen werden müssen. (Daß die Banken sich heutzutage einbilden, sich von der Übernahme dieser Verluste durch Verbriefung befreien zu können, steht auf einem anderen Blatt.) Damit lassen sich aber Zinsen als allgemeine Versicherungsprämien interpretieren, die dann ohne weitere Auszahlung (für monetäre Schadenfälle) gegen die Verluste von Abschreibungen aufgrund von Kreditausfällen gegengerechnet werden und somit aus dem volkswirtschaftlichen „Kreislauf“ vollständig verschwinden. Erst nach dieser Bilanzoperation wird es möglich davon zu reden, daß Zinsen zu Einkommen werden – was zwar manchmal möglich ist, manchmal eben aber auch nicht.

Fazit:
Die Interpretation dessen, was die Bedeutung von I und S angeht muß immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Theorie gesehen werden und läßt sich nicht mit einer immanenten Kritik klären, die sich mit den Kriterien der Neoklassik unkritisch auseinandersetzt. Denn sobald man die Vision der Neoklassik über die als korrekt interepretierten Begriffsbestimmungen akzeptiert, wird es aussichtslos, zu einer Sichtweise zu kommen, die dem geldwirtschaftlichen Charakter des Kreditgeldkapitalismus in angemessener Weise entspricht. Die Ansätze, die von L.A. Hahn, W. Lautenbach und W. Stützel, sowie die Überlegungen von F. Knight und J.M. Keynes bieten dagegen ein ebenso schlüssiges Konzept, mit der die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft wieder zu einer angemessenen Behandlung ihres Forschungsobjektes gelangen kann.

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Ist Ökonomie ein System?

GeckosSystemtheoretische Aspekte von Ökonomie

Der Begriff des sozialen Systems läßt sich damit in Verbindung bringen, daß salopp gesagt eine Gruppe von Akteuren eine Interaktionsweise pflegt, die sich als gruppenspezifischer Sinn interpretieren läßt. Damit setzt eine Diskussion ökonomischer Zusammenhänge als System eine Betrachtung darüber voraus, welche Charakteristika ein ökonomisches Modell aufzuweisen hat, um vor den Normen der modernen Systemtheorie als System akzeptierbar zu sein. Dabei läßt sich zunächst feststellen,  daß der Anspruch der allgemeinen Gleichgewichtstheorie, Ökonomie auf eine systemtheoretische Basis zu stellen und Ökonomie damit als Wissenschaft zu etablieren durch den Umstand eingegrenzt werden muß, wenn man feststellt, daß es sich bei derartigen Modellen um Quasi-Systeme handelt:

„Quasi-Systeme entstehen aus der elementaren Interaktion von Anwesenden.“ (Willke 1987, S. 51)

Die elementare Interaktionsfigur der Neoklassik ist der Tausch, wobei die Tauschrelationen durch eine zentrale Koordinationsinstanz, die Fiktion des Auktionators, etabliert werden müssen. Die angebliche Geschlossenheit des neoklassischen Modells erweist sich also bei näherem Hinsehen in systemtheoretischer Perspektive als Glaubenssatz, bzw. als unhinterfragte Affirmation der methodischen Grundlage, nur individuelle Entscheidungen als ökonomisch bedeutsam zu interpretieren, deren Koordination einer Instanz übertragen werden muß, weil bei Berücksichtigung der Optimalitätsanforderungen von Gleichgewichtsmodellen die individuelle Orientierung an gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtsnotwendigkeiten ausgeschlossen ist. Diese Kluft zwischen Anspruch und Bedürfnis nach Geschlossenheit läßt sich durch derartige ad—hoc Annahmen wie das „Gesetz von Angebot und Nachfrage“ oder die ‚hidden hand‘, die eine Gesellschaft zu einem wohlfahrsökonomikschen Optimum führt, nicht letztgültig überbrücken und verweist eher darauf, daß zur Koordinierung ökonomischer Handlungen mehr vonnöten ist, als purer Glaube an die Stabilitätseigenschaften von Märkten.

„Eine über die Mitglieder hinausgehende zusätzliche Systemidentität und eine bewußte, innere wie äußere Identifikation der Mitglieder mit dem System bildet sich erst aus mit der Verdichtung des Quasi-Systems zum System.“ (Willke 1987, S. 53)
„Daß Sozialsysteme auf der Basis von Sinn organisiert sind, klingt zunächst überraschend. Denn wir sind gewohnt, in Anlehnung an biologische Modelle auch vom Gleichgewicht oder vom Überleben eines sozialen Systems als letztem Bezugspunkt der Analyse auszugehen.“ (Willke 1987, S. 29)

Dabei ist die Frage was Sinn bzw. Nicht—Sinn konstituiert daran gebunden, daß ein Kriterium existiert, welches das sinnhafte vom nicht-sinnhaften Umweltereignis unterscheidet.

„Die Systemgrenze sozialer Systeme kann verstanden werden als der Zusammenhang selektiver Mechanismen, die auf einer ersten Stufe der Differenzierung von System und Umwelt die Kriterien setzen, nach denen zwischen dazugehörigen und nicht-dazugehörigen Interaktionen unterschieden wird. … Da soziale Systeme nicht aus konkreten Menschen, sondern aus Kommunikationen bestehen, kann im Anschluß an Max Weber die gemeinsame sinnhafte Orientierung wechselseitig verstehbaren Handelns als Grundbedingung eines systemischen Zusammenhangs von Interaktionen betrachtet werden. Nimmt man im Anschluß an Luhmann hinzu, daß Sinn eine selektive Beziehung zwischen System und Umwelt beinhaltet, dann bezeichnet Sinn in allgemeiner Weise die Ordnungsform sozialen Handelns: intersubjektiv geteilter Sinn grenzt systemspezifisch ab, was als sinnvoll und was als sinnlos zu gelten hat.“ (Willke 1987, S. 30)

Die Abgrenzung dessen, was als Äußeres bzw. als Inneres eines Systems gelten soll, bestimmt dann die Normen nach denen Systeme funktionieren.

„Die Präferenzordnung eines sozialen Systems bezeichnet den Zusammenhang sinnhaft-symbolisch konstituierter regulativer Mechanismen, welche die Transaktionen zwischen System und Umwelt steuern. … Denn erst die Leistung spezifischer Selektionen aus den überkomplexen Möglichkeiten der Umwelt erzeugt die Differenz zwischen System und Umwelt, die das System zum System macht. Diese Selektionsleistung ist funktional bezogen auf das Problem der Ausbildung und Erhaltung einer bestimmten Systemidentität angesichts bestehender Zwänge und Zufälle der relevanten Umwelt. Die Steuerung der Selektion von Umweltdaten durch eine nach Sinnkriterien gebildete Präferenzordnuug ist Bedingung der Möglichkeit der Systembildung.“ (Willke 1987, S. 31)

Die Konstituierung von Systemzusammenhängen bedarf aber noch eines Mediums, eines äußeren Ausdrucksmittels, um die Zugehörigkeit eines Ereignisses zum System entscheiden zu können.

„Soziale Interaktionen sind sinnhaft orientiert, wenn ihr Bedeutungsgehalt durch ein Repertoire verbindlicher Symbole (Symbole hier verstanden als generalisierte Interaktions- und Zurechnungsregeln) gesteuert und sie mithin aufeinander bezogen und dadurch in zeitlich offene, verstehbare Handlungsketten verwoben werden können. Die Frage nach dem Sinngehalt von Interaktionen erlaubt dann die Unterscheidung von solchen, die in bezug auf ein bestimmtes Symbolrepertoire dazugehören und solchen, die nicht dazugehören. Sinnhaft konstituierte Symbole sind die — inhaltsanalytisch und hermeneutisch zu erfassenden – Merkmale, die für einen bestimmten Handlungszusammenhang stehen und auf ihn verweisen.“ (Willke 1987, S. 35)

Diese Heraushebung von systeminternen und systemexternen Vorgängen hängt mit der Schwerpunktverlagerung der modernen Systemtheorie zusammen, die damit ihr Erkenntnisobjekt redefiniert:

„Die neuere Systemtheorie ist eine Theorie der Beziehungen zwischen Systemen und Umwelt in dem Sinne, als sie die herkömmliche analytische Isolierung von Einzelsystemen überwinden will und Systeme immer nur im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt zu erfassen sucht. Dies bedeutet zunächst, daß der Systembegriff der neueren Systemtheorie nicht mehr nur ein Netz von Beziehungen bezeichnet, welches Teile zu einem Ganzen zusammenordnet; vielmehr wird unter System ein Netz zusammengehöriger Operationen verstanden, die sich von nicht-dazugehörigen Operationen abgrenzen lassen. In der Bestimmung des Systems wird also das Nicht-dazugehörige als Umwelt immer schon mitgedacht und mithin in der Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt das grundlegende Problem gesehen. Denn die spezifische Problematik seiner Umwelt macht für ein bestimmtes System überhaupt erst erkennbar, welche interne Systemstruktur zu welchen Zwecken und mit welchen Stabilisierungs- und Veränderungschancen funktional sein kann. Die Ordnung eines Sozialsystems wird damit zum relationalen Begriff und auf ihre Zwecke abfragbar. … Mit dieser Neuorientierung wird auch deutlicher, daß die Systemtheorie nicht auf die Analyse von Gleichgewichtsprozessen beschränkt ist …“ (Willke 1987, S. 37f)

Der entscheidende Grund der zu dieser Trennung von Innen— und Außenwelt als Grundgedanke der modernen Systemtheorie geführt hat, ist in den Mechanismen zu suchen, die es überhaupt erst erlauben von einem zwar interaktionsfähigen aber im Prinzip abgeschlossenen System zu sprechen. Die grundlegende Idee dabei ist, daß ein System essentiell zwei Aufgaben bewältigen muß, wobei die Interaktionsfähigkeit mit der Umwelt bzw. die Verarbeitung und Selektion relevanter Umweltdaten bereits angesprochen wurde.

„Das von den Biologen Maturana und Varela entwickelte Autopoiese—Konzept bezieht sich auf die Beobachtung, daß es offensichtlich Systeme gibt, die sich selbst reproduzieren; und zwar sich selbst reproduzieren nicht nur im herkömmlichen Sinne der genetischen Replikation in der Generationenfolge, sondern in dem sehr viel spezifischeren Sinne einer kontinuierlichen gegenwärtigen Selbsterzeugung des eigenen Systems. Autopoietische Systeme sind operativ geschlossene Systeme, die sich in einer ‚basalen Zirkularität‘ selbst reproduzieren, indem sie in einer bestimmten räumlichen Einheit die Elemente, aus denen sie bestehen, in einem Produktionsnetzwerk wiederum mit Hilfe der Elemente herstellen, aus denen sie bestehen (Maturana, 1982). Etwas vereinfacht ausgedrückt: ein autopoietisches System reproduziert die. Elemente, aus denen es besteht, mit Hilfe der Elemente, aus denen es besteht. … Und genau daraus folgt das eigentlich Aufregende: lebende oder autopoietische Systeme erscheinen nun entgegen dem systemtheoretischen Grundpostulat der notwendigen Offenheit lebender Systeme in ihrem Kernbereich, in ihrer inneren Steuerungsstruktur als geschlossene Systeme. In der Tiefenstruktur ihrer Selbststeuerung sind sie geschlossene Systeme, also gänzlich unabhängig und unbeeinflußbar von ihrer Umwelt. Wird diese operative Geschlossenheit zerstört, so bricht ihre Autopoiese zusammen, sie hören auf als lebende Systeme zu existieren. … Das Autopoiese—Konzept ist wichtig, weil es gegenüber der einseitigen Betonung der Umwelt-Abhängigkeit von Systemen deren interne Strukturdeterminiertheit primär setzt. Damit kommt ins Blickfeld, daß Systeme zunächst und vor allem ihre eigene Kontinuierung organisieren müssen, um als Systeme in Beziehungen zu ihrer Umwelt treten zu können. … Größere Schwierigkeiten bereitet es, auch soziale Systeme als autopoietische zu begreifen. Grundlage einer solchen Konstruktion ist die Annahme, daß soziale Systeme nicht aus einer Ansammlung von Menschen bestehen, sondern aus dem Prozessieren von Kommunikationen. … Soziale Systeme bilden sich auf der Grundlage von Kommunikationen. Für ihre Kontinuität ist fortlaufende Kommunikation unerläßlich. … Streng analog (zu biologischen Systemen, R.M.) können soziale Systeme dann als operativ geschlossen angesehen werden, wenn sie semantische Strukturen ausbilden, die die in ihnen ablaufenden kommunikativen Operationen auf selbstreferentielle, rekursive Umlaufbahnen zwingen. Diese Bedingung ist für die Gesellschaft als dem Gesamtzusammenhang aneinander anschließbarer Kommunikationen qua Definition gegeben. Für gesellschaftliche Teilsysteme und andere soziale Systeme aber nur dann, wenn sie Spezialsemantiken ausbilden …“ (Willke 1987, S. 43-47)

Damit sind Begrenzung und Dynamik die beiden Facetten eines einheitlichen Prozesses, wobei deren interne gegenseitige Bedingtheit ein System von seiner Umwelt absondert, wodurch es sich gewissermaßen selbsttätig etabliert und abgrenzt:

„Die eigentümlichste Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, daß es sich sozusagen an seinen eigenen Schnürsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu konstituiert.“ (Maturana/Varela 1987, S. 54)

Steuerungs— und Kommunikationsfunktionen des Finanzsystems

Mit der Auflistung der Anforderungen, die die Systemtheorie an soziale Systeme stellt, ist im wesentlichen bereits vorgezeichnet, durch welche Elemente das ökonomische System repräsentiert wird. Werden soziale Systeme nach der Prozessierungsform von Sinn unterschieden, so läßt sich damit die These aufstellen, daß auf makroökonomischer Ebene die Sinngebung durch die Operationsweise des Finanzsystems etabliert wird und damit auch die entsprechende Kommunikationsform über (absolute) Preise und die für dieses System relevanten Interaktionen, die (Geld-) Zahlungen, festgelegt sind. Mit dieser These wird in gewisser Weise dem Ausgangspunkt der Marx’schen Vorstellungen über das Wesen des kapitalistischen Produktionsprozesses nachträglich Referenz erwiesen, indem die Postulate der orthodoxen Ökonomie, repräsentiert durch die W-G-W Formel, zugunsten des kapitalistischen G-W-G‘  Schemas der Marx’schen Theorie ins Abseits gestellt werden. Dabei braucht der Fundamentalsatz der Nationalökonomie vom Konsum als Endzweck allen ökonomischen Handelns nicht preisgegeben zu werden, wenn nachgewiesen werden kann, daß derartige Vorstellungen nicht mit der hier vertretenen Konzeption, das ökonomische System als durch Finanzbeziehungen charakterisiert zu sehen, kollidieren müssen. (Daß kreditgeldtheoretisch gesehen der Schluß von G auf G´ unzulässig ist und eher auf einer Verwechslung der Phänomenologie von Zinsen mit den grundlegenden Funktionsbedingungen des Kreditgeldkapitalismus beruht, macht dieses Modell letztlich als Analyseinstrument für den Kreditgeldkapitalismus unbrauchbar.) Selbst wenn die Marx’sche Formel noch nicht ausreichend ist, um das ökonomische System in der Gesamtheit zu erfassen, weist sie doch auf einen entscheidenden Sachverhalt hin, auf den das oben skizzierte Autopoiese—Konzept sinnvoll angewandt werden kann.

„Die Ausdifferenzierung von sozialen Systemen erfordert die Schließung eines selbstreferentiellen Verweisungszusammenhangs für alle Operationen des entsprechenden Systems. Bei allem, was wirtschaftlich geschieht, also der Wirtschaft als System zurechenbar ist, muß demnach Selbstreferenz mitlaufen. Die Kommunikationen der Wirtschaft müssen sich als wirtschaftlich ausweisen, damit man sie nicht falsch interpretiert, etwa als auf Intimität zielenden Annäherungsversuch auffaßt; sie müssen, was immer sie sonst leisten, immer auch das Wirtschaftssystem selbst reproduzieren. Andererseits ist diese Geschlossenheit des selbstreferentiellen Zirkels nie als ein Sachverhalt für sich möglich; sie kann nur als mitlaufende Selbstreferenz eingerichtet werden.“ (Luhmann 1983, S. 154)

Übertragen auf die finanzielle Sphäre bedeutet dies, daß eine ökonomische Handlung im hier verstandenen Sinne von Ökonomie sich durch die Verkettung mit einer Zahlung ausweist und somit unentgeltliche Leistungen, obwohl sie aus wohlfahrtstheoretischen Gesichtspunkten für eine Gesellschaft eine immense Bedeutung genießen, sich nicht als ökonomisch relevant ausweisen. Die Transaktion Ware gegen Geld reflektiert aber nur auf der phänomenologischen Ebene das, was die Interaktion der Geldsphäre mit der Gütersphäre ausmacht, und ist damit der allfällige Ausdruck der Interaktion des Finanzsystems mit seiner Umwelt. Insofern bleibt die Fixierung auf die Tauschmittelaufgabe des Geldes lediglich eine oberflächliche Betrachtungsweise, die sich mit dieser Annäherung an das Geldproblem letztlich immer an die Tauschökonomie, und als Folge davon stets an die Quantitätstheorie festklebt. Die Betrachtung der selbstreferentiellen Tiefenebene ergibt dagegen, daß letztlich nicht Geld gegen Ware, sondern Geld gegen (kalkulierten) Geldwert getauscht wird, es also bildlich gesprochen bei der Erreichung eines Umsatzziels in letzter Konsequenz nicht darauf ankommt was verkauft wird, sondern wieviel und zu welchem Preis. Eine Zahlung ist also nicht schon deswegen als ökonomisch zu interpretieren, wenn dabei ein Gut den Besitzer wechselt, sondern es ist noch zusätzlich erforderlich, daß dabei das Geldsystem auf sich selbst verweist, d.h. wenn eine Zahlung ein Defizit, repräsentiert durch die Verbindlichkeiten des betreffenden Wirtschaftssubjektes, abbaut oder begründet. Die Öffnung des internen Verweisungszusammenhangs besteht somit in der Etablierung einer Schuldposition eines Unternehmers, die Schließung dementsprechend in dem Rückfluß der Auszahlungen über den Umsatz, wobei je nach Höhe der Rückflüsse die Reproduktion des Schuldverhältnisses vorgenommen wird oder nicht.

„Produktion ist nur Wirtschaft, Tausch ist nur Wirtschaft, wenn Kosten beziehungsweise Gegenzahlungen anfallen. Dann realisiert der Vorgang einen Verweisungskontext, der auf Güter und Leistungen, auf Wünsche und Bedürfnisse, auf Folgen außerhalb des Systems Bezug nimmt; und zugleich einen anderen, in dem es nur um Neubestimmungen der Eigentumsverhältnisse an Geld, also an Möglichkeiten der Kommunikation innerhalb des Systems geht. Diese mitlaufende Selbstreferenz ermöglicht durch ihre Geschlossenheit die Offenheit des Systems. ‚L’ouvert s’appuie sur le ferme.‘ Die Sicherheit der Selbstverweisung ist Bedingung des Ausgreifens in die Umwelt.“ (Luhmann 1987, S. 155)

Genauer formuliert: die Sicherheit der Selbstverweisung ist nicht selbstverständlich, da eine Zahlung nur dann für Ökonomie relevant ist, wenn sie auf diesen Verweisungszusammenhang trifft, sprich: wenn sie zu ihrem Entstehungsort, der Bilanz einew verschuldeten Wirtschaftssubjektes zurückkehrt. Aus diesem Grund sind Zahlungsmittelumschichtungen zwischen Haushalten, deren Charakteristikum die Geldvermögensbestände der Aktivseite sind, für diesen speziellen relevanten Verweisungszusammenhang irrelevant. Etwas weniger abstrakt bedeutet das: das Ausgreifen des Finanzsystems in die Umwelt ist nur dann zu erwarten, wenn sich Investitionen lohnen und damit die Erweiterung des internen Verweisungszusammenhangs über eine höhere Krediteinräumung das Ausgreifen in die Umwelt noch weiter steigert. (Das verweist auch auf den Umstand, daß sich auf Wertpapiermärkten genau die Tauschoperationen abspielen, welche die allgemeine Gleichgewichtstheorie für das allgemeine Prinzip des Wirtschaftens hält – ein sonderbarer Fehlschluß!)

„Ein System, das auf der Basis von Zahlungen als letzten, nicht weiter auflösbaren Elementen errichtet ist, muß daher vor allem für immer neue Zahlungen sorgen. Es würde sonst von einem Moment zum anderen schlicht aufhören zu existieren. Und dabei geht es nicht um die abstrakte ‚Zahlungsfähigkeit‘, die sich aus dem Besitz liquider Mittel ergibt; es geht also nicht um eine relativ konstante Größe, sondern um die konkrete Motivation zur Zahlung und ihren aktuellen Vollzug. Die Wirtschaft ist demnach ein ‚autopoietisches System‘, das die Elemente, aus denen es besteht, selbst produzieren und reproduzieren muß. Der adäquate Bezugspunkt für die Beobachtung und Analyse des Systems ist daher nicht die Rückkehr in eine Ruhelage, wie Theorien des ‚Gleichgewichts‘ suggerieren, sondern die ständige Reproduktion der momenthaften Aktivitäten, eben der Zahlungen, aus denen das System besteht.“ (Luhmann 1987, S. 155)

Obwohl diese Sätze einen richtigen Kern beinhalten, bleiben sie jedoch auf der phänomenologischen Ebene stehen, denn wären Zahlungen allein schon konstitutiv für die Selbstreferenz des Finanzsystems, so wären diese Gedanken auch auf das Konzept der allgemeinen Gleichgewichtstheorie übertragbar, da die Bereitstellung von Außengeld über Staatsverschuldung den Haushalten dasjenige Kommunikationsinstrument zur Verfügung stellt, welches den autopoietischen Charakter des Finanzsystems bereits sicherstellen soll.

Die allgemeine Gleichgewichtstheorie hat aber mit Autopoiese nichts zu tun, da sie auf der Güterebene einen Reproduktionsgedanken zugunsten des Erstausstattungs- und Allokationskonzepts lediglich indirekt thematisiert und bei der Kommunikations- und Koordinationsfrage sich auf Unwissen, dokumentiert durch Auktionator und ‚invisible hand‘ berufen muß, bzw. alternativ konsequent durchgeführt, den Koordinationsteil dieser Theorie mit Hilfe der rationalen Erwartungen in die Köpfe der Wirtschaftssubjekte verpflanzt. Dagegen hat Sraffa in seinen Produktionsgleichungen immerhin für die physische Ebene eine Reproduktionstheorie entworfen und in gewisser Weise eine Unternehmergesellschaft postuliert, die ihre Kalküle nach einem Geldzinssatz ausrichten (vgl. Sraffa 1976, S. 56), beschränkt sich aber dann auf formale Analyse von linearen Gleichgewichtssystemen und hält sich bei der Koordinationsfrage gleichermaßen bedeckt.

In beiden Fällen läßt sich jedoch gleichermaßen die Vorstellung eines Tauschmittels formulieren und integrieren, ohne daß damit belegt wäre, daß die Zahlungen den selbstreferentiellen Kern der Ökonomie ausmachen würden. Im Gegenteil sind derartige Zahlungen an die Gleichgewichtslösungen gebunden, und sind damit nur der institutionelle Reflex vorgegebener Tauschverhältnisse, ganz im Sinne der W-G-W Formel, die ja dann auch auf einen nichtkapitalistischen gesellschaftlichen Kontext hinweist. Demgegenüber ist der kapitalistische Vergesellschaftungszusammenhang über die finanzielle Sphäre vermittelt, so daß sich damit die Sprache des Geldes als die relevante Kommunikationsebene erweist, die es letztlich ermöglicht, daß ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens über die Kriterien der Verteilung von Gütern hergestellt werden kann. Dieser Konsens ist insbesondere dann herstellbar, wenn die Schaffung von Kredit mit der Verpflichtung verbunden ist ein Güter- oder Leistungsangebot zu machen, was gerade dann der Fall ist, wenn der gebilligte Kredit zu Investitionszwecken Verwendung findet, und damit die Ausweitung des Investitions- bzw. Kredit- und gegebenenfalls Geldvolumens keine Inflation, sondern ein expandierendes Güterangebot bei steigendem Nachfragepotential schafft. Die Existenz dieses Kausalzusammenhangs rechtfertigt die Akzeptanz des G-W-G Schemas als allgemeines Koordinationsinstrument der verschiedensten Tätigkeiten des wirtschaftlichen Lebens. Die autopoietische Qualität des Finanzsystems ist dabei eher sekundär an eine erfolgreiche Produktion im Sinne des Grenzproduktivitätskonzepts, sondern primär an eine erfolgreiche Vermarktung der Waren bzw. Produktionswerte gebunden, so daß Produktivität und Marketing und Vertrieb die realökonomischen Spiegelbilder des Systemaspekts „Rückfluß der Investitionsausgaben“ sind, welche die Erhaltung der Investition und damit des Zahlungsstroms sicherstellen (sollen).

Damit bleibt noch zu diskutieren, welches die treibende Kraft, bzw. sozusagen der genetische Code ist, der die Systemstruktur lebendig bzw. dynamisch erhält. Die Antwort darauf ist in dem Umstand zu finden, daß es unmöglich und unnötig ist eine Kreditgeldökonomie gesamtwirtschaftlich wieder zu liquidieren, da in letzter Konsequenz Zinszahlungen stets in dem Geld geleistet werden müssen, in dem auch der Kredit zu tilgen ist. Diese vertraglich festgelegte praktische Unerfüllbarkeit eines einzelnen(!) Kreditvertrages läßt sich als treibender Impuls bzw. als primärer Reproduktionsanreiz identifizieren, da die Erfüllung des gesellschaftlichen Mißerfolgskriteriums, die Insolvenz, mit individuellen Nachteilen verschiedenster Art gekoppelt ist. Dieser Sachverhalt verweist auch unmittelbar auf den sekundären Reproduktionsimpuls, den Gewinn, dessen abgeleiteter Charakter sich dadurch ergibt, daß er mindestens die Höhe der Zinszahlungen erreichen mußte, um das finanzielle Lebensfähigkeitskriterium zu erfüllen. (Das einzelwirtschaftliche Problem des „fehlenden Zinses“ löst sich in einem dynamischen Kontext ohnehin in einem logischen Rauchwölkchen auf!)

Die zugrundeliegende Interpretation von Geld als Vermögen aus individueller Perspektive erweist sich denn auch als der eigentliche Grund für eine Dominanz des Gewinnmaximierungskalküls der Unternehmen über das Nutzenmaximierungskalkül der Haushalte. Der perspektivische Wechsel dieser Theorie zu einem abstrakten Erfolgskriterium gegenüber dem Realkriterium Nutzen der ‚mainstream‘-Ökonomie bedeutet trotz des primären Reproduktionsinteresses an monetären Größen nicht, daß damit ein Konsumziel als treibendes Motiv ökonomischen Handelns ausgeschlossen wäre. Im Gegenteil bedeutet ja die erfolgreiche Reproduktion von ausgegebenem Finanzvermögen nicht nur eine mögliche Fortsetzung des Investitionsprozesses, sondern auch je nach Gewinnhöhe eine unmittelbare Zugriffsmöglichkeit auf Güter. Die Dominanz der Unternehmen über die Haushalte aufgrund der Verfügung über das gesellschaftlich akzeptierte ökonomische Kommunikationsmittel schließt dabei eine Realisierung von Tauschgewinnen der Haushalte untereinander nicht aus, verweist aber gleichzeitig auf den abgeleiteten Charakter haushaltsinterner Transaktionen und klassifiziert derartige Vorgänge zwar nicht als ökonomisch unsinnig, jedoch als in Bezug auf die Erhaltungsbedingungen einer Kreditgeldökonomie als irrelevant: Der Tausch ist hinsichtlich des Finanzsystems neutral!

Die Fassung des Zinses als zentralem Reproduktionsimpuls der finanziellen Sphäre bedeutet auch, daß Luhmann sich ein grobes Mißverständnis leistet, wenn er schreibt:

„Für die Systemtheorie ist es eine geläufige These, daß komplexe Systeme Instabilitäten schaffen müssen, um den Problemen Rechnung tragen zu können, die sich aus der Erhaltung von geordneter Komplexität in einer noch komplexeren und weniger geordneten Umwelt ergeben. Diese Aussage läßt sich auch umkehren: Instabilitäten lassen sich in Systemen nur halten und gegen Verhärtung schützen, wenn eine hinreichend komplexe Umwelt besteht, die überraschende Informationen auslöst, welche durch Inanspruchnahme systeminterner Instabilität, hier also durch Änderung der Preise, verbraucht werden können. … Die Funktionssysteme gewinnen an Autonomie, werden in sich komplexer, benötigen infolgedessen höhere Instabilitäten und müssen selbst für deren Kontrolle sorgen. In der neueren Zeit werden hierfür zwei verschiedene Lösungswege bereitgehalten. Beide haben ein Prinzip gemeinsam: sie überlassen die Kontrolle der Instabilität Instabilitäten anderer Art. Die eine Möglichkeit ist: die Kontrolle des Fluktuierens der Preise über Geldkosten laufen zu lassen. Die Verteuerung des Kredits limitiert das Steigen der Preise. Die Schranken von Instabilität werden im Wirtschaftssystem selbst geregelt, und zwar durch Instabilitäten einer höheren Ebene der Reflexivität: durch den Preis nicht für Waren, sondern durch den Preis für Geld. Die andere Lösung liegt im Rückgriff auf die Instabilitäten eines anderen Funktionssystems; sie nimmt kollektiv bindende Entscheidungen des politischen Systems in Anspruch.“ (Luhmann 1987, S. 159f)

Wie man aus leidvoller Erfahrung weiß, sind die Instabilitäten des politischen Systems, sprich: eine öffentliche Preiskontrolle, stets eine Einladung an alle Wirtschaftssubjekte gewesen in solchen Fällen reichhaltig Umgehungsmöglichkeiten zu erfinden oder auf Schwarzmärkte auszuweichen. Die Kontrolle der Fluktuation der Preise ist dagegen viel effizienter: es ist schlichtweg der Grad der Nachfrageelastizität, der ein Steigen der Preise ins Uferlose verhindert, und somit die „Institution der Konkurrenz“ durch die Souveränität der Nachfrage Preisfluktuationen direkt und spielend begrenzt, und damit eine Konkurrenzwirtschaft sich als notwendiges Gegengewicht zur potentiellen Despotie einer Industriemonopolisierung etabliert.

Aus systemtheoretischer Perspektive bietet sich viel eher eine Interpretation des Zinses in Zusammenhang mit den ihn konstituierenden Schuldverhältnissen an: die nominal fixierten Passivpositionen in den Bilanzen bilden quasi das Gedächtnis des Finanzsystems, welches in Verbindung mit dem Zins die Aktionen der betroffenen Individuen für die Zukunft steuern, ihnen, genauer gesagt, einen bestimmten Aktionsraum aufzwingt, insofern, als geleistete Zinszahlungen die Bonität der Schuldverhältnisse anzeigen und eine Fortführung des Schuldverhältnisses angezeigt erscheinen lassen, falls nicht müssen die systemkonformen Konsolidierungsprozesse einsetzen, um das Kreditportfolio in seiner Bonität nicht absinken zu lassen.

„Die Zunahme zeitlicher Komplexität ist demnach eine zweite Bedingung der Notwendigkeit einer Fortentwicklung des Quasi-Systems zum System. Es bedarf schärfer strukturierter Verfahren und genauer abgestimmter Prozesse, um die kontingent werdenden zeitlichen Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen den funktional differenzierten Rollen und Teilen gemäß den Präferenzen und Relevanzen des Gesamtsystems einzuschränken und auf eine verbindliche Systemzeit zu synchronisieren. Wieder fällt auf, daß die Möglichkeit einer Steigerung der zeitlichen Komplexität auf einer strategisch ansetzenden Reduzierung beruht: der Reduzierung frei fließender Weltzeit auf prozessual synchronisierte Systemzeit.“ (Willke 1987, S. 66)

So gesehen fängt das ‚mainstream‘-Konzept kontingenter Zukunftsmärkte zwar den Aspekt der zeitlichen Differenzierung ein, ohne daß jedoch damit die Konstituierung einer eigenen Systemzeit außerhalb der elementaren Präferenzen der Haushalte vollzogen wäre. Gegenüber dieser anarchischen zeitlichen Strukturierung der Gleichgewichtstheorie, steuert der Zins in der Kreditgeldökonomie die zeitliche Dimensionierung des wirtschaftlichen Abrechnungsprozesses und koordiniert damit die realen Handlungsmuster der angekoppelten realwirtschaftlichen Aktivitäten.

„Mit der Einrichtung geregelter Prozesse als temporaler Ordnungsform kontrolliert das Quasi-System die Folgewirkungen der internen funktionalen Differenzierung und erreicht damit eine neue evolutionäre Stufe der Komplexitätsverarbeitungskapazität.“ (Willke 1987, S. 67)

Perspektivische Nachbemerkungen

Die Wohlfahrt einer Gesellschaft in ökonomischer Hinsicht wird bestimmt von der Gesundheit des zugrundeliegenden Finanzsystems. Dieser Satz faßt in aller Kürze die Quintessenz des vorstehenden Posts zusammen und beinhaltet schon deswegen nicht nur eine uninteressante Trivialität, weil eine ökonomische Orthodoxie, die von der Neoklassik bis zum neueren Marxismus reicht, seit über 200 Jahren die Dominanz der Gütersphäre über den Geldschleier zu predigen nicht müde wird. Und insbesondere eine Entwicklungstheorie, die auf einer realwirtschaftlichen Basis gebaut ist, zeigt in unerfreulich deutlicher Weise, wie durch falsche Konzepte und Theorien mit bestem Gewissen und lauteren Absichten eine Katastrophe nach der anderen angestellt werden kann. Demgegenüber erweist sich ein funktionierendes Kreditgeldsystem als das effizienteste Steuerungsmittel, wenn es darum geht für einen gesellschaftlichen Rahmen eine Kohärenz der Individualaktionen zu erzeugen. Das Kreditsystem fungiert somit als das informale Band, welches geeignet ist, einer Gesellschaft den ökonomischen Zusammenhalt zu liefern, welcher als eine Grundbedingung der Stabilität des übergeordneten Gesellschaftssystems anzusehen ist.

Diese Einsicht in die Zusammenhänge moderner Ökonomien bedeutet auch die endgültige Abkehr von einem Gleichgewichtsbegriff, für den die Balance widerstreitender Kräfte die Grundlage des Raisonnements abgibt. Die wesentliche Änderung in der Analyse der innergesellschaftlichen Beziehungen besteht darin, nicht mehr die Konfrontation als das Gegeneinander im Tauschprozeß, sondern die Kooperation in der Produktion in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um damit die Defizite der statischen Gleichgewichtsvorstellung zu kompensieren.

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Von Pulverfässern und ungeplanten ökonomischen Einsichten

springDirk Elsner hat in seinem Post über die Konsequenzen aus der Zypern-Krise eine interessante Schlußfolgerung gezogen, die es wert ist noch ein wenig untersucht zu werden:

„Aber man kann Herrn Dijsselbloem und die ganze EU dafür kritisieren, dass sie auf dem Pulverfass sitzend mit dem Feuer spielt, den Sprengstoff herangeschafft hat Dijsselbloem jedenfalls nicht.“

A) Das ist richtig!
Es gilt aber auch:
B) Auch die EU hat den ganzen Sprengstoff nicht herangeschafft!

Und wo kommt der nun her?

Man muß sich dabei überhaupt erst mal klarmachen, woraus der Sprengstoff besteht. Üblicherweise wird eine „übermäßige“, „exzessive“ oder „überbordende“ Verschuldung dafür verantwortlich gemacht und dann so getan, als wäre der Grund für diese sicherlich nicht nachhaltige Verhaltensweise in einem moralischen Defekt der „Couponschneider“, in einer „Gier“ der „Anleger“ oder in einem genetischen Defekt des Finanzkapitalismus zu verorten. Mit einer derart moralisch aufgeplusterten Keule wird dann zum Feldzug gegen „die Bankster“, „die Spekulanten“ oder – damit es moralisch noch mehr trieft – „die Ausbeuter“ und „Bezieher leistungsloser Einkommen“ aufgerufen, womit der Empörung der Gerechten dann Genüge getan worden ist.

Nun, mit Verschuldung hat das Ganze schon was zu tun, es nützt aber nichts, wenn man über eine „zu hohe“ Exposition klagt, denn „zu hoch“ setzt ja bereits voraus, daß irgendetwas „zu viel“ ist, ohne daß ein Kriterium dafür existieren würde, an dem man das „zu viel“ messen könnte. Leider ist man in Bezug auf die Finanzmärkte immer erst hinterher schlauer, so daß es ohne weiteres passieren kann, daß ein „normales“ oder „solides“ Kreditengagement auf einmal zu einem „unkalkulierbaren Risiko“ wird. Die Gründe der Schieflage der zypriotischen Banken sprechen Bände.

Wenn man sich nun die nicht mehr so ganz taufrische Option ansieht, wie in Zukunft in Europa die Sanierung einer Bankbilanz ablaufen soll gewinnt man auch schon das erste Gefühl dafür was passieren müßte, wenn man den Fall der Fälle schon mal von vornherein verhindern wollte. Denn dieser ‚bail-in’ der unbesicherten Bankgläubiger, welcher im wesentlichen auf einer Umwandlung von nominal fixierten Forderungen in nominal variabel taxierte Eigentumsrechte beruht, hat ja offenbar seinen Grund darin, daß die Entscheidung zwischen nominal fixierten und nominal nicht fixierten Wertpapieren „normalerweise“ eindeutig zugunsten der nominal fixierten Kredite ausgeht.

Das hat natürlich seinen Grund der darin besteht, daß die nicht mehr so ganz moderne Hebelung von Finanzkapital es unattraktiv macht mit Eigenkapital zu wirtschaften und sich somit ganz zwanglos eine Schlagseite zugunsten wertfixierter Forderungen ergibt. Dazu kommt noch der Umstand, daß Fremdkapitalzinsen steuerlich als Kosten absetzbar sind und von daher der Einsatz von eigenem Geldvermögen sich noch weniger lohnt.

Nun mag man den Hang zur Bildung von Spareinlagen mit Hilfe von Erwägungen hinsichtlich deren vermeintlicher Sicherheit für „natürlich“ halten. Für diese Gegebenheiten stehen die inzwischen angekratzten Vorstellungen von der Sicherheit der Spareinlagen Pate, welche von der Finanzwirtschaft immer wieder in den höchsten Tönen beschworen wird. Das ist aber noch nicht alles: auch die Vorstellungen, die hinsichtlich der „normalen“ Finanzierung von Unternehmen existieren sind davon geprägt, daß Sparer über die Transformation der Banken die Investitionen der Unternehmen finanzieren und damit die moralische Rechtfertigung für die Bildung nomineller Forderungen alias Sparguthaben auch einen ökonomischen theoretischen Heiligenschein aufgesetzt bekommt. Dieser Heiligenschein resultiert letztlich aus der Quantitätstheorie, deren Sinn es ist die Bildung absoluter Geldpreise abzuleiten, ohne mit dem System relativer Preise, die sich aus einem allgemeinen Gleichgewicht ergeben, ins Gehege zu kommen. Getreu dem Erstausstattungskonzept ist in dieser theoretischen Sichtweise auch Geld eine Erstaustattung, die über Losgrößen- und Fristentransformation den Unternehmen zur Ökonomisierung zur Verfügung gestellt werden soll.

Woran liegt das?

Der theoretische Hintergrund ist dergestalt, daß im Grundmodell der Ökonomie – der allgemeinen Gleichgewichtstheorie – die Allokation der Ressourcen durch die Fiktion des Erstausstattungsprinzips ausgestaltet wird. Aus dieser Anlage der ökonomischen Orthodoxie hat eine ganze Forschungsrichtung den Schluß gezogen, daß auch in Bezug auf Geld dieses Prinzip als theoretische Grundforderung bei der Formulierung einer Geldtheorie Pate zu stehen habe. Das Ergebnis dieser methodologischen (!) Zwangslage ist die Quantitätstheorie, die seit 200 Jahren ihr Unwesen in der Ökonomie treibt. Denn dadurch wird Geld als ein Bestand definiert, der durch die Anwendung der üblichen Allokationsmechanismen seine Funktion zur Finanzierung von Investitionen erhält. (Sinnbildlich steht dafür Friedmans Bild von dem Abwurf von Geld aus einem Hubschrauber heraus!) Nun ist es natürlich nicht so, daß damit überhaupt kein ökonomischer Tatbestand eingefangen werden würde, denn die Relativität dessen, was den „Geldwert“ ausmacht ist durch dieses Konzept durchaus eingefangen. Was allerdings großflächig die Sinne vernebelt ist das damit verbundene ominöse Konzept der Umlaufgeschwindigkeit, welches lustige Vorstellungen von einer umherhetzenden „Geldmenge“ erzeugt, die nichts anderes zu tun hätte, als wie wild von einem Kauf zum anderen zu eilen. Wenn dann aus derart infantilen Vorstellungen heraus auch noch daraus geschlossen wird, daß man „nur“ die Umlaufgeschwindigkeit „erhöhen“ müsse, um Inflation oder die Konjunktur zu stimulieren, ist der intellektuelle Kopfschuß perfekt.

Das hat etwas damit zu tun wie man die Frage beantwortet was Geld ist. Ich drücke das immer so aus, daß Geld ein relatives Maß der Produktion ist, welches seine Funktion darin findet, daß es ein Verbindungsglied zwischen Kosten und Preisen darstellt. Anders gesagt: die kapitalismustypische Form der Arbeitsteilung erfordert eine Modalität der Abrechnung, die nicht das jeweilige Arbeitsergebnis zum Gegenstand hat, sondern eine abstrakte Form der Abrechung alias Entlohnung, die es ermöglicht, eine Vielzahl von produktiven Prozessen miteinander zu koordinieren. Wie man auf die blöde Idee kommen konnte das mit einer inkonsistenten Trivialgleichung einzufangen wird zukünftigen Generationen von Ökonomen ewig unerfindlich bleiben.

Schon von Marx stammt die Einsicht, daß Geld ein soziales Verhältnis ist. Und auch wenn Marx diskreditiert erscheint ist dennoch sein Hinweis auf den sozialen Charakter des Geldes immer noch als aktuelle theoretische Einsicht zu bewerten. Denn letztlich orientiert sich die gesamte Buchhaltung an diesem Konzept. An anderer stelle habe ich mal geschrieben: Kapitalismus ist eine Form geldwirtschaftlich organisierter Form der Arbeitsteilung. Diese Einsicht ist in der Ökonomie bisher noch nicht angekommen! Die Konsequenz daraus wäre Geld als Medium der Organisation produktiver Veranstaltungen zu interpretieren und nicht als „Schatz“, dessen Akkumulation für die Bewältigung menschlicher Versorgungsphasen immer weiter vorangetrieben werden muß. Diese Motivation mag ehrenwert sein, allein ist nominelles Geldvermögen dennoch stets von der Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Produktionspotenz abhängig und wird es auch immer bleiben – irgendwelchen albernen politischen Garantien zum Trotz!

Man kann der Sichtweise von Geld als absolutem „Schatz“ einen gewissen Spaßfaktor sowie eine gewisse historische Bedeutung nicht absprechen, jedoch hat sie mit den Funktionsbedingungen einer modernen Geldwirtschaft nichts zu tun. (Warum das so ist, ist eine etwas längliche Geschichte.) Die Folgen einer derartigen Konzeptionalisierung von Geld durch die herrschende „Erstausstattungstheorie des Geldes“ sind jedoch anhand des EURO-Schlamassels ausgiebigst zu besichtigen.

Was läßt sich als Lehre aus der neuesten Entwicklung ziehen, wo doch gerade die Sicherheit von Spareinlagen zur Disposition gestellt wurde? Es geht darum, daß die Einsicht sich durchsetzt, daß Geldforderungen nicht aus einer Einzahlung von Bargeld am Bankschalter entstehen, sondern sich aus einer Akkumulation von Nettogeldvermögen heraus bilden, die ihre Begründung in einer Einkommensbildung findet, die sich aus Rentabilitätserwägungen von Unternehmen speist. Daß diese Rentabilitätserwägungen sich nicht dadurch ergeben, daß Einkommen großflächig gespart wird, kann zumindest einen Unternehmer nicht überraschen, denn die Wirtschaft lebt davon, daß Einkommen auch ausgegeben werden. Was sagte Norma Jean doch gleich: ‚money makes the world go round‘! Oder weiter östlich: der Rubel muß rollen!

Die Schlußfolgerung hinsichtlich der Akkumulation von Spareinlagen bzw. der Drohung, daß sie für die Sanierung von Bankbilanzen herangezogen werden, ist eigentlich ganz einfach: würden die Sparer schon von vornherein ihr Geld in Sachwerten – wozu in allererster Linie Aktien zählen – investieren, und nicht durch entgegengesetzte steuerliche Anreize und dem Moralappell des ökonomischen ‚mainstream‘ auf eine falsche Fährte geführt werden, würden sich derartig eklige Konsolidierungsprozesse, wie sie gerade in Zypern ablaufen, schon im Vorfeld vermeiden lassen. (Witzigerweise findet sich sogar im aktuellen Koalitionsvertrag eine Passage, welche das steuerliche Problem zwischen Eigen- und Fremdkapital adressiert!) An sich ist es ganz leicht es gleich richtig zu machen!

Was folgt aus alledem? Man muß Herrn Dijsselbloem attestieren irgendwie eine höhere Einsicht in geldtheoretische Funktionsbedingungen aus den aktuellen Sachzwängen gezogen zu haben, auch wenn es vermessen wäre ihm zu unterstellen, daß er diese aus einer theoretischen Einsicht heraus gezogen hätte. Darauf kommt es aber auch nicht an! Man kann auch ‚right for the wrong reasons‘ sein!

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Homo Oeconomicus – Mißverständnisse der Erklärbären

2013-03-02 12.55.13Es gibt Dinge, die sind fast so alt wie das Menschengedenken und werden doch kaum hinterfragt, was wohl daran liegen muß, daß sie immer wieder abgeschrieben werden. Und das vor dem Hintergrund, daß diese mit diesen Fragen verbundenen Sachverhalte stets für die Erklärung substantieller Dinge herhalten müssen, wie z.B. für die Interpretation aktueller gesellschaftlicher Problemlagen. So ist denn auch die Diskussion um den ‚homo oeconomicus‘ davon geprägt, daß der damit assoziierten Handlungsweise eine Wirkung zugeschrieben wird, die sich aus der einschlägigen Theorie in keiner Weise herleiten läßt.

So kann man zwar den ‚homo oeconomicus‘ als ein theoretisches Konstrukt bezeichnen, welches zur Analyse eines spezifischen ökonomischen Problems herangezogen wird. So weit, so gut. Die Zuschreibung aller möglichen Motive ist soweit noch richtig, weil eine Präferenzordnung – wie es in der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts konzipiert wird – grundsätzlich lediglich Konsistenzerfordernisse beinhaltet. Diese Konsistenzerfordernisse sind das, was in dieser Theorie als „rational“ bezeichnet wird und nicht irgendwelche mystischen Eigenschaften, die bis hin zur „Gier“ diese Rationalität in irgendeiner Weise moralisch zu interpretieren versuchen. Dasselbe gilt auch für irgendeinen Egoismus, dessen moralische Inferiorität stets als Grundproblem einer offenen Gesellschaft, bzw. einer Marktökonomie interpretiert wird. Bei den „ethischen Gefühlen“ ist es jedoch auch nicht besser!

Sobald dann aber argumentiert wird, Menschen seien keine rationalen Wesen und deswegen seien auf Märkten auch (gelegentlich) irrationaleErgebnisse zu verzeichnen, gerät die Diskussion geradewegs auf Abwege. Denn auch wenn es modern geworden ist, eine im negativen Sinne moralisch verbrämte Handlungsweise als Problem von Marktgesellschaften hinzustellen steht eine solche Diagnose im diametralen Gegensatz zu ausgerechnet der Theorie, die dafür die Grundlage liefern soll.

Das liegt schlichtweg daran, daß die Zentralaussage des marktwirtschaftlichen Modells in gröblicher Weise mißinterpretiert wird. Denn der Erklärungsinhalt der Theorie der Marktwirtschaft ist nicht, wie sich Individuen gegenüber anderen Individuen besserstellen können, sondern ob es eine Gleichgewichtskonstellation gibt, welche die gegebenen Präferenzrelationen der Individuen zu einem konsistenten Ganzen verknüpft, in dem Sinne, daß sich niemand mehr bei dem gleichgewichtigen (relativen) Preissystem in seiner persönlichen Lage verbessern kann. Das Erklärungsproblem ist also nicht die Frage nach individuellen Handlungsoptionen, sondern nach der Lösung eines Koordinationsproblems, welches aus gegebenen Anfangsbedingungen abgeleitet wird. Wenn man so will ist das Individuum in dieser Theoriekonzeption lediglich eine passive Entität, die auf die Veränderungen des Preissystems mit einer Anpassung reagiert – das Stichwort „Mengenanpasser“ sollte zumindest jedem vertraut sein, der irgendwann mal in einer anständigen Vorlesung über Makroökonomie gesessen hat – falls nicht, dann eben jetzt.

Um es mal polemisch zuzuspitzen: die Vorstellung, daß Menschen handeln würden hat nichts mit dem Modell zu tun, welches als zentral für die Marktwirtschaft interpretiert wird. Denn dort handeln sie nicht, sondern fügen sich ergeben in die Vorgaben, die als Preissignale von einem anonymen „Markt“ auf sie einprasseln. Was man dabei jedoch berücksichtigen sollte ist der Umstand, daß es niemanden gibt, der diesen „Markt“ verkörpert, weil es niemanden gibt, der in dieser Welt die Preise gestalten kann. (Mengenanpasser eben!) Heißt: das markwirtschaftliche Modell garantiert nichts anderes, als daß es bei „rationalen“ (widerspruchsfreien) Präferenzen die Möglichkeit(!) gibt, daß es zu einem allgemeinen Gleichgewicht kommt – mehr nicht!

Alle anderen Zuschreibungen hinsichtlich der Effizienz der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsweise oder deren Eigenschaften entspringen im besten Fall der persönlichen Kenntnis über marktwirtschaftliche Funktionsbedingungen oder schlechtestenfalls aus phantasievollen Zuschreibungen und Allegorien – jedoch nicht aus einer theoretischen Grundlage, die sich in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie manifestiert. Kenner der Materie werden wissen, daß F.Hahn als ein zentraler Protagonist dieser Theorie sich stets dagegen gewehrt hat als Prophet aller möglicher Zuschreibungen der „Marktwirtschaft“ in Anspruch genommen zu werden.

Anders formuliert: der ‚homo oeconomicus‘ kann nicht handeln, weil seine Funktion als Mengenanpasser ihn zu einer passiven Figur der sozialen Koordinationsveranstaltung „Marktwirtschaft“ degradiert. Deswegen sind auch alle Vorstellungen über ein „rationales Handeln“ reine Phantasieprodukte soweit sie sich auf die Theorie der Marktwirtschaft beziehen – es mag ja so etwas durchaus geben, was aber daraus folgt läßt sich in keiner Weise aus der zugrundeliegenden Theorie ableiten.

Es gab mal eine Zeit in der bekannt war, daß das Zentralmodell der Marktwirtschaft eigentlich eher die Probleme abbildet, die im Modell der Planwirtschaft mit den Optimierungsproblemen der „material-technischen Versorgung“ verknüpft sind. Denn dort wurde explizit versucht die Preisrelationen zu bestimmen, die zu einer konsistenten Zuliefererkette führen sollte – natürlich nach Maßgabe planwirtschaftlicher Outputvorgaben. Wie man weiß ist die Sache schiefgegangen und muß auch nicht noch einmal wiederholt werden. Warum sich jedoch die führenden Protagonisten der Marktwirtschaft auf ein Modell beziehen, welches lediglich eine konsistente Begründung für die Wettbewerbspolitik liefert (Mengenanpasser!), weiß der Fuchs – und vielleicht auch der noch nicht mal. Der ‚homo oeconomicus‘ kann es auch nicht wissen!

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Logische Typenlehre und die Ökonomie

dont believeDas Schönste an der Quantitätstheorie M V = P Y ist die Naivität, mit der allen Ernstes versucht wird einen Zusammenhang zwischen der Ebene der Güter und der Ebene des Geldes herzustellen. Da allerdings den Urhebern dieser Theorie bei dem Gedanken an deren Stichhaltigkeit nicht so ganz geheuer war, wurde denn auch in der Folge die Gleichung wahlweise als Tautologie, Identität oder gar als Kontinuitätsformel ökonomischer Weisheit präsentiert. (Es ist aber auch möglich, daß man ausgehend von der Quantitätstheorie zu korrekten Aussagen kommt, wenn man sich nur an die monetären Grundsätzlichkeiten hält, die von den statistischen Ämtern veröffentlicht werden; die Feldtheorie der Ökonomie  ist, jenseits der Tatsache, daß sie sich nicht um die hier angesprochene Problemlage schert ein Beispiel dafür, daß man auch ‚right for the wrong reasons‘ sein kann.)

Der quantitätstheoretische Ansatz sucht die Antwort auf die „Geldfrage“ in einer Realmystik, weil er sich nicht damit abfinden will, daß die Funktionsweise (!!!) von Geld mit Wert nichts zu tun hat. Denn die Frage nach dem Wert hat was mit intrinsischen Befindlichkeiten zu tun, welche durch die Präferenzen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie in aller Form dargelegt werden. Nun ist zwar die Frage, was Geld für ein Individuum wert ist auch eine Frage von persönlichen Einschätzungen, nur ist dieser Entscheidungsaspekt auf einer anderen Ebene angesiedelt, als es die Entscheidung über die Nützlichkeit eines Objektes ist.

Der theoriegeschichtliche Hintergrund ist dabei, daß das Zentralmodell der herrschenden Wirtschaftstheorie – die allgemeine Gleichgewichtstheorie – aufgrund ihrer Konstruktion nur relative Tauschverhältnisse abbilden kann. Aus diesem kühlen Grunde ist es erforderlich eine formelhafte Abbildung zu finden, um die relativen Preise in absolute Preise (Geldpreise) zu transformieren. Dazu wurde der gesamtwirtschaftliche Umsatz (P * Y) mit „der“ Geldmenge (M) in Beziehung gesetzt und heraus kommt eine ominöse Variable (V), die dann so etwas Ähnliches abbilden soll wie die „Händewechselhäufigkeit“ jeder einzelnen Geldeinheit.

Die wichtigste und leider für die Ökonomie fatale Zuschreibung an den auf diese Weise unterschwellig definierten „Geldwert“ ist die Assoziierung von Geld als einem „Realwert“, obwohl die Quantitätstheorie gerade diesen Schluß nicht nahelegt. Denn wie man durch einfache überlegung nachvollziehen kann, ist die Höhe der Geldpreise (P) von der Geldmenge (M) abhängig, so daß in der Definitionsformel für V (die sagenumwobene Umlaufgeschwindigkeit)
V = P*Y/M
auf der rechten Seite Variable stehen, die auch ohne ein ominöses V voneinander abhängig sind. Die logische Folge davon ist, daß damit die Frage des „Geldwertes“ völlig in der Luft hängt – weil die entscheidende Frage der Abhängigkeit von P und M bereits auf der „rechten“ Seite stattfindet – und zu allem Überfluß auch noch Y (das reale Sozialprodukt) in diese vermeintlich selbst-evidente Beziehung hineinspielt, was, sobald man V als konstant voraussetzt, zu einer Beziehung von monetären und realen Einheiten führt und damit automatisch die Vorstellung des „Realwertes“ einer Geldeinheit erzeugt wird. Der intellektuelle Kurzschluß zu einer Vorstellung eines „werthaltigen Geldes“ (Goldwährung) ist an dieser Stelle nicht mehr weit. Dieser Kurzschluß trifft sich mit der phänomenologischen Erfahrungstatsache, daß Geld ja gegen Sachgüter „getauscht“ werden kann, so daß einer Identifizierung von Geld und Wert nichts mehr im Wege steht. Daß damit einer Verwechslung kategorialer Ebenen Vorschub geleistet wird ist dann kein Wunder mehr.

Damit kommen wir aber zum Punkt: der logische Typensprung besteht daraus, daß Kommunikation über Sachen anderen Kriterien unterliegt, als die Sachen selbst. Kommunikation über die Verfügung von Sachen hat was damit zu tun, daß diese Funktionalität keine direkte Verbindung mit einer (möglicherweise) zugehörigen Interaktionsform besitzt, die auf einen Ausgleich von Werten aufgebaut ist. So ist zum Beispiel die Funktionalität von Sachen in der Korntheorie des Zinses von Ricardo zu finden, die mit der Funktionalität der Kommunikation über monetäre Profitraten nicht das mindeste zu tun hat. Oder anders: die klassische Austauschrate von Hirsch und Biber bei Adam Smith hat zwar etwas mit den relativen Wertverhältnissen zu tun – der Zielpunkt dieser Art von Interaktion ist jedoch darauf geeicht, aus der geschäftlichen Interaktion gerade keine Schuldbeziehung erwachsen zu lassen, welche nach Abschluß dieses Tausches eine Fernwirkung auf zukünftige (geschäftliche) Beziehungen haben könnte. Ein Tausch hat gerade mit dem, was monetäre Verpflichtungsrelationen angeht allenfalls indirekt etwas zu tun!

Der Hintergrund für diese Konzeptionierung ökonomischer Ebenen findet sich vordergründig in der Kommunikationstheorie von G. Bateson, im Endeffekt jedoch in der logischen Typenlehre von Whitehead und Russell:

„Unser Forschungsansatz beruht auf dem Teil der Kommunikationstheorie, den Russell die ‚Theorie der logischen Typen‘ genannt hat. Die zentrale These dieser Theorie besagt, dass zwischen einer Klasse und ihren Elementen eine Diskontinuität besteht. Die Klasse kann weder ein Element ihrer selbst sein, noch kann eines ihrer Elemente die Klasse sein, da der für die Klasse gebrauchte Terminus einer anderen Abstraktionsebene – einem anderen logischen Typ – angehört, als die auf die Elemente anwendbaren Termini.“

Der hier verwendete Ansatzpunkt besteht daraus:

Obwohl in dieser Passage sowohl von (Abstraktions) ‚Ebenen‘ als auch von ‚Typen‘ gesprochen wird, suchen wir in Batesons Arbeiten vergeblich nach einer Bestimmung der Unterschiede zwischen diesen beiden Parametern. So deutlich einerseits der Unterschied zwischen den Begriffen Element und Klasse im Rahmen logischer Argumentation ist, so ungeklärt bleibt andererseits das Verhältnis zwischen Ebenen und Typen in der psychologischen Kommunikationstheorie von Bateson.

Nun geht es hier nicht darum die logische Typenlehre zu diskutieren, sondern darum den Aspekt hervorzuheben, der sich daraus ergibt, daß Bateson und später Luhmann angeregt haben, daß Wirtschaft als ein Kommunikationssystem begreifbar ist, welches von der Konzeption, Wirtschaft als reales Tauschsystem zu betrachten, fundamental unterschiedlich ist. Damit hat es sich allerdings mit Bateson und Luhmann auch schon. Das was man als Wesentliches daraus lernen könnte ist, Wirtschaft nicht als Substanzfrage zu betrachten, sondern als kommunikative Veranstaltung, die davon geprägt ist, daß Einvernehmen über Verfügungen hinsichtlich realer Objekte erzielt wird. Die Ignoranz der Ökonomie besteht dagegen daraus, daß die Formulierung einer Grenzproduktivität als a priori postulierter handlungsleitender Zentralaspekt dazu führt, daß monetäre Kommunikation zu einem abhängigen Abbild der realen Sphäre wird. Das ist der (tragische) Stand der Dinge!

Die logische Typenlehre der Ökonomie postuliert demgegenüber, daß die Objekte der Realökonomie einen „Transmissionsmechanismus“ brauchen, in dem Sinne, daß es einen Kommunikationsstandard braucht, der die Kriterien definiert, wann reale Objekte entweder einen Eigentumswechsel erfahren oder zu einer Produktionsveranstaltung eingesetzt werden (können). Damit betrachtet sie die Unterschiede, welche zwischen der Realebene und der monetären Ebene existieren. Die Differenz der Unterschiede ökonomischer Kategorien hebt gerade den Unterschied hervor, der sich zwischen Produktivität, die sich auf eine reale Menge von Gütern bezieht, befindet, während demgegenüber Gewinn sich auf Geld bezieht, welcher sich nicht aus einer Produktivitätsphilosophie erklären läßt. Es klingt lächerlich, aber den (meisten) Ökonomen muß man sagen: Geld wächst nicht auf Bäumen!

Der in dieser Problemverstrickung enthaltene Hänger ist dabei immer der gleiche: Kommunikation wird immer dann zum Problem wenn Objekt und Bezeichnung verwechselt werden. So ist eine Zinstheorie der Produktivität eine Angelegenheit von Mengen. Dagegen ist die Kommunikation über Mengen eine Metaebene (die Zins als eine Zuschreibung zu dem abstrakten „Wert“ – besser: Forderungsvolumen – einer Schuldforderung manifestiert), deren Existenz von der bisherigen ‚mainstream‘-Ökonomie weitgehend geleugnet wird. Der augenfälligste Ausdruck dieser Scheuklappenstrategie ist die Quantitätstheorie, die völlig unbekümmert von einer strukturellen Differenz von Objekt- und Kommunikationsebene einen kausalen (meistens noch schlimmer als selbst-evidenter Identitätskomplex verstandener) Konnex zwischen beiden Ebenen postuliert und damit das zentrale Hindernis für eine ökonomische Theorie darstellt, die wenigstens mal den Anspruch struktureller Konsistenz erheben könnte.

Ein Ansatz, der sich zugutehalten kann, dieser Verwechlung nicht zu unterliegen resultiert aus den Untersuchungen von L.A. Hahn und M. Copeland, deren Untersuchungsobjekt die monetären Relationen einer Volkswirtschaft sind, der sich über A. Forstmann, W. Lautenbach und schließlich W. Stützel in dem Konzept der „volkswirtschaftlichen Saldenmechanik“ niedergeschlagen hat. Das eigentliche ‚feature‘ dieses Ansatzes, gerade ohne einen Bezug zu realen Objekten auszukommen macht sie in den Augen des ‚mainstream‘ zu einer nicht-ökonomischen Theorie, weil damit der Bezug zu den realen „Wahrheiten“ verloren geht, woraus sich ganz zwanglos auch die permanente Abneigung gegen diese Art der Konzeptualisierung ökonomischen Denkens erklären läßt. Dabei ist diese Kritik in etwa so, als würde sich die Hardwareabteilung über die Softwareabteilung eines Computerherstellers dahingehend beschweren, daß die Software-Programmierer keine Hardware-Entwicklung betreiben wollen. Natürlich ist da auch ein Zusammenhang, aber die Regeln und Kriterien der Software-Entwicklung sind eben nur indirekt davon bestimmt, welche Konstruktionsprinzipien in der Hardwareabteilung als neuester Schrei zur Anwendung kommen.

Die logische Typenabbildung zwischen der Realsphäre und dem monetären Kommunikationssystem besteht eben daraus, daß Geld als relatives Maß der Produktion einen indirekten Zusammenhang herstellt, da ja Bezeichnung und Objekt eine zwar begriffliche, aber letztlich nur eine phänomenologische Einheit zu etablieren in der Lage sind. Das ist vor dem Hintergrund einer effizienten Institutionalisierung auch nicht schlimm, bedeutet aber hinsichtlich einer angemessenen Wirtschaftstheorie, daß man sich davon fern halten muß, die strukturellen Ebenen der ökonomischen Analyse auf eine unangemessene Weise zu vermengen. Die Einsicht, die logischen Typen der ökonomischen Erkenntniswelt strukturell auseinanderzuhalten eröffnet die Möglichkeit, Geld und Wert, wenn schon nicht zu „integrieren“, so doch miteinander dergestalt zu verbinden, daß es möglich wird, ohne logische Kategorialverwechslungen über Ökonomie in einer zukunftsfähigen Weise diskutieren zu können.

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Kredit in der realen Welt?

Fabian Lindner hat einen interessanten Artikel geschrieben, in dem er die Frage behandelt, ob „die Ersparnis die Investition finanziert“. Dies ist ein seit langem schwelender Disput zwischen Neoklassikern und (monetären) Keynesianern, der auch bereits als die „loanable funds“-Kontroverse wohlbekannt ist.

Wie ist dieser Disput zu entscheiden? Die von Ökonomen bestens bekannte Antwort ist: es kommt darauf an. Und zwar kommt es darauf an, in welcher Weise man über Ökonomie denkt. Wenn das aber so ist, kann die vordergründige Antwort nur lauten: Beide haben Recht – je nach dem zugrundeliegenden ökonomischen Modell. Denn auch wenn es in Deutschland mindestens genauso viele Ökonomen gibt wie Fußball-Nationaltrainer, die natürlich alle ganz genau wissen wie „Wirtschaft“ funktioniert, ist dennoch die Interpretation der Realität stets daran gebunden, welche Theorie eines verstorbenen Ökonomen bei der Interpretation der Realität Pate steht.

Die eine Fraktion ist die Neoklassik, deren Wirtschaftsmodell hier diskutiert wurde. Diese ist davon geprägt, daß sie versucht „hinter den Geldschleier“ zu sehen um damit alle ökonomischen Phänomene (die „Realität“) auf „reale“ Größen wie Grenzproduktivität, relative Preise oder reale Nutzenerwägungen zurückzuführen. Die Gegenposition nimmt – in Anlehnung an P. Spahn – die Theorie der Geldwirtschaft ein, die das umgekehrte Verständnis aufweist, daß die Ökonomie von der Verfügung über Geld gesteuert wird.

Fabian Lindner argumentiert aus der Perspektive einer Theorie der Geldwirtschaft (die auch mit dem Namen Keynes verbunden ist), indem er auf die monetären Beziehungen abstellt, welche damit hierarchisch gesehen, die realen Prozesse in der Ökonomie steuern. Daraus folgt, daß sein Sparbegriff sich monetär definiert und somit auf die Bildung von Nettogeldvermögen abstellt. Man sieht sofort, daß dieser Begriff von Ersparnis nichts mit dem neoklassischen Begriff zu tun hat, denn dort ist Ersparnis definiert als realer(!) Nichtkonsum. (So was taucht immer wieder in den Robinson-Geschichten auf.) Das hat was mit der Anlage des neoklassischen Modells zu tun, denn dort sind die Haushalte diejenigen, die darüber entscheiden, welche Produktionsmittel die Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommen – auch bekannt als Erstausstattungsökonomie. (Hier liegt die Wurzel des ‚pursuit of happiness‘ der US-amerikanischen Verfassung!)

Fabian Lindner geht im Gegensatz dazu davon aus, daß auch Produktionsmittel, genauso wie Konsumgüter durch Arbeit entstehen, wobei Arbeit durch Geldzahlungen entlohnt wird. Warum das korrekt ist, ist eine komplizierte Geschichte, die aber in sich konsistent ist. (Ob sie wahr ist, ist dagegen eine Frage des Glaubens, nicht der Wissenschaft!) Wenn aber, wie es auch bei Schumpeter angelegt ist, Unternehmer Geld brauchen, um Produktion zu finanzieren, stellt sich die Frage: wo kommt denn das Geld her? Wie hier schon mehrfach besprochen kommt Geld von der Zentralbank – und sonst nirgendwoher anders!

Insofern ist es schlichtweg mißverständlich, wenn Fabian Lindner die Redewendung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ verwendet, wenn er die Kreditvergabe von Geschäftsbanken anspricht. Das suggeriert eine falsche Vorstellung, denn Geschäftsbanken erzeugen Schuldverhältnisse, die auf ANSPRÜCHE von Geld lauten! Würde man sich mal mit den juristischen Gegebenheiten von Zahlungen beschäftigen, wird schon mal klar, daß selbst die „Definition“ einer „Geldmenge M1“ darauf hinausläuft, daß dabei inkommensurable Dinge zu einer Einheit zusammengefaßt werden. Denn eine Forderung auf Geld ist kein Geld, denn sonst würde die vielfach perhorreszierte Vorstellung eines ‚bank-run‘ unmöglich sein! Auch diese Fehleinschätzung ist Ausdruck der Tatsache, daß die herrschende Wirtschaftstheorie (die ihr REALmodell als ultimatives Instrument zur Erklärung gegenwärtiger Realität versteht) Geld nur als Appendix einer von realen Größen gesteuerten Welt ansieht.

Da aber Geschäftsbanken „nur“ Schuldverhältnisse erzeugen gilt auch, daß die damit geschaffenen Depositen (eigentlich: Sichtforderungen) ebenso „nur“ Ansprüche auf Geld, aber eben kein Geld darstellen – auch wenn es phänomenologisch gesehen so erscheinen mag. Das hat aber was mit der Frage zu tun, warum Banken „Depositen“ brauchen. Die Antwort ist, daß für eine Geschäftsbank der Zugang von Depositen gleichzeitig einen Zugang von Zentralbankgeld – oder zumindest die Forderung darauf – darstellt, den sie stets zur Abwicklung des laufenden Geschäftsverkehrs benötigen. Siehe: Was ist Clearing?

Wer von Bankwirtschaft was versteht weiß sofort, daß dies das allgemeine Liquiditätsproblem bei Banken darstellt – was daraus resultiert, daß mit einer Kreditvergabe i.d.R. ärgerlicherweise ein Liquiditätsverlust einhergeht. DAS ist das Problem einer Bank, wenn sie einen Kredit vergibt! Warum? Weil sie eben kein Geld „schöpfen“ kann! Insofern ist die Bezeichnung „Geldschöpfung aus dem Nichts“ einfach falsch – und Fabian Lindner weist auch selbst darauf hin.

Wenn das aber so ist, muß man auch mal die Konsequenzen daraus ziehen!

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